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Medienrundschau:
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News vom
24. - 31. März 2004
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Zitat
des Monats:
"Der
»Morgen danach«, der Morgen nach der ersten gemeinsamen Nacht
(...) ist eine Art mehrdeutiges Intervall, an dem die
verschiedenen konstitutiven Elemente der Liebe ins Spiel kommen
können. Die Leidenschaft des Vorabends ist zur Ruhe gekommen,
die Atmosphäre ist ruhiger; zärtliche Sinnlichkeit kann das
Verlangen jedoch wieder zum Erwachen bringen. Alles ist möglich
am Morgen danach, es ist ein besonders inhaltsreicher und
offener Augenblick. (...).
Die typischen Szenen (das Aufwachen, das Bett als Refugium, das
Aufstehen, der Gang ins Badezimmer und das Frühstück) spielen
sich innerhalb weniger Stunden ab und beschränken sich auf zwei
oder drei Zimmer (das Schlafzimmer, das Badezimmer, die
Essecke). (...).
Der Morgen danach ist (...) ein entscheidendes Ereignis, ein
Ereignis, das heute in der Folge von Mikro-Abenteuern, die
Auslöser für ein Leben zu zweit sind, das entscheidendste ist.
In seiner scheinbaren Bedeutungslosigkeit (...) ist der Morgen
danach alles andere als ein Nicht-Ereignis. Denn fortan
entscheidet sich am Morgen danach die Zukunft des Paares."
(aus:
Jean-Claude Kaufmann "Der Morgen danach", 2004, S.10ff.) |
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LÜTZOW, Gunnar (2004): Entzwei,
in: Frankfurter Rundschau v. 31.03.
- Inhalt:
Gunnar LÜTZOW hat sich in Berlin auf die Spuren
unserer geteilten Gesellschaft begeben:
"Berliner
Nachtleben. Dort, so lässt uns
ein in den Neunzigern durch einen Roman über Beinkleider
aufgefallener Jungliterat wissen, habe er unlängst in der
Umgegend der Jannowitzbrücke ein Praktikum als Türsteher der
ironischen »Flittchenbar« absolviert. Was nicht sonderlich verwundert,
sehen wir an der Spree inzwischen nicht mehr nur Dachdecker und
ähnliche Baunebengewerbe, sondern auch Rechtsanwälte und Ärzte -
gemeinhin Stützen der Gesellschaft - abstürzen und entzweigehen.
Verwunderlich allerdings ist ein Detail: Der »Stempel«, der den
reibungslosen Wiedereintritt in die Clubatmosphäre gewährleistet,
ist ein Datumsstempel, »meist auf den elften September eingestellt«.
Jenseits der Frage, wie nachtblau man sein muss, um so etwas zu
bringen, stellen sich zwei weitere: Was eigentlich ist schlimmer:
Die nun bereits eine Dekade währende Rede von einer ominösen kollektiven
»Spaßgesellschaft« oder die spätestens seit dem elften September
vehementer werdende Forderung nach ihrem Ende? Dass in den neunziger
Jahren irgendwo irgendwer Spaß hatte, wird schwerlich zu bestreiten
sein. Doch wie folgenreich die damals eingeleitete Atomisierung des
Sozialen in bedingungslos miteinander um Ressourcen konkurrierende
Teilgesellschaften sein wird, lässt sich besonders gut an den
Manifesten derer erkennen, die
diesem Phantom nun den Garaus machen wollen, »jenseits der
Ironie« nach wahren Werten suchen"
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SUNDERMEIER, Jörg (2004): Zum Salat die Kuchengabel.
Cicero ist das Magazin für Leute mit kleinem Latinum und ohne
Manieren,
in: Jungle World Nr.15 v. 31.03.
- Kommentar:
Jörg SUNDERMEIER beschäftigt sich mit unserem
CICERO-Bürgertum,
das Bildung nur noch simuliert. Außerdem schlägt er einen besseren
Namen vor:
"Wer
könnte Deutschlands Magazin für politische Kultur einen besseren
Namen geben als Cicero?«
Die Antwort fällt leicht. Tacitus."
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RUTSCHKY, Michael (2004): Nachfolger des Propheten,
in: TAZ v. 31.03.
- Kommentar:
Michael RUTSCHKY nimmt sich Frank SCHIRRMACHER zur
Brust, der Herwig BIRGs Bevölkerungsprognose völlig unkritisch für
apokalyptische Szenarien übernimmt.
Der Hermeneutiker RUTSCHKY überlässt
BIRG die Hoheit über die Statistik, und greift nur dessen
Interpretation an:
"Prof.
Birg ist kein selbstkritischer Statistiker. Er ist von
Glaubensgewissheit durchdrungen und hat all die kulturkritischen
Deutungen parat, mithilfe deren seinesgleichen die Zahlen in die
Schrift an der Wand transformieren. Die junge Frau und der junge
Mann denken immer nur an sich selbst statt an das deutsche Volk, das
sie durch Nachwuchs fortpflanzen sollen. In diesem Egoismus
unterstützt sie die moderne Lebensweise, weshalb die finstere
Zukunft ganz unabweisbar ist (woraufhin Dr. Schirrmacher wieder
einmal die Notwendigkeit einer Revolution, einer geistig-moralischen
Wende ausrufen darf).
Wenn Sie sich mit der Geschichte der Statistik befassen, stoßen Sie
regelmäßig auf diese Argumentation. Immer schon gebaren deutsche
(französische, italienische usw.) Frauen zu wenige Kinder; die
Statistik, wenn sie sich mit diesen Dingen befasst, ist eine
nationalistische Wissenschaft. Dabei liegt das Problem nicht darin,
dass die Zahlen falsch wären. Das Problem entsteht durch die
Interpretation, mit der man die Zahlen aussagekräftig macht, eine
Interpretation, die unendlich viele Elemente ganz anderer Art
mitverarbeiten muss."
Es
ist die typische Kurzsichtigkeit des Hermeneutikers, der vor den
Heiligtümern der Statistik zu Kreuze kriecht.
Es
geht bei BIRG nicht nur darum, dass seine Interpretationen zu
kritisieren wären, bereits die
Zahlenakrobatik der Bevölkerungsstatistik
an sich ist umstritten.
Und
wenn RUTSCHKY dem FAZ-Herausgeber seinen Neokatholizismus vorhält,
dann hat er bereits übersehen, dass es in Deutschland eine
katholische Bevölkerungsstatistik gibt!
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SCHMIDT, Jochen (2004): Sprachtrampel im Haus des Seins.
Das Essen schmeckt nicht mehr "gut", sondern "lecker". Und
"Kindergarten" sagt man in den USA. In Deutschland sagt man "Kita".
Aber wieso eigentlich? Warum es keine Ostalgie ist, auf den
aussterbenden Begriffen des deutschen Ostens zu beharren,
in: TAZ v. 31.03.
- Inhalt:
Der ostdeutsche Schriftsteller Jochen SCHMIDT
über sein Verhältnis zur Sprache:
"In
meiner Jugend waren wir ironisch und sprachbewusst, ein Akt des
Widerstands. Und später habe ich das Soziologiestudium nicht
ertragen, weil es mir streckenweise wie ein Sprachkurs vorkam. Es
ging nur darum, neue Bezeichnungen für längst Bekanntes zu lernen.
Deshalb bin ich zunehmend unerbittlich. Ich habe mich von einer Frau
getrennt, weil sie anlässlich einer Spanienreise von »arabischem
Sinnestaumel« schrieb, und nicht, weil sie ohne mich gefahren ist."
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BOLLWAHN, Barbara (2004): "Fehlender Sex verlängert das Studium".
Der Hamburger Sozio- und Sexologe Werner Habermehl hat den
ultimativen Tipp für BummelstudentInnen entdeckt: Gut gevögelt ist
halb studiert,
in: TAZ v. 31.03.
- Kommentar:
Das Interview findet nicht - wie mancher
vermuten könnte - auf der Wahrheitsseite der TAZ statt, sondern
unter der Rubrik "Bildung"! Die TAZ kennt eben ihre Pappenheimer.
Wurden
früher Schnellstudierer in TAZ-Kreisen als
Nerds abgewertet, so braucht man in Zeiten von klammen Kassen -
und in der Rolle als Regierungsblatt - ein nicht zu schlagendes
Argument um Bummelstudenten ohne Strafgebühren zum fleißigen Lernen
zu bringen. Was kann für einen linken Post-68er schlimmer sein als
"undersexed" zu gelten?
H.
P. BLOSSFELD hat sich dagegen in einer internationalen Studie
mit den Universitäten als Heiratsmärkten beschäftigt. Seine
Perspektive bringt ganz andere Probleme zur Sprache.
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MIERSCH, Michael & Dirk MAXEINER (2004): Das Methusalem-Kompott,
in: Welt v. 31.03.
- Kommentar:
Die Single-Generation hat eine Dutzend
Weltuntergänge überlebt, weshalb sie nun immun ist gegen
Apokalyptiker à la SCHIRRMEISTER (d.h. gegen Untergangspropheten aus
ihren eigenen Reihen):
"Sehr
präsent ist uns noch ein Bestseller der sechziger Jahre: »Die
Bevölkerungsbombe«. Paul Ehrlich beklagte darin die rasante Zunahme
der Kinderzahl und sagte todsicher voraus, dass die Hälfte der
Menschheit verhungern würde. (...). Ach ja, das Aussterben der
Deutschen durch Aids war in den Schlagzeilen von1985 beschlossene
Sache. Nun, wir leben, der Wald ist noch da und die Sowjetunion weg,
was soll noch kommen? Natürlich Frank Schirrmacher.
Der Herausgeber der »Frankfurter Allgemeinen« hat ein Buch
geschrieben und via »Bild«-Zeitung mit Flammenschrift unters Volk
gebracht. Es heißt
"Das Methusalem-Komplott" könnte aber auch frei nach
Paul Ehrlich »Die Bevölkerungsbombe, Teil 2« heißen. Allerdings
knallt die Bombe jetzt ganz anders: Schirrmacher beklagt die rasante
Abnahme der Bevölkerung. Irgendwie schließt sich da ein Kreis (...).
Der Geburtenrückgang in vielen, vor allem westlichen Ländern (also
etwas, was man sich früher gewünscht hat), führt jetzt angeblich
direkt ins Verderben.", schreibt das Duo ganz unbeeindruckt.
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Kommentar:
Selten wird ein Buch von so vielen überregionalen
Zeitungen gleich beim Erscheinen gewürdigt und die Leser mit den
jeweils richtigen Lesarten versorgt. Vor allem das konservative
Spektrum bemüht sich um "Schadensbegrenzung".
Das
Feuilleton möchte die Debattenhoheit über den Buchinhalt also
unbedingt behalten. Dies steht im krassen Gegensatz zu den Aussagen,
dass sich außer den professionellen Meinungsmacher niemand für das
Buch interessieren würde.
Der
Käufer wird nun darüber abstimmen. Single-dasein.de war von Anfang
an dafür, dass dieses Buch erscheint. Zu vieles wird dem Leser
hierzulande vorenthalten, als ob der Leser unfähig zum eigenen
Urteil wäre.
Darüber
hinaus bedeutet dies kein Urteil darüber, ob der Roman nun die
Aufregung oder gar das Lesen wert ist. Das muss jeder für sich
entscheiden.
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MARTENSTEIN, Harald (2004): Zusammenbruch an der Sexfront.
Gibt es eine Literatur nach dem Skandal? Heute erscheint Thor
Kunkels Nazi-Porno-Roman Roman "Endstufe",
in: Tagesspiegel v. 30.03.
- Inhalt:
Harald MARTENSTEIN skizziert
KUNKELs Vorstellungen zum Stellenwert des Dritten Reichs im Rahmen
der Moderne:
"Der
Berliner Autor Thor Kunkel versucht in seinem Roman »Endstufe«,
die Nazizeit als einen Schritt auf dem Weg des modernen
Kapitalismus zu sich selbst zu beschreiben. Denn Moderne bedeutet
auch Barbarei: Egoismus, Recht des Stärkeren, Fall der ethischen
und moralischen Grenzen, der Mensch als Objekt, das aussortiert
wird, wenn es wertlos erscheint oder stört. »Wille und Macht
stehen über Geist und Recht« – ist das ein Nazisatz, oder einfach
nur modernes Denken?
Dies also ist Thor Kunkels Grundidee: 1933 fand kein
Zivilisationsbruch statt, sondern die vorübergehende Zuspitzung
einiger Prinzipen, die auch heute noch gelten. Die Nazis waren
moderner, als wir glauben."
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BARTELS, Gerrit (2004): Der Porno, der verpuffte.
Heute erscheint Thor Kunkels Roman "Endstufe". Was schon im
Vorfeld über den Inhalt zu erfahren war, sorgte für hitzige Debatten
in den Feuilletons - und machte vor allem neugierig. Doch nach
Lektüre der kruden Story um Nazis, Pornografen und Wissenschaftler
bleibt nur Irritation - und von der Empörung nicht viel übrig,
in: TAZ v. 30.03.
- Inhalt:
BARTELS widmet sich dem Trash- und
Kolportage-Aspekt:
"während
der Lektüre von »Endstufe«
hat man über weite Strecken eher den Eindruck von einem durchaus
unterhaltsamen und wirren Trash-und Kolportage-Roman. Ein Roman,
den man als Kritik an einer Wissenschaft verstehen kann, die aus
dem Ruder gelaufen ist, ein Roman, der aber immer wieder ins
Groteske, Absurde und Komische kippt und den eigenen Irrsinn gegen
den Irrsinn des Nationalsozialismus setzt. Und der nicht zuletzt
einigermaßen schlüssig komponiert ist, zugleich aber auch
überladen wirkt mit seiner Einteilung in große, mittlere und
zahlreiche, stets mit einem politischen oder literarischen Zitat
versehenen kleinen Kapitel"
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KRAUSE, Tilman (2004): "Wir sind schon Schweine".
Thor Kunkels NS-Porno ist eine Orgie der Geschmacklosigkeit,
in: TAZ v. 29.03.
- Inhalt:
Aus bildungsbürgerlicher Sicht empört sich
KRAUSE und findet Geschmacklosigkeiten über Geschmacklosigkeiten
bis zum "Herrenwitz".
Ganz
zum Schluss dann doch noch etwas Lob für den Autor (aber in einem
Genre, das Bildungsbürger eigentlich höchstens ganz verschämt
genießen dürfen):
"Dass der Autor Talent hat, merkt man
übrigens ab circa Seite 400. Hier liefert er mit grell
inszenierten Verfolgungsjagden in der libyschen Wüste satte Pulp
Fiction. Auch das ist freilich weniger Thomas Pynchon als Mickey
Spillane. Aber es ist wenigstens gekonnt."
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CORSTEN, Volker (2004): Unverbesserlich: Thor Kunkel.
Nazis und ihre Pornos - ein Skandalautor liest,
in: Welt am Sonntag v. 28.03.
- VOGEL, Sabine (2004): Ausgebremster
Randalefaktor.
Thor Kunkel las aus seinem umstrittenen Roman "Endstufe",
in: Berliner Zeitung v. 27.03.
- Inhalt:
Sabine VOGEL bemerkt geschlechtsspezifische
Vorlieben bei der Lesung auf der Buchmesse:
"Höchstens ein Fünftel der Zuhörer war
weiblich. Vielleicht ist Kunkels Buch über Nazis, die Pornofilme
drehen, ja ein Männerroman?"
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KELLERHOFF, Sven Felix (2004): Der schmutzige Sex der Nazis.
Der Autor Thor Kunkel wühlt mit seinem umstrittenen Roman
"Endstufe" in einem äußerst attraktiven Sündenpfuhl,
in: Welt v. 26.03.
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MROZEK, Bodo (2004): Die Heidi aus der Zigarrenschachtel.
In einer alten „Playboy“-Ausgabe stieß er auf die erste Spur. In
einem Film auf die zweite, es wurden immer mehr. Seit zehn Jahren
forscht der Schriftsteller Thor Kunkel angeblichen Nazi-Sexfilmen
hinterher – Stationen einer Suche,
in: Tagesspiegel v. 24.03.
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TUMA, Thomas (2004): Generation XY ungelöst.
Der Jahrgang 1964 ist der bevölkerungsreichste, den Deutschland je
erlebt hat. Aber wo sind all die nun 40-Jährigen in Politik,
Wirtschaft oder Kultur? Pflegen die Babyboomer die alte Abneigung
gegen die 68er - oder leiden sie an Zukunftsängsten? Eine Spurensuche,
in: Spiegel Nr.14 v. 29.03.
- Kommentar:
Warum darf TUMA im Spiegel schreiben? Sein
Jahrgangsporträt entspricht genau jenem Bild, das die
selbstgefällige, spiegellesende Elite von sich hat.
TUMA
beschreibt seinen Jahrgang als einen mit "Lust auf Leistung", dazu
noch nett und nach Anerkennung kämpfend (also außengeleitet im Sinne
von David RIESMAN). Als solch toller Jahrgang muss man sich
natürlich abgrenzen zum Rest der Gesellschaft:
"Vor
uns 64ern glucken die Besitzstandswahrer, Reförmchen-Macher und
Nicht-alt-werden-wollenden-Finca-Besitzer, die uns Schuldenberge,
ein bizarres Steuersystem, kaputte Schulen und absurde
Rentenforderungen hinterlassen. Nach uns kommen gleich die
Pisa-geschüttelten Selbstbefindlichkeits-Videoten."
In
dieser Aufzählung befindet sich - oh Zufall! - all das, was dem
SPIEGEL schon immer ein Dorn im Auge war.
TUMA
kann es sich leisten, denn sein Jahrgang ist fast vollkommen
unsichtbar geblieben. Ganze drei vorzeigbare Vorbilder hat er
gefunden: Henry MASKE, Johannes B. KERNER und Ute VOGT.
Heinz
BUDE muss dazu herhalten, um durch eine Außensicht diesem
Jahrgangs-Schmarrn die nötige Autorität zu verleihen.
Der
Sicht von Axel BÖRSCH-SUPAN, der in diesem Jahrgang einen
"privilegierten" sieht, mag sich TUMA nicht anschließen. Vielleicht
hätte es auch ein Blick in
Martin SCHACHTs "ewige Zielgruppe" getan, um diesem Gejammer ein
Ende zu setzen.
Den
Trendforscher Peter WIPPERMANN zählt TUMA zu den 68ern, obgleich der
1949 geborene WIPPERMANN bereits zur Nach-68er Kohorte gehört.
Alt-68er
hatten für diese Nachfolger nur den
verachtenden Ausdruck vom "neuen Sozialisationstyp" übrig.
Dieser Typus ist unter anderem durch den Kampf um Anerkennung (narzißtisch!)
und sein "Nettsein" gekennzeichnet. Also hatte er außer der
Leistungsorientierung bereits all jene Eigenschaften, die TUMA für
seinen glorreichen Jahrgang beansprucht.
TUMAs
Jahrgangsporträt besticht durch ausgesprochene
Unterlegenheitsgefühle und völlig fehlendes Selbstvertrauen. Für
diese Opferperspektive hat TUMA auch die passenden Stichworte parat:
"Veränderte
Rolle der Frauen, die uns erstmals auf dem Arbeitsmarkt richtig
Konkurrenz machten, weniger Kinder, hohe Scheidungsraten, neue
Familienmodelle".
Diese
Sichtweise hat TUMA ausgerechnet von den gehassten (!) 68ern
übernommen. Ulrich BECKs Individualisierungsthese beruht auf dieser
Sicht, die das "Golden Age of Marriage" als nostalgische Folie
benutzt.
TUMA
ist Sklave dieser
implizit familienfundamentalistischen
Sichtweise, die historisch gesehen völlig atypisch ist.
In
fast allen früheren Epochen war genau das, was TUMA als Manko
beschreibt, die gelebte Realität, wenn auch nicht der bürgerlichen
SPIEGEL-Norm entsprechend.
TUMA
unterscheidet nicht zwischen empirisch gemessenen Fakten und
Idealen. Eine nicht bestandserhaltende Geburtenzahl ist bereits seit
1900 die Regel und nicht die Ausnahme.
TUMAs
Perspektive ist also historisch gesehen engstirnig und die
Jahrgangsperspektive verdeckt die neuen Klassenkonflikte, die gerade
am Aufbrechen sind.
Übrigens
war das noch nicht einmal eine Halbzeitbilanz (siehe SCHIRRMACHER),
in vierzig Jahren darf dann TUMA wirklich Bilanz ziehen, dann könnte
der Blick auf den Jahrgang völlig anders ausfallen...
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- Der singlefeindliche Artikel
BÖCK, Ingrid (2004): Wer wartet, der findet?
In den USA formiert sich mal wieder eine neue Single-Bewegung - die
Quirkyalones,
in: Focus Nr.14 v. 29.03.
- Kommentar:
Wer wie BÖCK über Partnerlose berichtet und dazu einzig auf die
Statistik der Alleinlebenden verweist, der sollte nicht mehr über
dieses Thema schreiben dürfen!
Ansonsten
bietet der Artikel das übliche Gemisch von "Sex and the City",
Einsamkeit, Individualisierungsterror, Goldgrube Online-Partnerbörse
inklusive herablassender Schreibe, deren Zielgruppe frustrierte
Paar- und Familienmenschen sind, die aus Angst vor dem Alleinsein
beim ungeliebten Partner bleiben.
Könnte
nicht mal eine selbstbewusstere Journalistin über das Thema
berichten? Gibt es das beim FOCUS überhaupt? Mehr Souveränität im
Umgang mit diesem Thema täte so manchem Blatt gut.
-
REMKE, Susann (2004): Nicht ewig guten Sex.
Zum ersten Mal plaudern die Macher von "Sex and the City" über das
Making-of der Kultserie,
in: Focus Nr.14 v. 29.03.
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RUTSCHKY, Katharina (2004): Tristesse Familiale.
Der Popliterat Joachim Bessing will das Beziehungsleben
rückzüchten,
in: Berliner Zeitung v. 29.03.
- Inhalt:
"»Tristesse Royale« setzte den Trend zu einem neuen
Typ politischer und kultureller Reaktion, der sich am jüngsten Buch
von Joachim Bessing gut studieren lässt", schreibt
Katharina RUTSCHKY über das Buch
"Rettet die Familie!".
Weiter
erläutert die Rezensentin den Unterschied zum Konservatismus:
"von
den Konservativen unterscheidet er sich durch die Einsicht, dass das
gelobte Land der Restauration nicht durch das Einlegen des
Rückwärtsgangs erreicht werden kann, sondern nur durch den Marsch
quer durchs Tal der Tränen. Hohe Scheidungsquoten, niedrige
Geburtenziffern und anderes mehr sollen nicht mit moralischen
Argumentationen, geschweige denn sozialpolitischen Maßnahmen
korrigiert werden, sondern in einem dezisionistischen Akt , der mit
den Komplikationen des modernen Beziehungslebens aufräumt."
RUTSCHKY
bescheinigt dem Stiefvater BESSING (seit 2002 mit der
Popliteratin Alexa von HENNIG-LANGE verheiratet) einen
heroischen Ausweg, der in der Ästhetisierung des Sozialen liege.
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MAGERL, Sabine (2004): Der Pop der späten Jahre.
Jugendkultur am Ende? Das Durchschnittsalter des Plattenkäufers hat
die Vierzig überschritten,
in: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung v. 28.03.
- Kommentar:
SPIEGEL ONLINE kauft neuerdings FAS-Stories!
Wahrscheinlich nur wegen dem MADONNA-Foto.
Unsere Mitte-Elite liest den britischen Guardian,
weshalb jetzt alle den Pop der 40jährigen entdecken (Der SPIEGEL -
in letzter Zeit immer etwas vergeblich hinter dem Trend herhechelnd
- entdeckt die 40jährigen erst am Montag) entdeckt.
Tobias
KNIEBE hat das in der SZ getan und MAGERL will es nun genau
wissen:
"Die
Vierzigjährigen haben mehr Geld als die Teenager und zugleich wissen
sie oft einfach nicht, wie man kostenfrei eine MP3-Datei aus dem
Internet herunterlädt."
Aha,
die 40jährigen sollen also zu blöd sein! Ein Blick in das neue
Machwerk von FAZ-Herausgeber SCHIRRMACHER hätte eigentlich genügt.
Kapitel Cyber-Jugend:
"Mit
uns beginnt nun die Phase des technologisch hoch alphabetisierten
Alterns, und wie durch Zauberhand stoßen ausgerechnet wir, in der
ersten Hälfte dieses Jahrhunderts, auf Technologien, die das Alter
selbst revolutionieren werden. Computer, Internet und Handy sind die
Analogien zu Schallplatten, Massenverkehr und Fernsehen der 60er
Jahre. Mit ihrer Hilfe wird es den alternden Babyboomern der Jahre
2010 bis 2050 gelingen, sich ein zweites Mal massiv in die
Gesellschaft einzumischen." (S.117).
SCHIRRMACHER
hat
viel Unsinn verzapft
in dem Buch, aber hier (hat er sich natürlich nicht selbst einfallen
lassen, sondern abgeschrieben) hat er ausnahmsweise mal recht.
Florian
RÖTZER hat in
Telepolis (01.03.2004)
über eine amerikanische Studie berichtet, in der das
Internetnutzerprofil untersucht wurde. Er schreibt dazu:
"Die
Autoren des Berichts heben neben der aktiven Gruppe der Älteren
(Durchschnittsalter 58 Jahre, höheres Einkommen, höhere Ausbildung),
die gerne eigene Websites betreibt, noch die »Content Omnivores«
hervor. Diese Gruppe der »Allesfresser« (Durchschnittsalter 40
Jahre) hat mehr als alle anderen alles Mögliche durchprobiert und
benutzt das Internet auch häufiger als die übrigen Internetbenutzer.
Aber die Mitglieder dieser Gruppe, die gut verdienen und überwiegend
ganztags arbeiten, seien gegenüber dem Neuen zurückhaltend. Sie
benutzen wenig Webcams, betreiben kaum Blogs, aber sind die
»Arbeitspferde« in der Gruppe der Internetbenutzer, die Inhalte
schaffen."
Diese
Aussage trifft den Punkt genau: die 40jährigen machen nicht JEDEN
Trend mit - ganz bewusst übrigens! Sie wissen aber ganz genau
Bescheid und nutzen die Chancen der neuen Medien dort, wo es ihnen
sinnvoll erscheint. Der TV-Glotzer oder der übliche Zeitungsleser
ist längst nicht mehr stilbildend.
Jenseits
des Internetkommerz hat die Zukunft längst begonnen, nur große Teile
der Mitte-Elite will das noch nicht wahrhaben...
PS.:
Noch etwas zum Guardian, denn wir sind eben aktueller als MAGERL es
je sein könnte!
Dort hat am Freitag der britische Romanautor Tim LOTT beschrieben
wie er zum "Plattenjunkie" wurde. Aber es gibt eben auch ein
Leben nach der Plattensammlung.
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AMEND, Christoph & Stephan LEBERT (2004): "Selbst meine Feinde habe
ich gefördert".
Er war immer der Jüngste: Literaturchef mit 29, Herausgeber mit 34.
Jetzt, zehn Jahre später, schreibt Frank Schirrmacher eine Buch über
die alternde Gesellschaft,
in: Tagesspiegel v. 28.03.
- Kommentar:
Christoph AMEND und
Stephan LEBERT interviewen
den guten Menschen aus Frankfurt!
Die
Harmlosigkeit der Fragen ist viel erschreckender als die erwartbaren
Horrorszenarien, die SCHIRRMACHER uns auftischt.
Auf
solchen Konsens-Journalismus können wir getrost verzichten. Und es
wäre Zeitverschwendung den Artikel auch noch ernst nehmen zu wollen.
SCHIRRMACHER hat alles im Buch
"Das Methusalem-Komplott" geschrieben. Verdopplung ist deshalb
unnötig...
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FLAMM, Stefanie (2004): Die neue Weiblichkeit.
In der Werbung werden die Models fülliger, in der Mode tauchen
plötzlich Plüsch und Tüll auf, und selbst die Barbie-Puppe steht vor
einem Imagewechsel. Unsere Autorin macht sich Sorgen,
in: Tagesspiegel v. 28.03.
- Kommentar:
Im August 2002 titelte der SPIEGEL "Wir sind die
Angeschmierten", um auf die
Jobkrise der Generation Golf aufmerksam zu machen.
Seitdem
haben sich Journalisten ausgiebig mit sich selbst beschäftigt.
Diejenigen,
die wie Stefanie FLAMM ihre eigene Entlassung thematisiert haben,
schreiben immer noch. Was kann man daraus lernen? Nur diejenigen,
die ihre Entlassung im Sinne der
"neuen Loser" zelebrieren, kommen in dieser Republik weiter! Die
einen - wie
Bodo MROZEK oder Stefanie FLAMM schreiben für den TAGESSPIEGEL, andere wie
Amelie von HEYDEBRECK und Florian ILLIES
machen sich gleich selbständig, um vom neuen Biedermeier zu
profitieren.
Nun
schreibt Stefanie FLAMM also Artikel über die neue Weiblichkeit, in
denen zwar der neue Mutterkult beklagt wird, aber in solcher
Harmlosigkeit, dass sich die neuen Reaktionäre freuen dürfen:
"Was
geht da vor? Sind die Powerfrauen ausgepowert? Haben sie begriffen,
was ihre Mütter seit 1960 predigen, nämlich, dass ein Kind kein
Spielzeug ist, das man in die Ecke stellt, wenn man etwas anderes zu
tun hat? Oder waren sie einfach nur die ersten, die gehen mussten,
als die Kürzungswelle durch die Unternehmen rauschte, weil sie auch
als letzte gekommen waren? Schwer zu sagen.
Dass die neuen Supermamis durch ihren Rückzug aus den Chefsesseln
wieder Platz für Männer machen, ist jedenfalls nur ein Effekt dieser
Entwicklung, von der im Moment noch keiner weiß, ob sie uns nicht
von den »roaring nineties« direkt ins Familienidyll der 50er Jahre
führt. Heinz Bude vermutet jetzt schon, dass die nächste Bundestagswahl
mit konventionellen Werten gewonnen wird. Das wird man sehen. Mit
Sicherheit haben konventionelle Werte das Zerwürfnis zwischen Barbie
und Ken zu verantworten."
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POSCHARDT, Ulf & Adriano SACK (2004): "Kunst für ein junges
Bürgertum".
Sinnlichkeit statt Diskurshoheit: Amélie von Heydebreck und Florian
Illies über ihr Kunstmagazin Monopol und den Grund, warum schön
gemalte Bilder die neue Avantgarde sind,
in: Welt am Sonntag v. 28.03.
- Kommentar:
Noch ein neues Magazin in der
CICERO-Klasse, diesmal für das neue Bürgertum, das sich in einem
neuen Biedermeier einrichten möchte:
"»Monopol«
ist nicht akademisch und keine anstrengende Pflichtlektüre. Wir
setzen auf die Neugier unserer Leser. Das ist auch die Klammer
zwischen einem Uschi-Obermaier-Interview, dem Porträt eines jungen
polnischen Künstlers und einer Reportage aus Afrika", behauptet
ILLIES. Man hat nicht das Gefühl, dass er wirklich weiß, wovon er
spricht, aber das ist typisch für die neue Mitte, die sich für
unwiderstehlich hält.
Wo
bleibt ein interessantes Magazin für jene, die sich weder der Mitte
zugehörig fühlen, noch sich auf das Niveau von FHM oder Men's Health
herunter begeben möchten?
Für
jene, die mit einem Linkspopulimus à la MÜNTEFERING und LaFONTAINE
genauso wenig anfangen können wie mit einem Rechtspopulismus, der
Demografiepolitik für zeitgemäß hält?
Für
jene, die vom Biedermeier nichts wissen wollen, sondern ihren
eigenen Verstand gebrauchen möchten? Fehlanzeige auf der ganzen
Linie!
Natürlich
berichtet auch die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung über
Monopol. Heinz BERGGRUEN ist dort schon froh, wenn "weder der
alternde Berliner Playboy Rolf Eden noch Verona Feldbusch, die
Gossen-Duse unsere Epoche, mit einem einzigen Wort erwähnt werden".
Wer so wenig Ansprüche an ein neues Magazin setzt, der kann
eigentlich von gar nichts mehr enttäuscht werden.
Bei
so viel Flachsinn bleibt nur eines: Let's Kill Your Idols!
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HAMMELEHLE, Sebastian (2004): Der Siegeszug des neuen Plebejers.
wo sind all die Arbeiter hin? Was einst Proletariat und Bürgertum
waren, ist heute zu einem gesellschaftlichen Phänomen verschmolzen.
Das schafft Probleme,
in: Welt am Sonntag v. 28.03.
- Kommentar:
Wer hätte das gedacht, dass sich die alte
Mitte nostalgisch den Proletarier zurückwünscht.
Dahinter
steckt jedoch nur die Furcht, dass demnächst der Mob ("Plebejer")
unserer Elite das Fürchten lehrt. Rolf HOCHHUTH lässt grüssen!
Aber
natürlich ist daran nur der Niedergang des Bildungsbürgertums
schuld:
"Dies hätte, wenn man klassenkämpferisch argumentiert, der Sieg des
Bourgeois sein können. Doch das Bürgertum und sein Überbau, seine Werte,
sind ebenso zerbröckelt. Ließ sich die Generation der Arbeiterkinder in
den 60er-Jahren noch vom Ideal gesellschaftlichen Aufstiegs durch Bildung
leiten (so Gerhard Schröder), hat sich heute die Entwicklung umgekehrt:
Auch die Kinder von Mittelstands- und Akademikerfamilien leben auf
niedrigem intellektuellen Niveau, sie sind ungebildet und gesellschaftlich
ungebunden."
Christentum
adé! Hochkultur kaputt! Wie herrlich wäre es doch, wenn endlich das
Übel der Bildungsexpansion überwunden wäre, denkt sich unser
bildungsbürgerlicher Reaktionär, denn:
"Nach 1968 stand Hochkultur unter dem Generalverdacht, zumindest trocken,
schlimmstenfalls reaktionär zu sein. Diese Haltung verschärfte in den
80er-Jahren das postmoderne Pop- Feuilleton, für das
Mainstream-Hollywoodfilme nicht nur schöner als die klassische Nike von
Samothrake, sondern auch kurzweiliger als die Gegenkultur der 68er waren.
In den 90ern schließlich wurde daraus eine breite, aber wenigstens zu
Anfang noch ironisch gebrochene Begeisterung für Trash. Zuletzt dürfte es
den von so vielen Kulturbegriffen verwirrten Bürgern schwer gefallen sein,
zwischen Neugier, Kopfschütteln und Amüsement zu trennen: Beim Finale der
RTL-Show »Ich bin ein Star - Holt mich hier raus!« war der Zuschaueranteil
unter Akademikern genau so hoch wie bei den »Tagesthemen«. Damit saßen
einstige Proletarier und einstige Bürger endgültig auf der gleichen
Couch".
Wie
schlimm steht es doch mit diesem maroden Bildungsbürgertum, wenn
Infotainmenthappen à la Tagesthemen neuerdings schon als hochwertig
gelten!
HAMMELEHLE
wäre bei Paul NOLTE
gut aufgehoben, denn der gibt diesem maroden Bildungsbürgertum
seinen verlorenen Sinn zurück, zumindest auf dem Papier dürfen sie
sich dann wieder als Avantgarde betrachten.
Jenseits
der Mitte interessiert das dagegen niemand...
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VOIGT, Maria (2004): Der Berg ruft!
Kaum ein Stadtteil ist über die Grenzen Berlins hinaus so bekannt
wie Prenzlauer Berg. Zu Recht: Hier vermählen sich Ost und West,
Gründerzeit und Plattenbau, Kunst und Kommerz zu einem Ort der
Lebenslust,
in: Welt am Sonntag v. 28.03.
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ANDEREGG, Roger (2004): "Jeder von uns braucht einen Raum für sich -
anders ginge das nicht".
Die Objektkünstlerin Margaretha Dubach und der Psychiater Jürg
Willi grenzen sich in ihrer Villa in Zürich sorgsam ab,
in: SonntagsZeitung v. 28.03.
- Kommentar:
ANDEREGG gibt einen Einblick in das Wohnen
eines prominenten Paares, das stilbildend für das individualisierte
Milieu ist.
Der
Schweizer Jürg WILLI hat Bestseller über die moderne Paarbeziehung
geschrieben. Nicht jeder kann sich den Luxus einer Villa leisten,
aber ein Zimmer für sich selbst, ist die Voraussetzung dafür, dass
moderne Paarbeziehungen funktionieren. Das gilt aber auch für die
individualisierte Familie in diesem Milieu.
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KNIEBE, Tobias (2004): Trau keinem über 40!
Das Ende der Jugendkultur: Die Alten sind das neue Zielpublikum der
Pop-Industrie,
in: Süddeutsche Zeitung v. 27.03.
- Kommentar:
"Pop, dieses ewige Ding
der Erneuerung, ist nicht länger eine Sache der Jugend", beklagt
KNIEBE.
Er
befürchtet,
"dass die Jugend der Zukunft wohl auf ein existenzielles
Jugendgefühl verzichten muss: Teil einer globalen Popbewegung zu
sein, die im Untergrund beginnt, dann aber die Charts erklimmt, die
Alten schockiert, verbrauchte Legenden beiseite räumt und auf allen
Kanälen die Welt erobert. Junge Menschen haben ein Recht auf dieses
Gefühl. Aber ob Sie noch die Masse und Kaufkraft haben, es auch
durchzusetzen erscheint immer fragwürdiger."
KNIEBEs
Bild von der Bedeutung der Jugendkultur erschöpft sich in einem
fragwürdigen und zudem kommerziellen Popmythos.
Die
Jugendkultur, die KNIEBE beschreibt, ist armselig, denn sie beruht
zum einen auf der "Macht des Taschengeldes" und zum anderen auf der
Abhängigkeit von der großindustriellen Musikindustrie, weswegen
KNIEBE in illegalen Downloads das Hauptproblem des Verschwindens der
Jugendkultur sieht.
Wer
wie KNIEBE von vorneherein nur auf den Massenmarkt schielt, den
interessiert die gesellschaftliche Erneuerungsfähigkeit, die auf dem
Barbarentum der Jugend beruht, überhaupt nicht.
Eine
solche marktkonforme Jugend wird in nächster Zeit keine
entscheidende Rolle mehr spielen. Jugend muss sich auf die Ursprünge
des Punk besinnen und ihren eigenen Weg gehen.
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- BARTMANN, Christoph (2004): Ei, Ei,
Eigensinn.
Helmut Böttiger resümiert die deutsche Gegenwartsliteratur,
in: Süddeutsche Zeitung v. 27.03.
- Inhalt:
BARTMANN beschäftigt sich mit
Helmut BÖTTIGERs Literatur-Kanon "Nach den
Utopien":
"im
abschließenden, besonders gelungenen Kapitel werden der
»Hyper-Journalist« Hans Magnus Enzensberger und
Judith Hermann mit ein paar dichtenden Journalisten und »lauter
kleinen Sternchen« unter der Überschrift »Literatur und
Journalismus« zusammengeführt. Mit einer gewissen Genugtuung
verzeichnet Böttiger darin das Abebben des
literarisch-journalistischen Dandytums der späten neunziger Jahre."
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PRANTL, Heribert (2004): Robin Hood, 2004
Vom Sherwood Forest zum Sozialstaat und zurück: Gibt es ein Recht
auf soziale Gerechtigkeit?
in: Süddeutsche Zeitung v. 27.03.
- Kommentar:
"Die Flucht des Staates aus der sozialen
Verantwortung wird neuerdings als ökonomische Offensive deklariert.
Begonnen hat damit die FDP im Jahre 1996, als bei der Präsentation
des marktradikalen »Karlsruher Entwurfs für eine liberale
Bürgergesellschaft« die Wörter »Gemeinwohl« und »Sozialstaat« zu
Pfui-Wörtern erklärt" wurden, erläutert PRANTL.
Leider
ist der PRANTL-Sound völlig uncool. Damit bedient man heutzutage nur
noch ein paar Alte, deren Wärmebuden die
SPD-Ortsvereine oder
Gewerkschaftsversammlungen sind.
Schade
also ums Papier!
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FUHR, Eckhard (2004): Oben und unten.
Die Brille geputzt: Paul Nolte entdeckt die Klassengesellschaft
wieder,
in: Welt v. 27.03.
- Kommentar:
FUHR referiert das Verständnis der neuen
Klassengesellschaft aus der Perspektive von Paul NOLTE:
"Wir
leben (...) in einer Klassengesellschaft, in einer Gesellschaft des
Oben und des Unten. Diese Schere hat sich in den vergangenen beiden
Jahrzehnten geöffnet, nicht geschlossen. Der Siegeszug einer
scheinbar nivellierenden Pop- und Konsumkultur hat von dieser
Tatsache nur abgelenkt. Wer, wie Nolte, genau hinschaut, erkennt die
Klassenstrukturen aber nun gerade in der Sphäre des Konsums, der
Lebensstile, des Körpergefühls. Es kommt auf das an, was der
Soziologe Pierre Bourdieu die »feinen Unterschiede« genannt hat. Das
neue Proletariat ist fett - eine Umkehrung des aus der
frühneuzeitlichen Sozialgeschichte bekannten Begriffes popolo
grasso, des »fetten Volks«, der die Patrizier-Oberschicht meinte
-, schaut RTL 2 und geht nie ohne Handy aus. Es ist an
Statussymbolen, nicht aber an wirklichem gesellschaftlichem Aufstieg
interessiert. Welten trennen es von der alten Arbeiterklasse mit
ihrem sozialdemokratischen Zukunftshorizont und Leistungsethos."
Die
spezifische Sicht von NOLTE auf die neue Unterschicht entspringt
nicht einem neuen Humanismus (gerne wird in diesem Zusammenhang vom
"Respekt" gesprochen), sondern sie
ist zwingend dem neuen Sozialstaatsverständnis geschuldet.
Frank
NULLMEIER hat im Heft 4/2003 der Zeitschrift "Der Bürger
im Staat" die
Konfliktlinien der neuen Sozialpolitik dargelegt. Der "produktivistische
Umbau des Sozialstaats" (auch als aktivierender Sozialstaat bekannt)
erfordert die Gegenüberstellung von produktiven und unproduktiven
Teilen der Bevölkerung. Genau entlang dieser Konfliktlinie hat Paul
NOLTE seinen Klassenkonflikt positioniert. Dies macht auch die
Aktualität seiner Position aus:
NULLMEIER
stimmt in gewisser Weise mit NOLTE überein, er sieht jedoch Defizite
einer solch "investiven" Sozialpolitik. Die Neupositionierung führt
nach NULLMEIER zu einer Spaltung zwischen (produktiven) Jungen und
(unproduktiven) Alten:
"Diese
neue sozialpolitische Denkweise (...) bietet (...) keine politischen
Leitlinien für die Sozialpolitik gegenüber Rentnern und
Rentnerinnen. Entsprechend entwickelt sich innerhalb der
Sozialpolitik eine Spaltungslinie: investive Sozialpolitik für die
Jungen und Arbeitsfähigen als Mischung aus Förderung, Qualifizierung
und dem mehr oder minder verstärkten Zwang zur Arbeitssuche und
-aufnahme; die sogenannte passive Sozialpolitik für all diejenigen,
von denen absehbar kein produktiver Beitrag zu erwarten ist,
insbesondere also den Älteren. Sollte sich eine Sozialpolitik als
Investition und Produktivitätsförderung durchsetzen, könnte
politisch eine bisher nicht vorhandene Spaltung innerhalb der
Bevölkerung erzeugt werden.
Sozialpolitik steht heute vor der Frage, ob sie aus Gründen der
Weltmarktintegration eher als potenzielle Erzeugerin von sozialen
Spannungslinien agieren soll oder - mit anderen, neuen Mitteln - den
Pfad der politischen und sozialen Integration qua sozialer Sicherung
weitergehen will (vgl. Nullmeier 2003). Die integrative
Funktion der Sozialpolitik selbst steht zur Debatte - und damit auch
die Möglichkeit einer weit konfliktbetonteren Gesellschaft, einer
Gesellschaft mit intensiveren sozialen Ungleichheiten und größeren
politischen Spannungen."
Um
diese von NULLMEIER aufgeworfene - dezidiert politische
Grundsatzentscheidung - versucht sich unsere selbsternannte
Werteelite herumzumogeln. Der demografische Wandel oder die
Globalisierung dient ihr als Sachzwang, der angeblich keinen
Entscheidungsspielraum zulässt. Der
"Generation Reform"
kommt dieses Argument der Entscheidungsverschlossenheit mehr als
gelegen...
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REINECKE, Stefan (2004): Ohne Zweifel.
Kassandra in der "Bild"-Zeitung: Der "FAZ"-Herausgeber Frank
Schirrmacher hat entdeckt, dass die Gesellschaft älter wird, und
schlägt Alarm. Doch eigentlich versucht er, den Intellektuellen zu
retten,
in: TAZ v. 26.03.
- Kommentar:
REINECKE liefert anlässlich der Besprechung
von
"Das Methusalem-Komplott" zuerst
einmal eine oberflächliche Erklärung dafür, warum bestimmte
Kategorien zur Zeit populär sind:
"Bücher
über Alter und Generation haben derzeit Konjunktur. Die Klasse ist
als Ordnungsmuster im Postindustriellen untergegangen,
gender mainstreaming wurde inzwischen in die zuständigen
Ausschüsse verwiesen. So bleibt das Alter als gesellschaftliches
Ordnungsmuster. Beim Alter kann jeder mitreden - offenbar ist dies
ein Text, mit dem sich eine individualisierte Massengesellschaft mit
sich selbst verständigt. Daher rührt die etwas rätselhafte Inflation
von Generationsbüchern."
REINECKE
behauptet hier allen Ernstes, dass in Deutschland das
individualisierte Milieu die anerkannte Leitkultur sei.
Dies
stimmt nur insofern, wenn man alle anderen, die so etwas gar nicht
erst lesen, ignoriert. Die Krise des Buchmarkts wäre dann aber
nichts anderes als die Krise eines Milieus, das seinen kulturellen
Einfluss eingebüsst hat!
Halten
wir also fest, REINECKE spricht für eine elitäre Minderheit.
Was
der Rezensent ebenfalls noch nicht mitbekommen hat, das ist die
Tatsache, dass "Klasse" als Ordnungsmuster gerade seine Renaissance
erlebt! So schreibt z.B. der erfolgreiche
Historiker und Essayist Paul NOLTE über die "neue
Klassengesellschaft".
REINECKE
arbeitet sich leider zu allererst an einem "Übervater" SCHIRRMACHER
ab, den er deshalb zum "Schrumpftypus eines Intellektuellen"
abwerten muss. Dabei bleiben die interessanten Ansätze der Rezension
auf der Strecke.
Es
sollte bei der Kritik an SCHIRRMACHERs Buch vielmehr in erster Linie
darum gehen, inwieweit demographische Szenarien überhaupt
Glaubwürdigkeit beanspruchen können. Hierzu merkt REINECKE
richtigerweise an:
"Schirrmachers
Rhetorik folgt jener der Demographen, die berufsbedingt zum
Apokalyptischen neigen: Denn sie beobachten Prozesse, die
langfristig und kaum zu ändern sind, außerdem hört ihnen selten
jemand zu. Doch ehe man über ihre finsteren Prognosen verzweifelt,
sollte man die Studien aus den Siebzigern und Achtzigern aus dem
Antiquariat holen. Dort wurde in exakt dem gleichen
Katastrophensound ("Zeitbombe Mensch") die Überbevölkerung als
unausweichliches Menschheitsschicksal beschworen. Damals waren zu
viele Kinder das Unheil, jetzt sind es zu wenige. Alles ist anders,
nur die Zukunft sieht noch immer übel aus. Auch deshalb wirken
Schirrmachers Dramatisierungsfloskeln so unoriginell."
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DÜKER, Ronald (2004): Krieg der Generationen.
Wie sieht die Zukunft aus? Junge islamische Kämpfer, die die Alten
im Westen über den Haufen rennen? Über den globalen
Generationenkonflikt sprach die Netzeitung mit Frank Schirrmacher,
in: netzeitung.de v. 25.03.
- Kommentar:
Die Kritik von
Gerd BOSBACH an der
Bevölkerungsvorausberechnung wurde nur in der Frankfurter Rundschau
und in der jungen Welt überhaupt gedruckt. Die Süddeutsche Zeitung
sah sich nur in ihrer Online-Ausgabe genötigt, Stellung zu nehmen.
Dies
zeigt, dass die Mitte-Medien davon ausgehen, dass Zeitungsleser und
Internetuser völlig verschiedene Zielgruppen sind. Zeitungen lesen
Familienmenschen, das Internet bevölkern Singles. Daraus lässt sich
außerdem ableiten, dass im Familienuniversum die Single-These völlig
unstrittig ist. Dagegen ist im Singleuniversum dieses Dogma
umkämpft.
Die
netzeitung jedenfalls konfrontiert als EINZIGE den FAZ-Herausgeber
mit der Kritik von Gerd BOSBACH.
Dieser hat sich jedoch gut darauf
vorbereitet und lenkt von dem eigentlichen Knackpunkt geschickt ab:
"Netzeitung:
Sie arbeiten mit einer Fülle statistischen Materials und
Hochrechnungen zur demographischen Entwicklung. Nun gibt es auch
Kritiker an der Zuverlässigkeit der zugrunde gelegten Prognosen.
Prof. Gerd Bosbach, der Statistik, Mathematik und Empirik lehrt und
früher für das Statistische Bundesamt gearbeitet hat, ist der
Meinung, dass eine 50-Jahre-Prognose zwangsläufig unzuverlässig sein
muss. Zu schlecht ließen sich mögliche Strukturbrüche voraussagen,
und außerdem seien ganz bewusst und aus politisch-manipulativen
Gründen die dramatischsten Daten zugrunde gelegt worden.
Schirrmacher: Ja, Bosbach – der ist, soweit ich weiß, aber auch der
einzige Kritiker, ein interessanter übrigens. Er hat ein
ausgesprochen politisches Ziel, wenn er sagt, dass die Daten nur
gebraucht werden um den jetzigen Sozialabbau zu rechtfertigen. Ich
glaube aber, er selber würde sehr vorsichtig sein, wenn es um die
Steigerungsraten bei Alterungspopulationen geht. An denen kommt man
nicht vorbei. Wie sollten schließlich die Kinder geboren werden in
nächsten 20 Jahren? Allein für die Erhaltung bräuchten wir 2,1
Geburten im Durchschnitt.
Und die Politiker, da gebe ich Bosbach gegen Bosbach Recht, haben in
der Tat ein Interesse: nämlich das Interesse, dass nicht bekannt
wird, dass sie gar nicht daran interessiert sein können, dass jetzt
viele Kinder geboren werden. Die Kosten von Großziehen und
Ausbildung können nicht gleichzeitig mit den Kosten der anderen
abhängigen Schicht, denen der vielen Alten von unserer Gesellschaft
ausgehalten werden. (...). Für die Kinder gilt: Die, die nicht
geboren worden sind, können in zwanzig Jahren auch keine Kinder zur
Welt bringen. So einfach ist das. Warum wir das nicht glauben
wollen, habe ich in meinem Buch am Beispiel der großen Fehlalarme –
von der Neutronenbombe bis zu der absurden Wirtschaftsprognosen – zu
zeigen versucht. Im Gesamten, so sagen jedenfalls die Demographen,
sind diese Phänomene relativ sicher vorhersagbar. Ich bediene mich
noch eher vorsichtiger Projektionen für einen überaus deutlichen
Trend."
BOSBACH
ist keineswegs der einzige Kritiker der
Bevölkerungsvorausberechnungen.
International
renommierte Demografen weisen seit Jahren darauf hin, dass die
deutschen Berechnungsverfahren die Geburtenraten zu niedrig
ausweist.
SCHIRRMACHER
hat unrecht, denn der Anteil der kinderlosen Frauen, die in den 60er
Jahren geboren wurden, ist nach Angaben von
Gert HULLEN um FÜNFZIG PROZENT niedriger als in der öffentlichen
Debatte diskutiert!
Das
Problem der Unterjüngung
wird in Deutschland also dramatisiert. Warum wird das verschwiegen?
Die
Mehrheit der Deutschen leben in Familien. Lebenslang Kinderlose sind
eine Minderheit (14 % der in den 60er Jahre geborenen Frauen!), die
keine politischen Anwälte besitzen.
Spätestens
in fünf Jahren wird das nicht mehr zu verheimlichen sein, aber bis
dahin sind die entscheidenden politischen Weichenstellungen gestellt
und die jüngeren Jahrgänge werden die Folgen zu spüren bekommen.
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HANIMANN, Joseph (2004): "Die Kämpferinnen sind müde".
Frauenrechtlerinnen erklären jede Frau zum Opfer. Wer es sich so
leicht macht, hat nichts Besseres verdient: Die französische
Philosophin Elisabeth Badinter kritisiert den Feminismus aus
weiblicher Sicht,
in: Weltwoche Nr.13 v. 25.03.
- Inhalt:
Die französische Alt-Feministin
Elisabeth BADINTER
kritisiert die Töchtergeneration, die sich einem
Bequemlichkeitsfeminismus verschrieben hat.
Die
Biologisierung der Geschlechterfrage im Differenzfeminismus hält
BADINTER für genauso falsch wie die daraus entspringenden
Frontverläufe. Die Frau sei nicht qua ihres Gebärvermögens das
bessere Wesen.
BADINTER
beklagt den neuen Mutterkult, dem die Errungenschaften der neuen
Wahlfreiheit geopfert werden könnten. Berufliche Karriere und
weibliches Begehren sind für BADINTER kein Gegensatz:
"Was
ich beklage, ist gerade das Umschwenken der einst befreienden,
lustvollen und körperfreundlichen Frauenbewegung auf einen
Feminismus der Moral und der Prüderie"
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HERRMANN, Ulrike (2004): Mit der Bratpfanne denken.
Der Historiker Paul Nolte leistet als Essayist Ungewöhnliches: Er
verbindet die präzise
Analyse der deutschen Klassengesellschaft mit seinen konservativen, ja
elitären Wertvorstellungen,
in: TAZ v. 25.03.
- Inhalt:
"Nolte ist interessant, weil er es wagt, eine
offenkundige Tatsache auszusprechen: Deutschland ist eine
Klassengesellschaft. Bildung und Besitz sind keineswegs gleich
verteilt, sondern sozusagen erblich. Gleichzeitig driften die
Einkommen aus selbstständiger und unselbstständiger Arbeit immer
weiter auseinander", führt HERRMANN in das Denken von Paul NOLTE
ein.
Die
präzise Analyse der neuen Klassengesellschaft führt bei NOLTE jedoch
nicht zu progressiven Lösungen, sondern sie verbindet sich mit einem
patriarchalen Programm:
"Obwohl
er so genau wahrnimmt, wie sich in Deutschland eine neue
Klassengesellschaft formiert, bleibt er ein konservativer Denker. Er
will zurück; er will »die 68er« ungeschehen machen, die nicht
zuletzt die »Generation Golf« erzogen und eine Gesellschaft der
hedonistischen »Ich- AGs« erschaffen haben."
- Kommentar:
Paul NOLTE bietet für die Lösung der Probleme in
Deutschland seine eigene
"Generation Reform" an. Sie steht für die Erneuerung der
bürgerlichen Werte, die es gegen den Hedonismus der neuen
Unterschichten zu verteidigen gilt. Damit tritt Paul NOLTE in
direkte Konkurrenz zu Frank SCHIRRMACHER, der ebenfalls den 40jährigen
eine tragende Rolle in der Republik zuweist.
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Die lesenswerte
Buchbesprechung:
HARTMANN, Martin (2004): Diese tausend Gefühle.
Jean-Claude Kaufmann befragt die Liebe am Morgen danach,
in: Frankfurter Rundschau v. 24.03.
- Kommentar:
Martin HARTMANN hat die von Jean-Claude
KAUFMANN beschriebenen Liebesmodelle knapp und präzise auf den Punkt
gebracht.
Welche
Folgen diese Liebesvorstellungen für das Erleben des "Morgen danach"
haben, das wird aus der Befragung deutlich:
"Folgt
man dem französischen Soziologen Jean-Claude Kaufmann und seiner
neuen Studie
Der
Morgen danach. Wie eine Liebesgeschichte beginnt, dann eignen
sich Fallgeschichten (...) gut, um etwas über die verborgenen Wege
partnerschaftlicher Zweisamkeit in der Gegenwartsgesellschaft
herauszufinden. Vor allem junge Leute hat Kaufmann nach ihren
Erfahrungen mit dem Morgen danach befragt, hat sie selbst intimste
Details ausmalen lassen: Wie fühlt es sich an, neben ihm
aufzuwachen? Was hat sie für Unterwäsche? Welche Bilder hängen an
seiner Wand? Wie lange schläft sie? Es sind diese banalen Fragen,
die sich am Morgen danach mit großer Dringlichkeit stellen, da hier
»in Wahrheit« das ganze Leben auf der Kippe steht.
An diesem Morgen nämlich, meint Kaufmann, entscheidet sich in der
Regel, ob ein Paar zusammenbleibt oder nicht, da erst jetzt die Zeit
vorhanden ist, um das Geschehen zu überblicken und durch den
Wirrwarr der Gefühle hindurch die Tragfähigkeit der Beziehung zu
»testen«. Ein Test, eine Experimentierphase, ein Versuch
herauszufinden, ob man dabei ist, die richtige Wahl zu treffen.
Allerdings leugnen viele der Befragten im Nachhinein gerade diesen
Aspekt der mehr oder weniger bewussten Entscheidung, der Wahl.
(...).
Um zu verstehen, was das bedeutet, führt Kaufmann am Ende seiner
Studie, leider reichlich spät, drei Modelle der Liebe ein. Da ist
zum einen das »traditionelle« Modell der arrangierten Ehe. Auf der
Basis ökonomischer Aspekte entscheiden andere, in der Regel die
Eltern, welche Partner füreinander in Frage kommen. Dieses Modell
wird durch das »romantische« Modell abgelöst, das gegen das
traditionelle Modell rebelliert. Denn hier sind es nicht mehr
andere, die den Partner auswählen, es ist vielmehr ein schicksalhaft
auftretendes überschwängliches Gefühl, das die Liebenden im besten
Fall lebenslang aneinander bindet. Der andere wird dabei
bedingungslos idealisiert.
Dieses romantische Modell wird nun in der Gegenwart durch ein
»pragmatisches« Modell ersetzt. Die Gespräche über den Morgen danach
verraten, dass es am Anfang einer Beziehung nicht mehr das eine
große Gefühl gibt, dass in der Lage ist, alle negativen Aspekte des
anderen zu überblenden. Stattdessen stehen heute »tausend kleine
Gefühle« am Anfang".
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- DÜCKERS, Tanja (2004): Abschied vom
Aktionismus.
Die Literatur ist politischer als ihr Ruf,
in: Süddeutsche Zeitung v. 24.03.
- Inhalt:
Tanja DÜCKERS sieht im "Verlust von Eindeutigkeiten" einen Grund
für den Mangel an politischer Entscheidungsfreude im Sinne einer
engagierten Literatur, wie sie die 60er Jahre hervorbrachte:
"Die Bipolarität des Kalten
Krieges wurde durch eine neue Unübersichtlichkeit ersetzt."
Im zweiten Anlauf wird DÜCKERS
noch konkreter:
"Nicht die Ignoranz, sondern die
Literarisierung des Politischen lässt sich konstatieren. Und daraus
folgend: Die Verarbeitung des Politischen in der Literatur hat seit
den Sechziger Jahren eine solch grundlegende Veränderung erfahren,
dass politische Inhalte oft gar nicht mehr als solche wahrgenommen
werden! (...). Anstatt zu provozieren, wird erinnert."
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- MANGOLD, Ijoma (2004): Marktgewitter
und Blitzableiter.
"Reich oder arm": Ein Literaturfestival in Wien,
in: Süddeutsche Zeitung v. 24.03.
- Kommentar:
Ijoma MANGOLD blickt skeptisch auf
die wahrnehmbarer werdenden Töne einer überwunden geglaubten
Globalisierungskritik:
"Horst Afheldt (»Wirtschaft, die
arm macht«) entwarf unter allgemeinem Zuspruch das Programm eines
gleichsam waffenstarrenden Protektionismus: Das sozialpolitische
Glück im stillen Winkel hinter gewaltigen Zollmauern."
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- SPIEGEL, Hubert (2004): Der
Himmel über Leipzig ist nicht mehr geteilt.
Die junge deutsche Literatur nach dem Ende des
Jugendwahns: Franziska Gerstenbergs Debütband zeigt, daß es
Geschichten gibt, die nur eine Fünfundzwanzige erzählen
kann,
in: Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 24.03.
- Kommentar:
Die FAZ hat mit
"Wie viel Vögel"
von Franziska GERSTENBERG einen Debütband zum Aufmacher
ihrer Literaturbeilage gemacht.
Vor
einem Jahrzehnt wäre der Band unter dem Label
"Popliteratur" vermarktet worden.
Nun
hat aber Frank SCHIRRMACHER die
Machtübernahme der Generation Methusalem prophezeit,
sodass die Rede vom Jugendwahn keinen Sinn mehr macht,
ergo wir haben es nun mit einer "Literatur nach dem Ende
des Jugendwahns" zu tun.
Am Ende bleibt immer noch der Etikettierungswahn!
Im Grunde kommt
SPIEGEL über das selbstreferentielle und selbstgefällige
Mitte-Universum nicht hinaus.
SPIEGEL schreibt darüber, dass die Mitte-Propaganda bei
den Jüngeren angekommen sei:
"Den heute Zwanzigjährigen dröhnt der Schädel von der
Rentenreform, der Altersarmut, den ökonomischen
Folgekosten der deutschen Einheit, Begriffen, die wie
Tinitus im Ohr sitzen."
Erwachsenwerden im "Zeitalter der Demografiepolitik",
das könnte jedoch die Zielsetzungen der Älteren
desavouieren, denn nichts ist sicherer als unbeabsichtigte
Nebenfolgen...
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[ zum Seitenanfang ]
Zu den News
vom 16. - 23. März 2004
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Bitte beachten Sie:
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