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Medienrundschau:

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News vom 11. - 15. Juli 2004

 
 
     
     
     
 
   
Zitat des Monats:
"Als gewollt Kinderloser sollte man sich beizeiten ein dickes Fell zulegen. (...).
Der »Egoismus«-Vorwurf ist (...) der wohl populärste und dennoch nur das erste Glied in einer langen Kette von Vorurteilen und Vor-Verurteilungen, denen sich die Kinderlosen ständig ausgesetzt sehen. Wohl denen, die da wenigstens alleine sind, greift doch bei ihnen das double-income-no-kids-Argument nicht sogleich, wenn die Gegnerschaft auch nicht müde wird zu betonen, dass Steuern zahlen allein den Generationenvertrag ja wohl nicht retten könne. Jetzt sind wir also auch noch Schuld an der Unsicherheit der Renten. All denen, die daran glauben, sei hier mitgeteilt, dass auch unsere Altvorderen vom Beginn bis in die 30er Jahre des letzten Jahrhunderts es nicht zum, für einen funktionierenden Generationenvertrag entscheidenden, Reproduktionsniveau schafften. Heißt, schon vor 70 Jahren wurden nicht genügend Kinder geboren, um das Bevölkerungsniveau konstant zu halten.
Ein anderes Vorurteil, das sich so hartnäckig hält wie vermeintliche Eisenanteile in Spinat, ist die Einsamkeit der Kinderlosen im Alter. Ein echtes Ammenmärchen. Schließlich ist alles andere als bewiesen, dass Kinderreiche per se im Alter besser dran wären, was die Quantität und Qualität ihrer Sozialkontakte oder die Bereitschaft ihrer Kinder zur Versorgung und Pflege anginge. Längst ist nicht mehr selbstverständlich, dass die eigenen Kinder im Alter für Betreuungsaufgaben zur Verfügung stehen, und in den wenigsten Familien leben mehr als zwei Generationen dauerhaft unter einem Dach.
"
(Mattias WINKLER in der Wochenzeitung Freitag Nr.29/30 vom 09.07.2004)
 
 
 
  • GÄCHTER, Sven (2004): "Es gibt lediglich Dividuen".
    Singles sind multiple Persönlichkeiten, Folterbilder die Rache des Autorenfilms, und der Begriff Gesellschaft ist tot – es lebe: der Schaum.Ein Gespräch mit dem deutschen Philosophen Peter Sloterdijk über seine «Sphärentheorie»,
    in: Weltwoche Nr.29 v. 15.07.
    • Inhalt:
      Peter SLOTERDIJK hat sich in seinem "Sphären"-Werk auch mit dem Single beschäftigt:

               "Ich würde dem Begriff «Gesellschaft» jenen des Haushalts vorziehen. Ein Haushalt ist eine monadische Grösse, die das Potenzial besitzt, eine Welterzeugung an einer einzelnen Stelle hervorzubringen. Und zu einer Welt gehören naturgemäss mehrere – so wie Robinson seinen Freitag hatte, so hat der moderne Single seine Medien, mit denen er Realkommunikation simulieren kann. Der Single von heute ist sozusagen die Erfolgsausgabe der multiplen Persönlichkeit, die leider meist mit stark psychiatrisierendem Vokabular beschrieben wird. Das erscheint mir nicht gerechtfertigt, denn viele multiple Persönlichkeiten entwickeln gerade aufgrund ihrer elastischen Beschaffenheit besondere Stärken, unter anderem die, sich mit sich selbst nicht allzu sehr zu langweilen. Nach meiner Definition gibt es ohnehin keine Individuen, es gibt lediglich Dividuen, das heisst Teile von Paaren beziehungsweise von Haushalten, wobei ein Alleinlebender in der Regel ein Individuum ist, das durch geeignetes Training gelernt hat, mit sich selbst ein Paar – oder einen Haushalt – zu bilden."
 
  • LAU, Jörg (2004): Dandy der Medientheorie.
    Dandy der Medientheorie
    Der Medienwissenschaftler Norbert Bolz hat zu jedem Thema auf allen Kanälen etwas zu sagen. Das macht ihn bei Kollegen suspekt,

    in: Die ZEIT Nr.30 v. 15.07.
    • Inhalt:
      "
      Bolz ist stets zur Stelle. Seine Interventionen und Interviews sind zugespitzt und zitierfähig. Stets fällt eine elegante, oftmals provokante These ab", lobt Jörg LAU den Medienwissenschaftler Norbert BOLZ.
 
  • DETJE, Robin (2004): Alles Romantiker, immer noch.
    Die Klassenfahrt als Flucht: Deutsche Dramatiker reisen nach New York und lernen die Tücken des freien Theatermarktes kennen,
    in: Die ZEIT Nr.30 v. 15.07.
    • Kommentar:
      Robin DETJE berichtet über ein New Yorker Theaterfestival, bei dem sein geburtenstarker Jahrgang fehlte (mittlerweile hat diese Leerstelle ihre Aufarbeitung in mehreren Essays gefunden) und die Generation Golf deshalb das Sagen hatte:

               "Aus New Yorker Perspektive wirkte die deutsche Dramatik der Slacker- und Träumer-Generation (unter den eingeladenen Autoren dominierte der Jahrgang 1967) zwar wie eine exotisch »andere«, aber auch seltsam autistische Unternehmung."
               DETJE beklagt die deutsche Neoromantik der Dramatiker aus der Generation Golf:
               "Vielleicht steckt hinter der deutschen Neoromantik der Lausund, Schimmelpfennig & Co., die sich schamlos aus den Attitüden und Marotten der Vergangenheit bedient, eine Flucht vor der drohenden ökonomischen und wissenschaftlichen Weltläufigkeit von Globalisierung und Genmanipulation, wer weiß. Vielleicht finden hier die Beharrungskräfte der verwunschenen alten Bundesrepublik und ihrer Provinzen aus der Zeit vor Ruck und Köhler ihren angemessenen Ausdruck"
               Der Ex-Popper Ulf POSCHARDT hat übrigens unlängst die Geschichte der Jugendbewegung neu geschrieben, um den gegenwärtigen Ruck durch Deutschland zu erklären.
 
  • Der informative Hintergrundartikel:
    STÖTZEL, Regina (2004): Demografie schadet nie.
    Kinderlose sollen mehr Geld in die Pflegekasse einzahlen. Das bedeutet einen Schritt weg vom so genannten Solidarsystem, hin zur Bevölkerungspolitik. von regina stötzel,
    in: Jungle World Nr.30 v. 14.07.
    • Kommentar:
      Lebenslang Kinderlose sind erstens eine unbedeutende Minderheit (die jedoch rhetorisch zur Mehrheit stilisiert wird) und haben zweitens - im Gegensatz zur Familie - keine Lobby, weswegen die Kritik an den Plänen der Bundesregierung, Kinderlose mit höheren Beiträgen zu bestrafen, ohne großen Protest blieb.

               Kinderlose werden damit wie Sozialschmarotzer oder Asoziale behandelt.
               Dies verdeckt dann die entscheidendere Tatsache, dass mit der Beitragserhöhung für Kinderlose eine weitere Verschiebung des gesellschaftlichen Konflikts einhergeht, den STÖTZEL folgendermaßen beschreibt:
               "In der vergangenen Woche einigten sich nunmehr »Pflegeexperten« der SPD und der Grünen darauf, im Januar den Beitrag zur Pflegeversicherung für Kinderlose ab 23 Jahre um 0,25 Prozent bis zur Bemessungsgrenze von 3 487,50 Euro Einkommen, also um maximal 8,72 Euro zu erhöhen. Na und? Der Betrag scheint gering, die Familie liegt der Nation am Herzen, und alle wollen im Alter irgendwie versorgt sein. Also wird allenfalls darüber debattiert, ob die Kinderfrage nach den Angaben auf der Lohnsteuerkarte oder nach der Erziehungstätigkeit zu beantworten sei und ob Paare dagegen klagen könnten, die aus medizinischen Gründen keinen Nachwuchs in die Welt setzen können.
      Die Pflegeversicherung, wie auch die Krankenversicherung, wurde einmal paritätisch, also zu gleichen Teilen von den Unternehmern und den Lohnabhängigen finanziert. (...). Mit der »Privatisierung« des Zahnersatzes und der einseitigen Beitragserhöhung fürs Krankengeld wird der Zuschlag für Kinderlose ein weiterer Schritt sein, der von der paritätischen Finanzierung wegführt.
      Indem eine Bemessungsgrenze festgeschrieben wird, werden diejenigen, die richtig viel Geld verdienen, quasi von der Regelung ausgenommen. Denn die können über den Höchstsatz von 8,72 Euro nur lachen.
      "
               Bei single-dasein.de wurde diese Umverteilung von den  Arbeitnehmern zu den Unternehmern und von den Armen zu den Reichen als Credo des subsidiären (katholischen) Sozialstaats beschrieben.
               STÖTZEL sieht in dem erhöhten Beitrag für Kinderlose in der Pflegeversicherung jenes Prinzip wirken das von Hans-Werner SINN für die Rentenversicherung vorgeschlagen wird (vor kurzem hat der Soziologe Franz-Xaver KAUFMANN dieses Modell geadelt):
               "Im Urteil des Bundesverfassungsgerichts steht, dass Personen, »die Kinder betreuen und erziehen«, nicht in gleicher Weise belastet werden dürfen. Nach der neuen Regelung brauchen jedoch auch die Eltern erwachsener Kinder nicht mehr zu zahlen. Es geht also nicht um die Entlastung in einer für Mütter und / oder Väter möglicherweise finanziell schwierigen Zeit. Man fühlt sich eher an Ideen von Unionsmitgliedern erinnert, den Erhalt der vollen Rente von der Zahl der Kinder abhängig zu machen. Das schlug zum Beispiel Angela Merkel im vergangenen Jahr vor und berief sich auf den Präsidenten des Instituts für Wirtschaftsforschung in München, Hans-Werner Sinn, Vater von drei Kindern, der schon vor Jahren erklärt hatte, nur Paaren, die mindestens drei Kinder aufzögen, solle im Alter die volle Rente ausgezahlt werden."
               STÖTZEL beschreibt die Methoden, mit denen der Klassenkampf von oben durchgesetzt wird:
               "Um den Ausstieg aus dem Solidarsystem, nach dem auch die Jungen für die Alten sorgen sollten, unabhängig vom gewählten Lebensentwurf, widerstandslos über die Bühne zu bringen, werden zwei Mittel bemüht: das Horrorszenario einer »vergreisten« Gesellschaft und eine Rhetorik, die stets beschwört, die einen lebten »auf Kosten« der anderen. Was man, bezogen auf Faulenzer und Drückeberger, längst kennt, lautet jetzt so: »Wer, als Kinderloser, die halbe Million Euro (Existenzminimum), die zum Großziehen von drei Kindern mindestens nötig wäre, im Frühling des Lebens für Tauchurlaube ausgibt, kann nicht im Herbst die Sparbücher seiner Eltern plündern; die werden überdies leer sein.« (Die Zeit)"
               Desweiteren verdeutlicht STÖTZEL die sozialpolitische Demagogie, mit der Bevölkerungspolitiker und Familienpolitiker das Problem der Sozialversicherungen auf den demografischen Aspekt verkürzen.
               STÖTZEL zeigt auf, dass sowohl die Kosten der deutschen Einheit als auch die strukturelle Massenarbeitslosigkeit die Probleme der Sozialversicherungen entscheidender prägen als der beschworene demografische Wandel.
 
  • BECKER, Matthias (2004): "Die Think Tanks entscheiden mit",
    Der Politikwissenschaftler Ulrich Müller organisierte zusammen mit dem Verein »Bewegungsakademie« den Kongress »Gesteuerte Demokratie? Wie neoliberale Eliten die Politik beeinflussen«, der im vergangenen Monat in Frankfurt am Main stattfand und auf den politischen Einfluss wirtschaftsnaher so genannter Denkfabriken und anderer Lobbyvereine hinweisen wollte. Er arbeitet für die deutsche Sektion der Menschenrechtsorganisation Fian (Food First Information and Action Network). Er kritisiert, dass von Wirtschaftseliten bestimmte so genannte Reforminitiativen wie die »Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft« oder der »Konvent für Deutschland« in die Debatte um den Abbau des Sozialstaats eingreifen und dabei ihren Charakter verschleiern,
    in: Jungle World Nr.30 v. 14.07.
 
  • MAXEINER, Dirk & Michael MIERSCH (2004): Gute Kinder, schlechte Kinder,
    in: Welt v. 14.07.
    • Inhalt:
      MAXEINER & MIERSCH konfrontieren die politische Allegorie der Fußball-EM à la Peter SCHNEIDER mit demografischen Fakten und kommen dadurch zur erstaunlichen Erkenntnis, dass die jungen, dynamischen Fußballnationen in Wahrheit "vergreisende" Gesellschaften sind:

               "Die Fußball-Europameisterschaft wurde vielfach sogar zur politischen Allegorie erhoben. Ein unabweisbares Zeichen dafür, wie junge und dynamische Länder das deutsche Seniorenheim aufmischen. Ja die Deutschen: zu faul zum Kinderkriegen und zum Arbeiten und jetzt auch noch Nieten im Fußball! Zugegeben, auch wir gaben uns dieser ballrunden Selbstanklage willig hin.
      Doch dann flatterte letzte Woche eine Broschüre der Deutschen Stiftung Weltbevölkerung auf unseren Schreibtisch: »Soziale und demographische Daten zur Weltbevölkerung 2003«. Nach flüchtigem Studium kamen wir aus dem Staunen gar nicht mehr heraus: Die jungen und dynamischen Griechen bekommen nämlich im Schnitt noch weniger Kinder (1,2) als die Deutschen (1,3). Außerdem leben in Griechenland prozentual weniger junge Menschen unter 15 Jahren und mehr über 65 Jahre als hier zu Lande. Bleiben wir bei den aufstrebenden Fußballnationen: Die Reproduktionsbegeisterung der Tschechen ist ebenfalls noch geringer als die unsere, die in Portugal nur wenig besser. Darin sind gleich mehrere tröstliche Botschaften enthalten. Erstens: Dynamik, Begeisterungsfähigkeit und Zukunftsoptimismus einer Nation haben offenbar nicht allzu viel mit dem biologischen Alter ihrer Bevölkerung zu tun. Zweitens: Liebe Deutsche, auch wenn es euch mancher Familienpolitiker einreden will, ihr seid keine egoistische Minderheit. Älter werdende Gesellschaften mit weniger Kindern sind nicht die Ausnahme, sondern werden allmählich zur Regel.
      "
 
  • DROSTE, Wiglaf (2004): Exhumiert: "Rohstoff von Jörg Fauser".
    Mein Leben unter den Irrsinnigen (9),
    in: junge Welt v. 14.07.
    • Inhalt:
      Wiglaf DROSTE schildert seine FAUSER-Leseerfahrung (wer will kann das mit Christiane RÖSINGERs FAUSER-Leser-Typologie vergleichen) und preist den Roman "Rohstoff" als Lektüre für Menschen jenseits von Rechts und Links (damit ist jedoch keineswegs die Neue Mitte gemeint):

               "Wenn man die Lebenslügen der Rechten wie der Linken nicht teilen möchte und, nicht aus Ressentiment, sondern aus Erfahrung, das Laufen bekommt, wenn wieder irgendeine neue Losung zur Rettung der Welt aus einem idealismusgesättigten Gesicht herausorgelt, hat man ein Gutteil seiner Mitmenschen vom Hacken. Davon erzählt »Rohstoff«"
 
  • SCHÄFER, Frank (2004): Alles Rohstoff.
    Ein vielseitiger Stilist und Melancholiker, der keinen Unterschied zwischen dem Schreiben und dem Leben kannte, weil "das Leben, sofern es würdig ist, zum Schreiben führt, und das Schreiben, sofern es wahrhaftig ist, zum Leben": Diese Woche wäre Jörg Fauser 60 Jahre alt geworden. Eine Würdigung,
    in: TAZ v. 13.07.
    • Inhalt:
      Frank SCHÄFER charakterisiert Jörg FAUSER als Schriftsteller mit Widersprüchen:

               "Das sind die Widersprüche dessen, der kein geschlossenes Weltbild hat und schon gar keine Ideologie, der keine Gewissheiten kennt, der nichts gelten lässt als die Welt da draußen und die Erfahrungen, die man in ihr gefälligst zu machen hat. So kann er immer nur von Fall zu Fall entscheiden."
 
  • Der singlefeindliche Beitrag:
    KAUFMANN, Franz-Xaver (2004): Gibt es einen Generationenvertrag?
    Gerechtigkeit zwischen den Generationen, Verträge mit Ungeborenen: Was steckt hinter den politisch aufgeladenen Begriffen? Die Gerechtigkeit ist es nicht, der gängigen Lesart entsprechend, in erster Linie eine Frage der Finanzen. Sie hängt vor allem an der Zahl der Geburten und der damit verbundenen Bevölkerungsentwicklung,
    in: Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 12.07.
    • Kommentar:
      Der Soziologe Franz-Xaver KAUFMANN, Angehöriger der Flakhelfer-Generation, verlässt mit diesem Artikel den Boden der seriösen Wissenschaftlichkeit und mischt sich parteiisch in die politische Debatte ein.

            
        KAUFMANN behauptet, dass das 20. Jahrhundert sozialpolitisch von der Eingrenzung des Klassenkonflikts geprägt gewesen sei, während das nun anbrechende 21. Jahrhundert im Zeichen des Generationenkonfliktes steht.
            
        Eine solche Sichtweise widerspricht den neueren Forschungen zur sozialen Ungleichheit. Selbst Lifestyle-Soziologen entdecken neuerdings wieder den Klassenkonflikt.
            
        KAUFMANN unterscheidet zwischen einem synchronen (zeitliche Abfolge der Altersgruppen) und einem diachronen Generationenbegriff (gesellschaftliches Nebeneinander der Altersgruppen).
            
        In der politischen Rhetorik der Regierung sieht KAUFMANN einen diachronen Generationenbegriff am Werk. In Anknüpfung an Karl MANNHEIM steht hier das so genannte Generationenbewusstsein im Mittelpunkt.
            
        KAUFMANN präferiert dagegen einen biologischen Generationenbegriff, der die Bevölkerungsentwicklung ins Zentrum stellt.
            
        In einem kurzen historischen Abriss geht KAUFMANN u.a. auf den SCHREIBER-Plan und dessen Verständnis des Drei-Generationenvertrags ein.
            
        Bei single-dasein.de wurde auf dieses Verständnis im Essay über den katholischen Sozialstaat bereits näher eingegangen.
            
        KAUFMANN unterscheidet weiter zwischen Generationenvertrag und Generationengerechtigkeit:
            
        "Jeder sinnvolle Begriff vom Vertrag setzt Reziprozität voraus. Dies kann es nur unter Lebenden geben. Die Verfechter der Rechte zukünftiger Generationen sprechen deshalb von »Generationengerechtigkeit«, nicht vom »Generationenvertrag«."
            
        Um seine Polarisierungsthese des Geburtenrückgangs (dieser wird als das zentrale deutsche Problem beschrieben) zu begründen, blendet KAUFMANN den Beitrag der Zuwanderung zur Bevölkerungsentwicklung aus, und widmet sich stattdessen der Mechanik der Reproduktion, die er folgendermaßen veranschaulicht:
            
        "Bei einer Fertilität von 1,4 Kindern haben 1000 zwischen 1955 und 1975 geborene Frauen 667 erwachsen werdende Töchter, welche nun zwischen 1985 und 2015 bei gleicher Fertilität nur noch 444 Töchter oder Enkelinnen ins Erwachsenenalter bringen."
            
        In dieser Rechnung - das verschweigt KAUFMANN jedoch - sind jede Menge Unbekannten verborgen.
            
        Zum einen ist die deutsche Fertilitätsrate selber umstritten. Nach internationalen Schätzungen liegt sie mittlerweile bei 1,6 bis 1,7 Kinder pro gebärfähiger Frau.
            
        Zum anderen ist die Annahme einer gleich bleibenden Geburtenrate bis 2015 ebenfalls eine Annahme, die wenig überzeugend ist.
            
        Angenommen wird eine Verhaltenskonstanz, die bereits für die letzten 30 Jahre nicht gestimmt hat. In den neuen Bundesländern ist z.B. die Geburtenrate dramatisch eingebrochen.
            
        Daraus lässt sich ableiten, dass die Menschen sehr wohl auf veränderte gesellschaftliche Bedingungen mit einem veränderten Geburtenverhalten reagieren.
            
        KAUFMANN möchte den Geburtenausfall der letzten 30 Jahre als Investitionslücke begreifen. Damit hat er die Sündenböcke für die desolate Lage in Deutschland identifiziert:
            
        "Die Staatsverschuldung, oft als Verletzung der Generationengerechtigkeit thematisiert, wie auch die Finanzierungsprobleme des Sozialversicherungssystems haben ihren Kern in dem Umstand, daß die seit etwa 1950 geborenen Generationen zahlenmäßig so geringen Nachwuchs hervorgebracht haben, daß die nachwachsenden Generationen in ihrer Handlungsfreiheit erheblich eingeschränkt und mit den Verpflichtungen »die die vorangehenden Generationen ihnen hinterlassen haben, überfordert werden«".
            
        Die politische Konstruktion dieser angeblichen Geburtenkrise wurde bei single-dasein.de bereits ausführlich dargestellt.
            
        Nimmt man den Babyboom der 60er Jahre des letzten Jahrhunderts - also einen Ausnahmezustand - als Ausgangspunkt der demografischen Entwicklung, dann erscheint KAUFMANNs Sicht logisch.
            
        In einer historischen Sicht zeigt sicht jedoch schnell, dass seit 1900 kaum eine Generation ihren Beitrag zur Bestandserhaltung geleistet hat. Einzig die Nazigeneration hat uns einen Baby-Boom beschert. Zwei Kriege haben zudem die Bevölkerungspyramide erheblich durcheinander gebracht. Beide Faktoren werden von KAUFMANN ausgeblendet.
            
        KAUFMANN hebt weiterhin auf die Polarisierungsthese ab, die von den Verfechtern einer nationalkonservativen Bevölkerungspolitik bevorzugt wird. KAUFMANN kommt deshalb zum Schluss:
            
        "Es ist (...) vordergründig, allein von einem Verteilungskonflikt zwischen den Generationen zu sprechen; dahinter verbergen sich mindestens zwei weitere Verteilungskonflikte, nämlich derjenige zwischen den Geschlechtern und derjenige zwischen Eltern und Kinderlosen."
            
        Eine solche Sicht ist identisch mit einem Klassenkampf von oben, der sich bei KAUFMANN mit den Vorstellungen eines katholischen Sozialstaats deckt.
            
        Ausgehend vom oben genannten katholischen SCHREIBER-Plan plädiert KAUFMANN konsequenterweise für das Konzept der Beitragsstaffelung nach Kinderzahl in der Rentenversicherung wie es Hans-Werner SINN in die gegenwärtige Debatte eingeführt hat. Er findet diesen Vorschlag als ein "in der gegenwärtigen Situation praktikables Konzept".
            
        Neben der Polarisierungsthese des Geburtenrückgangs begründet KAUFMANN die Bestrafung für Haushalte ohne Kinder mit der strukturellen Rücksichtslosigkeit der deutschen Institutionen:
            
        "Das Problem sind die institutionellen Regelungen, also die Folgen unserer Gesetzgebung. Sie bringen den Kinderlosen Vorteile und den Eltern Nachteile".
            
        Dies ist zwar eine weit verbreitete These der gut organisierten Familienlobby, aufgrund der Intransparenz der sozialstaatlichen Leistungen, ist bisher noch keine von Kinderlosen und Eltern gleichermaßen akzeptierte Berechnung gelungen.
            
        Der Bürger kann deshalb zwischen einer familienfreundlichen Berechnung (wenig erstaunlich, dass diese im Ifo-Institut des Hans-Werner SINN errechnet wurde!) und einer singlefreundlicheren Berechnung von Astrid ROSENSCHON wählen. Beide Berechnungen weisen jedoch erhebliche Lücken auf...
 
 
 
  • RÖSINGER, Christiane (2004): Coole Jungs.
    Männer lieben Whisky, leichte Mädchen und Faustkämpfe (wahlweise Großwildjagd). Warum lieben Männer den Autor Jörg Fauser?
    in: Tagesspiegel v. 11.07.
    • Inhalt:
      Christiane RÖSINGER beschreibt u.a. den typischen Berliner Jörg-FAUSER-Leser Mitte der 80er Jahre:

            
        "Der Anteil der Fauser lesenden Männer erreichte (...) um 1986 in Berlin den Höhepunkt.
      Der typische Fauser-Leser zu dieser Zeit war männlich, zwischen 25 und 35 Jahre alt und von düsterem, leicht verwahrlostem Äußeren. Er war stets ernst, als müsse er ein dunkles Geheimnis bewahren, zumindest aber eine zu behütete Kindheit, oder als müsse er einen schlimmen Vater-Sohn-Konflikt bewältigen. In Fauser-Leserkreisen war es nicht en vogue in Gesellschaft lustig, charmant oder gar höflich und unterhaltsam zu sein. Fauser-Leser waren einsame Wölfe, die gerne schweigend allein am Tresen vor einem Glas Whisky saßen.
      "
            
        RÖSINGER ordnet FAUSER dem in der bürgerlichen Literaturtheorie noch nicht angekommenen Genre des Männerromans bzw. des Rockromans zu:
            
        "Jörg Fauser bezog Stellung gegen »Wochenendbeilagen und Feuilletons westdeutscher Blätter« mit ihrer »vom Feminismus und ähnlichen Gesinnungsdiktaturen genormten Kultur, aus der längst alles getilgt wurde, was Männern einmal Spaß gemacht hat«. Jörg Fauser wurde so zum Kultautor der Männer, die Jörg Fauser lasen, weil er männliche Instinkte pries, weil er seine Leser seine Bad-Boy-Radikalität miterleben ließ, sie am Mut zum Risiko, den sie bei sich selbst vermissten, teilhaben ließ. Jörg Fauser schrieb ganz einfach Männerromane.
      (...). Stilbildend für das Genre »Männerroman« könnte man die Autoren der Beatgeneration, aber auch Hemingway nennen.
      Nun ist die Gattung »Männerroman« in der Gattungstheorie noch nicht recht angekommen, vereinzelt taucht der Begriff als Antwort auf den »Frauenroman« auf. Man könnte aber behaupten, analog zum Frauenroman behandelt der Männerroman Themen, die Männer gerne behandelt wissen. Unverzichtbar für einen Männerroman sind: Der einsame, von der bürgerlichen Umwelt als moralisch fragwürdig eingestufte Held, chaotische Wohnungen, Whiskysorten, Drogen, leichte Mädchen, Rotlichmilieu, Faustkämpfe, wahlweise auch Großwildjagd, gewaltige Naturerlebnisse, Schießereien. Der Männerroman nutzt gerne die Struktur des Krimis oder der Detektiv- und Spionagegeschichte als Konstruktionshilfe und bedient sich der bekannten Klischees. Dabei handelt es sich aber um ein literarisch geniales Spiel mit dem trivialem Genre: Letztendlich geht es dem Männerromanautor um nichts weniger als um die Trennung von Unterhaltung und ernster Kunst.
      Nun bleibt noch die Frage zu klären, ob der Fauser’sche Männerroman ein Poproman oder eher dessen Vorläufer ist. Aber auch beim Poproman ist der Gattungsbegriff noch ungeklärt! Nein, der Fauser’sche Männerroman ist doch eher ein Rockroman.
      "
 
  • LEINKAUF, Maxi (2004): "Die Großstadt ist eine Illusion".
    Emmanuel Bourdieu stellt den Film "Vert Paradis" in Berlin vor. Ein Gespräch über feine Unterschiede,
    in: Tagesspiegel v. 11.07.
    • Inhalt:
      Emmanuel BOURDIEU über seinen Vater Pierre BOURDIEU und den Film "Vert Paradis":

            
        "Als Sohn eines berühmten Intellektuellen haben Sie ebenfalls ein großes Erbe. Sieht man Ihre Filme, so hat man den Eindruck, dass Sie als Regisseur auch sehr soziologisch arbeiten.
      Ja, außerordentlich stark. Der Film spielt übrigens in der Region, in der mein Vater geboren wurde. Er ging dort spät weg, zum Studium. Und kam wieder, um einen Artikel über Ehelosigkeit auf dem Land zu machen…
      ...genau wie der Soziologe im Film.
      Ja. Mein Vater und ich haben viel über das Projekt geredet, er liebte es. Der Darsteller des Soziologen war sehr gut mit ihm befreundet, sie haben gemeinsam Interviews für sein Buch „Das Elend der Welt“ geführt. Ich war auch dabei. Mein Film ist eine Fiktion, aber auch meine Realität. Etwas sehr Persönliches.
      "
 
  • ULRICH, Bernd (2004): SPD und Unterschicht.
    Viel fordern, wenig fördern,
    in: Tagesspiegel v. 11.07.
    • Kommentar:
      Bernd ULRICH ist sich in seinem sozialpädagogischen Ansatz mit Paul NOLTE einig:

            
        "Rettet die Unterschicht – das wäre ein ganz neues rot-grünes Projekt. Ja, auch grün. Die Partei hatte immer schon einen erzieherischen Ansatz, nur meist gegenüber Menschen, die der Erziehung nicht allzu sehr bedürfen. Das ist heute bei einem Teil der Sozialhilfeempfänger anders. Da muss Zivilisation gepaukt werden, vom Stellen des Weckers über das Essen und das Fernsehen bis zur schlichten Höflichkeit. Auch das ist unabdingbar, will man den Ausgeschlossenen eine Chance auf Reintegration und Selbstbestimmung eröffnen."
   

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