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News vom
27. - 30. November 2005
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KARSCH, Margret (2005): Merkel im Malestream.
Warum die Kanlzerin als Ikone des Postfeminismus taugt,
in: Jungle Nr.48 v. 30.11.
- Kommentar:
"Die Dynamik von 1968 schwand in den neunziger
Jahren, als die Institutionalisierung der Gender Studies, der
Women’s und Men’s Studies an den Universitäten erreicht war",
schreibt
Margret KARSCH, Jahrgang 1974 und Autorin von "Feminismus für
Eilige".
Das
Unbehagen an feministischer Identitätspolitik hat im Mai bereits
Tove SOILAND
formuliert. Der Differenzfeminismus hat in die Endlosdebatte um die
Kinderlosigkeit der Akademikerinnen geführt.
Wenn
KARSCH schreibt, dass der "gegenwärtige Geburtenrückgang vor allem
die Folge des Geburtenrückgangs von 1964 bis 1978" ist, dann bezieht
sie sich damit auf die
absoluten Geburtenzahlen in Westdeutschland.
Wenn sie dann schreibt:
"Die
Pille und andere fast hundertprozentig sichere Verhütungsmittel
haben Frauen und Männern nicht nur mehr sexuelle Freiheit gebracht,
sondern auch die Verantwortung, eine bewusste Entscheidung für oder
gegen Kinder treffen zu müssen",
dann
folgt sie der Deutung von Elisabeth BECK-GERNSHEIM, die 1984 mit dem
Buch
"Vom Geburtenrückgang zur Neuen
Mütterlichkeit?" die Debatte um die
Vereinbarkeit von Beruf und Familie entscheidend mitgeprägt hat.
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PILZ, Michael (2005): Sportwagen gegen Musikzimmer.
Die Popkultur debattiert:
Müssen sich intelligente Plattenkäufer heute bürgerlich geben und FDP
wählen?
in: Welt v. 30.11.
- Kommentar:
Was Sascha LEHNARTZ für die FAS-Leser,
das leistet nun Michael PILZ für die Welt-Leser: ein Referat
der
POSCHARDT-DIEDERICHSEN-Debatte.
Im
Gegensatz zu LEHNARTZ distanziert sich PILZ jedoch von beiden Autoren.
Weder der
sportwagenfahrende FDP-Wähler,
noch der im
Musikzimmer
hockende Bohème hat seine Sympathie, denn PILZ wacht über das
Reinheitsgebot des Pop: Pop ist Pop und Politik ist Politik. Basta!
Dafür erliegt er dem anderen Popmythos:
"Der
Pop hat hier schon einiges geleistet. Jede Freiheitsforderung hat die
Gesellschaft renoviert, und zwar im Sinne durchlässiger Hierarchien.
Unterschichtler steigen auf",
renoviert
PILZ die Tellerwäscher-Millionär-Story. Die Zahl der Popmillionäre
dürfte jedoch wesentlich kleiner sein als die Zahl der Poptoten und
der Langzeit-Pop-Praktikanten, deren Hoffnung zuletzt stirbt.
Etwas
Wahres ist jedoch dran, wenn PILZ zur Debatte anmerkt, dass sie
die Kämpfe der Vergangenheit kämpft:
"Allerdings
treffen hier eher die achtziger und neunziger Jahre aufeinander.
Theorieberauschte Linksromantiker, die Pop mit Altkritikern von Adorno
bis Deleuze behüten, gegen die zwangsverschmockten Anti-68er. Ein
anerkannter Randkulturenheld gegen den selbsternannten Sprecher einer
im Profil eher unscharfen Partei. Um Minderheitenpflege geht es beiden
Seiten in dieser Debatte, die so tut, als sei sie eine."
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WIEGAND, Ralf (2005): Von Göttinger Hieben.
Will Christian Wulff unliebsamen Politologen das Licht ausdrehen?
in: Süddeutsche Zeitung v. 29.11.
- Inhalt:
WIEGAND berichtet über einen Machtkampf an der
Göttinger Universität. Es geht dabei um die Zukunft des
Politikwissenschaftlichen Instituts, an dem der bekannte
Parteienforscher
Franz WALTER lehrt.
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PEITZ, Dirk (2005): Der Sound der Gegenstadt.
Tief im Osten: Zwei Tage Londoner East End mit "Roll Deep", den
Königen des bald schon massentauglichen Grime,
in: Süddeutsche Zeitung v. 29.11.
- Kommentar:
Dirk PEITZ arbeitet an einem neuen
Gegenkulturmythos, der im Londoner East End angesiedelt ist.
Wer
dabei an die Kinks denkt, der liegt sicher nicht falsch, denn
diese Kunststudentengruppe hatte bereits in den 60er Jahren des
Swinging London den East-End-Working-Class-Chic geprägt.
In
ihrem Buch
"Konsumrebellen" haben Andrew
POTTER & Joseph HEATH -
zwei waschechte PUPPIES - den
Gegenkulturgedanken entmythologisiert:
"Beim
Hip-Hop kann man sehen, wie der Kreislauf wieder von vorn anfängt.
Der Gegenkulturgedanke nimmt hier die nostalgische Form von
Bandenkultur und Ghettoromantik an. Erfolgreiche Rapper müssen hart
um ihr Straßenimage kämpfen. (...). Leider hat sich die Idee der
Gegenkultur so tief in unser Gesellschaftskonzept eingeprägt, dass
sie alle Aspekte des sozialen und politischen Lebens erfasst. Mehr
noch, sie ist zum Leitbegriff der Politik geworden".
Damit
haben POTTER & HEATH den poplinken Mythos auf den Punkt gebracht.
Auch
PEITZ knüpft in seinem Beitrag an diesem Pop-Mythos an. Anders
jedoch als in den 80er Jahren als
Gentrification "erfunden" wurde,
ist Gentrification selbstreflexiv geworden.
Die
Aufwertung von Stadtvierteln verläuft also nicht mehr ungeplant,
sondern wird bewusst gesteuert. Der Gegenkulturmythos ist ein
wichtiger Bestandteil dieses Prozesses.
Es
fragt sich jedoch inzwischen, ob nicht längst ein
Entzauberungsprozess eingesetzt hat. Das Buch von POTTER & HEATH
wäre dann Teil dieses Prozesses.
Poplinks
ist keine Gegenkultur mehr, sondern längst Teil des neuen
Establishments. Oder wie es
Mercedes BUNZ ausgedrückt hat: Die Gegenkultur ist längst
zur Gegen-Ökonomie geworden. Das gilt für Deutschland genauso wie
für England...
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BECK, Ulrich (2005): Die fremde Gesellschaft, in der wir leben.
Soziologie ohne Öffentlichkeit - eine Bestandsaufnahme aus Anlass
von Karl Martin Boltes 80. Geburtstag,
in: Süddeutsche Zeitung v. 29.11.
- Kommentar:
Mr. Soziologie schlägt sich - wie so oft -
andauernd selber auf die eigene Schulter. Die Kritik an der
Soziologie ist nichts als Eigenlob.
Wäre
die Soziologie Ulrich BECK, dann wäre alles o.k., denn Ulrich BECK
blickt "neugierig auf die hinter den Fassaden der Stabilität sich
grundstürzend wandelnde, unbekannte Gesellschaft, in der wir leben."
Weil aber alle anderen nicht Ulrich BECK sind, schreibt BECK:
"Aber
eines ist die deutsche Soziologie gewiss nicht: neugierig auf die
hinter den Fassaden der Stabilität sich grundstürzend wandelnde,
unbekannte Gesellschaft, in der wir leben."
Wenn
Ulrich BECK beklagt, dass die Gesellschaft ohne Soziologie auskommt,
dann liegt dies in erster Linie daran, dass inzwischen der Soziokult
den Psychokult abgelöst hat.
Jeder
Leitartikler schreibt heute wie Ulrich BECK, wenn er den Niedergang
der Familie beklagt.
Wer
etwas zu Singles sagt, der ist meist nur ein Ulrich BECK-Klon. An
den Mitte-Küchentischen dieser Republik wird nicht mehr psychoanalysiert,
sondern sozioanalysiert.
Wer
über die Vereinbarkeit von Beruf und Familie spricht, hat die
BECKsche Formelsprache so verinnerlicht, dass er gar nicht mehr
nachdenken muss. Selbst Nationalkonservative sprechen das BECKsche
Neusprech.
Die
Generation BECK hat die Mitte-Medien besetzt.
Die Individualisierungsthese ist längst kein
Gegengift mehr, sondern blanker Terror.
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RAPP, Tobias (2005): Aufklärung im Horrorfilm.
Dietmar Dath benutzt den Briefroman als Theorieinstrument,
in: TAZ v. 29.11.
- Kommentar:
Tobias RAPP, der Dietmar DATH vor
zwei Wochen noch zu den Vatermördern gezählt hat, lobt nun das Buch
"Die salzweißen Augen":
"In
»Die salzweißen Augen« unternimmt Dath den Versuch, für sein Tun und
Lassen der vergangenen Jahre eine philosophische Begründung
nachzuliefern - die im Untertitel angekündigte Ästhetik der »Drastik
und Deutlichkeit«. Eine Theorie, mit der er zu belegen versucht,
dass die in der Tradition der Aufklärung stehenden Kunstwerke der
Gegenwart sich genau dort befänden, wo das Feuilleton nur ungerne
hinschaut: in der Heavy Metal Musik, in der Pornographie und im
Splatterfilm, im Horrorroman oder im Comic. Hier finde sich die
Form, die »das Selbst- und Wunschbild des modernen Menschen annimmt,
wenn die sozialen Versprechen der Moderne nicht eingelöst werden«."
Vatermörder
hin, Vatermörder her, wenn es um die Verteidigung der Popkultur
geht, dann ist der Abstand zwischen popkulturell Gebildeten allemal
kleiner als der Abstand zur popkulturellen Unterschicht.
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GESTERKAMP, Thomas (2005): Chance für Papa.
Beim einkommensabhängigen Elterngeld geht es weder um
Demografie noch um Verteilungsgerechtigkeit, sondern darum, engagierte
Vätern zu ermutigen,
in: TAZ v. 28.11.
- Kommentar:
Mitte der 80er Jahre köderte die
CDU die feministischen Frauen mit der Wahlfreiheit, neuerdings
ködert die CDU die neuen Männer.
Thomas
GESTERKAMP verteidigt das
unsoziale Elterngeld mit dem
gleichen Argument wie bereits
DETTLING Junior. Und fügt
klassenkämpferisch hinzu:
"Macht
ausgerechnet die große Koalition Schluss mit dem Erziehungsgeld? Der
vor 20 Jahren eingeführte Zuschuss wirkte faktisch als Muttiprämie
für Geringverdienerinnen, für die 300 Euro monatlich ein
willkommenes Zubrot waren. Qualifizierte Frauen, erst recht die
Männer konnte man so nicht gewinnen."
Das
Elterngeld wendet sich jedoch nicht - wie GESTERKAMP behauptet - an
qualifizierte Frauen, sondern nur an beruflich erfolgreiche Frauen.
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MROZEK, Bodo (2005): Wir werden vermissen euch.
Wenn der Elfenbeinspecht in Afrika auszusterben droht,
sind wir alle tief erschüttert. Doch völlig unbemerkt verschwinden
Wörter wie Frischfleischparade oder Testbild. Statt eines Nachrufs:
Dieses kleine Alphabet will aufrütteln!
in: Tagesspiegel v. 27.11.
- Kommentar:
Am 24.10.2004 veröffentlichte Bodo
MROZEK "Wörter,
die wir noch vermissen werden"
im Tagesspiegel, nun hat er dies zum
"Lexikon der bedrohten Wörter"
erweitert. Darunter fallen für MROZEK Begriffe wie
"Bobo", "Junggesellenfrühstück"
oder
"Yuppie".
Nach
MROZEK hat der Yuppie dem Lebensstil der Hippies ein Ende gesetzt.
Nach
David BROOKS ist der Bobo jedoch ein Hybrid aus Hippie und Yuppie.
Noch interessanter wird das, wenn man den Hippie mit dem Punk
kreuzt, denn dann hat man unsere neue Kulturelite...
Und
ob der Bobo bedroht ist, das wird sich erst noch zeigen müssen.
Gerade haben
Judith MAIR & Silke BECKER den
18-35Jährigen das Etikett Generation Bobo verpasst.
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HANK, Rainer (2005): Der Reformer des
Jahres 2005 heißt Udo Di Fabio,
in: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung v. 27.11.
- Kommentar:
Wie wird man in diesem Land Reformer des
Jahres? Unabdingbar ist, dass man gegen Kinderlose pöbelt.
Der
Aufsteiger und Langzeit-Kinderlose Udo DI
Fabio pöbelt gegen seinesgleichen. Das kommt gut an.
Erfolgreiche späte Väter schreiben gerne Bücher, in denen sie
Vaterschaft lobpreisen und Kinderlosigkeit verdammen.
Dies
passt zu einer geschlossenen Gesellschaft, in der die Geburtselite
das Sagen hat und der Preis des Aufstiegs Kinderlosigkeit ist. Statt
jedoch die bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie für
Aufstiegswillige zu fordern, versuchen sie Kinderlosigkeit zu
dämonisieren. Dies ist egoistisch, verlogen und feige!
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GÖRING-ECKARDT, Katrin (2005): Wir sind die Wertepartei.
Katrin Göring-Eckardt fordert die Grünen auf, offen für
neue Bündnisse zu sein - aber den Materialismus von Freien Demokraten
und Linkspartei zu bekämpfen,
in: Welt am Sonntag v. 27.11.
- Kommentar:
Wo wir sind, ist oben, denkt sich Katrin
GÖRING-ECKARDT und baut für die Zukunft vor:
"In
einer Koalition mit der CDU wären die Grünen sozusagen die
"linke Stimme", sie stünden für das soziale Gewissen ebenso wie für
eine ökologische Wachstumsskepsis und die politische Gestaltung der
Globalisierung. Diese Themen wären gegenüber dem neoliberalen Flügel
der Union wachzuhalten.
In
einer Koalition mit der SPD würde sich die Rolle der Grünen anders
darstellen: Hier müßten die Grünen stärker die Werte bürgerlicher
Milieus vertreten und der sozialdemokratischen Staatsgläubigkeit mit
der Tendenz zum Egalitarismus entgegentreten.
Zivilgesellschaftliches Engagement, individuelle Freiheiten, Zugang
zu Bildung und Erziehung wären Themen, mit denen sich die Grünen
hier profilieren könnten."
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[ zum Seitenanfang ]
Zu den News vom 20. -
26. November 2005
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