| |
|
- BALZER,
Jens (2001): Konkurs einer Pose.
Auf
Blumfelds neuem Album
"Testament der
Angst" herrscht der
existenzialistische Konsens,
in: Berliner
Zeitung v. 09.06.
- BALZER, Jens (2004): Den diskursiven
Wert des Klugscheißertums muss man neu überdenken.
Heute erscheint "Zombi", das
neue Album von Kante. Am Sonnabend spielte die Band beim
Summerize-Festival in der Kulturbrauerei,
in: Berliner Zeitung v. 16.08.
- BALZER, Jens (2005): Gift trinken,
Glassplitter essen.
Sollen wir an diesen neuen Hype glauben? Das Debüt von
Bloc Party,
in: Berliner Zeitung v. 02.03.
- BALZER, Jens (2006): Wir hielten ihn
von vornherein für ein Arschloch.
Dem Gesamtkünstler und Universalgenie Johnny Rotten zum 50.
Geburtstag,
in: Berliner Zeitung v. 31.01.
- Inhalt:
BALZER gratuliert dem Post-Punk im Sex
Pistols-Mitglied Johnny Rotten:
"Ein
paar Monate lang waren die Sex Pistols die größte Band auf der Welt;
dann brachen sie so blitzartig auseinander, wie sie entstanden waren:
nicht zuletzt, weil Johnny Rotten unter den übrigen Musikern so
unbeliebt war (...). Auch musikalisch waren die Gemeinsamkeiten
gering: Die Rest-Pistols wollten roh herumrocken; Rotten war ein Fan
von Sixties-Psychedelia und jamaikanischem Dub - zwei Vorlieben, die
er erst mit seiner nächsten Band Public Image Ltd. ausleben konnte.
»Public Image«, »Metal Box« und »Second Edition«, deren erste drei
Alben, sind Rottens wahres musikalisches Vermächtnis: in ihrer
Vermählung von Dub Reggae und Rock, vor allem aber in ihrer
ausgereiften Studiotechnik und klanglichen Originalität stilprägend
weit über das kurze Strohfeuer des Punk hinaus."
- BALZER, Jens (2006): Obst, Tiere,
Transportwesen.
Auf ihrem neuen Album stellen sich Blumfeld den zentralen Fragen
der Existenz,
in: Berliner Zeitung v. 27.04.
- Kommentar:
Die Berliner Zeitung hält sich nicht
lange mit Pro und Contra auf, hält nichts von postmoderner
Erwachsenendefinition, sondern kommt gleich zum Kern.
Jens
BALZER weiß was junge Männer wollen, wenn sie reifen:
"»Lass
uns nicht über Sex reden«
hieß das prägnanteste Stück ihrer frühen Jahre, unter dem Mantel
politischer Melancholie ging es damals in Wahrheit vor allem um
eins: um den Wunsch gedankengetriebener junger Menschen, mit dem
Gerede aufzuhören und endlich zu kopulieren. Die Melancholie, die
aus ihren Stücken erklang, war immer die Melancholie nach dem
ersehnten Koitus.
Lange,
zu lange haben sich Blumfeld damit begnügt, diese Melancholie zur
existenzialistischen Position zu überhöhen. Das kam bei
unausgelasteten jungen Männern eine Weile gut an; doch eigentlich
haben ihre Songs und die damit verbunden Posen schon seit
»L'état
et moi«
(1994) meistens genervt. Auf
»Verbotene
Früchte« ist das vollkommen anders:
Endlich haben Blumfeld herausgefunden, womit man sich nach dem Ende
des Sex trösten kann. Mit der Hoffnung auf das, was dabei entsteht
und den Augenblick übersteigt: dass Samen und Ei sich zum Kinde
verbinden."
Poplinkskulturintellektualität
reimt sich ab sofort müllerwesternhagenhaft auf Elternschaft.
Jene, die sich diesem demografischen Trend der Zeit verweigern,
halten
Blumfeld dagegen für onkelhaft.
- BALZER, Jens (2006): Jeder muss wombeln.
Sonst klappt es nie: "Die Tiere sind unruhig", das neue Album von
Kante,
in: Berliner Zeitung v. 09.08.
- BALZER, Jens (2006):
Spex.
Was geht und was nicht geht,
in: Berliner Zeitung v. 22.12.
- Inhalt:
Anlässlich des Umzugs der Spex von Köln
nach Berlin, rechnet BALZER mit dem "Dampfplauderer"
Dietmar DATH
ab:
"Was
aber nicht geht, ist, dass man sich wie der ehemalige
Spex-Chefredakteur Dietmar Dath, unter dessen Regentschaft das Blatt
Ende der Neunzigerjahre erst richtig dramatisch in die roten Zahlen
gerutscht ist (...), sieben Jahre später hinstellt und (...) im
Medienteil ebenjener FAZ ohne das leiseste Quantum an Selbstreflexion
oder gar -kritik, dafür unter dem großraumnietzscheanischen Titel
»Wie wir Spex zerstört haben«
als letzter wahrer Pop-Underground-Marxist der Republik posiert und
den jungen Leuten da draußen nochmal gönnerhaft rät, nicht zu
versuchen, »das, was Spex wollte, im selben Rahmen fortzusetzen»".
- BALZER, Jens (2007): Es geht um uns.
"A Weekend in the City": Bloc Party weiten den Britpop-Blick auf
die Welt,
in: Berliner Zeitung v. 02.02.
- Inhalt:
"Es geht immer noch um teenage angst und
Selbstfindungssorgen; aber bei Bloc Party sind das keine isolierten,
biografischen Probleme mehr. Als erste Band des neuen Britpop haben
sie den Blick aufs Ganze geweitet, auf Zusammenhänge, die Welt. Es
geht nicht mehr um die Melancholie gelangweilter Twens. Es geht um
Paranoia, Polarisierung, Rassismus. Um das, was uns alle angeht",
meint Jens BALZER zum Album
"A Weekend in
the City".
-
JUNGLE WORLD (2007): Feindseliger Krach.
»Der Song, der mein Leben veränderte.« 22 Autorinnen und Autoren
erzählen Geschichten aus ihrem Leben und davon, welche Rolle ein
Musikstück darin spielte. Teil I eines zweiteiligen Dossiers,
in: Jungle World Nr.18 v. 02.05
- Inhalt:
Jens BALZER schreibt über einen Song,
der sein Leben veränderte:
"Wenn es einen
Song gab, der mein Leben veränderte, dann war das »Tanz
Debil« von den Einstürzenden Neubauten: was für ein Krach!
Was für ein Wahnsinn! Und das alles mit
Schrott-Instrumenten! Das war schmutzig und stylish, und die
Musiker auf dem LP-Backcover – verhungerte Gestalten vor
einer Unmenge säuberlich aufgereihten Metallmülls – waren
unfassbar cool. So wollte ich auch sein! Ich war 14, als ich
das zum ersten Mal hörte und sah, 1983 als Neuntklässler auf
dem Gymnasium im niedersächsischen Tostedt, und die Platte
hatte mir ein älterer, gerade sitzengebliebener Punk
geliehen – bis dahin hatte ich mit meinen Freunden vor allem
US-amerikanischen Hardrock gehört, der über einen als
Gitarrenlehrer arbeitenden Vater in die Gruppe kam: Accept,
Boston, Journey, ja sogar Status Quo (Gitarrenlehrer sind
für die Bildung musikalischen Geschmacks schon immer höchst
schädlich gewesen). Mit »Tanz Debil« und der LP »Kollaps«
wurde dann alles anders: Die Liebe zu menschenfeindlichem
Krach, die damals in mir erwachte, ist bis heute kaum kälter
geworden."
- BALZER, Jens & Max DAX (2007):
Tocotronic.
Unter weissen Fahnen,
in: Spex, Nr.309, Juli/August
- Inhalt:
Jens BALZER & MAx DAX preisen in der
post-besserwisserischen Spex das neue
"post-besserwisserische"
Tocotronic-Album "Kapitulation":
"Zum Dandy- und
Dünkelhaften kommt jetzt das genussvoll Gequälte hinzu, der
bürgerlich-salonmarxistische Trotz von jemanden, der nach Jahren
unbeirrten Anrennens gegen einen nicht zu besiegenden Gegner - »das
System«, »die Nation«, »die Welt« - sich in eine stolzes »Ach, lasst
mich doch alle in Ruhe« zurückzufallen erlaubt."
Auch die
Band-Historie mit ihren Distinktionen kommt dabei nicht zu kurz:
"Wenn man von den frühen
Tocotronic spricht, muss man auch von Benjamin von Stuckrad-Barre und Christian Kracht und dem
popkulturellen Quintett reden. Gegen die neuen Junker und
Junge-Union-Typen, die damals die Deutungsherrschaft über »Pop« zu
übernehmen versuchten, bildeten Tocotronic keinen Gegenpol, sondern
in ihrer trainingsjackentragenden Schnöseligkeit gewissermaßen die
anti-luxuriöse, edel-verwahrloste Variante.
(...).
Ironischerweise hat gerade dieser leere (oder eben auch hysterische)
Distinktionswillen eine Unmenge von Klonen erzeugt. Keine andere
deutsche Band des Jahrzehnts ist so stilbildend gewesen, wurde so
oft imitiert wie Tocotronic - von der typischen Körperhaltung der
Musiker, diesem leicht buckligen Hände-in-Hinterntaschen-Schieben,
bis zu den zu engen Trainingsjacken, die sie nach 1995 als
meistgetragendes Indierock-Hörer-Kleidungssteil durchsetzten".
- Neu:
BALZER, Jens (2007):
Alle Tore offen.
Warum die heroische Zeit des Pop weder in den sechziger noch in den
neunziger Jahren war, sondern um 1980: das wilde Fest nach dem Punk,
in: Literaturen, Juli/August
- Inhalt:
Anlässlich der
deutschen Ausgabe von "Rip It Up And Start Again" von
Simon REYNOLDS schwelgt der Popist Jens BALZER in heroischen
Post-Punk-Zeiten:
"Blasse junge Männer
beklagen zu pulsenden Beats die Klassenverhältnisse im
Spätkapitalismus, strahlende Mädchen streiten in ironischer
Primitiven-Verkleidung gegen sexuelle Ausbeutung und den Machismo
des Rock 'n' Roll. Die Jahre zwischen 1978 und 1984 waren die
heroische Zeit der Popmusik, eine Epoche, die nur so strotzt vor
Kraft, Erfindungsgeist, Futurismus."
BALZER drösselt
noch einmal die Kontroverse zwischen "Rockisten" (Greil MARCUS,
Rolling Stone incl.
angeschlossener bürgerlicher Feuilletons)
und "Popisten" auf (Diedrich DIEDERICHSEN und Spex):
"Während die Rockisten
zur Nostalgie neigen und zum kulturpessimistischen Lamento,
schreiben die Popisten jenen Fortschrittsgedanken fort, wie ihn die
Epoche des Postpunk geprägt hat. Historiografie ersetzen sie durch
Theorie und die Liebe zur Tradition durch Utopismus. Zukunft gilt
ihnen viel, Vergangenheit hingegen wenig."
Da den Popisten
aus diesen Gründen bislang ein "Historiker" fehlte, sieht er Simon
REYNOLDS als Glücksfall an:
"Er ist ein
empathischer Anti-Rockist, voller Misstrauen gegenüber der
Verherrlichung von Tradition und Authentizität. Dennoch ist er ein
glühender Historiker."
In den "Indie-Rockern"
ab
Mitte der 80er Jahre sieht BALZER die erste Popkultur, die sich
als "retro" verstand und sich der erschlafften utopischen Kräften
verdankte.
|
|