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Fritz Zorn: ein Opfer der Single-Gesellschaft?

 
       
   
  • Kurzbiographie

    • 1944 als Fritz Angst in Zürich geboren
    • 1976 in Zürich gestorben
    • 1977 erscheint der autobiographische Bericht "Mars" posthum
 
       
   

Mars (1977)
München: Kindler
(Taschenbucherstausgabe: 1979 bei
Fischer;
Neuausgabe 1994)

 
   
     
 

Klappentext zur Taschenbucherstausgabe

"»Ich bin jung, reich und gebildet; und ich bin unglücklich, neurotisch und allein. Ich stamme aus einer der allerbesten Familien des rechten Zürichseeufers, das man auch die Goldküste nennt. Ich bin bürgerlich erzogen worden und mein ganzes Leben lang brav gewesen. Meine Familie ist ziemlich degeneriert, und ich bin vermutlich auch ziemlich erblich belastet und milieugeschädigt. Natürlich habe ich auch Krebs, wie aus dem vorher Gesagten selbstverständlich hervorgeht.« So beginnt der junge schweizer Autor, der sich Fritz Zorn nennt, sein Buch, und er beendet es mit dem Satz: »Ich erkläre mich als im Zustand des totalen Krieges.« Anfang und Ende sind die Klammern für einen dreißigjährigen seelischen Krieg in scheinbarem Frieden, sind der Schlüssel zu dem Bekenntnisbuch eines Sterbenden, das nach seinem Erscheinen weltweites Aufsehen erregte und zu einem Bestseller wurde. Es war aber nicht allein die Betroffenheit über das Schicksal des Icherzählers, der unmittelbar nach der Zusage zur Veröffentlichung seines Manuskriptes im November 1976 an jener Krankheit starb, die das Thema dieses Buches ist: an Krebs. Der Erfolg beruht auch auf der literarischen Bewältigung eines lebenslang geleugneten, allgemeingültigen Konflikts, der im Bewußtsein des Todes zur befreienden Kriegserklärung führt.
Als der 30jährige Millionärssohn und Gymnasiallehrer während einer psychotherapeutischen Behandlung von seiner tödlichen Krebserkrankung erfährt, gibt er sich Rechenschaft über ein Leben, das er nicht gelebt hat. Die Unausweichlichkeit des Todes ist der erste schmerzhafte Einbruch wirklichen Lebens, der physische Schmerz beginnt die »Unempfindlichkeit der Seele«, Ursache schwerer Depressionen und tiefer Traurigkeiten, hat ihren Ursprung im Elternhaus am Zürichsee, in jener gespenstigen Familie, in der man Patiencen legt, Berührungen vermeidet, jede Herausforderung von Realität unter der Magie des Rituals versteckt, jeden Anflug von Sexualität mit dem Begriff der Anständigkeit vertreibt. Der halbwüchsige Musterschüler, dann Musterstudent und schließlich ebenso musterhafte Lehrer, der weder Freundschafts- noch Sexualbeziehungen je gekannt hat, leidet unter dem ständigen Erstickungsgefühl, »eine Krähe am Hals zu haben«. Als der betrogene Körper dem Krebs verfällt, sieht Zorn darin nur die somatische Form seiner Neurose. Im Sterben setzt er sich zum erstenmal zur Wehr - gegen die Krankheit, gegen die familiäre und soziale Herkunft, gegen das Nichtlebendürfen."

Stimmen zu "Mars"

"Die Geschichte des Fritz Zorn die er mit seinem Leben bezahlen mußte, ist die Geschichte einer totalen Vereinzelung und Vereinsamung."
(Walter Schurian in der Psychologie Heute v. Februar 1978)

"Als sich der Lehrer Z. schließlich etwas anmerken muß, ist es (...) Krebs. Und diese Entdeckung erwirkt in der Lebensgeschichte des Lehrers Z. eine Revolution, eine konservative, wenn man so will, denn sie ist mit der Empfindung verknüpft: »eigentlich habe ich es schon immer gewußt«, es ist die Wiederherstellung eines anfänglichen Wissens, von dem seine bisherige Lebensgeschichte den Lehrer Z. bloß abgebracht hatte: die Wahrheit erscheint nicht als Neuigkeit, sondern uralt.
(...)
Die Niederschrift der Autobiographie (...) überdauert den Körper, ist gewissermaßen dessen kanonische Fassung, gesichert gegen den Zeitverlauf. So wurde für das Schreiben der Körper geopfert. Es ist ein eigentümliches Modell des Schreibens (und des Lesens), das sich hier abzeichnet, ein Modell, von dem ich meine, daß es in den siebziger Jahren häufig realisiert worden ist.
(...)
Das Schreiben bot eine Möglichkeit, (...) der Einsamkeit zu entkommen (...). In seiner Autobiographie hat der Lehrer Z. dann dargestellt, wie dies Schreiben beitrug zu dem Zustand, in welchem ihm die anderen nichts anmerkten und er sich selbst auch nichts. Es waren keine wirklichen Berührungen, die ihm jenes Schreiben ermöglichte; sie täuschten ihn und die anderen darüber, daß es diese Berührungen nicht gab.
Dies nämlich ist die anfängliche Wahrheit, die der Lehrer Z. als den Krebs in seinem Körper entziffern muß: er ist außerstande gewesen, mit diesem Körper die Sexualität zu realisieren. Wenn er an dem Krebs stirbt, dann wird er nirgendwo, weder bei einem Mann noch bei einer Frau, einen Abdruck, Spuren seines Körpers hinterlassen. Wenn man so will: diese Aufgabe soll die Autobiographie des Lehrers Z. bei ihren Lesern erfüllen.
(...)
Dabei ist der Lehrer Z. strikt geschichtsphilosophisch verfahren, nach dem Grundsatz, daß das Wirkliche auch das Wahre ist (...) Weil er an diesem Krebs stirbt, kann man seine Autobiographie auch die berühmte Variation jenes geschichtsphilosophischen Grundsatzes ablesen: Das Ganze ist das Unwahre."
(Michael Rutschky in Erfahrungshunger 1980)

 
     
 
       
   

Beiträge zu "Mars"

RUTSCHKY, Michael (1980): Erfahrungshunger.
Ein Essay über die siebziger Jahre, Kiepenheuer & Witsch: Köln

HAVERKAMP, Anselm (1986): Die neueste Krankheit zum Tode - Das Werthersyndrom in der Verständigungsliteratur der siebziger Jahre: Fritz Zorn, Mars. Mit einem Nachwort über Fiktion und Wirklichkeit,
in:
Deutsche Vierteljahresschrift für Literaturwissenschaft und Geistesgeschichte, S.667-696

HABERER, Brigitte (1992): Fritz Zorn. Mars,
in: Walter Jens (Hg.) Kindlers neues Literatur Lexikon, Bd.17 VB-ZZ, S.1087f.

KLEBER, Jutta Anna (1999): Schuld und Krebs.
Geschichte und Ende der Unheilbarkeit in der Moderne,
in: Konkursbuch, Themenschwerpunkt Schuld, S.121-137

 
   

Rezensionen

SCHURIAN, Walter (1978): Ein bürgerliches Trauerspiel,
in:
Psychologie Heute Nr.2, Februar

HOLL, Hans Günter (1985): Zweifel, ohne zu verzweifeln,
in:
Psychologie Heute Nr.1, Januar

 
   

Das Buch in der Debatte

RADDATZ, Fritz J. (1978): Kontaktsperre.
Die moderne Literatur ist eine Bestandsaufnahme der Beziehungslosigkeit,
in:
Die ZEIT Nr.43 v. 20.10.

ANZ, Thomas (1999): Plädoyer für eine kulturwissenschaftliche Emotionsforschung.
Zur Resonanz von Daniel Golemans "Emotionale Intelligenz" und aus Anlaß neuerer Bücher zum Thema "Gefühle",
in: Literaturkritik.de Nr.2/3, März

KEDVES, Alexandra M. (2000): Blindheit und Aufklärung.
Das Unbewusste in Zürich - ein Kongress,
in: Neue Zürcher Zeitung v. 13.06.

 
   

Weiterführende Links

 
     
   
 
   

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Update: 30. Dezember 2014