Emporkömmlinge in der Kulturindustrie denken nur an ihre
Interessen und sind deshalb von Interesse für den Nachschub. Die
Sieger ermuntern die Verlierer zum Weiterträumen. Warum betreibt
»DSDS« Aufklärung und SPEX nicht? Peter Scheiffele schüttelt die
Schneekugel.
Bertolt Brecht bemerkte einst, dass in der kapitalistischen
Gesellschaft, in der das gute Leben weniger durch das schlechte
Leben vieler erzeugt wird, die klügsten Köpfe aufgeboten werden
müssen, um die allerdümmsten Einrichtungen zu stützen.
Zu reden wäre etwa von Lohnarbeit, Eigentum, Familie, Kirche
oder Staat. Heerscharen der Intelligenz sind darum bemüht, in
der Vermietung ihres Intellekts die Existenz und Hierarchie
dieser Einrichtungen zu rechtfertigen und in der Produktion
einer Wahrheit über sie das Zugeständnis der Subalternen
vorzubereiten. In alle gesellschaftliche Einrichtungen hinein
vollstreckt sich so auch das Gebot der Trennung von Lenkungs-
und Ausführungstätigkeiten. Ein Widerspruch hierarchischen
Wissens, der sich laut Karl Marx dadurch auszeichnet, dass die
Köpfe den Subalternen die Einsicht ins Besondere, die
Subalternen den Köpfen die Einsicht ins Allgemeine zutrauen,
wodurch beide sich wechselseitig täuschen. Ohne dieses Rad hier
weiterdrehen zu können, bleibt zunächst festzuhalten, dass es
auf nichts Geringeres ankommt, als diese Form der
gesellschaftlichen Arbeitsteilung und die von ihr mitgeprägten
Einrichtungen selbst abzuschaffen.
Für die Kulturindustrie gilt dasselbe, da in ihr Kopfarbeiter
nicht ausschließlich als Planungsfunktionäre im eigentlichen
Sinn auftreten, sondern darüber hinaus zur Ausarbeitung von
Konsensmustern der Lebensführung herangezogen werden. Musiker,
Models, Regisseure, Sportler und Talkmaster sind, wie Alex
Demirovic (SPEX 09/03) zeigen konnte, eine neue Kategorie von
Intellektuellen: Promis. Sie sind an der Organisierung der
Kultur insofern beteiligt, als sie sich nicht nur über ihre
Produkte, sondern vor allem über ihre industriell abgefragten
Meinungen zu Sex, Politik, Arbeit und Erfolgsrezepten im
öffentlichen Raum einschreiben. Sie kassieren hohe Gehälter und
blockieren diesen Raum für andere Meinungen. Leicht zeigen lässt
sich das an der letzten »DSDS«-Staffel. Kaum als Superstar
ausgerufen, musste Sieger Tobias Regner die Quintessenz seiner »DSDS«-Erfahrung
von sich geben: das unbedingte Festhalten an seinen Träumen. Den
15.000 mit ihm angetretenen Promianwärtern – gleichermaßen vom
Traum angetrieben – musste das eigentlich wie der letzte Hohn
vorkommen. Tat es aber nicht. Dass es statistisch nur wenige
schaffen, ist allgemein bekannt. Bei »DSDS« wird dieses Prinzip
selbst noch zur Show erklärt. Hier betreibt Kulturindustrie
quasi Selbstaufklärung. Dass Tobias »Glück gehabt!« hätte sagen
müssen und die Massen »Das hat nichts mit dem Festhalten an
Träumen zu tun!« hätten antworten sollen, ist Ausdruck dieser
wechselseitigen Täuschung, der Ideologie kulturindustrieller
Betriebsamkeit schlechthin. Sie steckt noch in den letzten
Nischen der Subkultur.
Verglichen mit der selbstaufklärerischen Tendenz von »DSDS«
entpuppt sich ein Magazin wie SPEX als die noch dümmere
Einrichtung, einfach weil sie die selektive Rekrutierungslogik
ihres Bezugsfelds nicht so offen legt. Den Weg der
Ausgeschiedenen zu beleuchten, würde bedeuten, die liegen
gebliebenen Unmengen von Demotapes, Schreibversuchen, Praktika
oder Filmprojekten herauszustellen und das Glamourversprechen
mit der in der Wahrscheinlichkeitsrechnung versteckten Ideologie
kurzzuschließen. In jedem Artikel und Interview wird noch der
Versuch unternommen, das Besondere eines Kulturschaffenden zu
unterstreichen, seinen Titel und seine Stelle auf seinen
individuellen Verdienst hin als Promi zu legitimieren. Es wäre
aber eine Bühne zu schaffen, die mehr als nur viele aufnimmt und
unter der Last aller zerbirst. Das Spotlight, das immer einen
Kreis des Dunkeln nach sich zieht, wäre in allgegenwärtiges –
und nicht nur allabendliches – Discolight umzuwandeln, bis – um
wieder mit dem bärtigen Marx zu kommen – der Mensch sich »um
sich selbst und damit um seine wirkliche Sonne bewege«.
Gemeinsam ist den 15.000 Ausgeschiedenen von »DSDS« und dem
Morast der Liegengebliebenen des SPEX-Umfelds der eigentlich
subversive Affekt zur kreativen Tätigkeit: Schreiben, Musik
machen, Grafiken erstellen, Kunst, Film und Fernsehen; das alles
klingt so gar nicht nach Maloche und stumpfsinniger
Betriebsamkeit. Doch anstatt den Anspruch auf sinnvolle
Betätigung für alle und die Ablehnung von drögen
Lohnarbeitsverhältnissen, die sich darin andeutet,
kurzzuschließen und auf einem breiten Feld gesellschaftlicher
Kämpfe auszutragen bzw. weiter zu entfalten, wird die
Kulturindustrie, aus der diese Anrufung stammt, gleichzeitig als
einziger Realisator dieses Bestrebens anvisiert. Johnny Cash
sang: »I never picked cotton/like my mother did and my brother
did/and my sister did/and my daddy died young/working in a coal
mine« (ursprünglich von Charles Williams und Bobby George). Der
kulturindustriellen Einbindung und individualistischen Aufladung
aber gilt es zu widerstehen. Stattdessen sollte man den in
diesen Zeilen steckenden Impuls, den Hass auf Lohnarbeit und
fremdbestimmte Produktionsverhältnisse, retten und
verallgemeinern – vom Cash im Song für alle, zum Song in Cash
von allen.
Das Versprechen auf schnellen Erfolg oder Anerkennung
glamourösen Arbeitens überdeckt bisweilen die Notwendigkeit,
umfassende Taktiken kollektiver Gegenkultur zu entwickeln –oder
die Erfahrung, sich als statistisches Schicksal zu begreifen,
selbst zum Politikum zu erheben. Das ist in der auf
Individualität verpflichteten Kulturindustrie nicht zu haben.
Mehr noch: Über die Rekrutierung selbst werden erst brave
Staatsbürger herangezüchtet, ganz so, wie es schon Max Weber im
Disziplinargebilde des Arbeitergesangvereins angelegt sieht und
wie es als kulturindustriell strukturierendes Moment
insbesondere kritischer Stimmen unterstellt werden kann: »Ein
Mensch, der täglich gewohnt ist, gewaltige Empfindungen aus
seiner Brust durch seinen Kehlkopf herausströmen zu lassen, ohne
irgendeine Beziehung zu seinem Handeln, ohne dass also die
adäquate Abreaktion dieses ausgedrückten mächtigen Gefühls in
entsprechend mächtigen Handlungen erfolgt – und das ist ein
Wesen der Gesangvereinskunst -– das wird ein >guter
Staatsbürger< im passiven Sinne des Wortes. Es ist kein Wunder,
dass die Monarchen eine so große Vorliebe für derartige
Veranstaltungen haben. >Wo man singt, da lass dich ruhig
nieder.< Große, starke Leidenschaften und starkes Handeln fehlen
da.«
Bisweilen lockt der Kulturbetrieb mit dem Versprechen, dass in
ihm noch Plätze frei sind, dass in ihm selbst kritisches
Engagement sich mäßig entwickeln oder überwintern kann und
Arbeit, Interesse und Verdienst eine Gemengelage des
vermeintlich besseren Lebens bilden, eines Lebens des »Immer-noch-besser-als«.
Wie stark diese Kräfte sind, zeigt sich an der Unmenge von
Leuten, die in der Kulturindustrie tätig werden wollen, und das,
ohne entsprechend entlohnt zu werden – die für fünf arbeiten und
Prekarisierung genauso hinnehmen, wie sie die enorme Demütigung
und Entwertung ihrer Bildung und des kritischen Denkens beim
Rekrutierungsprozess in Kauf nehmen. Hier wuchert das regressive
Strebertum unter den Emporkömmlingen: nicht die Entwicklung zu
einer egalitär kulturellen Gattung, sondern die individuelle
Verwertung ihrer geistigen Güter ist deren erste Sorge. Gegen
das Gesetz der Großen Zahl lässt sich aber nicht anrennen, und
das Hoffen darauf, dass das derzeit missgünstige Leben und
Arbeiten als Passagenmilieu zu einem besseren Leben und Arbeiten
sich bewahrheitet, der Mühe also ein verspäteter Lohn folgen
werde, traf schon kaum für Generationen vor uns zu. Das gilt für
uns heute noch weniger. Vielmehr wäre an Bewegungen
anzuschließen, die ihren Wunsch zum kulturellen Ausdruck, zu
anderen Formen von Sexualität und Kollektivität mit Formen des
»außerkulturindustriellen« Widerstands gegen entfremdete Arbeit
verbinden. Wieder einmal wäre beispielgebend von der
Singing-Union, den Wobblies (SPEX 04/05), zu berichten.
Proletarische LiedermacherInnen, MigrantInnen und ungelernte
ArbeiterInnen skandierten um 1910 in den USA gemeinsam: »>Oh why
don't you work like other folks do?< How can I get a job when
you're holding down two? Hallelujah! I'm a bum, Hallelujah bum
again/Hallelujah! Give us a handout and revive us again.«
Der Text wurde erstmalig auf der Veranstaltung »Making Of –
Prekarisierung« im April in Köln vorgetragen.