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Medienrundschau:

News zum Single-Dasein

 
   
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News vom 15. - 24. Januar 2004

 
       
     
     
     
       
   
Zitat des Monats:
"Tom Ripley ist mit fünfundzwanzig schon ein älterer Herr. Er kann es nur sein, indem er das Leben, das seinem Stand und seiner Herkunft nach für ihn gedacht war, auslöscht. Das fällt ihm nicht schwer, denn Tom Ripley kommt aus dem Nichts. Er ist Vollwaise und in bescheidenen Verhältnissen aufgewachsen. Er hat nicht studiert und muß sich mit erniedrigenden Jobs über Wasser halten, bevor er die Gelegenheit bekommt, ein anderer zu werden. Die Gelegenheit kommt, als er die Möglichkeit hat, seinen wohlsituierten Freund umzubringen und dessen Identität anzunehmen. (...). Eben noch ein grüner Junge aus dem Bostoner Kleinbürgertum, überspringt er einfach die mittleren Jahre, in denen er sich normalerweise ein Leben aufbauen, erkämpfen und einrichten müßte, und schnappt sich die Attribute und Ausstattungsstücke des gesetzten Alters der Upperclass. (...). Er will zu diesen goldbeschienenen jungen Menschen gehören, weil sie eine Vergangenheit haben und deshalb auch eine Gegenwart und Zukunft. Sie haben, ganz banal, eine Familie. Eine Familie, die ihn etwas vererbt hat, Geld, aber nicht nur Geld, sondern ein Leben, in das man gehören kann."(S.43f.)
(aus: Malin Schwerdtfeger "Wir Nutellakinder" im Kursbuch "Die 30jährigen")
 
       
   
  • RUTSCHKY, Katharina (2004): Manieren sind Glückssache.
    Die ganz andere Bibliothek: Wer hat das Benimm-Buch des Prinzen geschrieben? Und warum muss die "Anonyma" anonym bleiben?
    in: Tagesspiegel v. 24.01.
    • Inhalt:
      Katharina RUTSCHKY, die dem Manieren-Buch nichts abgewinnen konnte, sieht in Martin MOSEBACH den eigentlichen Verfasser des Buches:

            
         "Kennern und Bewunderern des Werks von Martin Mosebach waren in dem Erfolgsbuch »Manieren«, als dessen Autor ein äthiopischer Prinz genannt wird, erstaunliche Parallelen aufgefallen. Verblüfft hörte man auf Nachfragen, dass die eigentliche Autorschaft doch ein offenes Geheimnis sei und der Frankfurter Schriftsteller Mosebach (»Der Nebelfürst«) ein alter Freund des Prinzen Asfa-Wossen Asserate. Ein herrlicher Jux fanden manche, der den tristen Alltag so manches Großfeuilletonisten erfreulich belebt – zumal der Prinz nun auch noch den Chamisso-Preis erhalten soll.
      Ein zynisches, wenn auch lukratives Spiel finden andere, mit der Gutgläubigkeit des Publikums, das ohne den Hype um den äthiopischen Frontmann das Buch wohl kaum zum Bestseller gemacht hätte.
      "
 
   
  • KOBER, Henning (2004): "Ein Tanz auf dem Hochseil".
    Seit 1995 ist Jürgen Domian auf Sendung. Tief in der Nacht spricht er im Radio und im Fernsehen mit Menschen über ihre Probleme. Am Anfang heftig kritisiert, ist der Medienseelsorger inzwischen Träger des Bundesverdienstkreuzes. Ein Gespräch
    über Freaks, Heimat und Einsamkeit,
    in: TAZ v. 24.01.
    • Inhalt:
      WDR-Radiomoderator Jürgen DOMIAN u.a. über Einzelgängertum:

            
         "Sie bezeichnen sich als Einzelgänger - was macht einen dazu?
      Ich hatte schon als Kleinkind eine ausgeprägte Sehnsucht nach Autonomie. In Gesellschaft von Erwachsenen habe ich mich wohler gefühlt als bei der ganzen Kindermischpoke. Ich bin Einzelkind, wurde aber eigentlich nicht so erzogen.
      Hätten Sie gern Geschwister gehabt?
      Ja, einen großen Bruder oder auch eine kleine Schwester. Vielleicht wird man durch Geschwister etwas lockerer.
      Ist es gut, ein Einzelgänger zu sein?
      Ich weiß, dass ich es allein kann. Mich packt nicht wie andere die Panik, wenn ich etwas allein machen muss. Aber es macht das Leben auch schwer, wenn man Menschen oder Gruppen aus dem Weg geht."
 
   
  • ADAM, Konrad (2004): Wer hilft eigentlich der Familie?
    Die Deutschen vergreisen, weil es immer weniger Kinder gibt. Aber auch unsere Nachbarn ringen um eine geeignete Familienpolitik. Eine kurze Bestandsaufnahme,
    in: Welt v. 24.01.
    • Kommentar:
      Singlefeind Konrad ADAM konnte sich bisher unwidersprochen auf die Berechnungen von Hans-Werner SINNs Münchner Ifo-Institut berufen, wenn es darum ging, zu beweisen, dass die deutsche Politik familienfeindlich sei.
      Inzwischen hat jedoch Astrid ROSENSCHON vom Kieler Weltwirtschaftsinstitut eine andere Rechnung aufgemacht, die den Singlefeinden weniger gefällt und die deshalb Konrad ADAM - mit Berufung auf den gesunden Menschenverstand der Eltern - zu entkräften versucht.

            
         Die unterschiedlichen Berechnungen der beiden Ökonomen lassen Unterschiede im Familienbild und in der Zuordnung von Leistungen erkennen.
            
         ROSENSCHON hat im Gegensatz zu SINN die Bildungsinvestitionen als familienpolitische Leistungen eingestuft. Dies ist insofern richtig, weil zwar Singles auch selber in den Genuss der Leistungen kommen, jedoch zusätzlich die Kosten für die Kinder anderer mittragen müssen.
            
         Desweiteren hat ROSENSCHON im Gegensatz zu SINN die steuerlichen Vorteile des Ehegattensplittings miteinbezogen, die allen Verheirateten zugute kommen. Dies betrifft zwar auch kinderlose Eheleute, aber nicht-verheiratete Singles sind am stärksten benachteiligt.
            
         In der Frage des Ehegattensplittungs deutet sich u.a.  der Kulturkampf zwischen Alter (traditionelle Manager-Ehe) und Neuer Mitte (Doppelkarriere-Familien) an.       
 
   
  • BUGGELN, Marc (2004): das Schreckbild "Masse".
    Bürgerliches Mantra. Zur Geschichte und Entwicklung des Elitebegriffs,
    in: Freitag Nr.5 v. 23.01.
    • Inhalt:
      "
      Die angeblich »demokratische« Elitetheorie ist die Grundlage, auf die sich der Elite-Begriff stützt, der uns nun von Grünen und SPD präsentiert wird. Schröder wie Fischer betonen, dass sie eine Elite wollen, wenn sie denn auf Leistung beruhe, womit sie nur das alte bürgerliche Mantra wiedergeben. Doch wie sieht es konkret aus mit der Elite, die auf Leistung beruht? Studien der TU Darmstadt (unter anderem von Michael Hartmann) haben gezeigt, dass es mit der Bedeutung der Leistung bei der Kooptierung der höchstbezahlten Fachkräfte nicht weit her ist. So sitzen in den Vorständen großer deutscher Unternehmen fast ausschließlich Angehörige des Groß-Bürgertums, während andere Schichten trotz vergleichbarer Leistungen keinen Zutritt zu den Vorstandsetagen haben. Warum? Weil bei Bewerbern mit ähnlichen Leistungen die Entscheidung der Vorständler fast immer nach dem Kriterium ausfällt, wer ihnen im Habitus am ähnlichsten ist. Nicht viel anders sieht es bei der Besetzung von Professoren-Stellen aus. Auch hier wird von der Berufungskommission oftmals der Habitus und die Souveränität stärker bewertet als die an Veröffentlichungen oder Lehrerfahrung ablesbare Leistung. So sitzen in Deutschland in allen Studiengängen Vertreter des Groß- und Bildungsbürgertums auf über 90 Prozent der Professorenstellen. Trotzdem ist laut Hartmann die soziale Durchlässigkeit an den Universitäten größer als in Unternehmen, da das Verfahren an der Uni formaler ist und Personen aus unterschiedlichen Statusgruppen an ihm beteiligt sind. Er zieht daraus den Schluss, dass wenn man Leistung fördern wolle, man erstens die Verfahren stärker formalisieren und zweitens die Leistung von Menschen aus sogenannten »bildungsfernen Schichten« höher bewerten müsste als bei denen, die lediglich den Habitus ihrer Eltern reproduzieren.
      Von solchen Vorschlägen ist aber in der Debatte kaum etwas zu vernehmen
      ", wirft BUGGELN in die Elite-Debatte ein.
 
   
  • SCHLAK, Stephan (2004): Die 29er.
    Der deutsche Nachkriegsgeist wird 75 - kurzer Rückblick auf eine ausdauernde Generation,
    in: Berliner Zeitung v. 23.01.
    • Kommentar:
      Stephan SCHLAK feiert die Flakhelfer-Generation, speziell den Jahrgang 1929:

            
         "Anders als die Vorgänger-Jugend des Ersten Weltkrieges, jener durch Ernst Glaesers zeitgenössischen Bestseller berühmt gewordene »Jahrgang 1902«, der im Trubel der Zwischenkriegszeit verloren ging, hat der »Jahrgang 1929« die Chance, die im Zusammenbruch lag, ergriffen. "
 
   
  • MEJIAS, Jordan (2004): Der Ehecode,
    in: Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 22.01.
    • Kommentar:
      MEJIAS berichtet über das 5 Milliarden-Dollar-Programm, das George W. BUSH am Dienstag zur Förderung der heiligen Ehe versprochen hat. MEJIAS hält zwar nichts von der These, dass Ehe Wohlstand schafft, denn die Beziehung zwischen Ehe und Einkommen ist umgekehrt: Armut verringert die Heiratschancen.

            
         MEJIAS hat jedoch - wie die meisten Journalisten - Probleme damit, Haushaltsführung und Familienstand auseinander zu halten.
            
         Anders lässt sich die folgende Aussage nicht erklären:
      "Nichts weniger als Wunder aber sind in einem Land vonnöten, in dem nach den Ergebnissen der letzten Volkszählung erstmals Singles mehr Haushalte bilden als Familien mit Kindern. Allen Beziehungen zum Trotz führt das Warenhaus Amerika die Ehe nur noch als Auslaufmodell."

            
         Ehemann und Ehefrau können einen Einpersonenhaushalt führen. Dies ist kein Widerspruch! Das kann selbst der konservative Edmund STOIBER.
            
         Längere Ausbildungszeiten, Mobilität und höhere Lebenserwartung führen zum Paradox, dass sowohl der Einpersonenhaushalt als auch die Ehe kein Auslaufmodell sind, höchstens man beschränkt Ehe und Familie familienfundamentalistisch auf den Familienhaushalt als einzig legitime Lebensform.
            
         Ach ja, eigentlich wollte MEJIAS nur sagen, dass das Ehe-Programm nur dazu dient die Wiederwahl von BUSH in den "unverzichtbaren Kreisen religiöser und wertkonservativer Fundamentalisten" zu sichern.
 
   
  • ROSENAU, Mirja (2004): Frau trägt Kind.
    Die Wahrheit über die Jungfrau Maria und ihr fleischliches Accessoire: bloß keine falsche Mütterlichkeit,
    in: Frankfurter Rundschau v. 22.01.
    • Inhalt:
      ROSENAU vergleicht die Werbekampagne von Gucci mit mittelalterlichen Marienbildnissen:

            
         "In ihrer Inszenierung stehen (...) die stählernen, kindbestückten Mode-Amazonen in nichts den Marienbildnissen des Mittelalters nach, den steinernen Madonnen der Romantik und der frühen Gotik: Erhaben and er Seite Gottes thronend oder im freien Stand, frontal zum Betrachter aufgestellt und geharnischt (...). Das göttliche Kind an ihrer Seite haben sie fast beiläufig auf der linken Hüfte abgesetzt. Auch hier, in den frühen statuarischen Inszenierungen der Marienverehrung, ist es nicht mehr als ein nobilitierender Zusatz, von Gott gesandt, um die Gottesmutter zu adeln."
            
         Was kommt nach dem Babywinter?
            
         "Der kommende Sommer scheint kein Babysommer mehr zu werden. Die Gucci-Göttinnen haben ihre fleischlichen Accessoires wieder den leiblichen Müttern übergeben. Nur Claudia Schiffer klammert sich noch an ihren kleinen Caspar, der mittlerweile auf den Otto-Versandkatalog gewandert ist".
 
     
   
  • HÖGE, Helmut (2004): Selber putzen!
    Die Putzperson legalisieren? Oder schwarz beschäftigen? Beides ist falsch. Richtig ist, wenn man den eigenen Scheiß selbst wegmacht,
    in: TAZ v. 22.01.
 
   
  • RÜCKERT, Sabine (2004): Die Freiheit und ihr Preis.
    Seit fünf Generationen erkämpfen sich die Frauen meiner Familie immer mehr Unabhängigkeit. Dafür bekommen sie immer weniger Kinder,
    in: Die ZEIT Nr.5 v. 22.01.
    • Kommentar:
      Die Schlagzeile animiert eigentlich nicht zum Weiterlesen, denn man erwartet wieder das typische Bild von der idyllischen (Groß)familie, das dem heutigen familiären Elend der Single-Gesellschaft entgegen gesetzt wird - also ätzender GASCHKE-Stil. Dann liest man jedoch:

            
         "Meine Urgroßmutter brachte 13 Kinder zur Welt, ich bloß eines. Auf einer bräunlichen Fotografie sehe ich sie sitzen, eine kleine Frau, müde von Pflichterfüllung und dem Dienst an Mann und Familie. Von ihren Kindern starben zwei unter der Geburt, drei starben in den ersten Lebensjahren. Acht wurden erwachsen, sie sitzen auf dem alten Bild um meine Urgroßmutter herum, vier Söhne, vier Töchter. Es ist eine letzte Familienaufnahme aus dem Jahr 1914. Von den vier Söhnen kehrten zwei von der Front nicht zurück, drei Töchter starben am Elend des Ersten Weltkriegs. Nur drei der 13 Kinder meiner Urgroßmutter wurden alte Leute. Zehn hat sie verloren.
      Es überlebten: mein Großonkel Wolfgang und meine Großtante Johanna, die beide keusch und damit kinderlos geblieben sind. Allein meinem Großvater Bernhard gebar seine Frau 1914 und 1916 unter Lebensgefahren zwei Söhne. Der jüngere starb noch als Säugling bei einer Nabelbruchoperation. Übrig blieb nur einer – mein Vater.
      Heute, da ich selbst die vierzig überschritten habe, treffe ich häufiger auf Leute, die sich (...) ins Früher zurückwünschen, in eine Zeit da die Menschen bedeutender, ihre Gedanken ernster, ihre Gefühle tiefer, ihre Literatur größer, ihre Bauwerke vollkommener gewesen sein sollen. Eine Zeit, in der alle eine Ordnung, die Kinder eine Zukunft und der Einzelne seinen Wert gehabt haben, in der Ehe und Familie noch zuverlässige Größen waren. Dann denke ich an meine Urgroßmutter, von der ich nicht weiß, wann sie inkontinent wurde – nach der fünften Geburt vielleicht oder nach der siebten. Die von ihrem Mann mit groben Vorwürfen überhäuft wurde, wenn sie wieder schwanger war. Die ertragen musste, dass ihr dreijähriges Käthchen an der Kehlkopfdiphterie erkrankte und einen qualvollen Erstickungstod starb, den heute kein westeuropäisches Kind mehr erleiden muss. Die ihre Söhne dem Kaiser opferte, sich selbst dem Ehemann unterwarf, alles ertrug, weil es gottgegeben war. Und ich bin dankbar, dass ich heute leben darf.
      "
 
   
  • HOUELLEBECQ, Michel (2004): Innovationen machen müde.
    Schluss mit der Anbetung des Neuen! Konservatismus ist die Quelle des Fortschritts,
    in: Die ZEIT Nr.5 v. 22.01.
    • Kommentar:
      Roman LUCKSCHEITER hat bereits im Tagesspiegel vom 01.12.2003 über den Beitrag von Michel HOUELLEBECQ im Figaro Magazine (08.11.). Nun kann man den Artikel in der ZEIT lesen.

            
         HOUELLEBECQ setzt darin Konservatismus mit dem gesunden Menschenverstand gleich:
            
         "Reaktionäre wie Progressive sind gleichermaßen dumm in ihrer Auflehnung gegen den gesunden Menschenverstand, der das Neue will, wenn es gut ist, und der es ablehnt, wenn es nichts taugt."
 
     
   
  • BERTOLUCCI, Bernardo (2004): Ich habe einen Traum.
    Aufgezeichnet von Ralph Geisenhanslüke,
    in: Die ZEIT Nr.5 v. 22.01.
    • Kommentar:
      BERTOLUCCI über die Magie des Kinos, die Anti-68er-Bewegung und den Moralismus der Maoisten:

            
         "Mittlerweile gibt es bei uns in Italien eine Art revisionistischer Anti-68er-Bewegung. Sie sagt: 1968 war ein Fehlschlag. Aber diese Bewegung irrt. Unser heutiges Leben basiert auf den Errungenschaften dieser Zeit. Damals wurde vieles geträumt, was heute selbstverständlich ist. Seinerzeit wurde der Slogan geprägt: »Seid Realisten, fordert das Unmögliche!«
      Damals drängte sich die Politik in unser privates Leben. Wir lasen Marcuse. Sex war Politik. Es gab eine magische Beziehung zwischen Sex, Politik und Kino. Alles griff ineinander. Sex wurde angesehen als ein Feld der Revolution. Außer bei den Maoisten, die sehr moralistisch waren. Wenn ein Junge und ein Mädchen etwas miteinander anfangen wollten, sollten sie beim Parteisekretär um Erlaubnis fragen. Viele meiner Freunde wurden damals Maoisten. Sie griffen die Kommunistische Partei von links an. Das glaubten sie jedenfalls. Die Kommunistische Partei wurde als reformistisch beschimpft. Heute im Parlament will jeder ein Reformer sein. Vor 35 Jahren war das die schlimmste Beleidigung.
      "
      Was BERTOLUCCI hier über die italienischen Verhältnisse sagt, das ist von deutschen Verhältnissen gar nicht so weit weg.

            
         Eine Geschichte über den Aufstieg von Ex-Maoisten in Politik, Medien und Wirtschaft in Deutschland ist ein überfälliges Projekt. Und damit ist keine Aufarbeitung à la Gerd KOENEN gemeint, die ja selbst Teil des Problems ist...
 
     
     
   
  • RÜDENAUER, Ulrich (2004): Wie unter dem Vergrößerungsglas.
    Porträt des Verkorkstheits-Poeten als mitteljunger Mann: Der Bachmann-Preisträger Peter Glaser erzählt eine "Geschichte von Nichts",
    in: Frankfurter Rundschau v. 21.01.
    • Inhalt:
      "
      Was Anfang der achtziger Jahre, als die Hipster der Republik ihre Jugend an die Nacht, die Musik und den Rausch verschwendeten, mit der Literatur los war, beschrieb Peter Glaser damals so: »Wenn ich im Ratinger Hof, der Düsseldorfer Wellen-Brutstätte, schreie: ‚Literatur', rennen mehr Leute weg, als wenn ich schreie ‚Polizei'.« Glaser, Rainald Goetz & Co. wollten diesen verkorksten Zustand wieder umkehren - mit einer Literatur, die es zumindest ein wenig mit der Punkattitude der Musik aufnehmen konnte, die auf der Höhe des Diskurses und der Technologie war. Bei dem aus Graz stammenden Peter Glaser fingen die Maschinen zu rattern und zu reden an: Zumeist trat der elektronische Poet bei seinen Lesungen nicht selbst auf, sondern schickte Disketten und Kassetten. Die damaligen Zuhörer waren Zeugen ganz früher audiovisueller Computerexperimente, Kopplungen von Autor und Maschine.
      Glasers neoavantgardistisches Manifest »Zur Lage der Detonation« gab die Richtung vor: Die Literatur sollte knallen, »selbstsicher« sein, »adrenalintreibend«, »störend und ungehalten«, »schnittig« und »schräg«. Rawums lautete 1984 folglich der Titel eines Sammelbandes, in dem die jungen Wilden von Joachim Lottmann über den Maler Kippenberger bis zu Diedrich Diederichsen vereinigt gegen die »Langeweile« und »Lahmarschigkeit« der zeitgenössischen Schreiberei mobil machten und der nun, knapp zwanzig Jahre später, wiederveröffentlicht wurde
      ", führt Ulrich RÜDENAUER in die Geschichte der Punk-Literatur ein.
 
   
  • BECKER, Matthias (2004): Proletarische Eliten.
    Bei den Studenten von heute handelt es sich um zukünftige Lohnarbeiter. Ihre Proteste sind vergleichbar mit gewerkschaftlich organisierten Arbeitskämpfen
    in: Jungle World Nr.5 v. 21.01.
    • Inhalt:
      BECKER sieht in eine düstere Zukunft für Studierende:

            
         "Die Studenten wehren sich nicht gegen ihre Proletarisierung, sie sind längst proletarisiert.
      Bei den Studenten von heute handelt es sich um zukünftige Lohnarbeiter, zur Elite (im Sinne von Entscheidungsträgern) wird nur eine Minderheit gehören. Und selbst das ist längst nicht mehr sicher.
      »Für Hochschulabsolventen ist der Markt enger geworden. Die Arbeitslosigkeit von Akademikern hat in den vergangenen Jahren stetig zugenommen«, heißt es in einer aktuellen Veröffentlichung der Bundesanstalt für Arbeit. Und die Experten werden noch konkreter: »Für Deutschland wird im Jahr 2010 – vorsichtig gerechnet – mit einem Überangebot von Akademikern von fast 1,6 Millionen gerechnet (950 000 überschüssige HochschulabgängerInnen und 640 000 überschüssige FachhochschulabgängerInnen).«
      Insofern sind die Proteste der Studenten quer durch Europa durchaus vergleichbar mit gewerkschaftlich organisierten Arbeitskämpfen. Kaum einem fällt ein, streikende Arbeiter dafür zu kritisieren, dass sie die Warenform ihrer Arbeitskraft nicht in Frage stellen. An der Bewegung der Studenten wird es denunziert.
 
   
  • KUNISCH, Hans-Peter (2004): Bill Clinton und die einsamen Frauen.
    Aldi, Sex und weite Hosen: Iris Hanikas Chronik "Das Loch im Brot",
    in: Süddeutsche Zeitung v. 21.01.
 
     
   
  • RICHTER, Christine (2004): Schwanger mit 14.
    In Berlin gibt es immer mehr Mütter im Teenager-Alter,
    in: Berliner Zeitung v. 20.01.
    • Kommentar:
      "Für 2001 hat das Statistische Bundesamt unter den 734 475 Geburten ganze 5213 Mütter im Alter unter 18 Jahren gemeldet", beklagte in der Welt am 09.01.2004 Kostas PETROPULOS vom Heidelberger Büro für Familienfragen und soziale Sicherheit.

            
         "Im Jahr 2002 brachten Mädchen unter 18 Jahren 440 Kinder zur Welt (...). Das bedeutet bei den Schwangerschaften einen Anstieg um 29 Prozent", berichtet RICHTER über die Zunahme von Teenager-Müttern in Berlin.
 
   
  • JÄHNER, Harald (2004): Unsere Elite, wir brauchen dich.
    Die Politik wird zum Gottesdienst - mit liturgischen Begriffen zur Anbetung der Konjunktur,
    in: Berliner Zeitung v. 20.01.
    • Inhalt:
      "
      Das heutige demokratische Misstrauen gegen die Elite speist sich aus der Verkrustung, die die Eliten in der Geschichte durchmachten. Eliten, einmal privilegiert, neigen dazu, sich vor dem Leistungsprinzip zu schützen, das sie nach oben brachte. Von diesem Punkt an wollen sich Eliten nicht mehr an den Ansprüchen messen lassen, die sie erfüllen, sondern an den Ansprüchen, die sie als überlegene Kaste verkörpern. Die Elite wird wieder zum Stand. Wie lange kam man nach Cambridge und Oxford nicht aufgrund seiner Leistungen, sondern aufgrund seiner Herkunft aus bester Familie? Exzellente Professoren mühten sich dort ab, verzogene Dummköpfe prüfungsreif zu machen", erklärt JÄHNER.
 
   
  • BOLZ,  Norbert (2004): An den Besten messen.
    Nach dem Populismus der Elitismus? Gegen das "Kartell der Mittelmäßigkeit" würden professionelles Verhalten und strenge Auswahl schon ausreichen,
    in: Frankfurter Rundschau v. 20.01.
    • Kommentar:
      Norbert BOLZ stellt durch die Verengung der Perspektive auf das Bildungssystem - und unter Absehung der sozialen Verhältnisse im Berufssystem - das Ideal der Leistungsgesellschaft der  herrschenden Ergebnisgleichheit entgegen. Er gelangt deshalb zum Schluss:

            
         "Die Selbstselektion und der Leistungskult der Meritokratie verträgt sich schlecht mit dem sozialistischen Spitzenwert Gleichheit, der ja nicht die liberale Chancengleichheit, sondern die Ergebnisgleichheit will: Fast alle bekommen eine Eins, also ein summa cum laude - jeder Geisteswissenschaftler leidet an der Inflation der Bestnote. Dabei heißt Gleichheit eigentlich nur, dass das Recht blind ist für die Ungleichheit - aber eben nur das Recht! Für Schulen und Universitäten ist diese Blindheit tödlich. Gleiche Startbedingungen - das muss genügen. Spätestens mit der Immatrikulation muss die kompensatorische Erziehung enden."
            
         Zur Professorenkarriere hat BOLZ auch noch etwas beizusteuern:
            
         "Ein Professor hat heute (...) drei Karriereschauplätze, zwischen denen er wählen muss. Der Starakademiker macht Karriere in der Forschung. Wer sich das nicht zutraut, kann immer noch Karriere in der Lehre machen. Das ist der bei Studenten und Ministerien beliebteste Typ: (...) er verzichtet weitgehend auf Forschung und wissenschaftliche Publikationstätigkeit. Genau so wie der Professor, der Karriere in den Gremien macht: Der Gremienprofessor umgeht den wissenschaftlichen Reputationsmechanismus, indem er »Universitätspolitik« macht. Alles Wesentliche dazu findet sich in Dietrich Schwanitz' Buch Der Campus."
 
   
  • HOLST, Jens (2004): Schnulleralarm für Stubenhocker.
    Die mediale Mitwohnzentrale: RTL 2 hat das erfolgreichste Quoten-Jahr hinter sich und setzt weiter auf das Doku-Soap-Format,
    in: Frankfurter Rundschau v. 20.01.
    • Inhalt:
      "
      Ebenso wie seine Zuschauer ist der einstige Party-Kanal feiermüde geworden - und schaut seiner Zielgruppe nun beim Kinder kriegen, Bad renovieren und Toiletten putzen zu. Ja, so ändern sich die Zeiten", meint Jens HOLST:
 
   
  • PÖTTER, Bernhard (2004): Deutschland, einig Disneyland.
    Die Bundesregierung befiehlt: Bis 2010 wird Deutschland kinderfreundlich. Sie weiß nicht, was sie tut,
    in: TAZ v. 20.01.
    • Inhalt:
      Bernhard PÖTTER darf heute über die Schrecken des kinderfreundlichen Deutschland schreiben:

            
         "Die Bahn führt statt des Kinderabteils das Single-Abteil ein. Busfahrer landen im Umerziehungslager. In Restaurants gibt es nur noch auf Antrag Erwachsenenstühle. Der Satz »wenn das meiner wäre« wird mit einer Freiheitsstrafe nicht unter zwei Jahren belegt. Erziehungsgeld wird erfolgsabhängig gezahlt. Kartoffelchips werden an Jugendliche nur gegen Vorlage einer Ehrenurkunde der Bundesjugendspiele verkauft. Und alle Autos werden in Wohngebieten automatisch auf 25 km/h gedrosselt."
 
     
   
  • NOLTE, Paul (2004): Das Fundament der Reform.
    Der gründliche Umbau unseres Steuersystems darf nicht auf die lange Bank geschoben werden,
    in: Welt v. 20.01.
    • Inhalt:
      Paul NOLTE bezeichnet die Reformrezepte von Paul KIRCHHOF und Friedrich MERZ als jene, die seinen Vorstellungen am nächsten kommen. Das Steuersystem soll zwar vereinfacht werden, dennoch muss es Ausnahmen geben, z.B. bei Steuerbefreiungen für Familien.
 
     
   
  • SCHAERTL, Marika (2004): Zwischen Laken & Toast.
    ...entwickelt sich Liebe - oder ein schneller Abschied. Die prekäre Zeitspanne hat ein Soziologe genauer untersucht,
    in: Focus Nr.4 v. 19.01.
 
   
  • AMENDT, Gerhard (2004): Resigniert, gekränkt und machtlos.
    Warum viele Väter nach der Scheidung den Kontakt zu ihren Kindern abbrechen,
    in: Frankfurter Rundschau v. 19.01.
 
     
   
  • HOLERT, Tom (2004): Die Elite muss Spektakel werden.
    Von "Deutschlands klügsten Kindern" bis zu den "Superstars": Sobald sich irgendwo eine Testbühne zeigt, wird sie von den Chancensuchern unserer Ranking-Kultur gestürmt. Vor diesem Hintergrund ist auch die Elitedebatte zu verstehen: als Disziplinierungsversuch des massenkulturellen Wildwuchses,
    in: TAZ v. 19.01.
 
   
  • BINAL, Irene (2004): Ausgerechnet Alaska!
    Tom Coraghessan Boyle hinterfragt die Hippie-Bewegung,
    in: Neue Zürcher Zeitung v. 19.01.
 
   
  • KÄMMERLINGS, Richard (2004): Mensch!
    Extreme Schreibakte: Michael Lentz vereint die Gegensätze,
    in: Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 17.01.
    • Kommentar:
      Richard KÄMMERLINGS lobt Michael LENTZ, der wiederum Herbert GRÖNEMEYER lobt.

            
         In seinem Roman "Liebeserklärung" hat z.B. der Erzähler ständig die CD "Mensch" auf dem Walkman.
            
        GRÖNEMEYER ist für LENTZ eine Art Andreas GRYPHIUS der Popmusik. Bei ihm zeige sich eine "Wiederkehr der Aura im Zeitalter der technischen Reproduzierbarkeit des Kunstwerks".
            
        Richard KÄMMERLINGS stellt LENTZ als Ausnahmeerscheinung im deutschen Literaturbetrieb dar:
            
        "Der zeitgenössische deutsche Autor hat sich (...) gemeinhin in zwei Teile gespalten, in den Kopf und den Bauch, das Über- und das Unter-Ich: Da sind dann einerseits gelehrte Poeten wie Handke, Strauß, unter den Jüngeren Georg Klein, Hettche oder Grünbein. Und auf der anderen Seite die theoriefeindliche, bodenständige Gegenbewegung, verkörpert von neuen Realisten der »78er« der Popfraktion (Ausnahme Rainald Goetz!) oder der stets volks- und tresennahen Lesebühnenszene. Lentz paßt da nicht hinein.
 
   
  • HANNIMANN, Joseph (2004): Flugblätter für die Ewigkeit.
    Mit dem Citroën DS auf der Ringautobahn der Erinnerung: Olivier Rolins Roman über die französische Studentenrevolte,
    in: Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 17.01.
    • Inhalt:
      HANNIMANN lobt Olivier ROLINs Roman "Papiertiger", in dem ein alternder - zum Bobo mutierter - 68er der Generation Golf die korrekte Weltsicht erklärt:
      "Die Revoluzzer seiner Generation hätten einem anderen Ewigkeitsideal entsprochen als die Ewigjungen heutzutage auf den Werbeplakaten. »Du fängst an zu dozieren!«, brummt das Mädchen."
 
     
   
  • KOGELBOOM, Esther (2004): Lass es raus!
    Eine deutsche Karriere: Mit 18 bei der Waffen-SS, mit 30 zynischer Starreporter, mit 50 bei Bhagwan. Heute sagt Jörg Andrees Elten, ohne Ego lebe es sich besser,
    in: Tagesspiegel v. 17.01.
 
   
  • ECONOMIST (2004): Social mobility.
    What's it worth? The Government tinks more higher education means more social mobility. It's wrong,
    in: Economist v. 16.01.
    • Kommentar:
      Was der Soziologe Michael HARTMANN als Mythos von den Leistungseliten bezeichnet hat, das hat nun eine britische Forschungsgruppe um den Soziologen John GOLDTHORPE auch für den Bereich der New Economy in Großbritannien herausgefunden.

            
        Nicht die schulischen Leistungen, sondern die soziale Herkunft bestimmen den sozialen Aufstieg auch in der neuen Dienstleistungsgesellschaft:
            
        "the qualities that employers in the service sector want are those the middle classes acquire at home: articulacy, confidence and smartness." Der Economist verweist auf einen demnächst erscheinenden Beitrag von Michelle JACKSON, John GOLDTHORPE und Colin MILLS mit dem Titel "Education, Employers and Class Mobility" (Rsearch in Social Stratification and Moblity, Elsevier)
 
   
  • BECK, Ulrich (2004): Orwell lässt grüßen.
    "Rückschritt ist Innovation",
    in: Süddeutsche Zeitung v. 16.01.
    • Inhalt:
      "
      Wer auf den Ausbau der »Dienstleistungsgesellschaft« setzt, vertraut auf die Grenzen der nationalen Dienstleistungsgesellschaft. Und auch wer »jobless growth« und den »Export von Arbeitsplätzen« anprangert, nimmt die Wirklichkeit noch immer in nationalstaatlichen Begriffen wahr. Im besten Fall wird es ein Wirtschaftswachstum geben, das vielleicht sogar neue, attraktive Arbeitsplätze erfordert. Diese aber entstehen in der entgrenzten Wirtschaft dann nicht innerhalb, sondern außerhalb Deutschlands, also in Indien, China, Polen und so weiter", schreibt der Transnationalist Ulrich BECK.
 
   
  • DIEDERICHSEN, Diedrich (2004): Der Promi ist eine Mikrobe.
    Nach dem Prozess gegen Michael Jackson wird es keine Stars mehr geben, nur noch Prominente. Sie sind die Agenda 2010 der Gegenwartskultur - der Kompromiss mit der unausweichlichen Scheiße,
    in: TAZ v. 16.01.
    • Kommentar:
      "
      Der Star war meist auf ein Medien-Milieu spezialisiert, der Promi ist gerade dadurch gekennzeichnet, dass er von Milieu zu Milieu springt und dabei seinem Gesichtslogo triumphierend ähnlich bleibt - die strukturgewandelte Öffentlichkeit von Privatfernsehen und Internet hilft ihm dabei, bildet sein Meta-Milieu", behauptet Diedrich DIEDERICHSEN - ganz der allgemeinen Individualisierungsthese verhaftetet - , der gerade der Boden entzogen wird...
 
   
  • KRON, Norbert (2004): E-Mail für Dich.
    Wie man Liebesbotschaften im Internet-Zeitalter schreibt - und wozu der gute alte Liebesbrief immer noch gut ist,
    in: Tagesspiegel v. 16.01.
    • Inhalt:
      "
      Wer Lentz' »Liebeserklärung« (S. Fischer) liest, kann miterleben, wie die Emotionen einen Liebenden auch heute so in Fahrt bringen, dass er sich seine Gefühlswelt erst wieder »erklären« muss. Ständig auf Reisen, schickt er seiner Geliebten eine SMS nach der anderen.
      Es kann auch eine E-Mail sein. Dass heute keine Liebesbriefe mehr mit der Hand geschrieben werden, hat seinen Grund in der Geschwindigkeit unserer Tage. Auch die Gefühle haben es eiliger; die Schneckenpost kann da nicht mehr mithalten. So wie das billet doux, einst ein Kassiber, ins mobile Telekommunikationsnetz abgewandert ist, hat sich die Liebeskommunikation ins Internet verlagert. Dort wuchert sie, nimmt ungeahnte Formen an, überquert in Lichtgeschwindigkeit ganze Kontinente. Musste man früher Tage lang warten, reicht heute ein Tastendruck und die oder der Liebste erhält den Herzenserguss mit angehängter Klangfile und Bilddatei – oder kommt gar per MMS übers Fotohandy unter die Bettdecke.
      Der Liebesbrief ist tot; es lebe die Liebesmail. Die Gefühle bleiben dieselben. Schon in »E-Mail für Dich«, Nora Ephrons Komödie mit Tom Hanks und Meg Ryan, war zu sehen, wie die Zuneigung zwischen zwei einander Unbekannten per Computerpost immer weiter hochgeschaukelt wird. Feinsinniger noch beschreibt die Frankfurter Journalistin Hilal Sezgin in der aktuellen Ausgabe des „Kursbuchs“ (Rowohlt Berlin), welche Blüten die Liebeskorrespondenz bei den Mittdreißigern treibt.
      Alte Liebe, neues Medium: Die Schnelligkeit der Datenübertragung hat die Qual des Begehrens keineswegs gelindert
      ", schreibt der Schriftsteller Norbert KRON.
 
   
  • Lesenswertes Interview
    REINECKE, Stefan (2004): "Was nicht ins Konzept passt, filtert die SPD-Spitze einfach weg", sagt Franz Walter.
    Tausende Sozialdemokraten geben ihr Parteibuch zurück - die SPD-Führung antwortet mit einem Achselzucken,
    in: TAZ v. 15.01.
    • Kommentar:
      Der Politikwissenschaftler Franz WALTER bringt das sozialdemokratische Problem in einen Zusammenhang mit der Individualisierungsthese der Neue-Mitte-Theoretiker:

            
        "In der SPD selbst gibt es dafür seit langem eine trivial-soziologische Erklärung: Der Mitgliederschwund wird als Folge der Individualisierung verstanden, die dazu führt, dass die Menschen sich nicht mehr verbindlich an Kollektive binden.
      Das ist ja nicht falsch.
      Nein, aber unscharf. Die SPD verliert am stärksten in ihren Traditionsgebieten, im Ruhrgebiet und im Saarland. Sie verliert bei den so genannten kleinen Leuten. Das zeigt, dass sich dieses Milieu vernachlässigt fühlt. Deshalb ist die allgemeine Individualisierungsthese ein Versuch der Selbstberuhigung.
      Die SPD-Spitze scheint den Mitgliederschwund achselzuckend hinzunehmen - so wie das Wetter. Warum?
      Offenbar hält sie die Mitglieder für nicht so wichtig. Die SPD hat sich bei den letzten Wahlkämpfen stark von Marketingexperten beraten lassen - und in deren Blick sind Mitglieder Ballast: konservative, sentimentale Leute, die jedem Versuch, beweglich, modern und kampagnenfähig zu sein, im Wege stehen. Das ist - von Ulrich Beck bis zu Matthias Machnig inspiriert - eine wesentliche Linie in der SPD der letzten Jahre.
      "
            
        Wahlfreiheit besteht - gemäß Franz WALTER - für die Nicht-Elite nur noch zwischen Pest und Cholera...
            
        Single-dasein.de hat im September-Thema zu 20 Jahren Individualisierungsthese WALTERs Sicht bereits vorweggenommen. Die jetzigen Probleme sind bereits im Aufstieg dieses Paradigmas Anfang der 80er Jahre angelegt gewesen.
            
        Der Ungleichheitsforscher Stefan HRADIL hat in einem neueren Beitrag schon einmal das subjektsoziologische Paradigma jenseits der Individualisierung beschrieben:
            
        "Wenn Subjektorientierte Soziologie an Individualisierungsprozesse gekoppelt wäre, ginge sie schweren Zeiten entgegen. Denn heute erleben wir - wenn ich das recht sehe - nicht wenige Gegenbewegungen gegen die Individualisierung" (aus: Erfahrungen mit Subjektorientierter Soziologie, S.239, in: Marek FUCHS & Jens LUEDTKE (HG.) Devianz und andere gesellschaftliche Probleme, 2003 )
 
   
  • GASCHKE, Susanne (2004): Das kinderlose Land.
    Die viel zitierte "Selbstverwirklichung" der Frauen kann den Geburtenrückgang in Deutschland nicht erklären. Auch Männer hadern mit den neuen Erwartungen an Väter - und verzichten auf Familie. Teil 1 der neuen ZEIT-Serie "Allein zu zweit",
    in: Die ZEIT Nr.4 v. 15.01.
    • Inhalt:
      Was zu GASCHKE zu sagen wäre, das kann man hier nachlesen, deshalb heute nur ein Zitat:

            
        "wenn man nach den Ursachen der deutschen Fortpflanzungsmisere sucht: Offenbar spielt das postfeministische Verhältnis von Männern und Frauen dabei eine Rolle; die neuen bildungsbegünstigten Berufsbiografien der Frauen; die geringe Sehnsucht der Männer, Familienarbeit zu übernehmen; die Schwierigkeit, work und life im flexiblen Kapitalismus in eine Balance zu bringen; die mitunter harten Anforderungen der Spaßgesellschaft; die psychische Verfassung einer Bevölkerung, der seit langem eingeredet wird, ihr reiches Land befände sich in der schwersten Krise seit Kriegsende."
 
   
  • BLOMERT, Reinhard (2004): Erst reich, dann gleich.
    Immer abwechselnd: Kevin Phillips beschreibt das Spannungsverhältnis von Kapitalismus und Demokratie in Amerika,
    in: Die ZEIT Nr.4 v. 15.01.
    • Inhalt:
      "
      Phillips glaubt, dass Amerikas Chance in einem Regimewechsel besteht: Ein neuer Roosevelt, der gegen Korruption, Polarisierung und die Exzesse der Marktwirtschaft auftritt, kann das Pendel wieder zur sozialen Gerechtigkeit zurückbewegen. Amerika könnte also die Welt in den nächsten zehn Jahren einmal mehr überraschen. Das würde eine völlige Umorientierung auch für die Europäer bedeuten", glaubt BLOMERT.
 
   
  • BÖTTIGER, Helmut (2004): Nach dem Pop.
    Hält Literatur nicht mehr über den Tag hinaus? Ist alles seicht und bald vorbei? Ein Essay über die Halbwertszeit des Schönen,
    in: Die ZEIT Nr.4 v. 15.01.
    • Kommentar:
      Helmut BÖTTIGER versucht die Gegenwartsliteratur zu ordnen, das gerät ihm in erster Linie zu einer verspäteten Kritik an Moritz BAßLERs "Broschüre"(!) "Der deutsche Pop-Roman". BÖTTIGER kritisiert dessen Popbegriff:

            
        "Popliteratur heute auf das zu reduzieren, was Andy Warhol bereits in den sechziger Jahren mit seiner Campbell-Soup-Dose praktizierte, ist dürftig. Von Rolf Dieter Brinkmann über Hubert Fichte bis zu Meinecke, Röggla, Rainald Goetz oder Andreas Neumeister zieht sich eine Linie, die bei Baßler gar nicht existiert und auf die der Begriff Pop gleichfalls zutrifft: Da geht es um die Intensität des gelebten Augenblicks, um Musik, um ein emphatisches Daseinsgefühl – aber auch um die Vermitteltheit dieses Augenblicks. Rainald Goetz etwa steht immer gleichzeitig daneben, wenn er seine Apotheosen des Jetzt inszeniert."
            
        BÖTTIGER verteidigt die kritische SUHRKAMP-Literatur von Thomas MEINECKEs "Mode & Verzeiflung" bis Rainald GOETZ gegen die affirmative Tristesse Royale der Generation Golf. Von Acid nach Adlon und zurück sozusagen.
            
        Am Ende proklamiert BÖTTIGER den neuesten Hype, der die "spezifisch deutsche Kluft zwischen Kritiker und Schriftsteller" wieder herstellen möchte:
            
        "So wurde in letzter Zeit der Rang von Schriftstellern wie Reinhard Jirgl, Ulrich Peltzer, Ernst-Wilhelm Händler oder Wilhelm Genazino immer mehr erkannt. Sie agieren unabhängig von den Diskursvorgaben. Sie brauchten Jahre, um ihre Sprache zu entwickeln. Sie sprechen unwiderlegbar im Jetzt, aber es ist ein erkennbar anderes. Langsam wächst das Bewusstsein dafür, dass es einen Unterschied gibt zwischen Literatur und Medienkompetenz."
            
        Eine literatursoziologische Perspektive fehlt in dieser Pop-Debatte. Gerade die Soziologie müsste an der Popliteratur besonders interessiert sein. Der Soziologe Stefan HRADIL weist der Literatur jedenfalls neuerdings eine "seismografische Qualität" zu:
            
        "Alltagsbeobachtungen sensibler Beobachter, die Darstellungen in Medien, in der Literatur und in den Künsten. Sie (...) weisen oft sehr frühzeitig auf gesellschaftliche Veränderungen hin. Häufig viel früher als die notwendigerweise schwerfällige empirische Sozialforschung, die Entwicklungen erst dann registriert, wenn sie zu unübersehbaren Massenerscheinungen geworden sind" (2003).
 
   
  • HASLER, Ludwig (2004): Im Fegefeuer der Denkfaulheit.
    Prinzipienreiter, Stubenhocker und Meisterdenker: Der unermüdliche Aufklärer Immanuel Kant ist schon 200 Jahre tot. Höchste Zeit, ihn zu verstehen,
    in: Weltwoche Nr.3 v. 15.01.
    • Kommentar:
      Zum 200. Todesjahr von Immanuel KANT ist schon viel geschrieben worden. HASLER geht nun u.a. der Frage nach, ob zwischen dem Single-Dasein von KANT und seinem Denken ein Zusammenhang besteht:

            
        "«Die Lebensgeschichte des Immanuel Kant ist schwer zu beschreiben», spottet schon Heinrich Heine, «denn er hatte weder Leben noch Geschichte.» Das sitzt. Auch in gebildeten Köpfen: Kant, der Stubenhocker. Der schrullige Meisterdenker. Der preussische Oberpedant. Der bucklige Senfstöpsler. Der Prinzipienreiter, nach dessen täglicher Spazierroutine die Königsberger ihre Uhren richten. Der Hagestolz, der die Ehe generös zum «wechselseitigen Genuss der Geschlechtsteile» freigibt, selber jedoch kaum eine Frau berührt. Der Spiesser als Denkvirtuose.
      Die Klischees dienen unterschiedlichen Zwecken. Den einen holen sie das Denkgenie vom Sockel herunter in die Pantoffeln des Menschlich-Allzumenschlichen. Andere entschädigen sie karikaturistisch für die vergebliche Mühe, Kants theoretische Werke verstehen zu wollen. Dritten entlarven sie die Zumutung der Kantschen Pflichtphilosophie – nach dem Motto: Zu einer derart sinnenfeindlichen Moral à la kategorischer Imperativ konnte sich nur einer versteigen, der sich Welt und Sinnlichkeit ängstlich vom Leib hielt.
      Zu diesen Dritten, die im ereignislosen Leben Kants die Weltlosigkeit seiner Philosophie erkennen wollen, zählt Heinrich Heine. Weiter in seinem Text: Kant «lebte ein mechanisch geordnetes, fast abstraktes Hagestolzenleben, in einem stillen, abgelegenen Gässchen zu Königsberg. Ich glaube nicht, dass die grosse Uhr an der dortigen Kathedrale leidenschaftsloser und regelmässiger ihr äusseres Tagwerk vollbrachte wie ihr Landsmann Immanuel Kant. Aufstehn, Kaffeetrinken, Schreiben, Kollegienlesen, Essen, Spazierengehn, alles hatte seine bestimmte Zeit, und die Nachbarn wussten ganz genau, dass die Glocke halb vier sei, wenn Kant (...) nach der kleinen Lindenallee wandelte, die man seinetwegen noch jetzt den Philosophengang nennt. Achtmal spazierte er dort auf und ab, in jeder Jahreszeit, und wenn das Wetter trübe war oder die grauen Wolken einen Regen verkündigten, sah man seinen Diener, den alten Lampe, ängstlich besorgt hinter ihm drein wandeln, mit einem langen Regenschirm unter dem Arm, wie ein Bild der Vorsehung.»
      "
 
   
FACTS-Coverstory:
Es geht nicht.
Wissenschaftler entzaubern die Liebe
 
     
   

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Zu den News vom 07. - 14. Januar  2004

 
       
   
  • Rezensionen zum Single-Dasein finden sie hier

 
   
 
   

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