"Wer
»Pop« sagt, muss auch »Sexbeat« sagen. Und mitreden
kann nur, wer es gelesen hat. »Sexbeat« – das erste
Buch von Diedrich Diederichsen erschien 1985 und
erzählt von der Zeit seit 1972, von Hipness und der
Welt der Spießer, vom postmodernen Aufwachsen, von
einer Generation, die sich scheinbar endgültig vom
Fortschritt verabschiedet hat. »Sexbeat« entstand
zwischen Zeiten und Zuständen, Jobs und
Weltanschauungen, zwischen der Musik von Roxy Music,
Heaven 17 und ABC. Diedrich Diederichsen berichtet
von seiner Jugend, von der ersten Gegenkultur, die
sich gegenüber einer alten linken Boheme behaupten
musste. Niemand glaubte mehr an natürlichen
Ausdruck, stattdessen an Strategie und Subversion.
Als auch das schal wurde, ging es plötzlich doch
weiter. Die Leute blieben länger auf, nahmen noch
mehr Drogen, hörten noch lautere Musik.
Neuausgabe mit einem aktuellen Vorwort von Diedrich
Diederichsen"
Zitate:
The Privileged
Poor
"Nirgendwo so sehr wie in New York wird einem klar,
was das hervorstechendste Merkmal der Einwohner
Bohemias ist: Sie sind arm.
(...).
Andererseits sind auch diese Leute auf etwas stolz.
Und darauf muß man erst mal kommen. Auf was
eigentlich? Nun, sie sind wie überall in der Welt
Angehörige eines in sich ungemein filigran
organisierten kleinen Hip-Systems mit Aufstiegs- und
Abstiegschancen. Und hin und wieder erbarmt sich ja
der Dollar ihrer und holt sich Madonna oder Julian
Schnabel und überschüttet sie für eine oder mehrere
Saisons mit einigen Millionen. (...). Im Gegensatz
zu allen anderen Armen sind sie informiert. (...).
Das heißt, sie wissen, und sie gehören zur Klasse
der Ausgebeuteten. Potentiell stellen sie damit ein
ungeheuer gefährliches Potential von intelligenten,
avantgardistischen, entschlossenen
Lumpenproletariern dar.
Nur lassen die natürlich zunächst mal niemanden an
die ausbeutbare Arbeitskraft heran, im Gegenteil,
sie stellen ihre Armut als
existentialistisch-gewähltes Aufbegehren gegen die
mit schnödem Geld belohnte Bereitschaft zur
Ausbeutung, und dies ist natürlich ganz im Sinne des
(...) Systems, denn würden sei mit all ihren
Informationen sich in die Situation schöner, echter
Ausbeutung begeben und ihre Ideale an Arbeit ohne
Fluchtmöglichkeit und ohne
Rechtfertigungsmöglichkeit in künstlerischer und
politischer Hinsicht treiben lassen, würde wirklich
etwas entstehen, was mancher Leninist am Horizont
gesehen haben mag, als er von den Unmengen
arbeitsloser Akademiker die ersten,
vielversprechenden Berichte hörte. Und dann würde
diese Klasse entstehen, die mein
Lieblingstheoretiker (...) euphemistisch The
Privileged Poor nennt". (S.60ff.)
Glückliche
Arbeitssklaven
"Wie wir gesehen haben, hat Bohemia ein kleines,
scheinbar sinnvolles Pöstchen für jeden, der zur
Selbstausbeutung als Kellner, Schallplattenverkäufer
und New-Wave-Boutiquen-Aushilfe bereit ist. Wer
einen solchen Job annimmt, tut das ja im Glauben,
nichts Unentfremdetes zu tun. In seinem Bewußtsein
findet keine Kollision statt, er muß über keinerlei
Widersprüche nachdenken. Das Verschwinden
marxistischer Kategorien aus allen Bewußtseinen hat
dazu geführt, daß der Begriff Alternativkapitalismus
oder der der Selbstausbeutung unpopulär und
unbekannt geblieben ist. Diese glücklichen
Arbeitssklaven und -idioten sehen keine Widersprüche
und denken daher auch nicht. Individuieren statt
dessen hinter der Kasse der Boutique der besten
Freundin." (S.83f.)