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News vom 20. - 31. Januar 2006

 
 
     
 
   

Zitat des Monats:

"Jener bereits erwähnte Wirtschaftsforschungsinstitutsleiter schrieb: »Wenn alle Menschen gleich viele Kinder hätten, brauchte man die Rentenversicherung eigentlich nicht, denn jeder könnte seine Rente von den eigenen Kindern beziehen.« Die eigenen Kinder, die eigenen Alten, das Eigene...
          
Moderne Gesellschaftspolitik stellte der persönlichen Solidarität einen vergesellschafteten Solidarverband an die Seite, um die »eigenen« privaten Risiken von Krankheit, Arbeitslosigkeit, Kinderlosigkeit usw. zu mindern - ein Vorgehen, das umso gerechtfertigter war und ist, als die Nöte der individuellen Lebensgeschichte von der herrschenden Ökonomie und Ökologie mitverursacht sind.
          
Eine Politik, welche die soziale Solidarität in die familiären Bahnen zurückdrängen möchte, widerspricht der gesellschaftlichen Entwicklung, in deren Verlauf sich Solidarität von biologischen Fesseln befreit hat. Eine Rückkehr zu vormodernen Verhältnissen würde die Gestaltungs- und Freiheitsräume der Menschen verengen und ihre Unterworfenheit unter die Natur wieder festigen. Moderne Länder wie Deutschland würden durch vormoderne Experimente das verschleudern, was die Länder des Südens aufgrund der Abnahme familiärer Solidarität erst aufzubauen versuchen."
(Judith Klein in der Zeitschrift Neue Gesellschaft/Frankfurter Hefte, Nr.12, Dezember 2005)

 
 
 
 
 
  • HARTUNG, Manuel (2006): Der Linke als Libero.
    Er ist einer der letzten Marxisten im deutschen Wissenschaftsbetrieb. Michael Hartmann kämpft mit empirischen Studien gegen Eliteuniversitäten und Studiengebühren,
    in: Die ZEIT Nr.4 v. 19.01.
    • Inhalt:
      HARTUNG porträtiert den Elitenforscher Michael HARTMANN:

                
      "Geboren im erzkatholischen Paderborn, der Vater Finanzchef des Erzbistums, lernte Hartmann die Kirchengrößen kennen, »die leuchtende Fassade vor einem schwarzen Abgrund«, sagt er. (...).
                
      An der Universität deutete alles auf eine Blitzkarriere hin. Mit 24 war er Magister, mit 26 in Hannover promoviert, mit 30 in Osnabrück habilitiert, »soweit ich weiß, als einer der drei jüngsten in der Soziologie«. Doch dann folgte ein elend langer Marsch zum Lehrstuhl: (...). Siebzehn lange Jahre wartete Hartmann auf einen erfolgreichen Ruf, erst im Alter von 47 Jahren klappte es in Darmstadt"
 
  • TIMM, Tobias (2006): Wie kann ich böse sein?
    Matias Faldbakken schreibt einen provokanten Roman über Verlierer, Nihilisten und die schlechte Laune der Skandinavier,
    in: Die ZEIT Nr.4 v. 19.01.
    • Inhalt:
      Tobias TIMM nutzt die Rezension des Romans "Macht und Rebel" von Matias FALDBAKKEN nebenbei auch zur Abrechnung mit Ulf POSCHARDT, der vor einiger Zeit die FDP popfähig machen wollte:

                
      "Rebel (...)(trifft) auf Macht, ein so genannter Kreativer, eine Art raubeiniger Ulf Poschardt: Er kennt sich aus mit den Stilen des Untergrunds und will gleichzeitig zu den großen Playern aus der Wirtschaft gehören. Macht ist notgeil nach Macht".
                
      TIMM sieht in dem Roman die Wiedergeburt des Punks:
                
      "Ihn beschäftigen die Unmöglichkeit, im heutigen Kapitalismus Widerstand zu leisten,und das Versagen der Ironie. Man kennt die Klage aus der so genannten Pop-Linken: Die eigene Gegenkultur funktioniert nur noch als Spaßzulage und Innovationsquell des Turbokapitalismus, denn das Kapital ist im Postfordismus längst so intelligent, jegliche Subversion zu inkorporieren. Macht und Rebel wollen diese Erkenntnis auch den letzten verbleibenden Politaktivisten einprügeln. »Punk is dead!« lautet die Parole.
                
      Matias Faldbakken schreit sie für uns so aggressiv, schmutzig und voller schwarzbraunen Witzes heraus, dass sein Buch letztlich nur einem Ziel dient: der literarischen Reanimation des Punk. Richtig glücklich wäre der Autor, wenn man ihn für sein Buch hassen würde."
 
 
  • MISHRA, Robin (2006): Mütter, Courage!
    Elterngeld und Steuervorzüge bei der Kinderbetreuung sind „unsozial“. Nur deshalb wirken sie. Renate Schmidt und Ursula von der Leyen haben die ausgetretenen Pfade verlassen. Mit ihren Plänen könnten sich Akademiker und Arbeitswelt ändern,
    in: Rheinischer Merkur Nr.3 v. 19.01.
 
  • MEVES, Christa (2006): Kinder zwischen Wunsch und Wirklichkeit,
    in: Rheinischer Merkur Nr.3 v. 19.01.
    • Kommentar:
      "Es ließe sich hier ein ganzer Roman darüber einschieben, wie sehr in der Literatur die ursprüngliche und naturwüchsige Beziehung zwischen Mutter und Kind in Frage gestellt wird. (...). Es geht (...) darum, zu bestreiten, daß in den meisten Fällen zwischen Mutter und Kind eine tiefe und unmittelbare Beziehung entsteht, die ein Leben lang prägend ist. Und es wird versucht, abzumildern, daß diese Beziehung (...) der wichtigste Nährgrund für die Psyche des heranwachsenen Kindes ist.

                
      Ein Ersatz für diese Beziehung zeichnet sich aber auch heute nirgendwo ab! (...). Die Diskussion über die Mütter (...) dient unterschwellig dazu, dem Mann einen Platz zu schaffen, den er in der Regel weder voll ausfüllen kann und will." ("Frauenzimmer", 1985, S.58f.)
                
      Dies schrieb die 68erin Gisela ERLER, die den ersten westdeutschen Frauenbuchverlag Frauenoffensive mitbegründete und in den 80er Jahren eine Vorreiterin des Differenzfeminismus wurde, der 1987 im grünen Müttermanifest seinen originären Ausdruck fand.
                
      Wenn Christa MEVES die defizitäre Väterlichkeit der Naturwüchsigkeit der Mutter-Kind-Beziehung entgegenstellt, um damit die Väterkomponente des Elterngeldes abzulehnen, dann spricht sie damit auch jene konservative Frauenbewegung an, wie sie im Umkreis des grünen Aufbruchs in den 80er Jahren vertreten wurde. Gemeinsam ist beiden auch die Kritik am Lebensstil des lohnarbeitszentrierten Industrialismus, bei dem Arbeit und Leben geografisch getrennt sind.
                
      MEVES begründet in dem Artikel die Überlegenheit der Mütter folgendermaßen:
                
      "Darüber hinaus setzt das Familienministerium nun auf den Vater. (...). Welch ein geradezu romantischer Ansatz!
                
      Selbst wenn es dem Vater möglich ist, sich vom 10. bis zum 12.Lebensmonat seines Kindes beurlauben zu lassen, während seine Frau an ihren außerhäuslichen Arbeitsplatz zurückeilt, ist das für das Kind durchaus bedenklich, etwa wenn er vorher nicht ständig in der Familie lebte, er dem Kind also kaum vertraut ist. Nicht selten ist das heute so, zum Beispiel bei einem weit entfernten Arbeitsplatz.
                
      (...). Auf diese Weise wird nicht nur die Bedeutsamkeit des Vollstillens während des ersten Lebensjahres ignoriert, sondern auch die Tatsache, dass die hormonelle Ausstattung der jungen Mutter auf die Pflege von Säuglingen besonders zugeschnitten ist. Mütter reagieren zum Beispiel schneller und hellhöriger auf die Lebensbedürfnisse des Säuglings als Männer. Frauen können besser riechen. Sie haben einen Sprechfluss, der im statistischen Mittel dreimal so hoch ist wie der des Mannes. Und gerade die Fülle der dem Kind dargebotenen verbalen Ansprache ist es, die die Hirnentwicklung in ihrer entscheidenden Phase optimal fördert. Die Familienpolitik sollte sich auf den Boden der natürlichen Realität begeben."   
 
  • SIRLESCHTOV, Antje (2006): "Nur Luftschlösser".
    Grünen-Fraktionschefin Künast über die Familienpolitik der großen Koalition – und Teletubbie-Deutsch,
    in: Tagesspiegel v. 19.01.
    • Inhalt:
      Renate KÜNAST stimmt mit der schwarz-roten Bevölkerungspolitik prinzipiell überein,  würde aber andere Prioritäten setzen. Der Ausbau der staatlichen Kinderbetreuung steht für sie an erster Stelle.
 
  • SCHMITT, Cosima (2006): "Das ist Kosmetik gegen Krebs".
    Es ist gerecht, bei der Familiengründung verstärkt die Mittelschicht zu fördern, findet der Sozialrichter Jürgen Borchert. Gerade sie leide besonders unter dem Einkommensverlust, wenn einer der Partner sich um das Kind kümmert,
    in: TAZ v. 19.01.
    • Inhalt:
      Jürgen BORCHERT sieht in der Debatte um die steuerliche Absetzbarkeit der Kinderbetreuung eine Alibidebatte, weil ein "Arzt oder Anwalt (...) seine Kinderfrau als Praxishilfe anmelden" kann.

                
      Ehepaare sieht er gegenüber Alleinerziehenden benachteiligt. Teilzeit lohnt sich für Ehefrauen nicht, wie er am Beispiel seiner Frau erläutert.
                
      Cosima SCHMITT liefert ihm passgenau die Stichworte für eine mittelschichtorientierte Familienpolitik:
                
      "Dennoch sind es ja nicht die Geringverdiener, sondern die Akademiker, bei denen die Geburtenraten dramatisch sinken. Ist Geld wirklich so wichtig - oder entscheiden Paare nicht eher nach der Situation im Job?
                
      Selbst aus dem ach so gepriesenen Schweden wissen wir: Wenn sich die Lage am Arbeitsmarkt verschlechtert, sinken auch die Geburtenziffern. Oder denken Sie an die neuen Bundesländer, die seit der Wende die weltweit niedrigste Geburtenrate haben. Nicht zufällig sind es ja hierzulande die jungen Lehrerinnen, die die meisten Kinder kriegen. Die Paare brauchen eine stabile Berufslaufbahn, flache Hierarchien und flexible Arbeitszeiten. Dann bekommen sie auch Nachwuchs."
 
  • KÖHLER, Horst (2006): Von der Freiheit, Kinder zu haben.
    Wir sollten unsere Haltungen überdenken: Unsere Vorstellungen von einem gelingenden Familienleben, von Mütter- und Väterrollen und vom Platz, den Kinder in unserem Leben einnehmen,
    in: Frankfurter Rundschau v. 19.01.
    • Kommentar:
      Die FR dokumentiert die Rede von KÖHLER in Auszügen. Was den Lesern nicht zugemutet wird, dass kann hier nachgelesen werden.

                
      KÖHLER bedient - politisch korrekt alle gesellschaftlichen Gruppen. In der taz freut sich deshalb Heide OESTREICH, dass auch die Homoehe nicht ausgegrenzt wird.
                
      Selbst die Kinderlosen werden von KÖHLER onkelhaft bedacht:
                
      "Es gibt viele Gründe, warum Menschen keine Kinder haben. Und es gibt viele Kinderlose, die sich für Kinder engagieren: Denken wir an den Nachbarn, der babysittet; an die Tante, die Nachhilfeunterricht erteilt; an den spendablen Patenonkel; den Betreuer im Sportverein."
 
  • Debatte um Kinderbetreuung

    • RATH, Christian (2006): "Wahlfreiheit ist nicht gefährdet".
      Rechtsprofessorin Ute Sacksofsky fordert, dass Kinderbetreuungskosten bei der Steuer voll berücksichtigt werden. Die Gleichberechtigung zu fördern sei kein Dirigismus,
      in: TAZ v. 18.01.
    • OESTREICH, Heide (2006): Familienpolitik im Wunderland.
      Der Kita-Ausbau ist wichtiger als die Finanzierung von Tagesmüttern,
      in: TAZ v. 18.01.
    • SCHLOEMANN, Johan (2006): Lächelnde Fürsorge.
      Kampf den fünfziger Jahren: Die Konservativen und die Familie,
      in: Süddeutsche Zeitung v. 18.01.
      • Inhalt.
        SCHLOEMANN hat - wie bereits zuvor Cordt SCHNIPPEN - die Schizophrenie der Konservativen entdeckt:

                  
        "Der Ruf nach mehr staatlicher Kinderbetreuung folgt eindeutig dem wirtschaftlichen, nicht dem weltanschaulichen Impuls der Konservativen.
                  
        Tief im Innern widerspricht er dem Traum von Familie, mit dem konservative Denker wie Udo Di Fabio, Paul Kirchhof und Meinhard Miegel und auch Unionspolitiker wie Horst Köhler und Jürgen Rüttgers imprägniert sind - und doch sind es dieselben, die kaum eine Gelegenheit auslassen, mehr Marktdynamik und Mobilisierung von Arbeitskraft einzufordern.
                  
        Darin liegt ein Problem, das lange noch nicht gelöst ist: Man kann nicht die doppelt arbeitenden, hochmobilen Arbeitnehmerpaare, die der Globalisierung trotzen, und die familiäre Geborgenheit nach alter, rheinischer Manier gleichzeitig haben. Auch nicht, wenn man noch so viel lächelt."
    • BERTH, Felix (2006): Gutschein für die Tagesmutter.
      Hans Bertram rät zu britischem Modell,
      in: Süddeutsche Zeitung v. 18.01.
 
  • REINECKE, Stefan (2006): "Die Platzeck-SPD setzt auf Werte".
    Die SPD visiert eine neue Form von Wohlfahrtsstaat an, der sich auf Bildung konzentriert. Das sieht etwas diffus aus, ist aber taktisch und auch langfristig sinnvoll, um die SPD neu zu positionieren, meint der Parteienforscher Uwe Jun,
    in: TAZ v. 18.01.
 
  • Die Bevölkerungspolitik der Großen Koalition

    • TKALEC, Maritta (2006): Der deutschen Bevölkerung,
      in: Berliner Zeitung v. 17.01.
      • Kommentar:
        Während die verlogene taz titelt, die SPD entdecke die Familie und in ihrem taz-Brennpunkt Finnland zum Vorbild stilisiert, bringt TKALEC die Bevölkerungspolitik von Schwarz-Rot auf den Punkt:

                  
        "Zum ersten Mal seit 1945 macht eine Bundesregierung wieder bekennende Bevölkerungspolitik. Das von der großen Koalition beschlossene Elterngeld gesteht Männern und Frauen für ein Jahr zwei Drittel ihres letzten Einkommens zu, wenn sie ein Kind bekommen. Wenn sie viel verdienen, bekommen sie viel, wenn sie wenig verdienen, bekommen sie wenig. Der Staat sichert nicht das Grundbedürfnis, sondern den Statuserhalt.
                  
        Das Elterngeld, flankiert von der steuerlichen Absetzbarkeit der Kinderbetreuungskosten, ist eine Revolution: Sie verabschiedet sich vom Grundsatz, dass für alles und jedes sozialer Ausgleich zu schaffen sei, Verteilungsgerechtigkeit zu walten habe, dass Reichere mehr zu zahlen und weniger zu bekommen hätten als Ärmere. Stattdessen orientiert sich das Bundeskabinett an einem einzigen Ziel: Die deutsche Gesellschaft braucht bei Strafe ihres Untergangs mehr Kinder - und zwar auch und vor allem mehr Kinder von Besserverdienenden. (...). Deutschland braucht jedes Kind - um fast jeden Preis, und deshalb geht auch die im Detail berechtigte Kritik an einzelnen familienpolitischen Maßnahmen im Ganzen in Leere."
    • KAMANN, Matthias (2006): Falsche Erwartungen,
      in: Welt v. 17.01.
      • Kommentar:
        KAMANN kritisiert den Etatismus der Familienpolitik und plädiert stattdessen - im Interesse der Versicherungsbranche - für den Ausbau kapitalgedeckter Vorsorge sowie für die private Kinderbetreuung im Sinne eines Ausbaus des Niedriglohnsektors im Bereich der haushaltsbezogenen Dienstleistungen.

                  
        Bei der Lichtung der "Familienalimentierung" plädiert KAMANN für Härte gegen sozialstaatsabhängige Familien:
                  
        "Trotz des steten Anwachsens der Familientransfers (...) ist unsere Geburtenrate weiter gesunken. (...).
                  
        Ändern wird sich das nur, wenn man aufhört, Familienpolitik als politische Form der Freundlichkeit aufzufassen. Vielmehr ist durchaus Härte gefragt, der Dschungel der Transfers zu lichten und die Verantwortung der Familien beim eigenen Wirtschaften zu stärken, statt daß wie bisher viele Leistungen zum Verharren im unteren Bedürftigkeitsdrittel führen." 
 
  • BOLZ, Norbert (2006): Jetzt heißt es erwachsen werden.
    Feine Unterschiede (1): Viel wäre gewonnen, wenn wir die Buntheit der Moderne nicht mehr im Outfit, sondern im Denken suchen würden. Ein Plädoyer dafür, das in Deutschland gewöhnungsbedürftige Konzept der linken Bürgerlichkeit zu wagen,
    in: TAZ v. 17.01.
    • Kommentar.
      Norbert BOLZ schreibt den ersten Beitrag zur geradezu unsausweichlichen taz-Reihe über die neue Bürgerlichkeit, die mittlerweile als Republikanismus den Kampf der Lebensstile auf die Agenda gesetzt hat (siehe auch Gerhard Schulze in der Welt).

                
      Der Pop-Philosoph BOLZ schreibt über die Antibürgerlichkeit, um darüber schweigen zu können, dass zum Bekenntnis zur Bürgerlichkeit längst kein Mut mehr gehört.
                
      Die Mitte-Blätter posaunen es lautstark heraus. Die Zögerlichen, wie z.B. bei der Zeitschrift "Vorgänge", haben mit ihrem Juni-Heft (!) zur Rückkehr der Bürgerlichkeit erst einmal die Wahlen abgewartet, um ihr Bekenntnis abzulegen. Nach der kulturellen Hegemonie sehen sie nun auch die politische Vorherrschaft des Bürgertums gekommen.
                
      Wer jetzt noch vom Mainstream des Anderssein spricht und damit die "Konsumrebellen" statt die Neo-Spießer zu meinen, der verzichtet längst auf "Gegenentwürfe zum Bestehenden".
                
      Die Rhetorik der gegenwärtigen Politik bringt BOLZ auf den Punkt, wenn er schreibt, dass "eine Reform nur in Situationen gerechtfertigt ist, die sich verschlechtern, wenn man sie nicht verbessert".
 
  • NIEMANN, Norbert (2006): Diesseits von rechts und links.
    Bei allem Pragmatismus: Hinter den Kulissen der großen Koalition erinnert die politische Stimmung an das gesellschaftliche Klima während der ersten Industrialisierung. Damals bildeten sich die politischen Lager heraus - heute kann man immer noch nicht auf sie verzichten. Ganz im Gegenteil,
    in: TAZ v. 16.01.
 
  • LOOß, Annekatrin (2006): Verwilderung.
    Singles brauchen den Rat von Freunden, damit sie vermittelbar bleiben. Nicht den der Ufo-Hotline,
    in: Berliner Illustrierte Zeitung. Magazin der Berliner Morgenpost v. 15.01.
 
  • PLATZECK, Matthias (2006): Für eine Partei der Zupacker.
    Matthias Platzeck entwirft vor der Klausurtagung des SPD-Vorstands das Bild einer erneuerten Sozialdemokratie, die weder sozialnostalgisch noch marktradikal auftritt
    von Matthias Platzeck,
    in: Welt am Sonntag v. 15.01.
    • Kommentar:
      Matthias PLATZECK, der neue Parteivorsitzende der SPD, übernimmt das nationalkonservative Deutungsmuster von Herwig BIRG u.a. , wenn er er von "Unterjüngung" als dem demografischen Hauptproblem spricht.
 
  • REINECKE, Stefan (2006): "Wir können von Schweden lernen".
    In Deutschland bekommen Frauen oft Kinder, wenn sie keinen Job haben. Danach bleiben sie zu Hause. Dieses Muster soll das Elterngeld ändern, das Karriere und Kinder fördert. Eine gute Idee, so die Demografin Michaela Kreyenfeld,
    in: TAZ v. 14.01.
    • Inhalt:
      Michaela KREYENFELD, die wichtige Studien zur Geburtenentwicklung publiziert hat, weist darauf hin, dass die Kinderlosigkeit der Akademikerinnen überschätzt wird.

                
      Mit Blick auf Schweden ist sie der Meinung, dass das Elterngeld die biografischen Muster der Frauen verändert. Während in Deutschland Frauen bei gutem Verdienst der Männer bzw. in Phasen schlechter Karrierechancen ihre Kinder bekommen, gebären in Schweden die (teilzeitarbeitenden) Frauen erst, wenn sie Vollzeit arbeiten. Eine Folge könnte jedoch sein, dass sich die Wirtschaftskonjunktur in extremer Weise auf die Geburtenrate auswirkt.
                
      Die gegenwärtige Debatte über Familienwerte hält KREYENFELD für kontraproduktiv.  
 
  • REICHERT, Martin (2006): Ich kann nicht mehr!
    Affektive Störung oder zerebrale Dysfunktion, Zeitgeistkrankheit oder kodifiziertes Chaos: Was ist eine Depression, und wie wird sie behandelt?
    in: TAZ v. 14.01.
    • Kommentar:
      Das taz-Dossier beschäftigt sich heute mit der Depression.

                
      Während Jan FEDDERSEN eher die medizinischen Aspekte behandelt, widmet sich REICHERT den soziokulturellen Aspekten der Depression:
                
      "Der französische Soziologe Alain Ehrenberg hat sich dem Modethema Depression diskursanalytisch genähert und ist auf eine Art kodifiziertes Chaos gestoßen - Mediziner und Psychologen wissen gar nicht genau, was sie behandeln, und bemühen sich umso wackerer, das menschliche Elend Bibliotheken füllend zu beschreiben. »Das erschöpfte Selbst«, in Frankreich bereits 1998 veröffentlicht, erschien vor zwei Jahren (...) auf Deutsch und zeichnet nach, wie der mentale Erschöpfungszustand im Laufe des 20. Jahrhunderts zur Massenerkrankung wurde. Ehrenberg kommt im Anschluss an Foucaults »Überwachen und Strafen« zu dem Schluss, dass die Depression die Krankheit einer Gesellschaft sei, »deren Verhaltensnorm nicht mehr auf Schuld und Disziplin gründet, sondern auf Verantwortung und Initiative«. Mit anderen Worten: Der moderne Mensch ist dem »Anything goes« einfach nicht gewachsen und verfällt angesichts zu vieler Optionen der schier unmöglichen Anforderung, »man selbst« zu werden, in eine Angststarre. Die deutsche Depression wäre dem entsprechend eine natürliche Reaktion auf die »Herausforderung« der Globalisierung."
 
  • ESCH, Christian (2006): Ich bin meine eigene Enzyklopädie.
    Vor fünf Jahren ging das Lexikon Wikipedia online. Es ist ein Riesenerfolg - vom Umfang her,
    in: Berliner Zeitung v. 14.01.
    • Inhalt:
      ESCH berichtet u.a. darüber, dass bei Wikipedia vor allem Singles mitarbeiten:

                
      "Männer (v. a. jüngere, Studenten) stellen 88 Prozent der Mitarbeiter, Singles 50 Prozent. Ihre Interessen schlagen sich in der Themengewichtung nieder (vgl. Kleinbahn Haspe-Voerde-Breckerfeld). Skeptiker sehen in Wikipedia das »Weltwissen der 15jährigen«. Wer Lok-Typen, Softwarefragen und Startrek-Biografien sucht, ist gut bedient. Das gilt wohl auch für Naturwissenschaftliches. Wer mehr über das Konzil von Konstanz oder August Ludwig Schlözer wissen will, ist aufgeschmissen."
 
 
  • WALTER, Franz (2006): Das Elend der deutschen Sozialwissenschaftler.
    Die sektiererhaft vor sich hinwerkelnden Hochschulvertreter des Faches brauchen dringend einen Praxisschock,
    in: Welt v. 14.01.
    • Kommentar:
      Franz WALTER, als Feuilletonpolitologe beschimpft, sieht gerade im politischen Essay das, was die Sozialwissenschaftler am dringendsten benötigen. Er schließt sich damit dem Feuilletonsoziologen Ulrich BECK an, der vor kurzem die Bedeutungslosigkeit der Soziologie beklagt hat:

                
      "Die politischen Kontroversen der Republik finden ganz überwiegend ohne die nach C4 oder C3 bezahlten Sozialwissenschaftler statt. Es sind mittlerweile routinemäßig die immer gleichen vier oder fünf Sozialwissenschaftler, die in öffentliche Diskussionen eingreifen, die systematisch einordnen, historisch erläutern, normativ differenzieren, Deutungen präsentieren, Zusammenhänge herstellen, Schlüsselbegriffe formen."
 
  • SPIEGEL, Hubert (2006): Gehäutete Helden.
    Zwischen dem Daumen und dem Zeigefinger Gottes: Ralf Rothmann, Heinrich Böll und der ewige Trost im Klang eines gewissen Wortes,
    in: Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 14.01.
 
  • FEDERMAIR, Leopold (2006): Der Kult der Verblödung.
    "Macht und Rebel": ein Roman von Matias Faldbakken,
    in: Neue Zürcher Zeitung v. 14.01.
    • Kommentar:
      Leopold FEDERMAIR, Übersetzer von Michel HOUELLEBECQs Kultroman "Ausweitung der Kampfzone", nimmt Matias Faldbakken übel, dass er in seinem Roman "Macht und Rebel" den linken Widerstandskämpfer "Fatty"  zur Zeichentrickfigur degradiert, ihn sozusagen als lächerlichen "Konsumrebellen" diffamiert und ihm gar Nazi-Parolen unterjubelt. FEDERMAIR sieht darin das Problem einer indifferenten Popliteratur.

                
      Eine solche Rezeption des Romans hat Tom HOLERT in seiner Rezension zum Thema "Pop und Politik" bereits vorausgesehen.
   

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