Ein Diskurs voller Missverständnisse. Die Rezeption von
Blumfelds »Verbotene Früchte« übersieht, dass es sich um eine
Sprache handelt, die sonst (noch) niemand spricht. Weil die
Popsprache, die gesprochen wird, niemand mehr versteht. Oliver
Tepel übersetzt.
In
der Presse war ja einiges über die neue Blumfeld zu lesen. Was
für ein Bild wurde da entworfen? Das Bild eines kauzig
gewordenen Privatiers. Dessen Songs – und deren hier »Romantik«,
dort »Biedermeier« genannten Naturlyrik – fehlt es offenbar an
Relevanz.
Es geht im Folgenden nicht um Erwartungen (an die Band), es geht
um die Idee der Relevanz an sich. Darum, dass es offenbar etwas
geben soll, woran ein nicht weiter identifiziertes »man«
anschließen könnte. Aber was wäre diese Sprache der Relevanz
innerhalb einer Popkultur anno 2006? Was wäre das entsprechende
Vokabular der Popkultur? Wird da nicht eine leere Sprache
eingefordert, deren Slogans so funktionieren wie das Kabarett,
ein »preaching to the converted« mit ein, zwei hübschen
Anregungen zum Weiterdenken? Was für eine Vorstellung macht sich
da, nicht nur im Feuilleton, breit? Pop diente einmal der
Gegenkultur zur Positionierung, und seine Sprache konnte sich an
diese Kultur sowie auch an die »Anderen« richten. Jene Popmusik,
die ihre Wurzeln im Rock'n'Roll hat, also in der Sprache des
Einzelnen, der sich unterscheidet, lernte unter den Hippies, für
eine Gemeinschaft zu sprechen, und machte bald darauf die
Erfahrung, dass derartige Gemeinschaften brüchig sind – und fern
ihrer Idealisierung oft nur Abbild dessen, was man überwinden
wollte. Ein gleichwohl hochinteressantes Netz aus produktiven,
individualisierten Positionen innerhalb einer zersplitternden
Gegenkultur, oder nur einer Jugendkultur, die frei sein wollte
und in der Regel ins bürgerliche Erwachsenenleben mündete,
entwickelte sich über eine Periode von vielleicht 30 Jahren.
Britpop bedeutete das Ende jener Sprache, schuf zugleich noch
letzte Minimalkonsense, die für ein abendliches Schulterklopfen
bei ein paar Gläsern Bier mit Oasis reichten. Im letzten Jahr
zeugten einige Statements von der endgültigen Auflösung dieser
Übereinkünfte. Übrig blieb das freie Ich als neoliberale Figur.
Letzten Herbst beschrieb Ulf Poschardt diesen Liberalismus als
neue Jugendkultur und wollte sie Diedrich Diederichsen und
anderen als aktuelles Denkmodell verordnen. Doch warum bezog er
sich auf jene – hier mit Pop bezeichnete – Sprache und ihre
Akteure? Abgesehen davon ist alles stimmig, handelt es sich doch
um altbekannte Positionen eines Vertreters der freien
Marktwirtschaft. Einer, dem es finanziell gut geht, beschreibt
gesellschaftlichen Wandel, wie er ihm zupass käme. Doch jene,
die er erreichen möchte, hören ihm nicht zu. Und das aus einem
(auf Poschardts Wunsch nach Anerkennung im Pop-Diskurs bezogen)
recht witzigen Grund: Es gibt keine gemeinsame Sprache mehr, die
eine solche Kommunikation zulassen könnte, und er merkt es nicht
einmal. Was sollte sein »Wir müssen reden« (siehe auch SPEX
01-02/06). Wer spricht so? Unzufriedene Lebenspartner, gestrenge
Väter am Abendtisch. Mit seiner gewählten Sprache wurde
letztlich nichts anderes als die klassische Reaktion,
Initialfunke jeglicher Jugendkultur, eingefordert: »Du hast mir
gar nicht zu sagen, was ich muss.« Doch das pubertäre Sprechen
zeigt sich anderswo als fester Bestandteil des bürgerlichen
Neoliberalismus. Die Band Wir sind Helden bezeichnet im Song
»Zuhälter« ihr Arbeitsumfeld als »kältestes Gewerbe der Welt«.
Das wäre treffend angesichts ins Land geschleppter und zur
Prostitution gezwungener Frauen, ja allein schon angesichts der
vielen, die für einen Bruchteil dessen, was diese Band verdient,
tagtäglich arbeiten müssen und Lohnkürzungen in Kauf nehmen,
damit der Arbeitsplatz vielleicht erhalten bleibt.
Dass der Band diese Worte nicht um die Ohren gehauen wurden,
bezeugt wiederum, wie unbedeutend solche Aussagen sind – oder
dass es eben keine Pop-Sprache jenseits des Einforderns aller
guten Dinge für das eigene Ich mehr gibt. Da macht die charmante
Sängerin ein hübsches Gesicht zu ihrer Kaltschnäuzigkeit, jenen
unglaublichen Luxus, für die eigenen dummen Gedanken bezahlt zu
werden, als »kältestes Gewerbe der Welt« zu bejammern. Aber
niemand ist gezwungen, seine Musik bei einem Majorlabel zu
veröffentlichen, wohingegen pure materielle Verzweiflung Frauen
in die Prostitution treibt oder in die Hände derer, die sie dazu
zwingen. Am Ende einer gegenkulturellen Sprache endet das
Zeitalter des Teenagers in der Verwirklichung des alles
überstrahlenden »Ich, Ich, Ich«.
Poschardt ist ein aktueller Vertreter dieser
»Selbstverwirklichung«. Im Gegensatz zu seiner eigenen Vermutung
hat er sich nicht bewegt, sondern will weiter Spaß und Recht
zugleich haben. Er glaubt den Verheißungen des Marktes, dass
dieser auch soziale Fragen lösen könne, während die
Arbeitslosenstatistiken das Gegenteil bezeugen. »Die Rolle des
Intellektuellen muss uneitel konstruktiv sein«, schrieb er und
übersah die Parameter der Definition des Konstruktiven.
Konstruktiv in wessen Sinne? Im Sinne eines Kapitalismus, der
kaum mehr mittelfristige Prognosen zulässt und langfristige
Parameter ignoriert. Das war eine Leistung der Gegenkultur und
ihrer Popsprache: auf Alternativen hinzuweisen, auf eine andere
Definition des Konstruktiven. Eine, die in der Folge vielleicht
relative Armut und (ohne es zu ahnen) ein sehr arbeitsames Leben
mit sich bringt, die aber um jene Katastrophen weiß, die heute
nur noch von Globalisierungsgegnern angesprochen werden. Ihre
Szenarien haben keine Gültigkeit im omnipotenten
Machermenschenbild des aufgeklärten Bürgertums. Würden Poschardt
und Wir sind Helden nicht so tun, als hätten sie Bezug zum
gegenkulturellen Kapital von Pop, so wäre das alles kein Ding.
Aber sie beteiligen sich als egozentrische Bessergestellte an
einer Diskussion, die in Talkshows der Öffentlichkeit
implantiert wird. Die Sprache, die Alternativen diskutieren
könnte, verschwindet mit ihnen und den vielen Bands, die
scheinbar Alternativen verheißen, aber nichts anderes wollen,
als ihre Musik zu spielen, so wie es Neil Tennant an anderer
Stelle in dieser Ausgabe beschreibt. Was bleibt, sind leere
Hüllen, die sich ihrer Posen nicht bewusst sind. Anders
ausgedrückt: Fern der Geschichte kann jeder lustig losplappern.
Jeder kann das, außer Distelmeyer, meint jedenfalls das
Feuilleton. Dabei geschieht auf der neuen Blumfeld-Platte etwas
Erstaunliches. Die Band spricht (wie auch JaKönigJa und zum Teil
Erdmöbel) eine Sprache des »Danach«, eines Individuums jenseits
der beendeten, aber noch aktuellen Erzählungen. Alle lachen über
den »Apfelmann«. Doch was tut der Apfelmann? Er pflegt sorgsam
jene Kreationen und Vielfältigkeiten, die er benennen kann.
Deshalb muss er um sie wissen. »Artenvielfalt« und
»Detailwissen« sind konstruktive Gegenargumente zu dem, was der
globale Markt produziert.
Genauer hinzuschauen – das ist der Beginn jener
Differenzierungsarbeit, die heute fehlt, die Neues ermöglicht,
deren Sprache aus fast Vergessenem fischt und dabei verstört wie
auch beruhigt, da sie den Diskursen der Rationalisierung
reichhaltiges Material entgegensetzt. Verwirrend klingt das, was
wieder Unterschiede macht und den neoliberalen Helden der
Schnelllebigkeit ein Wissen um Details und Geschichte(n)
entgegenhält. Sich nicht vereinnahmen lassen, darin lebt
»Verbotene Früchte«, ein wenig wie in teilweise vergleichbarer
Situation Joni Mitchells »Hejira«, einem neuen »Nein«, einem
Johnny Rotten zuwinkend, der vielleicht nie kommen mag. »Der
Fluß bleibt uns fremd/Und sich selber nur treu/Weil er fließt«.
(Blumfeld – »Der Fluß«) Tschüss, Popsprache!