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Herfried Münkler: Gemeinwohlrhetorik

 
       
   
  • Kurzbiographie

    • 1951 in Friedberg (Hessen) geboren
    • Studium der Germanistik, Politikwissenschaften und Philosophie
    • 2002 Buch "Die neuen Kriege"
    • 2002 Herausgeber von "Gemeinsinn und Gemeinwohl"
    • 2010 Buch "Mitte und Maß"
    • Professor für Politikwissenschaft an der Berliner Humboldt-Universität
 
       
     
       
   

Herfried Münkler in seiner eigenen Schreibe

 
   

MÜNKLER, Herfried (2001): Selbstbindung und Selbstverpflichtung.
Gemeinwohl, Bürgerschaft und Republik - eine Ortsbestimmung in zivilgesellschaftlicher Absicht,
in: Frankfurter Rundschau v. 16.01.

  • MÜNKLER skizziert die Gemeinwohldebatte aus der Perspektive eines republikanischen Kommunitarismus. Mangelnde Steuerungsfähigkeit und Ressourcenmangel des Staates erfordern die "Privatisierung herkömmlicher Staatsaufgaben", sprich: Engagement von Bürgern in zivilgesellschaftlichen Institutionen. Gemeinwohlorientierung wird als Konsensprodukt verstanden. Die Gemeinwohlfindung soll in politikpartizipativen Verfahren stattfinden. Der Gegenstand sind Selbstverpflichtungen, statt Maximierung von Ansprüchen. MÜNKLERs Vorstellungen zielen auf eine Art "Konzertierte Aktion der Gesellschaft" ab, die man als Politik der Lebensstile bezeichnet. Idealerweise müsste Familienpolitik ausgehandelt werden, indem sich Vertreter der unterschiedlichen Lebensstile auf einen Konsens einigen. Der britische Soziologe Nikolas ROSE hat diese Form der Wiedererlangung von Steuerungsfähigkeit des Staates als "Regieren durch Community" bezeichnet. Er sieht dies jedoch wesentlich kritischer als MÜNKLER. Auch Claudia RITTER beurteilt die Erfolgsaussichten einer solchen Einbindung skeptisch (Buch Lebenstile und Politik: Zvilisierung - Politisierung - Vergleichgültigung aus dem Jahre 1997). Ihr geht es darum Menschen zu

    "befähigen, auch unter Bedingungen einer rückläufigen Prosperitätsentwicklung und härter werdender Verteilungskämpfe das Leben und die Beziehungen zwischen den Lebensstilgruppen zivil zu gestalten".

    Im Gegensatz zu MÜNKLER geht sie davon aus, dass eine Politik der Lebensstile keine Entlastung, sondern eine Belastung des Staates zur Folge hat.

    Die Zivilgesellschaft und der Umbau des Sozialstaats in der "Single-Gesellschaft"

MÜNKLER, Herfried (2002): Die Bürgergesellschaft - Kampfbegriff oder Friedensformel?
Potenzial und Reichweite einer Modeterminologie,
in: Vorgänge Heft 2, S.102-114

MÜNKLER, Herfried (2003): Krieg der Generationen.
Mißfelder und die Folgen: Wie funktionieren soziale Konflikte zwischen Jung und Alt?
in: Tagesspiegel v. 13.08.

  • Der Tagesspiegel lässt sich seinen Generationenkrieg von dem - an vielen Medienfronten kämpfenden - Soziologen Herfried MÜNKLER beglaubigen:

    "Dass sich inzwischen ein politischer Generationenkonflikt abzeichnet, bei dem einige Beobachter erstaunt, dass er bislang zu nicht mehr Schärfe und Erbitterung geführt hat, liegt (...) nicht nur an den knapper werdenden Ressourcen, an der wachsenden Zahl der Leistungsempfänger und ihrer gestiegenen Lebenserwartung. Sondern auch daran, dass intergenerationellen Ausgleichsinstitutionen wie die Familie oder soziale Milieus nur noch unzureichend funktionieren. Nicht so sehr die wachsende Rentner- als vielmehr die schrumpfende Kinderzahl war der erste Hinweis auf eine erodierende Funktionsfähigkeit. Es ist der Prozess der Individualisierung, der die Ausgleichsysteme zwischen den Generationen einschränkt und schließlich aushebelt. Insofern ist der »Generationenkrieg« ein postmoderner Konflikt".

    Die notwendige Bedingung für einen "Krieg der Generationen" benennt MÜNKLER im folgenden:

    "Handlungsfähigkeit kann eine Generation nur erlangen, wenn sie sich durch die Zeit als notorisch benachteiligt erfährt oder aber bevorzugt weiß und dementsprechend Benachteiligungen zu bekämpfen oder Privilegien zu verteidigen hat. Das könnte sich in Deutschland gegenwärtig abzeichnen".

    Danach befasst sich MÜNKLER damit, dass erstens Generationensolidarität bisher nicht unbedingt der gesellschaftliche Normalfall war und zweitens die Jungen gegen die Alten keine Chance haben. Ursache dafür ist für MÜNKLER unser demokratisches Wahlrecht:

    "Wer sein Gnadenbrot erhielt, war einer, der keinen Beitrag mehr zur physischen Reproduktion leistete und über keinerlei Macht und Einfluss verfügte.
    Genau das aber hat sich mit der Einführung des allgemeinen und gleichen Wahlrechts verändert. Schon auf Grund ihrer Zahl hat die ältere Generation heute Macht und Einfluss wie nie zuvor. (...). Die Verschiebung der Machtverhältnisse wird noch dadurch verstärkt, dass es Wahlrechtsbegrenzungen zwar in Kindheit und Jugend, aber nicht im Alter gibt. Schon deswegen ist ein Generationenkrieg für die Jüngeren unter den herrschenden Verteilungsregeln nicht zu gewinnen".

    MÜNKLER macht hier sozusagen Werbung für das Familienwahlrecht. Es würde deshalb kaum verwundern, wenn sich nach dieser Vorlage nun im Tagesspiegel eine Debatte um das Familienwahlrecht anschließen würde...

MÜNKLER, Herfried (2006): Der Wettbewerb der Sinnproduzenten.
Vom Kampf um die politisch-kulturelle Hegemonie,
in: Merkur Nr.681, Januar

  • Herfried MÜNKLER überträgt die klassische machiavellische Elitetheorie auf die Gegenwart. In seinem Beitrag unterscheidet er 3 Modi der Gesellschaftssteuerung: Liberalismus, Republikanismus und  Fundamentalismus. Diesen 3 Herrschaftstypen der Werteeliten, die durch unterschiedliche Reichweiten ihrer Herrschaftssphäre gekennzeichnet sind, ordnet er 3 Modi der Sinnproduktion und -bewirtschaftung zu: Wettbewerb (Liberalismus), Kampf (Republikanismus) und Letztverbindlichkeit (Fundamentalismus). Für MÜNKLER ist die Zeit des Liberalismus und damit einer pluralistischen Gesellschaft abgelaufen. Nun schlägt die Zeit des Republikanismus als Gegenpart zum (nicht nur islamistischen) Fundamentalismus, denn:

    "Die auslagenförmige Präsentation unterschiedlicher Sinnangebote, aus denen jeder Gesellschaftsangehörige das ihm Passende zusammenstellt, (...) führt (...) zu sozialmoralisch desintegrierten Gesellschaften, die den inneren wie äußeren Herausforderungen nicht gewachsen sind."

    MÜNKLER hat damit explizit zum Kampf der Lebensstile aufgerufen, der auf single-generation.de bereits seit 5 Jahren als zentrales Kennzeichen dieser Gesellschaft beschrieben wird. Der Modus des Kampfes zielt darauf ab,

    "daß eines der Sinnangebote sich durchsetzt und danach Verbindlichkeit für die Gesamtgesellschaft erlangt".

    Damit steht die Kategorie "Devianz" wieder auf der Agenda. Dies ist nicht nur das Ende des Pluralismus, sondern auch der Differenz (mehr dazu liefern HEATH & POTTER in ihrem Buch "Konsumrebellen"). Was dies bedeutet, beschreibt MÜNKLER folgendermaßen:

    "Die politischen Theorien des Republikanismus haben eine starke Vorstellung davon, daß es Sinnproduzenten und Wertbewirtschafter gibt, die nicht zum Wettbewerb um die gesellschaftliche Sinnstiftung zugelassen werden dürfen, weil sie den gesellschaftlichen Grundkonsens zerstören. Sie sind mit allen zulässigen Mitteln zu bekämpfen. Liberalität in dem Sinne, daß jeder die Chance haben soll, seine Wertangebote und Sinnvorstellungen anbieten zu können, ist nach republikanischer Auffassung hier fehl am Platze."

MÜNKLER, Herfried (2009): Ist das sozialdemokratische Projekt am Ende?
Der SPD fehlt gutes Personal - und eine Unterschicht, die noch zum sozialen Aufstieg bereit wäre,
in: Tagesspiegel v. 05.10.

MÜNKLER, Herfried (2010): Das Mass der Mitte.
Über Statik und Dynamik der gesellschaftlichen Ordnung,
in: Neue Zürcher Zeitung v.
14.08.

 
       
   

Herfried Münkler im Gespräch

 
   
fehlt noch
 
       
   

Mitte und Maß (2010).
Der Kampf um die richtige Ordnung

Berlin: Rowohlt Verlag

 
   
     
 

Klappentext

"Muss man die Mitte besetzen, um die Macht zu sichern? Oder ist sie eher der Ort, an dem die größte Gefahr droht, nämlich von allen Seiten? Behindert eine starke Mitte den Fortschritt der Geschichte? Was genau bedeutet »Mitte« überhaupt? Warum ist sie zum politischen Schlüsselbegriff geworden? Und inwiefern hängt sie mit der Tugend des Maßhaltens zusammen? Herfried Münkler zeigt, wie sich die Ideen von Mitte und Maß gemeinsam entwickelten, von der Antike bis in die Gegenwart: von Aristoteles bis zur Gierdebatte unserer Tage, vom Selbstverständnis Chinas als »Reich der Mitte« bis zum Deutschen Reich als »Mittelmacht«, von der mittelalterlichen Stadt, deren Mitte durch Kirchturm und Rathaus markiert wird, bis zur schrumpfenden Mittelschicht in den Gesellschaften des 21. Jahrhunderts. So entsteht ein facettenreiches Bild jener Verbindung von Mitte und Maß, die unsere Kultur auf so besondere Weise durchdringt. Die Frage, die gleichsam Fluchtpunkt aller Überlegungen ist, beunruhigt: Wird die »Mitte der Gesellschaft« deshalb so lebhaft beschworen, weil sie in Gefahr ist, zu verschwinden? Und falls ja was tritt an ihre Stelle? Ein Buch, das historische Analyse, Gegenwartsdiagnose und Zukunftsprognose souverän verbindet."

 
     
 
       
   

Rezensionen

SCHWARZ, Hans-Peter (2010): Einmal das Wort zum Sonntag.
Herfried Münkler entspannt und lustvoll über der Deutschen Suche nach dem politischen Zentrum,
in: Welt v. 18.09.2010

BUDE, Heinz (2010): Aufsteiger, Absteiger.
Beim Spalten der Zwiebel: Herfried Münkler erklärt, warum Gesellschaften um ihre Mitte bangen,
in: ZEIT Literatur Nr.40 v. 30.09.

PILZ, Dirk (2010): Die neue Unordnung.
Das Ende der Sicherheiten: Der Politikwissenschaftler und Sozialphilosoph Herfried Münkler analysiert den Wandel von "Mitte und Maß",
in: Literaturbeilage Berliner Zeitung v. 05.10.

BISKY, Jens (2010): Zähe Spießer sind im Glück.
Von Mitternacht bis Mittag: Der Politikwissenschaftler Herfried Münkler vermisst die Mitte,
in: Literaturbeilage Süddeutsche Zeitung v. 05.10.

WENZEL, Uwe Justus (2010): Die Mitte ist unser Schicksal.
Herfried Münkler erkundet einen ideengeschichtlichen und politischen "Ort", der Mass und Halt geben soll,
in: Neue Zürcher Zeitung v. 09.11.

Neu:
JÄGER, Wolfgang (2010): Reiselust und Lesefrust.
Auf der Suche nach der deutschen "Mittebesessenheit,
in: Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 31.01.

 
       
   

Gemeinsinn und Gemeinwohl (2002).
Rhetoriken und Perspektiven sozial-moralischer Orientierung

(herausgegeben zusammen mit Karsten Fischer)
Akademie Verlag

 
   
     
 

Klappentext

"Als politischer Leitbegriff hat das Gemeinwohl in den Diskussionen um die Zukunft des Wohlfahrtsstaates, bürgergesellschaftliches Engagement und »Sozialkapital« an Bedeutung gewonnen. In einer pluralistischen Gesellschaft muß allerdings stets aufs Neue ausgehandelt werden, was das allgemeine Wohl überhaupt ausmacht, und folgerichtig bedienen sich verschiedene soziale Akteure der Gemeinwohlrhetorik. Solche Rhetoriken und die sie gestützte politische Praxis sind Indikatoren des Wandels politischer Orientierungen und Institutionen. Zudem ist nicht auszuschließen, daß zuviel oder unglaubwürdige Gemeinwohlrhetorik zu einem Verbrauch soziomoralischer Ressourcen führt. Das Gemeinwohl ist ein normatives Ideal, das auch Vorstellungen darüber prägt, wieviel Gemeinsinn aufgebracht werden soll. Zugleich bedarf es eines vorgängigen Mindestmaßes an Gemeinsinn, damit man überhaupt motiviert ist, sich für das normative Gemeinwohl-Ideal zu interessieren. Gemeinwohlrhetorik muß also Solidaritätsverbrauch in Rechnung stellen, und zwar möglicherweise um so stärker, je größer die Adressatengruppe ist - ein Problem von größter Bedeutung und Aktualität angesichts des europäischen Integrationsprozesses."

 
     
 
       
   

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Bernd Kittlaus
webmaster@single-generation.de Erstellt: 13. August 2003
Update: 19. Februar 2011