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Enno Stahl: Diskurspogo

 
       
   
  • Kurzbiographie

    • 1962 geboren
    • Studium der Germanistik, Philosophie und Italianistik
    • 2013 Buch "Diskurspogo"
 
       
     
       
   

Enno Stahl in seiner eigenen Schreibe

 
   

STAHL, Enno (2002): Ulf Poschardt: Über Sportwagen,
in: Büchermarkt. Sendung des DeutschlandRadio v. 26.06.

Ulf Poschardt - Über Sportwagen

STAHL, Enno (2003): D. Holland-Moritz: Lovers Club,
in: Büchermarkt. Sendung des DeutschlandRadio v. 17.03.

STAHL, Enno (2003): Popliteratur - Phänomen oder Phantasma,
in: ndl - neue deutsche literatur, H.2

Enno STAHL widmet sich dem Gespenst Popliteratur. Ausgangspunkt ist das, was in den Feuilletons alles unter diesen Begriff subsumiert wird und von Johannes ULLMAIER dokumentiert wurde. Wie so manches Gespenst der Vergangenheit, beginnt dessen Geschichte auch im Jahr 1968. Leslie A. FIEDLER, der vor kurzem verstorben ist, gilt gemeinhin als Erfinder des Begriffs. Einige Handbücher später -  und auch die britische Cultural Studies nicht vergessend -  ist STAHL bei Faserland  von Christian KRACHT angelangt. Bei den Romanen von KRACHT folgt er dem Germanisten Moritz BAßLER, der KRACHT die - inzwischen gar nicht mehr willkommene - Anerkennung als Popliterat verweigert hat.  Nicht fehlen darf in einer Abhandlung über Popliteratur der Name Hubert WINKELS, das weiß auch STAHL und tut dem genüge.

Dass die kommerzielle Popliteratur etwas mit dem ursprünglichen Konzept Subversion durch Affirmation zu tun haben könnte, darüber könnte die  Second Order Generation durchaus streiten. STAHL legt diese Ansicht aber gleich wieder zu den Akten, nicht ohne vorher alle diejenigen aufzuzählen, die zum elitären Club dazu gehören. STAHL weiß zum Zeitpunkt des Schreibens noch nicht, dass gerade bei Spex die Popliteratur neu erfunden wird. Wenn STAHL - im Gegensatz zu Katharina RUTSCHKY -  keine inhaltlichen Gemeinsamkeiten der Popliteratur entdecken kann, dann muss woanders gesucht werden. STAHL sieht das Gemeinsame in der Transferierung von Marketing-Strategien der Musikindustrie auf die Literatur. Am offensichtlichsten erscheint dies bei Benjamin von STUCKRAD-BARRE plausibel:

"Nicht die Literatur ist also wirklich Pop, sondern die Inszenierung der Autoren, ihre Beanspruchung der Pop-Rolle".

Thomas STEINFELD ist wohl derjenige Literaturkritiker, der dies am konsequentesten anwendet. Besonders gerne bei Michel HOUELLEBECQ.      

STAHL, Enno (2004):Der sozial-realistische Roman,
in: ndl Nr.553, Heft 1

Enno Stahl erklärt das Prinzip des sozial-realistischen Romans u.a. am Beispiel von Michel Houellebecq:

"Der sozial-realistische Roman (...) will über das bloße Abbild hinausgehen, will zeigen, warum die Verhältnisse so sind, wer oder was dafür verantwortlich ist, bzw. er versucht zu ermitteln, inwieweit seine Protagonisten »Fluchtlinien« entwickeln können, die sie aus den Verliesen der sozialen und kulturellen Segmentierungen befreien.
Um ein Mittel aus Ernsthaftigkeit und Distanz zu finden (...) muss der sozial-realistische Roman seine Lehren aus der Postmoderne ziehen und sich jederzeit der Intertextualität seines Erzählens bewusst sein, Hunger kommt eben schon bei Knut Hamsun vor, das macht ihn heute aber nicht weniger grausam.
Hunger kommt auch nicht von ungefähr, es gibt Gründe: Die Einspeisung harter Fakten kann das veranschaulichen. Vermutlich wird es nicht nur einen Grund geben, sondern viele, die in ambivalenten Wechselbeziehungen stehen, voneinander abhängig, sich bedingend oder auch ausschließend. Hier kann die azentrische Struktur des Erzählens einsetzen und eine multiperspektivische Betrachtung ermöglichen. Neben Materialien können Kurz-Reportagen oder -Essays eingebracht werden, die Hintergrundinformationen zur politischen Interpretation liefern oder Nebenschauplätze schildern, die für das eigentliche Thema von Belang sind.
Dieses azentrische Prinzip wird beispielsweise von Michel Houellebecq vorgeführt, so fließen in »Elementarteilchen« zahlreiche Exkurse und essayistische Skizzen ein (...). Im ansonsten eher schwachen Roman »Plattform« werden ausführlich Organisation, Aufstieg und längerfristige Strategien eines Tourismus-Konzerns geschildert. Das vermittelt einen Eindruck dessen, was hinter den realistischen Oberflächen vor sich geht. Leider verstellt Houellebecqs zutiefst nihilistischer Blick auf die menschlichen Verhältnisse und das Bemühen um kurzfristige Provo-Effekte konstruktive Ableitungen, seine Prosa ist beherrscht von einer Idee der Leere, und so wird sie sich womöglich in nichts auflösen, wenn sie nicht in Zukunft einen festen Punkt findet, um sich zu verorten."

STAHL, Enno (2004): Pop als Blase.
Neue Veröffentlichungen zur Pop-Literatur,
in: Büchermarkt. Sendung des DeutschlandRadio v. 07.04.

Enno Stahl behandelt in einer Sammelrezension Bücher zur Pop-Literatur. Darunter die Bücher von Thomas ERNST, Dirk FRANK, Moritz BAßLER, Jörgen SCHÄFER, Eckhard SCHUMACHER, Johannes ULLMAIER und den Text + Kritik Sonderband.

STAHL, Enno (2006): Wenn ein jeder zum Krämer wird.
Die Zahl der prekär Beschäftigten wächst. Aber das Prekariat hat nicht dieselben Interessen wie die Industriearbeiterschaft und ist sehr heterogen,
in: Jungle World Nr.17 v. 26.04.

Enno STAHL referiert über die gegenseitigen Abneigungen von Beschäftigten jenseits des Normalarbeitsverhältnisses. Die Spitzenposition in der Hackordnung der Prekarisierten nehmen zurzeit wohl die urbanen Penner ein. Jüngere dürfen sich dagegen mit den "Lebenspraktikanten" oder der "Generazione 1000 Euro" identifizieren. Die Elitensoziologie der Generation Berlin spaltet mittels Inklussion-Exklussion-Trendvokabeln und Anwälte der Exklussionsklientel sprechen gerne von Working Poor. Man darf sicher sein, dass noch nicht aller Begriffe Abend ist...

STAHL, Enno (2008): Ratinger Hof - Thomas Kling und die Düsseldorfer Punkszene. In: Dirk Matejovski, Marcus S. Kleiner u. Enno Stahl (Hrsg.) Pop in R(h)einkultur. Oberflächenästhetik und Alltagskultur in der Region, Essen: Klartext Verlag

STAHL, Enno (2008): Bolz, Hörisch, Kittler und Winkels tanzen im Ratinger Hof.
Was körperlich-sportiv begann, setzt sich auf anderer Ebene fort: Diskurs-Pogo,
in: Kultur & Gespenster, Heft 6, Winter, S.107–117

Enno STAHL nimmt eine Anekdote aus Punk-Zeiten zum Anlass, um den Geist zu erläutern, aus dem eine mächtige Gegenströmung der Single-Generation gegen die 68er entstand:

"Der Ursprung dessen, worüber ich hier berichten möchte, ist eine kleine Anekdote. Es geht um Pogo, aber es geht auch um Diskurse. Denn diese Geschichte hat – gewissermaßen diskurskritisch gesehen – weitreichende Folgen für die BRD der 80er Jahre gehabt. Folgen, die bis heute währen. Die Anekdote ist kurz und schnell erzählt: Dazu machen wir eine Zeitreise zurück zum Anfang der 80er Jahre, in den legendären Ratinger Hof in Düsseldorf.
Es ist ein karger Raum, darin Punks, die damals natürlich nicht so aussahen wie heute, sondern viel sauberer, ja geradezu gesittet. Viele von ihnen tranken noch nicht einmal Bier! Über der Tanzfläche hängen zwei Fernseher, in denen das normale Programm läuft, nur mit abgestelltem Ton, und die Punks tanzen zu den Clash, Ramones, Buzzocks, Wire, Pistols, Adverts, X-Ray-Spex und vielem anderen, was in voller Lautstärke läuft.
Mittendrin Norbert Bolz, Medien- und Kommunikationstheoretiker, Jochen Hörisch und Friedrich Kittler, beide Literatur- und Medienwissenschaftler, sowie Hubert Winkels, damals auch noch wissenschaftlich unterwegs. Diese vier Herren hatten sich bei einer wissenschaftlichen Tagung (»Fugen«-Kongress) in Düsseldorf getroffen, abends dann Unterhaltungsprogramm, also Ratinger Hof. Da standen sie nun, die mehr oderweniger jungen Theoretiker und sahen der pogenden Masse zu, äußerten vielleicht das ein oder andere Bonmot über die Ikonografie des Punk und seinemedialen Bilder, bis die Energie und Dynamik der authentischen Bilder sie so sehr mitrissen, dass sie sich in die Menge stürzten und mitmischten.
Das ist schon die ganze Geschichte, verbürgt durch zwei der Beteiligten. Eigentlich wäre daran nichts bedeutend oder amüsant, handelte es sich bei den Betreffenden heute nicht um drei gewichtige Ordinarien und einen der einflussreichsten Literaturkritiker der Republik. Meine These ist nämlich die: Was damals rein körperlich-sportiv begann, setzte sich später auf einer ganz anderen Ebene, der öffentlichen und wissenschaftlichen Rede, deutschlandweit fort: Diskurs-Pogo. Sie alle haben maßgebliche Spuren hinterlassen, haben sich eingefräst in die 68er-Domänen, haben darin mitgewirkt, die Weichen umzustellen. Jeder für sich selbst, aber doch in recht ähnlicher Weise auf dem jeweiligen Gebiet. Allen diesen Autoren ist gemein, dass sie von poststrukturalistischen Positionen aus das herrschende Meinungskartell attackierten. Dabei bedienten sie sich einer Methodik, mittels deren auch Punk sich als soziales Zeichen von der Hippiekultur absetzte: der Affirmation bzw. Scheinaffirmation alles dessen, was bei den 68ern verpönt, ja verhasst war."

Bereits 2001 hat single-generation.de geschrieben, dass es die Mediengesellschaft punkig liebt und die Puppies eine neue Kulturelite darstellen. Beispielhaft wurde dafür Michel HOUELLEBECQ gesehen. Es reicht eben nicht aus, nur ein "Meinungskartell" zu zerstören, sondern es bedarf der Verschmelzung von neuen und alten Werten, um dauerhaft erfolgreich zu sein.

STAHL, Enno (2014): Wer schreibt, der bleibt.
Literaturbetrieb: Zeig mir, aus welcher Klasse du kommst, und ich sage dir, wie erfolgreich du als SchriftstellerIn sein kannst,
in: TAZ v. 23.01.

STAHL, Enno (2014): Raus aus der Oberschicht
Die deutsche Literatur ist tatsächlich ein »Closed Shop«, doch sie muss es nicht sein,
in: Jungle World Nr.6 v. 06.02.

Neu:
STAHL, Enno (2014): Von Stuttgart nach Vulgarien.
Die Äußerungen von Sibylle Lewitscharoff zur Reproduktionsmedizin gelten vielen als unhaltbar. Ihr Werk aber sei davon zu unterscheiden. Enno Stahl hat die Bücher der Autorin einer kritischen Relektüre unterzogen,
in: Jungle World, Nr.12
v. 20.03.

 
       
   

Enno Stahl im Gespräch

 
   
fehlt noch
 
       
   

Diskurspogo (2013).
Über Literatur und Gesellschaft
Verbrecherverlag

 
   
     
 

Klappentext

"Warum ist realistische Literatur oft nur pseudorealistisch und die sogenannte Popliteratur lediglich ein erfolgreiches Marketingprodukt?

In drei Kapiteln analysiert Enno Stahl – teils kritisch und konfrontativ, teils verwundert - die aktuellen gesellschaftlichen Veränderungen, die Politik unserer Zeit und die (fehlende) Auseinandersetzung damit in der deutschen Gegenwartsliteratur. Er untersucht u. a. Christian Kracht, Ernst-Wilhelm Händler und Juli Zeh mit ideologiekritischer Verve, analysiert die Social-Beat-Bewegung, Poetry-Slams und die Anfänge des deutschen Punk im Ratinger Hof in Düsseldorf.

Außerdem geht es um Ausbeutung in der heutigen Arbeitswelt, von der katastrophalen Lohnsituation bis hin zum Schlafentzug. Diese wird in der Gegenwartsliteratur kaum thematisiert, da Erwerbsarbeit hier keine Rolle zu spielen scheint. Demgegenüber entwickelt Stahl eine Programmatik, in der er zeitgenössisches literarisches Engagement fordert, eine Literatur, die sich den gesellschaftlichen Aporien stellt."

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

Zur Methode: Wertungsdispositive

I Soziale Literatur

Der sozial-realistische Roman
Literatur in Zeiten der Umverteilung
»Wir schlafen nicht.« New Economy und Literatur
Kneipen-Jobber und Kulturschaffende
Urbane Szenerien in der zeitgenössischen Lyrik
Risikogesellschaften. Lyrik und ihre Bilder vom Sozialen
Realismus und literarische Analyse

II Pop, Punk und Terror

Popliteratur – Phänomen oder Phantasma?
Trash, Social Beat und Slam-Poetry. Eine Begriffsentwirrung
Popliteratur – eine fragwürdige Kategorie
Ratinger Hof – Thomas Kling und die Düsseldorfer Punkszene
Literatur und Terror

III Kultur und Gesellschaft

Anti-(Schein-)Affirmation. Notiz zu einer zeitgenössischen Kulturkritik
Bolz, Hörisch, Kittler und Winkels tanzen Pogo – erst im Ratinger Hof, dann deutschlandweit
Wenn ein jeder zum Krämer wird. Über das Prekariat
Utopie des Respekts

     
 
       
   

Rezensionen

WILLEMS, Martin (2013): Schrammen am Elfenbeinturm.
Enno Stahl macht sich auf die Suche nach der sozial relevanten Literatur,
in: junge Welt v. 09.10.

 
   

Der Literaturbetrieb in der Debatte

STAHL, Enno (2014): Wer schreibt, der bleibt.
Literaturbetrieb: Zeig mir, aus welcher Klasse du kommst, und ich sage dir, wie erfolgreich du als SchriftstellerIn sein kannst,
in: TAZ v. 23.01.

"Das soll nun beileibe kein Plädoyer für eine »Literatur von unten« sein, denn die gibt es nicht, gab es nie und wird es nie geben",

erklärt uns Enno STAHL. Damit erledigt sich die Debatte, die - wie sollte es anders sein - von einem Sprössing aus dem Bildungsbürgertum angezettelt wurde -  eigentlich von selbst, denn man möchte unter sich bleiben und lediglich für ein bisschen Partysmalltalk sorgen.

STAHL ist selber Teil des Literaturbetriebes und der fordert, dass Autoren, deren Bücher gerade auf den Markt kommen bzw. gerade erschienen sind, ein bisschen im Feuilleton herumpoltern, um sich der Ökonomie der Aufmerksamkeit zu bedienen. Die einen schmücken sich derzeit mit dem Klassenbegriff wie SEEßLEN und STAHL, andere pöbeln gegen das Internet wie Martin R. DEAN. Distinktionsgewinne erzielt man derzeit also am einfachsten mit dem Klassenbegriff oder mit Stilbewusstsein - je nach Medium.  

HARTWIG, Ina (2014): Krieg der Hornbrillen.
Ist die deutsche Gegenwartsliteratur nur noch brav statt bravourös, wie behauptet wird? Was ist denn das für eine merkwürdige Debatte. Ein Zwischenruf,
in: Süddeutsche Zeitung v. 27.01.

AMLINGER, Carolin (2014): Es ist die Marktlogik!
Gesellschaftskunde: Die Debatte um angepasste Schriftsteller aus dem Mittelstand sagt mehr über den Literaturbetrieb, als wir glauben wollen,
in: Freitag Nr.6 v. 06.02.

GRANJASNOWA, Olga (2014): Deutschland, deine Dichter.
Ist die Gegenwartsliteratur zu brav, weil zu viele Arztsöhne an den Schreibschulen studieren? Florian Kesslers Kritik zielt auf den falschen Gegner,
in: Welt v. 08.02.

Olga GRAJASNOWA macht die Literaturdebatte scheinbar anschlussfähig an den neokonservativen Klassenbegriff des Historikers Paul NOLTE:

"Ich bin definitiv ein Produkt des deutschen Literaturbetriebs. Leider schaffte es mein Nachname nicht in Kesslers Auflistung meiner ehemaligen Kommilitonen und der Berufe ihrer Eltern, genauso wenig wie der von Saša Stanišić. (...). Gönnerhaft gesteht Kessler uns humanistische Bildung zu, aber nicht unseren Eltern. Dass jemand gleichzeitig Migrant und Intellektueller sein könnte, kommt ihm nicht in den Sinn, was vielleicht auch schon einiges über sein Politik- und Kunstverständnis aussagt – aber vor allem über seine mangelnde Recherche.
Tatsächlich habe ich erst mit zehn Jahren erfahren, dass ein Universitätsstudium nicht obligatorisch ist. (...). Ich bin privilegiert aufgewachsen, zumindest in den ersten Jahren meines Lebens, in einem Haus voller Bücher und mit Eltern, denen ich nicht erklären musste, dass ich gerne studieren würde, statt sofort das damals dringend gebrauchte Geld zu verdienen.
Florian Kessler hat teilweise recht – es geht noch immer um Herkunft, aber auch um politische Teilhabe und kulturelle Hegemonie. Doch Kessler verwechselt eine politische mit einer literarischen Diskussion. Problematisch ist nicht die bildungsbürgerliche Herkunft der Autoren, problematisch ist, dass in unserer Gesellschaft nur bestimmte Personen Zugang zur Bildung und zum symbolischen Kapital bekommen."

Das Problem lautet dann, dass die Unterschichten durch Bildungsferne und Verblödung durch die Massenmedien gekennzeichnet sind. Die Lösung lautet dann: Bildung, Bildung, Bildung! Tatsächlich ist das nur die halbe Wahrheit, denn Bildung ist lediglich notwendige Voraussetzung für sozialen Aufstieg. Ohne den richtigen Habitus kann Bildung jedoch nicht in ökonomisches Kapital und Erfolg umgesetzt werden. Typisches Beispiel für das Problem von "unangepassten" Bildungsaufsteigern im Literaturbetrieb ist der österreichische Schriftsteller Franz INNERHOFER.

Aber letztlich geht es GRAJASNOWA und dieser Literaturdebatte nicht wirklich um Klassenfragen, sondern nur um Distinktion.

SUNDERMEIER, Jörg (2014): Es muss nicht der Amazonas sein.
Literatur soll die Welt so beschreiben, wie sie ist. Dazu kann unter Umständen auch jede Menge Phantasie vonnöten sein. Ein weiterer Beitrag zur Debatte über die deutsche Gegenwartsliteratur,
in: Jungle World Nr.9 v. 27.02.

Jörg SUNDERMEIER nähert sich der Literaturbetriebdebatte, die auf Bildungsbürger-Small-Talk-Niveau geführt wird, über Gisela ELSNERs Aufsatz über Ehebrecherinnen in der Weltliteratur und die Moral der Bourgeoisie:

"Sie fordert, die Klassenverhältnisse zu analysieren und moralische Kategorien auf ihren Nutzen für die Bourgeoise hin zu untersuchen. Und sie fordert das explizit von der Literatur."

Realismus in der Literatur sei nicht mit Authentizität und Nähe zur Wirklichkeit zu verwechseln, meint SUNDERMEIER, denn sonst könnten darin keine Außerirdischen wie bei Dietmar DATH (oder gar Klone wie bei Michel HOUELLEBECQ) auftauchen. Sein Ratschlag:

"Wer die gesellschaftlichen Verhältnisse unverkitscht darstellen will, sollte sich einen Job jenseits des Literaturbetriebs suchen. Vom Schreiben, vom Veröffentlichen allein wird sie und wird er nicht leben können. Der Berufsautor dagegen muss sich, um überleben zu können, anpassen können."

Aber braucht die Welt überhaupt mehr Realismus in der Literatur oder angesichts der unzähligen Dystopien des vergangenen Jahrzehnts nicht eher neue Utopien? Ist nicht eine utopische Literatur gefordert angesichts angeblicher Sachzwänge, z.B. in Sachen Demografie? Eine Herausforderung wäre es die Demografisierung sozialer Probleme in der Literatur zu bearbeiten. Aber dazu fehlt es wohl an Mut...

 
   

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© 2002-2015
Bernd Kittlaus
webmaster@single-generation.de Erstellt: 05. Januar 2014
Update: 27. September 2015