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Rainald Goetz: Irre - Hirn - Klage - Loslabern

 
       
   
  • Kurzbiographie

    • 1954 in München geboren
    • Studium der Medizin und Geschichte
    • 1983 Debütroman "Irre"
    • 1986 Essayband "Hirn"
    • 1999 Buch "Abfall für alle"
    • 2008 Buch "Klage"
    • 2009 Buch "Loslabern"
 
       
     
       
   

Rainald Goetz in seiner eigenen Schreibe

 
   
  • GOETZ, Rainald Maria (1978):Der macht seinen Weg.
    Privilegien. Anpassung. Widerstand,
    in: Kursbuch Nr.54 Jugend,
    Dezember
  • GOETZ, Rainald (1981): Im Dickicht des Lebendigen,
    in: Spiegel Nr.43 v. 19.10.
  • GOETZ, Rainald (2005): Michel Houellebecq - Das Elend der Liebe.
    Die Zeit sprach von "fundamentalistischem Phallokratismus", die FAZ von „aufdringlicher Schamlosigkeit". Der neue Roman von Michel Houellebecq, "Die Möglichkeit einer Insel", polarisiert. Auch der Schriftsteller Rainald Goetz hat ihn gelesen – enthusiasmiert,
    in: Cicero Nr.10, Oktober
 
       
   

Rainald Goetz: Werkschau

 
     
       
   

Rainald Goetz: Gespräche und Porträts

 
     
       
   

Loslabern (2009)
Frankfurt a/M: Suhrkamp

 
   
 
 

Klappentext

"»In einer Aufwallung von Direktheit und quasi sinnfreier Intentionalität hatte der Höllor, die Arme von sich werfend himmelwärts, ausgerufen: LOSLABERN: Traktat, Traktat über den Tod, über Wahn, Sex und Text, und, erheitert von diesem soeben so plötzlich und so sinnlos durch ihn hindurchgefahrenen Expressivitätsereignis: Bericht!, der Herbst 2008!, dem davon dadurch Angestoßenen sofort stattgegeben und es geschehen lassen, daß da also LOSGELABERT würde …«

Beck wurde rausgeschmissen am Schwielowsee, in Cern wurde der Teilchenbeschleuniger angestellt, und nachdem Damien Hirst in London seine Sensationsauktion glücklich (111 Millionen Pfund Erlös) hinter sich gebracht hatte, kollabierten noch am selben Tag in New York die in die dortigen Feuchtbiotope und Felsen hinein errichteten Banken: Lehman, Goldman, Partners und Konsorten. Das Wort Rettungsschirm kam auf, die Dinger wurden aufgespannt, die Kredite trotzdem immer fauler. Kreditkrise, Staatskrise, Vertrauen weg, Derivate angeblich hochspekulativ usw. Frage an den Staat: Hast du mal ein paar Millliarden? Herr Ackermann, Herr Mehdorn, der Schwarze Schwan im Herbst 2008; September, Oktober, November. Ja: Wie war das gleich noch mal gewesen? Wie hat sich das angefühlt?

Loslabern erzählt in drei Kapiteln (1. Reise; 2. Herbstempfang 2008; 3. Der Jüngling) verschiedene Geschichten aus dieser grandios durchgeknallten Zeit. Das Ende vom Anfang des neuen Jahrtausends war plötzlich da."

 
 
 
       
     
       
   

Klage (2008)
Frankfurt a/M: Suhrkamp

 
   
 
 

Klappentext

"Einer eigenen, allgemeinen Programmschrift gegen die Verzweiflung von Herbst 2006 folgend, trat KLAGE Anfang Februar 2007 auf der Internetseite der neu gegründeten Zeitschrift Vanity Fair als aktuelles Weblog an und konkretisierte seine Themen im ersten Eintrag folgendermaßen:

 »Beim Heben des Kopfes wird der Dunkelraum sichtbar, den ich in letzter Zeit in verschiedene Richtungen hin auszumessen versucht habe, notierte Kyritz, vielleicht vergeblich.

1: Text; 2: Politik; 3: Geschichte; 4: Liebe; 5: Familie; 6: Justiz

Ein Gewitter zieht auf. Kurze Zeit später setzte heftiger Regen ein. Kyritz wollte hier eigentlich nur in Frieden dasitzen, ohne an Leid und Tod erinnert zu werden.«

 KLAGE versuchte dabei, an einigen neueren Üblichkeiten der Weblogs, speziell an der Ichfigur, eher vorbeizugreifen, ohne jedoch ganz auf sie zu verzichten. So ergab sich die Form des Denkpartikels, der kurzen Argumenterzählung, der polemischen Intervention, des eiligen Tagesgedichts manchmal auch. Eine Form, wie man sie eigentlich aus den Reflexionstagebüchern der Tradition schon kennt. Für das Weblog KLAGE war der Weg dorthin ein Experiment – das man im Buch KLAGE jetzt nachvollziehen kann."

 
 
 
       
     
       
   

Hirn (1986)
(Wiederveröffentlichung 2003)
Frankfurt a/M: Suhrkamp

 
   
 
 

Zitate:

Mode & Stil

"Mode ist das Gegenteil von Stil. Stil ist die ununterbrochene, besessene, hochgeheime Arbeit am Selbst. Diese Arbeit schließt alles ein, von der Formung des Fleisches nach dem Willen, der Entscheidung zu einem bestimmten Lebenstempo, einem bestimmten Gang, der Auswahl eines letzten kleinen scheinbar bedeutungslosen Accessoires, bis hin zur entschlossenen Negation dieser Arbeit. Mode hingegen ist ununterbrochenes Kleidung hervorbringendes Gerede über die Arbeit am Selbst, die so extrem narzißtisch ist, vorausgesetzt man hat tatsächlich Stil, daß sie Gerede und Offenlegung nur schwer erträgt. Deshalb ist Mode für die Erwachsenen und Stil eine Sache der Jugend (...). Deshalb konnte Paul Weller mit 18 als Musiker und Songschreiber von natürlicher Klasse eine wunderbarer Heroe der Modjugend sein und ist heute mit seinem endlosen Gerede über Stil und dessen politische Bedeutung ein aufs traurigste sich anbiedernder Volksschullehrer".
(S.72f.)

René Wellers Lebensmotto  

"René Weller nimmt sich, wie die Jungen immer, unbekümmert um Altmännerdiagnosen, nach eigener Façon die Welt. Wie sagt er doch so treffend: Wo ich bin, ist oben, falls ich mal unten bin, ist unten oben."
(S.80)

Eltern

"Deine Eltern hatten in ihrer Dummheit nichts Häßlicheres und Kümmerlicheres zu tun, als ihrer eigenen erbärmlichen Existenz einen Funken von Recht zu geben, indem sie dich in die Welt gesetzt haben. Den Dank, den sie dafür absurderweise ausgerechnet von dir verlangen, stattest du ihnen am besten ab in Form von solidem Haß. Haß macht sehend. (...). Erbrich ihnen die Freiheiten, die sie dir geben wollen, in ihr liberales Gesicht zurück, bis du ihre Freiheitengeberherrschaft zerstört hast." (S.119)

"Nieder mit den Eltern. Nieder mit der Kleinfamilie, Großfamilie, Liberalfamilie. Nieder mit dem stupiden Kinderzeugen. Nieder mit den verwachsenen Erwachsenen. Nieder mit dem Staat. Nieder mit dem Frieden. Für Haß. Für Ausreißen. Für Denken und Haß."
(S.120)

Heiraten

"Geheiratet wird, wie die Fliegen, kein Mensch weiß, warum, drängt die Frau zur Ehe, oder der Mann, oder der Verkehr zwischen beiden, aus dem Nachkommenschaft resultieren kann, ein Sohn, der Wahnsinn, oder alles. Zur Ehe gehört Moral, zur Moral der Verrat, zum Verrat die Lüge. Man hat mir verheirateten Menschen zu tun, und es wird einem ununterbrochen beteuert, das Gesetzt der Ehe, das die Besitzansprüche des Menschen auf den Menschen wünschenswert klar regelt, gelte denen nichts, die sich doch freiwillig ihm unterstellt haben. Eheleute sollen in Ehe leben, sie sollen Nichteheleute nicht mit ihrer Ehe behelligen, die natürlich nur ein einziges ununterbrochenes Ehebruchsbegehren ist. Jede soll vernünftig wissen wollen, was er will, und der Vernunft die Herrschaft zusprechen, und sich dafür ruhig anschimpfen lassen als Moralist, denn sein Handeln ist bestimmt von Vernunft, Gewissen, Sitte, Gesetz. Und man kann sehen und es ist schön, daß was bleibt und dauert nicht der Affärenplural ist, sondern der eine Bund, der freiwillig betretene Kerker des Zuzweit." (S.183f.)

Das Hochkulturfeuilleton

"Ich bin zum Beispiel nicht verheiratet. Außer mit Josef Quack, Professor Hinck, Lothar Baier, Heinrich Vormweg, Karlheinz Kramberg und wie sie alle heißen, die die Monogamie meines Archivs bevölkern. Das Feuilleton der Hochkultur wird zu Unrecht verachtet. Dem Fleißigen ist es ein gigantisch redseliges auskunftswütiges Auskunftsbüro, ein herrliches, unendlich wachsendes Lexikon, eine sagenhafte Sammelstelle haltlosesten Überschwangs, denn jeder, die Null und der Größte, plappert dort über die göttlichesten Gegenstände vollkommen schamlos entspannt darauf los, überzeugt, daß nichts wurschter sei als die gestrige Zeitung. Gesammelt über einen längeren Zeitraum hinweg stehen da gerade von den vielschreibenden Gewohnheitsfeuilletonisten der minderen Kategorie gigantische Monumente von hirnlos anintellektualisiertem alltäglichem Gebrabbel, die viel interessanter sind als die von einer bösen Denunziationsabsicht in die Übertreibung hinein ruinierten Flaubertschen Literaturparadedummköpfe Bouvard und Pécuchet, wirkliche Monumente von wirklichen Schreibern und wirklich heroisch, weil sie im Wissen ihrer Mittelmäßigkeit sich sicher an nichts mehr überheben, weil sie alles, was sie zum Hochheben anpacken, sicherheitshalber gleich gar nicht anpacken, und so hoch heben. Und bei alledem so schamlos offen, wie es das nur gibt bei denen, die an Scham und Selbstentblößung gar nicht denken, weil sie meinen, sie könnten etwas leisten, ohne sich selbst dabei zu entblößen und so hin zu geben."
(S.184)

Inhaltsverzeichnis

Subito
Was ist ein Klassiker
Warum die Hose runter muß
Gewinner und Verlierer
Fleisch
Männer Fahren Abenteuer
Kerker
Neue Massen
Der Attentäter
Und Blut

Pressestimmen

"Der berühmteste Bachmanntext aller Zeiten ist »Subito« von Rainald Goetz. Es geht dort um Diedrich Diederichsen, der da »Neger Negersen« heißt und in der Hamburger NDW-Bar Subito verkehrt, die auch im Text so heißt. Goetz schneidet sich beim Lesen die Stirn auf. Das dürfte er auch heute noch ungestraft tun. Den Text dürfte er nicht mehr vortragen"
(Joachim Lottmann in der TAZ vom 05.07.2003)

 
 
 
       
   
  • Rezensionen

  • SCHULZE, Hartmut (1986): "Eis, Unerbittlichkeit, Strenge, Zorn, Grazie".
    "Krieg/Hirn" von Rainald Goetz,
    in: Spiegel Nr.26 v. 23.06.
 
     
       
   

Irre (1983)
Frankfurt a/M: Suhrkamp

 
   
 
 

Klappentext

"Rainald Goetz schreibt in seinem Roman über die Psychiatrie und einen Helden unserer Tage. Wie weh tut der Irrsinn den Irren? Wie schlimm ist das Arbeiten als Arzt in einer psychiatrischen Klinik? Wie geht das Leben? Muß das wirklich so zerrissen und zerfetzt sein?"

Rainald Goetz und Michael Rutschky

"Der Schriftsteller Michael Rutschky, Jahrgang 1943, hat den Medizinstudenten Rainald Goetz einige Jahre vor dem Klagenfurter Auftritt kennen gelernt und seitdem gefördert. In verschiedenen von Rutschky herausgegebenen Suhrkamp-Bänden (»Errungenschaften« 1982, »1982. Ein Jahresbericht« 1983 u.a.) sind Texte von Goetz enthalten, die man allesamt als Vorstufen von »Subito« und »Irre« verstehen kann. Rutschkys Projekt, in das er Rainald Goetz einbezieht, ist eine »Ethnographie der Gegenwart«. Der Literaturkritiker Hubert Winkels beschreibt die enge Zusammenarbeit zwischen Rutschky und Goetz in seinem Buch »Einschnitte. Zur Literatur der 80er Jahre«.
Irgendwann später muss es zum Bruch zwischen Goetz und Rutschky gekommen sein. Die Ablösung von seinem Mentor Rutschky klingt noch lange in Goetz’ Werk nach. Noch im Internet-Tagebuch »Abfall für Alle» von 1998 wird Rutschky ziemlich unappetitlich beschimpft.
Im Roman »Irre« gibt es gleich zu Anfang einen Abschnitt, in dem Michael Rutschky auftritt. Dort ist er zwar noch ein »neutraler, jedoch wohlgesonnener Beobachter«, aber eine fundamentale Differenz wird bereits markiert. Der »wohlgesonnene Beobachter« moniert an Raspes/Goetz’ Manuskripten den Kunstcharakter: »Wen interessiert das, frage ich Sie, die Kunscht, oder noch schlimmer, die Kunscht-Ambition...« Was dagegen von Interesse sei, »ist Material, eine Ethnographie unseres Alltags, die geduldig ist und genau, die von dem Eingeständnis ausgeht, dass wir uns selbst die Wilden geworden sind, da kann keiner weitermachen wie gestern mit irgendeiner Kunscht, korrigiere mich, kann natürlich weitermachen, aber interessiert eben nicht.« Jungautor Goetz bleibt (damals noch) höflich. Was er vor hat, will er nicht sagen, also sagt er: »Warten Sie es doch einfach ab.« (Im Original kursiv.) Ethnographie der Gegenwart – so weit so gut. Aber ohne Kunstcharakter? Goetz will in die genau entgegengesetzte Richtung, er will rein in die Kunst, in die Schrift, in ihre »Heiligkeit«. Warten Sie ab, bis »Irre« fertig ist, warten Sie ab bis Klagenfurt.
"
(Marius Meller im Tagesspiegel vom 29.06.2003)

Pressestimmen

"Wie weiland Peter Handke in Princeton mit seiner Beschimpfung der Gruppe 47, so war Rainald Goetz nun mit seinem Klagenfurter Blutauftritt bekannt geworden.
Seinen ersten Roman kann eine Literaturredaktion jetzt nur noch vorsätzlich ignorieren.
"
(Christian Schultz-Gerstein im Spiegel vom 26.09.1983)

"Der Krieg im Kopf bleibt, gerade weil er draußen nicht stattfinden kann. Bleibt die Musik, die das widerspiegelt, der Punk. Man tanzt, springt, fällt, trinkt. »Run, run, this is confrontation street, run, run, there ain't nothing her but heat.« (...). Bilder tauchen auf, auch von München, von der »wunderschön niedergeschlagenen Szenerie des Schlachthof- und Großmarktviertels«. Bilder aus Achternbusch-Filmen, die im Arena-Kino laufen, Achternbusch selbst im Stadtmuseum. Am Ende wird sich alles auflösen".
(Hubert Filser in der Süddeutschen Zeitung v. 14.09.2001)

 
 
 
       
   
  • Rezensionen

  • SCHULTZ-GERSTEIN, Christian (1983): Der rasende Mitläufer,
    in: Spiegel Nr.39 v. 26.09.
 
   
  • Das Buch in der Debatte

  • FILSER, Hubert (2001): Nichts als raus aus der Stadt.
    Stadtansichten (41): Rainald Goetz' "Irre" - ein Roman über einen Menschen, der an sich und der Welt verzweifelt,
    in: Süddeutsche Zeitung v. 14.09.
 
   

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© 2002-2009
Bernd Kittlaus
webmaster@single-generation.de Erstellt: 24. Juli 2003
Stand: 16. November 2009