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Debatte und weiterführende Literatur

 
   

Oliver Tepel:

 
   

Status Quo Vadis II - Warum der Apfelmann mit dem Zaunpfahl winkt
Erschienen in der Zeitschrift SPEX Nr.299, Juni

 
       
   
 
       
   
 
 

Ein Diskurs voller Missverständnisse. Die Rezeption von Blumfelds »Verbotene Früchte« übersieht, dass es sich um eine Sprache handelt, die sonst (noch) niemand spricht. Weil die Popsprache, die gesprochen wird, niemand mehr versteht. Oliver Tepel übersetzt.

In der Presse war ja einiges über die neue Blumfeld zu lesen. Was für ein Bild wurde da entworfen? Das Bild eines kauzig gewordenen Privatiers. Dessen Songs – und deren hier »Romantik«, dort »Biedermeier« genannten Naturlyrik – fehlt es offenbar an Relevanz.

Es geht im Folgenden nicht um Erwartungen (an die Band), es geht um die Idee der Relevanz an sich. Darum, dass es offenbar etwas geben soll, woran ein nicht weiter identifiziertes »man« anschließen könnte. Aber was wäre diese Sprache der Relevanz innerhalb einer Popkultur anno 2006? Was wäre das entsprechende Vokabular der Popkultur? Wird da nicht eine leere Sprache eingefordert, deren Slogans so funktionieren wie das Kabarett, ein »preaching to the converted« mit ein, zwei hübschen Anregungen zum Weiterdenken? Was für eine Vorstellung macht sich da, nicht nur im Feuilleton, breit? Pop diente einmal der Gegenkultur zur Positionierung, und seine Sprache konnte sich an diese Kultur sowie auch an die »Anderen« richten. Jene Popmusik, die ihre Wurzeln im Rock'n'Roll hat, also in der Sprache des Einzelnen, der sich unterscheidet, lernte unter den Hippies, für eine Gemeinschaft zu sprechen, und machte bald darauf die Erfahrung, dass derartige Gemeinschaften brüchig sind – und fern ihrer Idealisierung oft nur Abbild dessen, was man überwinden wollte. Ein gleichwohl hochinteressantes Netz aus produktiven, individualisierten Positionen innerhalb einer zersplitternden Gegenkultur, oder nur einer Jugendkultur, die frei sein wollte und in der Regel ins bürgerliche Erwachsenenleben mündete, entwickelte sich über eine Periode von vielleicht 30 Jahren. Britpop bedeutete das Ende jener Sprache, schuf zugleich noch letzte Minimalkonsense, die für ein abendliches Schulterklopfen bei ein paar Gläsern Bier mit Oasis reichten. Im letzten Jahr zeugten einige Statements von der endgültigen Auflösung dieser Übereinkünfte. Übrig blieb das freie Ich als neoliberale Figur.

Letzten Herbst beschrieb Ulf Poschardt diesen Liberalismus als neue Jugendkultur und wollte sie Diedrich Diederichsen und anderen als aktuelles Denkmodell verordnen. Doch warum bezog er sich auf jene – hier mit Pop bezeichnete – Sprache und ihre Akteure? Abgesehen davon ist alles stimmig, handelt es sich doch um altbekannte Positionen eines Vertreters der freien Marktwirtschaft. Einer, dem es finanziell gut geht, beschreibt gesellschaftlichen Wandel, wie er ihm zupass käme. Doch jene, die er erreichen möchte, hören ihm nicht zu. Und das aus einem (auf Poschardts Wunsch nach Anerkennung im Pop-Diskurs bezogen) recht witzigen Grund: Es gibt keine gemeinsame Sprache mehr, die eine solche Kommunikation zulassen könnte, und er merkt es nicht einmal. Was sollte sein »Wir müssen reden« (siehe auch SPEX 01-02/06). Wer spricht so? Unzufriedene Lebenspartner, gestrenge Väter am Abendtisch. Mit seiner gewählten Sprache wurde letztlich nichts anderes als die klassische Reaktion, Initialfunke jeglicher Jugendkultur, eingefordert: »Du hast mir gar nicht zu sagen, was ich muss.« Doch das pubertäre Sprechen zeigt sich anderswo als fester Bestandteil des bürgerlichen Neoliberalismus. Die Band Wir sind Helden bezeichnet im Song »Zuhälter« ihr Arbeitsumfeld als »kältestes Gewerbe der Welt«. Das wäre treffend angesichts ins Land geschleppter und zur Prostitution gezwungener Frauen, ja allein schon angesichts der vielen, die für einen Bruchteil dessen, was diese Band verdient, tagtäglich arbeiten müssen und Lohnkürzungen in Kauf nehmen, damit der Arbeitsplatz vielleicht erhalten bleibt.

Dass der Band diese Worte nicht um die Ohren gehauen wurden, bezeugt wiederum, wie unbedeutend solche Aussagen sind – oder dass es eben keine Pop-Sprache jenseits des Einforderns aller guten Dinge für das eigene Ich mehr gibt. Da macht die charmante Sängerin ein hübsches Gesicht zu ihrer Kaltschnäuzigkeit, jenen unglaublichen Luxus, für die eigenen dummen Gedanken bezahlt zu werden, als »kältestes Gewerbe der Welt« zu bejammern. Aber niemand ist gezwungen, seine Musik bei einem Majorlabel zu veröffentlichen, wohingegen pure materielle Verzweiflung Frauen in die Prostitution treibt oder in die Hände derer, die sie dazu zwingen. Am Ende einer gegenkulturellen Sprache endet das Zeitalter des Teenagers in der Verwirklichung des alles überstrahlenden »Ich, Ich, Ich«.

Poschardt ist ein aktueller Vertreter dieser »Selbstverwirklichung«. Im Gegensatz zu seiner eigenen Vermutung hat er sich nicht bewegt, sondern will weiter Spaß und Recht zugleich haben. Er glaubt den Verheißungen des Marktes, dass dieser auch soziale Fragen lösen könne, während die Arbeitslosenstatistiken das Gegenteil bezeugen. »Die Rolle des Intellektuellen muss uneitel konstruktiv sein«, schrieb er und übersah die Parameter der Definition des Konstruktiven. Konstruktiv in wessen Sinne? Im Sinne eines Kapitalismus, der kaum mehr mittelfristige Prognosen zulässt und langfristige Parameter ignoriert. Das war eine Leistung der Gegenkultur und ihrer Popsprache: auf Alternativen hinzuweisen, auf eine andere Definition des Konstruktiven. Eine, die in der Folge vielleicht relative Armut und (ohne es zu ahnen) ein sehr arbeitsames Leben mit sich bringt, die aber um jene Katastrophen weiß, die heute nur noch von Globalisierungsgegnern angesprochen werden. Ihre Szenarien haben keine Gültigkeit im omnipotenten Machermenschenbild des aufgeklärten Bürgertums. Würden Poschardt und Wir sind Helden nicht so tun, als hätten sie Bezug zum gegenkulturellen Kapital von Pop, so wäre das alles kein Ding. Aber sie beteiligen sich als egozentrische Bessergestellte an einer Diskussion, die in Talkshows der Öffentlichkeit implantiert wird. Die Sprache, die Alternativen diskutieren könnte, verschwindet mit ihnen und den vielen Bands, die scheinbar Alternativen verheißen, aber nichts anderes wollen, als ihre Musik zu spielen, so wie es Neil Tennant an anderer Stelle in dieser Ausgabe beschreibt. Was bleibt, sind leere Hüllen, die sich ihrer Posen nicht bewusst sind. Anders ausgedrückt: Fern der Geschichte kann jeder lustig losplappern.

Jeder kann das, außer Distelmeyer, meint jedenfalls das Feuilleton. Dabei geschieht auf der neuen Blumfeld-Platte etwas Erstaunliches. Die Band spricht (wie auch JaKönigJa und zum Teil Erdmöbel) eine Sprache des »Danach«, eines Individuums jenseits der beendeten, aber noch aktuellen Erzählungen. Alle lachen über den »Apfelmann«. Doch was tut der Apfelmann? Er pflegt sorgsam jene Kreationen und Vielfältigkeiten, die er benennen kann. Deshalb muss er um sie wissen. »Artenvielfalt« und »Detailwissen« sind konstruktive Gegenargumente zu dem, was der globale Markt produziert.

Genauer hinzuschauen – das ist der Beginn jener Differenzierungsarbeit, die heute fehlt, die Neues ermöglicht, deren Sprache aus fast Vergessenem fischt und dabei verstört wie auch beruhigt, da sie den Diskursen der Rationalisierung reichhaltiges Material entgegensetzt. Verwirrend klingt das, was wieder Unterschiede macht und den neoliberalen Helden der Schnelllebigkeit ein Wissen um Details und Geschichte(n) entgegenhält. Sich nicht vereinnahmen lassen, darin lebt »Verbotene Früchte«, ein wenig wie in teilweise vergleichbarer Situation Joni Mitchells »Hejira«, einem neuen »Nein«, einem Johnny Rotten zuwinkend, der vielleicht nie kommen mag. »Der Fluß bleibt uns fremd/Und sich selber nur treu/Weil er fließt«. (Blumfeld – »Der Fluß«) Tschüss, Popsprache!

 

 
 
 
       
   

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Update: 08. Oktober 2006
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