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MÜLLER, Kerstin (2003): Wieder verzweifelt sein.
Warum der Ex-Smiths-Frontsänger Morrissey gute Chancen hat, wieder
groß rauszukommen,
in: Jungle World Nr.34 v. 13.08.
- Kommentar:
Kerstin MÜLLER sieht in der 80er-Jahre-Band
The Smiths die ideale Musikgruppe für die
Generation Golf in der Jobkrise:
"Jetzt
finden wir uns – wenn überhaupt – in Arbeitsverhältnissen wieder, in
denen die Streber von gestern die Vorgesetzten von heute sind. In
denen nicht Talent und Persönlichkeit zählen, sondern die Fähigkeit,
auch in vorgeblich flachen Hierarchien schnellstmöglich die
Obrigkeit als solche zu identifizieren und sich ebenso
schnellstmöglich einzuschleimen. Wir haben
Kommunikationswissenschaften studiert, um zu wissen, dass es Sender
und Empfänger gibt. Wer sendet und wer empfängt – das lernen wir
jetzt –, wird nur selten vom Intellekt bestimmt. Wir haben Chefs,
die auf unseren Lebenslauf schauen und meinen, uns zu durchschauen.
Die Sensibilität, mit der wir einst The Smiths und ihre poetischen
Texte verstanden haben, ist es, mit der wir uns jetzt im Wege
stehen.
Morrissey hat gute Chancen, wieder zur Stimme einer Generation zu
werden. Langsam machen sich Depressionen – der Nährboden eines
Künstlers, der in den neunziger Jahren kaum beachtet und so gut wie
nie gecovert wurde – wieder breit: Arbeitslosigkeit bedroht auch
die, die sich bisher als gut ausgebildete High Potentials verstanden
haben. Tägliche Meldungen von Kürzungen, Sparmaßnahmen,
Streichungen, Entlassungen, Insolvenzen kühlen die Stimmung auf den
Nullpunkt herunter. Zeit, auf cool Britannia zu blicken".
Auch
bei Christian KRACHT
waren kürzlich bei einer Lesung The Smiths zu hören.
Neben
dieser Generation Golf-Verzweiflung gehört auch die Verzweiflung des
einsamen Pubertären der Generation Smart zum Repertoire der Gruppe:
"Die
Songtexte der Smiths handeln praktisch die gesamte Palette
adoleszenter Gefühle ab: von jugendlichem Ennui, Unsicherheit und
Zweifeln und immer und immer wieder Einsamkeit. Eine ihrer
berühmtesten Zeilen lautet: »Life is very long when you’re lonely.«
Der Eintritt ins »wahre« Leben wird verhindert durch eine tief
empfundene Zugehörigkeitslosigkeit, verbunden mit einer
romantisierten Todessehnsucht".
Dazu
passt dann bestens die gerade erschienene Erzählung von
Benjamin LEBERT.
- RICHTER, Peter (2003): Durchschmidt,
in: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung v. 24.08.
- Inhalt:
Peter RICHTER über The Smiths:
"Christian
Kracht las neulich in Berlin seine Reisegeschichten aus der
F.A.S. und spielte dazu die Smiths. Neuerdings hört man sie häufiger
auch im Radio, und inzwischen gibt es ihr Lied »How Soon Is Now?«
sogar von Tatu, den beiden Hysterikerinnen aus Moskau, die damals
noch keine wehrlosen Menschen, sondern maximal die Kacheln ihrer
sowjetischen Kreißsäle angeschrien haben, zu dem Zeitpunkt, als die
Smiths sich auflösten - und übrigens die DDR gleich mit!
Je mehr ich nämlich darüber nachdenke, was diese Renaissance nun
eigentlich bedeuten mag, und wo jetzt plötzlich diese Lust and er
Depression wieder herkommt, desto mehr fällt mir auf, wie treffend
die Smiths im Grunde die Atmosphäre und das Lebensgefühl in der
späten DDR vertont haben:
die vor sich hin
bröckelnde Melancholie".
- STAUN, Harald
(2004): Der Papst der Einsamkeit.
Wem die Jungend eine Marter ist, dem ist das Alter eine Erlösung:
Morrissey ist wieder da. Und besser denn je,
in: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung v. 02.05.
- Kommentar:
Der Rolling Stone verspricht das einzige Interview
mit Morrisey und bringt ein wenig informatives 16-seitiges Special
über den ehemaligen Sänger und Songwriter der Popband The Smiths,
die in den 80er Jahren das Lebensgefühl von Gymnasiasten und
Postadoleszenten getroffen haben und auch heute wieder für
Postadoleszente in der Quarterlife Crisis aktuell sind.
Nun ist die erste
Single des neuen Soloalbums da und das neue Abum erscheint Mitte des
Monats. Anlass für STAUN eine Loblied auf Morrissey zu singen:
Es ist ein Segen, daß
Morrissey sein Selbstmitglied mittlerweile ein wenig sparsamer
dosiert; daß sich aber seine Verzweifelung in einen gesunden
Zynismus verwandetl hat und seine Unsicherheit in Souveränität: das
bedeutet viel, viel mehr. Es beinhaltet ein Versprechen, das in der
Geschichte des Pop noch nie so deutlich formuliert worden ist: Das
Leben wird besser, wenn man älter wird."
- DANICKE,
Sandra (2004): Heiliger Sebastian der Adoleszenz.
...und role model für den stilbewussten Mittvierziger: Morrissey
ist zurück mit MG und Krawatte,
in: Frankfurter Rundschau v. 04.05.
- Inhalt:
"Morrissey
kultivierte das Image des Außenseiter-Dandys, seit er vor exakt
zwanzig Jahren mit The Smiths das erste Album herausgebracht hat.
Einer Band, die in den nur vier Jahren ihres Bestehens den
vielleicht hingebungsvollsten Kult der europäischen Rockgeschichte
ausgelöst hat, mit ebenso originellem wie stilbildendem
Schmachtrock, der bis heute unerreicht ist. Morrissey war die Ikone
sich unverstanden fühlender Teenager, der Heilige Sebastian der
Adoleszenz und ein role model für jene, die anders dachten und
fühlten, zum Beispiel Homosexuelle. Über seine eigene Sexualität
schwieg Morrissey sich geheimnisvoll aus: »I never
had no one ever«"
schwärmt DANICKE
- FUCHS, Oliver
(2004): Weine nicht um mich, Kalifornien!
Die singende Nervensäge: Morrissey beschwert sich wieder über die
Welt,
in: Süddeutsche Zeitung v. 08.05.
- REENTS, Edo (2004): Der letzte
Engländer.
Fleisch ist kein Stück Lebenskraft, aber alle Tage ein Sonntag:
Morrisseys triumphale Rückkehr,
in: Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 08.05.
- MAROLDT,
Lorenz (2004): Genau zwischen die Augen.
Nach sieben Jahren wieder ein neues Album: Morrissey, der Poet des
Pop, kann noch kämpfen,
in: Tagesspiegel v. 17.05.
- Kommentar:
MAROLDT stellt die vielen Facetten des Steven
Patrick MORRISSEY vor, u.a.:
"Morrissey,
der scheue Einzelgänger, der Enthaltsame, das sexuelle Rätsel: The
woman of my dreams, she never came along, the woman of my dreams,
well – there never was one."
Für
Sasha CAGEN,
die in den USA eine neue Single-Bewegung ins Leben gerufen hat, ist
MORRISSEY gar ein typischer
Quirkyalone.
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RÜTHER, Tobias (2009): Der Rächer der Verklemmten.
Kaum ein Sänger hat so treue Fans, kaum einer wird so in Liebe und
Hass verfolgt wie Morrissey. Mit seiner Band The Smiths hat er Songs
zum Erwachsenwerden geschrieben, die sich wie Gedichte lesen. Seine
eigene Biographie ist auch die Geschichte einer Emanzipation, wie sie
wohl nur in der Popmusik möglich ist. Jetzt hat Morrissey ein neues
Album aufgenommen,
in: Frankfurter
Allgemeine Zeitung v. 07.02.
- Inhalt:
Tobias RÜTHER beschreibt u.a. die Zielgruppe von
Morrissey zu Zeiten der Band The Smiths:
"Noch
vor seiner Popkarriere hatte er ein Buch über James Dean geschrieben,
den er als Junge verzweifelt liebte. Aber wie Morrissey das
Unerreichbare anbetete, wie er Ungeküsstheit als Zölibat ausgab: Das
hat vor allem junge Außenseiter angezogen, die gar nicht keusch sein
wollten, sondern ganz im Gegenteil ungeduldig darauf warteten, endlich
mal zum Zuge zu kommen, es aber nicht kamen und deshalb Trost suchten
in Liedern wie »How Soon Is Now«
von den Smiths. »Da gibt es einen Club«, singt Morrissey in dieser
Hymne von 1985, »wo du jemanden kennenlernen könntest, der dich
wirklich liebt, und du gehst hin, und du stehst allein herum, und du
gehst heim, du weinst und du willst sterben.«
Wer aus diesem Club
allein heimkommt und solche Zeilen hört, will natürlich auch sofort
sterben. Oft war »How Soon Is Now« sogar eben noch in genau diesem
Club gelaufen, wo dann die jungen Ungeküssten gemeinsam herumstanden
und litten, o Gott, was für eine fürchterliche Veranstaltung, diese
Pubertät.
(...)
Und auch wenn Popmusik nicht viel auf Bücherschränke gibt: Bei den
Fans von Morrissey werden darin sicher die gleichen Bücher stehen,
»Der Fänger im Roggen« zum Beispiel, »Das Bildnis des Dorian Gray«, »Bonjour
Tristesse«, »Siddharta« und »Des Menschen Hörigkeit«,
Identifikationsbücher allesamt.
Man könnte sagen, dass
Morrissey und die Smiths dieses Kollektiv überhaupt erst geschaffen
haben, und das ist wieder so seltsam an der Popmusik: Dass sie
Menschen zusammenbringt, die sich mit ihrer Kompliziertheit und ihren
Körperproblemen besonders individuell vorkommen, aber alle tragen sie
Parka und Schuhe von Doc Martens und den Pony tief im umwölkten
Gesicht, und alle singen sie im Chor: »Sixteen, clumsy and shy /
That's the story of my life.« Es gibt Parolen für Menschen, die sich
einzigartig und unverstanden fühlen? Wenn das keine Kunst ist!"
- SAILER, Michael (2009): The More You
Ignore Me, The Closer I get.
Er war ein hoffnungsloses, depressives Kind der Arbeiterklasse.
Kurz vor seinem 50. Geburtstag ist Morrissey der einzige und letzte
echte Star der britischen Popmusik und ihr größtes Rätsel. Der
Schlüssel zu seinem Erfolg, seinem Scheitern, seiner Zerrissenheit
könnte in seiner Kindheit und Jugend liegen,
in: Musikexpress, März
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