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Medienrundschau:
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News vom
12. - 31. August 2006
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Zitat des Monats:
"Die
Geburtenrate ist keine individuelle, sondern eine kollektive
Grösse. Sie hat nichts mit individueller Schuld zu tun, sondern
mit gesellschaftlichen Zusammenhängen. Der säkulare Rückgang der
Geburtenrate seit dem 19. Jahrhundert steht in Verbindung mit
einer Reihe von Entwicklungen, die nur positiv gesehen werden
können. Zu diesen Errungenschaften gehören die Hygiene, die
Medizin, die Wissenschaft, die Bildung, die Armutsbekämpfung,
die soziale Sicherheit, die private Freiheit und die
individuelle Lebenserwartung.
Die
Fortschritte in diesen Gebieten beschleunigen sich sogar, obwohl
seit längerem die Geburtenrate in allen Industriegesellschaften
unter die magische Ziffer von 2,1 Geburten pro Frau gefallen
ist, durch die eine stabile Reproduktion der Bevölkerung
angeblich gewährleistet ist. Statt sich dadurch zu schaden,
profitieren moderne Gesellschaften offenbar von den Kindern, die
nicht geboren werden. Sie brauchen die Kinder nicht, zumindest
nicht in gewohnter Zahl. Auch wenn die zahlen- und altersmässige
sowie die kulturelle Zusammensetzung ihrer Bevölkerungen keinen
Bestand haben - darauf kommt es gar nicht an. Die Aufmerksamkeit
der Demographen und der Angstgemeinde, die sich um sie schart,
richtet sich auf Bestände, die irrelevant sind."
(Karl Otto Hondrich in
der Neuen Zürcher
Zeitung vom 29.07.2006) |
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KISTER, Kurt (2006): Generation Ich.
Nach dem Grass-Geständnis streiten Alte, Junge und 68er,
in: Süddeutsche Zeitung v. 18.08.
- Inhalt:
Da die gebräuchlichen Generationen-Etiketten
nicht passen, macht KISTER sie kurzerhand für die Grass-Debatte
passend, was groteske Ergebnisse zeitigt:
"Nach
den heftigen Aufwallungen um die Person Grass und dessen
individuelles Verhalten ist die Debatte nun allerdings in die
nächste Phase eingetreten - den Konflikt der Generationen.
Kriegsteilnehmer hierbei sind:
1)
die Generation Grass. Das sind die, die vor 1930 geboren wurden und
als Flakhelfer, Arbeitsmaiden, Ausgebombte oder Jungsoldaten das
Ende des Krieges erlebten;
2)
die Generation Fischer, Joschka. Sie wurden Mitte bis Ende der
sechziger Jahre volljährig, wenn auch nicht in jedem Fall
vernünftig. Sie sind die 68er und standen entweder auf der Seite
derer, die gegen das Establishment rebellierten (Fischer) oder
definierten sich im Widerstreit zu diesen Rebellen (Stoiber);
3)
die so genannten Jungen. Als jung, zumindest im intellektuellen
Sinne, betrachten sich all jene, die es für ein politisches, im
schlimmeren Fall gar für ein künstlerisches Statement halten, wenn
sie sagen: »Mir gehen die 68er auf die Nerven.« So gesehen können
auch Leute, die, wie zum Beispiel Konrad Adam,
ex-FAZ, jetzt Welt, 1942 geboren sind, genauso jung sein wie der
1971 geborene Florian Illies, ex-FAZ, jetzt Weiß-nicht-so-genau."
Das
Fazit ist dann geradezu banal:
"Während
die Alten, die 68er und auch die alten Jungen heftig übereinander
herfallen und untereinander keifen, haben die Jungen keinen Bock
darauf"
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REICHERT, Kolja (2006): Die Toskana kann warten.
Kunst und Geld (5): Wie Berliner Lesebühnen-Autoren sich über
Wasser halten. Drei Selbstauskünfte,
in: Tagesspiegel v. 18.08.
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GEISEL, Sieglinde (2006): Schlachtopfer des Fleisses.
Lösen sich die Grenzen zwischen Arbeit und Spiel allmählich auf?
in: Neue Zürcher Zeitung v. 18.08.
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MENSING, Kolja (2006): Blühende Wiesen und Kittelschürzen.
Florian Illies unternimmt eine wenig originelle Reise in die
deutsche Provinz,
in: DeutschlandRadio v. 17.08.
- Inhalt:
"Florian
Illies geht es weniger um eine objektive Erkundung der ländlichen
Lebenswelten, als darum, die Provinz (...) zum letzten
Rückzugsgebiet (...) zu stilisieren. Angesicht der Allgegenwart von
Email, SMS und Coffee-to-go glaubt er »eine Sehnsucht nach
Entschleunigungsoasen« zu spüren (...).
Vor
dem Hintergrund dieser nicht allzu originellen Überlegungen zu einem
neuen Heimatgefühl zeichnet Illies auf gut zweihundert Seiten das
Porträt einer geradezu grotesk heilen Welt",
meint Kolja MENSING, der mit
"Wie komme ich hier raus?" bereits vor
4 Jahren die Provinz erkundete. Sein ernüchterndes Resümee des Werks
von Florian ILLIES:
"Die
leichte Ironie, die in »Anleitung zum Unschuldigsein« (2001) zu
spüren war, ist genauso verflogen wie die zarte Melancholie in
»Generation Golf«. »Ortsgespräch« ist einfach nur
Neokonservativismus für Arme. Mehr nicht."
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- EUBEL, Cordula (2006): "Kinder müssen
merken, wo Grenzen sind".
Familienministerin Ursula von
der Leyen über werteorientierte Erziehung, Mehrkindfamilien und die
Geburtenrate in Deutschland,
in: Tagesspiegel v. 17.08.
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BUDE, Heinz (2006): Die Überlegenheit des Schülersoldaten.
Warum uns Günter Grass zeigt, wo wir herkommen - und deshalb ein
würdiger Nobelpreisträger aus Deutschland ist,
in: Süddeutsche Zeitung v. 17.08.
- Inhalt:
Der Soziologe
Heinz BUDE, Klassensprecher der
Generation Berlin, der bereits im Jahr 1987 der
Flakhelfer-Generation das Buch
"Deutsche Karrieren" gewidmet hat,
stellt die Einzigartigkeit der Generation Günter GRASS heraus,
gegenüber der die Erfahrungs- und Erlebnisdefizite der nachfolgenden
Generationen 68er ff. sichtbar werden:
"Welche
biografische Information hätten denn ein Peter Schneider oder ein
Wolf Wondratscheck, ein Rainald Goetz oder ein Matthias Politycki zu
bieten? Die einen könnten vielleicht über ihr Spiel mit dem
Terrorismus berichten, die anderen müssen schon auf Spezialitäten
ihrer sexuellen Vorlieben zurückgreifen. Aber wen interessiert das,
und was sagt das über uns und die Verfassung unserer Gesellschaft?
Es
gibt eine besondere Disposition bei den Angehörigen der
Flakhelfer-Generation, die ihnen bis auf den heutigen Tag einen
ungeheuren Deutungsvorteil vor den nachgeborenen Generationen
sichert. Er verdankt sich ihrer Erfahrung des Systemwechsels."
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GASCHKE,
Susanne (2006): Gesine Schwan.
Ich habe einen Traum,
in: Die ZEIT Nr.34 v. 17.08.
- Inhalt:
"Ich
bin eher ein analytischer Typ, nicht so sehr ein
bildlich-assoziativer. Aber wenn ich mir ein Bild vor Augen rufe für
dieses gute Leben, dann sehe ich Szenen bei uns zu Hause: Essen mit
der Familie am Sonntagabend, mein Mann und ich waren vorher
vielleicht im Schlachtensee schwimmen, Kinder und Freunde sind zu
Besuch, wir blicken in dieses üppige Gartengrün, auf dem Tisch
stehen Gläser mit Rotwein. Das ist ein Traumbild von einem erfüllten
Leben – und für mich ist es jetzt auch die Wirklichkeit. Damit werbe
ich nicht für irgendeine kleinbürgerliche Idylle: Wenn alles zu
regelmäßig läuft, bin ich die Erste, die den Wunsch hat, die Dinge
in Bewegung zu bringen. Familie kann viele Formen haben,
Zugehörigkeit kann man an ganz unerwarteten Stellen finden. Aber ich
nehme niemandem, auch nicht dem überzeugtesten Verfechter der
Singlekultur, ab, dass er tatsächlich am liebsten ganz allein mit
sich auf der Welt ist",
meint Gesine SCHWAN.
- Anmerkung:
Der französische Soziologe Jean-Claude KAUFMANN hat
in seinem neuen Buch
"Kochende Leidenschaft" ausführlich beschrieben wie die
individualisierte Familie gegen die individuellen Praktiken der
einzelnen Familienmitglieder die Idealisierungen der gemeinsamen
Mahlzeit hoch hält.
Der
Familientraum von Gesine SCHWAN entspricht exakt dem modernen
Familienideal wie es KAUFMANN in seiner Studie beschrieben hat.
Dagegen lässt
sich in den Büchern von Ulf POSCHARDT und Mariela SARTORIUS das
neue Ethos der Einsamen entdecken.
Entgegen dem
was SCHWAN nahe legt, ist die
moderne Single-Kultur nicht durch die Ausschließlichkeit des
Entweder-oder geprägt, sondern durch die Ambivalenzen des
Sowohl-als -auch.
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ADAM, Konrad (2006): Erbarmungslose Moralisten.
Der Fall Grass hat Methode:
Die 68er unterschieden Täter und Opfer stets nach politischem
Standpunkt. Es ging um Macht über die geschlagenen Väter,
in: Welt v. 17.08.
- Anmerkung:
"Die
skeptische Generation der
Falkhelfer hatte der kritischen Generation Platz gemacht, und
damit änderten sich die Spielregeln",
schreibt Konrad ADAM. Der Satz zeigt das ganze Dilemma der
schwammigen Generationendebatte.
"Die
skeptische Generation" nannte der Soziologe Helmut SCHELSKY die
1945 - 1955 Geborenen, also die späteren 68er bzw. 78er. Die
skeptische wurde im Laufe der Nachkriegszeit zur kritischen
Generation. Die Gegensätze, die ADAM konstruiert, sind retrospektiv
Gewordene, die wenig mit der Vergangenheit, aber viel mit der
Gegenwart zu tun haben.
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- Exklusiv-Story von
single-dasein.de:
2. Akt der singlefeindlichen
Veröffentlichungspraxis des Statistischen Bundesamtes:
Bereits
am 19. Juli wurden die Bevölkerungszahlen veröffentlicht - ohne
jedoch die Geburtenzahlen zu nennen. Nun werden die Geburtenzahlen
veröffentlicht, ohne jedoch die Geburtenrate zu nennen.
"Es
werden immer weniger Kinder geboren" lauten deshalb die gängigen
Meldungen. Die absoluten Geburtenzahlen sagen jedoch wenig aus.
Entscheidender ist die Frage, ob die Geburtenrate rückläufig ist.
Dies ist offenbar nicht der Fall, wie single-dasein.de
bereits bei der letzten Veröffentlichung angemerkt hat.
Das
amtliche Endergebnis liegt um genau 11 Geburten höher als jene
Zahlen, die
bei single-dasein.de bereits im Juli zu
lesen waren.
Rechtzeitig zum
Erscheinen des Buches Minimum von Frank SCHIRRMACHER und des
Buches Die demographische Lage der Nation präsentierte die
Welt eine Geburtenzahl, die
Deutschland am Rande des Abgrundes sah. Die Realität sieht
jedoch anders aus.
Die
Geburtenzahlen schließen nicht aus, dass sich dahinter ein Babyboom
in bestimmten Altersgruppen verbirgt.
-
FAZ.NET (2006): Deutschland vergreist,
in: Faz.net v. 15.08.
- BERLINER ZEITUNG (2006): Geburtenzahl
auf Rekordtief,
in: Berliner Zeitung v. 16.08.
- TKALEC, Maritta (2006): Die Fehlenden
sind die Umstürzler,
in: Berliner Zeitung v. 16.08.
- BFI (2006): Wer Kinder will, kommt in
die Stadt,
in: Tagesspiegel v. 16.08.
- Inhalt:
BFI schreibt von GeburtenRATEN, obwohl er nur
GeburtenZAHLEN präsentiert. Er betont, dass die Differenz zwischen
Geburten und Sterbeziffern in den Städten geringer ist als auf dem
Land.
-
EPD (2006): Geburten so rar wie 1945,
in: TAZ v. 16.08.
-
AP (2006): Weniger Hochzeiten und weniger Babys,
in: Welt v. 16.08.
-
GALL, Insa (2006): Hamburg erlebt unerwarteten Babyboom.
Geburtenzahl steigt gegen den Bundestrend auf höchsten Stand seit
1998 - Billstedt, Rahlstedt und Eimsbüttel vorn,
in: Welt Hamburg v. 16.08.
- Inhalt:
GALL schreibt über einen Geburtenboom in Hamburg. Die
Zahlen, die präsentiert werden, sind jedoch keine GeburtenRATEN,
sondern nur
rohe GeburtenZIFFERN, in die auch die Altersstruktur einfließt
und nicht nur die Fruchtbarkeit der Frauen.
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KASSEL, Dieter (2006): "Für mich war er eine unglaubliche Nervensäge".
Autor Florian Illies über Günter Grass,
in: DeutschlandRadio v. 16.08.
- Inhalt:
Der neue
"Heimatdichter" Florian ILLIES
stimmt Juli
ZEHs Einschätzung bezüglich Günter GRASS zu. ILLIES meint
gar, dass Tanten und Onkels den großen Intellektuellen als
moralische Instanz ersetzen:
"Kassel:
(...). Hat man in Schlitz eigentlich, haben Sie in Schlitz
eigentlich Günter Grass wahrgenommen? (...). Juli Zeh hat über Grass
und die aktuelle SS-Affäre gesagt, für unsere Generation war der
Mann nie eine moralische Instanz, also kann er jetzt auch nicht
aufhören das zu sein. Sehen Sie das auch so?
Illies:
Für mich war er eine unglaubliche Nervensäge. (...). Aber ich glaube
die moralische Instanz, die er war, das war er wirklich für seine
Generation und nicht mehr für unsere Generation. Unsere Generation
sucht sich ja nach diesen moralischen Instanzen, und vielleicht
beschreibe ich auch deshalb in "Ortsgespräch" wie Personen in der
Heimat, wie Tanten und Onkels tatsächlich solche moralischen
Instanzen geworden sind, weil man sozusagen diese großen
intellektuellen Köpfe, die die Vorgängergeneration hatte, nicht mehr
zur Verfügung hatte. Deswegen wird Tante Do und Onkel Max zu einer
Art Günter Grass der nächsten Generation."
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BALZER, Vladimir (2006): Das Ende moralischer Instanzen.
Schriftstellerin Juli Zeh
nennt Grass-Diskussion einen "sekundären Medienstreit",
in: DeutschlandRadio v. 15.08.
- Inhalt:
Für
Juli ZEH, eine Angehörige der
Generation Golf, ist
Günter GRASS schon längst keine moralische Instanz mehr,
die man nun demontieren könnte:
"Balzer:
Aber ist er nicht auch eine moralische Instanz für viele?
Zeh:
Also so weit ich für mich und Bekannte meines Alters sprechen darf,
ist diese Annahme schon falsch. Also die moralische Instanz, die
Grass möglicherweise mal gewesen ist, ist er glaube ich für die
Generation über uns. Denn in meinem Bekanntenkreis wissen auch sehr
interessierte und Zeitung lesende und literarisch interessierte
Menschen oft überhaupt nicht, was Grass' Stellungnahmen zu
bestimmten Themen sind. (...). Und wenn es eben so ist, dass die
Äußerungen einer Person gar nicht mehr breit zur Kenntnis genommen
werden, dann kann man einfach nicht von einer moralischen Instanz
sprechen. Dementsprechend ist die Enttäuschung oder eben auch die
Verletztheit in unseren Kreisen viel, viel geringer, weil Grass zwar
geschätzt wird für bestimmte Dinge, für seine Literatur und
dergleichen, aber nicht eben als so eine Art Papst der deutschen
Republik empfunden wird."
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FR-Tagesthema: Lebenslügen der CDU
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KRÖTER, Thomas (2006): Aufheulen der Linken bestätigt mich.
CDU-Generalsekretär Ronald
Pofalla betont die Bedeutung der Familie als
Verantwortungsgemeinschaft,
in: Frankfurter Rundschau v. 14.08.
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KRÖTER, Thomas (2006): Die Flügel der Union.
Arbeitnehmer und Mittelständler,
in: Frankfurter Rundschau v. 14.08.
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MENG, Richard (2006): Politische "Lebenslügen gibt es nicht nur in
der Union - aber da besonders.
Es ist immer das Gleiche.
Wenn Oppositionsparteien an die Regierung kommen, entdecken sie nach
einiger Zeit, dass es gilt, sich von Lebenslügen zu verabschieden.
Diesmal im Zielkonflikt: die Union,
in: Frankfurter Rundschau v. 14.08.
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SPINNEN, Burkhard (2006): Bitte, seid behutsam. In jeder Beziehung.
Über Günter Grass, meinen
Vater und eine Generation, die Lehren aus ihrer Jugend zog,
in: Welt v. 14.08.
- Inhalt:
Burkhard SPINNEN verteidigt Günter
GRASS, indem er einen Vergleich mit der eigenen Vatersuche und
derjenigen von Ute SCHEUB ("Das
falsche Leben") zieht:
"Mein Vater, vor sieben Jahren gestorben, zählt zu jener Mehrheit der
Deutschen seiner Generation, die aus der gewaltigen und gewaltsamen
Enttäuschung ihrer Jugend die Lehre gezogen haben, sich zu verhalten, wie
Albert Speer es in seiner letzten Rundfunkansprache von den
Überlebenden forderte (...): »Fleißig unserer Arbeit nach- gehen«!
(...). Man - in diesem Falle: ich - konnte solche Väter
nach allerhand kleinem Streit ohne den letzten großen Bruch verlassen und Ausschau halten nach den wenigen, die sagten, was jenseits der
Abstinenz von großen Ideen und Bewegungen wartete. Wenn man ihnen nicht
persönlich begegnen konnte, las man ihre Bücher.
Etwa Grass' Roman »Örtlich betäubt«, wo ein junger Mann, um zum
Protest gegen den Vietnam-Krieg zu provozieren, seinen Dackel anzünden
will. Grass liest am 19. Juli 1969 auf dem Kirchentag in Stuttgart aus dem
Manuskript. Danach geht einer der 2000 Zuhörer ans Saalmikrophon, hält
eine wirre Rede und sagt: »Ich provoziere jetzt und grüße meine Kameraden
von der SS.« Unmittelbar anschließend nimmt er Zyankali. (...).
Es ist ein merkwürdiger Zufall. Über diesen Mann, den man seit Grass'
Wahlkampfbuch »Tagebuch einer Schnecke« als Figur daraus mit dem Namen
Manfred Augst kennt, hat seine Tochter Ute Scheub, so alt wie ich und
Mitbegründerin der »TAZ«, im Februar dieses Jahres ein Buch
veröffentlicht: »Das falsche Leben - Eine Vatersuche«. Die Szene
des Selbstmords steht darin begreiflicherweise im Mittelpunkt, und damit
auch die Anwesenheit des Schriftstellers Grass beim Tod eines ehemals
überzeugten Nazis, der an seiner wahrlich unbewältigten Vergangenheit
verzweifelte. Seine Tochter schreibt jetzt über ihren Vater: »Er ist -
buchstäblich - an seinem Schweigen erstickt.«
Von da bis jetzt sind es 37 Jahre, die Grass noch schwieg bis zum
Eingeständnis der Verirrung eines Halbwüchsigen. Man denke sich noch
einmal die Szene: "Ich provoziere jetzt und grüße meine Kameraden von der
SS." Grass, 42, intellektuelle Leitfigur der 68er Provos (...) muss sich,
(...) vom Selbstmörder gegrüßt fühlen!
Gegrüßt, betroffen auch, (...) aber, und zu Recht, nicht
gemeint!
Deshalb meine dringende Bitte nach Behutsamkeit. Ute Scheubs Vatersuche
vollzieht sich nicht behutsam. Ihr Vater, bei Kriegsende 32, war Täter
aus Überzeugung, vielleicht bewahrte ihn nur seine Kurzsichtigkeit davor,
ein Massenmörder zu werden. Grass und mein Vater waren Jungs, denen man
die Köpfe verdreht hatte, bevor sie auch nur die Chance gehabt hatten,
sich ein Rückgrat wachsen zu lassen. Sie wurden in einer vernagelten,
braunen Kiste groß. Wir, ihre Kinder, Kinder der Freiheit und des
Informationszeitalters und dennoch nicht vollkommen gefeit gegen den
Opportunismus, tun gut daran, ihnen nicht vorzuwerfen, dass sie im Sturm
umgefallen sind, solange noch nicht feststeht, ob wir auch nur dem Wind
standhalten können."
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GESTERKAMP, Thomas (2006): Mann braucht Förderung.
Das deutsche Feuilleton
debattiert die Krise der Männlichkeit. Was folgt daraus für die
Politik? Brauchen wir eine Institutionalisierung von Männerinteressen
wie in Österreich?
in: TAZ v. 14.08.
- Inhalt:
"Nur
weil die politische Richtung der österreichischen Pioniere
irritiert, ist der Gedanke einer Männerabteilung oder eines
Männerbeauftragten nicht falsch. Der Institutionalisierung von
Männerpolitik ergänzend zur Frauenpolitik müssten praktische
Schritte folgen: Förderprogramme, die Jungen stärken, mehr
Geschlechterforschung aus dezidiert männlicher Perspektive oder auch
ein deutscher Männergesundheitsbericht",
meint Thomas GESTERKAMP.
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DETTLING, Daniel (2006): Beruf: Bewerbung.
Generation Praktikum: Das Problem sind die Privilegien der Alten,
in: Tagesspiegel v. 14.08.
- Inhalt:
"Wenn man all die Unmotivierten abfindet oder
entlässt, wäre das Thema »Praktikum« ein für alle Mal passé. Nicht
die Generation Praktikum, sondern die privilegierte Generation ist
das Problem", meint
Daniel DETTLING nicht nur im Tagesspiegel, sondern auch
im
DeutschlandRadio.
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DOTZAUER, Gregor (2006): Mit der Zielstrebigkeit eines Egomanen.
Wie Günter Grass beim "Häuten der Zwiebel" seine Biografie in
Literatur verwandelt,
in: Tagesspiegel v. 13.08.
- Inhalt:
"Wie
sehr das im Gespräch mit der »FAZ« ausgebreitete Geständnis, er,
Günter Grass, sei als 17-Jähriger Mitglied der Waffen-SS gewesen,
als medialer Coup geplant war, beweisen schon die Texte der
ungewöhnlich prächtigen Verlagsvorschau",
meint Gregor DOTZAUER, nichtsdestotrotz lobt er das Buch.
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Beginn des Bücherherbstes:
Grass-Marketing
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SCHIRRMACHER, Frank & Hubert SPIEGEL (2006): "Warum ich nach sechzig
Jahren mein Schweigen breche".
Günter Grass im Interview,
in: Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 12.08.
-
SCHIRRMACHER, Frank (2006): Grass' spätes Eingeständnis.
Eine zeitgeschichtliche Pointe,
in: Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 12.08.
-
DOTZAUER, Gregor (2006): Örtlich betäubt.
Eine Beichte, ein Schock:
Günter Grass, das Gewissen der Nation, war Rekrut bei der Waffen-SS.
In seinem Erinnerungsbuch „Beim Häuten der Zwiebel“ schreibt er
erstmals darüber,
in: Tagesspiegel v. 12.08.
- Inhalt:
Für
Gregor DOTZAUER stellen sich nach
dem Geständnis von GRASS neue Fragen:
"Ist sein Geständnis ein Akt der Größe? Ein Akt der Befreiung unter
der Last einer übergroßen Scham? Oder – man muss auch das fragen
dürfen – der Akt einer Eitelkeit, die ihre moralische Autorität
gerade durch das eingestandene Versagen neu nobilitiert? Ist es
womöglich der Auftakt einer Reihe ähnlicher Konfessionen von
Kollegen?
(...).
Nach all den Debatten über das Verhalten deutscher Intellektueller
während des Nationalsozialismus, die in der Bundesrepublik zu
Vorzeigedemokraten mutierten, gilt auch im Fall Grass: Den Maßstab
seines Ungenügens bildet die Tatsache, dass er seine
Mitgliedschaft selbst in Zusammenhängen, wo er offen darüber hätte
sprechen müssen, verheimlicht hat."
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[ zum Seitenanfang ]
Zu den News vom
07. - 11.
August 2006
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