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Elisabeth Niejahr: Sozialpolitik für die neue Klassengesellschaft

 
       
     
       
     
       
   

Elisabeth Niejahr in ihrer eigenen Schreibe

 
   

NIEJAHR, Elisabeth (2001): "Unsolidarisch".
Jürgen Borchert fordert ein neues Sozialsystem,
in: Die ZEIT Nr.16 v. 11.04.

NIEJAHR, Elisabeth (2001): Singles als Verlierer?
Das Pflegeurteil könnte die Rentenpolitik verändern,
in: Die ZEIT v. 11.04.

  • NIEJAHR widmet sich dem Grundsatzstreit:

    "Soll die Erziehung von Kindern innerhalb des Rentensystems gefördert werden (...). Oder sollte lieber die Gemeinschaft der Steuerzahler die Kindererziehung fördern?"

NIEJAHR, Elisabeth (2002): Das Märchen vom Aufstieg.
Die Deutschen glauben, dass es jeder nach oben schaffen kann. Falsch: Von den eigenen Bürgern unbemerkt, ist das Land zur Klassengesellschaft mutiert. Der Sozialstaat muss sich auf die Armen konzentrieren,

in: Die ZEIT Nr.20 v. 08.05.

  • NIEJAHR berichtet über einen Sachverhalt, der in der Kontroverse Familien contra Singles gerne verdrängt wird und mittels Begriffen wie "Generationengerechtigkeit" (siehe hierzu ausführlicher Christoph BUTTERWEGGE) ausgeblendet wird:

    "Auf absehbare Zeit wird das soziale Gefälle innerhalb der Generationen größer bleiben als das zwischen den Generationen."

    Deshalb fordert NIEJAHR:

    "Die Politiker wären gut beraten, weniger zwischen Kinderreichen und Singles und stärker zwischen armen und reichen Familien zu unterscheiden."

    Familienrhetoriker behaupten, dass die Lebenschancen von der Haushaltsform abhängig sind, tatsächlich sind sie jedoch bildungs- bzw. milieuabhängig. Dies gilt nicht nur für die Aufstiegschancen im Beruf (siehe hierzu Michael HARTMANN), sondern auch für die Heiratsmuster (siehe Heike WIRTH). Familienrhetoriker setzen Singles mit Yuppies gleich, obwohl die Spaltung der Gesellschaft auch die Gruppe der Alleinlebenden spaltet. Für Deutschland ersetzen immer noch Vorurteile empirische Untersuchungen. In Frankreich hat der Soziologe Jean-Claude KAUFMANN 1999 ein Buch zum Thema veröffentlicht, das kürzlich unter dem Titel  Singlefrau und Märchenprinz auch in Deutschland erschienen ist.  Obwohl das Buch die partnerlose Frau in den Mittelpunkt stellt, so wird jedoch sichtbar, dass männliche Partnerlose im mittleren Lebensalter die Modernisierungsverlierer sind. Sein Fazit:

    "Die Kennzeichnung der Armut durch Einsamkeit ist öfter männlich, während die Kennzeichnung des gesellschaftlichen Erfolgs durch Autonomie häufiger weiblich ist. Alleinlebende Männer findet man häufiger unten auf der gesellschaftlichen Leiter, alleinlebende Frauen häufiger oben."

    Dies gilt für männliche Partnerlose außerhalb von Einpersonenhaushalten noch viel mehr:

    "eine eigene Wohnung zu haben, stellt bereits einen Indikator sozialer Integration dar. Situationen gesellschaftlich viel schwerer wiegender Einsamkeit sind hingegen mit ganz anderen Wohnsituationen verknüpft (...). Untergebracht bei Verwandten, bei Freunden, in Heimen. Und nicht zu vergessen die Wohnungslosen."

    Die familienpolitische Debatte in Deutschland verhindert, dass dieser Skandal bei uns öffentlich verhandelt wird. Die Studie von Stefan HRADIL zur "Single"-Gesellschaft enthält deutliche Hinweise darauf, dass die Einschätzung von Jean-Claude KAUFMANN auch für Deutschland zutrifft. Was muss passieren, bis dies endlich zur Kenntnis genommen wird?

NIEJAHR, Elisabeth (2002): Rentenlügner unter sich.
Alle Parteien missbrauchen die Alterssicherung im Wahlkampf,
in: Die ZEIT Nr.36 v. 29.08.

  • NIEJAHR weist auf den Zusammenhang zwischen fehlenden Beitragszahlern und Erwerbssystem hin:

    "in Zeiten steigender Arbeitslosigkeit ist ein Anstieg der Lohnnebenkosten kaum zu vermeiden. Die frisch Entlassenen fallen als Beitragszahler aus, und für mehr Arbeitslose werden mehr Ausgaben fällig. Solange die Finanzierung der Sozialsysteme am Faktor Arbeit hängt, wird das so bleiben."

NIEJAHR, Elisabeth (2003): Land ohne Leute.
ZEIT-Serie "Land ohne Leute" (1): Die vergreiste Republik. Deutschland verliert jährlich 200000 Einwohner, da mehr Menschen sterben als geboren werden. Es wächst ein demografisches Problem ungeheuren Ausmaßes heran, doch die Politiker ignorieren es,
in: Die ZEIT Nr.2 v. 02.01.

  • Elisabeth NIEJAHR ist unter die Apokalyptiker gegangen. Mit ihrer Krisenrhetorik und dem Bedauern, dass eine pronatalistische, d.h. eine direkt geburtenfördernde, Politik noch nicht allgemein durchgesetzt ist, folgt sie den "konservativen Revolutionären" Arnulf BARING und Meinhard MIEGEL. Die Krise ist die Stunde der Exekutive. Es muss gehandelt werden. Demokratische Gepflogenheiten und Interessensätze werden machtpolitisch hinweggefegt. MACHIAVELLI und Carl SCHMITT sind die Paten dieses antidemokratischen Politikstils. Krisenrhetorik dient der Einschränkung von Denkalternativen und damit der Perspektivenverengung. Zweifel dürfen gar nicht erst aufkommen.  In diesem Sinne präsentiert NIEJAHR den Super Gau der Bevölkerungsentwicklung. Während der Bevölkerungswissenschaftler Herwig BIRG den ideologischen Charakter bevölkerungswissenschaftlicher Prognosen erst gar nicht leugnet, plappert NIEJAHR lediglich jene Slogans nach, mit denen Demografen die Prognosefähigkeit ihrer Wissenschaft behaupten:

    "Einwohnerzahlen sind leichter zu prognostizieren als beispielsweise der Klimawandel. Die Alten von morgen sind schließlich heute schon auf der Welt".

    Das mag - abgesehen vom Ausbleiben nicht erwünschter lokaler Katastrophen - stimmen, aber wieviel Junge bis dahin auf die Welt kommen werden, das steht genauso wenig fest wie die nicht weniger entscheidende Frage, wo diese Menschen leben werden.  Vor einigen Tagen hat der österreichische Bevölkerungswissenschaftler Wolfgang LUTZ in einem FAS-Interview die angeblich so treffsicheren UN-Prognosen der Vergangenheit als unzutreffend bezeichnet. Die prognostizierte Bevölkerungsexplosion der Weltbevölkerung findet nicht statt. Noch schlimmer: der zentrale Glaubenssatz der Demografen, wonach der Entwicklungsstand einer Nation eng mit der Geburtenrate verknüpft ist, ist in dieser simplen Form nicht aufrecht zu erhalten. Die Gleichung arm = viele Geburten & reich = wenige Geburten stimmt so nicht. "Simplify your life" mag ja ein gesellschaftlicher Trend sein, wenn es jedoch um wissenschaftliche Glaubwürdigkeit geht, dann sollte man diesen monokausalen Erklärungsmythen misstrauen. In dem 1997 erschienenen Buch Familie leben rechnet der Familiensoziologe Hans BERTRAM mit der Ideologie von Meinhard MIEGEL ab. MIEGEL hat seine Thesen zur Bevölkerungsentwicklung nicht erst in dem Buch Die deformierte Gesellschaft niedergeschrieben, sondern bereits 1994 zusammen mit Stefanie WAHL das Ende des Individualismus prophezeit. Die empirischen Daten der Längsschnittuntersuchung des Deutschen Jugendinstituts stützen MIEGELs Kritik an der hedonistischen und individualistischen Kultur in Deutschland nicht. Postmaterialistische Werte verhindern nicht per se, dass aus Singles Eltern werden. Die Frage,

    "unter welchen Umständen Postmaterialisten bereit sind, Kinder zu bekommen"

    ist deshalb nicht so einfach zu beantworten wie sich das MIEGEL und Konsorten wünschen. Christine CARL hat zum Thema gewollte Kinderlosigkeit ein Buch veröffentlich, das die Problemvielfalt aufzeigt.

NIEJAHR, Elisabeth & Marcus ROHWETTER (2003): Lasst sie jung aussehen.
Sie haben Geld, Zeit und Lust: Die Wirtschaft entdeckt Menschen jenseits der 50 als Zielgruppe. Willkommen in der Konsumwelt von morgen,
in: Die ZEIT Nr.4 v. 16.01

NIEJAHR, Elisabeth (2003): Unsoziale Parität.
Die SPD wendet sich gegen Rürup - und gegen sich selbst,
in: Die ZEIT Nr.15 v. 03.04.

NIEJAHR, Elisabeth (2003): Schleudersitz zur Macht.
Früher galten die Sozialexperten im Parlament als fleißig, mächtig und nicht selten unpolitisch. Jetzt rücken selbstbewusste Generalisten nach,
in: Die ZEIT Nr.16 v. 10.04.

  • NIEJAHR beschreibt wie jeglicher Widerstand gegen die Neue-Mitte-Politik durch einen neuen Ressortzuschnitt von vorneherein verhindert wurde:

    "Der Neuzuschnitt der Sozialministerien sollte nach den Vorstellungen des Kanzlers auch die gewerkschaftsnahe Beamten-Bastion im alten Sozialministerium knacken. Sie schwächte den alten Sozialpolitiker-Verbund in den Ausschüssen gleich mit, denn deren Zuschnitt richtet sich nach den Ministerien. Jetzt verteilen sich die Sozialexperten auf zwei Fachzirkel: Zum einen auf den Ausschuss für Gesundheit und Soziale Sicherung, in dem besonders viele Parlamentsneulinge sitzen. Zum anderen auf den Ausschuss für Arbeit und Wirtschaft, dem auch viele Mittelstandspolitiker angehören, woran sich alle Beteiligten immer noch gewöhnen müssen".

NIEJAHR, Elisabeth & Bernd ULRICH (2003): Gerechtigkeit.
In jedem von uns steckt ein Sozi. Er pflegt die Besitzstände und verweigert reflexhaft jede Veränderung. Die Sozialdemokraten in der SPD kann der Kanzler notfalls erpressen. Die Sozialdemokraten in uns muss er noch überzeugen. Schröder kann es schaffen,
in: Die ZEIT Nr.18 v. 24.04.

  • NIEJAHR  & ULRICH melden den Erfolg der Symbolanalytiker der alten & neuen Mitte:

    "Die Flut von schlechten Daten in Wirtschaft, Haushalt und Bildung (...) haben die Mehrheit willig gemacht hinzunehmen, was der Kanzler Agenda 2010 nennt, ein Bündel unausweichlicher Sozialkürzungen".

    Diese Elitenstrategie der Dramatisierung hat Jedediah PURDY beschrieben. Bernd ULRICH hat bereits im Tagesspiegel seine Gerechtigkeitsvorstellungen vorgetragen. Ihm geht es um die Neujustierung der Verteilungsfrage. Die Neue Mitte macht sich scheinbar zum Anwalt der "neuen" Randgruppen, um ihre eigenen Privilegien zu sichern. Denn damit sich die Eliten nicht ändern müssen, sollen die Nicht-Eliten die Zeche zahlen. Die oberflächliche Frontlinie beschreiben die Autoren folgendermaßen:

    "Nicht dass der alte Verteilungskonflikt zwischen Kapital und Arbeit geradewegs zum Nebenwiderspruch geworden wäre. Aber andere, nicht minder bedeutsame Gerechtigkeitsfragen sind hinzugekommen – der Gegensatz zwischen Alten und Jungen, Familien und Kinderlosen, Einwanderern und Einheimischen, Jobbesitzern und Arbeitslosen".

    Vorbild der Neujustierung ist die USA der Clinton-Ära:

    "Die Zahl der Mütter mit College-Diplomen habe sich seit 1990 um 40 Prozent erhöht. Jede vierte Amerikanerin habe zum Zeitpunkt der Geburt des ersten Kindes mindestens den Bachelor-Grad erreicht",

    schreibt SIEMON-NETTO. Elinor BURKETT hat in ihrem Buch Baby Boon die Diskriminierung von Kinderlosen in den USA beschrieben, denn sie müssen die neue Familienfreundlichkeit finanzieren. Dies wäre zu verkraften, wenn die Familienfreundlichkeit allen Familien gleichermaßen zu gute käme, aber es ist in erster Linie die Gebt-mir-alles-Familie der Neuen Mitte, die von Kinderlosen finanziert werden soll. Diese Gebt-mir-alles-Familie lebt vorzugsweise als Family-Gentrifier in den schicken Großstadtquartieren von Dienstleistungsmetropolen wie München, Frankfurt, Berlin usw.

NIEJAHR, Elisabeth (2003): Erst poltern, dann feiern.
Jetzt will Gerhard Schröder alle Grausamkeiten offenbaren. Pünktlich zum 1. Mai mobilisiert der Kanzler die Gewerkschaften - gegen sich,
in: Die ZEIT Nr.19 v. 30.04.

NIEJAHR, Elisabeth (2003): Die Feigheit der Flickschuster.
Kanzler Schröder will den Sozialstaat umbauen. Doch er spart nur innerhalb des alten Systems. Damit die Agenda 2010 länger als ein Jahr hält, müsste es neu finanziert werden - durch Steuern statt durch Beiträge,
in: Die ZEIT Nr.21 v. 15.05.

  • NIEJAHR berichtet u. a. über die Kontroverse um die richtige Finanzierung des Sozialsystems:

    "Bezeichnend ist, dass die Trennlinie zwischen Unterstützern und Gegnern nicht entlang den Parteigrenzen verläuft, sondern zwischen traditionellen Sozialpolitikern und dem Rest. (...).
    Wie wichtig die Grundhaltung zur Politik ist, erfährt man zum Beispiel bei
    Gerhard Bäcker, einem bekannten Soziologie-Professor der Universität Duisburg-Essen, der Mitautor sozialpolitischer Standardwerke ist. Er hält viel vom alten Beitragssystem. Der Abschied von Bismarck sei ein Systemwechsel »hin zu einem Fürsorge-Modell«. Für Bäcker ist das ein Rückschritt: Im bestehenden System habe der Beitragszahler schließlich einen Rechtsanspruch auf Gegenleistungen. »Jedes Fürsorge-System hat enorme Akzeptanzprobleme und ist generell gefährdet, da über die Höhe der Hilfe jährlich politisch mit der Verabschiedung der Etats entschieden wird«, sagt Bäcker.
    Der frühere CDU-Sozialminister
    Norbert Blüm drückte die gleiche Sorge mit dem ihm eigenen Pathos aus: Es gehe um den Unterschied zwischen »Bürger und Untertan«.
    "

NIEJAHR, Elisabeth (2003): Die Bellheim-Republik.
Vergreisung? Verarmung? Die Alten werden die Retter sein,
in: Die ZEIT Nr.36 v. 28.08.

  • Elisabeth NIEJAHR fordert ein Umdenken:

    "Nötig ist eine neue Einstellung zum Alter: in den Personalabteilungen, an den Universitäten, in den Familien, im Gesundheitswesen. Schließlich ändert sich viel mehr als nur das Rentensystem, wenn Deutschland in die Jahre kommt. Wir werden anders wohnen, anders Auto fahren, anders arbeiten, anders lieben und anders essen, wenn erst einmal jeder Dritte älter als 50 ist."

HAMANN, G. & E. NIEJAHR (2003): Arme Rentner - anno 2020.
Nie war die Altersarmut so gering wie heute. Das ändert sich, wenn die Pläne der Rürup-Kommission wahr werden,
in: Die ZEIT Nr.36 v. 28.08.

NIEJAHR, Elisabeth (2003): Stimmungsmache gegen die Alten,
in: Die ZEIT Nr.39 v. 18.09.

Bernd W. Klöckner - Die gierige Generation

NIEJAHR, Elisabeth (2003): Politik vom Wickeltisch.
Familie, Demografie, Bildung und noch mal Bildung - das sind die großen Themen des dänischen Soziologen Gøsta Esping-Andersen. Jetzt hat ihn die SPD entdeckt,
in: Die ZEIT Nr.41 v. 02.10.

  • NIEJAHR stellt den ZEIT-Lesern den neuen Guru der Sozialdemokratie vor: den dänischen Soziologen Gösta ESPING-ANDERSEN.

NIEJAHR, Elisabeth (2003): Gefühlte Gerechtigkeit.
Viele führende Sozialdemokraten haben typische Aufsteiger-Biografien. Für Chancengleichheit kämpfen sie deshalb noch lange nicht,
in: Die ZEIT Nr.47 v. 13.11.

  • Elisabeth NIEJAHR bestätigt einerseits die Kritik des Göttinger Politikwissenschaftlers Franz WALTER an den Genossen und andererseits geht sie der These des Elitenforschers Michael HARTMANN nach, der den Sozialcharakter von Aufsteigern folgendermaßen beschrieben hat:

    "Deutschland wird von Aufsteigern regiert. Man kann lange darüber streiten, welche politischen Folgen das hat: Der Darmstädter Soziologieprofessor Michael Hartmann unterstellt ihnen besondere Härte, nicht nur im parteiinternen Konkurrenzkampf, sondern auch beim Reformieren. Denn in der Wirtschaft seien es ja meist Außenseiter, die besonders hart sanierten, während die Bürgerkinder für das Visionäre zuständig seien."

NIEJAHR, Elisabeth (2004): Auf der Suche nach einem neuen Selbstbild.
Deutschland kommt in die Jahre,
in: Das Parlament Nr.48 v. 22.11.

NIEJAHR, Elisabeth (2003): Wirtschaftswunder in Grau.
Die Deutschen werden immer älter - und trotzdem kann es ihnen besser gehen,
in: Die ZEIT Nr.51 v. 11.12.

NIEJAHR, Elisabeth (2004): Die kommende Armut.
Wenn die Politik weiterschläft, kehrt die Klassengesellschaft zurück,
in: Die ZEIT Nr.16 v. 07.04.

  • "Es ist offensichtlich, dass der Konflikt zwischen Jung und Alt den Gegensatz zwischen Arm und Reich nicht etwa ablösen, sondern verschärfen wird. Das gealterte Deutschland wird ungleicher sein, weil es mehr zu vererben und weniger Rente geben wird",

    erklärt Elisabeth NIEJAHR

NIEJAHR, Elisabeth (2004): Die Schwiegermütter-Republik.
Je leerer die öffentlichen Kassen sind, desto wichtiger wird die Familie. Um den Sozialstaat zu entlasten, müssen nun die lieben Verwandten ran - doch die meisten sind damit überfordert,
in: Die ZEIT Nr.20 v. 06.05.

NIEJAHR, Elisabeth (2004): Panik in der Mittelschicht.
Am Wochenende berät die Bundesregierung in Neuhardenberg über die Reformen. Hartz IV kommt zwar den Sozialhilfeempfängern zugute, nicht aber den besser gestellten Arbeitslosen. Jetzt ist der Moment gekommen, eine durchdachte Politik für die Armen in Deutschland zu entwickeln,
in: Die ZEIT Nr.29 v. 08.07.

  • Elisabeth NIEJAHR vermisst die Anwälte der Unterschichten und verweist darauf, dass die Erfassung der Armut mit Problemen behaftet ist. Drei Definitionen der Armut werden unterschieden: weniger als die Hälfte des durchschnittlichen Pro-Kopf-Einkommens, Zahl der Sozialhilfeempfänger und Teilhabe bzw. Exklusion. Danach widmet sich NIEJAHR den Abstiegsängsten der Mittelschichten (Für die USA hat das Barbara EHRENREICH 1989 in ähnlicher Weise getan, dagegen hat David BROOKS im Jahr 2000 die Ängste der Bobo-Mittelschichten als Resultat eines Vergleichs mit den alten Eliten gerechtfertigt), um mit der Unterscheidung zwischen objektiver und subjektiver Sicherheitslage die Panik der Mittelschichten als ungerechtfertigt abzutun. Das hatte bereits die taz Ende 2003 praktiziert. Zuletzt stellt uns NIEJAHR die wahren Armen vor: die Familien. Dies tut sie mit der Behauptung, dass diese sich kaum artikulieren würden. Welch ein Hohn! Diese Seite beweist das Gegenteil...

NIEJAHR, Elisabeth (2004): Wenn die Alten jünger werden.
60-Jährige beim Rockkonzert, grauhaarige Dynamiker als Werbeträger, Trendwende in den Personalabteilungen: Der Jugendwahn ist vorbei,
in: Die ZEIT Nr.39 v. 16.09.

  • Elisabeth NIEJAHR berichtet anlässlich eines Alten-Kongresses der Grünen über die gegenwärtige Konjunktur des Alternsthema und verkündet - rechtzeitig vor Erscheinen ihres Buches über die Altenrepublik - das Ende des Jugendwahns:

    "Noch fünf Jahre zuvor hatten die Grünen eine Veranstaltung mit dem gleichen Thema abgesagt – nur 15 Interessenten hatten sich gemeldet.
    Das war 1999, als die Deutschen begannen, Aktionäre zu werden und das Internet entdeckten. Gefeiert wurden die
    Helden der New Economy, ein Jahr später reüssierte Florian Illies, Geburtsjahrgang 1971, mit seiner Generation Golf. Man war neugierig auf die selbstbewussten Jungen. Inzwischen sind die meisten dieser Jungen in Nischen, arbeitslos oder haben sich brav hintenangestellt in der Generationenreihe. Die Jugend sieht zurzeit etwas alt aus."

NIEJAHR, Elisabeth (2004): Mehr Wohlstand für alle.
Die Deutschen werden weniger. Das ist kein Grund zur Panik, sondern auch eine Chance,
in: Die ZEIT Nr.43 v. 14.10.

  • Bislang galt es als Elitenkonsens der Neuen Mitte, dass eine schrumpfende Bevölkerung Wohlstandsverluste bedeutet, Elisabeth NIEJAHR hält dagegen:

    "Dass der Wohlstand eines Landes durch eine sinkende Einwohnerzahl gefährdet werden kann, ist eine vergleichsweise neue Sicht der Dinge. Die Geschichte lehrt eher das Gegenteil. Ein besonders drastisches Beispiel sind die Pestepidemien des ausgehenden Mittelalters. Ganze Landstriche wurden entvölkert, Hunderttausende starben. Grundstücke und Ackerflächen verteilten sich auf weniger Köpfe, pro Person wurde mehr Kapital gebildet, der Lebensstandard in Europa stieg.
    Wirtschaftshistoriker haben die Pest im Nachhinein als eine der Voraussetzungen für die Entstehung des Frühkapitalismus bezeichnet. Und meistens haben Ökonomen später ähnlich argumentiert: Schnell wachsende Bevölkerungen galten als Gefahr für den Wohlstand eines Landes. Und tatsächlich sind junge, kinderreiche Gesellschaften bis heute meistens arm – Länder wie Bangladesch oder Indien sind Beispiele dafür.
    Auch in wohlhabenden Ländern ist der Zusammenhang zwischen Wachstum und Bevölkerungsrückgang nicht so einseitig, wie häufig angenommen wird: Einerseits haben die Menschen weniger Kinder, weil sie zu Wohlstand gekommen sind. Andererseits geben sie weniger für die Unterstützung ihrer Familien aus und können mehr Kapital bilden.
    "

NIEJAHR, Elisabeth (2004): Mit 70 hat man noch Träume.
Ein Gesetz soll die Alten vor Diskriminierung schützen – aber so schwach sind sie nicht,
in: Die ZEIT Nr.43 v. 14.10.

NIEJAHR, Elisabeth (2007): Die Jahre zählen.
Ob Elterngeld oder Rente mit 67: Nichts beschäftigt die Regierung so sehr wie der demografische Wandel,
in:
Die ZEIT Nr.16 v. 12.04.

NIEJAHR, Elisabeth (2007): Der wahre Altersunterschied.
Heute geht es den meisten Rentnern gut. Aber die Altersarmut wird zunehmen, weil viele Bürger nicht in der Sozialversicherung sind,
in:
Die ZEIT Nr.36 v. 30.08.

  • Aufgrund der Rentenreformen der letzten Jahre, die insbesondere die Nach-68er-Generationen betreffen, wird die Altersarmut um sich greifen:

    "Waren bisher vor allem nicht erwerbstätige Mütter die Verlierer der Rentenpolitik, so werden dies in Zukunft Geringverdiener, Arbeitslose und vor allem viele Selbständige sein",

    meint Elisabeth NIEJAHR. Es wird auch keinen Generationenkampf geben, wie die Verfechter von mehr Generationengerechtigkeit (meist dieselben, die auch die Rente auf eine Grundrente reduzieren möchten) behaupten, sondern die Kluft zwischen Arm und Reich innerhalb von Altersgruppen wird zunehmen:

    "Die Rente ab 67 wird vor allem von den Alten gefürchtet, den Rentnern von heute - also genau von der Gruppe, die das Gesetz bestimmt nicht betrifft. Und die Vertreter der geburtenstarken Jahrgänge im Parlament, in den Verbänden und den Redaktionen haben besonders vehement Korrekturen bei der alten Rentenformel gefordert - und werden am Ende diejenigen sein, die deshalb mit kleinen Alterseinkommen leben müssen".

NIEJAHR, Elisabeth (2008): Die Legende von der Kinderlosigkeit.
Wenn der Staat will, dass die Zahl der Geburten zunimmt, sollte er die Großfamilien besser fördern,
in: Die ZEIT Nr.10 v. 28.02.

NIEJAHR, Elisabeth (2010): Die Frau, die Kanzler kann.
Lange war Ursula von der Leyen das liberale Aushängeschild der CDU. Als Hartz-IV-Reformerin macht sie erstmals konservative Politik,
in: Die ZEIT Nr.40 v. 30.09.

Elisabeth NIEJAHR verschweigt, dass Ursula von der LEYEN genau jene Politik macht, die der Vordenker und SPD-Mitglied Thilo SARRAZIN in seinem Buch Deutschland schafft sich ab fordert. Einsparungen beim Hartz IV-Regelsatz damit zu erklären, dass Tabak und Alkohol als Genussmittel nicht zum Existenzminimum gehören, das steht dort wortwörtlich auf Seite 116:

"In den Ist-Ausgaben des Durchschnittshaushalts sind 40 Euro für Tabakwaren und eine ähnliche Summe für den nur grob abzuschätzenden Verbrauch an alkoholischen Getränken und alkoholfreien Erfrischungsgetränken (Mineralwasser und Ähnliches) enthalten. Allein in diesen beiden Positionen liegt Einsparpotential, das es jedem, der in einem auf Transfer angewiesenen Haushalt lebt, ermöglicht, sich exakt so zu ernähren, wie das bei einem durchschnittlichen Verdienst möglich ist - wenn er will sogar besser."

Neu:
NIEJAHR, Elisabeth  (2011): Mit der großen Gießkanne.
Ob Oberschicht oder Unterklasse, alleinerziehend oder zu zweit, mit Job oder ohne Job: Der deutsche Sozialstaat hilft fast jeder Familie - und damit keiner richtig,
in:
Die ZEIT Nr.7 v. 10.02.

Elisabeth NIEJAHR beschwört die Komplexität der Familienleistungen - also das passende Gegenstück zu Jens JESSENs beschworener Familienkomplexität.

"Die Förderei ist so unübersichtlich, dass kein seriöser Wissenschaftler berechnen mag, welche soziale Gruppe wie stark profitiert",

klagt NIEJAHR. Sie verschweigt aber, dass Transparenz gar nicht gewünscht ist, denn dann hätte die ZEIT selber ein gravierendes Problem. Sie müsste dann ihre eigene Klientelpolitik transparent machen, die von der oberflächlich beschworenen Familienkomplexität nichts wissen will.
            
Die mediale Konstruktion der Problembeispiele in dem Beitrag folgt einer impliziten Klientelpolitik, d.h. der Förderung der akademischen Doppelkarrierefamilie. Dazu wird u. a. das mittelschichtorientierte Ehegattensplitting attackiert:

"zwanzig Milliarden kostet das Ehegattensplitting, das große Steuervorteile für Familien bietet, in denen nur ein Ehepartner berufstätig ist. Der maximale Vorteil liegt laut Bundesfinanzministerium bei 15.694 Euro pro Jahr. Ein Drittel der Splitting-Vorteile geht an kinderlose Ehepaare und an solche, deren Nachwuchs nicht mehr im Haushalt lebt. »Im Interesse der Kinder müssten wir junge Eltern stärker fördern als alte, aber das Splitting wirkt eher in die andere Richtung«, kritisiert der Familiensoziologe Hans Bertram."

Eng verbunden mit dieser Subventionierung der Ehe  statt der jungen Familie - unverheiratet oder verheiratet - ist der abgeleitete Anspruch auf Hinterbliebenenrente, den sich Rentnerpaare erhalten wollen:

"Und oft reagieren sie darauf, wie Menschen es schon immer getan haben: Sie richten sich ein und versuchen das Beste herauszuholen – auf Kosten des Gemeinwohls.
            So trägt die Familienpolitik sogar dazu bei, dass Paare ganz rational entscheiden, nicht zu heiraten. Heide Wolff ist ein Beispiel dafür. (...). Wolff und ihr Freund leben in benachbarten Wohnungen mit kleiner Verbindungstür. Seit zwanzig Jahren sind sie ein Paar.
            (...) Beide hatten Ehepartner, die gestorben sind, und bekommen deshalb Hinterbliebenenrenten. Im Fall einer neuen Ehe würden diese Ansprüche entfallen, und das Paar hätte monatlich viel weniger Geld.
"

"Wilde Rentnerehe" nennt NIEJAHR das, obwohl es dafür einen Begriff gibt, der fast so alt ist wie die alte Bundesrepublik: Onkelehe. Diese Praxis schien Ende der 1950er im Sterben zu liegen, wie Regina BOHNE in ihrem 1960 erschienen Buch Das Geschick der zwei Millionen schreibt:

"In der Tat war ja die »Onkelehe« bis vor kurzer Zeit ein heftig diskutiertes Problem im Zusammenhang mit der Rentenregelung. In den ersten Nachkriegsjahren stand die »Onkelehe« in hoher Blüte; heute liegt sie weithin im Sterben. Die günstigere Regelung für die Kriegerwitwe, die eine zweite Ehe schließen möchte (sie erhält heute den fünffachen Jahresbetrag ihrer Sozialrente ausbezahlt), dürfte hierfür entscheidend ins Gewicht fallen. Der nächst wichtige Grund ist immaterieller Art: die herangewachsenen Kinder mit ihren Problemen schärfen das Verantwortungsbewußtsein der Mutter.
Das Modell einer »Onkelehe«, wie sie vielfach ausgesehen haben mag, hat der Dichter Heinrich Böll in seinem Roman »Haus ohne Hüter« in einer exemplarisch deutlichen Sprache geschildert." (1960, S.165f.)

Wir erleben also im Zeichen der Skandalisierung der kinderlosen Ehe die Rückkehr der Onkelehe - nur mit anderen Vorzeichen. Konnte die Kriegerwitwe/Trümmerfrau noch auf politisches Verständnis hoffen, so gilt das wilde Rentnerehepaar nun als Trittbrettfahrer einer verfehlten Familienpolitik.
            
Wer verstärkt Akademikerkinder fördern möchte, dem sind die bildungsfernen Hartz-IV-Empfänger natürlich ein Dorn im Auge. Passend dazu wird deshalb der Missbrauch der sozialstaatlichen Leistungen durch die Auflösung von Paarhaushalten angeprangert:

"Immer wieder ziehen Paare auseinander, weil ihnen die Unterstützung angenehmer ist als die vom Partner".

Die Lösung, die angeblich vor Missbräuchen schützen soll: eine Grundsicherung für Kinder. Der Pferdefuß ist aber: das mittelschichtorientierte Ehegattensplitting und das Kindergeld lässt sich nicht abschaffen, sondern nur verringern. Der Kampf um die Art des Splittingverfahrens bleibt weiterhin auf der Agenda.  Hinzu kommt: Grundsicherung ist nicht gleich Grundsicherung:

"Die Oppositionsparteien wollen die Grundsicherung in verschiedenen Varianten, die meisten Familienverbände auch".

Mit der Grundsicherung für Kinder ist also keine wirklich transparente Lösung verbunden, sondern die Verschleierung der Klientelpolitik geht lediglich neue Wege. Warum sollte sich das Problem Familienpolitik auch erledigen, wenn doch der dahinter stehende Interessenkonflikt, d.h. der Kampf von Eltern gegen Eltern um die Bevorzugung der eigenen Familienform unverändert bleibt? Leider gibt weder der Artikel von NIEJAHR noch jener von Jens JESSEN eine Antwort darauf. 

 
       
   

Elisabeth Niejahr im Gespräch

 
   

DÜKER, Ronald (2004): Die Verteilungskonflikte verschärfen sich.
Der demographische Wandel führt nicht zu einem "Kampf der Generationen". Er verstärkt vielmehr die altbekannten sozialen Probleme,
in: Netzeitung.de v. 29.10.

 
       
   

Alt sind nur die anderen (2004).
Die ergraute Gesellschaft: So werden wir leben, lieben und arbeiten
Frankfurt a/M: Fischer

 
   
     
 

Klappentext

"Wie wird sie aussehen, die Republik der Alten? Allein in Deutschland wird in zwanzig Jahren mehr als die Hälfte der Einwohner älter als sechzig sein. Elisabeth Niejahr zeigt, wie das Leben, der Alltag in einer gealterten Gesellschaft dann aussehen könnte und was das für jeden von uns bedeutet. Zahlreiche Veränderungen - zum Beispiel eine längere Lebensarbeitszeit, ein neues Rentensystem - sind absehbar. Aber mit der grauen Revolution ändert sich mehr im Straßenbild, beim Wohnungsbau, im Verkehr oder im Produktangebot. Auch werden sich neue Lebenskonzepte durchsetzen und neue Gemeinschaften bilden. Denn eines ist sicher: Wir alle werden anders leben, anders denken, anders essen, vielleicht auch anders wählen und anders lieben, egal wie alt wir jetzt sind."

Inhaltsverzeichnis

Vorbemerkung

1. Die Graue Revolution

Alter - das letzte Tabu
Vom Osten lernen
Die Ökonomie des Alterns
Frauen altern anders

2. Wachstum und Wohlstand

Die Kosten der Alterung
Schlüsselfaktor Produktivität
Die Angst vor der Ideen-Lücke
Vorsprung durch Alter

3. Arbeit

Der mühselige Abschied vom Senioritätsprinzip
Nie mehr Midlife-Krise
Die Chancen der Babyboomer
Die Erfahrungs-Renaissance
Später in den Ruhestand

4. Land ohne Leute

Schrumpfen kann man lernen
Die Entdeckung der Demographie
Der hilflose Westen
Alt werden mit Goethe

5. Pflege und Gesundheit

Die Sorgen der Schwiegertöchter
Die Pflege-WG
Gesünder altern
Arme sterben früher
Die Kosten des Sterbens
Angst vor den teuren alten Wählern

6. Alte und Neue Welt

Das Lebensgefühl junger Nationen: Beispiel Vietnam
Kanonen oder Rollstühle
Das Schweigen der Deutschen
Die Nöte kinderreicher Staaten
Zuwanderer und Einwanderer
Weltweit investieren
Der Luxus Unwissenheit

7. Wohnen

Hauptstadt der Herzschrittmacher
WG-Leben für Mittfünfziger
Abschied vom Altersheim
Vom Putzplan zum Pflegeplan

8. Frauen und Familien

Bella Block statt Miss Marple
Von der Frauenbewegung lernen
Das Modell Prenzlauer Berg
Ein Vorschlag zur Familienpolitik
Die Bohnenstangenfamilie

9. Neue soziale Fragen

Pressestimmen

"Dass Vertreter aus der »Babyboomer«-Generation auch vernünftig und sachlich mit dem Gegenstand umzugehen wissen (...), beweist das angenehm unaufgeregte Buch der Wirtschaftsjournalistin Elisabeth Niejahr (Jahrgang 1965). Auch sie präsentiert die »harten Zahlen«, auch sie taucht die Szenerie der »Altenrepublik« in gedämpftes Licht und mutmaßt über die bevorstehenden Verteilungskämpfe, die sie allerdings eher nach sozialen Lagen als nach dem Alter ausmisst (...).  
Obwohl ihr Dauerbeschuss mit dem Begriff »Babyboomer« das analytische Sensorium mit der Zeit strapaziert und obwohl auch Niejahr uns streckenweise in erhöhte politische Alarmbereitschaft versetzt, ist ihr Durchgang durch die verschiedenen Aspekte des »demografischen Übergangs« vielseitig, unvoreingenommen und außerdem noch unterhaltsam. Am originellsten ist das Kapitel über »Frauen und Graue«: Dass und was die Alten von der Frauenbewegung lernen könnten, lässt sich weder bei egozentrisch-schnoddrigen Mohrs, noch bei gen-verwirrten Schirrmachers und schon gar nicht bei Zahlenfetischisten wie Birg finden."
(Ulrike Baureithel im Freitag vom 04.02.2005)

Zitate:

Frauen als Gewinner in der alternden Gesellschaft

"Alter Mann mit junger Frau - das wird häufig gedeutet als Tausch von Jugendlichkeit gegen Status. Schon heute funktioniert er nur für erfolgreiche Männer. Einen Arbeitslosen aus Hoyerswerda, der heute schon keine Freundin findet, rettet auch Viagra nicht. In Zukunft wird der Tauschhandel dadurch erschwert, dass es in der alternden Gesellschaft viel weniger junge Frauen, aber viel mehr ältere Männer aus der Generation der Babyboomer geben wird. Es mag ja sein, dass sich einige der Zwanzigjährigen von morgen einen attraktiven sechzigjährigen Viagra-Konsumenten schnappen. Aber als Modell für Mehrheiten taugt diese Konstellation schon rechnerisch nicht. Und vielleicht rücken die Frauen ja bei Status, Gehalt und Sozialprestige doch noch gegenüber den Männern weiter auf. Dann wird das Modell des trophy wife noch seltener." (S.166)

Der gesellschaftliche Druck auf Kinderlose wächst

"Erst hat sich die Frauenbewegung auf die Demographie ausgewirkt, demnächst wird es umgekehrt sein: Mit der Demographiedebatte ändert sich die gesellschaftliche Rolle der Frauen, denen für Fertilitätsraten und Geburtenquoten oft eine andere Verantwortung unterstellt wird als den Männern. Es wird eine andere Wertschätzung für Mütter geben, möglicherweise mehr Druck auf Kinderlose. Man besuche eine beliebige öffentliche Diskussionsrunde über den demographischen Wandel, um jetzt schon einen Eindruck davon zu bekommen: Immer sind es  Veranstaltungen, bei denen es schnell persönlich wird, bei denen Menschen von ungewollter Kinderlosigkeit oder vergangenen Abtreibungen erzählen wollen - und irgendjemand schimpft immer über Frauen ohne Kinder. Es geht um Themen, zu denen jeder eine Meinung hat. Zwischen intimsten Entscheidungen über Sexualität und Partnerwahl und der ganz großen Krise des Sozialstaats lässt sich eine Verbindung herstellen. Die Menschen spüren plötzlich wieder, dass das Private politisch ist." (S.169)

Das Zukunftsmodell der Family-Gentrifier vom Prenzlauer Berg

"Solche Viertel sind deswegen bemerkenswert, weil es bisher häufig hieß, die meisten Geburten gebe es in besonders traditionellen Regionen. Katholisch, ländlich, konservativ - so stellte man sich bisher kinderreiche Gebiete vor. Vielen Demographen bereitete das Sorgen, weil die Lebenssituation vieler Frauen in diesen Regionen nicht gerade zu den typischen Lebensentwürfen junger Akademikerinnen zu passen schien. Für das Kinderkriegen mochte es ja vorteilhaft sein, im Heimatort in der Nähe der Großeltern zu leben - attraktive Jobs gab es dort meistens nicht. Schlecht für diejenigen, die sich nicht zwischen beidem, Kindern und Job entscheiden wollen. In einigen elternfreundlichen Großstadtvierteln scheint das einfacher zu sein." (S.172f.)

Hotel Großmama

"Der Berliner Soziologieprofessor Bertram sieht im Trend zum »Hotel Mama« gar einen Grund für den Rückgang der Geburtenraten: Wer sich vom Elternhaus nicht lösen könne oder wolle, neige auch weniger dazu, früh selbst eine Familie zu gründen.
In der gealterten Gesellschaft könnte daraus der Trend »Hotel Großmama« werden. Viel spricht dafür, dass in der Altengesellschaft der Zukunft der Zusammenhalt zwischen den Generationen eher noch steigen wird - die Familien werden aber anders aussehen als bisher. Amerikanische Soziologen haben dafür den Begriff der »Bohnenstangen-Familie« erfunden." (S.179)

Härtere Verteilungskämpfe in der neuen Klassengesellschaft

"Für die härtesten Verteilungskämpfe dürfte (...) die Kombination aus steigenden Erbschaften, rückläufigen Sozialleistungen und Anforderung der Wissensgesellschaft sorgen." (S.183)   

 
     
 
       
   

Essays zum Thema

Die Gesellschaft der Langlebigen - Eine Herausforderung für Individuum und Politik. Nichts weniger als eine kopernikanische Wende ist notwendig!

Geburtenkrise - Die politische Konstruktion eines Themas

 
   

Rezensionen

RIEDEL, Annette (2004): Elisabeth Niejahr: Alt sind nur die anderen,
in: DeutschlandRadio Berlin v. 19.12.

RIEK, Anna (2004): Immer wachsam.
Elisabeth Niejahr sucht nach Perspektiven fürs zunehmende Alter,
in: Frankfurter Rundschau v. 27.12.

MONATH, Hans (2005): Der Generationenkrieg fällt aus.
Demografie in Deutschland: Elisabeth Niejahr liefert einen wichtigen Beitrag zur politischen Aufklärung – ohne Beschönigungen oder Alarmismus,
in: Tagesspiegel v. 17.01.

  • "Der dicht geschriebene Überblick von 180 Seiten hütet sich vor bequemen Verallgemeinerungen, wird mit seiner genauen Argumentation und Beschreibung verschiedener Szenarien der Offenheit eines gerade ablaufenden historischen Prozesses gerecht und ist trotzdem besser geschrieben als die meisten anderen Werke zum Thema. Weil die Autorin ihre Thesen am Beispiel der Senioren-Gemeinde Sun City in Arizona, der jungen Nation Vietnam oder geschrumpfter ostdeutscher Städte sehr anschaulich entfaltet, macht sie es dem Leser leicht, auch komplizierte Vorgänge zu verstehen",

    lobt MONATH das Buch von Elisabeth NIEJAHR.

BAUREITHEL, Ulrike (2005): Krieg der Generationen?
Mobilmachung.
In der aktuellen Demografie-Debatte beklagen die einen das Sinn-, die anderen das Rentenloch - doch es gibt auch kluge Stimmen im Palaver über die aussterbende Nation,
in: Freitag Nr.5 v. 04.02.

LÜBBERDING, Frank (2005): Alt, aber flexibel.
Auch in der alternden Gesellschaft bleiben die Starken stark und die Schwachen schwach, resümiert Elisabeth Niejahr. Verteilungskonflikte nimmt sie einfach hin,
in: TAZ v. 08.10.

 
       
   

Joschka Fischers Pollenflug und andere Spiele der Macht (2002).
Wie Politik wirklich funktioniert
(zusammen mit Rainer Pörtner)

Frankfurt a/M:
Eichborn

 
   
     
 

Klappentext

"Politik ähnelt immer mehr dem Showgeschäft. Konzepte und rhetorisches Talent reichen längst nicht mehr für einen dauerhaften Erfolg in der Berliner Welt der Selbstdarsteller, der inszenierten Konflikte und der falschen Freundlichkeiten.
Elisabeth Niejahr und Rainer Pörtner, die seit vielen Jahren die Führungsriege der Parteien als Korrespondenten begleiten und beobachten, schildern die heimlichen Gesetze des politischen Alltags. Sie erklären, in welchen Kungelrunden wirklich entschieden wird, wann ein Politiker auf keinen Fall die Wahrheit sagen darf, wie Lobbyisten den Wortlaut von Gesetzen verändern und wie Minister und Abgeordnete die Medien manipulieren und umgekehrt. Ein besonderer Blick hinter die Kulissen des Politikgeschäfts ..."

 
     
 
       
   

Rezensionen

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Elisabeth Niejahr in der Debatte

GAPP, Christian (2004): Paradox einfach.
Politik und Wirtschaft werden immer komplexer. Seit Jahren wird dennoch vor allem mehr individuelle Eigenverantwortung gefordert,
in: Telepolis v. 10.04.

  • "Wieso sollten Politiker ein Interesse daran haben, Menschen zu demotivieren? Weil die Verbindung von Demotivation und Eigenverantwortung dazu führt, dass Menschen die Gründe für ihr Scheitern individualisieren und deshalb nicht versuchen werden, sich politisch zu artikulieren. Gefährdet, der Eigenverantwortungs-Propaganda zu erliegen, sind nicht zuletzt die gut Gebildeten, die hinter ihren Zielen zurück geblieben sind. So kann es der Politik gelingen, relativ einfach von ihrem eigenen Versagen gegenüber den überindividuell-komplexen Herausforderungen abzulenken",

    behauptet GAPP, der sich u.a. kritisch mit dem Artikel von Elisabeth NIEJAHR in der ZEIT auseinandersetzt.

 
   

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Update: 08. März 2011