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Tagebuchroman in Fortsetzungen

 
   

MICHEL MÜLLER

 
   

Aus dem Tagebuch eines Singles

Die männliche Antwort auf Bridget Jones & Co

 
   
 
  Mittwochabend - Die Single Bar

Ich nähere mich einer Kneipe, in der ich nur einmal mit meinem Bekannten Harry gewesen bin. Harry kennt Gott und die Welt und natürlich jede Menge Weiber. Es ist Ausgehtag und die Kneipe ist ideal, um jemanden kennen zu lernen: eine große Theke, keine Tische, an denen man sich isolieren kann. Man steht immer im Weg, auch wenn man auf einem der Barhocker sitzt. Gute Voraussetzungen also für unausweichliche Körperkontakte.
      Ich habe gerade einen neuen Ratgeber gelesen. Darin stand, man könne sich nur ändern, wenn man neue Orte aufsucht, wo man unbekannt ist. Dort kann man ungefährdet Rollen einüben. Ich will heute mal ein Cowboy sein, sozusagen der Inbegriff des Machos schlechthin.
      Ich glaube nicht mehr an feministische Parolen. Die Frau, die auf mich zu geht, mich anspricht, weil sie mich kennen lernen möchte, ist mir bislang noch nicht begegnet. Dabei habe ich diese emanzipierte Frau jahrelang in den Kneipen gesucht. Sie wäre eine ideale Ergänzung zu mir gewesen und vor allem hätte ich so bleiben können, wie ich bin: passiv eben. Ich bin nämlich schüchtern oder anders ausgedrückt, ich habe Angst vor Zurückweisungen, sie kränken mein narzisstisches Ego. Dies ist der wahre Grund, warum ich den feministischen Märchen so gerne geglaubt habe, die ab den 70er Jahren die Medien mit Verhaltensmodellen politisch korrekter Anmache infiltriert haben. Schluss damit!
      In meinem Ohr dröhnt GITTEs "Ich will 'nen Cowboy als Mann" aus glücklichen Kindheitstagen. Ich nähere mich der Eingangstür und setze ein Cowboyface auf. Brust raus, Bauch rein - es muss ja nicht gleich jeder sehen, dass ich vom Waschbrett-Bauch-Ideal noch weit entfernt bin. Der erste Eindruck ist entscheidend.
      Als ich die Tür aufdrücke, da schlägt mir Lärm und stickige Luft entgegen. Ich überprüfe nochmals mein Cowboyface. Ich sehe wirklich cool aus! Den Blick jetzt lässig über das Geschehen schweifen lassen, sage ich mir.
      Ich trete entschlossen durch die Tür und muss mich gleich an einer Art Empfangskomitee aus Bodybuildern vorbeimogeln. Blicke mustern verächtlich meinen untrainierten Körper. Keine Bizeps, die das Hemd dezent zu sprengen versprechen, stattdessen weiter Schnitt, der die Speckfalten zwar verschwinden lässt, aber für jeden Eingeweihten nur betont. Ich lasse die Gruppe hinter mir und richte mein Selbstbewusstsein wieder auf. Das Cowboyface sitzt wieder.
      Ich bahne mir unelegant einen Weg zum Tresen, an dem es keinen freien Platz mehr gibt. Ich will mich einer der Barfrauen bemerkbar machen, um wenigstens ein Bier zum Festhalten zu besitzen. Ich versuche es erst ganz cool, fixiere die Bedienung mit meinem Blick, aber der Erfolg ist gleich null. Ich bin unsichtbar.
      Ein Typ in Cowboystiefeln drängt mich barsch zur Seite und ruft ganz uncool "He Gerlinde, noch 'nen Bier". Kurz darauf steht ein volles Glas vor dem Typ. Ich versuche die günstige Gelegenheit zu nutzen, aber bevor ich den Mund aufmache, ist die Bedienung schon wieder weg.
      Ich schaue mich resigniert um. Vielleicht kann mich eine Frau aufheitern. Am Tresen dominieren die Männer. Wenn eine Frau dort alleine steht, dann ist der Kerl oder die Freundin, mit der sie da ist, gerade mal auf der Toilette. Nur Männer - einsame Wölfe und Cowboys - stehen allein am Tresen und warten darauf, dass Alkohol die Zunge löst und der Zug an der Zigarette die Lunge belebt und die inneren Verkrampfungen lockert. Um die Tische sitzen dagegen die Frauen, auch hier nur paarweise oder in Gruppen.
      Das Gelächter dringt bis zum Tresen, wo das Stimmengewirr von der Musik übertönt wird. "Born to be wild" von STEPPENWOLF scheppert aus den Boxen. Aber "Easy rider", das war schon in den 60ern nur ein Traum mit bösen Folgen. Der Typ hinterm Tresen hat das wohl auch bemerkt und blendet die Musik brutal über zu BON JOVIs "Dead or alive". Ich seh den Cowboy unserer Tage vor mir, der mit seinem Stahlross der untergehenden Sonne entgegen fährt. "By the bottle that you drink. And times when you're all alone all you do is think". Eine Kellnerin raunzt mich an, ich solle ihr nicht im Weg stehen. Meine Kehle wird trocken und ich nutze die Gelegenheit, um ein Bier zu bestellen.
      Gegenüber tuscheln zwei Frauen und blicken in meine Richtung. Dann beginnen sie zu lachen und wenden sich ab. Ich möchte im Boden versinken. Das Cowboyface ist schon längst verrutscht. Die Kellnerin kommt endlich mit einem Bier zurück. Ich bezahle gleich, damit ich jederzeit verschwinden kann.
      Ich setze gerade zum ersten Schluck an, da fährt eine Pranke auf meine Schulter herab und das Bier schwappt übers Glas. Ich kann gerade noch verhindern, dass Hemd und Hose nass werden. Der Schreck fährt mir in die Glieder und wird von einem homerschen Gelächter begleitet. Harry stellt sich grinsend vor mich. Ein kurzes "Wie geht's?" und ohne die Antwort abzuwarten steht er bereits am nächsten Tisch und unterhält sich mit zwei Frauen. Ich verschiebe mein Projekt auf nächste Woche und schließe mich Harry an...

 
 
 
       
   

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