[ Verzeichnis der Single-Forscher/innen ] [ Debatte: Familien contra Singles ] [ News ] [ Homepage ]

 
       
   

Elisabeth Niejahr: Alt sind nur die anderen

 
       
   

Elisabeth Niejahr bei single-generation.de

zur Hauptseite von Elisabeth Niejahr: Gespräche, Porträts und weitere Bücher
 
       
   

Elisabeth Niejahr in ihrer eigenen Schreibe

 
       
   

NIEJAHR, Elisabeth (2004): Wenn die Alten jünger werden.
60-Jährige beim Rockkonzert, grauhaarige Dynamiker als Werbeträger, Trendwende in den Personalabteilungen: Der Jugendwahn ist vorbei,
in: Die ZEIT Nr.39 v. 16.09.

Elisabeth NIEJAHR berichtet anlässlich eines Alten-Kongresses der Grünen über die gegenwärtige Konjunktur des Alternsthema und verkündet - rechtzeitig vor Erscheinen ihres Buches über die Altenrepublik - das Ende des Jugendwahns:

"Noch fünf Jahre zuvor hatten die Grünen eine Veranstaltung mit dem gleichen Thema abgesagt – nur 15 Interessenten hatten sich gemeldet.
Das war 1999, als die Deutschen begannen, Aktionäre zu werden und das Internet entdeckten. Gefeiert wurden die
Helden der New Economy, ein Jahr später reüssierte Florian Illies, Geburtsjahrgang 1971, mit seiner Generation Golf. Man war neugierig auf die selbstbewussten Jungen. Inzwischen sind die meisten dieser Jungen in Nischen, arbeitslos oder haben sich brav hintenangestellt in der Generationenreihe. Die Jugend sieht zurzeit etwas alt aus."

NIEJAHR, Elisabeth (2004): Jeder gegen jeden.
Der demografische Wandel wird die Ungleichheit verschärfen,
in: Die ZEIT Nr.50 v. 02.12.

"Tatsächlich bringt der demografische Wandel zusätzlichen Verteilungsstress: zwischen Erben und Nichterben, Einheimischen und Zuwandern, vermutlich auch zwischen Eltern und Kinderlosen. Geld, das die Sozialsysteme für mehr Rentner und Pflegefälle ausgeben, wird für den sozialen Kitt zwischen anderen Gruppen fehlen. (...). Die künftige Politik muss mit Generationenkonflikten und Sozialgefälle bei Gleichaltrigen rechnen - und das Kunststück fertig bringen, sowohl Ungleichheit als auch unrealistische Gleichheitserwartungen einzudämmen",

erklärt uns Elisabeth NIEJAHR. Die Autorin übernimmt hier die Sichtweise des Sozialpopulisten Herwig BIRG, der das Schlagwort vom "Verteilungsstress" in die Demografiedebatte eingeführt hat. Erhöhter Verteilungsstress ist jedoch kein Sachzwang infolge des demografischen Wandels, wie NIEJAHR uns nahelegt, sondern er ist - wenn überhaupt - eine politische Entscheidung, die aus der Präferenz für den katholischen Sozialstaat und dessen arbeitnehmerfeindlichen Implikationen entsteht.

Wenn NIEJAHR Verteilung als Nullsummenspiel beschreibt, dann steht dahinter, entweder dass der Anteil der Sozialausgaben am Bruttosozialprodukt vorab festgelegt ist oder es sind dahinter Annahmen über feststehende Entwicklungen des Bruttosozialprodukts verborgen. Oder sogar beides. Wie auch immer: es handelt sich hier nicht um eine Frage des demografischen Wandels, sondern um die Konsequenzen sehr verschiedener Entscheidungen und Entwicklungen. Diese sollen jedoch nach dem Willen von NIEJAHR nicht zur Debatte stehen.

Desgleichen ist eine zunehmende Einkommenskluft kein gottgegebenes Schicksal, sondern Konsequenz des politischen Elitenkonsens. Wenn NIEJAHR von unrealistischen Gleichheitserwartungen und nicht von unrealistischen Einkommenserwartungen der Eliten schreibt, dann ist das bereits die Konsequenz machtpolitischer Strategien.

ZEIT-Titelthema: Der Fluch der frühen Rente.
Ein Leben lang träumen wir vom wohlverdienten Ruhestand. Dann ist er da - und wir müssen lernen, ohne Kollegen, Pflichten und Visitenkarten auszukommen

NIEJAHR, Elisabeth & Kolja RUDZIO (2015): Und jetzt?
Wer nicht mehr arbeitet, ist seine Pflichten los. Das kann zum Problem werden. Wie man es im Ruhestand schafft, der Langeweile und der Einsamkeit zu entkommen,
in: Die ZEIT Nr.31 v. 30.07.

Ein beliebtes neoliberales Märchen lautet, dass die frühe Rente ein Fluch sei. So verkürzen Elisabeth NIEJAHR & Kolja RUDZIO Studien zum Satz: "Auf die frühe Rente folgte der Tod". Ist aber die Arbeitssituation der 1980er Jahre mit der heutigen Arbeitssituation vergleichbar? Sind Stahlarbeiter beispielhaft für die heutige Sozialstruktur Deutschlands? Ist es nicht wesentlich entscheidender wie gesund jemand ist, bevor er in Rente geht und welche Einstellung er zum Ruhestand hat? Ist der Zwang zu ungeliebter Arbeit etwa gesund?

Das Forschungsteam um den Soziologen Stephan LESSENICH hat dagegen den Ruhestand nicht so schwarz-weiß gemalt wie Vertreter des Neoliberalismus à la NIEJAHR & RUDZIO und ihrer wissenschaftlichen Gewährsleute, die das Modell des aktivierenden Sozialstaats verfechten. In der 2014 erschienenen Studie Leben im Ruhestand werden ganz unterschiedliche "Welten des Nacherwerbslebens" vorgestellt.

Nicht der Ruhestand an sich gefährdet die Gesundheit, sondern Altersarmut. Aber in der ZEIT lesen wir nicht von armen Menschen, sondern von Kreativen, bei denen Arbeit und Freizeit keine getrennten Welten sind, sondern die Arbeit hat mehr oder weniger Freizeitcharakter, während die Freizeit mehr oder weniger Arbeitscharakter hat. In solch einer Welt hat der Ruhestand eine ganz andere Bedeutung als für Arbeitnehmer.

Langeweile und Einsamkeit? Das ist keine Frage des Ruhestands, sondern kann in jeder Lebensphase auftreten.

NIEJAHR, Elisabeth (2016): Die Riester Rente ist gescheitert.
Schlechte Aussichten für's Alter. Und nun?
in:
Die ZEIT Nr.18 v. 21.04.

Elisabeth NIEJAHR baut zuerst den Popanz der Zahl 45 auf:

"Fünfundvierzig Prozent aller Auszahlungen der Deutschen Rentenversicherung liegen unter 750 Euro pro Monat."

Danach kann NIEJAHR erklären, warum diese Zahl nichts mit Altersarmut zu tun hat:

"Die meisten Mini-Renten sind Zusatzeinkommen, von denen die Empfänger nicht leben müssen."

Dieser Satz wird jedoch wieder eingeschränkt durch den zweiten Teil der Erklärung:

"Pro Jahr werden in Deutschland 25 Millionen Renten ausgezahlt, obwohl es nur 20 Millionen Rentner gibt."

Daraus ergibt sich, dass maximal 25 % der Rentner eine Zusatzrente bekommen, wenn man mit zwei Renten pro Person rechnet. Bekommen manche jedoch drei Renten, dann wäre diese Zahl niedriger.

Nichts wird damit jedoch darüber ausgesagt, dass diese Zusatzrenten nur an diejenigen ausgezahlt werden, die eine Mini-Rente im Sinne von NIEJAHR beziehen. Genauso gut könnten Personen, die Auszahlungen über 750 Euro pro Monat bekommen, noch eine Zusatzrente erhalten.

Wir haben es also hier mit einem Scheinargument zu tun, das nicht wirklich das erklärt, was NIEJAHR beweisen will. Lügen mit Zahlen nennt man so etwas. Aussagekräftig wären die Zahlen nur, wenn die Anzahl der Mini-Renten angegeben würde, bei denen es sich nur um Zusatzrenten handelt. Zudem liegt der von NIEJAHR verwendete Betrag von 750 Euro unterhalb des Betrags von 773 Euro, bei dem derzeit eine Grundsicherung im Alter greift. Die Zahl von 45 % ist also zu niedrig angesetzt.

Welche Personen kommen aber gemäß NIEJAHR in den Genuss der Zusatzrenten?

"Einige Ruheständler bekommen zwei Renten, weil sie neben der eigenen noch eine Witwenrente beziehen, andere haben die meiste Zeit ihres Berufslebens als Beamte gearbeitet, leben vor allem von ihrer Pension, erhalten aber zusätzlich eine winzige Rente, weil sei zu Beginn ihrer Laufbahn ein paar Jahre angestellt waren und in dieser Zeit Rentenbeiträge bezahlen mussten."

Diese Aufzählung variiert zeitungsspezifisch. In anderen Zeitungen wurde in diesem Zusammenhang der Haushaltskontext erwähnt, denn es macht einen Unterschied, ob in einem Haushalt z.B. zwei Personen von einer Rente müssen oder über mehrere Renten verfügen. Der Tagesspiegel nennt statt Witwen Selbständige als Beispiel und die Stuttgarter Zeitung verweist auf Ärzte und Anwälte.

NIEJAHR fegt also mit einem Scheinargument das Problem Altersarmut vom Tisch, um dann eine Rangreihe von Regierungsvertretern aufzustellen, die von Sigmar GABRIEL und Horst SEEHOFER (Antreiber der Debatte) über Andrea NAHLES bis Angelika MERKEL (Bremser der Debatte) reicht.

Danach wird das letzte Rentenpaket angesprochen. NIEJAHR redet jetzt von Rente AB 63 (wie z.B. auch Karl DOEMENS) und nicht von Rente MIT 63 (FAZ und Welt).

Altersarmut wird von NIEJAHR als Problem in weiter Ferne gesehen, das zudem vor allem spezifische Risikogruppen trifft:

"Altersarmut droht dann vor allem Geringverdienern, Teilzeitkräften und Langzeitarbeitslosen sowie Selbständigen, die nicht vorgesorgt haben."

Ein Legitimationsproblem entsteht jedoch auch durch das niedrige Rentenniveau in Deutschland:

"Das liegt daran, dass in Deutschland in den Regierungsjahren von Gerhard Schröder eine härtere Rentenreform beschlossen wurde als in den allermeisten anderen Industrieländern."

Unerwähnt bleibt hier, dass NIEJAHR zu jenen zählt, diese damalige Rentenreform medial kräftig unterstützt hat.

Die Riester-Rente gescheitert? Von wegen! Zwar wird zuerst eine Studie des DIW genannt, aber nur, um diese zu dementieren:

"Und weil schon Kleinsparer mit einem Monatsbeitrag von nur fünf Euro Zulagen von bis zu mehreren Hundert Euro im Jahr erreichen können, kann man den Regierenden nicht vorwerfen, sie hätten es versäumt, das Riester-Sparen attraktiv zu machen. Immerhin 16 Millionen Deutsche haben das Angebot ja auch angenommen",

redet NIEJAHR die Riester-Rente schön. Aus welchen goldenen Zeiten die Zahlen stammen, verrät uns NIEJAHR nicht, sondern kommt danach darauf zu sprechen, dass diese glorreichen Zeiten vorbei sind.

Die Deutschland-Rente vermarktet NIEJAHR als Projekt einer zukünftigen schwarz-grünen Regierung. Freiwilligkeit, also die Möglichkeit eine unlukrative Altersvorsorge ablehnen zu können, wird von NIEJAHR als Problem gesehen und nicht etwa, dass die kapitalgedeckte Altersvorsorge unlukrativ ist.

Zum Schluss droht NIEJAHR den neuen Alterssicherungsbericht im Herbst an, der erstmals Zahlen für die Zeit nach 2030 beinhalten wird:

"Aller Voraussicht nach werden diese Prognosen deprimierend für die Vertreter geburtenstarker Jahrgänge sein. Die große Zahl derjenigen, die schon in Rente sind oder nur bis etwa 2030 arbeiten müssen, werden Reformen erwarten, die eine kleinere junge Generation finanzieren müsste. Beiden Gruppen, den Babyboomern und den Millennials, wird die Politik es nicht recht machen können."

Falls der Alterssicherungsbericht auf den Berechnungen der letzten Bevölkerungsvorausberechnung vom April 2015 erstellt wird, dann lässt sich bereits jetzt sagen, dass diese Berechnungen längst von der Realität überholt worden sind. Weder die Zuwanderung, noch die Geburtenentwicklung wurde darin angemessen berücksichtigt. Ohne eine neue Bevölkerungsvorausberechnung wäre ein solcher Alterssicherungsbericht bereits heute Makulatur.

Das Rentenkonzept der FDP bügelt NIEJAHR schnell ab:

"Selbst die liberalen Sozialpolitiker wollen nicht in erster Linie sparen, sondern mehr Schutz vor Altersarmut."

Dass die FDP jedoch nur die kapitalgedeckte Altersvorsorge stärken will und zudem das Renteneintrittsalter zu Lasten der Rentner flexibilisieren will, das kann man dagegen bei Dorothea SIEMS nachlesen.

NIEJAHR, Elisabeth (2016): Die Suche nach Konsens.
Ausgerechnet der Populismus könnte zu einer vernünftigen Rentenpolitik führen,
in:
Die ZEIT Nr.43 v. 13.10.

Elisabeth NIEJAHR, Verteidigerin der Agenda 2010, erhofft sich, dass ein Rentenwahlkampf vermieden werden kann. Dazu erzählt sie uns Märchen aus 1001 Rentenreformen. Sie lobt das starke Absenken des Rentenniveaus:

"alle, die nicht erben, nicht privat vorgesorgt haben und nicht länger arbeiten, werden sich bescheiden müssen, und zwar stärker als frühere Generationen von Rentnern",

lautet ihr neoliberales Credo. NIEJAHR hofft, dass die Rechnung aufgeht, und die Gewerkschaften in die Nähe der AfD zu gerückt werden können. Wer sich heutzutage angeblich vernünftigen Reformen widersetzt, dem wird nicht mehr die Alternativlosigkeit entgegen geschleudet. Es genügt heutzutage bereits der Vorwurf den Rechtspopulismus zu stärken.

NIEJAHR hofft auf "möglichst viele gemeinsame Beschlüsse" der Koalition in Sachen Rentenpolitik. Ob das realistisch ist, wird sich in den nächsten Monaten bis Februar zeigen müssen, denn dann geht nichts mehr in dieser Legislaturperiode.

NIEJAHR, Elisaberth (2016): Teure Freiheit.
Die Regierung will eine Rentenreform anschieben. Clickworkern und anderen Selbständigen drohen Verschlechterungen,
in:
Die ZEIT Nr.46 v. 03.11.

Im Heft 2/2016 der Zeitschrift für Wirtschaftspolitik wurden drei Aufsätze zum Reformbedarf für die Alterssicherung in Sachen Selbständige veröffentlicht. Elisabeth NIEJAHR vertritt nun in ihrem Artikel in erster Linie die Perspektive von Andreas LUTZ, der mit dem Verband der Gründer und Selbständigen die politischen Interessen der Selbständigen zu vertreten beansprucht. Mit 10 Thesen zur geplanten Altersvorsorge macht er Front gegen die Pläne einer Vorsorgepflicht und plädiert für ein eigenes Versorgungswerk aller bisher nicht obligatorisch versicherten Selbständigen, was NIEJAHR jedoch unterschlägt.

Sie stellt uns dagegen mit HOUIZI (offenbar eine journalistische Kunstfigur) die angeblich typische Betroffene dar: eine festangestellte Unternehmensberaterin, die sich nebenbei mit ihrer Firma "Mama gründet" (eine gleichnamige Website verspricht uns Mitte November online zu gehen!) selbständig machen will. Zudem ist sie Frau und alleinerziehend - also per Geschlecht und Familie schon benachteiligt auf dem Arbeitsmarkt. Da NIEJAHR uns keine Zahlenangaben zur Größenordnung dieser Gruppe macht, ist eher davon auszugehen, dass es sich hier nicht um die Hauptgruppe der nicht-vorsorgenden Selbständigen gehört, sondern sie lediglich als typisch ausgewählt wurde, weil deren Erregungspotenzial am größten ist.

Typisch für die Debatte um eine Vorsorgepflicht ist deren Unschärfe hinsichtlich derjenigen, die gemeint sind und zur Größenordnung dieser Gruppe. Stattdessen werden ständig nur angeblich typische Betroffene herausgegriffen, denen das besondere Augenmerk gelten soll:

"Alles zusammen lässt viele Politiker beim typischen Freiberufler immer seltener an einen gut verdienenden Anwalt oder Arzt denken, sondern eher an den Lkw-Fahrer, der in die Scheinselbstständigkeit gedrängt wurde (...). Dabei ist gerade Houizi typisch für Solo- Selbständige in Deutschland: 38 Prozent sind weiblich, 50 Prozent arbeiten Teilzeit."

Die Beschreibung zeigt das genau Gegenteil, denn HOUIZI ist keineswegs repräsentativ, denn sie steht höchstens für 19 Prozent der Solo-Selbständigen - höchstens, weil der Anteil der Alleinerziehenden darunter nicht genannt wird. Hinzu kommt, dass nicht alle nicht-vorsorgenden Freiberufler Solo-Selbständige sind, was die angeblich typische HOUIZI zu einem Sonderfall unter den Betroffenen werden lässt.

Andreas LUTZ definiert Solo-Selbständige folgendermaßen:

"Soloselbständige sind solche, die über keine sozialversicherungspflichtig Beschäftigten verfügen, also über keine Mitarbeiter mit einem Bruttogehalt von 450,01 Euro oder höher." (2016, S.139)

Die einsam an ihrer eigenen Homepage arbeitende HOUIZI hat offenbar keine Mitarbeiterin und sie ist offenbar hauptberuflich Unternehmensberaterin, d.h. höchstens nebenberuflich selbständig. Dazu merkt LUTZ jedoch an:

"Mehr als die Hälfte der Selbständigen sind dies in Teilzeit - oft nur wenige Stunden (...). Tatsächlich spricht man aber bereits ab einem Gewinn von 450,01 Euro/Monat von hauptberuflicher Selbständigkeit (sofern man nicht einer Anstellung nachgeht, bei der Stundenzahl und Einkommen überwiegt)!" (2016, S.140)

Gehört also HOUIZI überhaupt zur Gruppe der Solo-Selbständigen wie NIEJAHR behauptet - oder hat sie überhaupt noch keinen Status als solche?

Fazit: Der Artikel von NIEJAHR wirft mehr Fragen auf, statt Antworten zu geben. Mehr Seriosität und weniger Stimmungsmache wäre hier angebrachter. Aufklärung ist das auf alle Fälle nicht!

NIEJAHR, Elisabeth (2016): Mehr Steuergeld für die Ruheständler!
Die künftige Finanzierung der Renten hat Folgen für die Ungleichheit im Land - und für die politischen Klasse,
in:
Die ZEIT Nr.50  v. 01.12.

Wäre es nach Elisabeth NIEJAHR gegangen, dann gäbe es längst keine gesetzliche Rentenversicherung mehr, sondern nur noch ein Kapitaldeckungsverfahren nach dem Vorbild des argentinischen Diktators PINOCHET. Nun also nimmt NIEJAHR einen Streit um die Finanzierung der Ostrentenanpassung zum Anlass, um wieder einmal grundsätzliche Fragen zur weiteren Entwicklung der Rentenversicherung zu verhandeln. Dabei geht es neben der Ostrentenangleichung, bei der NIEJAHR immer noch für eine Steuerfinanzierung votiert, auch um die Solidarrente, bei der sie eine Einigung für unwahrscheinlich hält, weswegen die Solidarrente zum Wahlkampfthema wird, was NIEJAHR begrüßt:

"Das wäre eine gute Gelegenheit, zu klären, was das Alterssystem der Zukunft vorrangig leisten soll: Sicherheit für breite Mittelschichten oder Unterstützung in sozialen Härtefällen? Wie stark soll die Rentenversicherung dazu beitragen, die Ungleichheit im Land zu verringern?"

NIEJAHR plädiert für mehr Steuerfinanzierung bei der Alterssicherung. Das würde dann eine Rückkehr zum Fürsorgestaat bedeuten, während die Mittelschichten (was immer darunter verstanden wird) dem Kapitalmarkt ausgeliefert werden würden. Dann würde NIEJAHR ihrem ursprünglichen Ziel ziemlich nahe kommen.

"Es mag zynisch klingen, aber das Vertrauen in die Rentenversicherung ist gerade bei den Jüngeren so gering, dass hier nicht mehr viel zu verlieren ist. (...). Dann könnte ein stärker durch Steuern finanziertes System am Ende nicht weniger Vertrauen generieren - sondern mehr."

Diese Einschätzung von NIEJAHR trifft höchstens auf das privilegierte, individualisierte Milieu in seiner Blase zu, aber nicht auf die Bevölkerung.  

 
       
       
   

Alt sind nur die anderen (2004).
Die ergraute Gesellschaft: So werden wir leben, lieben und arbeiten
Frankfurt a/M: Fischer

 
   
     
 

Klappentext

"Wie wird sie aussehen, die Republik der Alten? Allein in Deutschland wird in zwanzig Jahren mehr als die Hälfte der Einwohner älter als sechzig sein. Elisabeth Niejahr zeigt, wie das Leben, der Alltag in einer gealterten Gesellschaft dann aussehen könnte und was das für jeden von uns bedeutet. Zahlreiche Veränderungen - zum Beispiel eine längere Lebensarbeitszeit, ein neues Rentensystem - sind absehbar. Aber mit der grauen Revolution ändert sich mehr im Straßenbild, beim Wohnungsbau, im Verkehr oder im Produktangebot. Auch werden sich neue Lebenskonzepte durchsetzen und neue Gemeinschaften bilden. Denn eines ist sicher: Wir alle werden anders leben, anders denken, anders essen, vielleicht auch anders wählen und anders lieben, egal wie alt wir jetzt sind."

Inhaltsverzeichnis

Vorbemerkung

1. Die Graue Revolution

Alter - das letzte Tabu
Vom Osten lernen
Die Ökonomie des Alterns
Frauen altern anders

2. Wachstum und Wohlstand

Die Kosten der Alterung
Schlüsselfaktor Produktivität
Die Angst vor der Ideen-Lücke
Vorsprung durch Alter

3. Arbeit

Der mühselige Abschied vom Senioritätsprinzip
Nie mehr Midlife-Krise
Die Chancen der Babyboomer
Die Erfahrungs-Renaissance
Später in den Ruhestand

4. Land ohne Leute

Schrumpfen kann man lernen
Die Entdeckung der Demographie
Der hilflose Westen
Alt werden mit Goethe

5. Pflege und Gesundheit

Die Sorgen der Schwiegertöchter
Die Pflege-WG
Gesünder altern
Arme sterben früher
Die Kosten des Sterbens
Angst vor den teuren alten Wählern

6. Alte und Neue Welt

Das Lebensgefühl junger Nationen: Beispiel Vietnam
Kanonen oder Rollstühle
Das Schweigen der Deutschen
Die Nöte kinderreicher Staaten
Zuwanderer und Einwanderer
Weltweit investieren
Der Luxus Unwissenheit

7. Wohnen

Hauptstadt der Herzschrittmacher
WG-Leben für Mittfünfziger
Abschied vom Altersheim
Vom Putzplan zum Pflegeplan

8. Frauen und Familien

Bella Block statt Miss Marple
Von der Frauenbewegung lernen
Das Modell Prenzlauer Berg
Ein Vorschlag zur Familienpolitik
Die Bohnenstangenfamilie

9. Neue soziale Fragen

Pressestimmen

"Dass Vertreter aus der »Babyboomer«-Generation auch vernünftig und sachlich mit dem Gegenstand umzugehen wissen (...), beweist das angenehm unaufgeregte Buch der Wirtschaftsjournalistin Elisabeth Niejahr (Jahrgang 1965). Auch sie präsentiert die »harten Zahlen«, auch sie taucht die Szenerie der »Altenrepublik« in gedämpftes Licht und mutmaßt über die bevorstehenden Verteilungskämpfe, die sie allerdings eher nach sozialen Lagen als nach dem Alter ausmisst (...).  
Obwohl ihr Dauerbeschuss mit dem Begriff »Babyboomer« das analytische Sensorium mit der Zeit strapaziert und obwohl auch Niejahr uns streckenweise in erhöhte politische Alarmbereitschaft versetzt, ist ihr Durchgang durch die verschiedenen Aspekte des »demografischen Übergangs« vielseitig, unvoreingenommen und außerdem noch unterhaltsam. Am originellsten ist das Kapitel über »Frauen und Graue«: Dass und was die Alten von der Frauenbewegung lernen könnten, lässt sich weder bei egozentrisch-schnoddrigen Mohrs, noch bei gen-verwirrten Schirrmachers und schon gar nicht bei Zahlenfetischisten wie Birg finden."
(Ulrike Baureithel im Freitag vom 04.02.2005)

Zitate:

Die Entdeckung der Demographie

"Falls Historiker einmal rückblickend nach einem Dokument suchen, an dem sich das plötzlich erwachte Interesse der Deutschen am demographischen Wandel ablesen lässt, stoßen sie vielleicht auf ein Schriftstück aus dem Brandenburger Landtag vom Februar des Jahres 2004. Die Drucksache 3/7088 listet auf 44 Seiten die Folgen von Alterung und Bevölkerungsrückgang für fast sämtliche Bereiche des gesellschaftlichen Lebens auf. (...).
In Zahlen liest sich Brandenburgs Zukunft so:

• Heute ist jeder sechste Brandenburger älter als 65, im Jahr 2020 wird es jeder Vierte sein.
• Die Zahl der Frauen zwischen zwanzig und dreißíg sinkt bis 2020 um 56400, was 43 Prozent entspricht - ohne Gegenmaßnahmen wird es also mittelfristig deutlich weniger potenzielle Mütter und damit langfristig noch weniger Kinder geben.
• Der Schuldenstand pro Einwohner wird sich mehr als verdreifachen, er steigt von aktuell 5886 Euro auf rund 20300 Euro pro Einwohner. Die Kreditfinanzierungsquote steigt von 12,1 Prozent auf rund 30 Prozent.
• Mehr als 200 von ehemals 457 weiterführenden Schulen müssen »aus dem Netz genommen werden«. Die Anfahrtswege für die Schüler werden deutlich länger, bei Gymnasien zum Beispiel steigt der Einzugsradius von heute 278 auf etwa 350 Kilometer. Im ebenfalls dünn besiedelten Schleswig-Holstein deckt jedes Gymnasium bloß einen Umkreis von durchschnittlich 154 Kilometern ab.
• Für das Jahr 2020 erwartet die Landesregierung nicht einmal die Hälfte der Schüler des Jahres 2001. Die Zahl der 12- bis 16-Jährigen werde sich »bis zum Schuljahr 2010/2011 gegenüber 2001 in etwa halbieren«, heißt es.

Die Landesregierungen von Sachsen, Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen haben ähnliche Berichte vorgelegt. Alle handeln nicht von Grundsatzfragen, sondern von praktischen Konsequenzen für Länder und Gemeinden. Der demographische Wandel ist ein Alltagsproblem geworden." (S.83ff.)

Ältere Frauen als Verliererinnen der alternden Gesellschaft?

"Mehr als dreißig Jahre sind vergangen, seit »Das Alter« erschien, doch die Passagen über die Unterschiede zwischen den Geschlechtern wirken erstaunlich aktuell. Man schlage eine beliebige Zeitschrift des Jahres 2004 auf - überall finden sich große Berichte über den Frust älterer Frauen, und vieles klingt genau wie bei de Beauvoir. Sie fühlen sich einsam, überflüssig und unattraktiv, werden zugunsten von jüngeren Frauen verlassen und anschließend von potenziellen Partnern im gleichen Alter ignoriert. Alles wie gehabt, nur die Beispiele sind aktuell: statt Pablo Picasso verweist man auf Außenminister Joschka Fischer und seine 28 Jahre jüngere Freundin Minu Barati.
»Entgegen allen Behauptungen der Presse ist das Heer der einsamen und verlassenen alternden Weiblichkeit groß und wird es bleiben. Es gibt keine alte Venus«, schreibt die Publizistin und emeritierte Literaturprofessorin Hannelore Schlaffer. Die Journalistin Evelyn Holst veröffentlichte ein ganzes Buch über Frauen, die ohne Partner und oft ohne Sex leben, dem Stern und Brigitte woman war das Thema Titelgeschichten wert (»Das Tabuthema: Frauen über 40 erzählen«). Die Berliner Psychologieprofessorin Eva Jaeggi, Autorin eines Buchs über das Lebensgefühl der jüngeren Alten, protokollierte die Erfahrungen einer 62-jährigen Büroleiterin (...).
Im Alter finde eine »erbarmungslose Entsolidarisierung der Männer gegenüber den gleichaltrigen Frauen« statt, schreibt Jaeggi. Die tageszeitung nannte die Altersfrage »das wichtigste Feld im künftigen Geschlechterkampf« und fragte gar: »Ist Sex mit Gleichaltrigen out?« Und die Welt am Sonntag resümierte: »Nach 45 Jahren Frauenbewegung und 26 Jahren Emma kehrt am Anfang des 21. Jahrhunderts ein Gespenst zurück, von dem wir glaubten, es längst verbannt zu haben. Es ist der jüngere Bruder der Torschlusspanik und heißt Verfallsdatum.«"
(S.160f) 

Frauen als Gewinner in der alternden Gesellschaft

"Alter Mann mit junger Frau - das wird häufig gedeutet als Tausch von Jugendlichkeit gegen Status. Schon heute funktioniert er nur für erfolgreiche Männer. Einen Arbeitslosen aus Hoyerswerda, der heute schon keine Freundin findet, rettet auch Viagra nicht. In Zukunft wird der Tauschhandel dadurch erschwert, dass es in der alternden Gesellschaft viel weniger junge Frauen, aber viel mehr ältere Männer aus der Generation der Babyboomer geben wird. Es mag ja sein, dass sich einige der Zwanzigjährigen von morgen einen attraktiven sechzigjährigen Viagra-Konsumenten schnappen. Aber als Modell für Mehrheiten taugt diese Konstellation schon rechnerisch nicht. Und vielleicht rücken die Frauen ja bei Status, Gehalt und Sozialprestige doch noch gegenüber den Männern weiter auf. Dann wird das Modell des trophy wife noch seltener." (S.166)

Der gesellschaftliche Druck auf Kinderlose wächst

"Erst hat sich die Frauenbewegung auf die Demographie ausgewirkt, demnächst wird es umgekehrt sein: Mit der Demographiedebatte ändert sich die gesellschaftliche Rolle der Frauen, denen für Fertilitätsraten und Geburtenquoten oft eine andere Verantwortung unterstellt wird als den Männern. Es wird eine andere Wertschätzung für Mütter geben, möglicherweise mehr Druck auf Kinderlose. Man besuche eine beliebige öffentliche Diskussionsrunde über den demographischen Wandel, um jetzt schon einen Eindruck davon zu bekommen: Immer sind es  Veranstaltungen, bei denen es schnell persönlich wird, bei denen Menschen von ungewollter Kinderlosigkeit oder vergangenen Abtreibungen erzählen wollen - und irgendjemand schimpft immer über Frauen ohne Kinder. Es geht um Themen, zu denen jeder eine Meinung hat. Zwischen intimsten Entscheidungen über Sexualität und Partnerwahl und der ganz großen Krise des Sozialstaats lässt sich eine Verbindung herstellen. Die Menschen spüren plötzlich wieder, dass das Private politisch ist." (S.169)

Das Zukunftsmodell der Family-Gentrifier vom Prenzlauer Berg

"Solche Viertel sind deswegen bemerkenswert, weil es bisher häufig hieß, die meisten Geburten gebe es in besonders traditionellen Regionen. Katholisch, ländlich, konservativ - so stellte man sich bisher kinderreiche Gebiete vor. Vielen Demographen bereitete das Sorgen, weil die Lebenssituation vieler Frauen in diesen Regionen nicht gerade zu den typischen Lebensentwürfen junger Akademikerinnen zu passen schien. Für das Kinderkriegen mochte es ja vorteilhaft sein, im Heimatort in der Nähe der Großeltern zu leben - attraktive Jobs gab es dort meistens nicht. Schlecht für diejenigen, die sich nicht zwischen beidem, Kindern und Job entscheiden wollen. In einigen elternfreundlichen Großstadtvierteln scheint das einfacher zu sein." (S.172f.)

Hotel Großmama

"Der Berliner Soziologieprofessor Bertram sieht im Trend zum »Hotel Mama« gar einen Grund für den Rückgang der Geburtenraten: Wer sich vom Elternhaus nicht lösen könne oder wolle, neige auch weniger dazu, früh selbst eine Familie zu gründen.
In der gealterten Gesellschaft könnte daraus der Trend »Hotel Großmama« werden. Viel spricht dafür, dass in der Altengesellschaft der Zukunft der Zusammenhalt zwischen den Generationen eher noch steigen wird - die Familien werden aber anders aussehen als bisher. Amerikanische Soziologen haben dafür den Begriff der »Bohnenstangen-Familie« erfunden." (S.179)

Härtere Verteilungskämpfe in der neuen Klassengesellschaft

"Für die härtesten Verteilungskämpfe dürfte (...) die Kombination aus steigenden Erbschaften, rückläufigen Sozialleistungen und Anforderung der Wissensgesellschaft sorgen." (S.183)   

 
     
 
       
   

Beiträge von single-generation.de zum Thema

Die Gesellschaft der Langlebigen - Eine Herausforderung für Individuum und Politik. Nichts weniger als eine kopernikanische Wende ist notwendig!

Geburtenkrise - Die politische Konstruktion eines Themas

 
       
   

Rezensionen

RIEDEL, Annette (2004): Elisabeth Niejahr: Alt sind nur die anderen,
in: DeutschlandRadio Berlin v. 19.12.

RIEK, Anna (2004): Immer wachsam.
Elisabeth Niejahr sucht nach Perspektiven fürs zunehmende Alter,
in: Frankfurter Rundschau v. 27.12.

MONATH, Hans (2005): Der Generationenkrieg fällt aus.
Demografie in Deutschland: Elisabeth Niejahr liefert einen wichtigen Beitrag zur politischen Aufklärung – ohne Beschönigungen oder Alarmismus,
in: Tagesspiegel v. 17.01.

"Der dicht geschriebene Überblick von 180 Seiten hütet sich vor bequemen Verallgemeinerungen, wird mit seiner genauen Argumentation und Beschreibung verschiedener Szenarien der Offenheit eines gerade ablaufenden historischen Prozesses gerecht und ist trotzdem besser geschrieben als die meisten anderen Werke zum Thema. Weil die Autorin ihre Thesen am Beispiel der Senioren-Gemeinde Sun City in Arizona, der jungen Nation Vietnam oder geschrumpfter ostdeutscher Städte sehr anschaulich entfaltet, macht sie es dem Leser leicht, auch komplizierte Vorgänge zu verstehen", lobt Hans MONATH.

BAUREITHEL, Ulrike (2005): Krieg der Generationen?
Mobilmachung.
In der aktuellen Demografie-Debatte beklagen die einen das Sinn-, die anderen das Rentenloch - doch es gibt auch kluge Stimmen im Palaver über die aussterbende Nation,
in: Freitag Nr.5 v. 04.02.

Ulrike BAUREITHEL bespricht Bücher von Herwig BIRG ("Die demographische Zeitenwende"), Christoph BORGMANN ("Social Society, Demographics, and Risk"), Joseph Ehmer ("Bevölkerungsgeschichte und Historische Demographie"), Reinhard MOHR ( "Generation Z"), Elisabeth NIEJAHR ("Alt sind nur die anderen"), Frank SCHIRRMACHER ("Das Methusalem-Komplott") und Herbert-Quandt-Stiftung ("Gesellschaft ohne Zukunft?").

LÜBBERDING, Frank (2005): Alt, aber flexibel.
Auch in der alternden Gesellschaft bleiben die Starken stark und die Schwachen schwach, resümiert Elisabeth Niejahr. Verteilungskonflikte nimmt sie einfach hin,
in: TAZ v. 08.10.

 
       
   

weiterführende Links

 
       
     
       
   
 
   

Bitte beachten Sie:
single-generation.de ist nicht verantwortlich für die Inhalte externer Internetseiten

 
   
 
     
   
 
   
© 2002-2017
Bernd Kittlaus
webmaster@single-generation.de Erstellt: 03. Mai 2015
Update: 10. Juli 2017