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Medienrundschau:
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News vom 21. - 28. Februar 2003
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Zitat
des Monats:
"Am
13. November 1992 erblickte ein schmales Taschenbüchlein von
gerade einmal 106 Seiten das Licht der Buchläden. Es hieß
Weil das Land sich ändern muss, und trotz seines geringen
Umfangs vereinte es unter seinen Autoren die Creme der
politischen Klasse Deutschlands: Marion Gräfin Dönhoff,
Meinhard Miegel, Wilhelm Nölling, Edzard Reuter, Helmut
Schmidt, Richard Schröder und Wolfgang Thierse malten die
Zukunft der Republik in düstersten Farben. (...). Heute, gut
zehn Jahre später, zeigt sich (...), dass der mit Abstand
richtigste Satz des ganzen Pamphlets (...) war: »Allenthalben
hat die Qualität der politischen Klasse nachgelassen.«
Besonders deutlich wird das im Kapitel »Damit die Deutschen
nicht aussterben«. Damit der geneigte Leser bereits an der
Pforte alle Hoffnung fahren lasse, beginnt es mit einem
Horrorgemälde: Bis Ende der 90er Jahre des 20. Jahrhunderts
werde die Bevölkerung Deutschlands um rund eine Million Menschen
abnehmen (...).
Starke Worte, nicht wahr? Nur mit einem kräftigen Haken: Keines
davon ist wahr. Jetzt, zehn Jahre später, können wir die ersten
Horror-Zahlen an der tatsächlichen Bevölkerungsentwicklung
messen. Und die Zahlen, die das Statistische Bundesamt für die
Bevölkerungsentwicklung in den 90er Jahren veröffentlicht, haben
nicht das Geringste mit der damaligen
Schmidt-Dönhoff-Miegel-Prognose zu tun: Die Bevölkerung
Deutschlands hat sich im Laufe jenes Jahrzehnts nicht etwa um
eine Million Menschen verringert, sie hat um mehr als drei
Millionen Menschen zugenommen!"
(aus:
Detlef Gürtler "Vorbild Deutschland", Februar 2003, S.43f.) |
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Berliner
Bevölkerungsentwicklung
- Kommentar:
Das Statistische Landesamt Berlin hat in
Pressemitteilungen am
12.02.2003 und am
27.02.2003 neue Zahlen zur Berliner Bevölkerungsentwicklung
veröffentlicht.
JAHR-WEIDAUER beklagt
Steuerausfälle und Wohnungsleerstände wegen Suburbanisierung. Die
Abwanderung wird dramatisiert, indem ein Zeitraum von 10 Jahren
betrachtet wird. Nicht gemeldet wird deshalb, dass die Bevölkerung
in den letzten beiden Jahren gewachsen ist.
STOLLOWSKY wiederum sieht Berlin auf dem
Weg zur
Hauptstadt der Singles
(andere Journalisten behaupten seit Jahren, dass Berlin,
bereits die Hauptstadt der Singles sei). Im Gegensatz zu
Bevölkerungswissenschaftlern wie
Rainer MÜNZ (Berliner Zeitung v. 20.01.2003) bezeichnet er
Berlin als sich verjüngende Stadt:
"Zu verdanken ist das allein den 18- bis 35-Jährigen,
denn nur in dieser Altersgruppe ist die Bilanz der Zu- und
Weggezogenen positiv: Im Jahr 2001 gewann Berlin deshalb rund 22800
jüngere Bürger hinzu".
- JAHR-WEIDAUER, K. (2003): Berliner
wandern ins Umland ab.
Neue Studie des Statistischen Landesamtes zeichnet düsteres
Bild: In zehn Jahren zogen 269 900 weg,
in: Welt v. 28.02.
- STOLLOWSKY, Christoph (2003): Gute
Nachricht für Berlin: Viele junge Menschen ziehen in die Stadt.
Die schlechte: Es gibt zu wenig Kinder,
in: Tagesspiegel v. 28.02.
- KNOKE, Alexander (2003): 270 000
Berliner sind seit der Wende ins Umland gezogen.
Im Jahr 2001 lebten knapp 3,4 Millionen Menschen in der
Hauptstadt
in: Berliner Zeitung v. 28.02.
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Im Blick: Familienpolitik auf
Sparflamme
-
Katharina SPERBER & Pitt von
BEBENBURG (2003): Auf der Suche nach einer Balance zwischen Familie
und Beruf.
Ministerin Renate Schmidt setzt in Zeiten knapper Kassen auf
Zivildienstleistende. An der Betreuung Schwerstbehinderter soll
nicht gespart werden,
in: Frankfurter Rundschau v. 27.02.
- SPERBER, Katharina (2003): Zuckerbrot
und Peitsche.
Die Emanzipation des Mannes steht noch immer aus,
in: Frankfurter Rundschau v. 27.02.
- Kommentar:
Gendermainstreaming ist seit einiger Zeit das
Zauberwort für posttraditionelle 70er-Jahre-Feministinnen (ein
bisschen
Alice SCHWARZER und ein bisschen
Katja KULLMANN), die von
Männern und Frauen sprechen, um Neue-Mitte-Mütterinteressen
durchzusetzen.
Die Emanzipation der Männer
liest sich bei SPERBER so:
"Befreiung aus selbstverschuldeter,
stets beklagter Überlastung und permanenter Gefahr des
Machtmissbrauchs".
Nur dumm, dass viele Männer nicht mal
in die Nähe der Macht gelangen, und so mancher froh wäre, wenn er
vor beruflicher Überlastung klagen könnte.
Florian GERSTER muss von Berufs wegen
den Mund voll nehmen. "Neue Wege in die Vollbeschäftigung" heißt
deshalb der Untertitel seiner Vision für eine Gesellschaft, die so
mancher nicht mehr erleben wird.
Vollbeschäftigung
ist aber auch die Voraussetzung unter der Emanzipation überhaupt
erst möglich werden könnte.
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- SCHADER,
Angela (2003): Liebe aus zweiter Hand.
Paula Fox erzählt vom Heranwachsen in fremden Kleidern,
in: Neue Zürcher Zeitung v. 27.02.
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- JAUER, Marcus (2003): Gang raus und
rollen lassen.
Pendeln zwischen Ost und West, des Lebens wegen: "Es klingt
vielleicht blöd, aber irgendwie vergeht die Zeit".
Armes Deutschland (VII): Das Schicksal einer ostdeutschen Familie: Er
arbeitet in München unter seinen Fähigkeiten, und sie wartet in
Kodersdorf auf das Wirtschaftswunder,
in: Süddeutsche Zeitung v. 26.02.
- Kommentar:
In den 80er Jahren kamen die "Aristokraten der
Liebe".
Living apart together wurde zum Schicki-Micki-Lifestyle. Mit dem
Umzug der Regierung nach Berlin flossen sogar Forschungsgelder für
wissenschaftliche Untersuchungen über mobile Lebensformen. Das
Ergebnis liegt nun seit letztem Jahr vor.
"Mobil, flexibel, gebunden" heißt das Werk und Marcus JAUER
hätte es vor der Reportage lesen sollen, dann hätte er die mobile
Lebensform seiner Fallgeschichte besser einordnen können und es
hieße nicht lapidar:
"Er
ist ein Pendler. Einer von 300000 Ostdeutschen, die jeden Tag, jede
Woche oder jeden Monat zur Arbeit in den Westen fahren".
Norbert F. SCHNEIDER und seine Mitarbeiter haben
die mobilen Lebensformen, die JAUER unter dem Begriff "Pendler"
abhandelt, genauer unterschieden.
Den Fall, den JAUER präsentiert, bezeichnet
SCHNEIDER als "Shuttle" (Wochenendpendler). Wenn die beschriebene
Person plant, seine Frau nachzuholen, dann würde er in die Kategorie
"Umzugmobile" fallen. Davon zu unterscheiden sind Fernbeziehungen,
Fernpendler, Varimobile oder Auslandstätige. Jede mobile Lebensform ist duch spezifische Vor-
und Nachteile gekennzeichnet, die SCHNEIDER herausgearbeitet hat.
Als SCHNEIDER seine Untersuchungen durchführte,
da zeichnete sich zwar schon ab, dass mobile Lebensformen keine
Schicki-Micki-Lifestyle-Optionen sind, sondern immer mehr Menschen
unfreiwillig zu "Aristokraten der Liebe" werden. Einen Einfluss auf
die Buchveröffentlichung hatte das jedoch nicht. Den neuen
Realitäten gerecht zu werden, das bleibt anderen Büchern
vorbehalten.
Die
verschärften Zumutbarkeitskriterien für Menschen, die der
Single-Kategorie zugeordnet werden, obgleich sie vielfach gebunden
sind, wird die Verbreitung dieser mobilen Lebensformen fördern.
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LOTTMANN, Joachim (2003): Meine Abenteuer in der Wirklichkeit.
"Ähnlichkeiten mit lebenden Personen sollten zufällige sein - ich
lachte nicht schlecht": Joachim Lottmann lieferte 1987 mit "Mai, Juni,
Juli" die Blaupause für die Popliteratur. Nun erscheint der lange
vergriffene Roman neu. Der Autor erinnert sich,
in: TAZ v. 26.02.
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BOLLWAHN DE PAEZ CASANOVA, Barbara (2003):
König Ludwigs Volk soll leben.
Babyprämie in einer bayerischen Kleinstadt: In Marktoberdorf im
Allgäu zahl der Zigarrenhändler Peter Fendt 1.000 Euro Prämie für das
dritte und jedes weitere Kind einer Familie. Ausländer und Heiden
kriegen nichts. Denn der Mann will, dass sich die bayerische
Bevölkerung erhält. Am Ende des Projekts steht die Unabhängigkeit des
Freistaats,
in: TAZ v. 26.02.
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HARTMANN, Andreas (2003): Die Typen aus dem Schulaufsatz.
Die Fernseh-Doku
"Was war links?"
ist 68er-lastig, lustig und ein Grund, revolutionär drauf zu kommen,
in: Jungle World Nr.10 v. 26.02.
- Inhalt:
"Was war links?" aus der Perspektive der
popkulturellen Linken:
"Ein
Trauerspiel für sich ist der Umgang mit Musik und Pop in dem
Fernsehfilm. Das geht schon damit los, dass der Fusselbart-Hippie
Mike
Chapman dauernd sein weinerliches »Among the trees« seufzen
darf. Der Song soll einem durch seinen Dauereinsatz deutlich machen:
Taschentücher raus, liebe Linke, hier geht es ums Jammern.
Schließlich hätte man ja auch ein weniger transusiges Stück von Jimi
Hendrix, Jefferson Airplane oder »Anarchy in the UK« von den Sex
Pistols als Erkennungsmelodie einsetzen können".
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- BONGEN, Robert (2003): Flirten im
Untergrund.
Single-Treff im ersten Wagen der New Yorker U-Bahnen,
in: Stuttgarter Zeitung v. 25.02.
- Kommentar:
"New York ist die Hauptstadt der Singles: Fast die
Hälfte der Einwohner lebt nach Umfragen allein oder getrennt.
Unzählige Bücher, Artikel und Kolumnen beschäftigen sich mit dieser
Single-Gesellschaft. Und wenn sich die Grazien aus der
Fernsehserie »Sex and the City« Woche für Woche auf die Suche
nach ihrem »Mr. Perfect« machen, tun sie das im Grunde nur
stellvertretend für ihre Leidensgenossinnen aus dem echten Leben. Es
ist die Frustration über die Anonymität der Weltmetropole, die
Einsamkeit der erwachsenen Großstadtkinder, die nirgendwo mehr
grassiert als im Big Apple", so und so ähnlich lesen sich die
Märchen aus der Welt der Singles.
Aber selbst in New York leben nicht die Hälfte der Einwohner allein.
Wie üblich wird hier die Haushalts- und die
Personenebene verwechselt.
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SCHIRRMACHER, Frank (2003): Uns
Deutschen wurde das Oblomow-Syndrom angezüchtet.
Ordnung des Landes (6): "Die Gesellschaftspolitik ist zur
Lachnummer geworden" - Hans D. Barbier trifft Mathias Döpfner und
debattiert über die Mission der Jungen,
in: Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 25.02.
- Kommentar:
Heute ist wieder eine ganze Seite Platz für
den FAZ-Stammtisch.
Der Kreis neoliberaler Besitzstandwahrer
sinniert über die Lage der Nation, deren Stimmung für die Lage nach
Meinung der Anwesenden viel zu gut ist.
Neue Erkenntnisse darf man da nicht
erwarten, aber Mathias DÖPFNER umreißt die Aufgabe von
Massenblättern wie BILD:
"Es ist immer die Aufgabe einer
Massenzeitung, dem Volk aufs Maul zu schauen. Und nicht zwangsläufig
das, was die Mehrheit im Augenblick denkt, zu verstärken, sondern es
zu akzentuieren".
Führung ist also das Zauberwort der
Anwesenden. DÖPFNER stilisiert sich u.a. zum "Opfer hessischer
Bildungsexperimente, in den siebziger Jahren".
Offensichtlich haben die
Bildungsexperimente seine Karriere nicht behindern können, was die
These von Michael HARTMANN über den Mythos Leistungselite
wiederum eindrucksvoll bestätigt.
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Nachrufe auf den US-amerikanischen
Soziologen Robert K. Merton (1910 - 2003)
- LEPENIES, Wolf (2003): Die Kunst zu
finden, was man nicht suchte.
Ein Zauberer der Soziologie: Zum Tod von Robert K. Merton,
in: Süddeutsche Zeitung v. 25.02.
- SCHMID, Hans Bernhard (2003): Ein
soziologischer Zauberer.
Zum Tod von Robert K. Merton,
in: Neue Zürcher Zeitung v. 25.02.
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- HOROWITZ, Nina & Edith MEINHART (2003):
So viel vor und so wenig Zeit.
Man muss nicht mehr bis 50 warten, um sein Leben infrage
zu stellen. Immer mehr Mittzwanziger leiden an einer Sinnkrise. Das
neue Buch "Quarterlife Crisis" beschreibt, warum es so schwer ist,
erwachsen zu werden,
in: Profil Nr.9 v. 24.02.
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BENDER, Silke (2003): Big Brother für Intellektuelle.
Wie kann man/frau glücklich leben? Was ist Sex? Warum die ständige
Eifersucht? Heute fällt die erste Klappe für eine Reality-Show der
besonderen Art. Ex-Kommunarde Rainer Langhans und sein Harem aus fünf
Frauen gehen für TV Berlin in den Fernseh-Container. Sie wollen die
deutschen "Osbournes" werden,
in: Tagesspiegel v. 23.02.
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KOHLHÖFER, Philipp (2003): Bis aufs Blut.
Sie prügeln sich in einem verlassenen Keller. Ihren Lohn erhalten
sie von wettfreudigen Zuschauern. Ein Abend in einem Hamburger Fight
Club,
in: Frankfurter Rundschau v. 22.02.
- Kommentar:
KOHLHÖFERs Reportage beginnt im Kopf, d.h. beim
Mythos, den David FINCHERs Film "Fight Club" hinterlassen hat. Er
porträtiert deshalb einen Partnerlosen, der zu dieser Loser-Story
bestens passt:
"Er
fühle sich davor manchmal wie ein Popstar, der die Bühne betritt,
sagt er, und normalerweise wäre das auch gar nicht schlimm mit der
Erkältung. Normalerweise würde er von seiner Freundin gepflegt
werden. Nur leider hat sich das mit der Freundin erledigt. Zehn Tage
ist es her, als er nach Hause kam und sie fort war. Einen Zettel hat
sie hinterlassen: Er brauche sich nicht zu wundern. Sie komme nie
mehr wieder. Seine Schuld".
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HUNKE, Jörg & Barbara MAUERSBERG (2003): "Der
Chefökonom der
Deutschen Bank, Norbert Walter, und der Kapuzinermönch Bruder Paulus
über Luxus, Sozialismus und Deutschland in der Krise,
in: Frankfurter Rundschau v. 22.02.
- Kommentar:
Die Kunst des Jammerns auf hohem Niveau
führt Norbert WALTER aus der Sicht des
Familienkommunismus (Subsidaritätsprinzip für Adepten der
katholischen Soziallehre) vor:
"Wissen
Sie, ich versuche seit einigen Jahren verständlich zu machen, was
mein Gehalt bedeutet: Ich arbeite 80 Stunden in der Woche. 50
Stunden davon arbeite ich für Steuer- und Sozialabgaben; knapp 30
Stunden arbeite ich für meine Familie und mich. 17 Stunden pro Woche
arbeite ich für deutsche Sozialleistungen."
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KUHLBRODT, Detlef (2003): Dispo überzogen.
Ein freundliches Hallo zur Krise - Winternachrichten aus dem
Jammertal,
in: Frankfurter Rundschau v. 22.02.
- Kommentar:
Die Kunst des Jammerns der privileged Poor
führt KUHLBRODT vor.
Musste
Diedrich DIEDERICHSEN Anfang der 80er Jahre noch nach New York, um
dem Lebensgefühl eines
privileged Poor ("Sexbeat") nachzuspüren, so reicht heutzutage
ein Blick in die
Berliner Szenebezirke:
"Wir
waren so zwischen 30 und Mitte 40; ideologisch ungefestigte
Nachfolger der Spontis, halb ironische Stammwähler der Grünen,
Lebenskünstler, Künstler, freie Autoren, die lieber für wenig Geld
schrieben, was ihnen gerade so in den Sinn kam, nette Kiffer an den
weniger werdenden Flipperautomaten, ehemalige Hausbesetzer zuweilen;
verhinderte Popstars, meinungsfeindliche Vertreter der Generation
Irgendwie, die gerne lustige Beobachtungen an sich selbst und
anderen machten, »depressive Hypochonder auf dem Weg zum Augenarzt«
(Funny van Dannen).
Die Aufträge wurden seltener, die Coolness verliert sich, die
Kreditkarte fliegt einem um die Ohren, und wenn man Freunde trifft,
spricht man nicht mehr über Bücher, Platten, Filme oder Politik,
sondern über Schulden, Wohngeld, Sozialhilfe und darüber, ob man nun
doch zum Sozialamt gehen sollte oder lieber nicht, denn eigentlich
könnte man ja auch noch den oder den anpumpen."
Aber
solange man dort noch in "Zwei-Wochen-umsonst-FAZ-oder-ZEIT-Abos
seitenlange Jammerartikel von ehemaligen FAZ- oder ZEIT-Redakteuren"
lesen kann, ist selbst bei den privileged Poor die Welt noch
irgendwie in Ordnung.
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BARTELS, Gerrit (2003): Die Männerbuchschreiber.
Topfit und macho, schlapp und verletzlich: Frank Goosen,
Mani Beckmann und Daniel Bielenstein wenden sich mit ihren
neuen Romanen sehr gezielt an ein männliches Publikum
zwischen 30 und 40,
in: TAZ v. 22.02.
- Inhalt:
Gerrit BARTELS beschäftigt sich mit neuer
deutscher Männerliteratur:
"Vorbild sind natürlich die Romane von
Nick Hornby,
Sven Regener oder das
Debüt von Frank Goosen. Ging es in diesen aber viel um
spätpubertierende Selbstvergewisserungen und
popistische Selbstfindungen von sympathischen
Losertypen, so ist jetzt die Zeit der ersten
richtigen Krisenbewältigungen: Die einstigen Loser
sind gestandene Männer und haben zumindest einen
leidlich zufrieden stellenden Beruf. Dieser ist aber
nur die halbe Miete, wenn es privat nicht stimmt
oder das psychische Gleichgewicht aus dem Takt
gerät. Wenn es, wie bei
Bielenstein, einem Single
plötzlich um die Frau fürs Leben geht, oder, wie bei
Goosen und Beckmann, Jugend- und
Männerfreundschaften zu einem Problem werden und
ihrer Wiederaufarbeitung harren.
Man könnte sagen, hier haben männliche Mitdreißiger
sehr zielgerecht Romane für ihre Altersgenossen
geschrieben; Bücher, die aber auch Frauen gefallen
könnten, weil sie hier viel von ihren eigenen
Männern wiederfinden. Bücher, die man als Antwort
auf Frauenzeitschriftenbüchern wie »Im Kühlschrank brennt immer ein
Licht« oder »Champagner, News und Liebesträume« lesen kann".
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SCHARP, Michael (2003): Häuslebauer, aufgepasst.
Der Bundestag hat die Kürzung der Eigenheimzulage beschlossen. Aber
diese Reform ist weder kinderfreundlich noch wirtschaftlich sinnvoll
oder ökologisch durchdacht,
in: TAZ v. 22.02.
- Kommentar:
Grundsätzliche Kritik an rot-grünen
Regierungsprojekten ist im Regierungsblatt TAZ erst erlaubt, wenn
die Gesetze erfolgreich verabschiedet worden sind. Man hofft dort,
dass die Kritik dann bis zur nächsten Reform wieder vergessen ist.
Kritisches Bewusstsein in seiner
Schrumpfform für Ex-Bewegte im Neue-Mitte-Ohrensessel nach dem
Motto: Diese Freiheit leist' ich mir!
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MELLE, Stefan (2003): Wiederbelebungsversuch.
Wo es an Arbeit fehlt, schrumpfen die Städte. Die Kultur soll neue
Impulse geben,
in: Berliner Zeitung v. 22.02.
- Kommentar:
Für Sozialpopulisten wie
Meinhard MIEGEL oder
Hermann ADRIAN ist die Sache klar: Der
demographische Wandel bzw. Kinderlose sind schuld an allen Problemen
unserer Gesellschaft, also auch an schrumpfenden Städten.
Tatsache
ist jedoch: Die Bevölkerung wächst dort, wo Arbeitsplätze entstehen
und Menschen ernähren können. Diesen Ansatz stellt Stefan MELLE vor:
"In den meisten Häusern, die in
Ostdeutschland abgerissen werden, hätten noch lange Leute wohnen
können. Aber sie ziehen weg aus Leinefelde, Schwedt oder Suhl - wie
die Industrie, die sie ernährte. Die leeren Häuser verfallen und
kosten Geld. Also beseitigen Bund, Länder und Kommunen sie für viel
Geld als unerwünschte Ruinen.
Aber der Abriss ist für die Städte keine Dauerlösung, und er
vergeudet Ressourcen. Daher will die Bundeskulturstiftung jetzt die
kulturellen Folgen für schrumpfende Städte international
untersuchen. Denn seit 1950 büßten 136 Großstädte aller Kontinente
jeweils mehr als 100 000 Einwohner ein. In Afghanistan eher durch
Kriege. Im Osten der USA oder in Großbritannien aber wie in
Ostdeutschland durch den Umbau der Wirtschaft.
Das Projekt vergleicht die US-Autostadt Detroit sowie Liverpool und
Manchester, die alle rund die Hälfte der Bewohner verloren - mehr
als die Region Halle/Leipzig, die in dem Projekt besonders
beleuchtet wird."
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SCHMOLLACK, Simone (2003): Patchwork des Begehrens.
Beziehungsmodelle. Bei den 30- bis 40-Jährigen bestimmt der
Lebenslauf die Partnerschaft. Nicht umgekehrt,
in: Freitag Nr.9 v. 21.02.
- Inhalt:
"Die Generation der
heute 30- und 40-Jährigen ist mehr denn je gezwungen, über
Alternativen des privaten Glücks nachzudenken. Wie Umfragen immer
wieder belegen, steht die Suche nach erfülltem Liebesglück nach wie
vor ganz oben auf der Prioritätenliste. Und der Druck, sich seine
Sehnsüchte erfüllen zu können, ist stärker geworden. Der berufliche,
materielle und sexuelle Leistungswahn, der Anspruch an sich und an
eine perfekte Beziehung, lässt so manchen scheitern. Drei Jahre, 167
Tage und zwei Stunden betrage die Lebenserwartung einer heutigen
Beziehung, sagt der Schriftsteller
Peter Schneider in seinem Roman Paarungen.
Anders als ihre Elterngeneration kalkulieren die 30- bis 40-Jährigen
Trennungen und Brüche in ihrem Leben bewusst mit ein, weil sie
selbst fast alle schon einmal gescheitert sind - beruflich und/oder
privat. Aber dieses Scheitern betrachten sie nicht als Niederlage,
sondern als Herausforderung an das Leben. In dieser Hinsicht sind
sie ihren Müttern und Vätern um einiges voraus",
beschreibt
SCHMOLLACK das ganz normale Chaos der Liebe wie es seit
Ulrich BECK
zum soziologischen Handgepäck der Post-68er-Generation gehört.
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NEUSÜß, Claudia (2003): Männlich belebt und unbelebt.
UCZYC SIE PO POLSKU. Die Polnische Grammatik weckt Hoffnungen auf
Revolutionen in der Geschlechterordnung,
in: Freitag Nr.9 v. 21.02.
- Inhalt:
"Zwar gibt es den
Spruch von der »polnischen Wirtschaft«, doch hat Polen die derzeit
höchste Männersterblichkeit in Europa in der Altersgruppe der 30-
bis 45-Jährigen (Herzinfarkte!). Transformations-Zinsen. Zwei Jobs
und mehr prägen den männlichen Erwerbsalltag. Ein Vergleich mit der
»amerikanischen Wirtschaft« wäre stimmiger", berichtet Claudia
NEUSÜß aus Polen.
Kein
Wunder also, wenn junge Polen das Land Richtung Berlin verlassen und
dort z.B. den
"Club der polnischen Versager"
eröffnen.
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[ zum Seitenanfang ]
Zu den News
vom 11. - 20. Februar 2003
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