"Er
ist Anfang zwanzig. Niemand soll sagen, daß das die
schönste Zeit im Leben ist. Die Tage verlaufen in
zäher Gleichförmigkeit. Aber warum fällt ihm auch
nichts anderes ein, als in Lokale zu gehen, die
gerade angesagt sind, sich durch die Stadt treiben
zu lassen und auf die Einladung zur nächsten
Vernissage zu warten? Einzig die Musik öffnet
Freiräume, manchmal zumindest. Sonst sind die Tage
von gleichsam rituellen Abläufen geprägt. Er stellt
sich eine Zählmaschine vor, die bei jeder Handlung,
bei jedem Musikstück, bei jedem Weg anzeigt, das
wievielte Mal es gerade ist - und nach 9999 springt
sie wieder auf Null.
Er nimmt Posen ein: Stilisierung ist eine
Möglichkeit, unbestimmte Trauer eine andere. Doch
sie überdecken den Riß in diesem Leben, dem jedes
Zeichen äußerer Tragik fehlt, nicht lange. »Heute
könnte ein glücklicher Tag sein« bleibt als letzte,
durch Zynismus getarnte Hoffnung des Protagonisten
einer Generation, für die, wie es einmal hieß, Krieg
leichter zu ertragen ist als ein Montagmorgen."
Pressestimmen
"Bayer (...) macht genau das, was
die deutschen Popliteraten vor Jahren schon gemacht
haben: Hedonismus, Protokollhaftigkeit, die totale
Gegenwart. Schon in seinem Debütroman »Heute könnte
ein glücklicher Tag sein« zählte Bayer ähnlich wie
(...) Benjamin von Stuckrad-Barre in »Soloalbum«
ausschnitthaft und linear die Stationen eines nicht
eben bemerkenswerten Lebens auf: Junger Mann, der
ausgeht und Freunde trifft, das war die ganze
Geschichte. Allerdings mit einem starken Hang zu der
sprichwörtlichen Wiener Melancholie. Eine Sehnsucht
nach mehr, eben dem »glücklichen Tag«, zog sich
durch das ganze Buch."
(Stephanie Wurster in der TAZ vom
15.07.2003)
Zitate:
Orientierungslosigkeit
"Ich muß innerlich über meine
Ziel- und Planlosigkeit lachen. Es kommt mir auf
einmal so absurd vor, daß ich nie weiß, was ich tun
soll. Sogar das Ins-Kaffeehaus-Gehen ist dann nur so
eine Art Notlösung, ein instinktives Ausweichen. Ich
gehe einfach irgendwo hin, wo ich eigentlich nicht
sein will, bestelle mir etwas zu trinken, worauf ich
keine Lust habe, rauche eine Zigarette, obwohl mir
nicht danach ist, und ich habe keine Ahnung, wie ich
dem vorausgedachten Ablauf entgehen kann. Die
anderen Leute auf der Straße, so kommt es mir vor,
haben immer irgend etwas Bestimmtes zu erledigen.
Ihre Wege sind Geschäftswege oder Einkaufswege, und
alles, was sie tun, geschieht mit einer Absicht,
einem Plan. Manchmal bekomme ich tatsächlich ein
schlechtes Gewissen, wenn ich die Leute so sehe, die
alle wissen, was zu geschehen hat und wo es
langgeht. Aber wahrscheinlich täusche ich mich da
nur. Ich bin auf jeden Fall einer derjenigen, die
selten wissen, wo es langzugehen hat, und wenn, dann
gehe ich auch da Umwege oder Abkürzungen."
Defizite im
Umgang mit Mädchen
"Ich bin (...) der Überzeugung, daß das Gymnasium
schuld daran war, daß ich so lange ein Problem damit
hatte, mich in der Gegenwart von Mädchen zu bewegen.
Acht Jahre lang hatte ich kaum Kontakt zu Mädchen,
und wenn, dann machte ich mich meistens lächerlich.
Es wurde dafür wahnsinnig viel getrunken auf der
Schule.
(...).
Ich habe dazu eine Melodie im Kopf, und als ich eine
Weile nachdenke, fällt mir auch ein, daß das Lied
von The Smiths ist".
"Ein Mädchen kommt mir entgegen und blickt mich
seltsam an, und ich frage mich, ob sie mich so
anschaut, weil ich ihr gefalle oder vielleicht weil
ich so fertig wirke. Ich ärgere mich, daß ich sie
nicht angelächelt habe".
Geborgenheit in
der Menge
"Dieses Alleinsein inmitten der Menge der Tanzenden
und Herumstehenden hat für mich heute etwas sehr
Beruhigendes. Ich fühle mich geborgen".
"Es ist Samstag. Ich schlendere ziellos auf der
Straße (...), und ich bin einfach ein Fußgänger
unter anderen Fußgängern, ein Stadtbewohner von
vielen, und auf gewisse Weise spendet mir der
Gedanke Trost, daß ich so überhaupt nicht auffalle."
Die
Unerträglichkeit der Wohnung
"Etwas Bedrohliches geht von der Unbeweglichkeit der
Gegenstände im Raum und meiner Regungslosigkeit
ihnen gegenüber aus, und ich habe Angst, daß mein
hilfloses Dasitzen dieses Gefühl noch verstärkt und
die Gegenstände gleichsam anstachelt, meine
Gegenwart undenkbar zu machen.
Die Geräusche des Kühlschranks und der Autos auf der
Straße, die Stimmen auf dem Hof, das tiefe Pfeifen
der Tauben, das klingt, als würde jemand durch hohle
Hände blasen, diese Geräusche sind aufdringlich und
beunruhigend nah, als würden sie mich umstellen
wollen.
Ein ähnliches Gefühl, wie das, das ich empfand, wenn
ich als Kind mit Fieber im Bett lag, steigt in mir
hoch. Ich hatte da immer Angst vor etwas
Unaussprechlichem, vor etwas, das sich auf mich
zuwälzt wie eine Lawine.
(...).
Ich beschließe, mich nicht weiter auf meine
Erinnerungen einzulassen, und ziehe mich an, um auf
die Straße zu gehen."
"Üblicherweise weiß ich an Sonntagen noch weniger
mit mir anzufangen als an anderen Tagen. (...). Ich
würde mich am liebsten wieder hinlegen, aber ich
weiß, daß ich nicht schlafen könnte, und mein
Zustand würde nur schlimmer werden. also gehe ich
ins Kaffeehaus."
"Wenn ich nicht vor Einsamkeit umkommen würde,
könnte ich mir gut vorstellen, einfach nur in meiner
Wohnung zu sitzen und mich in Gedanken mit jemandem
zu unterhalten".
"Ich schalte automatisch das Radio ein, und überall
laufen nur Lieder, die ich schon kenne, und ich bin
auf einmal furchtbar deprimiert darüber, daß ich
immer dasselbe mache, wenn ich aufstehe. Ich schalte
das Radio ab, aber die Stille ist noch schlimmer,
und mir ist plötzlich zum Heulen zumute, und ich
fühle ein komisches Würgen in der Kehle. Ich habe
keine Ahnung, was ich dagegen tun soll, und diese
Hilflosigkeit macht das Ganze noch schlimmer".
Die befreiende
Wirkung von Musik
"Die Musik ist so laut, daß meine Gedanken ganz klar
sind, und ich bleibe nicht in ihnen hängen. Sie
treten nur kurz auf und verschwinden dann wieder, um
neuen Gedanken Platz zu machen."
"Langsam beginnt es, mir wieder besser zu gehen. Es
ist, als wäre ich, umfangen von der Musik, in einen
Freiraum eingetreten, in einen Zustand, wo man
minutenlang den Aschenbecher anschauen kann und sich
freut, daß es ein Aschenbecher ist."