"Als ich
im Winter 2010 begann, ein Buch übers Alleinerziehen zu
schreiben, war das Image alleinerziehender Frauen an einem
Tiefpunkt angelangt. Im Januar 2010 charakterisierte die
Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung unter dem Titel
«Die
Hätschelkinder der Nation» alleinerziehende, arbeitslose
Mütter als raffinierte, vom Hartz-IV-System bevorzugte
Existenzen und rückte sie in die Nähe von Sozialbetrug.
(...) Im Sommer 2010 machte Henryk M. Broder
im Tagesspiegel einen Lösungsvorschlag, herrlich
ironisch, wie gewohnt. (...) Im Herbst 2010 ist es Thilo
Sarrazin, der sich in seinem Bestseller
»Deutschland schafft
sich ab« über Alleinerziehende und ihre Kinder Gedanken
macht",
beschreibt Christina
BYLOW die Ausgangssituation, in der sie ihr Buch
Familienstand: Alleinerziehend über Alleinerziehende in
Deutschland schrieb. Hinweise fehlen dagegen über die Debatte
um die
verlassenen Macchiato-Mütter in der taz,
stattdessen nur der Verweis auf Baka MISCHAs Pamphlet über die
Feigheit der Frauen. Der Beginn des Angriffs auf die
Alleinerziehenden datiert auf die Zeit der Durchsetzung der
Agenda 2010. Beispielhaft ist dafür der Artikel
Produktion und Reproduktion von Norbert BOLZ. Bereits
vor dem Trittbrettfahrer Thilo SARRAZIN hatte Gunnar HEINSOHN
die Sozialhilfemutter zur typischen Alleinerziehenden
stilisiert. Oder wie es BYLOW formuliert:
"Die auf
Sozialtransfers angewiesene alleinerziehende Mutter ist zum Inbegriff
einer keineswegs homogenen Gruppe geworden. Dabei verdienen sechzig
Prozent den Lebensunterhalt, wenn auch oft äußerst bescheiden, für sich
und ihre Kinder weitgehend allein."
Zuvor hatten über ein
Jahrzehnt lang Karrieremütter wie Stella BETTERMANN das Bild
der Alleinerziehenden mit Büchern wie
Mama Solo geprägt. Mit dem Umbau des Sozialstaats vom
"fürsorglichen" zum "gewährleistenden" Staat ist die
alleinerziehende Mutter jedoch wieder auf dem Weg zur
abweichenden Lebensform. In diesem Sinne ist sie dann auch ein
Auslaufmodell, denn auch die Unterhaltsgesetzgebung wurde
geändert, wie BYLOW zusammenfasst:
"Auch die Unterhaltsrechtsreform setzte neue Vorgaben für das
Experiment Familie. Die Reform schaffte den nachehelichen Unterhalt
weitgehend ab. Gestärkt wurden die »Zweitfamilie« und die
»Eigenverantwortung«. Das genuin westdeutsche Gespann aus Versorger
und Gattin wird damit irgendwann aussterben. Die Gesetzgebung folgt dem Leitbild der egalitären Elternschaft. Das Prinzip
»Einer zahlt,
einer betreut« ist damit nahezu obsolet. Solange aber die »Sorgearbeit«
- eigentlich ein schönes Wort - bei den Müttern bleibt, werden sie
doppelte Einschnitte haben. Und nicht immer lassen die sich mit
doppelten Freuden schönreden."
Ein grundsätzliches
Problem mit Alleinerziehenden ist jedoch, dass der Begriff aus
einer Zeit stammt, in der die lebenslange Ehe und das
Zusammenwohnen der Eltern die Familienwirklichkeit prägte.
Sowohl die moderne Arbeitswelt als auch das moderne
Beziehungsideal sprengen diese politischen Vorgaben des
amtsstatistischen Begriffs "alleinerziehend". Populäre
Begrifflichkeiten wie "Patchworkfamilie" für
"Alleinerziehende" mit neuem Lebenspartner sprengen die
Haushaltsstatistik, insbesondere wenn beide Partner in
verschiedenen Haushalten leben. Alleinerziehend ist nicht
alleinerziehend, genauso wenig wie Single gleich Single ist. |