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Debatte und weiterführende Literatur

 

 

 

Peter Scheiffele:

 

 

 

Status Quo Vadis I - Raus aus dem Kulturbetrieb, rein in die Geschichte
Erschienen in der Zeitschrift SPEX Nr.299, Juni

 

 

 

 

 

   
 
       

 

 

 

 

Emporkömmlinge in der Kulturindustrie denken nur an ihre Interessen und sind deshalb von Interesse für den Nachschub. Die Sieger ermuntern die Verlierer zum Weiterträumen. Warum betreibt »DSDS« Aufklärung und SPEX nicht? Peter Scheiffele schüttelt die Schneekugel.

Bertolt Brecht bemerkte einst, dass in der kapitalistischen Gesellschaft, in der das gute Leben weniger durch das schlechte Leben vieler erzeugt wird, die klügsten Köpfe aufgeboten werden müssen, um die allerdümmsten Einrichtungen zu stützen.

Zu reden wäre etwa von Lohnarbeit, Eigentum, Familie, Kirche oder Staat. Heerscharen der Intelligenz sind darum bemüht, in der Vermietung ihres Intellekts die Existenz und Hierarchie dieser Einrichtungen zu rechtfertigen und in der Produktion einer Wahrheit über sie das Zugeständnis der Subalternen vorzubereiten. In alle gesellschaftliche Einrichtungen hinein vollstreckt sich so auch das Gebot der Trennung von Lenkungs- und Ausführungstätigkeiten. Ein Widerspruch hierarchischen Wissens, der sich laut Karl Marx dadurch auszeichnet, dass die Köpfe den Subalternen die Einsicht ins Besondere, die Subalternen den Köpfen die Einsicht ins Allgemeine zutrauen, wodurch beide sich wechselseitig täuschen. Ohne dieses Rad hier weiterdrehen zu können, bleibt zunächst festzuhalten, dass es auf nichts Geringeres ankommt, als diese Form der gesellschaftlichen Arbeitsteilung und die von ihr mitgeprägten Einrichtungen selbst abzuschaffen.

Für die Kulturindustrie gilt dasselbe, da in ihr Kopfarbeiter nicht ausschließlich als Planungsfunktionäre im eigentlichen Sinn auftreten, sondern darüber hinaus zur Ausarbeitung von Konsensmustern der Lebensführung herangezogen werden. Musiker, Models, Regisseure, Sportler und Talkmaster sind, wie Alex Demirovic (SPEX 09/03) zeigen konnte, eine neue Kategorie von Intellektuellen: Promis. Sie sind an der Organisierung der Kultur insofern beteiligt, als sie sich nicht nur über ihre Produkte, sondern vor allem über ihre industriell abgefragten Meinungen zu Sex, Politik, Arbeit und Erfolgsrezepten im öffentlichen Raum einschreiben. Sie kassieren hohe Gehälter und blockieren diesen Raum für andere Meinungen. Leicht zeigen lässt sich das an der letzten »DSDS«-Staffel. Kaum als Superstar ausgerufen, musste Sieger Tobias Regner die Quintessenz seiner »DSDS«-Erfahrung von sich geben: das unbedingte Festhalten an seinen Träumen. Den 15.000 mit ihm angetretenen Promianwärtern – gleichermaßen vom Traum angetrieben – musste das eigentlich wie der letzte Hohn vorkommen. Tat es aber nicht. Dass es statistisch nur wenige schaffen, ist allgemein bekannt. Bei »DSDS« wird dieses Prinzip selbst noch zur Show erklärt. Hier betreibt Kulturindustrie quasi Selbstaufklärung. Dass Tobias »Glück gehabt!« hätte sagen müssen und die Massen »Das hat nichts mit dem Festhalten an Träumen zu tun!« hätten antworten sollen, ist Ausdruck dieser wechselseitigen Täuschung, der Ideologie kulturindustrieller Betriebsamkeit schlechthin. Sie steckt noch in den letzten Nischen der Subkultur.

Verglichen mit der selbstaufklärerischen Tendenz von »DSDS« entpuppt sich ein Magazin wie SPEX als die noch dümmere Einrichtung, einfach weil sie die selektive Rekrutierungslogik ihres Bezugsfelds nicht so offen legt. Den Weg der Ausgeschiedenen zu beleuchten, würde bedeuten, die liegen gebliebenen Unmengen von Demotapes, Schreibversuchen, Praktika oder Filmprojekten herauszustellen und das Glamourversprechen mit der in der Wahrscheinlichkeitsrechnung versteckten Ideologie kurzzuschließen. In jedem Artikel und Interview wird noch der Versuch unternommen, das Besondere eines Kulturschaffenden zu unterstreichen, seinen Titel und seine Stelle auf seinen individuellen Verdienst hin als Promi zu legitimieren. Es wäre aber eine Bühne zu schaffen, die mehr als nur viele aufnimmt und unter der Last aller zerbirst. Das Spotlight, das immer einen Kreis des Dunkeln nach sich zieht, wäre in allgegenwärtiges – und nicht nur allabendliches – Discolight umzuwandeln, bis – um wieder mit dem bärtigen Marx zu kommen – der Mensch sich »um sich selbst und damit um seine wirkliche Sonne bewege«.

Gemeinsam ist den 15.000 Ausgeschiedenen von »DSDS« und dem Morast der Liegengebliebenen des SPEX-Umfelds der eigentlich subversive Affekt zur kreativen Tätigkeit: Schreiben, Musik machen, Grafiken erstellen, Kunst, Film und Fernsehen; das alles klingt so gar nicht nach Maloche und stumpfsinniger Betriebsamkeit. Doch anstatt den Anspruch auf sinnvolle Betätigung für alle und die Ablehnung von drögen Lohnarbeitsverhältnissen, die sich darin andeutet, kurzzuschließen und auf einem breiten Feld gesellschaftlicher Kämpfe auszutragen bzw. weiter zu entfalten, wird die Kulturindustrie, aus der diese Anrufung stammt, gleichzeitig als einziger Realisator dieses Bestrebens anvisiert. Johnny Cash sang: »I never picked cotton/like my mother did and my brother did/and my sister did/and my daddy died young/working in a coal mine« (ursprünglich von Charles Williams und Bobby George). Der kulturindustriellen Einbindung und individualistischen Aufladung aber gilt es zu widerstehen. Stattdessen sollte man den in diesen Zeilen steckenden Impuls, den Hass auf Lohnarbeit und fremdbestimmte Produktionsverhältnisse, retten und verallgemeinern – vom Cash im Song für alle, zum Song in Cash von allen.

Das Versprechen auf schnellen Erfolg oder Anerkennung glamourösen Arbeitens überdeckt bisweilen die Notwendigkeit, umfassende Taktiken kollektiver Gegenkultur zu entwickeln –oder die Erfahrung, sich als statistisches Schicksal zu begreifen, selbst zum Politikum zu erheben. Das ist in der auf Individualität verpflichteten Kulturindustrie nicht zu haben. Mehr noch: Über die Rekrutierung selbst werden erst brave Staatsbürger herangezüchtet, ganz so, wie es schon Max Weber im Disziplinargebilde des Arbeitergesangvereins angelegt sieht und wie es als kulturindustriell strukturierendes Moment insbesondere kritischer Stimmen unterstellt werden kann: »Ein Mensch, der täglich gewohnt ist, gewaltige Empfindungen aus seiner Brust durch seinen Kehlkopf herausströmen zu lassen, ohne irgendeine Beziehung zu seinem Handeln, ohne dass also die adäquate Abreaktion dieses ausgedrückten mächtigen Gefühls in entsprechend mächtigen Handlungen erfolgt – und das ist ein Wesen der Gesangvereinskunst -– das wird ein >guter Staatsbürger< im passiven Sinne des Wortes. Es ist kein Wunder, dass die Monarchen eine so große Vorliebe für derartige Veranstaltungen haben. >Wo man singt, da lass dich ruhig nieder.< Große, starke Leidenschaften und starkes Handeln fehlen da.«

Bisweilen lockt der Kulturbetrieb mit dem Versprechen, dass in ihm noch Plätze frei sind, dass in ihm selbst kritisches Engagement sich mäßig entwickeln oder überwintern kann und Arbeit, Interesse und Verdienst eine Gemengelage des vermeintlich besseren Lebens bilden, eines Lebens des »Immer-noch-besser-als«. Wie stark diese Kräfte sind, zeigt sich an der Unmenge von Leuten, die in der Kulturindustrie tätig werden wollen, und das, ohne entsprechend entlohnt zu werden – die für fünf arbeiten und Prekarisierung genauso hinnehmen, wie sie die enorme Demütigung und Entwertung ihrer Bildung und des kritischen Denkens beim Rekrutierungsprozess in Kauf nehmen. Hier wuchert das regressive Strebertum unter den Emporkömmlingen: nicht die Entwicklung zu einer egalitär kulturellen Gattung, sondern die individuelle Verwertung ihrer geistigen Güter ist deren erste Sorge. Gegen das Gesetz der Großen Zahl lässt sich aber nicht anrennen, und das Hoffen darauf, dass das derzeit missgünstige Leben und Arbeiten als Passagenmilieu zu einem besseren Leben und Arbeiten sich bewahrheitet, der Mühe also ein verspäteter Lohn folgen werde, traf schon kaum für Generationen vor uns zu. Das gilt für uns heute noch weniger. Vielmehr wäre an Bewegungen anzuschließen, die ihren Wunsch zum kulturellen Ausdruck, zu anderen Formen von Sexualität und Kollektivität mit Formen des »außerkulturindustriellen« Widerstands gegen entfremdete Arbeit verbinden. Wieder einmal wäre beispielgebend von der Singing-Union, den Wobblies (SPEX 04/05), zu berichten. Proletarische LiedermacherInnen, MigrantInnen und ungelernte ArbeiterInnen skandierten um 1910 in den USA gemeinsam: »>Oh why don't you work like other folks do?< How can I get a job when you're holding down two? Hallelujah! I'm a bum, Hallelujah bum again/Hallelujah! Give us a handout and revive us again.«

Der Text wurde erstmalig auf der Veranstaltung »Making Of – Prekarisierung« im April in Köln vorgetragen. 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Bernd Kittlaus

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Erstellt: 08. Oktober 2006
Update: 08. Oktober 2006

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