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Diedrich Diederichsen: Bohemian Rhapsody

 
       
     
       
     
       
   

Diedrich Diederichsen in seiner eigenen Schreibe

 
   

DIEDERICHSEN, Diedrich (1983): Ach, das ist alles verdammt männlich.
Diedrich Diederichsen über den Erfolgs-Lyriker Wolf Wondratschek,
in: Spiegel Nr.47 v. 21.11.

DIEDERICHSEN über den Wandel der Rockpoesie bei den neuen Neo-Machos:

"Die von Wondratschek so hartnäckig und seit Jahren beklagte Tatsache, daß die Frauen die Männer nicht ranlassen und daß die Männer darob einsam, traurig und versoffen werden, präsentiert er neuerdings nicht mehr vor der Kulisse notorischer Schwabinger Amerikanophilie. Ein neuer Geist weht nämlich unter den vierzigjährigen Rock-Poeten. Fauser, ein anderer von ihnen, beruft sich neuerdings auf Gottfried Benn, und Wondratschek flüchtet zur klassischen Form des Sonetts (...).
            Und überall kann man jetzt das Botho-Strauß-Syndrom beobachten.
            (...).
Neben mir sitzt während der Lesung ein dicker Mann mit schlechter Haut. Er ist besonders begeistert, wenn der Dichte ein ums andere Mal die Kälte der Frauen beklagt, von der unerreichbaren Carmen schwärmt und über intellektuelle Frauen unflätiges Zeug verbreitet (»Dem Verstand hörig wie andere ihrem Kerl«). Er nickt, wenn Wondratschek den Gegensatz Carmen/Frauenbewegung konstruiert. Dabei konnte man erst zwei Tage vorher im »Heute-Journal«
Carmen-begeisterte Frauen sehen, die auf so rührende, traurige Art allen Klischees entsprachen, die über die Frauenbewegung im Umlauf sind, als seien sie von Franziska Becker gezeichnet worden."

DIEDERICHSEN, Diedrich (1993): Gefühlte Paprika.
Die politische Subjektivität der Boheme,
in:
Texte zur Kunst, September 1993

DIEDERICHSEN, Diedrich (1994): Der grüne Frack.
Wo und wie die Künstler leben und was in ihren Vierteln passiert,
in:
Texte zur Kunst, November 1994

DIEDERICHSEN beschreibt die Rolle von Künstlern und Künstlervierteln (oder weitergefasst: Szeneviertel) u. a. im Prozess der Gentrifizierung. Während in der stadtsoziologischen Literatur und der Öffentlichkeit zur Aufwertung von Vierteln allzu oft die Künstler als homogene Gruppe beschrieben werden, zeigt DIEDERICHSEN die Vielfalt von Künstlervierteln und Künstlertypen auf, die keineswegs immer einem schnellen  Gentrifizierungszyklus unterworfen sind, wie es das prototypische Gentrifizierungsszenario New York aufzeigt:

"Verbreitet (und verständlich) ist (...) der Fall des Künstlers, der nicht (mehr) im Künstlerviertel leben will. Neulich kam wieder die Meldung aus Williamsburg: »Das Studio ist schön, die Miete ist niedrig, aber die ganze Gegend ist überflutet von Künstlern.« Nach Williamsburg, also auf die andere Seite des East River, zogen die New Aorker Künstler nach einer die ganze Nachkriegszeit andauernden, kontinuierlichen Verdrängung Richtung Osten. Vom Greenwich Village ging es über die in der Mitte Süd-Manhattans liegenden Stadtteile SoHo und TriBeCa ins East Village und nach dessen Boom und Gentrifizierungs-Phase in den westlichsten Stadtteil Brooklyns, nach Williamsburg. Tatsächlich waren all diese Viertel vor der Entdeckung durch Künstler und sie umgebende Randfiguren, »Szenen« eben, wertlos für Spekulatnen gewesen, entweder als leere Speicherstädte oder als von geschlossenen, aber finanzschwachen ethnischen Gruppen belegt (East Village: Polen und Puertoricaner). »The common reaction in communities to artists as virus, or as leading edge of gentrification (...).« Dabei stehen Künstler den von ihnen geschätzten Communities keineswegs feindlich gegenüber, da selber von der Gentrifizierung betroffen: »On the one hand, we are the avantgarde of gentrification, or on the other hand, we are scavengers.« (...). Doch die üblichen Übel von Gentrifizierung, Vertreibung finanzschwacher Mieter und Geschäften unter Vorwänden wie Drogenbekämpfung und Sanierung, die Polizeieinsätze im East Village und die darauf folgende Yuppiefizierung, Greenwich Villages Weg zum teuren Wohn- und Touristenviertel und der Einzug des Kunst-Establishments in SoHo, sie können nicht erklären, warum immer signifikant viele in der gleichen Richtung den übriggebliebenen billigen Atelierraum suchten und fanden."

Der Künstler als Verlierer der Gentrifizierung ist lediglich die eine Seite der Medaille, denn es gibt immer auch die Gewinner, die von DIEDERICHSEN als "Kunst-Establishment" beschrieben werden:

"Die Künstler, die weder Einzelne sein und als Führer oder Vasallen enden noch in einem Volk, einer Klasse, einem Viertel, einer Nacht aufgehen wollen, finden meistens einen Freund.(...) Die zwei oder drei entwickeln eine Dynamik, die mehrer anzieht, dann bildet sich eine Gruppe, sie siedeln irgendwo, wo einerseits die Mieten billig, die Romantik des Viertels intakt ist (Geschichtlichkeit, gerne auch Rotlicht), andererseits Institutionen, Kneipen, Cafès, Infrastruktur in ausreichender Dichte vorhanden und nutzbar sind. Für diesen Typus zählt auch schon immer die Nähe der staatlichen oder etablierten Institute/Bühnen, die von Montparnasse bis zur Düsseldorfer Altstadt, von SoHo bis St. Pauli, von Camberri bis zum 1. Bezirk immer in der Nähe waren. Das sind die konventionellen Künstlerviertel, die hohe Stabilität oft über Jahrzehnte entwickeln konnten. Freilich oft nur zu dem Preis, daß sie ihrer Entdeckergeneration die Möglichkeit gaben, ihre ganze Karriere an einem Ort zu bleiben, während die Mieten stiegen und diese Viertel nachfolgenden Generationen versperrt blieben. Sie blieben dann Künstlerviertel, aber ohne jede Dynamik."

DIEDERICHSEN, Diedrich (2000): Individualistenpack!
Sexualneid, Männerfantasien und viel Misogynie treiben die Berlinale voran,
in: TAZ Berlin v. 15.02.

Kritik zu Philippe Harels Verfilmung von "Ausweitung der Kampfzone" nach Michel Houellebecq

DIEDERICHSEN, Diedrich (2000): Vierzig verweht.
Wie jung sind Merz, Merkel, Wulff?,
in: Süddeutsche Zeitung v. 16.03.

Beitrag zur aktuellen Generationendebatte

DIEDERICHSEN, Diedrich (2000): Die License zur Nullposition,
in:
TAZ v. 07.08.

Beitrag zur taz-Serie "Goldene Zeiten für Literatur"

DIEDERICHSEN, Diedrich (2000): Du darfst auch Dünkel zu mir sagen.
Über die kuschelweichen Standortfaktoren der neuen alten Hauptstadt Berlin,
in: Theater Heute, Jahrbuch 2000

u. a. über das popkulturelle Quintett und Michel Houellebecq

DIEDERICHSEN, Diedrich (2000): Die Leude woll'n, daß was passiert.
Wege aus der Ironiefalle: Für eine Wiedergeburt des Politischen aus dem Ungeist der Freizeitkultur,
in: Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 13.10.

DIEDERICHSEN, Diedrich (2000): Kritik? Konsequenzen!
Lange waren Linke und Hipster nicht mehr so weit voneinander entfernt wie heute. Während die Gründung von Unternehmen mit Glamour aufgeladen wird, bezieht die bürgerliche Presse antikapitalistische Positionen,
in: Jungle World Nr.50 v. 06.12.

DIEDERICHSEN, Diedrich (2001): Luhmann mit langem U.
Besser als die rollende Möllewelle sind die empirischen 68er, die noch wissen, dass Politik mit Inhalten zu tun hat, allemal: die elastischen Netze der Systemtheorie halten sie cool,
in: Frankfurter Rundschau v. 17.01.

Diedrich DIEDERICHSEN beschreibt die Entstehung des Hedonismus-Vorwurfs aus dem Kampf der Lebensstile im linksalternativen Milieu nach 1968. Er sieht eine Entwicklungslinie, die "über Sid Vicious, der als erstes prominentes 68er Kind seine eigene Kaputtheit auf die Exzesse seiner Mutter zurückführte, zu Michel Houellebecq".

DIEDERICHSEN, Diedrich (2001): Der Reisebürosonderzug.
Teil 6 der Serie "Das war die BRD",
in: Süddeutsche Zeitung v. 25.01.

Georg Diez - Das war die BRD

DIEDERICHSEN, Diedrich (2001): Die Gegengegenkultur.
68 war Revolte, 77 war Punk - warum nur 68 zum Mythos wurde,
in: Süddeutsche Zeitung v. 24.02.

Puppies - Halb Punks, halb Hippies: Die Popdialektik in der Nachfolge der 68er

DIEDERICHSEN, Diedrich (2001): Die Stunde der reinen Erfindung.
Wie Michael Jackson sich in seinen Rollenspielen verliert - und dabei den Pop verrät,
in: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung v. 30.09.

DIEDERICHSEN, Diedrich (2001): Das WTC hat es gegeben.
Der 11. September war das überfällige Ende der seit zwei Jahrzehnten kursierenden Überzeugung, dass "die Medien" eine einzige andere und geschlossene Welt wären. Mit dem beliebten Baudrillardismus müsste man jetzt endlich aufhören können,
in: TAZ
v. 06.10.

Das Ende der Spassgesellschaft - Kulturkämpfe in der Popmoderne

DIEDERICHSEN, Diedrich (2001): Die Rückkehr der Nostalgiemaschine.
In der Fashionwelt finden sich zahlreiche Zitate aus New Romantics, einer Jugendbewegung der achtziger Jahre. Doch Inhalte spielten damals keine Rolle. Das ist heute wieder so
in: Die ZEIT Nr.44 v. 25.10.

DIEDERICHSEN, Diedrich (2001): Adornos Taschentuch.
Möglichkeiten und Strategien des Nonkonformismus,
in: Jungle World Nr.52/01 v. 19.12.

Was Theodor W. ADORNO, Ally McBeal und Seinfeld miteinander zu tun haben, das erzählt der Pop-Theoretiker DIEDERICHSEN in seinem modernen Weihnachtsmärchen mit Überlänge...

DIEDERICHSEN, Diedrich (2002): Mein Diskurs ist besser als deiner.
Denn sie wissen, dass sie DAS nicht leben wollen: Repräsentationskritik regiert auf dem Theater des René Pollesch. In seinen Stücken schaut sich immer wieder eine Bande von minoritären Peers gegenseitig beim begrifflichen Sichdurchschlagen zu,
in: TAZ
v. 06.03.

DIEDERICHSEN, Diedrich (2002): Ein Alien für alle.
Nach zwanzig Jahren kommt Steven Spielbergs "E.T." wieder ins Kino. Der nette Außerirdische hat die amerikanische Kulturpsychologie geprägt und wirkt bis in heutige Zuwanderungsdebatten fort,
in:
Die ZEIT Nr.14 v. 27.03.

Der Poptheoretiker DIEDERICHSEN hat ein Herz für den außerirdischen Sozialarbeiter E.T. und die vaterlose Kleinfamilie:

"Konkret wird E.T. nur in einem Punkt: nämlich bei der Bestimmung der näheren Umstände seines Willkommenseins. Er ist nicht einfach auf diesem Planeten willkommen: Im Gegenteil, Militärs und andere Autoritäten wollen ihm ja an den langen, dünnen Kragen. Nein, willkommen ist er in der Familie, in der vaterlosen Kleinfamilie. Hier fehlt einer, der der überforderten Mutter zur Hand geht, vor allem bei der emotionalen Betreuung ihrer Brut. So wie die Deutschen Inder brauchen, weil sie sich mit abstrakten Computern nicht auskennen, brauchten die Amerikaner damals ganz bestimmte Aliens, Emo-Spezialisten, die die konkreten Defizite der All-American-Kleinfamilie kompensieren würden.
Diese Defizite sind nicht irgendwelche, sondern historisch konkrete. Drew Barrymore, später soziopathisches Drogenopfer und noch später wieder Superstar, spricht es mit der beschädigten Niedlichkeit des jüngsten Opfers aus: Unser Papa ist in Mexiko. Der Ort, in den sich Joe flüchtet mit einer Gun in seiner Hand, in dem Beatniks seit den Fünfzigern und Gangster seit dem 19. Jahrhundert vor den USA in ihre zweifelhafte Selbstverwirklichung abhauen. 20 Jahre vor
Houellebecq, der dafür die 68er-Frauen verantwortlich machen wird, sind es bei Spielberg noch die Männer, die aus egoistischen Gründen unverantwortlich Löcher in das emotionale Netz reißen - und für die jetzt Facharbeiter aus den Tiefen des Weltraums einspringen müssen."

Das Buch zum Thema Flucht der Männer aus der Verantwortung hat Barbara EHRENREICH 1983 geschrieben: The Hearts of Men. American Dreams and the Flight from Commitment (deutsch: Die Herzen der Männer. Auf der Suche nach einer neuen Rolle", Rowohlt 1984)

DIEDERICHSEN, Diedrich (2002): Ohne Fallhöhe.
Vernutzt sind nicht die Gegenstände, sondern das Prinzip: Subkulturen zwischen Ästhetik und Politik,
in: Frankfurter Rundschau v. 27.04.

Am 15. April meldete die TAZ, dass DIEDERICHSEN in den Fachbeirat der Bundeskulturstiftung berufen worden ist. Im FR-Essay behandelt der Pop-Papst nun, welchen Stellenwert er den einzelnen popkulturellen Szenen einräumen möchte. Dazu erklärt er zuerst einmal die Debatte um die Popkultur für beendet:

"Das Wort 'Spaßgesellschaft' und letztes Jahr dessen vermeintliches Ende entlasteten den Pop-Begriff. Dann sackte das Thema in sich zusammen: Seine Unterdebatten wie Pop-Literatur, Pop-Theater, Pop-Art ächzten noch einmal unter dem Stapel von Zeitungsausschnitten, dann gaben sie den Plastiklöffel ab."

Danach tut er jedoch alles, um die Popkultur-Debatte neu zu entfachen, indem er seine Position in der angeblich beendeten Debatte vorstellt. Es soll fortan nicht mehr um den Gegensatz von Hoch- und Massenkultur gehen, sondern um die pluralen "Elitenkulturen" innerhalb der Massenkultur, die er als "Nichthochundauchnichtmassenkulturell" bezeichnet!  DIEDERICHSEN formuliert dies im elaborierten Code der Verfechter einer "neuen Hochkultur", an die sich sein Vortrag wohl in erster Linie richten soll. Aus der Perspektive einer Bundeskulturstiftung macht der Text Sinn. Es geht um die Anschlussfähigkeit der - in Form von Gemeinden organisierten - Popkultur an eine zentralistische Pop-Politik, die DIEDERICHSEN in der gegenwärtigen Organisationsform der abgeschotteten Szenen nicht als gegeben sieht, denn diese "neuen nichtelitären Eliten der Subkulturen" gebärden sich wie die alten Eliten, nur dass sich ihr Einfluss nicht über die gesamte Massenkultur erstreckt, sondern auf massenkulturelle Teilkulturen beschränkt bleibt.

Der englische Soziologe Nicolas ROSE hat die Problemstellung von DIEDERICHSEN als "Regieren durch Community" beschrieben. Nur ging es ihm nicht um Pop-Politik, sondern um Sozialpolitik. Aber vielleicht ist Pop-Politik nur eine neue Form der Sozialpolitik...

DIEDERICHSEN, Diedrich (2002): Ich bin viele.
Was sich jetzt in der Modebranche durchsetzt, wird in der Musikszene schon lange praktiziert: Das Spiel mit wechselnden Identitäten. Eine kleine Kulturgeschichte der pseudonymen Künstler,
in: Die ZEIT Nr.38 v. 12.09.

DIEDERICHSEN vertritt u. a. die These, dass die "allein im Jugendzimmer sich vor sich hinentfaltende Monade (...) erst im digitalen Zeitalter als Nerd möglich" wurde.

DIEDERICHSEN, Diedrich (2002): Das Leben als After Work Party.
Arbeitsplätze sind zentral? Quatsch. Dass Arbeit das Land regieren soll, will nur die PDS. Alle anderen wollen schön leben - von den Kreativen bis hin zu Attac. Gesellschaftskritik entzündet sich an der Unmöglichkeit anständiger Arbeitslosigkeit,
in: TAZ v. 18.09.

DIEDERICHSEN sieht in den Glücklichen Arbeitslosen die Avantgarde der neosituationistischen Milieus:

"Die im Situationismus immer wieder versuchte Synthese marxistischer mit kreativistischen und existenzialistischen Elementen (...) gewann an Popularität und Selbstverständlichkeit, als die Linke begann, sich von der heiligen Kuh Arbeit zu verabschieden. In den neosituationistischen Milieus entstanden Bewegungen, deren prominenteste sicher die Glücklichen Arbeitslosen in Berlin mit den aus Jungle World und FAZ bekannten Essays ihres Theoretikers Guillaume Paoli sind, die die Arbeit aus dem Katalog der Utopien strichen: Arbeitslosigkeit galt nicht mehr als Problem, sondern als Errungenschaft des Techno-Turbo-Kapitalismus. Zu kritisieren blieb, dass die Arbeitslosen weiterhin für ihre avantgardistische Lebensform bestraft oder bestenfalls therapiert wurden, statt ihnen zu danken.
Wenn die Arbeit abgeschafft ist, rückt das Leben in den Mittelpunkt".

Wolfgang Engler - Die Ostdeutschen als Avantgarde

DIEDERICHSEN, Diedrich (2002): Lange her.
Diedrich Diederichsen über das Comeback der Fehlfarben,
in: Tagesspiegel v. 04.11.

Diedrich DIEDERICHSEN widerspricht Thomas Groß (TAZ vom 19.10.2002), der den Fehlfarben Geschichtsblindheit vorgeworfen hatte. Für DIEDERICHSEN waren die Fehlfarben noch nie eine Band auf der Höhe der Zeit:

"Sie haben schon 1980 Rückschau gehalten, ihr Grundton war immer schon ein verklingender, ihr Gemüt vom Grau des Schleiers verdunkelt, der immer schon über der Stadt liegt. Die Fehlfarbe war nicht die seltene, fehlende Farbe einer Reihe, sondern anders als bei der Zigarre das Fehlen jeglicher Farbe. Diese Stimmung wird aber nicht formuliert aus der brennenden Langeweile einer Jugend, die noch auf neues Ding und Jugendbewegung wartet, sondern damals schon aus der präpotenten Sicherheit heraus, dass man das Beste allemal hinter sich hat."

DIEDERICHSEN, Diedrich (2003): Alien, übernehmen Sie.
Den vom Reformstau frustrierten Subjekten verheißt die neueste Außerirdischenvariante namens Raelianer, dass der Fortschritt machbar ist,
in: Jungle World Nr.6 v. 29.01.

Diedrich DIEDERICHSEN stellt u. a. den Sektenführer Chris KORDA als Gegenspieler christlicher Familienfundamentalisten vor:

"Sex ohne Fortpflanzung ist nach Kordas Logik nicht schön, weil Sex schön, sondern weil Fortpflanzung böse ist."

DIEDERICHSEN, Diedrich (2003): Pop ist ein Absturz.
Teddy, der Inkommensurable (3): Theodor W. Adorno verachtete Jazz und Popular Music. Dennoch nahm er als Musiksoziologe die Themen aktueller Poptheorie vorweg. Aus zutreffenden Beschreibungen leitete er allerdings fragwürdige Bewertungen ab,
in: TAZ v. 11.03.

DIEDRICHSEN, Diedrich (2003): Ganz miese Witze.
Georg Schnitzlers Verfilmung von Benjamin von Stuckrad-Barres Pop-Erfolgsroman "Soloalbum" karikiert die Wirklichkeit leider viel schlechter als das Buch,
in: Die ZEIT Nr.14 v. 27.03.

Es war einmal eine Qualitätszeitung, in der inzwischen nicht einmal mehr die Namen von Autoren und Regisseuren richtig geschrieben werden. Es gibt nur einen DIEDERICHSEN, der sich den Sabbel nicht verbieten lässt, auch wenn er diesmal auf komplexe Sätze verzichtet hat und damit selbst von den Infoeliten der Generation Golf goutiert werden kann. DIEDERICHSEN hält sich voll und ganz an die Vorgaben von Gerrit BARTELS und liefert einen sauberen Verriss des Films Soloalbum. DIEDERICHSEN kennt sich in der echten Popwelt aus und kann nichts davon im Film erkennen. Er möchte Gregor SCHNITZLER auch nicht in die Tradition des frühen TRUFFAUT stellen, und wenn es um Sound-Zeichen geht, da ist DIEDERICHSEN ganz in seinem Element. Vor fast genau 10 Jahren hat Bodo MORSHÄUSER das Sound-Zeichen-System von DIEDERICHSEN ähnlich hart kritisiert:

"Was hat Diederichsen innerhalb dieser zehn Jahre verändert? So wendig wie möglich versucht er, kurz bevor man ihm sagen könnte, damit mußt du jetzt leben, Junge, das hast du doch gut angerührt, sich auf die eine Seite von zwei wie Sauerbier angebotenen Meinungsmöglichkeiten zu schlagen: 1992 hängt er den Linken raus.
Er will nicht auf der falschen Seite gestanden haben. Aber er hat vergessen, daß es einmal darum ging, auf keiner Seite zu stehen. (...).

            Diederichsen ist zu Recht beleidigt. Die Sache geht ihm so nah, wie sie ihm auch zu gehen hat. In seinem Buch »Sexbeat« hat er verraten, auf welchem Mist sein Denken wuchs: »Es ist klar, daß die Second-Order-Generation, also wir, ihren fundamentalen Erkenntnissprung hatte, als sie der Mittel und Wege habhaft wurde, die es ermöglichten, die Inhalte zu vergessen.« Das Problem nur ist: Die Inhalte kehren wieder. Und hier und heute sind sie nun »im Ernst« wieder da".

Die Party ist eben immer mal wieder zu Ende gewesen...

DIEDERICHSEN, Diedrich (2003): ...oder lügen wie gedruckt.
Journalismus erschöpft sich nicht in der Wiedergabe von Fakten. Wo er das behauptet, ist er besonders ideologisch,
in: Jungle World Nr.22 v. 21.05.

DIEDERICHSEN, Diedrich (2003): Radical chic.
Revolutionäre Bewegungen wollten sich stets abgrenzen von der so genannten Mode - und schufen dadurch immer wieder neue Moden. Die Geschichte einer Hassliebe,
in: Die ZEIT Nr.37 v. 04.09.

Diedrich DIEDERICHSEN arbeitet weiter an seiner Punk-Legende und damit an der eigenen Unsterblichkeit: "Erst Punk brachte radikale Aufklärung über die Zeichenverhältnisse. Punk riss die Bedeutung der Modezeichen aus der wohl behüteten Latenz des Kulturellen, Schöngeistigen, des Putzes und der Immanenz der Konventionen. Bei Punk war jedes Detail ein verbindlich kodiertes Zeichen, Körper waren Texte. Dieses Prinzip erhält sich seitdem am Leben, indem es ironische und paradoxe, parodistische und sehr spezielle, interne Zeichenkombinationen generiert. Zur Kernzeit von Punk ging es um Eindeutigkeit. Im Gegensatz zur Antimode hatte man nun einen offensiven Zugang zur Mode, nur dass man diese, wie es die Antimode vorgemacht hatte, zu einem Territorium ernster oder zumindest verbindlicher Aussagen gemacht hatte – denn sie war ja oft sehr komisch.
Die berühmtesten Zeichen von Punk – Sicherheitsnadel, Pflaster, Risse, verschmierte Schrift, zitierte Schablonentypografie – waren so wörtlich wie die mit Punk eröffneten style wars."

DIEDERICHSEN, Diedrich (2004): Die Leitplanken des Zeitgeists.
Haupt- und Nebenströme in der Kultur der Umbaugesellschaft,
in: Theater heute, Jahrbuch 2004, Neue Kräfte: Keine Angst vor Vielfalt, September

DIEDERICHSEN, Diedrich (2004): Die Modernen und wir.
Mentalität und Kultur mit überhistorischen Konstanten wie "Rasse" zu identifizieren - das war nicht die Idee des Multikulturalismus. Nur: Heute ist sie es selbst bei Linken,
in: TAZ v. 23.12.

Diedrich DIEDERICHSEN skizziert aus kulturlinker Sicht die Verschärfungen in der Multikulturalismus-Debatte seit Anfang der 1990er Jahre. Seit dem 11. September 2001 ist die Debatte demnach um die Dimension "Religion" angereichert, mit der Folge, dass es jetzt eine Möglichkeit gibt,

"ex negativo ein Selbstbild der Deutschen zu produzieren, ein Wirgefühl, das man je nach Volksparteienpräferenz als wir, die Modernen, und wir, die abendländischen Wertechristen, geliefert bekommt.
      
  Die meisten Traditionalismen sind religiös, sexistisch, patriarchal - mithin abstoßend. Doch Traditionalismen aller Art, islamische wie katholische, schleifen sich ab, wenn die Leute in die Stadt kommen. Aber Neotraditionalismen, Selbstethnisierungen und religiöse Kulturalismen sind selber moderne Phänomene - Folgen einer Reaktion auf mangelnden politischen Einfluss, auf kulturelle Markierungen und Stigmatisierungen. Nur diese modernen Rückgriffe auf Traditionen schaffen harte Differenzen."

DIEDERICHSEN, Diedrich (2005): Sei mal authentisch!
Bestaunt, verachtet, schnell vergessen: Die Gladiatoren der Medienarena rekrutieren sich aus der neuen Unterschicht,
in: TAZ v. 23.03.

"Wenn man sich Bilder sucht von Leuten, die den neuen negativen Konsens – die Unterschicht – repräsentieren, wendet man sich am besten an Darsteller und Figuren von Realityshows, Mittagstalk und Gerichtsfernsehen.
In diesen Genres ist erst die Unterschicht kenntlich geworden, von der sich abzugrenzen im selben Maße modern geworden ist, wie jede Hoffnung auf ihre Politisierbarkeit aufgegeben wurde.
Oder auf die Lösbarkeit der politischen Probleme, die man mit ihr verbindet. In der Konjunktur dieses Begriffs drückt sich der Wunsch aus, in stimmigen Bildern formulieren und bannen zu können, was sich als politisches Problem in diesem Leben und diesem System nicht mehr lösen lassen wird: Arbeitslosigkeit, Massenverarmung und Desintegration",
behauptet Diedrich DIEDERICHSEN. Eine ähnliche Position, aber mit anderer Akzentsetzung, vertrat bereits
Jan FEDDERSEN in der taz.

DIEDERICHSEN, Diedrich (2005): Normalität von Millionen.
Ohne Geständniszwang geht gar nichts: Alfred Kinsey wollte die menschliche Sexualität mit den Mitteln des Positivismus erfassen. Bill Condons Biopic "Kinsey" lässt jede Skepsis darüber vermissen,
in: TAZ v. 24.03.

"In unseren Kreisen und Zeiten ist es lange her, dass jemand über Sexualität in den Kategorien von normal und pervers gesprochen hat. (...) Es gibt, wie wir alle wissen, keine sexuellen Perversionen. Es gibt gewalttätigen Sex, es gibt sexuellen Missbrauch. Das einzige Kriterium, das gegen eine sexuelle Praktik sprechen kann, ist dabei aber immer, dass sie eine andere Person einschränkt, verletzt oder quält. Es ist kein Kriterium, das im Sexuellen liegt.
            Das ist bei Alfred Kinsey ganz anders. Hier ist Normalität das einzige Kriterium, um das es geht. (...). Die große Zahl garantiert die Normalisierung. Die Befreiung lag nicht darin, dass mir erlaubt wurde, schön zu finden, was ich tue, weil es mir gefällt, sondern weil es Millionen (...) gibt, die es genauso treiben. Darum dürfen wir das auch, es ist natürlich, es ist normal",

erläutert Diedrich DIEDERICHSEN den Unterschied zwischen dem eigenen Milieu und dem Kleinbürgertum. Zum Schluss geht er noch auf den Backlash in Deutschland ein:

"»Kinsey« wurde gelegentlich für seine Aktualität gelobt. Schließlich wollen heute wieder US-Jugendliche unbedingt jungfräulich in die Ehe gehen. Schließlich interessiert heutige US-Bürger das unbedingte Unterbinden von homosexuellen Hochzeiten angeblich mehr als der Irakkrieg. In Deutschland wird eine Autorin ernsthaft politisch diskutiert, die 68 als eine Epoche des kollektiven Kindesmissbrauchs darstellt. Ganz offensichtlich gibt es ein neues Niveau sexualpolitischer Auseinandersetzungen; sein Name ist »50er-Jahre«. Aber war nicht schon immer der größte Fehler, sich vom Gegner das Niveau vorgeben zu lassen? Zumal erst dann die Selbstverständlichkeiten endgültig verloren gehen, die einem das Gefühl geben, in der Gegenwart zu leben."

Ausführlicher hat sich Diedrich DIEDERICHSEN zu den "Niedergangsstufen von 1968" in seinem Essay Die Leitplanken des Zeitgeistes im Theater heute-Jahrbuch 2004 geäußert.

DIEDERICHSEN, Diedrich (2005): Neoliberal ist cool.
Wie eine Wende herbeigeredet wird,
in: Süddeutsche Zeitung v. 21.10.

Diedrich DIEDERICHSEN, von dem gerade das Buch Musikzimmer erschienen ist, kritisiert die "Herzblut-Renegaten" Ulf POSCHARDT und Thea DORN, die im Wahlkampf für Schwarz-Gelb plädiert hatten. Das Vorbild von POSCHARDT sieht er in Reinhard MOHR ("Zaungäste"). Konversion wird nach dieser Methode als riskante Rebellion gegen mächtige Gegner inszeniert. Ihnen entgegnet DIEDERICHSEN:

"Dabei haben sich sogar in der Zone der Republik, um die Dorn und Poschardt so kämpfen, in der Hauptstadt-Kultur nämlich, längst neokonservative Institutionen gebildet, wurden mit viel Verlags- und Elternknete Zeitschriften und kulturelle Treffpunkte gegründet. Langsam welkende, aber ganz unverarmte Pop-Jünglinge, gerne verschroben stolze Hamburger oder Münchner, bemühen sich im preußischen Exil um Eleganz-Darstellungen und das Eliten-Phantasma. Ihr Guru ist Christoph Stölzl. Vielleicht kriegen sie ihn ja als Kulturstaatsminister. Sein veronkeltes Dandytum sieht heute schon - Ästhetik des Vorscheins! - aus wie die Karikatur ihrer krampfbürgerlichen, reaktionären Zukunft."

JUNGLE WORLD-Thema: Linke Verteidiger, rechte Stürmer.
40 Jahre Debatte über 1968

DIEDERICHSEN, Diedrich (2008): So genannte Generationen.
Die Erfindung der Generation dient dem Individuum dazu, sich über ein historisches Datum selbst zu vergewissern, sei es durch die Romantisierung oder durch die Kritik von 68,
in: Jungle World Nr.1 v. 03.01.

"Generationen waren skeptisch, verloren, existenzialistisch, ja sogar politisiert. Oder es gab historische Namen und Jahreszahlen: 68, 77, 89. Schließlich, seit gar nichts mehr machbar zu sein scheint in der Welt, ordnet man sich nur noch dem niedrigsten gemeinsamen Objektivum zu: der Generation als Alterskohorte, die sich dann bescheidenerweise auch nur noch nach vergessenen Fernsehserien oder Automodellen nennt. Das ist dann das biopolitische Stadium. Generationszugehörigkeit ist wieder so von außen verhängt und von Natur und Schicksal verordnet wie früher Krieg und NS.
            Dazwischen war 68. 68 war die letzte oder vorletzte Bezeichnung einer kollektiven Prägung, die noch auf Historisches rekurrierte. Die große globale Lockerung nämlich. (...).
            Man kann sagen, dass alle diese Konstruktionen helfen sollen, real machtlosen Personen das Gefühl zu geben, nicht ganz ohne Verbindung zur historischen Realität gelebt zu haben", meint Diedrich DIEDERICHSEN.

THEATER HEUTE-Jahrbuch: 68 - War da was?

DIEDERICHSEN, Diedrich (2008): Diese Generation hat überhaupt kein Ziel,
in: Theater heute, Jahrbuch

DIEDERICHSEN, Diedrich (2009): Musik ist mehr als Musik.
Unter Kleingärtnern: Pop im öffentlich-rechtlichen Rundfunk,
in:
Süddeutsche Zeitung v. 02.01.

Diedrich DIEDERICHSEN entdeckt angesichts der Abschaffung der Pop-Sendung von Klaus WALTER den popkulturellen Extremismus des Internet:

"Was fehlt, sind die Medien, Kanäle und Formate, die die Extreme auf das Ganze zurückbeziehen und damit das möglich machen, was auch für die Pop-Musik-Öffentlichkeit entscheidend ist: Kritik"

DIEDERICHSEN, Diedrich (2009): Öffentlichkeit und Erfahrung.
Diedrich Diederichsen nimmt Stellung zu den jüngsten Debatten um Karl-Heinz Kurras: "Klar, Kraushaar ist immer noch besser als Götz Aly." Aber seine antiautoritäre Revolte will er sich von niemandem nehmen lassen,
in: TAZ v. 09.06.

1998 erschien in Frankreich Die Tyrannei der Lust. Der Journalist  Jean-Claude GUILLEBAUD entdeckte darin den Familienmenschen als Widerstandskämpfer. Nun entdeckt der Poplinke Diedrich DIEDERICHSEN die Familie, was immer man sich darunter auch vorstellen mag. Die traditionelle Familie kann er nicht meinen, denn diese hat der Generationsgenosse Norbert BOLZ bereits erfolgreich medial besetzt. Ist das nun die letzte Kernkompetenz, die eine desolate Poplinke angesichts der kulturellen Hegemonie alteingesessener 68er-Exegeten einbringen kann, um nicht völlig in der medialen Unsichtbarkeit zu verschwinden?

Die zweite Variante desolater Poplinker verkörpert Robert MISIK, der sich  heute in der Analyse des Absturzes der Sozialdemokratie erschöpft. Nach seiner durchaus stimmigen Problemanalyse im Jahr 2005 kam nichts mehr, womit wir wieder bei DIEDRICHSEN wären. 

DIEDERICHSEN, Diedrich (2009): Wohlklang in einem etwas anders sozialisierten Ohr.
Warum die Popmusik an einem Ende angekommen ist - und was wir in Zukunft noch von ihr erwarten können,
in: Süddeutsche
Zeitung v. 03.08.

DIEDERICHSEN, Diedrich (2010): Das war vor Jahren. Nach dem Nicht-mehr-Mitkommen.
In: Christoph Bieber, Benjamin Drechsel, Anne-Katrin Lang (Hg.) Kultur im Konflikt. Claus Leggewie revisited, Bielefeld: Transcript Verlag

 
       
   

Diedrich Diederichsen im Gespräch

 
   

AMEND, Christoph & Stephan LEBERT (1999): Diedrich Diederichsen, Pop-Theoretiker.
Warum ist Berlins Mitte wie Las Vegas, Diedrich Diederichsen?
in: Tagesspiegel v. 18.03.

STÜTTGEN, Tim (2003): Elend und Anomie sind nicht okay.
Kein Generationen-Clash par excellence, sondern ein zeitlich arg begrenztes Interview aus Anlass der Wiederveröffentlichung von "Sexbeat", das - wie könnte es anders sein - auch um Fragen zu diesem Magazin kreist. Ein Gespräch außerdem über die Möglichkeiten, in der Diskurs-Produktion verschiedene Welten zu addieren und die stets bestehende Notwendigkeit interventionistischen Schreibens. heute ist längst nicht alles gut und früher war auch nicht alles besser, meint nicht bloß Diedrich Diederichsen,
in: Spex, April

Der Interviewer outet sich erst einmal als Erstleser von "Sexbeat":

"Immer noch (und immer wieder) aktuell empfundene Begriffe und Strategien, Momentaufnahmen und Reflexionen werden in kleinen Essays zur polemischen Minima Moralia-Version von einer Popkultur, welche Anfang der 80er so viel Bewegendes versprach".

Der wieder aktuellen Rock-Ideologie der Authentizität stellt DIEDERICHSEN den Anti-Authentizismus als "authentische Form für nicht-authentische Menschen" gegenüber. Zum Pop-Diskurs in den Feuilletons merkt DIEDERICHSEN an:

"Natürlich ist das ein schrecklicher Diskurs geworden, dieser Pop-Diskurs in den Feuilletons. Aber ja, das ist halt eine Herausforderung. Darauf müsste reagiert werden, wie es Dietmar Dath am 13. Februar in der FAZ getan hat. Das hätte zwar auch schon früher jemand machen können, aber immerhin."

Ganz zum Schluss ein typischer DIEDERICHSEN-Spagat:

"Die Dynamik von Kapitalismus kann ja auch eine sein, die alte Machtstrukturen wegspült. Und in dem Moment ist mit dieser Dynamik im Prinzip alles okay. Hinterher entsteht meist allerdings nichts außer Elend und Anomie - und das ist natürlich nicht okay."

FUCHS, Oliver & Christian SEIDL (2003): Die nächste Generation hat immer Recht.
Diedrich Diederichsen über seine eigene Vergangenheit, die Pop-Gegenwart und die Zukunft der "Superstar"-Suche,
in: Süddeutsche Zeitung v. 24.04.

Diedrich DIEDERICHSEN verkündet - angesprochen auf Sexbeat - das Scheitern seiner Second-Order-Generation:

"SZ: In einer Passage heißt es: »Wie jede Generation sind auch wir für das Schlamassel, das wir hinterlassen haben und durch das sich, fürchterlich orientierungslos irrend, nun mehr die Jahrgänge 1964 bis 1970 durchzufressen haben, selbst verantwortlich.« In welchem Schlamassel sitzen wir also?
            Diederichsen: Das hat ja jüngst erst die Popjournalismus-Debatte im Zuge der Einstellung von jetzt und den »Berliner Seiten« der FAZ gezeigt: Dass Leute, die zur Zeit von »Sounds« sozialisiert wurden, die aus einem emphatischen Pop-Interesse heraus versucht haben, das große Ganze abzuleiten, dass es diese Leute trotz ihrer Einflussmöglichkeiten nicht geschafft haben, im Feuilleton hegemonial zu werden.
            SZ: Was ist Ihrer Meinung nach schief gelaufen?
Diederichsen: Das ist ein strukturelles Problem. Aus der Musik heraus alles andere abzuleiten, also dann auch diesen Film gut zu finden und jenen Politiker zu verachten, das scheint nicht mehr möglich zu sein. Nicht, weil es die Journalisten nicht können, sondern weil es dafür kein Korrelat im echten Leben gibt."

ZIEGLER, Wolfgang (2005): "Angie" ist doch eine Untergangsgeschichte.
Ist der Pop tot? Ein Gespräch mit Diedrich Diederichsen über den Papst, den Song der Kanzlerin, die Pet Shop Boys und Nick Hornby,
in: Magazin der Berliner Zeitung v. 05.11.

In einem ausufernden Interview mit Diedrich DIEDERICHSEN geht es um Popmusik und Politik. Kulturkritik sollte Verbindungen zwischen Ästhetik und Ideologie aufzeigen, meint DD, bevor er seinen Kollegen von der Kulturfraktion "vorauseilende Unterwerfung unter eine erwartete konservative Kulturhegemonie" bescheinigt. Die zeitgemäße Pop-Musik richtet sich nicht mehr an den jugendlichen Hipster, sondern an den Neo-Spießer, denn:

"Abhauen bringt heute nicht mehr Freiheit, man muss froh sein, wenn man irgendwo drin ist".

Im Hinblick auf seine profillose Generation fragt sich DD:

" Wenn ich nach Altersgenossen ausschaue, entdecke ich Osama Bin Laden, Harald Schmidt und Roland Koch. Was sind denn das für Leute? Was haben die gemein? Sehr unklar."

Dass so wenig Generationsgenossen in die Parteipolitik gegangen sind, hat einen Grund:

"Als Kommunikationsform ist Parteipolitik extrem langsam, das absolute Gegenteil von Pop-Musik."

ZITTY-Titelgeschichte: Jetzt bist Du der Spießer.
Die Konservativen haben die Coolness erobert

KALLE, Matthias & Harald STAUN (2005): "Ich nenne das immer: CDU-Koksen".
Was meint Diedrich Diederichsen nun wieder damit? Ein Gespräch über Neokonservative, Spießer, ein historisches Projekt - und über Sting,
in: zitty Nr.26 v. 07.12.

Neu:
JURT, Pascal (2013): "So obskur, wie es gerade noch ging".
Die Anfang der achtziger Jahre in Köln gegründete Zeitschrift Spex prägte wie kaum ein anderes Medium das Schreiben über Pop und Kultur in Deutschland. Diedrich Diederichsen erzählt von seinen Spex-Jahren,
in: Jungle World Nr.9 v. 28.02.

 
       
   

Diedrich Diederichsen in der Debatte

 
   

HEINE, Matthias (1999): Langer Wege, kurzer Sinn.
"Pop-Philosoph" Diedrich Diederichsen hält die Berliner Republik für einen Schwindel,
in: Welt v. 30.04.

LAU, Mariam (1999): Berlin zwischen Pop und Politik.
Welcher Kultur wird sich die neue Hauptstadt der Republik bedienen?
in: Welt v. 21.07.

Infos zu: Mariam Lau - Autorin der Generation Golf

WINKLER, Willi (2003): Diederichsen, halt den Sabbel!
Der größte Poptheoretiker der Welt sieht mal wieder das Ende des Pop statt das Ende des größten Poptheoretikers der Welt. Wir verleihen ihm jetzt mal den "Adorno des Monats",
in: Süddeutsche Zeitung v. 15.03.

Willi WINKLER macht sich über seinen Jahrgangsgenossen DIEDERICHSEN und dessen Artikel in der taz vom 11.03.2003 lustig:

"Entschuldigung, liebe taz, aber gibt es dafür Geld? Oder war Diederichsen bloß so was von betrunken?
Der beste Satz, den Adorno nie geschrieben hat, geht so: »Es gibt kein richtiges Leben in Flaschen.«"

Da hinter der SZ nicht immer ein kluger Kopf steckt, schickt WINKLER zum Verständnis voraus:

"Insbesondere Theodor W. Adorno verstand sich auf die manieriertesten Satzgebilde. Erleichtert konnte man gelegentlich einen ganz schlichten Satz mitnehmen, einen Satz wie diesen: »Es gibt kein richtiges Leben im Falschen.«"

LOTTMANN, Joachim (2003): Nichts als die Wahrheit.
Ob Goethe, Goetz oder Biller: Literatur ist am besten, wenn sie nah an der Wirklichkeit ist. Wenn sie aus Liebe entsteht oder aus Wut im Bauch. Ein Plädoyer für Maxim Billers verbotenen Roman "Esra",
in: TAZ v. 05.07.

Joachim LOTTMANN verteidigt Maxim BILLERs Roman Esra u. a. mit dem Text Subito von Rainald GOETZ:

"Der berühmteste Bachmanntext aller Zeiten ist »Subito« von Rainald Goetz. Es geht dort um Diedrich Diederichsen, der da »Neger Negersen« heißt und in der Hamburger NDW-Bar Subito verkehrt, die auch im Text so heißt. Goetz schneidet sich beim Lesen die Stirn auf. Das dürfte er auch heute noch ungestraft tun. Den Text dürfte er nicht mehr vortragen".

 
       
   

Der lange Weg nach Mitte. Der Sound und die Stadt (1999)
Köln:
Kiepenheuer & Witsch

 
       
   

Rezensionen

LÜTZOW, Gunnar (1999): Die Differenzmaschine.
Nur für Insider: "Langer Weg nach Mitte" von Diedrich Diederichsen,
in: Berliner Morgenpost v. 30.04.

Infos zu: Gunnar Lützow - Autor der Generation Golf

GROSS, Thomas (1999): Rückzug des Papstes aus Memphis.
Geschlagen zieht die Gegenkultur nach Hause, meint Poptheoretiker Diedrich Diederichsen. Sein jüngstes Buch ist ein Abgesang auf Popmusik als gesellschaftsverändernde Kraft. Im neuen Berlin soll alles zu Ende gegangen sein,
in: Tages-Anzeiger v. 31.05.

Infos zu: Thomas Gross - Berliner Barock

HEIDKAMP, Konrad (1999): Vom Sound der Guerilla.
Diedrich Diederichsen zum Ende der Gegenkultur,
in: Die ZEIT Nr.38 v. 16.09.

SCHÜTZ, Erhard (1999): Meine Mitte, deine Mitte...
Die verbotene Stadt. Über die Schwierigkeiten, die wahre Wirklichkeit Berlins zu erklären,
in: Freitag Nr.40 v. 01.10.

JASCHKE, Bruno (1999): Hinter uns die Unendlichkeit.
Diedrich Diederichsen räsoniert über Pop und Stadt,
in: Wiener Zeitung v. 15.10.

BARBER-KERSOVAN, Alenka (2000): Diedrich Diederichsen: Der lange Weg nach Mitte. Der Sound und die Stadt,
in:
music-journal.com v. 20.01.

 
       
   

Sexbeat (1985)
(Neuausgabe Januar 2003)

Köln:
Kiepenheuer & Witsch

 
   
     
 

Klappentext

"Wer »Pop« sagt, muss auch »Sexbeat« sagen. Und mitreden kann nur, wer es gelesen hat. »Sexbeat« – das erste Buch von Diedrich Diederichsen erschien 1985 und erzählt von der Zeit seit 1972, von Hipness und der Welt der Spießer, vom postmodernen Aufwachsen, von einer Generation, die sich scheinbar endgültig vom Fortschritt verabschiedet hat. »Sexbeat« entstand zwischen Zeiten und Zuständen, Jobs und Weltanschauungen, zwischen der Musik von Roxy Music, Heaven 17 und ABC. Diedrich Diederichsen berichtet von seiner Jugend, von der ersten Gegenkultur, die sich gegenüber einer alten linken Boheme behaupten musste. Niemand glaubte mehr an natürlichen Ausdruck, stattdessen an Strategie und Subversion. Als auch das schal wurde, ging es plötzlich doch weiter. Die Leute blieben länger auf, nahmen noch mehr Drogen, hörten noch lautere Musik.
Neuausgabe mit einem aktuellen Vorwort von Diedrich Diederichsen
"

Zitate:

The Privileged Poor

"Nirgendwo so sehr wie in New York wird einem klar, was das hervorstechendste Merkmal der Einwohner Bohemias ist: Sie sind arm.
(...).
Andererseits sind auch diese Leute auf etwas stolz. Und darauf muß man erst mal kommen. Auf was eigentlich? Nun, sie sind wie überall in der Welt Angehörige eines in sich ungemein filigran organisierten kleinen Hip-Systems mit Aufstiegs- und Abstiegschancen. Und hin und wieder erbarmt sich ja der Dollar ihrer und holt sich Madonna oder Julian Schnabel und überschüttet sie für eine oder mehrere Saisons mit einigen Millionen. (...). Im Gegensatz zu allen anderen Armen sind sie informiert. (...). Das heißt, sie wissen, und sie gehören zur Klasse der Ausgebeuteten. Potentiell stellen sie damit ein ungeheuer gefährliches Potential von intelligenten, avantgardistischen, entschlossenen Lumpenproletariern dar.
Nur lassen die natürlich zunächst mal niemanden an die ausbeutbare Arbeitskraft heran, im Gegenteil, sie stellen ihre Armut als existentialistisch-gewähltes Aufbegehren gegen die mit schnödem Geld belohnte Bereitschaft zur Ausbeutung, und dies ist natürlich ganz im Sinne des (...) Systems, denn würden sie mit all ihren Informationen sich in die Situation schöner, echter Ausbeutung begeben und ihre Ideale an Arbeit ohne Fluchtmöglichkeit und ohne Rechtfertigungsmöglichkeit in künstlerischer und politischer Hinsicht treiben lassen, würde wirklich etwas entstehen, was mancher Leninist am Horizont gesehen haben mag, als er von den Unmengen arbeitsloser Akademiker die ersten, vielversprechenden Berichte hörte. Und dann würde diese Klasse entstehen, die mein Lieblingstheoretiker (...) euphemistisch The Privileged Poor nennt". (S.60ff.)

Glückliche Arbeitssklaven

"Wie wir gesehen haben, hat Bohemia ein kleines, scheinbar sinnvolles Pöstchen für jeden, der zur Selbstausbeutung als Kellner, Schallplattenverkäufer und New-Wave-Boutiquen-Aushilfe bereit ist. Wer einen solchen Job annimmt, tut das ja im Glauben, nichts Unentfremdetes zu tun. In seinem Bewußtsein findet keine Kollision statt, er muß über keinerlei Widersprüche nachdenken. Das Verschwinden marxistischer Kategorien aus allen Bewußtseinen hat dazu geführt, daß der Begriff Alternativkapitalismus oder der der Selbstausbeutung unpopulär und unbekannt geblieben ist. Diese glücklichen Arbeitssklaven und -idioten sehen keine Widersprüche und denken daher auch nicht. Individuieren statt dessen hinter der Kasse der Boutique der besten Freundin." (S.83f.)   

 
     
 
       
   

Der Song zum Buch

The Gun Club - Sexbeat
 
   

Rezensionen

PEICHL, Markus (1986): Im Führerbunker der Subkultur.
Markus Peichl über "Sexbeat" von Diedrich Diederichsen,
in: Spiegel Nr.2 v. 06.01.

Markus PEICHL, Chefredakteur des neuen Zeitgeist-Magazins Tempo, demontiert den Mythos DIEDERICHSEN und grenzt sich in seiner Rezension gleichzeitig ab. PEICHL referiert u.a. das Hipness-Theorem von DIEDERICHSEN und stellt es in den Zusammenhang der Kulturtheorie von Georg SIMMEL, dem Vater der postmodernen Lifestyle-Soziologie:

"Jedes Produkt der Subkultur ist für die Konsumgesellschaft nützlich, jede Art von Subversion wird zum Systemerhalter. Und weil die Vermarktung immer besser funktioniert, kommt es zu einer Inflation von »Hipness«, Mode und Trends. (...). Nur warum sich der Diederichsen darüber so aufregt, verstehe ich nicht.
            Was er da in komplizierten, anklagenden Worten beschreibt, ist ein Prinzip, das Georg Simmel schon 1911 in seiner »Philosophischen Kultur« vorausgesagt hat (...).
            75 Jahre später erklärt uns nun Diedrich Diederichsen in »Sexbeat« seine Sicht der Dinge und gibt dabei eine unfreiwillige Karikatur eines Trend- und Modezombies im Simmelschen Sinn ab."

PEICHLs Magazin Tempo steht für jene "Generation der Yuppies", die später als Generation Golf firmiert und deren Umgang mit Pop und Mode DIEDERICHSEN in Sexbeat kritisiert hat. 

STRAU, Josef (2003): Zitat und Künstlichkeit.
Diedrich Diederichsen: Sexbeat,
in: Fluter, Februar

KARNIK, Olaf (2003): Diedrich Diederichsen - Sexbeat & Joachim Lottmann - Mai, Juni, Juli,
in: Büchermarkt. Sendung des DeutschlandRadio v. 23.05.

Olaf KARNIK bespricht ausführlich die Wiederveröffentlichungen von Diedrich DIEDERICHSENs Sexbeat und Jochen LOTTMANNs Mai, Juni, Juli, die er in einen Zusammenhang mit dem erfolgreichen Doku-Roman Verschwende deine Jugend von Jürgen TEIPEL bringt. KARNIK konfrontiert LOTTMANNs Aussagen im taz-Interview und eine Lobeshymne in der FAS mit Aussagen der damaligen Spex-Redakteurin Clara DRECHSLER:

"Also, als revolutionär habe ich das damals eigentlich nicht empfunden. Neu war an diesem Roman eigentlich nur – Lottmann war das Neue. Und dass man Lottmann noch ertragen konnte. So gesehen hatte er da eine gewisse Rückendeckung von uns aus, natürlich auch gegen die Leute, denen dann plötzlich aufgefallen ist, dass es überhaupt keine richtige Literatur ist und so weiter. Das heißt, er hat sich kurzzeitig die richtigen Feinde gemacht, gegen die man ihn dann verteidigen musste – an und für sich hätte sich sonst wahrscheinlich nie jemand die Mühe gemacht."

Die Gemeinsamkeit und den Unterschied von DIEDERICHSEN und LOTTMANN beschreibt KARNIK folgendermaßen:

"Joachim Lottmann und Diedrich Diederichsen haben den damals durch Bohèmia wehenden Zeitgeist auf den Begriff gebracht - Diederichsen eher kritisch, analytisch, historisierend; Lottmann eher affirmativ, erzählerisch, protokollierend."

 
   

Das Buch in der Debatte

MORSHÄUSER, Bodo (1993): Die Feinen und die Bösen.
Wer mit den Moden durch die Achtziger ging, wird sicher noch ein paar Naziklamotten im Schrank haben. Bloß ist das heute nicht mehr so lustig. Die Party ist vorbei, reden wir über sie!,
in: TAZ v. 20.02.

Infos zu: Bodo Morshäuser - Autor der Single-Generation
 
   

Diedrich Diederichsen im WWW

 
     
   

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© 2002-2015
Bernd Kittlaus
webmaster@single-generation.de Erstellt: 19. Dezember 2000
Stand: 28. August 2015