Das Unbehagen im Kulturbetrieb und anderswo: Die Ausweitung
von prekären Lebens- und Arbeitsbedingungen hat in Frankreich zu
einer anderen Bewusst- und Mobilmachung geführt. Die Proteste
gegen den neuen Ersteinstellungsvertrag haben zuletzt Zeichen
gesetzt.
Anfang April mailte mir ein in Berkeley lehrender französischer
Soziologe einen Brief, den er an die »New York Times« geschickt
hatte, in dem er sich über das stereotype Gerede von der
unflexiblen französischen Gesellschaft mokierte. Am Schluss
seiner Mail wünschte er »lots of fun to watch, analyze, and jump
into this Spring in Paris«.
Als ich dann in der französischen Hauptstadt ankomme, hat die
Regierung bereits ihren neoliberalen Ersteinstellungsvertrag (CPE)
ohne Kündigungsschutz zurückgenommen. Alles macht weiter.
Graffiti und Plakate erinnern noch an die Kämpfe der letzten
Monate. Studenten der Universität Jussieu haben das
konstruktivistische Rodchenko-Cover der letzten Franz
Ferdinand-Platte zum Emblem für ihr »Nein zum CPE!« umgestaltet.
In der gut sortierten Buchhandlung, in der sich die
»Kaviarlinke« mit poststrukturalistischem Lesefutter versorgt,
türmen sich die Bücher über die Banlieues-Riots vom November.
Der postkoloniale Zustand ist auch in St. Germain angekommen.
Neben den soziologischen Analysen zur Situation in den Banlieues,
so vertraut mir der zackige Buchhändler an, verkaufen sich auch
die Bücher des Praktikantenkollektivs »Génération précaire«, »Sois
stage et tais-toi!«, und Laurent Willemez' »Le Droit du travail
en danger« wie geschnitten Brot.
Eine Bewusstwerdung des
Problems der Prekarität bahnte sich in Frankreich schon seit
Mitte der 90er Jahre an. Von den damaligen sozialen Kämpfen
blieb im kollektiven (akademischen) Gedächtnis vor allem Pierre
Bourdieus Rede vor den streikenden Arbeitern am Gare de Lyon
haften. Nachdem er in der Folge als einer der Ersten den Begriff
der Prekarität eingeführt hatte, um die wachsende Unsicherheit
der Lebensverhältnisse zu beschreiben, hat inzwischen selbst im
universitären Mainstream eine Debatte über prekäre
Arbeitsverhältnisse stattgefunden. Während in Deutschland in den
letzten Monaten massiv von der diffusen »Generation Praktikum«
gesprochen wurde, ist das Schlagwort und die analytische
Kategorie der Prekarität in Frankreich omnipräsent und nicht nur
den AktivistInnen der Euromaydays (www.euromayday.org) ein
Begriff. Anne und Marine Rambachs 2001 erschienenes Buch über
die »Intéllos précaires« war monatelang ein Bestseller. Die
populärwissenschaftliche, an jedem französischen Bahnhofskiosk
erhältliche Zeitschrift »Sciences Humaines« widmete, kurz vor
den Protesten, im Februar 2006 ihre Ausgabe der »prekären
Gesellschaft« und stellte schon auf dem Cover die Frage, die
alle in letzter Zeit umtreibt: »Sommes-nous tous menacés?«
(»Sind wir alle gefährdet?«)
Der Übergang von der Ausbildung in ein Beschäftigungsverhältnis
ist in Frankreich in der Tat ein Dauerproblem. Die
Jugendarbeitslosigkeit beträgt seit Jahren mehr als 20 Prozent –
und das, obwohl nur ein Drittel der Jugendlichen zwischen 15 und
24 Jahren erwerbstätig ist. 70 Prozent der jungen Franzosen
erreichen das Abitur, und die Hälfte schreibt sich nachher in
eine Hochschule ein. Der Berufseinstieg ist aber sehr
problematisch. Die Prekarität in den ersten Berufsjahren ist in
Frankreich deutlich dramatischer als in Deutschland. Mehr als
zwei Drittel der Arbeitsverträge für BerufseinsteigerInnen sind
zeitlich befristet. In Deutschland ist die Quote der befristeten
Verträge bei jungen Berufstätigen deutlich niedriger: ein
Viertel.
Die so genannte »génération précaire«, die sich im Kampf gegen
den von der Regierung Villepins angekündigten Plan, den
Kündigungsschutz für Berufseinsteiger aufzuheben, formiert hat,
konnte sich auf zahlreiche vergangene Kämpfe stützen. Die
Erwerbslosenbewegungen und die Bewegung der »sans-papiers«, die
nach den großen Streiks vom November/Dezember 1995 nach neuen
Aktionsformen jenseits der Interessenvertretungspolitik der
Gewerkschaften gesucht haben, faszinierten schon Toni Negri, der
sich zu diesem Zeitpunkt noch im Exil in Paris befand.
Er begrüßte die Streiks 1996/97 in einem Interview in der
»Beute« euphorisch und sah im Kampf »eine tiefe Identifikation
des gemeinsamen Interesses zwischen dem metropolitanen
Proletariat, den TeilzeitarbeiterInnen, den prekär Beschäftigten
und den >sans papiers<, die die Prekären und Flexibilisierten
auf internationalem Niveau sind«. Die Widerstandsformen der im
Kultursektor beschäftigten Teilzeitarbeiter bei Theater- und
Musikveranstaltungen (»Intermittants du spectacle«), die sich
gegen die Reform ihrer Arbeitslosenversicherung wehrten und
zahlreiche Festivals im Sommer 2003 lahm legten, sorgten
zusätzlich für Schlagzeilen. Letzten Herbst formierte sich zum
ersten Mal eine Bewegung der PraktikantInnen. So verwundert es
auch nicht, dass an den zahlreichen universitären
Vollversammlungen vor allem auch KulturarbeiterInnen beteiligt
waren, die sich seit den Aktionen vom Juli 2003 immer besser
organisiert haben und inzwischen zu Spezialisten in Sachen
Arbeitsrecht geworden sind. Im Umfeld der Konflikte wurden neue
rahmende Diskurse und neue gemeinsame Positionen entwickelt,
sodass in kohärenter Weise Druck auf die politischen
Entscheidungsträger ausgeübt werden konnte. Die neuen Bündnisse
zwischen unterschiedlich Prekarisierten wollen ihre sozialen
Kämpfe nicht nur auf einen bestimmten Bereich begrenzt wissen.
Die studentischen Streikkoordinationen nannten sich »Nationale
Koordination der Studierenden, jungen Arbeitenden,
Kulturprekären und prekär Beschäftigten«. Die machtpolitische
Strategie der Regierung, die während der Proteste versucht hat,
einen Graben zwischen die Banlieue-Jugendlichen und die
protestierenden Studenten und Gewerkschafter zu legen,
scheiterte. Man hatte sich auf die durch die Medien
hochgepeitschte Berichterstattung über die gewalttätigen »casseurs«
gestützt und andererseits den StudentInnen und GymnasiastInnen
einen Korporatismus vorgeworfen, weil sie das Gesetz, das
angeblich den unterprivilegierten Jugendlichen aus den Banlieues
zugute komme, sabotierten. Diese Taktik des »Teile und herrsche«
hatte aber keinen Erfolg. Denn beide Gruppen verbindet
schließlich die Bedrohung der Prekarität und die totale soziale
Ausgrenzung.
Im Gegensatz zu den Streiks von 1995 gegen Premierminister
Juppés Deregulierungspläne für den öffentlichen Dienst handelte
es sich diesmal nicht um die kollektive Verteidigung eines
kollektiven Guts – die Sozialversicherung –, sondern um die
gemeinsame Verteidigung eines individuellen Rechts, nämlich des
Arbeitsvertrags. Der Arbeitsvertrag als ein Vertrag zwischen
zwei gleichen Partnern ist sukzessive ausgehöhlt worden. Er
wurde zu einem Vertrag, bei dem die Arbeitgeber unter dem
Schlagwort der »Flexibilisierung« die Bedingungen diktieren. Der
Protest gegen den neuen Ersteinstellungsvertrag wurde so zu
einem Protest gegen eine weitere Aushöhlung des Arbeitsrechtes
und fand darum eine so breite Resonanz. Zum ersten Mal hat sich
eine studentische Bewegung gebildet, die nicht bloß gegen eine
Reform der Universität protestierte, sondern die Ankündigung der
befristeten Beschäftigung ohne jeden Kündigungsschutz zum Anlass
nahm, um gegen die Entsicherung des sozialen Lebens generell zu
protestieren. Neu an der breiten Bewegung ist, dass nicht nur
gegen die drohende Verschlechterung der eigenen Arbeits- und
Lebensbedingungen gekämpft wurde, sondern auch gegen die
Prekarisierung der Lebensbedingungen von Einwanderern. In den
letzten Wochen hat sich darum im Kontext der Proteste gegen den
Ersteinstellungsvertrag auch der Widerstand gegen den Entwurf
für eine verschärfte Ausländergesetzgebung artikuliert, den
Innenminister Sarkozy Anfang Mai ins Parlament eingebracht hat.
Entscheidend wird sein, ob die verschiedenen Ausgeschlossenen
und »Überflüssigen«, die sich alle im Feld der Prekarisierung
getroffen haben, die von der Politik und Wirtschaft mantraartig
wiederholten Floskeln von der Eigenverantwortung und
Flexibilität dauerhaft durchbrechen können.