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Diedrich Diederichsen: Bohemian Rhapsody

 
       
     
       
     
       
   

Diedrich Diederichsen in seiner eigenen Schreibe

 
   
  • DIEDERICHSEN, Diedrich (1983): Ach, das ist alles verdammt männlich.
    Diedrich Diederichsen über den Erfolgs-Lyriker Wolf Wondratschek,
    in: Spiegel Nr.47 v. 21.11.
    • Inhalt:
      DIEDERICHSEN über den Wandel der Rockpoesie bei den neuen Neo-Machos:

                  "Die von Wondratschek so hartnäckig und seit Jahren beklagte Tatsache, daß die Frauen die Männer nicht ranlassen und daß die Männer darob einsam, traurig und versoffen werden, präsentiert er neuerdings nicht mehr vor der Kulisse notorischer Schwabinger Amerikanophilie. Ein neuer Geist weht nämlich unter den vierzigjährigen Rock-Poeten. Fauser, ein anderer von ihnen, beruft sich neuerdings auf Gottfried Benn, und Wondratschek flüchtet zur klassischen Form des Sonetts (...).
                  Und überall kann man jetzt das Botho-Strauß-Syndrom beobachten.
                  (...).
      Neben mir sitzt während der Lesung ein dicker Mann mit schlechter Haut. Er ist besonders begeistert, wenn der Dichte ein ums andere Mal die Kälte der Frauen beklagt, von der unerreichbaren Carmen schwärmt und über intellektuelle Frauen unflätiges Zeug verbreitet (»Dem Verstand hörig wie andere ihrem Kerl«). Er nickt, wenn Wondratschek den Gegensatz Carmen/Frauenbewegung konstruiert. Dabei konnte man erst zwei Tage vorher im »Heute-Journal« Carmen-begeisterte Frauen sehen, die auf so rührende, traurige Art allen Klischees entsprachen, die über die Frauenbewegung im Umlauf sind, als seien sie von Franziska Becker gezeichnet worden."
  • DIEDERICHSEN, Diedrich (1993): Gefühlte Paprika.
    Die politische Subjektivität der Boheme,
    in: Texte zur Kunst, September 1993
  • DIEDERICHSEN, Diedrich (1993): Der grüne Frack.
    Wo und wie die Künstler leben und was in ihren Vierteln passiert,
    in: Texte zur Kunst, November 1994
  • DIEDERICHSEN, Diedrich (2000): Individualistenpack!
    Sexualneid, Männerfantasien und viel Misogynie treiben die Berlinale voran,
    in: TAZ Berlin v. 15.02.
  • DIEDERICHSEN, Diedrich (2000): Vierzig verweht.
    Wie jung sind Merz, Merkel, Wulff?,
    in: Süddeutsche Zeitung v. 16.03.
  • DIEDERICHSEN, Diedrich (2000): Die License zur Nullposition,
    in:
    TAZ v. 07.08.
  • DIEDERICHSEN, Diedrich (2000): Du darfst auch Dünkel zu mir sagen.
    Über die kuschelweichen Standortfaktoren der neuen alten Hauptstadt Berlin,
    in: Theater Heute, Jahrbuch 2000
  • DIEDERICHSEN, Diedrich (2000): Die Leude woll'n, daß was passiert.
    Wege aus der Ironiefalle: Für eine Wiedergeburt des Politischen aus dem Ungeist der Freizeitkultur,
    in: Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 13.10.
  • DIEDERICHSEN, Diedrich (2000): Kritik? Konsequenzen!
    Lange waren Linke und Hipster nicht mehr so weit voneinander entfernt wie heute. Während die Gründung von Unternehmen mit Glamour aufgeladen wird, bezieht die bürgerliche Presse antikapitalistische Positionen,
    in: Jungle World Nr.50 v. 06.12.
  • DIEDERICHSEN, Diedrich (2001): Luhmann mit langem U.
    Besser als die rollende Möllewelle sind die empirischen 68er, die noch wissen, dass Politik mit Inhalten zu tun hat, allemal: die elastischen Netze der Systemtheorie halten sie cool,
    in: Frankfurter Rundschau v. 17.01.
  • DIEDERICHSEN, Diedrich (2001): Der Reisebürosonderzug.
    Teil 6 der Serie "Das war die BRD",
    in: Süddeutsche Zeitung v. 25.01.
  • DIEDERICHSEN, Diedrich (2001): Die Gegengegenkultur.
    68 war Revolte, 77 war Punk - warum nur 68 zum Mythos wurde,
    in: Süddeutsche Zeitung v. 24.02.
  • DIEDERICHSEN, Diedrich (2001): Die Stunde der reinen Erfindung.
    Wie Michael Jackson sich in seinen Rollenspielen verliert - und dabei den Pop verrät,
    in: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung v. 30.09.
  • DIEDERICHSEN, Diedrich (2001): Das WTC hat es gegeben.
    Der 11. September war das überfällige Ende der seit zwei Jahrzehnten kursierenden Überzeugung, dass "die Medien" eine einzige andere und geschlossene Welt wären. Mit dem beliebten Baudrillardismus müsste man jetzt endlich aufhören können,
    in: TAZ v. 06.10.
  • DIEDERICHSEN, Diedrich (2001): Die Rückkehr der Nostalgiemaschine.
    In der Fashionwelt finden sich zahlreiche Zitate aus New Romantics, einer Jugendbewegung der achtziger Jahre. Doch Inhalte spielten damals keine Rolle. Das ist heute wieder so
    in: Die ZEIT Nr.44 v. 25.10.
  • DIEDERICHSEN, Diedrich (2001): Adornos Taschentuch.
    Möglichkeiten und Strategien des Nonkonformismus,
    in: Jungle World Nr.52/01 v. 19.12.
    • Kommentar:
      Was Theodor W. ADORNO,
      "Ally McBeal" und "Seinfeld" miteinander zu tun haben, das erzählt der Pop-Theoretiker DIEDERICHSEN in seinem modernen Weihnachtsmärchen mit Überlänge...
  • DIEDERICHSEN, Diedrich (2002): Mein Diskurs ist besser als deiner.
    Denn sie wissen, dass sie DAS nicht leben wollen: Repräsentationskritik regiert auf dem Theater des René Pollesch. In seinen Stücken schaut sich immer wieder eine Bande von minoritären Peers gegenseitig beim begrifflichen Sichdurchschlagen zu,
    in: TAZ v. 06.03.
  • DIEDERICHSEN, Diedrich (2002): Ein Alien für alle.
    Nach zwanzig Jahren kommt Steven Spielbergs "E.T." wieder ins Kino. Der nette Außerirdische hat die amerikanische Kulturpsychologie geprägt und wirkt bis in heutige Zuwanderungsdebatten fort,
    in:
    Die ZEIT Nr.14 v. 27.03.
    • Kommentar:
      Der Poptheoretiker DIEDERICHSEN hat ein Herz für den außerirdischen Sozialarbeiter E.T. und die vaterlose Kleinfamilie:
                  "Konkret wird E.T. nur in einem Punkt: nämlich bei der Bestimmung der näheren Umstände seines Willkommenseins. Er ist nicht einfach auf diesem Planeten willkommen: Im Gegenteil, Militärs und andere Autoritäten wollen ihm ja an den langen, dünnen Kragen. Nein, willkommen ist er in der Familie, in der vaterlosen Kleinfamilie. Hier fehlt einer, der der überforderten Mutter zur Hand geht, vor allem bei der emotionalen Betreuung ihrer Brut. So wie die Deutschen Inder brauchen, weil sie sich mit abstrakten Computern nicht auskennen, brauchten die Amerikaner damals ganz bestimmte Aliens, Emo-Spezialisten, die die konkreten Defizite der All-American-Kleinfamilie kompensieren würden.
      Diese Defizite sind nicht irgendwelche, sondern historisch konkrete. Drew Barrymore, später soziopathisches Drogenopfer und noch später wieder Superstar, spricht es mit der beschädigten Niedlichkeit des jüngsten Opfers aus: Unser Papa ist in Mexiko. Der Ort, in den sich Joe flüchtet mit einer Gun in seiner Hand, in dem Beatniks seit den Fünfzigern und Gangster seit dem 19. Jahrhundert vor den USA in ihre zweifelhafte Selbstverwirklichung abhauen. 20 Jahre vor
      Houellebecq, der dafür die 68er-Frauen verantwortlich machen wird, sind es bei Spielberg noch die Männer, die aus egoistischen Gründen unverantwortlich Löcher in das emotionale Netz reißen - und für die jetzt Facharbeiter aus den Tiefen des Weltraums einspringen müssen."

                  Das Buch zum Thema Flucht der Männer aus der Verantwortung hat Barbara EHRENREICH 1983 geschrieben: "The Hearts of Men. American Dreams and the Flight from Commitment" (deutsch: "Die Herzen der Männer. Auf der Suche nach einer neuen Rolle", Rowohlt 1984)
  • DIEDERICHSEN, Diedrich (2002): Ohne Fallhöhe.
    Vernutzt sind nicht die Gegenstände, sondern das Prinzip: Subkulturen zwischen Ästhetik und Politik,
    in: Frankfurter Rundschau v. 27.04.
    • Kommentar:
      Am 15. April meldete die TAZ, dass DIEDERICHSEN in den Fachbeirat der Bundeskulturstiftung berufen worden ist.
                  Im FR-Essay behandelt der Pop-Papst nun, welchen Stellenwert er den einzelnen popkulturellen Szenen einräumen möchte. Dazu erklärt er zuerst einmal die Debatte um die Popkultur für beendet:
                  "Das Wort 'Spaßgesellschaft' und letztes Jahr dessen vermeintliches Ende entlasteten den Pop-Begriff. Dann sackte das Thema in sich zusammen: Seine Unterdebatten wie Pop-Literatur, Pop-Theater, Pop-Art ächzten noch einmal unter dem Stapel von Zeitungsausschnitten, dann gaben sie den Plastiklöffel ab."
                  Danach tut er jedoch alles, um die Popkultur-Debatte neu zu entfachen, indem er seine Position in der angeblich beendeten Debatte vorstellt. Es soll fortan nicht mehr um den Gegensatz von Hoch- und Massenkultur gehen, sondern um die pluralen "Elitenkulturen" innerhalb der Massenkultur, die er als "Nichthochundauchnichtmassenkulturell" bezeichnet!
                  DIEDERICHSEN formuliert dies im elaborierten Code der Verfechter einer "neuen Hochkultur", an die sich sein Vortrag wohl in erster Linie richten soll. Aus der Perspektive einer Bundeskulturstiftung macht der Text Sinn.
                  Es geht um die Anschlussfähigkeit der - in Form von Gemeinden organisierten - Popkultur an eine zentralistische Pop-Politik, die DIEDERICHSEN in der gegenwärtigen Organisationsform der abgeschotteten Szenen nicht als gegeben sieht, denn diese "neuen nichtelitären Eliten der Subkulturen" gebärden sich wie die alten Eliten, nur dass sich ihr Einfluss nicht über die gesamte Massenkultur erstreckt, sondern auf massenkulturelle Teilkulturen beschränkt bleibt.
                  Der englische Soziologe Nicolas ROSE hat die Problemstellung von DIEDERICHSEN als "Regieren durch Community" beschrieben. Nur ging es ihm nicht um Pop-Politik, sondern um Sozialpolitik. Aber vielleicht ist Pop-Politik nur eine neue Form der Sozialpolitik...
  • DIEDERICHSEN, Diedrich (2002): Ich bin viele.
    Was sich jetzt in der Modebranche durchsetzt, wird in der Musikszene schon lange praktiziert: Das Spiel mit wechselnden Identitäten. Eine kleine Kulturgeschichte der pseudonymen Künstler,
    in: Die ZEIT Nr.38 v. 12.09.
    • Inhalt:
      DIEDERICHSEN vertritt u.a. die These, dass die "allein im Jugendzimmer sich vor sich hinentfaltende Monade (...) erst im digitalen Zeitalter als Nerd möglich" wurde.
  • DIEDERICHSEN, Diedrich (2002): Das Leben als After Work Party.
    Arbeitsplätze sind zentral? Quatsch. Dass Arbeit das Land regieren soll, will nur die PDS. Alle anderen wollen schön leben - von den Kreativen bis hin zu Attac. Gesellschaftskritik entzündet sich an der Unmöglichkeit anständiger Arbeitslosigkeit,
    in: TAZ v. 18.09.
    • Inhalt:
      DIEDERICHSEN sieht in den Glücklichen Arbeitslosen die Avantgarde der neosituationistischen Milieus:

                  "Die im Situationismus immer wieder versuchte Synthese marxistischer mit kreativistischen und existenzialistischen Elementen (...) gewann an Popularität und Selbstverständlichkeit, als die Linke begann, sich von der heiligen Kuh Arbeit zu verabschieden. In den neosituationistischen Milieus entstanden Bewegungen, deren prominenteste sicher die Glücklichen Arbeitslosen in Berlin mit den aus Jungle World und FAZ bekannten Essays ihres Theoretikers Guillaume Paoli sind, die die Arbeit aus dem Katalog der Utopien strichen: Arbeitslosigkeit galt nicht mehr als Problem, sondern als Errungenschaft des Techno-Turbo-Kapitalismus. Zu kritisieren blieb, dass die Arbeitslosen weiterhin für ihre avantgardistische Lebensform bestraft oder bestenfalls therapiert wurden, statt ihnen zu danken.
      Wenn die Arbeit abgeschafft ist, rückt das Leben in den Mittelpunkt".
  • DIEDERICHSEN, Diedrich (2002): Lange her.
    Diedrich Diederichsen über das Comeback der Fehlfarben,
    in: Tagesspiegel v. 04.11.
    • Inhalt:
      Diedrich DIEDERICHSEN widerspricht Thomas Groß (TAZ vom 19.10.2002), der den Fehlfarben Geschichtsblindheit vorgeworfen hatte. Für DIEDERICHSEN waren die Fehlfarben noch nie eine Band auf der Höhe der Zeit:

                  "Sie haben schon 1980 Rückschau gehalten, ihr Grundton war immer schon ein verklingender, ihr Gemüt vom Grau des Schleiers verdunkelt, der immer schon über der Stadt liegt. Die Fehlfarbe war nicht die seltene, fehlende Farbe einer Reihe, sondern anders als bei der Zigarre das Fehlen jeglicher Farbe. Diese Stimmung wird aber nicht formuliert aus der brennenden Langeweile einer Jugend, die noch auf neues Ding und Jugendbewegung wartet, sondern damals schon aus der präpotenten Sicherheit heraus, dass man das Beste allemal hinter sich hat."
  • DIEDERICHSEN, Diedrich (2003): Alien, übernehmen Sie.
    Den vom Reformstau frustrierten Subjekten verheißt die neueste Außerirdischenvariante namens Raelianer, dass der Fortschritt machbar ist,
    in: Jungle World Nr.6 v. 29.01.
    • Inhalt:
      Diedrich DIEDERICHSEN stellt u.a. den Sektenführer Chris KORDA als Gegenspieler christlicher Familienfundamentalisten vor:

                  "Sex ohne Fortpflanzung ist nach Kordas Logik nicht schön, weil Sex schön, sondern weil Fortpflanzung böse ist."
  • DIEDERICHSEN, Diedrich (2003): Pop ist ein Absturz.
    Teddy, der Inkommensurable (3): Theodor W. Adorno verachtete Jazz und Popular Music. Dennoch nahm er als Musiksoziologe die Themen aktueller Poptheorie vorweg. Aus zutreffenden Beschreibungen leitete er allerdings fragwürdige Bewertungen ab,
    in: TAZ v. 11.03.
    • Kommentar:
      Im Gegensatz zu Stephan WACKWITZ verbindet DIEDERICHSEN keine pubertäre Erfahrung mit der Lektüre von ADORNO, sondern beschäftigt sich einerseits mit der aggressiven Abneigung ADORNOs gegen Jazz und andererseits mit dessen Vorwegnahme aktueller Poptheorie.

                  Für den Pop-Fan ist jedoch etwas anderes interessanter:
                  "In den 50er- und 60er-Jahren waren natürlich die deutschen Anhänger kritischer Theorie oft Jazzfans, und Mitstreiter der Kritischen Theorie wie Herbert Marcuse begeisterten sich, in den USA lebend, während der 60er für den ganzen Komplex aus afroamerikanischer und jugendkultureller Musik als Soundtrack der Befreiung. Man hört auch von Generationen begeisterter junger kritischer Theoretiker, die immer neue Jazz-Entwicklungen und schließlich sogar Hendrix-Platten in der Absicht, den Chef umzustimmen, vergeblich in die Sprechstunde geschleppt haben sollen.
                  Aber ich denke, dass der reale musikalische Referent der Jazztheorie eh nicht der Punkt ist: Adorno hatte ein ganz anderes Ideal einer Musik als utopisches Potenzial. Anders als der Popfan, der seine Ergriffenheit und das daraus abgeleitete ganz Andere in letzter Instanz mit der kontingenten Tatsache begründen musste, dass man nun mal Fan ist (in der Kindheit, Jugend, Sowieso-Krise plötzlich und unerwartet von genau dieser und genau keiner anderen Musik ergriffen wurde), wollte Adorno noch mit einer Objektivität musikalischen Gehalts argumentieren (...).
      Deswegen ahnte er aber auch so genau, dass man den neuen populären Musiken nur beikommt, wenn man sie bei dem (...) Anspruch packt, der sie in Konkurrenz zu seinem eigenen Modell setzt. (...). Deswegen tappte er nicht in die nahe liegende Falle, der Popmusik einfach nur unterkomplexe Kompositionen vorzuhalten, sondern bemühte sich gleich, die Sozialcharaktere fertig zu machen. Anders als die meisten Freunde und Feinde der Popmusik ahnt Adorno schon sehr früh, dass Popmusik ein ganz anderes System ist als Musik".

                  Nebenbei bemerkt hat DIEDERICHSEN zwei Tage zuvor im Tagesspiegel die Pop-Position der TAZ kritisiert:
                  "sogar die »taz« macht sich, vor allem durch ihren Schlagertheoretiker Feddersen, programmatisch stark für den Grand Prix und unterstützte eine eigene Kandidatin. Wenn das nur eine PR-Aktion gewesen wäre, wäre es mir egal gewesen, aber leider gab es auch Grundsatzdebatten, die sich von der linken, Subkultur-geleiteten Pop-Hegemonie verabschieden wollen, zugunsten des geilen europäischen Massenpublikums. Das Argument war so schlicht wie ideologisch: Die linke und subkulturelle Kritik an der Massenunterhaltung erschöpfe sich darin, dem Mainstream seinen Mainstream vorzuwerfen, brächte aber umgekehrt auch nur kulturelle Grüppchen und Zirkel hervor".
  • DIEDRICHSEN, Diedrich (2003): Ganz miese Witze.
    Georg Schnitzlers Verfilmung von Benjamin von Stuckrad-Barres Pop-Erfolgsroman "Soloalbum" karikiert die Wirklichkeit leider viel schlechter als das Buch,
    in: Die ZEIT Nr.14 v. 27.03.
    • Kommentar:
      Es war einmal eine Qualitätszeitung, in der inzwischen nicht einmal mehr die Namen von Autoren und Regisseuren richtig geschrieben werden.

                  Es gibt nur einen DIEDERICHSEN, der sich den Sabbel nicht verbieten lässt, auch wenn er diesmal auf komplexe Sätze verzichtet hat und damit selbst von den Infoeliten der Generation Golf goutiert werden kann.
                  DIEDERICHSEN hält sich voll und ganz an die Vorgaben von Gerrit BARTELS und liefert einen sauberen Verriss des Films "Soloalbum".
                  DIEDERICHSEN kennt sich in der echten Popwelt aus und kann nichts davon im Film erkennen. Er möchte Gregor SCHNITZLER auch nicht in die Tradition des frühen TRUFFAUT stellen, und wenn es um Sound-Zeichen geht, da ist DIEDERICHSEN ganz in seinem Element.
                  Vor fast genau 10 Jahren hat Bodo MORSHÄUSER das Sound-Zeichen-System von DIEDERICHSEN ähnlich hart kritisiert:
                  "Was hat Diederichsen innerhalb dieser zehn Jahre verändert? So wendig wie möglich versucht er, kurz bevor man ihm sagen könnte, damit mußt du jetzt leben, Junge, das hast du doch gut angerührt, sich auf die eine Seite von zwei wie Sauerbier angebotenen Meinungsmöglichkeiten zu schlagen: 1992 hängt er den Linken raus.
      Er will nicht auf der falschen Seite gestanden haben. Aber er hat vergessen, daß es einmal darum ging, auf keiner Seite zu stehen. (...).

                  Diederichsen ist zu Recht beleidigt. Die Sache geht ihm so nah, wie sie ihm auch zu gehen hat. In seinem Buch »Sexbeat« hat er verraten, auf welchem Mist sein Denken wuchs: »Es ist klar, daß die Second-Order-Generation, also wir, ihren fundamentalen Erkenntnissprung hatte, als sie der Mittel und Wege habhaft wurde, die es ermöglichten, die Inhalte zu vergessen.« Das Problem nur ist: Die Inhalte kehren wieder. Und hier und heute sind sie nun »im Ernst« wieder da".
                  Die Party ist eben immer mal wieder zu Ende gewesen...
  • DIEDERICHSEN, Diedrich (2003): ...oder lügen wie gedruckt.
    Journalismus erschöpft sich nicht in der Wiedergabe von Fakten. Wo er das behauptet, ist er besonders ideologisch,
    in: Jungle World Nr.22 v. 21.05.
  • DIEDERICHSEN, Diedrich (2004): Die Leitplanken des Zeitgeists.
    Haupt- und Nebenströme in der Kultur der Umbaugesellschaft,
    in: Theater heute, Jahrbuch 2004, Neue Kräfte: Keine Angst vor Vielfalt, September
  • DIEDERICHSEN, Diedrich (2005): Sei mal authentisch!
    Bestaunt, verachtet, schnell vergessen: Die Gladiatoren der Medienarena rekrutieren sich aus der neuen Unterschicht,
    in: TAZ v. 23.03.
    • Inhalt:
      "Wenn man sich Bilder sucht von Leuten, die den neuen negativen Konsens – die Unterschicht – repräsentieren, wendet man sich am besten an Darsteller und Figuren von Realityshows, Mittagstalk und Gerichtsfernsehen.
      In diesen Genres ist erst die Unterschicht kenntlich geworden, von der sich abzugrenzen im selben Maße modern geworden ist, wie jede Hoffnung auf ihre Politisierbarkeit aufgegeben wurde.
      Oder auf die Lösbarkeit der politischen Probleme, die man mit ihr verbindet. In der Konjunktur dieses Begriffs drückt sich der Wunsch aus, in stimmigen Bildern formulieren und bannen zu können, was sich als politisches Problem in diesem Leben und diesem System nicht mehr lösen lassen wird: Arbeitslosigkeit, Massenverarmung und Desintegration",
      behauptet Diedrich DIEDERICHSEN. Eine ähnliche Position, aber mit anderer Akzentsetzung, vertrat bereits Jan FEDDERSEN in der TAZ.
  • DIEDERICHSEN, Diedrich (2005): Normalität von Millionen.
    Ohne Geständniszwang geht gar nichts: Alfred Kinsey wollte die menschliche Sexualität mit den Mitteln des Positivismus erfassen. Bill Condons Biopic "Kinsey" lässt jede Skepsis darüber vermissen,
    in: TAZ v. 24.03.
    • Inhalt:
      "
      In unseren Kreisen und Zeiten ist es lange her, dass jemand über Sexualität in den Kategorien von normal und pervers gesprochen hat. (...) Es gibt, wie wir alle wissen, keine sexuellen Perversionen. Es gibt gewalttätigen Sex, es gibt sexuellen Missbrauch. Das einzige Kriterium, das gegen eine sexuelle Praktik sprechen kann, ist dabei aber immer, dass sie eine andere Person einschränkt, verletzt oder quält. Es ist kein Kriterium, das im Sexuellen liegt.
                  Das ist bei Alfred Kinsey ganz anders. Hier ist Normalität das einzige Kriterium, um das es geht. (...). Die große Zahl garantiert die Normalisierung. Die Befreiung lag nicht darin, dass mir erlaubt wurde, schön zu finden, was ich tue, weil es mir gefällt, sondern weil es Millionen (...) gibt, die es genauso treiben. Darum dürfen wir das auch, es ist natürlich, es ist normal",
      erläutert Diedrich DIEDERICHSEN den Unterschied zwischen dem eigenen Milieu und dem Kleinbürgertum. Zum Schluss geht er noch auf den Backlash in Deutschland ein:

                  "»Kinsey« wurde gelegentlich für seine Aktualität gelobt. Schließlich wollen heute wieder US-Jugendliche unbedingt jungfräulich in die Ehe gehen. Schließlich interessiert heutige US-Bürger das unbedingte Unterbinden von homosexuellen Hochzeiten angeblich mehr als der Irakkrieg. In Deutschland wird eine Autorin ernsthaft politisch diskutiert, die 68 als eine Epoche des kollektiven Kindesmissbrauchs darstellt. Ganz offensichtlich gibt es ein neues Niveau sexualpolitischer Auseinandersetzungen; sein Name ist »50er-Jahre«. Aber war nicht schon immer der größte Fehler, sich vom Gegner das Niveau vorgeben zu lassen? Zumal erst dann die Selbstverständlichkeiten endgültig verloren gehen, die einem das Gefühl geben, in der Gegenwart zu leben."
                  Ausführlicher hat sich Diedrich DIEDERICHSEN zu den "Niedergangsstufen von 1968" in seinem Essay "Die Leitplanken des Zeitgeistes" im Theater heute-Jahrbuch 2004 geäußert.
  • Neu:
    DIEDERICHSEN, Diedrich (2005): Neoliberal ist cool.
    Wie eine Wende herbeigeredet wird,
    in: Süddeutsche Zeitung v. 21.10.
    • Inhalt:
      Diedrich DIEDERICHSEN, von dem gerade das Buch "Musikzimmer" erschienen ist, kritisiert die "Herzblut-Renegaten" Ulf POSCHARDT und Thea DORN, die im Wahlkampf für Schwarz-Gelb plädiert hatten.

                  Das Vorbild von POSCHARDT sieht er in Reinhard MOHR ("Zaungäste").
                  Konversion wird nach dieser Methode als riskante Rebellion gegen mächtige Gegner inszeniert. Ihnen entgegnet DIEDERICHSEN:
                  "Dabei haben sich sogar in der Zone der Republik, um die Dorn und Poschardt so kämpfen, in der Hauptstadt-Kultur nämlich, längst neokonservative Institutionen gebildet, wurden mit viel Verlags- und Elternknete Zeitschriften und kulturelle Treffpunkte gegründet. Langsam welkende, aber ganz unverarmte Pop-Jünglinge, gerne verschroben stolze Hamburger oder Münchner, bemühen sich im preußischen Exil um Eleganz-Darstellungen und das Eliten-Phantasma. Ihr Guru ist Christoph Stölzl. Vielleicht kriegen sie ihn ja als Kulturstaatsminister. Sein veronkeltes Dandytum sieht heute schon - Ästhetik des Vorscheins! - aus wie die Karikatur ihrer krampfbürgerlichen, reaktionären Zukunft."
 
       
   

Diedrich Diederichsen im Gespräch

 
   
  • AMEND, Christoph & Stephan LEBERT (1999): Diedrich Diederichsen, Pop-Theoretiker.
    Warum ist Berlins Mitte wie Las Vegas, Diedrich Diederichsen?
    in: Tagesspiegel v. 18.03.
  • STÜTTGEN, Tim (2003): Elend und Anomie sind nicht okay.
    Kein Generationen-Clash par excellence, sondern ein zeitlich arg begrenztes Interview aus Anlass der Wiederveröffentlichung von "Sexbeat", das - wie könnte es anders sein - auch um Fragen zu diesem Magazin kreist. Ein Gespräch außerdem über die Möglichkeiten, in der Diskurs-Produktion verschiedene Welten zu addieren und die stets bestehende Notwendigkeit interventionistischen Schreibens. heute ist längst nicht alles gut und früher war auch nicht alles besser, meint nicht bloß Diedrich Diederichsen,
    in: Spex, April
    • Kommentar:
      Der Interviewer outet sich erst einmal als Erstleser von "Sexbeat":

                  "Immer noch (und immer wieder) aktuell empfundene Begriffe und Strategien, Momentaufnahmen und Reflexionen werden in kleinen Essays zur polemischen Minima Moralia-Version von einer Popkultur, welche Anfang der 80er so viel Bewegendes versprach".
                  Der wieder aktuellen Rock-Ideologie der Authentizität stellt DIEDERICHSEN den Anti-Authentizismus als "authentische Form für nicht-authentische Menschen" gegenüber.
      Zum Pop-Diskurs in den Feuilletons merkt DIEDERICHSEN an:

                  "Natürlich ist das ein schrecklicher Diskurs geworden, dieser Pop-Diskurs in den Feuilletons. Aber ja, das ist halt eine Herausforderung. Darauf müsste reagiert werden, wie es Dietmar Dath am 13. Februar in der FAZ getan hat. Das hätte zwar auch schon früher jemand machen können, aber immerhin."
                  Ganz zum Schluss ein typischer DIEDERICHSEN-Spagat:
                  "Die Dynamik von Kapitalismus kann ja auch eine sein, die alte Machtstrukturen wegspült. Und in dem Moment ist mit dieser Dynamik im Prinzip alles okay. Hinterher entsteht meist allerdings nichts außer Elend und Anomie - und das ist natürlich nicht okay."
  • FUCHS, Oliver & Christian SEIDL (2003): Die nächste Generation hat immer Recht.
    Diedrich Diederichsen über seine eigene Vergangenheit, die Pop-Gegenwart und die Zukunft der "Superstar"-Suche,
    in: Süddeutsche Zeitung v. 24.04.
    • Kommentar:
      Diedrich DIEDERICHSEN verkündet - angesprochen auf "Sexbeat" - das Scheitern seiner Second-Order-Generation:

                  "SZ: In einer Passage heißt es: »Wie jede Generation sind auch wir für das Schlamassel, das wir hinterlassen haben und durch das sich, fürchterlich orientierungslos irrend, nun mehr die Jahrgänge 1964 bis 1970 durchzufressen haben, selbst verantwortlich.« In welchem Schlamassel sitzen wir also?
                  Diederichsen: Das hat ja jüngst erst die Popjournalismus-Debatte im Zuge der Einstellung von jetzt und den »Berliner Seiten« der FAZ gezeigt: Dass Leute, die zur Zeit von »Sounds« sozialisiert wurden, die aus einem emphatischen Pop-Interesse heraus versucht haben, das große Ganze abzuleiten, dass es diese Leute trotz ihrer Einflussmöglichkeiten nicht geschafft haben, im Feuilleton hegemonial zu werden.
                  SZ: Was ist Ihrer Meinung nach schief gelaufen?
      Diederichsen: Das ist ein strukturelles Problem. Aus der Musik heraus alles andere abzuleiten, also dann auch diesen Film gut zu finden und jenen Politiker zu verachten, das scheint nicht mehr möglich zu sein. Nicht, weil es die Journalisten nicht können, sondern weil es dafür kein Korrelat im echten Leben gibt."
 
       
   

Diedrich Diederichsen in der Debatte

 
   
  • HEINE, Matthias (1999): Langer Wege, kurzer Sinn.
    "Pop-Philosoph" Diedrich Diederichsen hält die Berliner Republik für einen Schwindel,
    in: Welt v. 30.04.
  • LAU, Mariam (1999): Berlin zwischen Pop und Politik.
    Welcher Kultur wird sich die neue Hauptstadt der Republik bedienen?
    in: Welt v. 21.07.
  • WINKLER, Willi (2003): Diederichsen, halt den Sabbel!
    Der größte Poptheoretiker der Welt sieht mal wieder das Ende des Pop statt das Ende des größten Poptheoretikers der Welt. Wir verleihen ihm jetzt mal den "Adorno des Monats",
    in: Süddeutsche Zeitung v. 15.03.
    • Inhalt:
      Willi WINKLER macht sich über seinen Jahrgangsgenossen DIEDERICHSEN und dessen Artikel in der TAZ vom 11.03.2003 lustig:

                  "Entschuldigung, liebe taz, aber gibt es dafür Geld? Oder war Diederichsen bloß so was von betrunken?
      Der beste Satz, den Adorno nie geschrieben hat, geht so: »Es gibt kein richtiges Leben in Flaschen.«"

                  Da hinter der SZ nicht immer ein kluger Kopf steckt, schickt WINKLER zum Verständnis voraus:
                  "Insbesondere Theodor W. Adorno verstand sich auf die manieriertesten Satzgebilde. Erleichtert konnte man gelegentlich einen ganz schlichten Satz mitnehmen, einen Satz wie diesen: »Es gibt kein richtiges Leben im Falschen.«"
  • LOTTMANN, Joachim (2003): Nichts als die Wahrheit.
    Ob Goethe, Goetz oder Biller: Literatur ist am besten, wenn sie nah an der Wirklichkeit ist. Wenn sie aus Liebe entsteht oder aus Wut im Bauch. Ein Plädoyer für Maxim Billers verbotenen Roman "Esra",
    in: TAZ v. 05.07.
    • Inhalt:
      Joachim LOTTMANN verteidigt Maxim BILLERs Roman "Esra" u.a. mit dem Text "Subito" von Rainald GOETZ:

                  "Der berühmteste Bachmanntext aller Zeiten ist »Subito« von Rainald Goetz. Es geht dort um Diedrich Diederichsen, der da »Neger Negersen« heißt und in der Hamburger NDW-Bar Subito verkehrt, die auch im Text so heißt. Goetz schneidet sich beim Lesen die Stirn auf. Das dürfte er auch heute noch ungestraft tun. Den Text dürfte er nicht mehr vortragen"
 
       
   

Der lange Weg nach Mitte. Der Sound und die Stadt (1999)
Köln: Kiepenheuer & Witsch

 
   
  • Rezensionen

    • LÜTZOW, Gunnar (1999): Die Differenzmaschine.
      Nur für Insider: "Langer Weg nach Mitte" von Diedrich Diederichsen,
      in: Berliner Morgenpost v. 30.04.
    • GROSS, Thomas (1999): Rückzug des Papstes aus Memphis.
      Geschlagen zieht die Gegenkultur nach Hause, meint Poptheoretiker Diedrich Diederichsen. Sein jüngstes Buch ist ein Abgesang auf Popmusik als gesellschaftsverändernde Kraft. Im neuen Berlin soll alles zu Ende gegangen sein,
      in: Tages-Anzeiger v. 31.05.
    • HEIDKAMP, Konrad (1999): Vom Sound der Guerilla.
      Diedrich Diederichsen zum Ende der Gegenkultur,
      in: Die ZEIT Nr.38 v. 16.09.
    • SCHÜTZ, Erhard (1999): Meine Mitte, deine Mitte...
      Die verbotene Stadt. Über die Schwierigkeiten, die wahre Wirklichkeit Berlins zu erklären,
      in: Freitag Nr.40 v. 01.10.
    • JASCHKE, Bruno (1999): Hinter uns die Unendlichkeit.
      Diedrich Diederichsen räsoniert über Pop und Stadt,
      in: Wiener Zeitung v. 15.10.
    • BARBER-KERSOVAN, Alenka (2000): Diedrich Diederichsen: Der lange Weg nach Mitte. Der Sound und die Stadt,
      in:
      music-journal.com v. 20.01.
 
       
   

Sexbeat (1985)
(Neuausgabe Januar 2003)

Köln:
Kiepenheuer & Witsch

 
   
 
 

Klappentext

"Wer »Pop« sagt, muss auch »Sexbeat« sagen. Und mitreden kann nur, wer es gelesen hat. »Sexbeat« – das erste Buch von Diedrich Diederichsen erschien 1985 und erzählt von der Zeit seit 1972, von Hipness und der Welt der Spießer, vom postmodernen Aufwachsen, von einer Generation, die sich scheinbar endgültig vom Fortschritt verabschiedet hat. »Sexbeat« entstand zwischen Zeiten und Zuständen, Jobs und Weltanschauungen, zwischen der Musik von Roxy Music, Heaven 17 und ABC. Diedrich Diederichsen berichtet von seiner Jugend, von der ersten Gegenkultur, die sich gegenüber einer alten linken Boheme behaupten musste. Niemand glaubte mehr an natürlichen Ausdruck, stattdessen an Strategie und Subversion. Als auch das schal wurde, ging es plötzlich doch weiter. Die Leute blieben länger auf, nahmen noch mehr Drogen, hörten noch lautere Musik.
Neuausgabe mit einem aktuellen Vorwort von Diedrich Diederichsen
"

Zitate:

The Privileged Poor

"Nirgendwo so sehr wie in New York wird einem klar, was das hervorstechendste Merkmal der Einwohner Bohemias ist: Sie sind arm.
(...).
Andererseits sind auch diese Leute auf etwas stolz. Und darauf muß man erst mal kommen. Auf was eigentlich? Nun, sie sind wie überall in der Welt Angehörige eines in sich ungemein filigran organisierten kleinen Hip-Systems mit Aufstiegs- und Abstiegschancen. Und hin und wieder erbarmt sich ja der Dollar ihrer und holt sich Madonna oder Julian Schnabel und überschüttet sie für eine oder mehrere Saisons mit einigen Millionen. (...). Im Gegensatz zu allen anderen Armen sind sie informiert. (...). Das heißt, sie wissen, und sie gehören zur Klasse der Ausgebeuteten. Potentiell stellen sie damit ein ungeheuer gefährliches Potential von intelligenten, avantgardistischen, entschlossenen Lumpenproletariern dar.
Nur lassen die natürlich zunächst mal niemanden an die ausbeutbare Arbeitskraft heran, im Gegenteil, sie stellen ihre Armut als existentialistisch-gewähltes Aufbegehren gegen die mit schnödem Geld belohnte Bereitschaft zur Ausbeutung, und dies ist natürlich ganz im Sinne des (...) Systems, denn würden sei mit all ihren Informationen sich in die Situation schöner, echter Ausbeutung begeben und ihre Ideale an Arbeit ohne Fluchtmöglichkeit und ohne Rechtfertigungsmöglichkeit in künstlerischer und politischer Hinsicht treiben lassen, würde wirklich etwas entstehen, was mancher Leninist am Horizont gesehen haben mag, als er von den Unmengen arbeitsloser Akademiker die ersten, vielversprechenden Berichte hörte. Und dann würde diese Klasse entstehen, die mein Lieblingstheoretiker (...) euphemistisch The Privileged Poor nennt". (S.60ff.)

Glückliche Arbeitssklaven

"Wie wir gesehen haben, hat Bohemia ein kleines, scheinbar sinnvolles Pöstchen für jeden, der zur Selbstausbeutung als Kellner, Schallplattenverkäufer und New-Wave-Boutiquen-Aushilfe bereit ist. Wer einen solchen Job annimmt, tut das ja im Glauben, nichts Unentfremdetes zu tun. In seinem Bewußtsein findet keine Kollision statt, er muß über keinerlei Widersprüche nachdenken. Das Verschwinden marxistischer Kategorien aus allen Bewußtseinen hat dazu geführt, daß der Begriff Alternativkapitalismus oder der der Selbstausbeutung unpopulär und unbekannt geblieben ist. Diese glücklichen Arbeitssklaven und -idioten sehen keine Widersprüche und denken daher auch nicht. Individuieren statt dessen hinter der Kasse der Boutique der besten Freundin." (S.83f.)   

 
 
 
       
     
   
  • Rezensionen

    • PEICHL, Markus (1986): Im Führerbunker der Subkultur.
      Markus Peichl über "Sexbeat" von Diedrich Diederichsen,
      in: Spiegel Nr.2 v. 06.01.
      • Kommentar:
        Markus PEICHL, Chefredakteur des neuen Zeitgeist-Magazins Tempo, demontiert den Mythos DIEDERICHSEN und grenzt sich in seiner Rezension gleichzeitig ab.

                    PEICHL referiert u.a. das Hipness-Theorem von DIEDERICHSEN und stellt es in den Zusammenhang der Kulturtheorie von Georg SIMMEL, dem Vater der postmodernen Lifestyle-Soziologie:
                    "Jedes Produkt der Subkultur ist für die Konsumgesellschaft nützlich, jede Art von Subversion wird zum Systemerhalter. Und weil die Vermarktung immer besser funktioniert, kommt es zu einer Inflation von »Hipness«, Mode und Trends. (...). Nur warum sich der Diederichsen darüber so aufregt, verstehe ich nicht.
                    Was er da in komplizierten, anklagenden Worten beschreibt, ist ein Prinzip, das Georg Simmel schon 1911 in seiner »Philosophischen Kultur« vorausgesagt hat (...).
                    75 Jahre später erklärt uns nun Diedrich Diederichsen in »Sexbeat« seine Sicht der Dinge und gibt dabei eine unfreiwillige Karikatur eines Trend- und Modezombies im Simmelschen Sinn ab."
                    PEICHLs Magazin Tempo steht für jene "Generation der Yuppies", die später als Generation Golf firmiert und deren Umgang mit Pop und Mode DIEDERICHSEN in "Sexbeat" kritisiert hat.    
    • STRAU, Josef (2003): Zitat und Künstlichkeit.
      Diedrich Diederichsen: Sexbeat,
      in: Fluter, Februar
    • KARNIK, Olaf (2003): Diedrich Diederichsen - Sexbeat & Joachim Lottmann - Mai, Juni, Juli,
      in: Büchermarkt. Sendung des DeutschlandRadio v. 23.05.
      • Inhalt:
        Olaf KARNIK bespricht ausführlich die Wiederveröffentlichungen von Diedrich DIEDERICHSENs "Sexbeat" und Jochen LOTTMANNs "Mai, Juni, Juli", die er in einen Zusammenhang mit dem erfolgreichen Doku-Roman "Verschwende deine Jugend" von Jürgen TEIPEL bringt.

                    KARNIK konfrontiert LOTTMANNs Aussagen im TAZ-Interview und eine Lobeshymne in der FAS mit Aussagen der damaligen SPEX-Redakteurin Clara DRECHSLER:
                    "Also, als revolutionär habe ich das damals eigentlich nicht empfunden. Neu war an diesem Roman eigentlich nur – Lottmann war das Neue. Und dass man Lottmann noch ertragen konnte. So gesehen hatte er da eine gewisse Rückendeckung von uns aus, natürlich auch gegen die Leute, denen dann plötzlich aufgefallen ist, dass es überhaupt keine richtige Literatur ist und so weiter. Das heißt, er hat sich kurzzeitig die richtigen Feinde gemacht, gegen die man ihn dann verteidigen musste – an und für sich hätte sich sonst wahrscheinlich nie jemand die Mühe gemacht."
                    Die Gemeinsamkeit und den Unterschied von DIEDERICHSEN und LOTTMANN beschreibt KARNIK folgendermaßen:
                    "Joachim Lottmann und Diedrich Diederichsen haben den damals durch Bohèmia wehenden Zeitgeist auf den Begriff gebracht - Diederichsen eher kritisch, analytisch, historisierend; Lottmann eher affirmativ, erzählerisch, protokollierend."
 
     
   

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