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Mittwochabend
- Die Single Bar Ich nähere mich
einer Kneipe, in der ich nur einmal mit meinem
Bekannten Harry gewesen bin. Harry kennt Gott und
die Welt und natürlich jede Menge Weiber. Es ist
Ausgehtag und die Kneipe ist ideal, um jemanden
kennen zu lernen: eine große Theke, keine
Tische, an denen man sich isolieren kann. Man
steht immer im Weg, auch wenn man auf einem der
Barhocker sitzt. Gute Voraussetzungen also für
unausweichliche Körperkontakte.
Ich habe
gerade einen neuen Ratgeber gelesen. Darin stand,
man könne sich nur ändern, wenn man neue Orte
aufsucht, wo man unbekannt ist. Dort kann man
ungefährdet Rollen einüben. Ich will heute mal
ein Cowboy sein, sozusagen der Inbegriff des
Machos schlechthin.
Ich glaube
nicht mehr an feministische Parolen. Die Frau,
die auf mich zu geht, mich anspricht, weil sie
mich kennen lernen möchte, ist mir bislang noch
nicht begegnet. Dabei habe ich diese emanzipierte
Frau jahrelang in den Kneipen gesucht. Sie wäre
eine ideale Ergänzung zu mir gewesen und vor
allem hätte ich so bleiben können, wie ich bin:
passiv eben. Ich bin nämlich schüchtern oder
anders ausgedrückt, ich habe Angst vor
Zurückweisungen, sie kränken mein
narzisstisches Ego. Dies ist der wahre Grund,
warum ich den feministischen Märchen so gerne
geglaubt habe, die ab den 70er Jahren die Medien
mit Verhaltensmodellen politisch korrekter
Anmache infiltriert haben. Schluss damit!
In meinem Ohr
dröhnt GITTEs "Ich will 'nen Cowboy als
Mann" aus glücklichen Kindheitstagen. Ich
nähere mich der Eingangstür und setze ein
Cowboyface auf. Brust raus, Bauch rein - es muss
ja nicht gleich jeder sehen, dass ich vom
Waschbrett-Bauch-Ideal noch weit entfernt bin.
Der erste Eindruck ist entscheidend.
Als ich die
Tür aufdrücke, da schlägt mir Lärm und
stickige Luft entgegen. Ich überprüfe nochmals
mein Cowboyface. Ich sehe wirklich cool aus! Den
Blick jetzt lässig über das Geschehen schweifen
lassen, sage ich mir.
Ich trete
entschlossen durch die Tür und muss mich gleich
an einer Art Empfangskomitee aus Bodybuildern
vorbeimogeln. Blicke mustern verächtlich meinen
untrainierten Körper. Keine Bizeps, die das Hemd
dezent zu sprengen versprechen, stattdessen
weiter Schnitt, der die Speckfalten zwar
verschwinden lässt, aber für jeden Eingeweihten
nur betont. Ich lasse die Gruppe hinter mir und
richte mein Selbstbewusstsein wieder auf. Das
Cowboyface sitzt wieder.
Ich bahne mir
unelegant einen Weg zum Tresen, an dem es keinen
freien Platz mehr gibt. Ich will mich einer der
Barfrauen bemerkbar machen, um wenigstens ein
Bier zum Festhalten zu besitzen. Ich versuche es
erst ganz cool, fixiere die Bedienung mit meinem
Blick, aber der Erfolg ist gleich null. Ich bin
unsichtbar.
Ein Typ in
Cowboystiefeln drängt mich barsch zur Seite und
ruft ganz uncool "He Gerlinde, noch 'nen
Bier". Kurz darauf steht ein volles Glas vor
dem Typ. Ich versuche die günstige Gelegenheit
zu nutzen, aber bevor ich den Mund aufmache, ist
die Bedienung schon wieder weg.
Ich schaue
mich resigniert um. Vielleicht kann mich eine
Frau aufheitern. Am Tresen dominieren die
Männer. Wenn eine Frau dort alleine steht, dann
ist der Kerl oder die Freundin, mit der sie da
ist, gerade mal auf der Toilette. Nur Männer -
einsame Wölfe und Cowboys - stehen allein am
Tresen und warten darauf, dass Alkohol die Zunge
löst und der Zug an der Zigarette die Lunge
belebt und die inneren Verkrampfungen lockert.
Um die Tische sitzen dagegen die Frauen, auch
hier nur paarweise oder in Gruppen.
Das
Gelächter dringt bis zum Tresen, wo das
Stimmengewirr von der Musik übertönt wird.
"Born to be wild" von
STEPPENWOLF scheppert aus den Boxen. Aber "Easy
rider", das war schon in den 60ern nur
ein Traum mit bösen Folgen. Der Typ hinterm
Tresen hat das wohl auch bemerkt und blendet die
Musik brutal über zu BON JOVIs "Dead or
alive". Ich seh den Cowboy unserer Tage
vor mir, der mit seinem Stahlross der
untergehenden Sonne entgegen fährt. "By
the bottle that you drink. And times when you're
all alone all you do is think". Eine
Kellnerin raunzt mich an, ich solle ihr nicht im
Weg stehen. Meine Kehle wird trocken und ich
nutze die Gelegenheit, um ein Bier zu bestellen.
Gegenüber
tuscheln zwei Frauen und blicken in meine
Richtung. Dann beginnen sie zu lachen und wenden
sich ab. Ich möchte im Boden versinken. Das
Cowboyface ist schon längst verrutscht. Die
Kellnerin kommt endlich mit einem Bier zurück.
Ich bezahle gleich, damit ich jederzeit
verschwinden kann.
Ich setze
gerade zum ersten Schluck an, da fährt eine
Pranke auf meine Schulter herab und das Bier
schwappt übers Glas. Ich kann gerade noch
verhindern, dass Hemd und Hose nass werden. Der
Schreck fährt mir in die Glieder und wird von
einem homerschen Gelächter begleitet. Harry
stellt sich grinsend vor mich. Ein kurzes
"Wie geht's?" und ohne die Antwort
abzuwarten steht er bereits am nächsten Tisch
und unterhält sich mit zwei Frauen. Ich
verschiebe mein Projekt auf nächste Woche und
schließe mich Harry an...
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