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Medienrundschau:
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News vom
25 - 31. Juli 2005
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Zitat
des Monats:
"Sie
wollte in die Bucht. Die Bucht war das Zentrum der Insel. Die
Klippen formten einen winzigen Einschnitt der Küste. Steiles
heißes Gestein sparte das Halbrund aus. Der Vulkansand des
Strands erwärmte sich ab zehn, elf Uhr, wenn die Sonne über die
Felskanten schien.
Gegen Mittag glühte der Körper
mit dem Sand. Eine Herzkammer war die Bucht. Die Brecher
zerstoben über Lavabrocken. Die Wasserschleier stiegen auf. In
Regenbogenfarben wehten sie über auslaufende Wellen, über die
Gischt und das Gesicht."
(aus:
Hans Pleschinski "Leichtes Licht", 2005, S.37f.) |
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WINKENBACH, Julia (2005): Ich liebe es!
Schon vor 70 Jahren wurden Single-Ratgeber geschrieben. Wir haben
das Buch "Live alone and like it" von 1936 mit einem aktuellen
verglichen - und waren überrascht,
in: Welt am Sonntag v. 31.07.
- Kommentar:
WINKENBACH vergleicht zwei Ratgeber für
alleinlebende Frauen, bei denen es ausnahmsweise nicht um die
Partnersuche geht, sondern darum, das Alleinleben erträglicher zu
gestalten.
Was
erstaunt ist die Tatsache, dass es sich um Ratgeber für
partnerlose Frauen handelt, obwohl deren Anteil an den
Alleinlebenden in Deutschland im mittleren Lebensalter eher
unbedeutend ist.
Wer
im mittleren Lebensalter als Frau allein wohnt, der tut das in
der Regel entweder als Single mit Kind (und fällt damit nicht unter
die 12 Millionen Single-Haushalte) oder der Partner wohnt anderswo (Liebe
auf Distanz, Fernliebe usw). Wo bleiben also die Ratgeber für
diese "Teilzeit-Singles"?
Wenn
WINKENBACH keinen Unterschied zwischen 1936 und 2005 erkennen kann,
dann liegt das einerseits an ihrer - und nicht nur ihrer -
beschränkten Perspektive und andererseits an einer
Single-Industrie,
die an den Bedürfnissen der Alleinlebenden vorbeiproduziert...
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BÄRTELS, Gabriele (2005): Hoffnung, dass der Zauber kommt.
Die Einsamkeit in den Großstädten hat ungeheure Ausmaße angenommen.
Im Internet suchen Millionen nach einem Partner,
in: Magazin der Berliner Zeitung v. 31.07.
- Kommentar:
Wie beginnt man eine todsichere
Langweiler-Story? Mit Sätzen wie "Die Einsamkeit in den Großstädten
hat ungeheure Ausmaße angenommen"!
Das
ist typischer 68er-Kitsch, der spätestens seit "Sound of Silence"
auch zum popkulturellen Fundus des Angestellten-Pop gehört.
Einsamkeit
war bereits der beherrschende Topos der neuerdings wieder vermehrt
gepriesenen goldenen 50er Jahre. Dies wird nur gerne vergessen.
Wer
mit Verweis auf den Boom der Online-Partnersuche die Zunahme der
Einsamkeit ableitet, der fällt erstens auf die Selbstbeschreibungen
kommerzieller Anbieter herein und zweitens auf die Ökonomie der
Aufmerksamkeit, die das Phänomen der Neuigkeit mit dem
Phänomen der Zunahme verwechselt.
Natürlich
ist Einsamkeit für jeden Betroffenen ein Problem, aber eben keines
das heute größer ist als früher.
BÄRTELS
kann zumindest auf die Freundinnen-Kultur zurückgreifen, denn die
wirklich Einsamen kommen in den Mitte-Zeitungen sowieso nicht vor:
"Mit
einer meiner Freundinnen spreche ich nur über
Internetmänner-Erlebnisse und unsere
Befindlichkeits-Temperaturkurven. Heute fühlen wir uns weniger
einsam als gestern, aber morgen werden wir uns wieder so fühlen wie
vorgestern, und damit das nicht passiert, verabreden wir einen
Ausflug, um mal was unter Frauen zu machen, aber heimlich denken
wir: Wenn sie ein anderes Geschlecht hätte, wär's mir lieber. Wir
brauchen einander für unsere Geschichten, die Großstadt will sie
nicht wissen, und wir müssen einander doch versichern, dass wir den
Finger noch am Puls haben, dass unser Herz noch schlägt."
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HUBER, Joseph (2005): Unsere kleine West-DDR.
Keine der Parteien hat den Mut zu einem grundlegenden
Politikwechsel - auch Union und FDP nicht: Sie alle wollen den
versorgten Bürger,
in: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung v. 31.07.
- Inhalt:
Joseph HUBER, einst Sprachrohr der
Alternativbewegung, jetzt Professor für Wirtschaftssoziologie,
wettert in der Tradition von Arnulf BARING über die DDR light:
"Arnulf
Baring äußerte vor einigen Jahren die Befürchtung, die Bundesrepublik könne als
DDR light enden. Das läßt sich zuspitzen. Der Sozialetatismus und
Arbeitskorporatismus ist DDR light. Die Menschen darin sind
überwiegend abhängige Sozialstaatsklienten."
Als
Beispiel dient HUBER u.a. die Familienklientelpolitik:
"Die
Grünen versuchen, darin ähnlich der Union, sich an der
Klientelfront der Familienpolitik Wählerstimmen zu erkaufen. Sie
wollen »Kinder fördern« und dafür ebenfalls Steuern erhöhen. Niemand
beachtet, daß die ökonomische Theorie der Kinderlosigkeit von den
Fakten widerlegt ist: Deutschland gehört zu den Ländern, die
für Familienförderung schon längst am meisten ausgeben (...).
Auch werden in Deutschland Kinderlose und Singles vom Fiskus mit
Abstand am härtesten bestraft. Dennoch weist Deutschland - mit
Italien - die wenigsten Geburten auf (...).
Die Vereinigten Staaten geben für Familienförderung nur ein Viertel
soviel aus wie Deutschland und erfreuen sich gleichwohl einer
stabilen Geburtenprosperität (...) - und einer höheren
Frauenerwerbsquote, auch in Führungspositionen".
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DIEZ, Georg (2005): Unsere Kanzlerin.
In Wahlen manifestieren sich Veränderungen, die längst
stattgefunden haben. Bericht aus Angela Merkels Hauptstadt,
in: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung v. 31.07.
- Kommentar:
Georg DIEZ strickt bereits am
Mythos der neuen Kanzlerin als Repräsentantin der Berliner Republik,
die nach den Vorstellungen von
Heinz BUDE den endgültigen Bruch
mit der Bonner Wohlfühlrepublik vollziehen soll:
"Angela
Merkel wird die erste Kanzlerin dieses neuen, wiedervereinigten
Landes sein. (...). Sie hat in ihrer Partei, in ihrem Umfeld sehr
genau diejenigen entfernt, die noch Widerstände der alten BRD in
sich trugen, und hat sie durch lauter mittelblonde Mittvierziger
ersetzt, die zum Demonstrieren und Kiffen zu jung waren und zu alt
für die Loveparade, eine aus der Zeit gerutschte, lebenslaufarme Generation, die vor
allem funktionieren will."
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MANGOLD, Ijoma (20059: Alles verdampft.
Union, Frau Merkel, und die Unmöglichkeit, konservativ zu sein,
in: Süddeutsche Zeitung v. 30.07.
- Inhalt:
Anlässlich des
Tagesspiegel-Artikels
von Moritz RINKE, beschäftigt sich
Ijoma MANGOLD
damit, was heutzutage noch konservativ sein könnte.
Für
MANGOLD kann Konservatismus heute nicht mehr Orientierung in Fragen
der privaten Lebensführung sein, da selbst die
Familie nicht mehr das letzte Bollwerk gegen
den Kapitalismus ist:
"Konservativismus,
das war einmal das Versprechen von verlässlicher Orientierung gerade
in Fragen der Lebensführung
– und zwar unter der impliziten Prämisse, dass es dabei ein Richtig
und ein Falsch gibt. Es war Sinnstiftung gegen das anything goes und
ein Verbindlichkeitsangebot im Kleinen, um mit diesem Rückhalt die
nicht bestrittene Wandlungsdynamik im Großen zu bestehen.
Vielleicht
vor allem dieser Spagat gehört der Vergangenheit an: Dass man als
moderne Wirtschaftsnation an der Dynamik des technologischen und
ökonomischen Fortschritts aus voller Kraft partizipieren und
zugleich auf der Ebene der privaten Lebensführung, der Häuslichkeit
und der familiären Reproduktion bestimmte Werte, Normen und
Gepflogenheiten stabil halten könne. Denn dieses eben macht den
expansiven Charakter des Kapitalismus aus: Dass er nicht nur ein
wirtschaftliches Prinzip ist, sondern alle Bereiche des sozialen wie
des kulturellen Lebens sich anverwandelt und umgestaltet. Seine
Dynamik ist nicht auf den Arbeitsplatz einzuhegen."
Nicht
mehr der Kommunismus/Sozialismus mit seinen Visionen vom neuen
Menschen ist gemäß MANGOLD das konservative Feindbild, sondern der
expansive Kapitalismus.
Konservatismus
gerät unter den Bedingungen der Globalisierung in die Defensive:
"Konservativismus
(...) bezieht seinen Schwung deshalb gerade nicht aus seiner
Verbindlichkeit, sondern umgekehrt aus dem Bewusstsein der
Bedrohtheit – und hat stets etwas Angestrengtes und Verschwitztes.
Es ist ein Konservativismus der Defensive, der Abwehr und der
Verunsicherung, keiner der Stärke und des Selbstbewusstseins."
Prototypisch
für einen solchen defensiven Konservatismus ist für MANGOLD der
Theologe
Peter HAHNE:
"Die
kongeniale Galionsfigur dieser düsteren Tendenzwende ist der
Fernsehmoderator Peter Hahne mit seinem Nummer-eins-Bestseller
»Schluss mit lustig!« Da ist der Konservativismus plötzlich mit dem
Spießbürgerlichen identisch geworden."
Daneben
existiert der Konservatismus als Formbewusstsein, wie er in der
neuen Lust am Ritual oder bei den neuen Dandys zum Ausdruck kommt.
Die
RATZINGER-Variante beschreibt MANGOLD dagegen als "Weg in die
Katakomben".
Sein
Fazit:
"Das
Konservative wird deshalb eher überleben als ästhetische Attitüde
und kulturelles Bewusstsein der Wenigen, als ein exzentrisches
Dandytum vielleicht auch, aber nicht als politische
Sammlungsbewegung. Namentlich für die Deutschland AG gilt: Was ihr
fehlt, ist wieder Mut und Lust an der produktiven Zerstörung, damit
sie den Wandel nicht nur als Verlust von Lebensglück, sondern auch
als dessen Steigerung wahrnimmt."
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WILLMS, Johannes (2005): Das Auge des Malstroms.
Gerissene Geschäftemacher, durchdrehende Kleinbürger,
degenerierende Aristokraten: Balzacs Paris in seiner "Menschlichen
Komödie",
in: Süddeutsche Zeitung v. 30.07.
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REICHERT, Martin (2005): Wenn der Stripper kommt...
… beginnt das Eheleben: Akademikerinnen haben das Ritual des
Junggesellinnenabschieds für sich entdeckt.
Mit Schnaps und Stripper beenden sie das Moratorium Jugend. Das Ganze
nennt sich dann - Hennenabend,
in: TAZ v. 29.07.
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Stern-Titelgeschichte:
Geld oder Liebe?
Gefühle, Status, Sicherheit - was bei der
Partnerwahl wirklich zählt |
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SELLMAIR, Nikola (2005): Das kalkulierte Glück.
Wer heiratet wen? Keine großen Gefühle ohne Gegenrechnung. Nicht
Zufall und Romantik entscheiden, wen wir fürs Leben wählen, sondern
Herkunft, Bildung, Geldbeutel und Karrierechancen. Wie Deutschlands
Paare heutzutage zueinander finden - ein Report über die Ökonomie
der Liebe,
in: Stern Nr.31 v. 28.07.
- Kommentar:
Um es gleich vorweg zu sagen: In dem Artikel
geht es nicht um Partnerschaft, sondern nur um eheliche
Partnerschaft.
In
Zeiten, da Heiraten keine Pflichtveranstaltung ist und auch
Heiratsbarrieren nicht alles erklärt, wird hier so getan, als ob
es nur unfreiwillig Unverheiratete gibt.
Ist
man sich dieser Beschränktheit des Ansatzes bewusst, dann kann man
den Artikel mit Gewinn lesen.
Zu
Wort kommen die Wissenschaftler
Manfred HASSEBRAUCK, Karl Otto HONDRICH ("Die
Liebe in Zeiten der Weltgesellschaft"), Laura KIPNIS,
Hans-Peter BLOSSFELD,
Eva ILLOUZ und Andrew OSWALD.
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FRIEBE, Holm & Kathrin PASSIG (2005): Unterschichtwechsel.
Das nächste grosse Ding,
in: Berliner Zeitung v. 28.07.
- Inhalt:
Wer bestimmt den Lifestyle? Die
Subkultureliten, wie
Diedrich DIEDERICHSEN in der SZ
gemäß FRIEBE & PASSIG behauptet, oder die Unterschichten, wie
Georg DIEZ in der FAS
nahelegt?
FRIEBE
& PASSIG sehen nicht im kulturellen Transfer entlang der
Statusunterschiede, sondern entlang des Altersunterschieds, genauer
von jung zu alt, das Grundprinzip kultureller Evolution:
"In
der Nachfolge von Leslie Fiedlers bahnbrechendem Aufsatz »Cross the
Border, Close the Gap« (1969), der die Aufhebung der Trennung von
Populär- und Hochkultur anmahnte, erschien kürzlich Steven Johnsons
Sachbuch »Everything Bad Is Good For You«, in dem dargelegt wird,
wie Computerspiele und U-Kultur nicht zur Verdummung der Jugend,
sondern durch ihre immer komplexere Narration zum stetigen Anstieg
des durchschnittlichen IQs seit den 50ern geführt haben."
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RINKE, Moritz (2005): Die Wende-Legende.
Wo um Himmels willen ist denn die CDU? Betrachtungen zur Lage der
Nation,
in: Tagesspiegel v. 28.07.
- Inhalt:
Moritz RINKE beklagt die Erosion des
Konservativen bei Schwarz-Gelb:
"Eine
kinderlose, geschiedene, wieder verheiratete Frau aus dem Osten wird
mit einem unverheirateten Homosexuellen das Land regieren, das ist
doch in Ordnung, das hat zwar mit schöner alter christdemokratischer
Familienpolitik nicht so viel am Hut, kommt aber noch moderner als
Rot-Grün mit ihren nur circa siebenmal geschiedenen Parteispitzen.
(...).
Es ist einiges durcheinander in Deutschland. Und zwar seitdem die
CDU genauso konzeptlos das Regieren ansteuert und die Zeit unserer
Projektion und der von uns gefüllten Hohlräume abgelaufen ist. Und
seit die CDU versucht, selber eine Kontur vorzutäuschen und wir
dabei merken, dass die Erosion des Konservativen das Einzige ist,
was sich erkennen lässt.
Ist
schwarzgelb also plötzlich noch rotgrüner irgendwie? (...). Ich
meine, wenn ich mich mit Schily im klassischen »kantherischen« Sinne
sogar sicherer fühle als mit diesem Koch? Und mit einer siebenmal
geschiedenen Regierungsspitze mit Adoptivkindern, Günter Grass und
Ex-Apo-Randalisten immer noch konservativer vertreten fühle als
durch diese total kinderlose Frau/Homo-Koalition ohne Leitkultur und
Arnulf Baring? Ist es, wenn man so weiterfragt, nicht allmählich
eigentlich egal, welche Parteien regieren?"
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NIGGEMEYER, Stefan (2005): Der eine ist zu dick, die andere zu schön.
Und alle sind sie arme Singles: Vox startet die
"Mission Herzklopfen", findet aber keinen
Puls,
in: Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 28.07.
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JESSEN, Jens (2005): Im Land der Vorsorger.
Hypochondrie ist auch eine Frage der kulturellen Befindlichkeit.
Jede Nation leidet auf ihre Weise, die deutsche besonders intensiv,
in: Die ZEIT Nr.31 v. 28.07.
- Kommentar:
Heute ist wieder einmal GähnZEIT angesagt! Neben
Narzissmus und Cocooning ist Hypochondrie
ein beliebtes Schimpfwort von selbstgefälligen Eliten.
Wer
das liest, gehört entweder selber zu den selbstgefälligen Eliten
oder er gehört zu diesen Masochisten, denen
DIEDERICHSEN gerade einen Artikel gewidmet hat. Alle anderen
dürfen das getrost ignorieren...
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JUNGLE
WORLD-Titelgeschichte: Die 68er treten ab. Ein deutscher
Jahrgang.
Mit dem Ende des
rot-grünen Projekts verschwinden auch die 68er von der Bühne.
Jetzt wird nachgetreten. Neben der überfälligen Kritik etwa am
Antisemitismus der damaligen Linken nutzen Konservative die
Situation, um das Comeback alter Werte zu fordern. Kommen jetzt
die Gedenkstätten für Kinderladenopfer? Was waren das eigentlich
für Leute, diese 68er? Auf jeden Fall war man ungeheuer politisch
und authentisch. Eine gemeinsame Geschichte dieser so genannten
Generation gibt es nicht
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-
DIEDERICHSEN, Diedrich (2005): Wir waren so politisch.
Das Politischsein der 68er war gleichzeitig zentraler Imperativ
sowie ein elitärer und inquisitorischer Authentizismus,
in: Jungle World Nr.30 v. 27.07.
- Kommentar:
Diedrich DIEDERICHSEN arbeitet
sich stellvertretend für alle 78er an den 68ern ab:
"Was
sich seit knapp fünfzig Jahren von einem Entwurf revolutionärer
Subjektivität zur Standardethik der gymnasialen Mittelstufe
entwickelt hat, bleibt ein so rätselhaftes wie allgegenwärtiges
Signum dieser Generation und eine Hinterlassenschaft, an der ihre
Nachkommen zu beißen haben. Wichtigste tiefenmoralische Innovation
der 68er war, dass man politisch sein muss – politisch leben."
Am
Anfang steht der Verlust:
"Während
der Jahre und Jahrzehnte ging der Sinn der Ganzheitlichkeit und
Totalität dieses politischen Existenzialismus verloren."
Mit
dem Politikzwang einher geht die Diktatur der politisch korrekten
Politik:
"Demzufolge
war denn auch der größte Generationenkonflikt immer der, dass die
jeweils Jüngeren, sobald sie als neue Generation kenntlich gemacht
waren, nicht politisch genug waren."
Cocooning
oder Narzissmus waren seit jeher die Kampfbegriffe dieser
Politikmacker seit 68ff.
Wenn
DIEDERICHSEN nun diesen Vorwurf gegen die 68er der Grünen wendet,
dann führt er diese Tradition mit umgekehrten Vorzeichen fort.
DIEDERICHSEN
versucht sich aber auch an einer 68er-Geschichtsschreibung, wonach
1968 mit einer Horizonterweiterung verbunden war: Die Hochkultur
verzweigte sich in Subkulturen.
Der
Hip-Konsumerismus (im Sinne von
John LELAND und
Thomas FRANK) ermöglichte nach
DIEDERICHSEN ein richtiges Leben im Falschen: die Verbindung von
Politik und Leben. Dummerweise stand dies unter milieuspezifischem
Rechtfertigungszwang
Mit
der Übernahme der Regierungsverantwortung von Rot-Grün kam dann
der Sündenfall.
Das
Hipstertum verkam zum Boulevard und Politik geriet zum
ästhetischen Geschäft, bei dem der emanzipatorische Charakter der
Politik auf der Strecke blieb.
Zum
Vorschein kommt der "alt-repressive und obrigkeitsstaatliche
Begriff der Staatsbürgerpflicht mit dem der
Politik-als-kulturell-existenzielles-Abenteuer der 68er
verschmolzen."
Am
Schluss fordert DIEDERICHSEN die Abkehr von der primitiven
Identitätspolitik der Kulturlinken:
"Auf
dem Wege zum rein existenziell-ästhetischen Ekel sind der Linken
die politischen Talente verloren gegangen. Dieses Talent besteht
nämlich gerade in der Annahme der Gespaltenheit und notwendigen
kognitiven Dissonanz politischer Arbeit. Nur wer eine radikale
Kritik denken kann, ist zu einer akzeptablen pragmatischen
Position befähigt.
Nur
wer eine akzeptable pragmatische Position unterstützen kann, kann
wirklich radikale Kritik entfalten. Um beides tun zu können, muss
man unauthentisch sein können. Die berechtigte Frage der alten
Gegenkultur, was Politik mit Leben zu tun hat, verdient bessere
und kompliziertere Antworten als das Ideal der authentischen
Identität oder der ästhetischen Angemessenheit."
-
SUNDERMEIER, Jörg (2005): Die Opfer des Grips-Theaters.
Die Abrechnung mit den 68ern gerät allzu leicht zur Verteidigung
konservativer Werte. Die Autorin Sophie Dannenberg gibt dafür ein
krasses Beispiel,
in: Jungle World Nr.30 v. 27.07.
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- ARNING, Matthias (20059: Lob des
Wölfischen.
Verantwortung des Einzelnen heißt die Medizin der
Neokonservativen, um den "Patienten Deutschland" zu kurieren,
in: Frankfurter Rundschau v. 27.07.
- Kommentar:
ARNING versucht sich daran, die Neocons von
den nur fälschlich so bezeichneten zu trennen.
Die
bösen Neocons sind demnach einerseits die CDU-Ordoliberalen um
Kurt BIEDENKOPF & Meinhard MIEGEL (diese hat Peter J. GRAFE
bereits Mitte der 80er Jahre im Buch
"Schwarze Visionen" als die 68er
der CDU bezeichnet) und andererseits der Spiegel-Journalist
Gabor STEINGART.
Man
sollte das jedoch besser präziser einen libertären Konservatismus
nennen.
Auf
der anderen Seite steht für ARNING der gute "Neocon"
Paul NOLTE als Stimme des neuen
Bürgertums. Diese Trennung schafft ARNING per Definition des
Neocon:
"jemand,
der so tut als schwebe er über der Gesellschaft und schaue sich
dieses System von oben an, um sagen zu können: Da ist was krank,
da läuft was schief."
NOLTE
ordnet ARNING dagegen den politischen Pragmatikern zu. Der
paternalistische Elitismus von NOLTE wird bei ARNING zur Fürsorge
mit menschlichem Antlitz verklärt.
Dabei
ist jedoch klar: NOLTE ist entschieden für die Diskriminierung von
Lebensformen jenseits der Haushaltsfamilie. Dies ist
Wertekonservatismus pur, der nur dadurch geschönt wird, dass der
Stellenwert der Ehe nicht ganz so hoch angesiedelt ist wie beim
Papst.
- BRAUCK, Markus (2005): Die elitären
Revolutionäre.
Welt, WamS und Cicero: Drei Chefredakteure gegen die 68er,
in: Frankfurter Rundschau v. 27.07.
- Kommentar:
Markus BRAUCK porträtiert Wolfram WEIMER (Jahrgang 1964),
Christoph KEESE (Jahrgang 1964) und
Mathias DÖPFNER
in einem oberflächlichen Artikel.
Wenn
wir wirklich keine einflussreicheren Anti-68er zu bieten hätten,
dann könnten wir uns getrost Wichtigerem widmen...
- FR (2005): Neokonservatives Denken,
in: Frankfurter Rundschau v. 27.07.
- PAASCH, Rolf (2005): Eine fragwürdige
Mission.
Die US-amerikanischen Neokonservativen gewannen in kurzer Zeit
enormen Einfluss auf die Politik von George W. Bush,
in: Frankfurter Rundschau v. 27.07.
- Inhalt:
PAASCH erklärt die Entstehung des
US-amerikanischen Neokonservatismus aus dem Konvertitentum der
60er Jahre:
"Der
Neokonservatismus entstand Mitte der 60er Jahre aus der Kritik
desillusionierter liberaler Intellektueller an bürokratisch
verwalteter Sozialpolitik. Ehemalige Marxisten wie Irvin Kristol
oder Norman Podhoretz, Demokratische Politiker wie Daniel patrick
Moynihan und Sozialwissenschaftler wie James Q. Wilson wandten
sich gegen die Idee des »Social engineering« (...). Doch es war
erst die Campus-Revolte der späten 60er Jahre, die diese Kritiker
ins (neo-)konservative Lager trieb".
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HAAS, Daniel (2005): Herz, Schmerz, Kommerz.
Single-Soap auf Vox,
in: Spiegel Online v. 26.07.
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HILDEBRAND, Katrin (2005): Klischees wie du und ich.
Die neueste Singleshow entlarvt nicht das TV, sondern die
Realität,
in: Frankfurter Rundschau v. 26.07.
-
LIEBIG, Siegrid (2005): Letzte Hilfe,
Zynische Doku-Soap: Wer als Single auf die Vox-"Mission
Herzklopfen" baut, ist schlecht beraten,
in: Welt v. 26.07.
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- BAHNERS, Patrick (2005): Seid fruchtbar und
belehret euch.
Der Verfassungsrichter Udo Di Fabio redet zur deutschen Nation,
in: Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 25.07.
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[ zum Seitenanfang ]
Zu den News
vom
20. - 24. Juli 2005
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