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News vom 22. -
31. Mai
2004
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Zitat
des Monats:
"Es
stimmt nicht mehr, dass westliche Staaten eine sinkende
Geburtenrate haben.
(...).
In 13 der 58 europäischen Länder (...) hatten Frauen, die gegen
1960 geboren wurden, durchschnittlich mindestens zwei Kinder bis
zum Jahr 2001, wenn sie die 40 überschritten hatten.
(...).
Der niedrige deutsche Durchschnittswert hat sich knapp unter 1,7
stabilisiert. Dem werden sich die Durchschnittswerte von
Spanien, Italien und
Österreich bald anschließen, wenn sie ihn nicht sogar
untertreffen, denn in diesen Ländern hat der Abwärtstrend bis
2001 angehalten und liegt bei deutlich unter zwei Kindern.
(...).
Es gibt ein gewisses Einvernehmen darüber, dass das »echte«
Fertilitätsniveau eher höher ist, als es in den meisten Ländern
den Anschein hat."
(aus:
David A. Colemann "Im Angesicht des 21.
Jahrhunderts: Neue Entwicklungen und alte Probleme. In:
pro familia magazin, 2004, H.1, S.23) |
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MÜNCHHAUSEN, Anna von (2004): Der Kinderschreck.
Das Land vergreist, aber wer ist schuld daran? Frauen, die nur an
Karriere denken? Von zögerlichen Männern ist in der Debatte um
Kinder-Mangel selten die Rede,
in: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung v. 30.05.
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TREICHEL, Hans-Ulrich (2004): Das Mädchen mit der Geige.
Die Demografie-Katastrophe
kommt. Und was machen die Kinderlosen? Melancholisch werden? Bücher
lesen? Der Schriftsteller Hans-Ulrich Treichel geht in sich,
in: Welt v. 29.05.
- Kommentar:
TREICHEL erzählt die autobiografische Geschichte
vom kinderwunschlosen Mann, dem im Laufe seines Lebens der
Kinderwunsch begegnet.
Für die
sozialwissenschaftliche Literatur, die sich eher mit dem weiblichen
Kinderwunsch beschäftigt, ist dies ein untypischer Fall.
Deutlich wird
aber auch das Problem der statistischen Erfassbarkeit des Vaters:
"Externe Papis" wie TREICHEL sie nennt, kommen in keiner
Bevölkerungsstatistik vor.
Ein Vater, der sein
Kind kaum sehen muss, aber mit der Mutter - möglichst noch verheiratet
- zusammenwohnt, gilt der amtlichen Bevölkerungsstatistik als der
einzig richtige Vater. Er ist sozusagen der Zählvater!
TREICHEL
beichtet sein kinderfernes Leben wie Benjamin von Stuckrad-Barre seine
Drogenkarriere beichtet.
Es ist voraussehbar,
dass TREICHEL Schule machen wird. Die Ökonomie der Aufmerksamkeit
gebietet dies.
"Es gibt (...) nicht allzu viele literarische Texte über männliche
Kinderlosigkeit", schreibt TREICHEL. Dies stimmt nur in jenem Sinne,
in dem neuerdings über Kinderlosigkeit gesprochen werden soll: als
Bekenntnis zur gewollten oder ungewollten Kinderlosigkeit, auf das die
"Kinderlosigkeitsscham" zu folgen hat.
TREICHELs
Bekenntnisse folgen dem traditionellen Defizitansatz der
Kinderlosigkeit: Scham, Schmerz und Melancholie sind die Folgen des
versagten Kindes. Gewollte Kinderlosigkeit ist dann nur noch als
Verdrängung zu begreifen. Die Legitimation persönlicher
Kinderlosigkeit mittels gesellschaftlicher oder politischer Argumente
ist in dieser Perspektive blanke Lebenslüge.
Die Hinterfragung der
bevölkerungspolitischen Debatte ist deshalb TREICHELs Sache nicht. Die
"Single"-Gesellschaft wird als Realität und nicht als mediales und
wissenschaftliches Gesellschaftsbild diskutierbar.
Es gibt zu wenig Kinder in
Deutschland! ist der unverrückbare Bezugspunkt dieser deutschen
Erzählung.
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- KRAHLISCH, Nancy (2004): Gemeinsam
statt einsam,
in: Berliner Zeitung v. 28.05.
- Kommentar:
Im Rahmen einer
Freizeit-Serie
hat KRAHLISCH einen eher unüblichen, aber nichtsdestoweniger
wichtigen Zugang zum Single-Dasein gefunden:
"Im
Jahr 2003 sind 116 000 Leute nach
Berlin gezogen. »Die Zahl der Zuzüge ist insgesamt zwar leicht
rückläufig, bei den 20- bis 30-Jährigen stellen wir aber einen
Zuwachs fest«, sagt Jürgen Pfaffhausen vom Statistischen Landesamt.
Die meisten kommen wegen eines Jobs oder um hier zu studieren. Egal,
ob man allein kommt, als Paar oder als Familie - die erste Zeit ist
meist ein wenig einsam. Der Freundeskreis ist in der alten Stadt
geblieben, neue Freunde muss man erst mal finden. Als Student ist
das noch relativ einfach, denn auch viele Mit-Studenten sind neu in
der Stadt und sehr kontaktfreudig. Wenn man dagegen berufstätig ist,
wird es schon schwieriger. Man ist umgeben von Paaren, Familien, von
Menschen, die bereits einen festen Freundeskreis haben."
Freunde
finden, statt Partnersuche, ist das primäre Problem in der mobilen
Gesellschaft, wie sie die
Hartz-Reformen besonders für
Alleinstehende vorsieht. Für
Berlin hilft da auch das Internet
weiter:
"Seit
fünf Jahren gibt es
www.new-in-town.de, und es sieht so aus, als ob ihre Erfinder
eine Marktlücke gefüllt haben. Deutschlandweit sind 150 000 Nutzer
registriert. »Bei uns gibt es kein ,Er sucht sie' oder umgekehrt. Es
werden auch keine Fotos veröffentlicht. Bei uns geht es darum,
möglichst einfach und unkompliziert passende Freizeitpartner zu
finden. Egal ob für Kino, Sport oder einen Kneipenbesuch«, sagt
Jochen Nehr, Projektleiter der Seite, die von einer Wiesbadener
EDV-Firma betrieben wird. Die Idee hatte ein Kollege von Nehr, der
oft mehrere Wochen am Stück reisen musste. »Es hat ihn so geärgert,
niemanden zu kennen und die Abende im Hotelzimmer zuzubringen, dass
er sich das Konzept überlegte«, sagt Jochen Nehr."
Der US-amerikanische
Journalist Ethan WATTERS hat die Wichtigkeit von Freundschaften in
seinem Buch "Urban tribes" beschrieben.
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OCHS, Birgit (2004): Von wegen raus aus der Stadt.
Knapper Grund, teures Bauland. Damit sich Familien ein Häuschen in
der Stadt leisten können, nutzt Frankfurt am Riedberg ein
städtebauliches Steuerungsinstrument,
in: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung v. 23.05.
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- BREYER, Nike (2004): "Individualität
ist nicht so wichtig".
Erstmals nach dem Eklat um
das "Manieren"-Buch seines Freundes Prinz Asserate ergreift der
Schriftsteller Martin Mosebach das Wort. Ein Gespräch über
Benimmkonkurrenz, Katholizismus und Kunst, verborgene Vollkommenheit,
schwitzende Leinwände und das verlorene geistige Lehramt des Suhrkamp
Verlags,
in: TAZ v. 22.05.
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IRLINGER, Steffen (2004): Die Neokons der Popkritik.
Auf in die Vergangenheit: Die
bürgerliche Popkritik ruft zur neokonservativen Sinnstiftung und
reaktiviert dafür einen zwanzig Jahre alten Popbegriff. Wo einst
bedingungslos die Oberfläche gefeiert wurde, soll auch heute wieder
Glamour sein. Die feinen Unterschiede bleiben dabei auf der Strecke,
in: TAZ v. 22.05.
- Kommentar:
Wenn das neue TAZ-Spießertum die neuen
konservativen Reaktionäre der SZ kritisiert, dann erhält man eine
dröge Popkritik, wie sie IRLINGER hier liefert:
"Vor
allem im Feuilleton der Süddeutschen Zeitung wird
mit einem veralteten und grotesk fehlinterpretierten Popbegriff
herumgespackt, der in den frühen Achtzigern in Zeitschriften wie
Sounds oder Spex entwickelt wurde
und mittlerweile - über verschiedene mediale Schwundstufen -
eigentlich im Stadium seiner vollendeten Kompostierung angekommen
sein sollte. Als rhetorische Kniffe wie die bedingungslose Feier der
Oberfläche, die Überbetonung des Glamourbegriffs und der unbedingte
Wille zur Affirmation in den frühen Achtzigern entwickelt wurden,
standen sie in einem bestimmten Kontext: Sie dienten der
Abgrenzung von den ästhetischen Idealen der Hippies. Doch genau
dieser Popbegriff wird heute von einer Bande reaktionärer
Popschreiber unreflektiert in die Jetztzeit projiziert.
Zwei Grüppchen sind dabei erkennbar - die Evil-Twins der neuen
neokonservativen Popkritik. Da wäre einerseits die
Tristesse-Royale-Connection der Herren
Joachim Bessing und Eckart Nickel, die dem wehrlosen Opfer mit
ihrer Einstecktuchlyrik und einem um zwanzig Jahre bereinigten
popkulturellen Weltbild auf den Leib rücken. Andererseits die übrig
gebliebenen Affirmationsgläubigen aus der Jetzt-Schule.
Die wiederum begeistern mit einer diffusen Mischung aus
Beamtenmentalität, Hysterie,
und seltsam verknispelter
Poesiealbenprosa."
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- LANTZ, Marek (2004): "Ich würde mich
nicht als deutsch definieren".
Gespräch mit Thomas Meinecke über Stimme und Maschine, über
Nazibegriffe und Gendertrouble,
in: junge Welt v. 22.05.
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Zu den News
vom 11. - 21. Mai 2004
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