Inhaltsverzeichnis
Vorwort
I. Blicke auf die Kneipe
1. Überblicke
2. Einblicke
II. Kneipe und Kulturzusammenhang
1. Ein Gang durchs Quartier
2. Soziologie, Kneipe und Gesellschaft
III. Kneipe im kulturellen Milieu
1. Die Kneipe: Ein intersubjektiver Zusammenhang
2. Die Stadt und Kneipe: Eine ökologische
Betrachtung
3. Die Kneipe und ihre Nahbereiche - Zur Typologie
der Kneipe vom 19. Jahrhundert bis heute
a) Nahbereich als sozialräumlicher Begriff
b) Die Entstehung der Arbeiterkneipe
c) Die "Angestellten" - Kneipe
d) Kontinuität und Diskontinuität: Zur Vorgeschichte
der neuen Kneipentypen
e) Von der Arbeiterstammkneipe zur allgemeinen
Quartierskneipe: Die Nachkriegsentwicklung in der
Bundesrepublik
f) Die Szenenkneipe
4. Das Ganze und das Geteilte - Kneipe und
fragmentierter Lebenszusammenhang
IV. Die Kneipe im Blickpunkt: Fakten und Fiktionen
1. Absatzstrategien der Brauereien: Von der Kneipe
zum Einkaufscenter
2. Kneipe und Alkoholismus: Eine
gesundheitspolitische Fiktion
3. Kneipe und Randale
V. Kneipe als kulturelles Milieu
1. Trinken
2. Reden
3. Spielen und Feiern
4. Zeitörter
5. Männer und Frauen
6. Wie wird man Stammgast
7. Wirte
VI. Die Kneipe und ihr Publikum
1. Arbeiterschaft und Kneipe
2. Exkurs: Krise und Kneipe
3. "Neue" Mittelschichten und Kneipen
VII. Kneipe als Öffentlichkeit
VIII. Die Zukunft der Kneipe
1. Die Zukunft der Kneipe - Teil 1
2. Exkurs: Die Industrialisierung des Biergeschmacks
3. Die Zukunft der Kneipe - Teil 2
Zitate:
Beispiel
Quartier: Östliche Vorstadt in Bremen
"Die Lage des Quartiers (...) ist in jeder Beziehung
gut. Ca. 15 Minuten zu Fuß zur Innenstadt, gute
Anbindung an den öffentlichen Nahverkehr, keine
übermäßigen Verkehrsbelastungen - vielleicht mit
Ausnahme einer Grenzstraße." (S.44)
"Die Entwicklungstendenz des Quartiers geht (...)
von einem sozial gemischten Quartier mit niedrigem
Status zu einem sozial gemischten Quartier mit
höherem Status.
Nimmt man die weiter oben berichteten Daten hinzu -
hoher Anteil an Einpersonenhaushalten,
überproportionaler Anteil der Altersgruppe von 18
bis 45 Jahren -, so läßt sich vermuten, daß zwar die
soziale Mischung zunächst noch weiter bestehen
bleiben wird, daß aber die überaus dynamische Gruppe
der »young urban professionals« zunehmend
Erscheinungsbild und Alltagskultur des Quartiers und
damit auch der Kneipen prägen wird." (S.53)
Verteilung der
Einpersonenhaushalte und Kneipendichte
"Frau Cavan schließt aus ihrer Untersuchung, daß die
ökologische Verteilung der Kneipen der Verteilung
potentieller Kunden folge: entscheidend sind nach
ihrer Auffassung die Anteile der Single-Haushalte
sowie Einrichtungen mit einem hohen
Personenverkehrsaufkommen.
Wie gesagt, der Erklärungswert solcher Aussagen ist
sehr begrenzt. Aber immerhin war uns schon bei der
Beobachtung einer einzigen kleinen Straße in unserem
Beobachtungsquartier aufgefallen, daß alle
regelmäßigen Kneipenbesucher aus
Ein-Personen-Haushalten stammten. Der Kneipenbesuch
hat also vermutlich außer mit der kulturellen
Alltagspraxis von Klassen auch mit der Stellung im
Lebenszyklus zu tun. Unter den Kneipengängern mögen
sicherlich viele Gäste aus Ein-Personen-Haushalten
stammen, daraus aber zu schließen, daß die
Verteilung der Kneipen der Verteilung von
Ein-Personen-Haushalten folge, ist als generelle
Aussage sicherlich falsch, nach deutschem
Planungsrecht sogar nahezu ausgeschlossen (...). Im
Zuge der jüngsten Mittelschichtssegregation in
deutschen Städten scheint daher eher die umgekehrte
Annahme gerechtfertigt, daß nämlich diese Kreise,
die - jedenfalls heutzutage - einen relativ hohen
Anteil an Ein-Personen-Haushalten aufweisen, gerade
in (Altbau-)Gegenden mit guter Infrastruktur (d.h.
stets: mit gemischter Nutzung) ziehen, wozu in aller
Regel eine höhere Kneipendichte gehört." (S.94f.)
Die 68er-Bewegung
und die Revolutionierung des Kneipenwesens
"Keine Szene im Nachkriegsdeutschland hat das
politische , intellektuelle und kulturelle Klima so
beeinflußt wie die 68er-Bewegung. Und keine hat so
viele Tabus aufgebrochen und zu selbstverständlichen
Bestandteilen des Alltagslebens transformiert wie
sei. Ihre Kneipen stehen deshalb in keiner Tradition
zu historischen »Szenen«. Im Gegenteil bilden sie
einen deutlichen Bruch. Und wenn sie ihre Räume für
sich als selbstbestimmte Kommunikations- und
Erholungsörter kreiert haben mögen, funktional
betrachtet besteht ihre Leistung vor allem in der
Zerstörung abgegrenzter ständischer Subkulturen (und
ihrer Kneipen), und zwar auf viele Jahre hinaus. Und
gerade das ist eine der Grundlagen ihrer
Breitenwirkung, ihrer stilistischen
Erneuerungspotenz; deshalb wirkt sie über ihr
eigenes politisches Ende hinaus im deutschen
Kneipenwesen typenbildend fort.
Heute gibt es diese Bewegung nicht mehr als
Bewegung, nur noch als Summe vereinzelter
Individuen. Ihre Kneipen gibt es noch, wenn auch in
ihrer Häufigkeit und Besucherfrequenz abnehmend,
aber es sind keine Szenekneipen mehr. Sie sind zu
einem Kneipentyp geworden, den es vorher nicht gab:
Stammkneipen einer kleinbürgerlichen
Intellektuellenschicht, die vor der 68er-Bewegung
nicht zu den habituellen Kneipenbesuchern gehörte."
(S.137f.)
Der Kneipengang
als subjektive Verarbeitungsform
"Als Lösung sozialer Probleme ist die Kneipe (...)
auf einen Sonderfall beschränkt: Sie erfüllt
schlichte soziale Verkehrsbedürfnisse vom Gespräch
bis zum sexuellen Kontakt und reagiert damit auf die
zunehmende Vereinzelung, die sich
bevölkerungsstatistisch im Anwachsen der
Ein-Personen-Haushalte und in der Zunahme getrennt
lebender Ehepartner ausdrückt." (S.150)
Der
Beitrag der
68er-Bewegung: Ein neuer Schweigertyp
"In der Kneipe gibt es heutzutage zwei
Schweigertypen: den Säufer, der sich vollaufen läßt,
und den Intellektuellen, der abends, vielleicht um
11 oder 1/2 12 Uhr, vom Schreibtisch aufsteht und
noch einen Betttrunk nimmt, um seine Gedanken zu
ordnen oder abzuschalten. Der erste Typ ist so alt
wie die Kneipe, der zweite, von uns unbekannten
Ausnahmen abgesehen, als häufigere Erscheinung wohl
noch keine fünfzehn Jahre alt: Er scheint ein sozial
und im Selbstbewußtsein statusmäßig noch schlecht
verankertes Restprodukt der 68er-Bewegung zu sein.
Abseits von und neben diesen beiden Typen besteht
das Kneipenleben vor allem aus einem: aus Reden."
Männerort Theke
und Frauen
"Der Unterschied zwischen Theke und Schankraum wird
bei der Anwesenheit von Frauen relevant. Der Ort der
mannbestimmten Kneipenkultur ist die Theke. Im
allgemeinen können in Stammkneipen Frauen, auch
Ehefrauen von Stammgästen, nur dann an die Theke,
wenn sie bereits einige andere Gäste kennen. (...).
In Intellektuellenkneipen ist diese kanonische
Setzung aufgeweicht, hier sitzen Frauen gelegentlich
allein am Tresen." (S.236)
Frauen allein in
der Kneipe
"Frauen (gehen) nach unseren Beobachtungen nicht
gern allein in Kneipen. Die Abneigungen sind tiefer,
als daß sie in fünfzehn Jahren aufgelöst sein
könnten. In der Mehrzahl der Gaststätten - Scene-
und Intellektuellenkneipen ausgenommen - können
Frauen nicht allein an die Theke. Allein am Tisch zu
sitzen macht aber das Alleinsein in dem sozialen
Raum leicht zur Einsamkeit; es gilt zudem bei
manchen, Mann wie Frau, als »Einladung« an die
Männer, als Aufforderung zur Gesprächsanknüpfung."
(S.236)
Entstehung eines
neuen Typus der Szenekneipe in den 70er Jahren
"Mittelschichtangehörige (sind)(...) nur
ausnahmsweise Gäste von Kneipen. Gehen sie »aus«,
bevorzugen sie das innerstädtische Honoratiorenlokal
oder das Restaurant.
Wir beschäftigen uns (...) nur mit dem Teil der
Mittelschichten, der den neuen Typus der
Szenenkneipe in den siebziger Jahren
hervorgebracht hat. Rein sozioökonomisch handelt es
sich zweifellos nicht um neue
Mittelschichten. Beruflich gehören sie den
Korporationen ihrer Altvorderen und parallel
Lebenden an. Aber im soziologischen Sinne
repräsentieren sie eine andere Generation".
(S.270f.)
"Ihr Kern wird von dem gebildet, was man früher
Akademiker nannte. Lehrer, Juristen oder
Professoren. Am auffälligsten ist der Bruch
sicherlich in der letzgenannten Gruppe, einer
traditionell besonders esoterischen Mannschaft. Aber
der Ausbau und die Neugründung von Universitäten in
den sechziger und siebziger Jahren hatten den bis
dato ziemlich austarierten Markt des
Hochschullehrernachwuchses so leergefegt, daß sehr
viele jüngere Lehrkräfte ohne die sozialisierende
Ochsentour zwischen Promotion und Habilitation auf
Lehrstühle kamen, die sie unter alten Bedingungen
kaum oder jedenfalls nicht so schnell bekommen
hätten. Dieser positive Karrierebruch und die
soziologisch-generative Zugehörigkeit zu - nicht
unbedingt Teilnahme an - den 68ern hat sie zum
großen Teil in diese Subkultur gezogen." (S.273)
Die Yuppiekneipe
als Kehrseite der Szenekneipe
"Kneipenagglomerationen ohne Bevölkerungsumfeld.
Hierzu gehören z.B. die Düsseldorfer Altstadt, das
münsterische Überwasser-Viertel, in München Teile
von Schwabing, in Bremen der Schnoor oder Auf den
Häfen.
Nun sind solche Kneipenansammlungen ohne
Bevölkerungsanbindung natürlich keineswegs neu; sie
haben ihre historischen Vorläufer, z. B. in den
Amüsiervierteln (...).
Dennoch unterschieden sich die seit Anfang der
siebziger Jahre neu entstandenen Kneipenviertel von
ihren lokalkoloritgeprägten Vorgängern, und zwar in
mehrfacher Hinsicht. Sie sind Kneipen für eine neu
entstehendes und sich bis heute ausweitendes
Publikum, nämlich für hochmobile, kaufkräftige und
angebotsorientierte Schichten des Mittelstandes,
deren Eltern meist gar nicht oder in bürgerliche
Honoratiorengaststätten gingen. Es ist die
unpolitische Seite der gleichen Schicht, die den
Kern der Studentenbewegung gebildet hat und die auf
ihre Weise an dem Aufbruch der Bewegung teilnahm.
Aber ihr Stil war nicht verräuchert, intellektuell
und schummrig, nicht Nickelbrille, Bärte,
ungeschminkte Gesichter und schäbige Kleidung,
sondern teueres legeres outfit, das sich nicht im
Preis, sondern in der Mode von dem der
Elterngeneration unterschied. Genauso modisch wie
das Publikum waren und sind auch die Kneipen - und
dem Stil entsprechend internationalistisch. Es ist
wohl kein Zufall, daß in deutschen Metropolen der in
Paris zu Weltruhm gelangte »Drugstore« imitiert
wurde. Der Vorgang zeigt, was die Essenz dieses
Stils ist: Imitation und Kopie als Surrogate eines
als avantgardistisch empfunden Lebensstils."
(S.312f.)