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Mercedes Bunz: Gegen-Ökonomie oder Urbanes Pennertum?

 
       
   
  • Kurzbiographie

    • 1971 in Magdeburg geboren
    • Mitbegründerin der Zeitschrift De:Bug
 
       
     
       
   

Mercedes Bunz in ihrer eigenen Schreibe

 
   
zitty-Titelgeschichte:
Meine Armut kotzt mich an.
Kein Geld, aber tausend Ideen: Urbane Penner sind die unterschätzte, kreative Elite Berlins
  • BUNZ, Mercedes (2006): Meine Armut kotzt mich an.
    In dieser Stadt sieht man uns überall. Wir bevölkern die Cafés mit unseren Laptops. Wir betreiben kleine Läden, in denen wir vorne junge Mode oder minimale Möbel ausstellen. Und wenn man spätabends an den erleuchteten Fenstern unserer Ladenlokal-Büros vorbeigeht, sieht man uns immer noch Design entwerfend hinter den Rechnern sitzen. Wir sind hip, hoch qualifiziert, diffus kreativ und arm. Urbane Penner eben,
    in: zitty v. 16.02.
    • Inhalt:
      Mercedes BUNZ skizziert diverse Gründe, die das Phänomen der urbanen Penner begünstigen, u.a. die Elternabhängigkeit:

                
      "Wie kommt es, dass qualifizierte Menschen in der Blüte ihrer Jahre einen so mageren Lohn hinnehmen, ohne aufzubegehren oder zu murren? Wieso sind wir - gut ausgebildet und belastbar - bereit, ein Praktikum nach dem anderen abzureißen, ohne Geld zu verdienen?
                
      (...)
                
      »Warum«, frage ich Terkessidis, »wird also nicht demonstriert, randaliert oder zumindest lauthals gemotzt? Warum bleibt ein Generationskonflikt aus?« Der Grund ist eindeutig: In der Ökonomie des Urbanen Pennertums spielen die Eltern eine nicht unwesentliche Rolle, denn sie sind es, die ihrem Kind ein Praktikum nach dem anderen ermöglichen. »Mittlerweile ist die private Subventionierung von Gehalt bei jungen Leuten normal«, sagt Terkessidis. »Die Eltern finanzieren, was die Wirtschaft oder der Staat nicht mehr bezahlen will oder kann, immer in der Hoffnung, dass sich das symbolische Kapital, das ihr Kind erwirbt, später auszahlt. Denn von dem Lohn, der für Volontariate, Assistenzen und Praktika in Verlagen, Theatern oder Agenturen bezahlt wird, kann man nicht wirklich leben.« Die ältere Generation bügelt also das Manko von Staat und Wirtschaft mit ihrer Privatschatulle aus. Im Grunde bezahlt sie damit von ihrem Gehalt zwei Leben, nämlich ihr eigenes und das ihrer Kinder. Daher war Rebellion auch gestern, denn man beißt nicht die Hand, die einen füttert."
      • Kommentar:
        Was das wirklich Neue ist: für Mercedes BUNZ ist das urbane Pennertum keine Frage er Wahlfreiheit, wie es die Individualisierungsoptimisten behaupten, sondern es geht um Zwangsindividualisierung:

                  
        "Diese Situation ist nicht entstanden, weil man eine Wahl gehabt hätte. Es gibt zu ihr derzeit keine Alternative"
 
       
   

Mercedes Bunz: Porträts und Gespräche

 
     
   

Debatte um das urbane Pennertum

 
   
  • DIEDERICHSEN, Diedrich (1985): The Privileged Poors, in: Sexbeat
  • DIEDERICHSEN, Diedrich (1993): Gefühlte Paprika.
    Die politische Subjektivität der Boheme,
    in: Texte zur Kunst, September 1993
    • Inhalt:
      Diedrich DIEDERICHSEN beschreibt den Umschlagspunkt der neuen Ernsthaftigkeit in der Gesellschaft des Weniger:

            
        "Exakt an dem Punkt, wo sich die zugestandene Aufschiebung des Ernstes des Lebens (ewige Studentenzeit, erträgliche Einnahmen in den Schattenökonomien der Indie-Szene und der Kunstwelt) in einen erzwungenen Aufschub (Arbeitslosigkeit, Rezession auch im Kulturbereich, Steigerung des Anteils auch der Beschäftigten, die nicht mehr dauerhafte Jobs haben, sondern sich von Job zu Job hangeln, wodurch Leute unfreiwillig bohemisiert werden, aber of die betreffenden Verhaltensweisen und Denkgewohnheiten entwickeln) verwandelt, wird aus der fröhlichen Dissidenz des theoretischen Selberdenkers politischer Ernst."
  • BECK, Ulrich (2005): Die Gesellschaft des Weniger.
    Arbeitslosigkeit, Hartz IV: ein Land steigt ab,
    in: Süddeutsche Zeitung v. 03.02.
    • Kommentar:
      Vor über 10 Jahren hat der Poptheoretiker Diedrich DIEDERICHSEN den Umschlagspunkt der neuen Ernsthaftigkeit in der Gesellschaft des Weniger beschrieben:
  • MANGOLD, Ijoma (2005): Das neue Subproletariat.
    Inwieweit profitiert die NPD vom "White Trash"?
    in: Süddeutsche Zeitung v. 09.02.
  • RUTSCHKY, Michael (2005): Neuzugänge bei der Boheme,
    in: TAZ v. 09.02.
    • Kommentar:
      Die 68er sind sichtlich gealtert. Nach 30 Jahre Wirtschaftskrise kommen sie uns immer noch mit den alten Bohemekonzepten (Da war selbst Diedrich DIEDERICHSEN vor 10 Jahren schon weiter), mag sein, dass die Erbengeneration das Geld ihrer Eltern noch eine zeitlang verprassen kann.

            
        Für andere wird es dagegen jetzt schon eng. Darüber schreibt Ijoma MANGOLD.
  • KORTMANN, Christian (2005): Wir müssen leider draußen bleiben.
    Die Generation Praktikum und die Diskriminierung durch "Rankism",
    in: Süddeutsche Zeitung v. 09.04.
  • KOCH, Christoph (2006): Vokabeln lernen: Urbane Penner.
    Das Magazin Zitty hat auf unserem Planeten eine neue Lebensform entdeckt,
    in: jetzt.de v. 16.02.
  • SCHMIDT, Jochen (2006): Unter uns urbanen Pennern,
    in: TAZ v. 15.03.
    • Inhalt:
      Angesichts einer erfolgreichen Titelgeschichte über "urbane Penner", denkt Jochen SCHMIDT aus ostdeutscher Perspektive über das Phänomen nach:

                
      "Laut Statistik erbt ein westdeutscher gleichaltriger (35) urbaner Penner 311.000 Euro (ohne Immobilien!), ich ostdeutscher urbaner Penner 22.000. Ich denke, dieses Wissen lässt einen anders in den Tag gehen. Warum soll ich Mitleid haben mit jemandem, der die Zeit bis zur Erbschaft damit totschlägt, sinnlose Websites zu designen, überflüssige Clubs zu verhübschen oder lustige Umstandsmode zu entwerfen, und sich deshalb kreativ nennen darf? Und trotzdem im auf Pump bezahlten Anzug herumläuft?"
  • EGE, Moritz & Tobias TIMM (2006): Das internationale Prekariat.
    Ausgebeutete? Urbane Penner? Die Praktikanten protestieren,
    in: Süddeutsche Zeitung v. 03.04.
    • Kommentar:
      EGE & TIMM berichten, dass der Protest der Generation Praktikum in Berlin implodiert ist.

                
      Sie stellen sich deshalb die Frage, warum in Deutschland im Gegensatz zu Frankreich Protestunwilligkeit herrscht.
                
      Das größte Hindernis ist offensichtlich der private Generationenvertrag:
                
      "subventionierende Eltern. Wer die nicht hat, hat ein Problem".
                
      Selbstausbeutung ist seit der Alternativbewegung keine Seltenheit mehr, sondern zur Normalität geworden. Die New Economy und die Kulturindustrie führen fort, was die Alternativen begannen.
                
      Wenn sich nun erstmals überhaupt Unbehagen bei den "Aufstiegsfähigen" regt, indem man sich zum "urbanen Penner" ausruft, dann scheint der bohemistische Lebensstil seinen Zenit überschritten haben.
                
      Der urbane Penner ist im Grunde nur ein Bobo (David BROOKS), dem dämmert, dass er möglicherweise den als sicher geglaubten Lebensstil gar nie erreichen wird.
                
      Das Leiden der Bobos hat BROOKS trefflich mit Status-Einkommens-Disparität (SED) beschrieben:
                
      "Diese Krankheit überkommt Leute, denen ihre Arbeit hohen sozialen Status verleiht, zu der aber nur ein vergleichsweise bescheidenes Einkommen gehört. Die Tragödie der SED-Kranken ist, dass sie ruhmreiche Tage, aber erniedrigende Nächte durchleben."
                
      Für Praktikanten gilt das natürlich weniger als für urbane Penner, also Kreative wie Mercedes BUNZ.
                
      Dass die Probleme der "prinzipiell Aufstiegsfähigen nicht nur mit Solidarität, sondern auch mit aggressiver Häme begegnet wird" ist deshalb kaum verwunderlich.
                
      Mit dem Wegfall der elterlichen Subventionen würde die bohemistische Blase genauso platzen wie einst die New Economy. Die Aufkündigung des öffentlichen Generationenvertrags durch die Besserverdienenden könnte dies zusätzlich beschleunigen.
                
      Dann besteht aber immer noch ein Unterschied zwischen den Gutgebildeten und den Schlechtgebildeten, der die Solidarität des "Prekariats" (oder modischer: Multitude ) verhindert:
                
      "Es bleibt schließlich ein Unterschied, ob das Praktikum nach dem Staatsexamen in der renommierten Kanzlei oder nach dem Hauptschulabschluss in einer Bäckerei absolviert wird".    
  • STAHL, Enno (2006): Wenn ein jeder zum Krämer wird.
    Die Zahl der prekär Beschäftigten wächst. Aber das Prekariat hat nicht dieselben Interessen wie die Industriearbeiterschaft und ist sehr heterogen,
    in: Jungle World Nr.17 v. 26.04.
    • Kommentar:
      Enno STAHL referiert über die gegenseitigen Abneigungen von Beschäftigten jenseits des Normalarbeitsverhältnisses.

                
       Die Spitzenposition in der Hackordnung der Prekarisierten nehmen zurzeit wohl die urbanen Penner ein.
                
       Jüngere dürfen sich dagegen mit den "Lebenspraktikanten" oder der "Generazione 1000 Euro" identifizieren.
                
       Die Elitensoziologie der Generation Berlin spaltet mittels Inklussion-Exklussion-Trendvokabeln und Anwälte der Exklussionsklientel sprechen gerne von Working Poor.
                
       Man darf sicher sein, dass noch nicht aller Begriffe Abend ist...
  • GROSS, Thomas (2006): Von der Boheme zur Unterschicht.
    Job, Geld, Leben – nichts ist mehr sicher. Eine neue Klasse der Ausgebeuteten begehrt auf: Das Prekariat,
    in: Die ZEIT Nr.18 v. 27.04.
    • Kommentar:
      Thomas GROSS liefert einen kurzen historischen Abriss der Debatte um die Prekarisierung der Arbeitsverhältnisse, die er Anfang der 80er beginnen lässt. Den Durchbruch der Debatte verlegt GROSS auf die Jahrtausendwende:

                
       "Virulent wurde der Prekarisierungsdiskurs erst, als Anne und Marine Rambach in ihrer 2001 erschienenen Streitschrift Les intellos précaires (»Die prekären Intellektuellen«) das Bild einer Intelligenz entwarfen, die mit dem Widerspruch leben muss, bei relativ hohem Sozialstatus immer schlechteren Arbeitsbedingungen ausgesetzt zu sein – und damit in Frankreich einen Bestseller landeten. Neu an der Debatte sind also nicht ihre Sachverhalte, neu ist die Tatsache, dass diese die urbanen Mittelschichten ergriffen haben."
                
       In dem lesenswerten Sammelband "Generationen" behauptet der Kulturwissenschaftler Kaspar MAASE, dass wir im Zeitalter der postheroischen Generationen angelangt seien.
                
       Es stellt sich also die Frage, ob die "Klasse" des Prekariats den Generationendiskurs in Zukunft ganz erledigt oder ob sich die Prekarisierten zu einer heroischen Generation zusammenfinden.
                
       Bislang deutet nicht viel darauf hin, dass entweder das eine oder das andere zutreffend sein könnte. Die Hackordnung der Prekarisierten deutet eher darauf hin, dass sich eine neue Arbeitsordnung entwickelt. Die urbanen Penner könnten zur neuen Mittelschicht mutieren - analog zu den Bobos, den Kriegsgewinnler der Alternativbewegung.
                
       Wenn Thomas GROSS die Debatte um die Prekarisierung mit der Neuen Bürgerlichkeit verknüpft, dann ist da die neue Unterschichtenliteratur auch nicht weit.
  • APIN, Nina (2006): "Diskutieren wir lieber die Klassenfrage".
    taz-Serie "Prekäre Leben" (Teil 4): Inzwischen gilt es schon als schick, prekarisiert zu leben, sagt Christiane Rösinger, Sängerin von Britta. Die Band singt über die schwierigen Lebensverhältnisse von Künstlern - und verarbeitet auch eigene Erfahrungen,
    in: TAZ Berlin v. 04.07.
    • Inhalt:
      Christiane RÖSINGER kritisiert die Debatte um die "urbanen Penner" und benennt die Ungleichheiten innerhalb der Gruppe der Prekarisierten:

                
       "Auf der neuen Britta-Platte »Das schöne Leben« stellt Ihre Band die Frage: »Ist das noch Boheme oder schon die neue Unterschicht?« Wo verläuft denn die Grenze zur Armut?
                
       Solange man sich den Latte Macchiato noch leisten kann und abends den Sekt auf Eis, kann man nicht von wirklicher Armut sprechen. Doch durch die Finanzknappheit verschieben sich allmählich Grenzen, auch von persönlichen Beziehungen: Man fährt nicht mehr in Urlaub, man trennt sich von Freunden, die wesentlich mehr Geld haben. Eigentlich können auch Beziehungen zwischen Armen und Reichen nicht funktionieren.
                
       Das klingt jetzt aber schwer nach Klassenkampf.
                
       Wenn Akademiker und Kinder aus Mittelschichtsfamilien den Lebensstil ihrer Eltern nicht mehr erreichen können, ist das ein Mittelschichtsproblem. Das ist nicht vergleichbar mit einer Hartz-IV-Familie, die kein Geld hat für Schulausflüge der Kinder. Die »Generation Praktikum« wird irgendwann ihren Platz in der Gesellschaft finden. Schon durch ihre Bildung stehen ihnen viel mehr Chancen offen als einer Textilarbeiterin."
  • Neu:
    FRIEBE, Holm (2006): Wo kommt das alles plötzlich her?
    Ironieverdacht? Verschwörungstheorien? In den vergangenen Tagen konnte man einiges über die Berliner Bachmann-Preisträgerin Kathrin Passig lesen. Vieles war Unsinn. Hier nun ein schonungsloser Offenbarungstext über die wahren Hintergründe der Autorin und das Geschäftsjahr 2006 der ZIA,
    in: zitty v. 06.07.
    • Inhalt:
      Holm FRIEBE schildert die Zentrale Intelligenz Agentur in der Tradition der "Muße-Gesellschaft", die Bernd CILLOUX in dem Roman "Das Geschäftsjahr 1968/69" beschrieben hat:

                
       "»Jeden Tag gerieten wir aufs neue in kontroverse Debatten und vertieften aufs neue das unendliche Thema von Sinn, Zweck und Zukunft der Muße-Gesellschaft. Mit welchem Anspruch wollten wir demnächst auftreten? Als Künstlergruppe, als elektrische Derwische mit dem Blitz der Erleuchtung durch die Republik ziehen? Oder doch als Firma, als kleines, seine wahren Absichten verschleierndes Unternehmen. Das hörte sich schnöde an. Es musste noch etwas anderes geben.« Ich fühlte mich and ie ZIA erinnert und hatte das Buch zu Weihnachten an alles engeren Mitarbeiter verschenkt. Cailloux schrieb über uns, wenn er schrieb: »Noch immer schwebte mir eine lose Gruppierung, eine Firma im Schwebezustand vor, ein improvisierter, spielerischer Betrieb, ähnlich dem einer Band als der Höchstform für Teams und aus der Lamäng hingeschlackert - eine Firma als Tarnkappe auch bei der Suche nach besseren Lebenszwecken.« Genauso musste es sein. Vielleicht hatte ich es nur selbst noch nicht kapiert."
                
       Zum Schluss widerspricht FRIEBE noch - als Sprachrohr der digitalen Bohème - der zukünftigen zitty-Chefredakteurin Mercedes BUNZ:
                
       "Wenn Mercedes Bunz im April in dieser Zeitung unter der Überschrift »Meine Armut kotzt mich an« mehr ökonomischen Druck und kommerzielle Auftraggeber für Berlin einfordert, damit die »urbanen Penner« endlich Haltung annehmen und ans Geldverdienen herangeführt werden, kann ich für die ZIA sagen, dass das Gegenteil richtig war: Halbherzige Brotjobs knicken und sich ganz auf das konzentrieren, was man selbst interessant findet. Es kommt darauf an, wie die Programmierer-Legende Paul Graham im Essay »How to do what you love« auf seiner Website schreibt, wieder mehr zu tun, was man liebt (...). Die digitale Bohème verfügt über die technischen Produktionsmittel, eigene Ideen umzusetzen und davon zu leben."
                
       Der zitty-Artikel bietet einen Vorgeschmack auf das im September erscheinende Buch "Wir nennen es Arbeit" von Holm FRIEBE und Sascha LOBO.
 
     
   

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Update: 12. Oktober 2007
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