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Medienrundschau:
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News vom
15. - 24. Januar 2004
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Zitat
des Monats:
"Tom
Ripley ist mit fünfundzwanzig schon ein älterer Herr. Er kann es
nur sein, indem er das Leben, das seinem Stand und seiner
Herkunft nach für ihn gedacht war, auslöscht. Das fällt ihm
nicht schwer, denn Tom Ripley kommt aus dem Nichts.
Er ist Vollwaise und in bescheidenen Verhältnissen
aufgewachsen. Er hat nicht studiert und muß sich mit
erniedrigenden Jobs über Wasser halten, bevor er die Gelegenheit
bekommt, ein anderer zu werden. Die Gelegenheit kommt, als er
die Möglichkeit hat, seinen wohlsituierten Freund umzubringen
und dessen Identität anzunehmen.
(...). Eben noch ein grüner Junge aus dem Bostoner
Kleinbürgertum, überspringt er einfach die mittleren Jahre, in
denen er sich normalerweise ein Leben aufbauen, erkämpfen und
einrichten müßte, und schnappt sich die Attribute und
Ausstattungsstücke des gesetzten Alters der Upperclass. (...).
Er will zu diesen goldbeschienenen jungen Menschen gehören, weil
sie eine Vergangenheit haben und deshalb auch eine Gegenwart und
Zukunft. Sie haben, ganz banal, eine Familie. Eine Familie, die
ihn etwas vererbt hat, Geld, aber
nicht nur Geld, sondern ein Leben, in das man gehören kann."(S.43f.)
(aus: Malin Schwerdtfeger "Wir
Nutellakinder" im
Kursbuch "Die 30jährigen") |
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RUTSCHKY, Katharina (2004): Manieren sind Glückssache.
Die ganz andere Bibliothek:
Wer hat das Benimm-Buch des Prinzen geschrieben? Und warum muss die "Anonyma"
anonym bleiben?
in: Tagesspiegel v. 24.01.
- Inhalt:
Katharina RUTSCHKY,
die dem Manieren-Buch nichts abgewinnen konnte, sieht in
Martin MOSEBACH den eigentlichen Verfasser des Buches:
"Kennern
und Bewunderern des Werks von Martin Mosebach
waren in dem Erfolgsbuch »Manieren«, als dessen Autor ein
äthiopischer Prinz genannt wird, erstaunliche Parallelen
aufgefallen. Verblüfft hörte man auf Nachfragen, dass die
eigentliche Autorschaft doch ein offenes Geheimnis sei und der
Frankfurter Schriftsteller Mosebach (»Der
Nebelfürst«) ein alter Freund des Prinzen
Asfa-Wossen Asserate. Ein herrlicher Jux fanden manche,
der den tristen Alltag so manches Großfeuilletonisten erfreulich
belebt – zumal der Prinz nun auch noch den Chamisso-Preis erhalten
soll.
Ein zynisches, wenn auch lukratives Spiel finden andere, mit der
Gutgläubigkeit des Publikums, das ohne den Hype um den äthiopischen
Frontmann das Buch wohl kaum zum Bestseller gemacht hätte."
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KOBER, Henning (2004): "Ein Tanz auf dem Hochseil".
Seit 1995 ist Jürgen Domian
auf Sendung. Tief in der Nacht spricht er im Radio und im Fernsehen
mit Menschen über ihre Probleme. Am Anfang heftig kritisiert, ist der
Medienseelsorger inzwischen Träger des Bundesverdienstkreuzes. Ein
Gespräch
über Freaks, Heimat und Einsamkeit,
in: TAZ v. 24.01.
- Inhalt:
WDR-Radiomoderator Jürgen DOMIAN u.a. über
Einzelgängertum:
"Sie
bezeichnen sich als Einzelgänger - was macht einen dazu?
Ich hatte schon als Kleinkind eine
ausgeprägte Sehnsucht nach Autonomie. In Gesellschaft von
Erwachsenen habe ich mich wohler gefühlt als bei der ganzen
Kindermischpoke. Ich bin Einzelkind, wurde aber eigentlich nicht so
erzogen.
Hätten Sie gern Geschwister gehabt?
Ja, einen großen Bruder oder auch eine kleine Schwester. Vielleicht
wird man durch Geschwister etwas lockerer.
Ist es gut, ein Einzelgänger zu sein?
Ich weiß, dass ich es allein kann. Mich packt nicht wie andere
die Panik, wenn ich etwas allein machen muss. Aber es macht das
Leben auch schwer, wenn man Menschen oder Gruppen aus dem Weg geht."
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ADAM, Konrad (2004): Wer hilft eigentlich der Familie?
Die Deutschen vergreisen, weil es immer weniger Kinder gibt. Aber
auch unsere Nachbarn ringen um eine geeignete Familienpolitik. Eine
kurze Bestandsaufnahme,
in: Welt v. 24.01.
- Kommentar:
Singlefeind
Konrad ADAM konnte sich bisher
unwidersprochen auf die Berechnungen von Hans-Werner SINNs Münchner
Ifo-Institut berufen, wenn es darum ging, zu beweisen, dass die
deutsche Politik familienfeindlich sei.
Inzwischen hat jedoch
Astrid ROSENSCHON vom Kieler
Weltwirtschaftsinstitut eine andere Rechnung aufgemacht,
die den Singlefeinden weniger gefällt und die deshalb Konrad ADAM -
mit Berufung auf den gesunden Menschenverstand der Eltern - zu
entkräften versucht.
Die unterschiedlichen
Berechnungen der beiden Ökonomen lassen Unterschiede im Familienbild
und in der Zuordnung von Leistungen erkennen.
ROSENSCHON hat im Gegensatz
zu SINN die Bildungsinvestitionen als familienpolitische Leistungen
eingestuft. Dies ist insofern richtig, weil zwar Singles auch selber
in den Genuss der Leistungen kommen, jedoch zusätzlich die Kosten
für die Kinder anderer mittragen müssen.
Desweiteren hat ROSENSCHON
im Gegensatz zu SINN die steuerlichen Vorteile des
Ehegattensplittings miteinbezogen, die allen Verheirateten zugute
kommen. Dies betrifft zwar auch kinderlose Eheleute, aber
nicht-verheiratete Singles sind am stärksten benachteiligt.
In der Frage des
Ehegattensplittungs deutet sich u.a. der Kulturkampf zwischen
Alter (traditionelle Manager-Ehe) und Neuer Mitte
(Doppelkarriere-Familien) an.
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BUGGELN, Marc (2004): das Schreckbild "Masse".
Bürgerliches Mantra. Zur Geschichte und Entwicklung des
Elitebegriffs,
in: Freitag Nr.5 v. 23.01.
- Inhalt:
"Die
angeblich »demokratische« Elitetheorie ist die Grundlage, auf die
sich der Elite-Begriff stützt, der uns nun von Grünen und SPD
präsentiert wird. Schröder wie Fischer betonen, dass sie eine Elite
wollen, wenn sie denn auf Leistung beruhe, womit sie nur das alte
bürgerliche Mantra wiedergeben. Doch wie sieht es konkret aus mit
der Elite, die auf Leistung beruht? Studien der TU
Darmstadt (unter anderem von
Michael Hartmann)
haben gezeigt, dass es mit der Bedeutung der Leistung
bei der Kooptierung der höchstbezahlten Fachkräfte nicht weit her
ist. So sitzen in den Vorständen großer deutscher Unternehmen fast
ausschließlich Angehörige des Groß-Bürgertums, während andere
Schichten trotz vergleichbarer Leistungen keinen Zutritt zu den
Vorstandsetagen haben. Warum? Weil bei Bewerbern mit ähnlichen
Leistungen die Entscheidung der Vorständler fast immer nach dem
Kriterium ausfällt, wer ihnen im Habitus am ähnlichsten ist. Nicht
viel anders sieht es bei der Besetzung von Professoren-Stellen aus.
Auch hier wird von der Berufungskommission oftmals der Habitus und
die Souveränität stärker bewertet als die an Veröffentlichungen oder
Lehrerfahrung ablesbare Leistung. So sitzen in Deutschland in allen
Studiengängen Vertreter des Groß- und Bildungsbürgertums auf über 90
Prozent der Professorenstellen. Trotzdem ist laut Hartmann die
soziale Durchlässigkeit an den Universitäten größer als in
Unternehmen, da das Verfahren an der Uni formaler ist und Personen
aus unterschiedlichen Statusgruppen an ihm beteiligt sind. Er zieht
daraus den Schluss, dass wenn man Leistung fördern wolle, man
erstens die Verfahren stärker formalisieren und zweitens die
Leistung von Menschen aus sogenannten »bildungsfernen Schichten«
höher bewerten müsste als bei denen, die lediglich den Habitus ihrer
Eltern reproduzieren.
Von solchen Vorschlägen ist aber in der Debatte kaum etwas zu
vernehmen", wirft
BUGGELN in die Elite-Debatte ein.
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SCHLAK, Stephan (2004): Die 29er.
Der deutsche Nachkriegsgeist wird 75 - kurzer Rückblick auf eine
ausdauernde Generation,
in: Berliner Zeitung v. 23.01.
- Kommentar:
Stephan SCHLAK feiert die
Flakhelfer-Generation,
speziell den Jahrgang 1929:
"Anders
als die Vorgänger-Jugend des Ersten Weltkrieges, jener durch Ernst
Glaesers zeitgenössischen Bestseller berühmt gewordene
»Jahrgang 1902«, der im Trubel der Zwischenkriegszeit verloren
ging, hat der »Jahrgang 1929« die Chance, die im Zusammenbruch lag,
ergriffen. "
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MEJIAS, Jordan (2004): Der Ehecode,
in: Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 22.01.
- Kommentar:
MEJIAS berichtet über das 5
Milliarden-Dollar-Programm, das George W. BUSH am Dienstag zur
Förderung der heiligen Ehe versprochen hat. MEJIAS hält zwar nichts
von der These, dass Ehe Wohlstand schafft, denn die Beziehung
zwischen Ehe und Einkommen ist umgekehrt: Armut verringert die
Heiratschancen.
MEJIAS hat jedoch -
wie die meisten Journalisten - Probleme damit, Haushaltsführung und
Familienstand auseinander zu halten.
Anders lässt sich die
folgende Aussage nicht erklären:
"Nichts weniger als Wunder aber sind in einem Land
vonnöten, in dem nach den Ergebnissen der letzten Volkszählung
erstmals Singles mehr Haushalte bilden als Familien mit Kindern.
Allen Beziehungen zum Trotz führt das Warenhaus Amerika die Ehe nur
noch als Auslaufmodell."
Ehemann und Ehefrau
können einen Einpersonenhaushalt führen. Dies ist kein Widerspruch!
Das kann selbst der konservative Edmund STOIBER.
Längere Ausbildungszeiten,
Mobilität und höhere Lebenserwartung führen zum Paradox, dass sowohl
der Einpersonenhaushalt als auch die Ehe kein Auslaufmodell sind,
höchstens man beschränkt Ehe und Familie familienfundamentalistisch
auf den Familienhaushalt als einzig legitime Lebensform.
Ach ja, eigentlich wollte
MEJIAS nur sagen, dass das Ehe-Programm nur dazu dient die
Wiederwahl von BUSH in den "unverzichtbaren Kreisen religiöser und
wertkonservativer Fundamentalisten" zu sichern.
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ROSENAU, Mirja (2004): Frau trägt Kind.
Die Wahrheit über die Jungfrau Maria und ihr fleischliches
Accessoire: bloß keine falsche Mütterlichkeit,
in: Frankfurter Rundschau v. 22.01.
- Inhalt:
ROSENAU vergleicht die Werbekampagne von Gucci
mit mittelalterlichen Marienbildnissen:
"In ihrer Inszenierung
stehen (...) die stählernen, kindbestückten Mode-Amazonen in nichts
den Marienbildnissen des Mittelalters nach, den steinernen Madonnen
der Romantik und der frühen Gotik: Erhaben and er Seite Gottes
thronend oder im freien Stand, frontal zum Betrachter aufgestellt
und geharnischt (...). Das göttliche Kind an ihrer Seite haben sie
fast beiläufig auf der linken Hüfte abgesetzt. Auch hier, in den
frühen statuarischen Inszenierungen der Marienverehrung, ist es
nicht mehr als ein nobilitierender Zusatz, von Gott gesandt, um die
Gottesmutter zu adeln."
Was kommt nach dem
Babywinter?
"Der kommende Sommer scheint
kein Babysommer mehr zu werden. Die Gucci-Göttinnen haben ihre
fleischlichen Accessoires wieder den leiblichen Müttern übergeben.
Nur Claudia Schiffer klammert sich noch an ihren kleinen Caspar, der
mittlerweile auf den Otto-Versandkatalog gewandert ist".
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HÖGE, Helmut (2004): Selber putzen!
Die Putzperson legalisieren? Oder schwarz beschäftigen? Beides ist
falsch. Richtig ist, wenn man den eigenen Scheiß selbst wegmacht,
in: TAZ v. 22.01.
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RÜCKERT,
Sabine (2004): Die Freiheit und ihr Preis.
Seit fünf Generationen erkämpfen sich die Frauen meiner Familie
immer mehr Unabhängigkeit. Dafür bekommen sie immer weniger Kinder,
in: Die ZEIT Nr.5 v. 22.01.
- Kommentar:
Die Schlagzeile animiert eigentlich nicht zum
Weiterlesen, denn man erwartet wieder das typische Bild von der
idyllischen (Groß)familie, das dem heutigen familiären Elend der
Single-Gesellschaft entgegen gesetzt wird - also ätzender
GASCHKE-Stil. Dann liest man jedoch:
"Meine
Urgroßmutter brachte 13 Kinder zur Welt, ich bloß eines. Auf einer
bräunlichen Fotografie sehe ich sie sitzen, eine kleine Frau, müde
von Pflichterfüllung und dem Dienst an Mann und Familie. Von ihren
Kindern starben zwei unter der Geburt, drei starben in den ersten
Lebensjahren. Acht wurden erwachsen, sie sitzen auf dem alten Bild
um meine Urgroßmutter herum, vier Söhne, vier Töchter. Es ist eine
letzte Familienaufnahme aus dem Jahr 1914. Von den vier Söhnen
kehrten zwei von der Front nicht zurück, drei Töchter starben am
Elend des Ersten Weltkriegs. Nur drei der 13 Kinder meiner
Urgroßmutter wurden alte Leute. Zehn hat sie verloren.
Es überlebten: mein Großonkel Wolfgang und meine Großtante Johanna,
die beide keusch und damit kinderlos geblieben sind. Allein meinem
Großvater Bernhard gebar seine Frau 1914 und 1916 unter
Lebensgefahren zwei Söhne. Der jüngere starb noch als Säugling bei
einer Nabelbruchoperation. Übrig blieb nur einer – mein Vater.
Heute, da ich selbst die vierzig überschritten habe, treffe ich
häufiger auf Leute, die sich (...) ins Früher zurückwünschen, in
eine Zeit da die Menschen bedeutender, ihre Gedanken ernster, ihre
Gefühle tiefer, ihre Literatur größer, ihre Bauwerke vollkommener
gewesen sein sollen. Eine Zeit, in der alle eine Ordnung, die Kinder
eine Zukunft und der Einzelne seinen Wert gehabt haben, in der Ehe
und Familie noch zuverlässige Größen waren. Dann denke ich an meine
Urgroßmutter, von der ich nicht weiß, wann sie inkontinent wurde –
nach der fünften Geburt vielleicht oder nach der siebten. Die von
ihrem Mann mit groben Vorwürfen überhäuft wurde, wenn sie wieder
schwanger war. Die ertragen musste, dass ihr dreijähriges Käthchen
an der Kehlkopfdiphterie erkrankte und einen qualvollen
Erstickungstod starb, den heute kein westeuropäisches Kind mehr
erleiden muss. Die ihre Söhne dem Kaiser opferte, sich selbst dem
Ehemann unterwarf, alles ertrug, weil es gottgegeben war. Und ich
bin dankbar, dass ich heute leben darf."
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HOUELLEBECQ, Michel (2004): Innovationen machen müde.
Schluss mit der Anbetung des Neuen! Konservatismus ist die Quelle
des Fortschritts,
in: Die ZEIT Nr.5 v. 22.01.
- Kommentar:
Roman LUCKSCHEITER
hat bereits im
Tagesspiegel vom 01.12.2003
über den Beitrag von
Michel HOUELLEBECQ
im Figaro Magazine (08.11.). Nun kann man den Artikel in der ZEIT
lesen.
HOUELLEBECQ setzt darin
Konservatismus mit dem gesunden Menschenverstand gleich:
"Reaktionäre
wie Progressive sind gleichermaßen dumm in ihrer Auflehnung gegen
den gesunden Menschenverstand, der das Neue will, wenn es gut ist,
und der es ablehnt, wenn es nichts taugt."
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BERTOLUCCI, Bernardo (2004): Ich habe einen Traum.
Aufgezeichnet von Ralph Geisenhanslüke,
in: Die ZEIT Nr.5 v. 22.01.
- Kommentar:
BERTOLUCCI über die Magie des Kinos, die
Anti-68er-Bewegung und den Moralismus der Maoisten:
"Mittlerweile
gibt es bei uns in Italien eine Art revisionistischer
Anti-68er-Bewegung. Sie sagt: 1968 war ein Fehlschlag. Aber diese
Bewegung irrt. Unser heutiges Leben basiert auf den Errungenschaften
dieser Zeit. Damals wurde vieles geträumt, was heute
selbstverständlich ist. Seinerzeit wurde der Slogan geprägt: »Seid
Realisten, fordert das Unmögliche!«
Damals drängte sich die Politik in unser privates Leben. Wir lasen
Marcuse. Sex war Politik. Es gab eine magische Beziehung zwischen
Sex, Politik und Kino. Alles griff ineinander. Sex wurde angesehen
als ein Feld der Revolution. Außer bei den Maoisten, die sehr
moralistisch waren. Wenn ein Junge und ein Mädchen etwas miteinander
anfangen wollten, sollten sie beim Parteisekretär um Erlaubnis
fragen. Viele meiner Freunde wurden damals Maoisten. Sie griffen die
Kommunistische Partei von links an. Das glaubten sie jedenfalls. Die
Kommunistische Partei wurde als reformistisch beschimpft. Heute im
Parlament will jeder ein Reformer sein. Vor 35 Jahren war das die
schlimmste Beleidigung."
Was BERTOLUCCI hier über die italienischen Verhältnisse sagt, das
ist von deutschen Verhältnissen gar nicht so weit weg.
Eine Geschichte über
den Aufstieg von Ex-Maoisten in Politik, Medien und Wirtschaft in
Deutschland ist ein überfälliges Projekt. Und damit ist keine
Aufarbeitung à la
Gerd KOENEN gemeint, die ja selbst
Teil des Problems ist...
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RÜDENAUER, Ulrich (2004): Wie unter dem Vergrößerungsglas.
Porträt des
Verkorkstheits-Poeten als mitteljunger Mann: Der Bachmann-Preisträger
Peter Glaser erzählt eine "Geschichte von Nichts",
in: Frankfurter Rundschau v. 21.01.
- Inhalt:
"Was
Anfang der achtziger Jahre, als die Hipster der Republik ihre Jugend
an die Nacht, die Musik und den Rausch verschwendeten, mit der
Literatur los war, beschrieb Peter Glaser damals so: »Wenn ich im
Ratinger Hof, der Düsseldorfer Wellen-Brutstätte, schreie:
‚Literatur', rennen mehr Leute weg, als wenn ich schreie ‚Polizei'.«
Glaser, Rainald Goetz & Co. wollten diesen verkorksten Zustand wieder
umkehren - mit einer Literatur, die es zumindest ein wenig mit der
Punkattitude der Musik aufnehmen konnte, die auf der Höhe des
Diskurses und der Technologie war. Bei dem aus Graz stammenden Peter
Glaser fingen die Maschinen zu rattern und zu reden an: Zumeist trat
der elektronische Poet bei seinen Lesungen nicht selbst auf, sondern
schickte Disketten und Kassetten. Die damaligen Zuhörer waren Zeugen
ganz früher audiovisueller Computerexperimente, Kopplungen von Autor
und Maschine.
Glasers neoavantgardistisches Manifest »Zur Lage der Detonation«
gab die Richtung vor: Die Literatur sollte knallen, »selbstsicher«
sein, »adrenalintreibend«, »störend und ungehalten«, »schnittig« und
»schräg«. Rawums lautete 1984 folglich der Titel eines Sammelbandes,
in dem die jungen Wilden von
Joachim Lottmann über den Maler Kippenberger bis zu
Diedrich Diederichsen vereinigt gegen die »Langeweile« und
»Lahmarschigkeit« der zeitgenössischen Schreiberei mobil machten und
der nun, knapp zwanzig Jahre später, wiederveröffentlicht wurde",
führt Ulrich RÜDENAUER in die Geschichte der Punk-Literatur ein.
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BECKER, Matthias (2004): Proletarische Eliten.
Bei den Studenten von heute
handelt es sich um zukünftige Lohnarbeiter. Ihre Proteste sind
vergleichbar mit gewerkschaftlich organisierten Arbeitskämpfen
in: Jungle World Nr.5 v. 21.01.
- Inhalt:
BECKER sieht in eine düstere Zukunft für
Studierende:
"Die
Studenten wehren sich nicht gegen ihre Proletarisierung, sie sind
längst proletarisiert.
Bei den Studenten von heute handelt es sich um zukünftige
Lohnarbeiter, zur Elite (im Sinne von Entscheidungsträgern) wird nur
eine Minderheit gehören. Und selbst das ist längst nicht mehr
sicher.
»Für Hochschulabsolventen ist der Markt enger geworden. Die
Arbeitslosigkeit von Akademikern hat in den vergangenen Jahren
stetig zugenommen«, heißt es in einer aktuellen Veröffentlichung der
Bundesanstalt für Arbeit. Und die Experten werden noch konkreter:
»Für Deutschland wird im Jahr 2010 – vorsichtig gerechnet – mit
einem Überangebot von Akademikern von fast 1,6 Millionen gerechnet
(950 000 überschüssige HochschulabgängerInnen und 640 000
überschüssige FachhochschulabgängerInnen).«
Insofern sind die Proteste der Studenten quer durch Europa durchaus
vergleichbar mit gewerkschaftlich organisierten Arbeitskämpfen. Kaum
einem fällt ein, streikende Arbeiter dafür zu kritisieren, dass sie
die Warenform ihrer Arbeitskraft nicht in Frage stellen. An der
Bewegung der Studenten wird es denunziert."
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KUNISCH, Hans-Peter (2004): Bill Clinton und die einsamen Frauen.
Aldi, Sex und weite Hosen: Iris Hanikas Chronik "Das Loch im Brot",
in: Süddeutsche Zeitung v.
21.01.
- Inhalt:
"Das
strukturelle soziale Problem, das den Text durchzieht, ist, dass die
Unabhängigkeit liebenden städtischen Vierzigjährigen heute oft noch
nicht in die »Fortpflanzungsfamilie« gefunden haben, aber müde
werden. Tragikomisch formuliert Hanika dies in »Wir einsamen Frauen«",
hat KUNISCH über Iris HANIKAs Buch "Das Loch im Brot" herausgefunden.
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RICHTER, Christine (2004): Schwanger mit 14.
In Berlin gibt es immer mehr Mütter im Teenager-Alter,
in: Berliner Zeitung v. 20.01.
- Kommentar:
"Für 2001 hat das Statistische Bundesamt unter den
734 475 Geburten ganze 5213 Mütter im Alter unter 18 Jahren
gemeldet", beklagte in der
Welt am 09.01.2004
Kostas PETROPULOS vom Heidelberger Büro für Familienfragen und
soziale Sicherheit.
"Im
Jahr 2002 brachten Mädchen unter 18 Jahren 440 Kinder zur Welt
(...). Das bedeutet bei den Schwangerschaften einen Anstieg um 29
Prozent",
berichtet RICHTER über die Zunahme von Teenager-Müttern in Berlin.
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JÄHNER, Harald (2004): Unsere Elite, wir brauchen dich.
Die Politik wird zum Gottesdienst - mit liturgischen Begriffen zur
Anbetung der Konjunktur,
in: Berliner Zeitung v. 20.01.
- Inhalt:
"Das
heutige demokratische Misstrauen gegen die Elite speist sich aus der
Verkrustung, die die Eliten in der Geschichte durchmachten. Eliten,
einmal privilegiert, neigen dazu, sich vor dem Leistungsprinzip zu
schützen, das sie nach oben brachte. Von diesem Punkt an wollen sich
Eliten nicht mehr an den Ansprüchen messen lassen, die sie erfüllen,
sondern an den Ansprüchen, die sie als überlegene Kaste verkörpern.
Die Elite wird wieder zum Stand. Wie lange kam
man nach Cambridge und Oxford nicht aufgrund seiner Leistungen,
sondern aufgrund seiner Herkunft aus bester Familie? Exzellente
Professoren mühten sich dort ab, verzogene Dummköpfe prüfungsreif zu
machen",
erklärt JÄHNER.
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BOLZ, Norbert (2004): An den Besten messen.
Nach dem Populismus der Elitismus? Gegen das "Kartell der
Mittelmäßigkeit" würden professionelles Verhalten und strenge Auswahl
schon ausreichen,
in: Frankfurter Rundschau v. 20.01.
- Kommentar:
Norbert BOLZ
stellt durch die Verengung der Perspektive auf das Bildungssystem -
und unter
Absehung der sozialen Verhältnisse im Berufssystem
- das Ideal der Leistungsgesellschaft der herrschenden
Ergebnisgleichheit entgegen. Er gelangt deshalb zum Schluss:
"Die
Selbstselektion und der Leistungskult der Meritokratie verträgt sich
schlecht mit dem sozialistischen Spitzenwert Gleichheit, der ja
nicht die liberale Chancengleichheit, sondern die Ergebnisgleichheit
will: Fast alle bekommen eine Eins, also ein summa cum laude - jeder
Geisteswissenschaftler leidet an der Inflation der Bestnote. Dabei
heißt Gleichheit eigentlich nur, dass das Recht blind ist für die
Ungleichheit - aber eben nur das Recht! Für Schulen und
Universitäten ist diese Blindheit tödlich. Gleiche Startbedingungen
- das muss genügen. Spätestens mit der Immatrikulation muss die
kompensatorische Erziehung enden."
Zur
Professorenkarriere hat BOLZ auch noch etwas beizusteuern:
"Ein
Professor hat heute (...) drei Karriereschauplätze, zwischen denen
er wählen muss. Der Starakademiker macht Karriere in der Forschung.
Wer sich das nicht zutraut, kann immer noch Karriere in der Lehre
machen. Das ist der bei Studenten und Ministerien beliebteste Typ:
(...) er verzichtet weitgehend auf Forschung und wissenschaftliche
Publikationstätigkeit. Genau so wie der Professor, der Karriere in
den Gremien macht: Der Gremienprofessor umgeht den
wissenschaftlichen Reputationsmechanismus, indem er
»Universitätspolitik« macht. Alles Wesentliche dazu findet sich in
Dietrich Schwanitz' Buch Der Campus."
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HOLST, Jens (2004): Schnulleralarm für Stubenhocker.
Die mediale Mitwohnzentrale: RTL 2 hat das erfolgreichste
Quoten-Jahr hinter sich und setzt weiter auf das Doku-Soap-Format,
in: Frankfurter Rundschau v. 20.01.
- Inhalt:
"Ebenso
wie seine Zuschauer ist der einstige Party-Kanal feiermüde geworden
- und schaut seiner Zielgruppe nun beim Kinder kriegen, Bad
renovieren und Toiletten putzen zu. Ja, so ändern sich die Zeiten",
meint Jens HOLST:
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PÖTTER, Bernhard (2004): Deutschland, einig Disneyland.
Die Bundesregierung befiehlt:
Bis 2010 wird Deutschland kinderfreundlich. Sie weiß nicht, was sie
tut,
in: TAZ v. 20.01.
- Inhalt:
Bernhard PÖTTER darf heute über die Schrecken
des kinderfreundlichen Deutschland schreiben:
"Die
Bahn führt statt des Kinderabteils das Single-Abteil ein. Busfahrer
landen im Umerziehungslager. In Restaurants gibt es nur noch auf
Antrag Erwachsenenstühle. Der Satz »wenn das meiner wäre« wird mit
einer Freiheitsstrafe nicht unter zwei Jahren belegt. Erziehungsgeld
wird erfolgsabhängig gezahlt. Kartoffelchips werden an Jugendliche
nur gegen Vorlage einer Ehrenurkunde der Bundesjugendspiele
verkauft. Und alle Autos werden in Wohngebieten automatisch auf 25
km/h gedrosselt."
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GRAW, Isabelle (2004): Du bist nicht allein.
In der Mode geht es
grundsätzlich nie darum, dass etwas gebraucht wird oder unmittelbar
einen bestimmten Zweck erfüllt: Vom mimetischen Begehren in Mode und
Kunst und seinen Tücken,
in: TAZ v. 20.01.
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NOLTE, Paul (2004): Das Fundament der Reform.
Der gründliche Umbau unseres Steuersystems darf nicht auf die lange
Bank geschoben werden,
in: Welt v. 20.01.
- Inhalt:
Paul NOLTE bezeichnet die Reformrezepte von
Paul KIRCHHOF
und Friedrich MERZ als jene, die seinen Vorstellungen am nächsten
kommen. Das Steuersystem soll zwar vereinfacht werden, dennoch muss
es Ausnahmen geben, z.B. bei Steuerbefreiungen für Familien.
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SCHAERTL, Marika (2004): Zwischen Laken & Toast.
...entwickelt sich Liebe - oder ein schneller Abschied. Die prekäre
Zeitspanne hat ein Soziologe genauer untersucht,
in: Focus Nr.4 v. 19.01.
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AMENDT, Gerhard (2004): Resigniert, gekränkt und machtlos.
Warum viele Väter nach der Scheidung den Kontakt zu ihren Kindern
abbrechen,
in: Frankfurter Rundschau v. 19.01.
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KNIPP, Kersten (2004): Inflation der Wünsche.
Franz Xaver Kaufmann über die Tradition sozialpolitischen Denkens
und die Reform des Sozialstaats,
in: Frankfurter Rundschau v. 19.01.
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HOLERT, Tom (2004): Die Elite muss Spektakel werden.
Von "Deutschlands klügsten
Kindern" bis zu den "Superstars": Sobald sich irgendwo eine Testbühne
zeigt, wird sie von den Chancensuchern unserer Ranking-Kultur
gestürmt. Vor diesem Hintergrund ist auch die Elitedebatte zu
verstehen: als Disziplinierungsversuch des massenkulturellen
Wildwuchses,
in: TAZ v. 19.01.
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BINAL, Irene (2004): Ausgerechnet Alaska!
Tom Coraghessan Boyle hinterfragt die Hippie-Bewegung,
in: Neue Zürcher Zeitung v. 19.01.
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KÄMMERLINGS, Richard (2004): Mensch!
Extreme Schreibakte: Michael Lentz vereint die Gegensätze,
in: Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 17.01.
- Kommentar:
Richard KÄMMERLINGS lobt Michael LENTZ, der
wiederum Herbert GRÖNEMEYER lobt.
In seinem Roman
"Liebeserklärung" hat z.B. der Erzähler ständig die CD "Mensch"
auf dem Walkman.
GRÖNEMEYER ist für LENTZ eine Art
Andreas GRYPHIUS der Popmusik. Bei ihm zeige sich eine "Wiederkehr
der Aura im Zeitalter der technischen Reproduzierbarkeit des
Kunstwerks".
Richard KÄMMERLINGS stellt LENTZ
als Ausnahmeerscheinung im deutschen Literaturbetrieb dar:
"Der zeitgenössische deutsche Autor hat
sich (...) gemeinhin in zwei Teile gespalten, in den Kopf und den
Bauch, das Über- und das Unter-Ich: Da sind dann einerseits gelehrte
Poeten wie Handke,
Strauß, unter den Jüngeren
Georg Klein, Hettche oder Grünbein. Und auf der anderen Seite
die theoriefeindliche, bodenständige Gegenbewegung, verkörpert von
neuen Realisten der »78er« der
Popfraktion (Ausnahme
Rainald Goetz!) oder der stets volks- und tresennahen
Lesebühnenszene. Lentz paßt da nicht hinein.
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- HANNIMANN, Joseph (2004): Flugblätter
für die Ewigkeit.
Mit dem Citroën DS auf der Ringautobahn der Erinnerung: Olivier
Rolins Roman über die französische Studentenrevolte,
in: Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 17.01.
- Inhalt:
HANNIMANN lobt Olivier ROLINs Roman
"Papiertiger", in dem ein alternder -
zum Bobo mutierter
- 68er der Generation Golf die korrekte Weltsicht erklärt:
"Die Revoluzzer seiner Generation hätten einem
anderen Ewigkeitsideal entsprochen als die Ewigjungen heutzutage auf
den Werbeplakaten. »Du fängst an zu dozieren!«, brummt das Mädchen."
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KOGELBOOM, Esther (2004): Lass es raus!
Eine deutsche Karriere: Mit 18 bei der Waffen-SS, mit 30 zynischer
Starreporter, mit 50 bei Bhagwan. Heute sagt Jörg Andrees Elten, ohne
Ego lebe es sich besser,
in: Tagesspiegel v. 17.01.
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ECONOMIST (2004): Social mobility.
What's it worth? The Government tinks more higher education means
more social mobility. It's wrong,
in: Economist v. 16.01.
- Kommentar:
Was der Soziologe Michael HARTMANN als
Mythos von den Leistungseliten
bezeichnet hat, das hat nun eine britische Forschungsgruppe um den
Soziologen John GOLDTHORPE auch für den Bereich der New Economy in
Großbritannien herausgefunden.
Nicht die schulischen Leistungen,
sondern die soziale Herkunft bestimmen den sozialen Aufstieg auch in
der neuen Dienstleistungsgesellschaft:
"the
qualities that employers in the service sector want are those the
middle classes acquire at home: articulacy, confidence and smartness."
Der Economist verweist auf einen demnächst erscheinenden Beitrag von
Michelle JACKSON, John GOLDTHORPE und Colin MILLS mit dem Titel "Education,
Employers and Class Mobility" (Rsearch in Social Stratification and
Moblity, Elsevier)
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BECK, Ulrich (2004): Orwell lässt grüßen.
"Rückschritt ist Innovation",
in: Süddeutsche Zeitung v. 16.01.
- Inhalt:
"Wer
auf den Ausbau der »Dienstleistungsgesellschaft« setzt, vertraut auf die
Grenzen der nationalen Dienstleistungsgesellschaft. Und auch wer »jobless
growth« und den »Export von Arbeitsplätzen« anprangert, nimmt die
Wirklichkeit noch immer in nationalstaatlichen Begriffen wahr. Im
besten Fall wird es ein Wirtschaftswachstum geben, das vielleicht
sogar neue, attraktive Arbeitsplätze erfordert. Diese aber entstehen
in der entgrenzten Wirtschaft dann nicht innerhalb, sondern
außerhalb Deutschlands, also in Indien, China, Polen und so weiter",
schreibt der Transnationalist
Ulrich BECK.
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DIEDERICHSEN, Diedrich (2004): Der Promi ist eine Mikrobe.
Nach dem Prozess gegen
Michael Jackson wird es keine Stars mehr geben, nur noch Prominente.
Sie sind die Agenda 2010 der Gegenwartskultur - der Kompromiss mit der
unausweichlichen Scheiße,
in: TAZ v. 16.01.
- Kommentar:
"Der
Star war meist auf ein Medien-Milieu spezialisiert, der Promi ist
gerade dadurch gekennzeichnet, dass er von Milieu zu Milieu springt
und dabei seinem Gesichtslogo triumphierend ähnlich bleibt - die
strukturgewandelte Öffentlichkeit von Privatfernsehen und Internet
hilft ihm dabei, bildet sein Meta-Milieu",
behauptet Diedrich DIEDERICHSEN - ganz der allgemeinen
Individualisierungsthese verhaftetet - , der gerade der Boden
entzogen wird...
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KRON, Norbert (2004): E-Mail für Dich.
Wie man Liebesbotschaften im Internet-Zeitalter schreibt - und wozu
der gute alte Liebesbrief immer noch gut ist,
in: Tagesspiegel v. 16.01.
- Inhalt:
"Wer
Lentz' »Liebeserklärung« (S. Fischer) liest, kann miterleben, wie
die Emotionen einen Liebenden auch heute so in Fahrt bringen, dass
er sich seine Gefühlswelt erst wieder »erklären« muss. Ständig auf
Reisen, schickt er seiner Geliebten eine SMS nach der anderen.
Es kann auch eine E-Mail sein. Dass heute keine Liebesbriefe mehr
mit der Hand geschrieben werden, hat seinen Grund in der
Geschwindigkeit unserer Tage. Auch die Gefühle haben es eiliger; die
Schneckenpost kann da nicht mehr mithalten. So wie das billet doux,
einst ein Kassiber, ins mobile Telekommunikationsnetz abgewandert
ist, hat sich die Liebeskommunikation ins Internet verlagert. Dort
wuchert sie, nimmt ungeahnte Formen an, überquert in
Lichtgeschwindigkeit ganze Kontinente. Musste man früher Tage lang
warten, reicht heute ein Tastendruck und die oder der Liebste erhält
den Herzenserguss mit angehängter Klangfile und Bilddatei – oder
kommt gar per MMS übers Fotohandy unter die Bettdecke.
Der Liebesbrief ist tot; es lebe die Liebesmail. Die Gefühle bleiben
dieselben. Schon in »E-Mail für Dich«, Nora Ephrons Komödie mit Tom
Hanks und Meg Ryan, war zu sehen, wie die Zuneigung zwischen zwei
einander Unbekannten per Computerpost immer weiter hochgeschaukelt
wird. Feinsinniger noch beschreibt die Frankfurter Journalistin
Hilal Sezgin in der aktuellen Ausgabe des „Kursbuchs“ (Rowohlt Berlin), welche
Blüten die Liebeskorrespondenz bei den Mittdreißigern treibt.
Alte Liebe, neues Medium: Die Schnelligkeit der Datenübertragung hat
die Qual des Begehrens keineswegs gelindert",
schreibt der Schriftsteller Norbert KRON.
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- Lesenswertes
Interview
REINECKE, Stefan (2004): "Was nicht ins Konzept passt, filtert die
SPD-Spitze einfach weg", sagt Franz Walter.
Tausende Sozialdemokraten
geben ihr Parteibuch zurück - die SPD-Führung antwortet mit einem
Achselzucken,
in: TAZ v. 15.01.
- Kommentar:
Der Politikwissenschaftler Franz WALTER bringt
das sozialdemokratische Problem in einen Zusammenhang mit der
Individualisierungsthese der Neue-Mitte-Theoretiker:
"In
der SPD selbst gibt es dafür seit langem eine
trivial-soziologische Erklärung: Der Mitgliederschwund wird als
Folge der Individualisierung verstanden, die dazu führt, dass
die Menschen sich nicht mehr verbindlich an Kollektive binden.
Das ist ja nicht falsch.
Nein, aber unscharf. Die SPD verliert am stärksten in
ihren Traditionsgebieten, im Ruhrgebiet und im Saarland. Sie
verliert bei den so genannten kleinen Leuten. Das zeigt, dass sich
dieses Milieu vernachlässigt fühlt. Deshalb ist die allgemeine
Individualisierungsthese ein Versuch der Selbstberuhigung.
Die SPD-Spitze scheint den Mitgliederschwund
achselzuckend hinzunehmen - so wie das Wetter. Warum?
Offenbar hält sie die Mitglieder für nicht so wichtig.
Die SPD hat sich bei den letzten Wahlkämpfen stark von
Marketingexperten beraten lassen - und in deren Blick sind
Mitglieder Ballast: konservative, sentimentale Leute, die jedem
Versuch, beweglich, modern und kampagnenfähig zu sein, im Wege
stehen. Das ist - von Ulrich Beck bis zu Matthias Machnig inspiriert
- eine wesentliche Linie in der SPD der letzten Jahre."
Wahlfreiheit besteht -
gemäß
Franz WALTER - für die Nicht-Elite
nur noch zwischen Pest und Cholera...
Single-dasein.de hat im
September-Thema zu 20 Jahren Individualisierungsthese WALTERs
Sicht bereits vorweggenommen. Die jetzigen Probleme sind bereits im
Aufstieg dieses Paradigmas Anfang der 80er Jahre angelegt gewesen.
Der Ungleichheitsforscher
Stefan HRADIL
hat in einem neueren Beitrag schon einmal das subjektsoziologische
Paradigma jenseits der Individualisierung beschrieben:
"Wenn Subjektorientierte Soziologie an
Individualisierungsprozesse gekoppelt wäre, ginge sie schweren
Zeiten entgegen. Denn heute erleben wir - wenn ich das recht sehe -
nicht wenige Gegenbewegungen gegen die Individualisierung" (aus:
Erfahrungen mit Subjektorientierter Soziologie, S.239, in: Marek
FUCHS & Jens LUEDTKE (HG.) Devianz und andere gesellschaftliche
Probleme, 2003 )
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GASCHKE, Susanne (2004): Das kinderlose Land.
Die viel zitierte "Selbstverwirklichung" der Frauen kann den
Geburtenrückgang in Deutschland nicht erklären. Auch Männer hadern mit
den neuen Erwartungen an Väter - und verzichten auf Familie. Teil 1
der neuen ZEIT-Serie "Allein zu zweit",
in: Die ZEIT Nr.4 v. 15.01.
- Inhalt:
Was zu GASCHKE zu sagen wäre, das kann man
hier nachlesen, deshalb heute nur
ein Zitat:
"wenn
man nach den Ursachen der deutschen Fortpflanzungsmisere sucht:
Offenbar spielt das postfeministische Verhältnis von Männern und
Frauen dabei eine Rolle; die neuen bildungsbegünstigten
Berufsbiografien der Frauen; die geringe Sehnsucht der Männer,
Familienarbeit zu übernehmen; die Schwierigkeit, work und
life im flexiblen Kapitalismus in eine Balance zu bringen;
die mitunter
harten Anforderungen der Spaßgesellschaft; die psychische
Verfassung einer Bevölkerung, der seit langem eingeredet wird, ihr
reiches Land befände sich in der schwersten Krise seit Kriegsende."
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BLOMERT, Reinhard (2004): Erst reich, dann gleich.
Immer abwechselnd: Kevin Phillips beschreibt das
Spannungsverhältnis von Kapitalismus und Demokratie in Amerika,
in: Die ZEIT Nr.4 v. 15.01.
- Inhalt:
"Phillips
glaubt, dass Amerikas Chance in einem Regimewechsel besteht: Ein
neuer Roosevelt, der gegen Korruption, Polarisierung und die Exzesse
der Marktwirtschaft auftritt, kann das Pendel wieder zur sozialen
Gerechtigkeit zurückbewegen. Amerika könnte also die Welt in den
nächsten zehn Jahren einmal mehr überraschen. Das würde eine völlige
Umorientierung auch für die Europäer bedeuten",
glaubt BLOMERT.
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BÖTTIGER,
Helmut (2004): Nach dem Pop.
Hält Literatur nicht mehr
über den Tag hinaus? Ist alles seicht und bald vorbei? Ein Essay über
die Halbwertszeit des Schönen,
in: Die ZEIT Nr.4 v. 15.01.
- Kommentar:
Helmut BÖTTIGER versucht die Gegenwartsliteratur zu
ordnen, das gerät ihm in erster Linie zu einer verspäteten Kritik an
Moritz BAßLERs "Broschüre"(!) "Der deutsche
Pop-Roman". BÖTTIGER kritisiert dessen Popbegriff:
"Popliteratur
heute auf das zu reduzieren, was Andy Warhol bereits in den
sechziger Jahren mit seiner Campbell-Soup-Dose praktizierte, ist
dürftig. Von Rolf Dieter Brinkmann über
Hubert Fichte bis zu
Meinecke,
Röggla,
Rainald Goetz oder
Andreas Neumeister zieht sich eine Linie, die bei Baßler gar
nicht existiert und auf die der Begriff Pop gleichfalls zutrifft: Da
geht es um die Intensität des gelebten Augenblicks, um Musik, um ein
emphatisches Daseinsgefühl – aber auch um die Vermitteltheit dieses
Augenblicks. Rainald Goetz etwa steht immer gleichzeitig daneben,
wenn er seine Apotheosen des Jetzt inszeniert."
BÖTTIGER verteidigt die kritische
SUHRKAMP-Literatur von Thomas MEINECKEs "Mode & Verzeiflung" bis
Rainald GOETZ
gegen die affirmative Tristesse Royale der Generation Golf.
Von Acid nach Adlon und zurück sozusagen.
Am Ende proklamiert BÖTTIGER den
neuesten Hype, der die
"spezifisch deutsche Kluft zwischen Kritiker
und Schriftsteller" wieder herstellen möchte:
"So wurde in letzter Zeit der Rang von
Schriftstellern wie Reinhard Jirgl, Ulrich Peltzer, Ernst-Wilhelm
Händler oder Wilhelm Genazino immer mehr erkannt. Sie agieren unabhängig von
den Diskursvorgaben. Sie brauchten Jahre, um ihre Sprache zu
entwickeln. Sie sprechen unwiderlegbar im Jetzt, aber es ist ein
erkennbar anderes. Langsam wächst das Bewusstsein dafür, dass es
einen Unterschied gibt zwischen Literatur und Medienkompetenz."
Eine literatursoziologische Perspektive fehlt
in dieser Pop-Debatte. Gerade die Soziologie müsste an der
Popliteratur besonders interessiert sein.
Der Soziologe Stefan HRADIL weist der
Literatur jedenfalls neuerdings eine "seismografische Qualität" zu:
"Alltagsbeobachtungen sensibler Beobachter, die
Darstellungen in Medien, in der Literatur und in den Künsten. Sie
(...) weisen oft sehr frühzeitig auf gesellschaftliche Veränderungen
hin. Häufig viel früher als die notwendigerweise schwerfällige
empirische Sozialforschung, die Entwicklungen erst dann registriert,
wenn sie zu unübersehbaren Massenerscheinungen geworden sind"
(2003).
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HASLER, Ludwig (2004): Im Fegefeuer der Denkfaulheit.
Prinzipienreiter, Stubenhocker und Meisterdenker: Der unermüdliche
Aufklärer Immanuel Kant ist schon 200 Jahre tot. Höchste Zeit, ihn zu
verstehen,
in: Weltwoche Nr.3 v. 15.01.
- Kommentar:
Zum 200. Todesjahr von Immanuel KANT ist schon
viel geschrieben worden. HASLER geht nun u.a. der Frage nach, ob
zwischen dem Single-Dasein von KANT und seinem Denken ein
Zusammenhang besteht:
"«Die
Lebensgeschichte des Immanuel Kant ist schwer zu beschreiben»,
spottet schon Heinrich Heine, «denn er hatte weder Leben noch
Geschichte.» Das sitzt. Auch in gebildeten Köpfen: Kant, der
Stubenhocker. Der schrullige Meisterdenker. Der preussische
Oberpedant. Der bucklige Senfstöpsler. Der Prinzipienreiter, nach
dessen täglicher Spazierroutine die Königsberger ihre Uhren richten.
Der Hagestolz, der die Ehe generös zum «wechselseitigen Genuss der
Geschlechtsteile» freigibt, selber jedoch kaum eine Frau berührt.
Der Spiesser als Denkvirtuose.
Die Klischees dienen unterschiedlichen Zwecken. Den einen holen sie
das Denkgenie vom Sockel herunter in die Pantoffeln des
Menschlich-Allzumenschlichen. Andere entschädigen sie
karikaturistisch für die vergebliche Mühe, Kants theoretische Werke
verstehen zu wollen. Dritten entlarven sie die Zumutung der
Kantschen Pflichtphilosophie – nach dem Motto: Zu einer derart
sinnenfeindlichen Moral à la kategorischer Imperativ konnte sich nur
einer versteigen, der sich Welt und Sinnlichkeit ängstlich vom Leib
hielt.
Zu diesen Dritten, die im ereignislosen Leben Kants die
Weltlosigkeit seiner Philosophie erkennen wollen, zählt Heinrich
Heine. Weiter in seinem Text: Kant «lebte ein mechanisch geordnetes,
fast abstraktes
Hagestolzenleben, in einem stillen, abgelegenen Gässchen zu
Königsberg. Ich glaube nicht, dass die grosse Uhr an der dortigen
Kathedrale leidenschaftsloser und regelmässiger ihr äusseres Tagwerk
vollbrachte wie ihr Landsmann Immanuel Kant. Aufstehn,
Kaffeetrinken, Schreiben, Kollegienlesen, Essen, Spazierengehn,
alles hatte seine bestimmte Zeit, und die Nachbarn wussten ganz
genau, dass die Glocke halb vier sei, wenn Kant (...) nach der
kleinen Lindenallee wandelte, die man seinetwegen noch jetzt den
Philosophengang nennt. Achtmal spazierte er dort auf und ab, in
jeder Jahreszeit, und wenn das Wetter trübe war oder die grauen
Wolken einen Regen verkündigten, sah man seinen Diener, den alten
Lampe, ängstlich besorgt hinter ihm drein wandeln, mit einem langen
Regenschirm unter dem Arm, wie ein Bild der Vorsehung.»"
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KITTL, Beate (2004): Der grosse Unterschied.
Statt ewiger Liebe Streit,
Schweigen und Trennungsschmerz. Schuld ist die Natur. Zu verschieden
sind die Gehirne von Mann und Frau. Damit die Beziehung trotzdem
klappt, raten Psychologen zur Verhaltensforschung am Partner,
in: Facts Nr.3 v. 15.01.
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[ zum Seitenanfang ]
Zu den News
vom 07. - 14. Januar 2004
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