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Medienrundschau:
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News vom
11. - 15. Juli
2004
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Zitat
des Monats:
"Als
gewollt Kinderloser sollte man sich beizeiten ein dickes Fell
zulegen. (...).
Der »Egoismus«-Vorwurf ist (...) der wohl populärste und dennoch
nur das erste Glied in einer langen Kette von Vorurteilen und
Vor-Verurteilungen, denen sich die Kinderlosen ständig
ausgesetzt sehen. Wohl denen, die da wenigstens alleine sind,
greift doch bei ihnen das double-income-no-kids-Argument
nicht sogleich, wenn die Gegnerschaft auch nicht müde wird zu
betonen, dass Steuern zahlen allein den Generationenvertrag ja
wohl nicht retten könne. Jetzt sind wir also auch noch Schuld an
der Unsicherheit der Renten. All denen, die daran glauben, sei
hier mitgeteilt, dass auch
unsere Altvorderen vom Beginn bis in die 30er Jahre des letzten
Jahrhunderts es nicht zum, für einen funktionierenden
Generationenvertrag entscheidenden, Reproduktionsniveau
schafften. Heißt, schon vor 70 Jahren wurden nicht genügend
Kinder geboren, um das Bevölkerungsniveau konstant zu halten.
Ein anderes Vorurteil, das sich so hartnäckig hält wie
vermeintliche Eisenanteile in Spinat, ist die Einsamkeit der
Kinderlosen im Alter. Ein echtes Ammenmärchen. Schließlich ist
alles andere als bewiesen, dass Kinderreiche per se im Alter
besser dran wären, was die Quantität und Qualität ihrer
Sozialkontakte oder die Bereitschaft ihrer Kinder zur Versorgung
und Pflege anginge. Längst ist nicht mehr selbstverständlich,
dass die eigenen Kinder im Alter für Betreuungsaufgaben zur
Verfügung stehen, und in den wenigsten Familien leben mehr als
zwei Generationen dauerhaft unter einem Dach."
(Mattias
WINKLER in der Wochenzeitung Freitag Nr.29/30 vom 09.07.2004) |
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GÄCHTER, Sven (2004): "Es gibt lediglich Dividuen".
Singles sind multiple
Persönlichkeiten, Folterbilder die Rache des Autorenfilms, und der
Begriff Gesellschaft ist tot – es lebe: der Schaum.Ein Gespräch mit
dem deutschen Philosophen Peter Sloterdijk über seine
«Sphärentheorie»,
in: Weltwoche Nr.29 v. 15.07.
- Inhalt:
Peter SLOTERDIJK hat sich in seinem "Sphären"-Werk
auch mit dem Single beschäftigt:
"Ich
würde dem Begriff «Gesellschaft» jenen des Haushalts vorziehen. Ein
Haushalt ist eine monadische Grösse, die das Potenzial besitzt, eine
Welterzeugung an einer einzelnen Stelle hervorzubringen. Und zu
einer Welt gehören naturgemäss mehrere – so wie Robinson seinen
Freitag hatte, so hat der moderne Single seine Medien, mit denen er
Realkommunikation simulieren kann. Der Single von heute ist
sozusagen die Erfolgsausgabe der multiplen Persönlichkeit, die
leider meist mit stark psychiatrisierendem Vokabular beschrieben
wird. Das erscheint mir nicht gerechtfertigt, denn viele multiple
Persönlichkeiten entwickeln gerade aufgrund ihrer elastischen
Beschaffenheit
besondere Stärken, unter anderem die, sich mit sich selbst nicht
allzu sehr zu langweilen. Nach meiner Definition gibt es ohnehin
keine Individuen, es gibt lediglich Dividuen, das heisst Teile von
Paaren beziehungsweise von Haushalten, wobei ein Alleinlebender in
der Regel ein Individuum ist, das durch geeignetes Training gelernt
hat, mit sich selbst ein Paar – oder einen Haushalt – zu bilden."
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LAU,
Jörg (2004): Dandy der Medientheorie.
Dandy der Medientheorie
Der Medienwissenschaftler Norbert Bolz hat zu jedem Thema auf allen
Kanälen etwas zu sagen. Das macht ihn bei Kollegen suspekt,
in: Die ZEIT Nr.30 v. 15.07.
- Inhalt:
"Bolz
ist stets zur Stelle. Seine Interventionen und Interviews sind
zugespitzt und zitierfähig. Stets fällt eine elegante, oftmals
provokante These ab",
lobt Jörg LAU den Medienwissenschaftler
Norbert BOLZ.
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DETJE, Robin (2004): Alles Romantiker, immer noch.
Die Klassenfahrt als Flucht:
Deutsche Dramatiker reisen nach New York und lernen die Tücken des
freien Theatermarktes kennen,
in: Die ZEIT Nr.30 v. 15.07.
- Kommentar:
Robin DETJE berichtet über ein New
Yorker Theaterfestival, bei dem sein geburtenstarker Jahrgang fehlte
(mittlerweile hat diese Leerstelle ihre
Aufarbeitung in mehreren Essays gefunden) und die
Generation Golf deshalb das Sagen hatte:
"Aus
New Yorker Perspektive wirkte die deutsche Dramatik der
Slacker- und Träumer-Generation (unter den eingeladenen Autoren
dominierte der Jahrgang 1967) zwar wie eine exotisch »andere«, aber
auch seltsam autistische Unternehmung."
DETJE beklagt
die deutsche Neoromantik der Dramatiker aus der Generation Golf:
"Vielleicht
steckt hinter der deutschen Neoromantik der Lausund, Schimmelpfennig
& Co., die sich schamlos aus den Attitüden und Marotten der
Vergangenheit bedient, eine Flucht vor der drohenden ökonomischen
und wissenschaftlichen Weltläufigkeit von Globalisierung und
Genmanipulation, wer weiß. Vielleicht finden hier die
Beharrungskräfte der verwunschenen alten Bundesrepublik und ihrer
Provinzen aus der Zeit vor Ruck und Köhler ihren angemessenen
Ausdruck"
Der Ex-Popper Ulf
POSCHARDT hat übrigens unlängst
die Geschichte der Jugendbewegung neu geschrieben, um den
gegenwärtigen Ruck durch Deutschland zu erklären.
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- Der informative
Hintergrundartikel:
STÖTZEL, Regina (2004): Demografie schadet nie.
Kinderlose sollen mehr Geld
in die Pflegekasse einzahlen. Das bedeutet einen Schritt weg vom so
genannten Solidarsystem, hin zur Bevölkerungspolitik. von regina
stötzel,
in: Jungle World Nr.30 v. 14.07.
- Kommentar:
Lebenslang Kinderlose sind erstens eine
unbedeutende Minderheit (die
jedoch rhetorisch zur Mehrheit stilisiert wird) und haben
zweitens - im Gegensatz zur Familie - keine Lobby, weswegen die
Kritik an den Plänen der Bundesregierung, Kinderlose mit höheren
Beiträgen zu bestrafen, ohne großen Protest blieb.
Kinderlose
werden damit wie Sozialschmarotzer oder Asoziale behandelt.
Dies verdeckt
dann die entscheidendere Tatsache, dass mit der Beitragserhöhung für
Kinderlose eine weitere Verschiebung des gesellschaftlichen
Konflikts einhergeht, den STÖTZEL folgendermaßen beschreibt:
"In
der vergangenen Woche einigten sich
nunmehr »Pflegeexperten« der SPD und der Grünen darauf, im Januar
den Beitrag zur Pflegeversicherung für Kinderlose ab 23 Jahre um
0,25 Prozent bis zur Bemessungsgrenze von 3 487,50 Euro Einkommen,
also um maximal 8,72 Euro zu erhöhen. Na und? Der Betrag scheint
gering, die Familie liegt der Nation am Herzen, und alle wollen im
Alter irgendwie versorgt sein. Also wird allenfalls darüber
debattiert, ob die Kinderfrage nach den Angaben auf der
Lohnsteuerkarte oder nach der Erziehungstätigkeit zu beantworten sei
und ob Paare dagegen klagen könnten, die aus medizinischen Gründen
keinen Nachwuchs in die Welt setzen können.
Die Pflegeversicherung, wie auch die Krankenversicherung, wurde
einmal paritätisch, also zu gleichen Teilen von den Unternehmern und
den Lohnabhängigen finanziert. (...). Mit der »Privatisierung« des
Zahnersatzes und der einseitigen Beitragserhöhung fürs Krankengeld
wird der Zuschlag für Kinderlose ein weiterer Schritt sein, der von
der paritätischen Finanzierung wegführt.
Indem eine Bemessungsgrenze festgeschrieben wird, werden diejenigen,
die richtig viel Geld verdienen, quasi von der Regelung ausgenommen.
Denn die können über den Höchstsatz von 8,72 Euro nur lachen."
Bei
single-dasein.de wurde diese Umverteilung von den
Arbeitnehmern zu den Unternehmern und von den Armen zu den Reichen
als
Credo des subsidiären (katholischen)
Sozialstaats beschrieben.
STÖTZEL sieht
in dem erhöhten Beitrag für Kinderlose in der Pflegeversicherung
jenes Prinzip wirken das
von Hans-Werner SINN für die
Rentenversicherung vorgeschlagen wird (vor kurzem hat der
Soziologe Franz-Xaver
KAUFMANN dieses Modell geadelt):
"Im
Urteil des Bundesverfassungsgerichts steht, dass Personen, »die
Kinder betreuen und erziehen«, nicht in gleicher Weise belastet
werden dürfen. Nach der neuen Regelung brauchen jedoch auch die
Eltern erwachsener Kinder nicht mehr zu zahlen. Es geht also nicht
um die Entlastung in einer für Mütter und / oder Väter
möglicherweise finanziell schwierigen Zeit. Man fühlt sich eher an
Ideen von Unionsmitgliedern erinnert, den Erhalt der vollen Rente
von der Zahl der Kinder abhängig zu machen. Das schlug zum Beispiel
Angela Merkel im vergangenen Jahr vor und berief sich auf den
Präsidenten des Instituts für Wirtschaftsforschung in München,
Hans-Werner Sinn, Vater von drei Kindern, der schon vor Jahren
erklärt hatte, nur Paaren, die mindestens drei Kinder aufzögen,
solle im Alter die volle Rente ausgezahlt werden."
STÖTZEL
beschreibt die Methoden, mit denen der Klassenkampf von oben
durchgesetzt wird:
"Um
den Ausstieg aus dem Solidarsystem, nach dem auch die Jungen für die
Alten sorgen sollten, unabhängig vom gewählten Lebensentwurf,
widerstandslos über die Bühne zu bringen, werden zwei Mittel bemüht:
das Horrorszenario einer »vergreisten« Gesellschaft und eine
Rhetorik, die stets beschwört, die einen lebten »auf Kosten« der
anderen. Was man, bezogen auf Faulenzer und Drückeberger, längst
kennt, lautet jetzt so: »Wer, als Kinderloser, die halbe Million
Euro (Existenzminimum), die zum Großziehen von drei Kindern
mindestens nötig wäre, im Frühling des Lebens für Tauchurlaube
ausgibt, kann nicht im Herbst die Sparbücher seiner Eltern plündern;
die werden überdies leer sein.« (Die Zeit)"
Desweiteren
verdeutlicht STÖTZEL die
sozialpolitische Demagogie, mit der
Bevölkerungspolitiker und
Familienpolitiker das Problem der Sozialversicherungen
auf den demografischen Aspekt verkürzen.
STÖTZEL zeigt
auf, dass sowohl die Kosten der deutschen Einheit als auch die
strukturelle Massenarbeitslosigkeit die Probleme der
Sozialversicherungen entscheidender prägen als der beschworene
demografische Wandel.
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BECKER, Matthias (2004): "Die Think Tanks entscheiden mit",
Der
Politikwissenschaftler Ulrich Müller organisierte zusammen mit dem
Verein »Bewegungsakademie« den Kongress »Gesteuerte Demokratie? Wie
neoliberale Eliten die Politik beeinflussen«, der im vergangenen Monat
in Frankfurt am Main stattfand und auf den politischen Einfluss
wirtschaftsnaher so genannter Denkfabriken und anderer Lobbyvereine
hinweisen wollte. Er arbeitet für die deutsche Sektion der
Menschenrechtsorganisation Fian (Food First Information and Action
Network). Er kritisiert, dass von Wirtschaftseliten bestimmte so
genannte Reforminitiativen wie die »Initiative Neue Soziale
Marktwirtschaft« oder der »Konvent für Deutschland« in die Debatte um
den Abbau des Sozialstaats eingreifen und dabei ihren Charakter
verschleiern,
in: Jungle World Nr.30 v. 14.07.
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MAXEINER, Dirk & Michael MIERSCH (2004): Gute Kinder, schlechte
Kinder,
in: Welt v. 14.07.
- Inhalt:
MAXEINER & MIERSCH konfrontieren die
politische Allegorie der Fußball-EM à la Peter SCHNEIDER
mit demografischen Fakten und kommen dadurch zur erstaunlichen
Erkenntnis, dass die jungen, dynamischen Fußballnationen in Wahrheit
"vergreisende" Gesellschaften sind:
"Die
Fußball-Europameisterschaft wurde vielfach sogar zur politischen
Allegorie erhoben. Ein unabweisbares Zeichen dafür, wie junge und
dynamische Länder das deutsche Seniorenheim aufmischen. Ja die
Deutschen: zu faul zum Kinderkriegen und zum Arbeiten und jetzt auch
noch Nieten im Fußball! Zugegeben, auch wir gaben uns dieser
ballrunden Selbstanklage willig hin.
Doch dann flatterte letzte Woche eine Broschüre der Deutschen
Stiftung Weltbevölkerung auf unseren Schreibtisch: »Soziale und
demographische Daten zur Weltbevölkerung 2003«. Nach flüchtigem
Studium kamen wir aus dem Staunen gar nicht mehr heraus: Die jungen
und dynamischen Griechen bekommen nämlich im Schnitt noch weniger
Kinder (1,2) als die Deutschen (1,3). Außerdem leben in Griechenland
prozentual weniger junge Menschen unter 15 Jahren und mehr über 65
Jahre als hier zu Lande. Bleiben wir bei den aufstrebenden
Fußballnationen: Die Reproduktionsbegeisterung der Tschechen ist
ebenfalls noch geringer als die unsere, die in Portugal nur wenig
besser. Darin sind gleich mehrere tröstliche Botschaften enthalten.
Erstens: Dynamik, Begeisterungsfähigkeit und Zukunftsoptimismus
einer Nation haben offenbar nicht allzu viel mit dem biologischen
Alter ihrer Bevölkerung zu tun. Zweitens: Liebe Deutsche, auch wenn
es euch mancher Familienpolitiker einreden will, ihr seid keine
egoistische Minderheit. Älter werdende Gesellschaften mit weniger
Kindern sind nicht die Ausnahme, sondern werden allmählich zur
Regel."
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DROSTE, Wiglaf (2004): Exhumiert: "Rohstoff von Jörg Fauser".
Mein Leben unter den Irrsinnigen (9),
in: junge Welt v. 14.07.
- Inhalt:
Wiglaf DROSTE schildert seine
FAUSER-Leseerfahrung (wer will kann das mit
Christiane RÖSINGERs FAUSER-Leser-Typologie
vergleichen) und preist den
Roman "Rohstoff" als Lektüre für
Menschen jenseits von Rechts und Links (damit ist jedoch keineswegs
die Neue Mitte gemeint):
"Wenn
man die Lebenslügen der Rechten wie der Linken nicht teilen möchte
und, nicht aus Ressentiment, sondern aus Erfahrung, das Laufen
bekommt, wenn wieder irgendeine neue Losung zur Rettung der Welt aus
einem idealismusgesättigten Gesicht herausorgelt, hat man ein
Gutteil seiner Mitmenschen vom Hacken. Davon erzählt »Rohstoff«"
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SCHÄFER, Frank (2004): Alles Rohstoff.
Ein vielseitiger Stilist und
Melancholiker, der keinen Unterschied zwischen dem Schreiben und dem
Leben kannte, weil "das Leben, sofern es würdig ist, zum Schreiben
führt, und das Schreiben, sofern es wahrhaftig ist, zum Leben": Diese
Woche wäre Jörg Fauser 60 Jahre alt geworden. Eine Würdigung,
in: TAZ v. 13.07.
- Inhalt:
Frank SCHÄFER
charakterisiert
Jörg FAUSER als Schriftsteller mit
Widersprüchen:
"Das
sind die Widersprüche dessen, der kein geschlossenes Weltbild hat
und schon gar keine Ideologie, der keine Gewissheiten kennt, der
nichts gelten lässt als die Welt da draußen und die Erfahrungen, die
man in ihr gefälligst zu machen hat. So kann er immer nur von Fall
zu Fall entscheiden."
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- Der
singlefeindliche Beitrag:
KAUFMANN, Franz-Xaver (2004): Gibt es
einen Generationenvertrag?
Gerechtigkeit zwischen den Generationen, Verträge mit Ungeborenen:
Was steckt hinter den politisch aufgeladenen Begriffen? Die
Gerechtigkeit ist es nicht, der gängigen Lesart entsprechend, in
erster Linie eine Frage der Finanzen. Sie hängt vor allem an der Zahl
der Geburten und der damit verbundenen Bevölkerungsentwicklung,
in: Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 12.07.
- Kommentar:
Der Soziologe
Franz-Xaver KAUFMANN, Angehöriger
der Flakhelfer-Generation, verlässt mit diesem Artikel den Boden der
seriösen Wissenschaftlichkeit und mischt sich parteiisch in die
politische Debatte ein.
KAUFMANN behauptet,
dass das 20. Jahrhundert sozialpolitisch von der Eingrenzung des
Klassenkonflikts geprägt gewesen sei, während das nun anbrechende
21. Jahrhundert im Zeichen des Generationenkonfliktes steht.
Eine solche Sichtweise
widerspricht den
neueren Forschungen zur sozialen Ungleichheit. Selbst
Lifestyle-Soziologen entdecken neuerdings wieder den
Klassenkonflikt.
KAUFMANN
unterscheidet zwischen einem synchronen (zeitliche Abfolge der
Altersgruppen) und einem diachronen Generationenbegriff
(gesellschaftliches Nebeneinander der Altersgruppen).
In der politischen
Rhetorik der Regierung sieht KAUFMANN einen diachronen
Generationenbegriff am Werk. In Anknüpfung an Karl MANNHEIM
steht hier das so genannte Generationenbewusstsein im Mittelpunkt.
KAUFMANN präferiert
dagegen einen biologischen Generationenbegriff, der die
Bevölkerungsentwicklung ins Zentrum stellt.
In einem kurzen
historischen Abriss geht KAUFMANN u.a. auf den
SCHREIBER-Plan und dessen Verständnis des
Drei-Generationenvertrags ein.
Bei single-dasein.de
wurde auf dieses Verständnis im
Essay über den katholischen Sozialstaat bereits näher
eingegangen.
KAUFMANN
unterscheidet weiter zwischen Generationenvertrag und
Generationengerechtigkeit:
"Jeder sinnvolle
Begriff vom Vertrag setzt Reziprozität voraus. Dies kann es nur
unter Lebenden geben. Die Verfechter der Rechte zukünftiger
Generationen sprechen deshalb von »Generationengerechtigkeit«, nicht
vom »Generationenvertrag«."
Um seine
Polarisierungsthese des Geburtenrückgangs
(dieser wird als das zentrale deutsche Problem beschrieben) zu
begründen, blendet KAUFMANN den Beitrag der Zuwanderung zur
Bevölkerungsentwicklung aus, und widmet sich stattdessen der
Mechanik der Reproduktion, die er folgendermaßen veranschaulicht:
"Bei einer
Fertilität von 1,4 Kindern haben 1000 zwischen 1955 und 1975
geborene Frauen 667 erwachsen werdende Töchter, welche nun zwischen
1985 und 2015 bei gleicher Fertilität nur noch 444 Töchter oder
Enkelinnen ins Erwachsenenalter bringen."
In dieser
Rechnung - das verschweigt KAUFMANN jedoch - sind jede Menge
Unbekannten verborgen.
Zum einen ist die
deutsche Fertilitätsrate selber umstritten. Nach
internationalen Schätzungen liegt sie
mittlerweile bei 1,6 bis
1,7 Kinder pro gebärfähiger Frau.
Zum anderen ist die
Annahme einer gleich bleibenden Geburtenrate bis 2015 ebenfalls
eine Annahme, die wenig überzeugend ist.
Angenommen wird eine
Verhaltenskonstanz, die bereits für die letzten 30 Jahre nicht
gestimmt hat. In den neuen Bundesländern ist z.B. die Geburtenrate
dramatisch eingebrochen.
Daraus lässt sich
ableiten, dass die Menschen sehr wohl auf veränderte
gesellschaftliche Bedingungen mit einem veränderten
Geburtenverhalten reagieren.
KAUFMANN
möchte den Geburtenausfall der letzten 30 Jahre als
Investitionslücke begreifen. Damit hat er die Sündenböcke für die
desolate Lage in Deutschland identifiziert:
"Die
Staatsverschuldung, oft als Verletzung der Generationengerechtigkeit
thematisiert, wie auch die Finanzierungsprobleme des
Sozialversicherungssystems haben ihren Kern in dem Umstand, daß die
seit etwa 1950 geborenen Generationen zahlenmäßig so geringen
Nachwuchs hervorgebracht haben, daß die nachwachsenden Generationen
in ihrer Handlungsfreiheit erheblich eingeschränkt und mit den
Verpflichtungen »die die vorangehenden Generationen ihnen
hinterlassen haben, überfordert werden«".
Die
politische Konstruktion dieser angeblichen
Geburtenkrise wurde bei single-dasein.de bereits
ausführlich dargestellt.
Nimmt man den
Babyboom der 60er Jahre des letzten Jahrhunderts - also einen
Ausnahmezustand - als Ausgangspunkt der demografischen Entwicklung,
dann erscheint KAUFMANNs Sicht logisch.
In einer historischen Sicht zeigt sicht jedoch schnell, dass
seit 1900 kaum eine Generation ihren Beitrag zur Bestandserhaltung
geleistet hat. Einzig die Nazigeneration hat uns einen Baby-Boom
beschert. Zwei Kriege haben zudem die Bevölkerungspyramide erheblich
durcheinander gebracht. Beide Faktoren werden von KAUFMANN
ausgeblendet.
KAUFMANN hebt
weiterhin auf die Polarisierungsthese ab, die von den Verfechtern
einer nationalkonservativen
Bevölkerungspolitik bevorzugt wird. KAUFMANN kommt deshalb zum
Schluss:
"Es ist (...)
vordergründig, allein von einem Verteilungskonflikt zwischen den
Generationen zu sprechen; dahinter verbergen sich mindestens zwei
weitere Verteilungskonflikte, nämlich derjenige zwischen den
Geschlechtern und derjenige zwischen Eltern und Kinderlosen."
Eine solche
Sicht ist identisch mit einem
Klassenkampf von oben, der sich bei
KAUFMANN mit den Vorstellungen eines katholischen Sozialstaats
deckt.
Ausgehend vom oben
genannten
katholischen SCHREIBER-Plan plädiert KAUFMANN konsequenterweise
für das Konzept der Beitragsstaffelung nach Kinderzahl in der
Rentenversicherung wie es Hans-Werner SINN in die gegenwärtige
Debatte eingeführt hat. Er findet diesen Vorschlag als ein "in der
gegenwärtigen Situation praktikables Konzept".
Neben der
Polarisierungsthese des Geburtenrückgangs begründet KAUFMANN die
Bestrafung für
Haushalte ohne Kinder mit der
strukturellen Rücksichtslosigkeit der deutschen Institutionen:
"Das Problem sind
die institutionellen Regelungen, also die Folgen unserer
Gesetzgebung. Sie bringen den Kinderlosen Vorteile und den Eltern
Nachteile".
Dies ist zwar
eine weit verbreitete These der gut organisierten Familienlobby,
aufgrund der Intransparenz der sozialstaatlichen Leistungen, ist
bisher noch keine von Kinderlosen und Eltern gleichermaßen
akzeptierte Berechnung gelungen.
Der Bürger kann deshalb
zwischen einer familienfreundlichen Berechnung (wenig erstaunlich,
dass diese im Ifo-Institut des
Hans-Werner SINN errechnet wurde!) und einer
singlefreundlicheren Berechnung von Astrid ROSENSCHON wählen.
Beide Berechnungen weisen jedoch erhebliche Lücken auf...
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RÖSINGER, Christiane (2004): Coole Jungs.
Männer lieben Whisky, leichte
Mädchen und Faustkämpfe (wahlweise Großwildjagd). Warum lieben Männer
den Autor Jörg Fauser?
in: Tagesspiegel v. 11.07.
- Inhalt:
Christiane RÖSINGER beschreibt u.a. den
typischen Berliner Jörg-FAUSER-Leser Mitte der 80er Jahre:
"Der
Anteil der Fauser lesenden Männer erreichte (...) um 1986 in Berlin
den Höhepunkt.
Der typische Fauser-Leser zu dieser Zeit war männlich, zwischen 25
und 35 Jahre alt und von düsterem, leicht verwahrlostem Äußeren. Er
war stets ernst, als müsse er ein dunkles Geheimnis bewahren,
zumindest aber eine zu behütete Kindheit, oder als müsse er einen
schlimmen Vater-Sohn-Konflikt bewältigen. In Fauser-Leserkreisen war
es nicht en vogue in Gesellschaft lustig, charmant oder gar höflich
und unterhaltsam zu sein. Fauser-Leser waren einsame Wölfe, die
gerne schweigend allein am Tresen vor einem Glas Whisky saßen."
RÖSINGER ordnet
FAUSER dem in der bürgerlichen Literaturtheorie noch nicht
angekommenen Genre des Männerromans bzw. des Rockromans zu:
"Jörg
Fauser bezog Stellung gegen »Wochenendbeilagen und Feuilletons
westdeutscher Blätter« mit ihrer »vom Feminismus und ähnlichen
Gesinnungsdiktaturen genormten Kultur, aus der längst alles getilgt
wurde, was Männern einmal Spaß gemacht hat«. Jörg Fauser wurde so
zum Kultautor der Männer, die Jörg Fauser lasen, weil er männliche
Instinkte pries, weil er seine Leser seine Bad-Boy-Radikalität
miterleben ließ, sie am Mut zum Risiko, den sie bei sich selbst
vermissten, teilhaben ließ. Jörg Fauser schrieb ganz einfach
Männerromane.
(...). Stilbildend für das Genre »Männerroman« könnte man die
Autoren der Beatgeneration, aber auch Hemingway nennen.
Nun ist die Gattung »Männerroman« in der Gattungstheorie noch nicht
recht angekommen, vereinzelt taucht der Begriff als Antwort auf den
»Frauenroman« auf. Man könnte aber behaupten, analog zum Frauenroman
behandelt der Männerroman Themen, die Männer gerne behandelt wissen.
Unverzichtbar für einen Männerroman sind: Der einsame, von der
bürgerlichen Umwelt als moralisch fragwürdig eingestufte Held,
chaotische Wohnungen, Whiskysorten, Drogen, leichte Mädchen,
Rotlichmilieu, Faustkämpfe, wahlweise auch Großwildjagd, gewaltige
Naturerlebnisse, Schießereien. Der Männerroman nutzt gerne die
Struktur des Krimis oder der Detektiv- und Spionagegeschichte als
Konstruktionshilfe und bedient sich der bekannten Klischees. Dabei
handelt es sich aber um ein literarisch geniales Spiel mit dem
trivialem Genre: Letztendlich geht es dem Männerromanautor um nichts
weniger als um die Trennung von Unterhaltung und ernster Kunst.
Nun bleibt noch die Frage zu klären, ob der Fauser’sche Männerroman
ein Poproman oder eher dessen Vorläufer ist. Aber auch beim Poproman
ist der Gattungsbegriff noch ungeklärt! Nein, der Fauser’sche
Männerroman ist doch eher ein Rockroman."
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- LEINKAUF, Maxi (2004): "Die Großstadt
ist eine Illusion".
Emmanuel Bourdieu stellt den Film "Vert Paradis" in Berlin vor. Ein
Gespräch über feine Unterschiede,
in: Tagesspiegel v. 11.07.
- Inhalt:
Emmanuel BOURDIEU über seinen Vater
Pierre
BOURDIEU und den Film "Vert Paradis":
"Als Sohn eines berühmten
Intellektuellen haben Sie ebenfalls ein großes Erbe. Sieht man Ihre
Filme, so hat man den Eindruck, dass Sie als Regisseur auch sehr
soziologisch arbeiten.
Ja, außerordentlich stark. Der
Film spielt übrigens in der Region, in der mein Vater geboren wurde.
Er ging dort spät weg, zum Studium. Und kam wieder, um einen Artikel
über Ehelosigkeit auf dem Land zu machen…
...genau wie der Soziologe im Film.
Ja. Mein Vater und ich haben viel über das Projekt geredet, er
liebte es. Der Darsteller des Soziologen war sehr gut mit ihm
befreundet, sie haben gemeinsam Interviews für sein Buch „Das Elend
der Welt“ geführt. Ich war auch dabei. Mein Film ist eine Fiktion,
aber auch meine Realität. Etwas sehr Persönliches."
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- ULRICH, Bernd (2004): SPD und
Unterschicht.
Viel fordern, wenig fördern,
in: Tagesspiegel v. 11.07.
- Kommentar:
Bernd ULRICH ist sich in seinem
sozialpädagogischen Ansatz mit
Paul NOLTE einig:
"Rettet die Unterschicht – das wäre
ein ganz neues rot-grünes Projekt. Ja, auch grün. Die Partei hatte
immer schon einen erzieherischen Ansatz, nur meist gegenüber
Menschen, die der Erziehung nicht allzu sehr bedürfen. Das ist heute
bei einem Teil der Sozialhilfeempfänger anders. Da muss Zivilisation
gepaukt werden, vom Stellen des Weckers über das Essen und das
Fernsehen bis zur schlichten Höflichkeit. Auch das ist unabdingbar,
will man den Ausgeschlossenen eine Chance auf Reintegration und
Selbstbestimmung eröffnen."
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[ zum Seitenanfang ]
Zu den News
vom 06. - 10. Juli 2004
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