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Medienrundschau:

News zum Single-Dasein

 
       
   
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Medienberichte über single-generation.de
 
 
 
   

News vom 15. - 20. Juli 2018: [15.07.] [16.07.] [17.07.] [18.07.] [19.07.] [20.07.]

 
 
     
 
   

Zitat des Monats:

Die Babyboomer in der Sicht des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung

"Die bevorstehende Pensionierungswelle der geburtenstarken »Babyboomer«- Jahrgänge von 1959 bis 1969 wird die demografische Alterung in Deutschland in den nächsten 20 Jahren deutlich beschleunigen. So wird nach der amtlichen Vorausberechnung die Zahl der Rentnerinnen und Rentner zwischen 2017 und 2035 um ca. 5,5 Millionen zunehmen."
(Bevölkerungsforschung aktuell, Nr.3/2018, S.1)

"Durch die bevorstehende Pensionierungswelle der geburtenstarken Jahrgänge von 1955 bis 1969 – der sogenannten »Babyboomer- Generation« – wird sich in Deutschland die demografische Alterung in den kommenden zwei Jahrzehnten deutlich beschleunigen. Die Zahl der Rentner wird laut amtlicher Vorausberechnung zwischen 2017 und 2035 um ca. 5,5 Mio. zunehmen, während die Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter im gleichen Zeitraum um etwa 8 Mio. sinken wird. Das bedeutet, dass, sobald alle Babyboomer im Ruhestand sind, jedem Rentner weniger als zwei Personen im erwerbsfähigen Alter gegenüberstehen werden (Statistisches Bundesamt 2017).
(Elisabeth Kraus u.a. "Der Einfluss der Migration auf den demografischen Alterungsprozess: Deutschland im internationalen Vergleich", In.
Bevölkerungsforschung aktuell, Nr.3/2018, S.3)

"Durch die bevorstehende Pensionierungswelle der geburtenstarken Jahrgänge von 1955 bis 1969 – (der sogenannten »Babyboomer-Generation«) wird die demografische Alterung in den kommenden zwei Jahrzehnten deutlich beschleunigt. Die Zahl der Rentner wird laut amtlicher Vorausberechnung zwischen 2017 und 2035 um ca. 5,5 Mio. zunehmen, während die Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter im gleichen Zeitraum um etwa 8 Mio. sinken wird. Das bedeutet, dass, sobald alle Babyboomer im Ruhestand sind, jedem Rentner weniger als zwei Personen im erwerbsfähigen Alter gegenüberstehen werden."
(Andreas Ette u.a. "Handlungsfeld Migration. Zuwanderung für die Gestaltung des demografischen Wandels nutzen", In. Policy Brief, Mai 2018, S.3)

 
       
       
   

20.07.2018

 
       
   

Einsamkeit in der Debatte

MÜHL, Melanie (2018): Diese schreckliche Leere.
Einsamkeit ist eine individuelle Tragödie und ein gesellschaftliches Problem. von ihr ist sogar im Koalitionsvertrag die Rede. Aber wie will man sie bekämpfen? In einer Berliner Einrichtung hat man damit angefangen. Ein Besuch,
in: Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 20.07.

"Friedrichsfelde Süd. Einem Stadtteil, in dem überdurchschnittlich viele von Armut betroffene Kinder, alleinerziehende Mütter und alte Menschen auf engem Raum leben. Das Geld ist hier dermaßen knapp, dass jeder fünfte Einwohner Transferleistungen bezieht. Aber das ist nur die bezifferbare Realität. Armut, Arbeitslosigkeit, der Verlust des Partners, das Wegsterben langjähriger Freunde in hohem Alter, das alles sind Risikofaktoren für Einsamkeit. Demnach müssen in Friedrichsfelde Süd sehr viele einsame Menschen leben",

meint die neue Konservative Melanie MÜHL im Einsamkeitsfeuilleton der FAZ. Der Ostberliner Stadtteil Friedrichsfelde Süd, der zum Berliner Bezirk Lichtenberg gehört, ist nicht unbedingt ein sozialer Brennpunkt wie MÜHL suggeriert, sondern ein mit guter sozialer Infrastruktur bestückter Stadtteil. Dazu gehört auch der Zeit.Laden, den MÜHL vorstellt.

"Die existentielle Form der Einsamkeit (...) ist schrecklich. Sie geht mit einem Schmerzgefühl einher, dessen Grundton die Empfindung absoluter Unverbundenheit ist, die Angst, von allem und jedem fern zu sein, ausgeschlossen am Rande der Gesellschaft vor sich hin zu leben, isoliert und gemieden. Um diese Einsamkeit geht es hier",

meint MÜHL. Inwiefern diese Art von Einsamkeit gerade in Berlin Friedrichsfelde Süd verbreitet sein soll, wird in dem Artikel nicht belegt. Stattdessen ist die gute soziale Infrastruktur eher ein Hinweis darauf, dass dieser Stadtteil zu den aufgewerteten Stadtteilen gehört. Was den Stadtteil auszeichnet, ist jedoch ein wachsender Anteil von 80-Jährigen und Älteren. Es dominieren deutsche Frauen. Die existentielle Einsamkeit ist jedoch eher männlich, wenn man den Begriff überhaupt für sinnvoll halten mag, denn im Grunde geht es um chronisch gewordene Einsamkeit.

"Die größte Schwierigkeit (...) aber (sei) (...), die Einsamen hinter den verschlossenen Türen überhaupt aufzuspüren. Diejenigen zu finden, die nicht einmal mehr genügend Kraft aufbringen, sich Hilfe zu suchen",

zitiert MÜHL einen evangelischen Pfarrer des Zeit.Laden, dessen "Konzept der offenen Tür" wohl eher auf gesellige Frauen als auf Männer ausgerichtet ist.

Japan gilt den Journalisten als exotisches, moralistisches Alptraumbildnis einer "vergreisenden Konsumgesellschaft", wo die "gekaufte Illusion" und die "Realitätsverweigerung auf Stundenbasis" herrscht. Ob der Versuch der politischen Instrumentalisierung der Einsamkeit besser ist, das wäre die Frage, um die sich der Artikel herumdrückt.    

 
       
   

Die Finanzialisierung in der Debatte

WIEBE, Frank (2018): Eine gefährliche Lücke im Alter.
Die Rente ist sicher, aber reicht sie auch? Das herauszubekommen erfordert eine ganze Menge Arbeit. Es eröffnet aber auch die Chance, noch mehr vorsorge zu betreiben, wenn sich ein Defizit abzeichnet,
in: Handelsblatt v. 20.07.

Die Rentenlücke ist zu klein? Kein Problem für die willfährigen Helferlein der Finanzdienstleister:

"Manchmal liest man als Richtwert, dass 80 Prozent des bisherigen Nettogehalts genug sein sollten. (...).
Wirklich? Wieso sollte man im Ruhestand auf einmal weniger Geld benötigen?"

stellt Frank WIEBE die rhetorische Frage. Achtzig Prozent? Wieso so viel, denn manche sagen gar, dass 60 Prozent des letzten Arbeitseinkommen völlig ausreicht. Wie immer ist das aber in erster Linie eine Frage, ob man glaubt, dass die gesetzliche Rente tatsächlich derart schlecht dasteht wie die Neoliberalen auf der einen und manche Vertreter der Sozialinteressen auf der anderen Seite behaupten. Wenn es um das zukünftige Rentenniveau geht, dann existiert eine merkwürdige Allianz von Interessengruppen, die jeweils aus völlig unterschiedlichen Gründen die Altersarmut dramatisiert.

"Die derzeitige Regierung verspricht, das Niveau der gesetzlichen Rente stabil zu halten. Aber wie lange schafft sie das noch?"

fragt WIEBE. Schließlich ist entscheidend, wer sich im Machtkampf durchsetzt und ob die demografische Entwicklung tatsächlich das wahre Problem der Sozialversicherung ist. Weil aber die Angst vor Altersarmut nicht groß genug zu sein scheint, wird auch noch die steigende Lebenserwartung ins Spiel gebracht:

"Die Lebenserwartung ist heute ziemlich hoch. Auch wer mit 67 in Rente geht, kann locker noch 25 oder sogar 30 Jahre leben. Laut Statistik werden heute 67-Jährige Männer im Durchschnitt 83, die Frauen sogar 86 Jahre alt."

Mit der ferneren Lebenserwartung ist das so eine Sache, denn gemäß Statistisches Bundesamt kann ein 65-jähriger Mann zwar fast 83 Jahre alt werden. Ist ein Mann jedoch 80 Jahre alt, dann kann er sogar 88 Jahre alt werden. Die Lebenserwartung wird also für die überlebenden Menschen umso höher, je älter sie werden (zumindest bis zu einem gewissen Alter). Auf der anderen Seite heißt das aber auch, dass z.B. 55-jährige Männer eine geringere Lebenserwartung haben als ein 67-Jähriger. Es besteht hinsichtlich der Länge des eigenen Lebens eine sehr große Ungewissheit für jeden Einzelnen. Von daher ist das Wissen um die durchschnittliche Lebenserwartung nur ein vager Anhaltspunkt, relevanter ist der individuelle Gesundheitszustand.

Fazit: Hinsichtlich der Rentenlücke haben wir es mit vielen unterschiedlichen Interessengruppen zu tun, die jeweils vorgeben das Beste für uns zu wollen.

NESTLER, Franz (2018): Die Jugend spart - das Alter konsumiert.
Hierzulande legen die Menschen viel Geld zurück. Die Motive für das Sparen sind dabei so unterschiedlich wie das Sparverhalten in der Bevölkerung zwischen Jung und Alt sowie Arm und Reich,
in: Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 20.07.

 
       
   

Der Wandel des Parteiensystems in Deutschland in der Debatte

DELHAES, Daniel (2018): Italienische Verhältnisse.
Volksparteien: Die CSU leidet unter einem europaweiten Trend: Die Parteienlandschaft zersplittert - jetzt auch in Bayern,
in: Handelsblatt v. 20.07.

Die CSU hofft auf die Wähler, die sich in den Umfragen als unentschlossen darstellen, weil die Umfragewerte anders als bei früheren Wahlen keine Trendwende hin zum Besseren zeigen.

 
       
   

Die Steuer- und Abgabenpolitik in der Debatte

SIEMS, Dorothea (2018): Als gäbe es kein Morgen.
Leidartikel: Ob Rente, Pflege oder Arbeitslosenversicherung - die große Koalition bürdet den deutschen Sozialkassen zunehmend Sonderlasten auf. Die Regierung will so die Populisten bekämpfen. Eine höchst fragwürdige Strategie,
in: Welt v. 20.07.

"Als Entlastung verkauft die GroKo den Bürgern (...) die Wiederherstellung der paritätischen Finanzierung der Krankenkassen durch Arbeitgeber und Arbeitnehmer (...) (D)ie Aufteilung auf Arbeitnehmer und Arbeitgeber ist ohnehin eine Fiktion. Denn in Wirklichkeit ist es immer der Erwerbstätige, der den Gesamtbeitrag erwirtschaften muss. Ohne den Arbeitgeberanteil an den Sozialabgaben wäre der Lohn entsprechend höher",

behauptet Dorothea SIEMS. Belegen lässt sich das jedoch nicht, denn Löhne sind auch eine Frage der Machtverteilung und der Abwälzbarkeit von Kosten auf bestimmte gesellschaftliche Gruppen. Die Argumentation kennzeichnet SIEMS allerdings als Arbeitgeberlobbyistin.

"Obwohl derzeit das Verhältnis zwischen aktiver Bevölkerung und Ruheständlern noch gut ist, liegt die Steuer- und Abgabenbelastung für Durchschnittsverdiener schon bei fast 50 Prozent",

vermengt SIEMS zwei Sachverhalte miteinander, die nichts miteinander zu tun haben, denn die Struktur der Steuer- und Abgabenbelastung in Deutschland, die für hohe Belastungen bei den einen und niedrige Belastungen für die anderen zuständig ist, ist der Diskriminierung bestimmter Lebens- und Erwerbsformen bei Privilegierung anderer Lebens- und Erwerbsformen geschuldet. Mit dem demografischen Wandel hat das nichts zu tun, denn sonst müssten andere Staaten mit einer ähnlichen demografischen Bevölkerungsstruktur die selben Probleme haben. Das aber lässt sich nicht belegen. SIEMS nennt deshalb auch keinerlei Zahlen, die ihre Position stützten würden.      

 
       
   

Der Fachkräftemangel in der Debatte

ECKERT, Daniel (2018): Bis zu 14.000 Euro mehr: Fachkräfte vor goldenen Zeiten.
Gut ausgebildete Arbeitnehmer in Deutschland können sich laut einer Studie bis 2030 auf große Gehaltssprünge freuen. Grund ist die Kombination aus schwacher Demografie und starker Wirtschaft,
in: Welt v. 20.07.

Daniel ECKERT plappert die PR einer Unternehmensberatung nach. Vor zwei Tagen drohte in der Welt noch der Untergang des Abendlands aufgrund des demografischen Wandels, noch werden uns aufgrund einer anderen PR für den gleichen Zeitraum goldene Zeiten versprochen. Geht's noch dümmer?

Fazit: Mit Studien zum demografischen Wandel kann man sicher sein, dass sie auf ein Medieninteressen stoßen - völlig egal wie seriös sie sind!

 
       
   

Der ländliche Raum und Mittelstädte im demografischen Wandel

JÄGER, Mona & Timo STEPPAT (2018): Die Stadt bin ich.
In Oppenheim läuft lange alles gut. Die kleine Stadt in Rheinhessen hat einen Bürgermeister, der sich kümmert. Marcus Held und seine SPD sind überall. Bis ihm der Erfolg zu Kopf steigt,
in: Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 20.07.

 
       
   

Die regionale Ungleichheit in der Debatte

NIEWEL, Gianna (2018): Das Maß aller Dinge.
Das Saarland ist für die meisten Menschen nur eine Vergleichsgröße. Annäherung an ein Bundesland, das sich gerne missverstanden fühlt,
in: Süddeutsche Zeitung v. 20.07.

 
       
   

Die Glaubwürdigkeit der Wissenschaft als Problem

BAUER, Patrick & Laura ESSLINGER (2018): Im Netz der Raubverleger.
Wie Wissenschaftler auf zwielichtige Magazine hereinfallen,
in: Süddeutsche Zeitung v. 20.07.

Nach Fake-News haben die Mainstreammedien nun die Fake-Science entdeckt. Die Glaubwürdigkeit sei bedroht, als ob das Problem von außen käme und nicht Kern des Wissenschaftssystems sei.

"»Politische Zahlen« sind nicht unschuldig, sie sind Ausdruck von Werten und Zielen, die zuvor in sie eingegangen sind",

schreibt Wolfgang HELLMICH über das Buch Politische Zahlen von Oliver SCHLAUDT. Oder anders formuliert: Fakten sind immer auch interessengeleitet, was der Kern des Glaubwürdigkeitsproblems der Wissenschaften ist.

HELLMICH, Wolfgang (2018): Wertvoll ist, was vielen nützt.
Politik ohne Zahlen gibt es nicht. Zahlen sind praktisch. Sie gelten als objektiv, obwohl sie das meist gar nicht sind. In der öffentlichen Diskussion würden "politische Zahlen" immer wichtiger, sagt der Philosoph Oliver Schlaudt. Mit fatalen Folgen,
in:
Neue Zürcher Zeitung v. 20.07.

 
       
   

Martin Hecht in der Debatte

HECHT, Martin (2018): Der Anschlag auf den Selbstwert.
Ratings, Klicks, Views, Likes: Was zählt, ist die Zahl. Das Internet-Ich gibt sich Illusionen hin, die zu Frust und Dauerstress, Aggression und Radikalisierung führen,
in: Frankfurter Rundschau v. 20.07.

Martin HECHTs Masche liegt darin, den massenmedialen Zeitgeist lediglich zu verdoppeln, statt ihn zu hinterfragen.

"Das Netz (...) hat wenig Gewinner hervorgebracht, dafür jede Menge Loser. (...). Wenn man sieht, dass Bushido 30 Millionen Klicks hat, machen einem die eigenen 300 Follower nicht klar, wie toll man ist, sondern wie mickrig.
Ratings, Klicks, Views, Likes - es ist die Verunsicherung des qualitativen Selbst, das uns heute so anfällig, man könnte auch sagen: angewiesen macht auf die scheinbare Sicherheit der messbaren Zahl. Aus Unsicherheit flüchten wir in die Sicherheit der quantifizierbarer Größen",

erklärt uns der Babyboomer HECHT, um dann vom Alltag auf die große Politik zu schließen:

"Ausgeschlossen zu sein, Zutritt verwehrt zu bekommen, nicht wahrgenommen zu werden, führt zu Frust, Aggression, Radikalisierung. Das ist schon auf dem Schulhof so, und das ist so, wenn sich große Teil der Gesellschaft abgehängt fühlen. Protestpopulismus ist die Antwort der materiellen, aber vor allem auch symbolischen Verlierer des Internetzeitalters, die nicht teilhaben an den Glückswelten der Internetära."

Schon die Sprachverwirrung "symbolische Verlierer" zeigt im Grunde, dass sich HECHT dem kosmopolitischen Vokabular derzeit populärer Wissenschaftler (von Steffen MAU "Das metrische Wir" bis Andreas RECKWITZ "Die Gesellschaft der Singularitäten") bedient, aber strukturelle Phänomene (Symbolmacht) küchenpsychologisch verhunzt. Ohnmachtsgefühle könnte man das zusammenfassen, was HECHT als Auslöser beschreibt, sind jedoch kein Alleinstellungsmerkmal sozialer Medien, sondern können in vielen Situationen erlebt werden. Das Internet ermöglicht jedoch         

 
       
   

Die Ära Macron in Frankreich

FAUTH, Lea (2018): Die Früchte des Widerstandes.
Jahrelang besetzten Aktivist*innen in Frankreich Land, um einen neuen Flughafen zu verhindern. Der kommt jetzt nicht. Die Nachbar*innen des alten sind sauer. Und die Besetzer*innen fürchten um ihr Werk,
in: TAZ v. 20.07.

 
       
   

19.07.2018

 
       
   

Die Entwicklung der Armut in Deutschland in der Debatte

ROSSBACH, Henrike (2018): Die Miete macht den Mangellohn.
In 63 Kreisen reicht Mindestlohn nicht für ein Leben ohne Staatshilfe,
in: Süddeutsche Zeitung v. 19.07.

Henrike ROSSBACH berichtet über eine kleine Anfrage der Linkspartei:

"Wegen der hohen Wohnkosten reichen in 63 von 401 Kreisen und kreisfreien Städten für einen Single die heutigen 8,84 Mindestlohn in der Stunde bei einer 37,7-Stunden-Woche nicht, um über diese Schwelle zu kommen.
 (...). In Frankfurt etwa wären der Antwort der Bundesregierung nach 10,19 Euro notwendig, in Berlin 9,12 Euro. Besonders viele bayerische Städte und Kreise rangieren weit oben; etwa der Landkreis München mit 10,37 Euro, Ebersberg mit 10,19 Euro oder Kelheim mit 10,12 Euro. Am anderen Ende finden sich Kreise wie Freyung-Grafenau in Niederbayern, wo statistisch 7,52 Euro in der Stunde reichen für ein Einkommen über der Hartz-IV-Schwelle, oder das thüringische Gotha mit 7,75 Euro.
Grundlage der Berechnungen ist ein Vollzeiteinkommen zum Mindestlohn, mit dem man auf 1444 Euro brutto im Monat kommt und auf 782 Euro netto. Zieht man davon den Hartz-IV-Regelsatz von 416 Euro ab, bleiben 366 Euro übrig. Überall dort, wo die Wohn- und Heizkosten höher ausfallen, hätte der Mindestlohnarbeiter Anspruch auf staatliche Hilfe."

Interessant ist, dass das Beispiel für einen "Single" ausgewiesen wird, obwohl die SZ oftmals "Singles" als Ursache der Wohnungsnot beschreibt, während die Familien als Opfer dargestellt werden. Wenn jedoch Steuern eine Rolle spielten, dann wird gerne der "Single" herangezogen, weil Familien und Ehepaare aufgrund geringerer Besteuerung im Vergleich zu Unverheirateten - was "Single" in dieser impliziten Definition eigentlich bedeutet, auch dann noch von Mindestlöhnen leben könnten, wo der "Single" längst auf einen staatlichen Zuschuss angewiesen wäre.

Die neoliberale Position, die ROSSBACH vertritt, zielt jedoch - im Gegensatz zur Position der Linkspartei, auf die Bedürfnisse der Arbeitgeber und nicht der Arbeitnehmer:

"Das Problem allerdings ist: Ein flächendeckender Mindestlohn wie der deutsche gilt überall, in strukturschwachen Regionen genauso wie in teuren Boom-Städten. Der Vorteil: Er setzt das politische Signal, dass die Grenze überall gilt. Nachteil: Ohne Differenzierung reicht er für ein Leben in teuren Regionen nicht aus. Das Institut für Arbeitsmarkt und Berufsforschung warnte in seinem Mindestlohnbericht kürzlich dennoch vor einer zu starken Anhebung. Dies könne in schwachen Regionen Arbeitsplätze kosten."

Die Hardliner der Arbeitgeberlobby gehen da noch weiter. Ginge es nach ihnen, dann hätten sich Transferempfänger dort eine Wohnung zu suchen, wo die Miete niedrig genug ist. Dass dort meist die Arbeitsplätze fehlen und deshalb weite Wege zum Arbeitsplatz notwendig wären, fällt dabei unter den Tisch.     

 
       
   

Die betriebliche Altersvorsorge in der Debatte

MIHM, Andreas & Kerstin SCHWENN (2018): SPD will Kassenbeiträge der Betriebsrentner halbieren.
Union von Vorstoß überrascht. Einnahmeausfälle der Krankenkassen von 3 Milliarden Euro im Jahr,
in: Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 19.07.

MIHM, Andreas (2018): Untaugliche Lösung.
Kommentar,
in: Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 19.07.

 
       
   

Die politische Kultur in der Debatte

JAEGER, Mona (2018): Kleine Anfrage ganz groß.
Verstärkt durch den Einzug der AfD in den Bundestag werden Ministerien mit Fragen überschüttet,
in: Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 19.07.

Mona JAEGER klärt über die kleine Anfrage, neben dem Gang zum Bundesverfassungsgericht und der Forderung und Einsetzung eines Untersuchungsausschusses, als wichtigstes Oppositionsinstrument der Bundestagsfraktionen auf. Gemäß JAEGER spiegeln die kleinen Anfragen die Kernthemen der Oppositionsparteien wider. Demnach wäre die soziale Frage kein Kernthema der Oppositionsparteien. Merkwürdigerweise verbreitet jedoch die FAZ in ihrem Wirtschaftsteil oftmals nur kleine Anfragen zur sozialen Frage bzw. zur Sozialversicherung und deren Privatisierung.

Einen Überblick über die kleinen Anfragen erhält man hier. In der letzten Legislaturperiode von den 3.976 kleinen Anfragen nur 320 an das Bundesministerium für Arbeit und Soziales gerichtet, an das Bundesministerium für Gesundheit waren es nur 202 und das Familienministerium musste gar nur 119 Anfragen beantworten. 

 
       
   

Wolfgang Engler in der Debatte

ENGLER, Wolfgang (2018): Heucheln wollen sie nicht.
Die Rechten sind besonders erfolgreich in Ostdeutschland. Denn hier wird die politische Korrektheit der Eliten als verlogen wahrgenommen,
in: Die ZEIT Nr.30 v. 19.07.

"Das Führungspersonal der AfD stammt weit überwiegend aus dem Westen, von dort aus startete die neue Rechte ihre gesamtdeutsche Karriere. Dass sie in wirtschaftlich prosperierenden Bundesländern, in Bayern, Baden-Württemberg und Sachsen, überdurchschnittlich gut abschneidet, spricht unmissverständlich zugunsten der Reichweite dieser Sammlungsbewegung bis weit in die Mitte der deutschen Gesellschaft hinein",

meint der ostdeutsche Soziologe Wolfgang ENGLER. Warum jedoch gerade prosperierende Bundesländer betroffen sind, ist einleuchtend, denn wo Leuchtturmpolitik der neoliberalen Musterschüler dominiert, da sind die Ungleichheiten ungleich größer als sie in anderen Bundesländern je sein könnten. Und Sachsen stellt einen Extremfall solcher Austeritätspolitik dar, bei dem die Infrastruktur in weiten Teilen zugunsten elitärer Projekte kaputtgespart wurde.

"Wenn Menschen irgendetwas wirklich nervt, zur Weißglut treibt, dann das Ansinnen, sie sollten über ihre moralischen Verhältnisse leben, öffentlich heucheln, was sie persönlich überfordert. Ein einziger Aufruf zur Doppelmoral in vermeintlich linker Gesinnung, tatsächlich eine grandiose Vorlage für die neue Rechte. Deren Repräsentanten wissen das Geschenk zu würdigen, das ihnen da zuteilwird. Sie rufen moralische Entspannung aus. Entriegeln die Affekte, die ihre Widersacher auf so verkehrte Weise zügeln wollen, locken sie ins Freie. Wenn sich dann Leute unter die moralischen Verhältnisse begeben, die sie selbst vor Kurzem noch verteidigten, dann ist das eben ihre neue Wahrheit, ihre jetzige Discountmoral",

meint ENGLER, der unseren individualisierten, Akademikermilieus, die sich viel auf ihre hehren Ideale einbilden, ihre Lebenslügen vorwirft:

"Nun sind sie emanzipiert, in ihrer Selbstwahrnehmung, und andere sind es nicht, nicht so wie si. Und da gibt es kein Vertun, keine Nachsicht, kein Vergeben. Da wird der eigene, mühsam erworbene Standard durchgeboxt, sei es auch unter Absehung von der sozialen Lage, von Verhältnissen, die der moralischen Selbstoptimierung im Wege stehen."

Cornelia KOPPETSCH hat kürzlich das subtile, kosmopolitische Grenzregime aufgezeigt, mit dem sich unsere linksliberalen Moralisten die Probleme der Welt vom Halse halten können und davon sogar noch profitieren können. 

 
       
   

Soziale Brennpunkte in der Debatte

HUMMEL, Konrad (2018): Quartiere ohne Zukunft?
Vielfalt gilt als erstrebenswert. Moderne Stadtentwicklung muss aber dafür sorgen, dass sie nicht zum Problem wird,
in: Die ZEIT Nr.30 v. 19.07.

Die Neckarstadt-West wird uns als sozialer Brennpunkt in Mannheim beschrieben. Sobald solche Viertel in den Mainstreammedien als Problem beschrieben werden, dann wird längst an ihrer Gentrifizierung gearbeitet. Soziale Brennpunkte, die gentrifiziert werden sollen, heißen im neoliberalen Neusprech nun "Planungsbezirk mit besonderem Entwicklungsbedarf".

"In der Haupteinkaufsstraße reihen sich Wettbüros und Geldautomaten aneinander. Immerhin hat es zuletzt einige Kreative hierher gezogen, und mit ihnen kamen alternative Cafés und Kulturkioske, Vintageläden und sogar ein Eckchen, an dem jemand ein paar Pflanzen gesetzt hat",

jubelt Konrad HUMMEL über die ersten erfolgreichen Anzeichen von Gentrifizierung in einem öden Arbeiterquartier, das unsere Kosmopoliten als geeignet für die einkommensstarke Mittelschicht sehen. Dazu müssen aber die Alteingesessenen und zugezogenen Migranten verdrängt werden, denn:

"Mittelständische Doppelverdiener zieht es wegen der Lage am Fluss und der Urbanität zwar zunächst gern hierher. Doch wenn ihre Kinder die Fäkalsprache aus dem Kindergarten mitbringen, sind sie auch schnell wieder weg."

Unsere linksliberalen Eliten haben nun jedoch noch ein weit gefährliches Problem entdeckt: Die AfD!

"Der Berliner Thinktank Progessives Zentrum hat in einer aktuellen Studie herausgefunden, dass fast alle Großstädte in Deutschland - ebenso wie in Frankreich - mit ähnlichen Problemen kämpfen. Das Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB) hat registriert, dass solche Quartierssegregationen im ganzen Land zugenommen haben. Inzwischen dämmert so manchen, dass solche Vielfaltsquartiere sozusagen die Endstation der politischen Nahrungskette sind. Hier treten die Folgen von Klima-, Sozial- oder Flüchtlingspolitik zutage. Sie sind der Spiegel, den Rechtspopulisten ständig allen vorhalten: Als Beleg dafür, dass der Staat versagt und dass Zuwanderung Problem verursacht."

Es passt ausgezeichnet, dass solche berüchtigten Quartiere meist gut zur Gentrifizierung geeignet sind. Bei Wikipedia heißt es zum Viertel:

"Die Neckarstadt-West ist ein urban geprägter Stadtbezirk mit dem größten denkmalgeschützten Altbaubestand."

Problembezirke, die nicht gentrizierbar sind, sind für Neoliberale uninteressant, weshalb sie in Mainstreammedien nur selten in Erscheinung treten. Aber in Mannheim hat man schon das berüchtigte, aber innenstadtnahe Stadtviertel Jungbusch erfolgreich weggentrifiziert, weshalb neue Substanz gebraucht wird.

Die AfD hat bei der Bundestagswahl 2017 in der Neckarstadt-West mit 11,4 Prozent unterdurchschnittlich wenig Stimmen holen können. Dass die Grünen und die Linkspartei dort stark sind, zeigt eher, dass in dem Stadtteil bereits die typische kosmopolitische Klientel verankert ist.    

 
       
   

Das Single-Dasein in den USA

KURAS, Peter (2018): Wohnwagen, Inzucht.
USA: In Cleveland, Ohio, schreibt ein Onlinemagazin gegen die Klischeebilder vom hinterwäldlerischen Rust Belt an,
in: Freitag Nr.29 v. 19.07.

 
       
   

18.07.2018

 
       
   

Die Steuer- und Abgabenpolitik in der Debatte

GAMMELIN, Cerstin (2018): Der Staat bist du.
Steuern: Die Mär vom gefräßigen Fiskus ist Humbug. Und sie ist gefährlich,
in: Süddeutsche Zeitung v. 18.07.

Cerstin GAMMELIN nutzt den Steuerzahlergedenktag des Bund der Steuerzahler, einer von einem Nazi gegründeten Verein, um ihre eigenen neoliberalen Vorstellungen von den Staatsaufgaben zu präsentieren. Der Bund der Steuerzahler sei eine "Lobbyorganisation der Steuerzahler" behauptet GAMNELIN. Das aber ist falsch, denn es ist eine Lobbyorganisation der Arbeitgeber und der FDP-nahen Mehr-Netto-vom-Brutto-Fraktion.

Bei der Steuerpolitik ersetzt inzwischen die Leerformel "Nachhaltigkeit" den früheren Begriff "Allgemeinwohl". Nachhaltigkeit suggeriert Zukunft, womit auch gleich das Feinbild, nämlich der Sozialstaat, impliziert ist.

"Mehr als zwei Drittel der Bürger quer durch alle Altersklassen und nahezu alle Einkommensgruppen wollen, dass sich der Staat um ein auskömmliches Einkommen im Alter kümmert",

meint GAMMELIN. "Nahezu alle Einkommensklassen" ist hier das Stichwort, das die Differenz macht, um die es geht: Nicht um Generationengerechtigkeit ("Nachhaltigkeit"), sondern um Klassenunterschiede geht es in der Steuerpolitik wie in allen anderen Verteilungsfragen.   

 
       
   

Die Demografisierung gesellschaftlicher Probleme

GASSMANN, Michael (2018): Naht ein Krisenjahrzehnt?
Eine Analyse zeichnet ein düsteres Bild der nächsten Zukunft in den Industrieländern und warnt vor Tumulten auf den Arbeitsmärkten, darbenden Sozialsystemen und schwindendem Mittelstand,
in: Welt v. 18.07.

Michael GASSMANN berichtet über den Bain-Report "Labor 2030", der einen Zusammenprall von Demografie, Automatisierung und Ungleichheit beschwört. Zahlen werden im Demografie-Kapitel des Reports jedoch nur für die US-amerikanischen Babyboomer geliefert, während die restliche Welt mehr oder weniger als am Tropf der USA hängend betrachtet wird. Einem solch simplifizierenden Weltbild ist bereits der Alarmist Frank SCHIRRMACHER in seinem Pamphlet Das Methusalem-Komplott erlegen, weswegen von dessen bombastischen Untergangsphantasien nichts Bleibendes übrig geblieben ist. Oder hat jemand den Weltuntergang aufgrund des im All kreisenden Altersheims im Jahr 2008 bemerkt? Eher verbindet sich das Jahr mit der Krise des Finanzkapitalismus, die bis heute anhält, ohne dass die Regierungen in der Lage wären angemessen darauf zu reagieren.

 
       
   

Der ländliche Raum und Mittelstädte im demografischen Wandel

MORGENSTERN, Tom (2018): Günstige Mieten weitab vom Schuss.
BBU Verband der Wohnungsunternehmen warnt vor Folgen von Preisauftrieb beim Bau und vor Leerstand,
in: Neues Deutschland v. 18.07.

Tom MORGENSTERN berichtet über den Jahresbericht 2017 des Berlin-Brandenburgischen Wohnungsunternehmen (BBU), deren Mitgliedsunternehmen in Brandenburg eine große Marktmacht auf dem Mietmarkt haben. Der Verband sorgt sich um seine Einnahmequellen in Gebieten mit hohem Leerstand wie Prignitz (17,6 Prozent) und Spree-Neiße (17,4 %).

 
       
   

Die Ära Macron in Frankreich

TZERMIAS, Nikos (2018): Paris und die französische Wüste.
Im zentralistischen Frankreich werden Provinzstädte wie das im grünen Herzen des Landes gelegene Limoges zunehmend abgehängt,
in:
Neue Zürcher Zeitung v. 18.07.

 
       
   

17.07.2018

 
       
   

Das RV-Leistungsverbesserungs- und -stabilisierungsgesetz in den Medien

BRÜSS, Manfred (2018): Union stellt Forderungen zum Rentenpaket.
Die Ressortabstimmungen über das von Arbeits- und Sozialminister Hubertus Heil (SPD) Ende vergangene Woche vorgelegte Rentenpaket haben am Montag begonnen. Der arbeitsmarkt- und sozialpolitische Sprecher der Unions-Bundestagsfraktion, Peter Weiß (CDU), forderte Heil dazu auf, die im Koalitionsvertrag vereinbarte Reduzierung des Beitrags zur Arbeitslosen-Versicherung in das Paket einzubauen,
in: versicherungsjournal.de v. 17.07.

 
       
   

Der Standortwettbewerb in der Debatte

DORNIS, Valentin (2018): Aufbruch im Land der Patriarchen.
Gipfelstürmer: Bertelsmann, Oetker, Miele: Im östlichen Nordrhein-Westfalen sind große Konzerne entstanden. Dennoch tat sich die Region schwer, diese Tradition fortzusetzen. Das ändert sich gerade,
in: Süddeutsche Zeitung v. 17.07.

 
       
   

Die Hochburgen der Alternative für Deutschland in der Debatte

AUER, Dirk (2018): Die alte Linken-Hochburg wählt heute AfD.
In Berlin-Marzahn suchen die Abgehängten Halt bei der neuen Rechtspartei,
in:
Neue Zürcher Zeitung v. 17.07.

"Wolfgang Brauer (war) seit 1999 Direktkandidat (...) im Wahlkreis 1, in Marzahn-Nord, und (fuhr) all die Jahre Sieg um Sieg (ein)(...). Und dann tritt 2016 zum ersten Mal die AfD an, stellt mit Gunnar Lindemann einen Kandidaten auf, der von ihm, dem ehemaligen kulturpolitischen Sprecher der Berliner Linken, nicht stärker abweichen könnte: ein Zugezogener, ein Wessi, ein Eisenbahner, ein Rechter. Und aus dem Stand heraus holt dieser Kandidat bei den Wahlen zum Abgeordnetenhaus 30 Prozent. (...).
Bei der Wahl lagen Linke und AfD mit jeweils 30 Prozent fast gleichauf. 300 Stimmen fehlten ihm am Ende",

behauptet Dirk AUER. Tatsächlich lag bei der Wahl zum Abgeordnetenhaus im Jahr 2016 die AfD im Wahlbezirk Marzahn-Hellersdorf 1 mit 30,7 Prozent ganze 2 Prozent vor der Linkspartei mit 28,7 Prozent. Ein knappes Ergebnis sieht anders aus. Knapper war es dagegen im Wahlbezirk Marzahn-Hellersdorf 3, wo die AfD mit 29,8 % vor der Linkspartei mit 28,1 % lag.

AUER beschreibt den Aufstieg und Fall der Linkspartei in Marzahn-Hellersdorf:

"Traditionell ist die Linke stark im Ostberliner Bezirk Marzahn-Hellersdorf mit seinen etwa 260.000 Einwohnern, wo Plattenbauten aus DDR-Zeiten das Stadtbild bestimmen. Am stärksten war sie immer im sozial besonders schwachen Norden: einer Gegend mit hoher Arbeitslosigkeit, niedrigem Durchschnittseinkommen und Bildungsstand. Da, wo sich die sogenannten Abgehängten sammeln, die Enttäuschten und Hoffnungslosen. Eine klassische Arbeitergegend, sagt Wolfgang Brauer. Und damit Stammland der Linken. Eigentlich. (...).
Die Linke, sagt Wolfgang Brauer, habe sich von ihrer sozialen Basis entfernt. Links und sozialer Protest, das war hier eine weitgehende Einheit zuletzt, als die Linke noch PDS hiess und fest in den Vereinen und den sozialen Hilfsprojekten verwurzelt war. Stichwort: Kümmerpartei. (...). Auf dem Gipfel der Popularität, 2001, holte Wolfgang Brauer in seinem Wahlkreis 56 Prozent. Es war das berlinweit beste Ergebnis.
Aber dann (...) sass seit 2002 (die Linke) mit der SPD in der Berliner Landesregierung. Und die Linke wurde für deren rabiaten Sparkurs mitverantwortlich gemacht. (...). Dazu gesellte sich eine schleichende kulturelle Entfremdung, als im Zuge ihrer Westausdehnung die Linke ihre Wähler zunehmend auch in den akademisch-mittelständischen Milieus der Innenstädte suchte. (...).
Die Wahlen 2006 und 2011 brachten die Quittung. Und in Marzahn-Nord war der Fall besonders tief: Von 56 Prozent Erststimmen ging es hinunter auf 41, dann noch einmal auf 36 Prozent. Die Wahlbeteiligung lag da bei nur noch knapp 40 Prozent - der niedrigste Wert in ganz Berlin. Die Frustrierten und sozial Abgehängten von Marzahn-Nord waren politisch heimatlos geworden. Und dann kam die Flüchtlingskrise."

AUER beschreibt wie die Reaktion der Linken auf die Flüchtlingskrise den Wahlerfolg der AfD in Marzahn-Hellersdorf beförderte. Die Wahl der Standorte für Flüchtlingsunterkünfte in sozialen Brennpunkt verschärfte dort die Lage, was die AfD zum Wahlkampfthema machte, während die Linken die Probleme einfach ignorierten und die Rassismuskeule schwangen, um ihre eigenen Kandidaten vor Ort zu disziplinieren, so der Tenor des Berichts.

Bei den nächsten Wahlen, so AUER, könnte die AfD stärkste Partei in Marzahn-Hellersdorf werden. 

 
       
   

16.07.2018

 
       
   

Das RV-Leistungsverbesserungs- und -stabilisierungsgesetz in den Medien

STEFFEN, Johannes (2018): Übersicht zu den wesentlichen Regelungen des Entwurfs zum RV-Leistungsverbesserungs- und Stabilisierungsgesetz (Stand: Referentenentwurf v. 13.07.2018,
in:
sozialpolitik-portal.de v. 16.07.

GÖBEL, Heike (2018): Schindluder mit dem Rentenversprechen.
Abermals missbraucht die große Koalition die Rentenkasse und drückt sich vor Kernfragen,
in: Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 16.07.

Heike GÖBEL sind die Kosten, die ihre FAZ-Kollegin Kerstin SCHWENN am Samstag nannte, zu niedrig, weshalb sie sich lieber and der Welt-Kollegin Dorothea SIEMS orientiert. 2 Milliarden mehr mit einem Federstrich - kein Problem für eine Journalistin! Auch sonst setzt GÖBEL immer noch etwas oben drauf, denn sonst könnte ja jemand auf die Idee kommen, dass die Kosten gerechtfertigt seien.

Die Babyboomer dienen GÖBEL als Argument, um die gesetzliche Rentenversicherung zum zukünftigen System der Armenfürsorge zu stilisieren. Da kommt das Äquivalenzprinzip als Mittel der Akzeptanz nur als scheinheilige Rhetorik zum Zuge.

Die Besserstellung von Erwerbsunfähigkeitsrentner - was selbst von neoliberalen Wissenschaftlern gefordert wird - wird da nur als Fehlanreiz diffamiert. Tatsächlich geht es GÖBEL nicht um die Interessen von Arbeitnehmern - schon gar nicht von Geringverdienern - sondern nur um die Arbeitgeber und deren Profite.

"»Uns« ist übrigens die arbeitende Mitte, die von der Koalition (...) demotiviert wird."

Es wundert höchstens, dass sich GÖBEL nicht zur "schwer arbeitenden Mitte" zählt, wenn sie solche 08/15-Argumente aus dem neoliberalen Satzbaukasten zusammenstellt. Witzig ist es, wenn eine neoliberale Reformeinpeitscherin sich plötzlich ganz bieder konservativ auf geltendes Recht beruft, das gewöhnlich nur als Hindernis für weitere Reformen dargestellt wird. Wenn es um Leistungsverbesserungen geht, dann werden Neoliberale plötzlich zu rückwärtsgewandten Verteidigern des Systems. Wenn also der nächste Sozialabbau gepredigt wird, sollte man GÖBEL an das geltende Recht erinnern, auf das sie nun selber pocht!              

 
       
   

Der Immobilienmarkt in Deutschland in der Debatte

REITZER, H. u.a. (2018): Zimmer ohne Aussicht.
Viele Mieter fühlen sich eingesperrt. Ältere bleiben in zu großen Wohnungen, Familien in zu kleinen. Umziehen geht nicht - die neue Miete wäre viel zu hoch,
in: Süddeutsche Zeitung v. 16.07.

"Der Lock-in-Effekt trägt dazu bei, dass die, die sich lieben, nicht zusammenziehen. Und dass die, die sich längst nicht mehr lieben, zum Zusammenleben verdammt sind. Erhält Paare davon ab, eine Familie zu gründen oder zumindest davon, ein zweites oder drittes Kind zu bekommen. Und er führt dazu, dass Alte allein in zu großen Drei-Zimmer-Wohnungen bleiben, weil eine neue angemietete Ein-Zimmer-Wohnung mittlerweile zu teuer wäre",

heißt es über den Übeltäter, der für alle zwischenmenschlichen Probleme zuständig ist. Als Ursache des Lock-in-Effekts gilt Neoliberalen die Tatsache, dass Bestandsmieten weniger stark ansteigen als Mieten für neu bezogene Wohnungen. Also einfach die Bestandsmieten stärker erhöhen. Das wäre doch ideal, um die Mobilität zu erhöhen, denn im flexiblen Kapitalismus ist Mobilität der Motor von Gentrifizierung und Ungleichheit.

Die Umzugsquote gilt Neoliberalen als Maßstab für eine gut geschmierte Gesellschaft, in der die "Aufwärtsbewegung" nicht behindert wird. Auf die Frage, warum sie nicht umziehen, antworten die meisten Befragten, dass sie gerne dort wohnen, wo sie gerade wohnen. Ärgerlich für jeden Neoliberalen! 

 
       
   

Das Single-Dasein in der Schweiz

MARTI, Gian Andrea (2018): Die Stadt der Jungen.
NZZ-Serie Junge Schweiz, alte Schweiz: Opfikon ist die jüngste Gemeinde der überdurchschnittlich gealterten Deutschschweiz - dennoch ist sie nur bedingt ein Sonderfall,
in:
Neue Zürcher Zeitung v. 16.07.

ASCHWANDEN, Erich  (2018): "Schluss mit dem Wachstum".
Viele Dörfer wollen den Baumboom einschränken - das beschert Probleme vor Ort,
in:
Neue Zürcher Zeitung v. 16.07.

 
       
   

Das Single-Dasein in den USA

JARDINE, Anja (2018): Warum das Schicksal herausfordern?
NZZ-Serie Die Kinder von 5010 (2): Anne-Marie bekommt einen zweiten Sohn von einem anderen Spender. Und eine schlimme Diagnose. Julia entschliesst sich zur Adoption. Weitere Halbgeschwister tauchen auf: die Zwillinge von Karen und Lisa, einem lesbischen Paar aus Colorado,
in:
Neue Zürcher Zeitung v. 17.07.

 
       
   

15.07.2018

 
       
   

Die Ehe in der Debatte

DÜRRHOLZ, Johanna (2018): "Scheidungen zeigen, wie sichtig uns die Ehe ist".
Scheiden ist schön! Finden immer noch 153.500 Deutsche, die es 2017 getan haben. Ein Soziologe erklärt, warum das ein gutes Zeichen ist,
in: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung v. 15.07.

Johanna DÜRRHOLZ interviewt anlässlich der Veröffentlichung von Scheidungszahlen den Soziologen Johannes KOPP, der den Zahlen des Statistischen Bundesamtes wenig abgewinnen kann, weil sie keine Auskunft über das aktuelle Scheidungsrisiko geben. Selber hat KOPP jedoch auch keine Zahlen zu bieten. Wer wie DÜRRHOLZ die falschen Fragen stellt, der bekommt auch keine vernünftige Antworten:

"Warum sind denn (...) Beziehungen noch so furchtbar wichtig für unsere Gesellschaft? Wenn doch inzwischen jeder dritte Haushalt ein Singlehaushalt ist?"

fragt nur jemand, der von der irrigen Vorstellung beherrscht ist, dass in Einpersonenhaushalten lediglich Partnerlose leben, obwohl mittlerweile jeder, der lesen kann, eigentlich wissen müsste, dass dies nicht der Fall ist. KOPP lässt dieses Missverständnis ungeklärt, sondern antwortet auf eine Frage, die so nicht gestellt wurde. Wenig hilfreich ist es auch, wenn KOPP den Wertewandel leugnet, indem er sich die individualisierten Werte der neuen Mitte schönredet. Es könnte sein, dass solche Ignoranz unseren Eliten zum Verhängnis werden könnte. Wer denkt, den Wertewandel aussitzen zu können, wird bald von der Realität überrollt werden. 

 
       
   

Die Alternative für Deutschland in der Debatte

HANK, Rainer (2018): Nationalsozial.
Als "Partei des sozialen Friedens" zieht die AfD mit einem linken Programm in die kommenden Wahlkämpfe. Die Strategie könnte funktionieren,
in: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung v. 15.07.

"Man kann offene Grenzen haben oder einen üppigen Wohlfahrtsstaat, aber keinesfalls zusammen"

zitiert Rainer HANK sein neoliberales Leitbild. Kosmopoliten wie HANK plädieren deshalb für den Abbau des Sozialstaats. So will es jedenfalls das schönfärberische Selbstbild des Kosmopoliten. Soziologen wie Cornelia KOPPETSCH attestieren ihnen dagegen ein ganz perfides Grenzregime, das lediglich subtiler ist als das nationale Grenzregime. Man könnte auch sagen, dass der Neoliberalismus erst den Nationalsozialismus der AfD salonfähig gemacht hat, denn beide Ideologien können sich auf den Kernsatz von Milton FRIEDMAN, den HANK zitiert hat, berufen.

Jene, die diesen Kernsatz bestreiten, beleidigt HANK als Idealisten bzw. Utopisten. Man kann jedoch durchaus die Frage stellen, wann ein Sozialstaat als "zu üppig" gilt. Dass diese Frage der Kern einer Kontroverse sein kann, das leugnen sowohl Neoliberale wie Nationalsozialisten.

HANK zitiert den Jenaer Soziologen Klaus DÖRRE, der im Artikel "Die Systemfrage kehrt zurück!" folgendes schreibt:

"Trotz 40-Stunden-Woche und Doppelverdienst lebt man mit zwei Kindern und Löhnen um 1.600 Euro brutto in einem Knappheitsregime. Jede größere Anschaffung, jede Reparatur am Auto wird zum Problem. Urlaub ist kaum möglich, und selbst für den Restaurant-Besuch am Wochenende reicht das Geld in der Regel nicht. Angesichts dieses Knappheitsregimes, das man, sofern nicht selbt betroffen, aus der sozialen Nachbarschaft kennt, betrachten sich viele der befragten Arbeiter(innen) als unverschuldet anormal. »Jeder Deutsche hat ein Grundgehalt von 3.300 Euro im Durchschnitt. Dann frage ich mich, was bin ich dann? Bin ich kein Deutscher? Die normalen Dinge, die man sich als Ausgleich mal gönnt, das geht nicht«, erklärt ein gewerkschaftlich aktiver Produktionsarbeiter mit Sympathien für PEGIDA und die völkische Rechte im Interview. Wichtig ist die semantische Verschiebung. Das Deutschsein wird zur Chiffre, die den Anspruch auf einen »normalen« Lohn, ein »normales Leben« transportiert. Dieser Anspruch wird zu einem exklusiven, weil er Normalität nur für Deutsche einklagt." (2018, S.29)

In der jungen Welt ("Die unzufriedene Klasse", 30.04.2018) heißt es dann bei DÖRRE:

"Nehmen wir das Beispiel einer Arbeiterfamilie im Osten Deutschlands. Mann und Frau arbeiten 40 Stunden Vollzeit für einen Bruttomonatslohn von 1.600 bzw. 1.700 Euro. Nach Abzug aller Fixkosten verbleiben dem Haushalt mit zwei Kindern 1.000 Euro netto, von denen Kleidung, Nahrungsmittel usw. bezahlt werden müssen. Unter diesen Bedingungen wird jede größere Anschaffung, jede Reparatur am Auto zum Problem. Urlaub ist kaum möglich und selbst für den Restaurantbesuch am Wochenende reicht das Geld in der Regel nicht. Angesichts dieses Knappheitsregimes fühlen sich Arbeiter unverschuldet anormal. Kultur- statt Klassenkampf Ein befragter Produktionsarbeiter mit Sympathien für die extreme Rechte bringt das wie folgt auf den Punkt: »Jeder Deutsche hat ein Grundgehalt von 3.300 Euro so im Durchschnitt. (…) Dann frage ich mich jetzt, was bin ich dann? Bin ich kein Deutscher? Bin ich irgendwas? Ich meine, ich sage, ich habe 1.600 brutto. (…) Was will ich damit? Damit kann ich nicht leben. (…) Dass wir mal fortgehen können (ins Restaurant, K.D.). Da müssen wir wirklich, wirklich aufs Geld gucken. Urlaub. Das ist alles, wo man sagt, das sind einfach die Dinge, die normalen Dinge, die man sich als Ausgleich mal gönnt, (…) das geht nicht.« Wichtig ist auch hier eine semantische Verschiebung. Das »Deutsch-Sein« wird zur Chiffre für den Anspruch auf einen »normalen« Lohn. Dieser Anspruch wandelt sich jedoch zu einem exklusiven, weil er eine Normalität nur der Deutschen einklagt."

Diese Passage wird von HANK teils in indirekter, teils in direkter Rede, teils abgeändert zitiert. HANK kann es nicht fassen, dass jemand nicht wie er der Ansicht ist, dass dies nichts als gefühlte Ungerechtigkeit ist, die sich mittels wissenschaftlicher Fakten einfach wegleugnen lässt.

"Dass es, nach allem, was man weiß, auch künftig hierzulande keine nennenswerte Zunahme der Altersarmut geben wird, stört die AfD wenig. Ihr reicht die gefühlte Gefahr der Altersarmut. Und die ist hoch".

Für AfD könnte man auch SPD oder Linkspartei einsetzen.

"Diese Gefühl (...), strukturell benachteiligt zu sein, lässt sich offenbar vom allgemein wachsenden Wohlstand nicht irritieren",

ist HANK fassungslos. Offenbar ist HANK der Ansicht, dass Menschen sich abstrakte Wohlstandsindikatoren wie sie Neoliberale bevorzugen, zu eigen machen sollen. Dann gäbe es nämlich in Deutschland kein Problem. Jeder müsste im neoliberalen Wohlstandsland einfach nur akzeptieren, dass er völlig zu Recht und selbst verschuldet, nicht zu den Gewinnern des Systems gehört! Ranklotzen statt Ansprüche stellen, heißt die neoliberale Devise.

HANK malt ein Szenario, in dem der Dresdner AfD-Chef Jörg URBAN nach den Landtagswahlen 2019 in Sachsen zum neuen Ministerpräsident gewählt wird. HANK bezeichnet ihn als "Ex-Grünen". URBAN ist jedoch kein Mitglied der Grünen gewesen, sondern Mitglied der Grünen Liga, einer DDR-Umweltorganisation. HANK beschleicht zumindest die Ahnung, dass das neoliberale Herrschaftssystem Risse bekommen könnte.

Fazit: Neoliberale leben in ihrer eigenen Blase, die ihnen so zur zweiten Haut geworden ist, dass ihnen jegliches Gespür für die Ungleichheiten im Land abhanden gekommen ist. Sie berufen sich auf ökonomische Kennziffern, die für sie der einzige - geradezu göttliche Maßstab sind, den alle Bewohner dieses Landes anzuerkennen haben. Basta! Demokratie ist jedoch etwas anderes als ein ökonomisches Effizienzregime.

 
       
   

Das Single-Dasein in Schweden

WIETERSHEIM, Stefanie von (2018): Stadtinsel der Seligen.
Wohnen in Stockholm: Auf eine Mietwohnung in Södermalm wartet man mehr als zwanzig Jahre. Glücklich, wer schon da ist und vor dem Früstück schwimmen und nach der Arbeit Boot fahren kann,
in: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung v. 15.07.

 
       
 

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Zu den News vom 11. - 14. Juli 2018
 

       
   
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