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Franz-Xaver
Kaufmann:
Sozialpolitik und strukturelle Rücksichtslosigkeit
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Franz-Xaver Kaufmann
in seiner eigenen Schreibe
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- KAUFMANN, Franz-Xaver (2004): Gibt es
einen Generationenvertrag?
Gerechtigkeit zwischen den Generationen, Verträge mit Ungeborenen:
Was steckt hinter den politisch aufgeladenen Begriffen? Die
Gerechtigkeit ist es nicht, der gängigen Lesart entsprechend, in
erster Linie eine Frage der Finanzen. Sie hängt vor allem an der Zahl
der Geburten und der damit verbundenen Bevölkerungsentwicklung,
in: Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 12.07.
- Kommentar:
Franz-Xaver KAUFMANN verlässt mit diesem Artikel den Boden der
seriösen Wissenschaftlichkeit und mischt sich parteiisch in die
politische Debatte ein.
KAUFMANN behauptet,
dass das 20. Jahrhundert sozialpolitisch von der Eingrenzung des
Klassenkonflikts geprägt gewesen sei, während das nun anbrechende
21. Jahrhundert im Zeichen des Generationenkonfliktes steht.
Eine solche Sichtweise
widerspricht den
neueren Forschungen zur sozialen Ungleichheit. Selbst
Lifestyle-Soziologen entdecken neuerdings wieder den
Klassenkonflikt.
KAUFMANN
unterscheidet zwischen einem synchronen (zeitliche Abfolge der
Altersgruppen) und einem diachronen Generationenbegriff
(gesellschaftliches Nebeneinander der Altersgruppen).
In der politischen
Rhetorik der Regierung sieht KAUFMANN einen diachronen
Generationenbegriff am Werk. In Anknüpfung an Karl MANNHEIM
steht hier das so genannte Generationenbewusstsein im Mittelpunkt.
KAUFMANN präferiert
dagegen einen biologischen Generationenbegriff, der die
Bevölkerungsentwicklung ins Zentrum stellt.
In einem kurzen
historischen Abriss geht KAUFMANN u.a. auf den
SCHREIBER-Plan und dessen Verständnis des
Drei-Generationenvertrags ein.
Bei single-dasein.de
wurde auf dieses Verständnis im
Essay über den katholischen Sozialstaat bereits näher
eingegangen.
KAUFMANN
unterscheidet weiter zwischen Generationenvertrag und
Generationengerechtigkeit:
"Jeder sinnvolle
Begriff vom Vertrag setzt Reziprozität voraus. Dies kann es nur
unter Lebenden geben. Die Verfechter der Rechte zukünftiger
Generationen sprechen deshalb von »Generationengerechtigkeit«, nicht
vom »Generationenvertrag«."
Um seine
Polarisierungsthese des Geburtenrückgangs
(dieser wird als das zentrale deutsche Problem beschrieben) zu
begründen, blendet KAUFMANN den Beitrag der Zuwanderung zur
Bevölkerungsentwicklung aus, und widmet sich stattdessen der
Mechanik der Reproduktion, die er folgendermaßen veranschaulicht:
"Bei einer
Fertilität von 1,4 Kindern haben 1000 zwischen 1955 und 1975
geborene Frauen 667 erwachsen werdende Töchter, welche nun zwischen
1985 und 2015 bei gleicher Fertilität nur noch 444 Töchter oder
Enkelinnen ins Erwachsenenalter bringen."
In dieser
Rechnung - das verschweigt KAUFMANN jedoch - sind jede Menge
Unbekannten verborgen.
Zum einen ist die
deutsche Fertilitätsrate selber umstritten. Nach
internationalen Schätzungen liegt sie
mittlerweile bei 1,6 bis
1,7 Kinder pro gebärfähiger Frau.
Zum anderen ist die
Annahme einer gleich bleibenden Geburtenrate bis 2015 ebenfalls
eine Annahme, die wenig überzeugend ist.
Angenommen wird eine
Verhaltenskonstanz, die bereits für die letzten 30 Jahre nicht
gestimmt hat. In den neuen Bundesländern ist z.B. die Geburtenrate
dramatisch eingebrochen.
Daraus lässt sich
ableiten, dass die Menschen sehr wohl auf veränderte
gesellschaftliche Bedingungen mit einem veränderten
Geburtenverhalten reagieren.
KAUFMANN
möchte den Geburtenausfall der letzten 30 Jahre als
Investitionslücke begreifen. Damit hat er die Sündenböcke für die
desolate Lage in Deutschland identifiziert:
"Die
Staatsverschuldung, oft als Verletzung der Generationengerechtigkeit
thematisiert, wie auch die Finanzierungsprobleme des
Sozialversicherungssystems haben ihren Kern in dem Umstand, daß die
seit etwa 1950 geborenen Generationen zahlenmäßig so geringen
Nachwuchs hervorgebracht haben, daß die nachwachsenden Generationen
in ihrer Handlungsfreiheit erheblich eingeschränkt und mit den
Verpflichtungen »die die vorangehenden Generationen ihnen
hinterlassen haben, überfordert werden«".
Die
politische Konstruktion dieser angeblichen
Geburtenkrise wurde bei single-dasein.de bereits
ausführlich dargestellt.
Nimmt man den
Babyboom der 60er Jahre des letzten Jahrhunderts - also einen
Ausnahmezustand - als Ausgangspunkt der demografischen Entwicklung,
dann erscheint KAUFMANNs Sicht logisch.
In einer historischen Sicht zeigt sicht jedoch schnell, dass
seit 1900 kaum eine Generation ihren Beitrag zur Bestandserhaltung
geleistet hat. Einzig die Nazigeneration hat uns einen Baby-Boom
beschert. Zwei Kriege haben zudem die Bevölkerungspyramide erheblich
durcheinander gebracht. Beide Faktoren werden von KAUFMANN
ausgeblendet.
KAUFMANN hebt
weiterhin auf die Polarisierungsthese ab, die von den Verfechtern
einer nationalkonservativen
Bevölkerungspolitik bevorzugt wird. KAUFMANN kommt deshalb zum
Schluss:
"Es ist (...)
vordergründig, allein von einem Verteilungskonflikt zwischen den
Generationen zu sprechen; dahinter verbergen sich mindestens zwei
weitere Verteilungskonflikte, nämlich derjenige zwischen den
Geschlechtern und derjenige zwischen Eltern und Kinderlosen."
Eine solche
Sicht ist identisch mit einem
Klassenkampf von oben, der sich bei
KAUFMANN mit den Vorstellungen eines katholischen Sozialstaats
deckt.
Ausgehend vom oben
genannten
katholischen SCHREIBER-Plan plädiert KAUFMANN konsequenterweise
für das Konzept der Beitragsstaffelung nach Kinderzahl in der
Rentenversicherung wie es Hans-Werner SINN in die gegenwärtige
Debatte eingeführt hat. Er findet diesen Vorschlag als ein "in der
gegenwärtigen Situation praktikables Konzept".
Neben der
Polarisierungsthese des Geburtenrückgangs begründet KAUFMANN die
Bestrafung für
Haushalte ohne Kinder mit der
strukturellen Rücksichtslosigkeit der deutschen Institutionen:
"Das Problem sind
die institutionellen Regelungen, also die Folgen unserer
Gesetzgebung. Sie bringen den Kinderlosen Vorteile und den Eltern
Nachteile".
Dies ist zwar
eine weitverbreitete These der gut organisierten Familienlobby,
aufgrund der Intransparenz der sozialstaatlichen Leistungen, ist
bisher noch keine von Kinderlosen und Eltern gleichermaßen
akzeptierte Berechnung gelungen.
Der Bürger kann deshalb
zwischen einer familienfreundlichen Berechnung (wenig erstaunlich,
dass diese im Ifo-Institut des Hans-Werner SINN errechnet wurde!) und einer
singlefreundlicheren Berechnung von Astrid ROSENSCHON wählen.
Beide Berechnungen weisen jedoch erhebliche Lücken auf...
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Franz-Xaver Kaufmann:
Porträts und Gespräch
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- JÜTTE, Kathrin & Jürgen WANDEL
(2003): Privilegien für die Mittelschicht.
Gespräch mit dem Bielefelder Soziologen Franz-Xaver Kaufmann über
die Krise des deutschen Sozialstaats und seine Zukunft,
in: Zeitzeichen, Nr.4
-
Neu:
GEYER, Christian
(2007): Der gepfefferte Soziologe,
in: Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 11.05.
- Inhalt:
Anlässlich der Verleihung des Schader-Preises lobt
Christian GEYER den Soziologen Franz-Xaver KAUFMANN ("Theoretisch
voll gedeckt"), dem es um eine
"Neubestimmung des Sozialstaates" gehe, bei dem nicht der
Familienlastenausgleich, sondern der Familienleistungsausgleich im
Mittelpunkt stehe.
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Klappentext
"Franz-Xaver Kaufmann legt hier eine
detaillierte Begriffsgeschichte der Sozialpolitik
vor. Im Spiegel der Karriere dieses Begriffes – von
seinem ersten Auftreten im Horizont der Hegelschen
Unterscheidung von Staat und bürgerlicher
Gesellschaft über seine akademische Kodierung durch
den 1873 gegründeten »Verein für Socialpolitik« und
seine institutionelle Verankerung durch die
Bismarckschen Sozialreformen bis zu seiner Bedeutung
in der andauernden Krise des Sozialstaats – entsteht
zugleich eine Geschichte der Sozialpolitik in
Deutschland.
Das Werk stellt die überarbeitete Fassung einer im
Rahmen der Geschichte der Sozialpolitik in
Deutschland seit 1945, Bd. 1: Grundlagen der
Sozialpolitik (Baden-Baden 2001) erschienenen
Abhandlung dar und eignet sich auch zur Einführung
in die Thematik."
Pressestimmen
"Das
Gegenteil von Krise, so kurz gefasst Kaufmanns
Argument, wäre Stillstand - weshalb die Krise zum
unumgänglichen Bestandteil moderner Gesellschaften
gehört: »Eine Gesellschaftsformation, für die
fortgesetzte Innovationen und daraus folgende
unvorhergesehene Veränderungen konstitutiv sind,
produziert laufend Gefährdungen des Bestehenden
(,Krisen') und richtungsändernde Entscheidungen
(also ebenfalls ,Krisen').«
Die Einsicht mag beruhigen - zumindest theoretisch.
Wie der Sozialstaat zu reformieren sei, ob er es
überhaupt ist, darauf mag Kaufmann keine Antwort
geben."
(Kersten Knipp in der Frankfurter
Rundschau vom 19.01.2004)
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Rezensionen
-
KNIPP, Kersten (2004): Inflation der Wünsche.
Franz Xaver Kaufmann über die Tradition sozialpolitischen Denkens
und die Reform des Sozialstaats,
in: Frankfurter Rundschau v. 19.01.
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Klappentext
"Die Vielfalt nationaler Entwicklungen
im Sozialwesen sowie die daraus resultierenden
Modelle wohlfahrtsstaatlicher Traditionsbildung
werden in sechs eigenständigen, vergleichend
aufgebauten Studien zur Sowjetunion, den Vereinigten
Staaten, Großbritannien, Schweden, Frankreich und
Deutschland nachgezeichnet. Vergleichsdimensionen
sind: das Verhältnis von Staat und Gesellschaft,
Wirtschaftssystem und industrielle Beziehungen,
Leitprobleme der jeweiligen Sozialpolitik,
Einkommenssicherungssysteme und soziale Dienste.
Das Werk stellt eine ergänzte Version der im Rahmen
der Geschichte der Sozialpolitik seit 1945,
Bd. 1: Grundlagen der Sozialpolitik (2001)
erschienenen Abhandlung dar und eignet sich auch als
Einführung in diese komplexe Materie."
Pressestimmen
"Armut in England, Gleichheit und
Gesellschaftsplanung in Schweden,
Bevölkerungswachstum in Frankreich - welches
Bezugsproblem hat der deutsche Wohlfahrtsstaat?
Kaufmanns Antwort »die Arbeiterfrage« leuchtet
historisch ein. Familie, Demografie, Armenfürsorge
oder Bildung spielen für den Träger hiesiger
politischer Kontinuität über vier Staatsformen
hinweg, als sozialpolitische Größen nur eine äußerst
untergeordnete Rolle, »Gleichheit« oder
Demokratie schon gar nicht."
(Jürgen Kaube in der Frankfurter
Allgemeine Zeitung vom 07.07.2003)
"Kaufmann traktiert den Leser nicht mit Zahlen
und Statistiken. Vielmehr beschreibt er detailliert
und in historischer Durchschau die institutionellen
Entwicklungen in Großbritannien, Frankreich,
Schweden und schließlich Deutschland (wobei die DDR
kaum erwähnt wird). Zwei Staaten dienen Kaufmann als
Kontrastfolie gegenüber den europäischen Varianten
des Wohlfahrtsstaats: die USA und die Sowjetunion.
Beide können seiner Terminologie zufolge nicht als
echte Wohlfahrtsstaaten gelten - wenn sie auch
wohlfahrtsstaatliche Programme verfolgten -, denn
sie garantieren den Bürgern keine sozialen
Teilhaberechte beziehungsweise gewährleisteten keine
marktwirtschaftliche Autonomie."
(Thomas Schramme in der Frankfurter
Rundschau vom 25.07.2003)
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Rezensionen
- KAUBE, Jürgen (2003): Los der
Versicherungsteilnehmer.
Franz-Xaver Kaufmann vergleicht Europas Wohlfahrtsstaaten,
in: Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 07.07.
-
THADDEN, Elisabeth von (2003): Komm, alter Esel.
Der Soziologe Franz-Xaver Kaufmann porträtiert den deutschen
Sozialstaat und schult das Denken in Alternativen,
in: Die ZEIT Nr.30 v. 17.07.
-
SCHRAMME, Thomas (2003): Sozial- statt Standortpolitik.
Franz-Xaver Kaufmann vergleicht Wohlfahrtsstaaten,
in: Frankfurter Rundschau v. 25.07.
-
HERRMANN, Ulrike (2003): Unvergleichliche Solidarität.
In seiner internationalen Studie zeigt Franz-Xaver
Kaufmann: "Nationale Eigensinnigkeiten" prägen die
Sozialsysteme. Es wird deshalb selbst im zusammenwachsenden
Europa weiterhin diverse "Varianten des Wohlfahrtsstaates"
geben,
in: TAZ v. 23.09.
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Klappentext
"Das Buch entfaltet die
soziologischen Grundlagen einer Analyse von
Sozialpolitik und Sozialstaatlichkeit. Der Autor hat
diese Forschungsrichtung maßgeblich mitgeprägt.
Mit dem Bielefelder Soziologentag von 1976 nahm die
deutsche Nachkriegssoziologie erstmals die
Sozialpolitik ins Visier. Die hier zusammengefassten
Arbeiten von Franz-Xaver Kaufmann entfalten im
ersten Teil sein damals vorgetragenes Programm einer
soziologischen Analyse von Sozialpolitik in
wirkungsanalytischer und interorganisatorischer
Perspektive. Der zweite Teil enthält seine
wichtigsten Beiträge zur jüngeren
Sozialstaatsdiskussion und der damit verbundenen
Steuerungsproblematik."
Der Zusammenhang
zwischen wohlfahrtsstaatlicher Entwicklung und
Bevölkerungsentwicklung
"Zahlreiche sozialpolitische Maßnahmen erweisen sich
in ihrer Kumulation als ein »System zur Prämierung
von Kinderlosigkeit« (Oswald von Nell-Breuning);
gleichzeitig führte die Verbesserung der
Lebensverhältnisse für die breite Bevölkerung zu
einem säkularen Sterblichkeitsrückgang, der bis
heute anhält und nunmehr vor allem die höheren
Lebensalter betrifft. Das Zusammentreffen beider
Entwicklungen läßt für die kommenden Jahrzehnte eine
schwerwiegende Belastung der sozialpolitischen
Umverteilungssysteme erwarten, insbesondere der
Gesetzlichen Rentenversicherung und der
Beamtenversorgung, aber auch der Gesetzlichen
Krankenversicherung. Die Originalität dieses
Beitrags zu der ja heute gesellschaftsweiten
Diskussion besteht darin, daß sie die demographische
Entwicklung nicht als exogene sondern als endogene
Variable der wohlfahrtsstaatlichen Entwicklung
interpretiert."
(aus: Franz-Xaver Kaufmann
"Sozialpolitik und Sozialstaat", S.20)
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