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Jürgen Kaube: Die Pathologie der sozialstaatlichen Entwicklung

 
       
     
       
     
       
   

Jürgen Kaube in seiner eigenen Schreibe

 
   
  • KAUBE, Jürgen (2002): Wir Wunderkinder.
    Was ist das für eine Gesellschaft, deren Ideal die Jugend ist?,
    in: Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 26.09.
    • Kommentar:
      KAUBE behauptet die Auflösung der Generationenfrage durch die Auflösung der traditionellen Altersstufen. Er bedauert die dadurch entstandene Diffusität des Erwachsenenbegriffs:

                "In dem Maße, in dem sich Jugendliche, im Unterschied zu Altersgleichen früherer Epochen, selektive Zugänge zu allen Bereichen der Erwachsenenwelt erschließen - Sexualität, Konsum, Unterhaltung -, sozialisieren sie sich innerhalb hierdurch entstehenden Teilkultur gewissermassen selbst."
            
         Eltern verlieren dadurch ihre unhinterfragbare Autorität. Noch schlimmer: Die jugendliche Popkultur differenziert nicht mehr zwischen Jugendlichen und Erwachsenen! Unter diesen Umständen wird für KAUBE die Durchsetzbarkeit einer wünschenswerten Verzichtspädagogik zur reinen Nervensache.
  • KAUBE, Jürgen (2002): Verfall eines Staates.
    Wie uns die Regierung bestiehlt,
    in: Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 14.11.
    • Inhalt:
      Für KAUBE ist der "Generationenvertrag" eine Lüge:

            
         "Um 1980 Geborene werden für einen Euro im besten Fall achtzig Cent Rente erhalten; wer Jahrgang 1930 ist und regelmäßig eingezahlt hat, erhält für einen Euro zwei. Zum entsprechenden Verlust an Vertrauen ganzer Generationen in den Sozialstaat kommt schließlich das ebenso berechtigte Mißtrauen in die Finanzmärkte, die soeben noch als »zweite Säule« der Alterssicherung empfohlen worden waren."
            
         Im Anschluss an den Göttinger Parteienforscher Franz WALTER stellt er fest: "Der programmatische Erschöpfungszustand der deutschen Parteien ist offenkundig", um hinzuzufügen:
            
         "In Abwandlung einer berühmten finalen Geste, die einst den »Verfall einer Familie« besiegelt kann man über die Sozialpolitik sagen: Sie denken, es komme nichts mehr".
  • KAUBE, Jürgen (2003): Wer war's?
    Schmitts Rache: Die SPD hat den falschen Feind bekämpft,
    in: Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 04.02.
    • Kommentar:
      KAUBE wertet die Wahlniederlagen der SPD in Hessen und Niedersachsen voreilig als Ausdruck eines Volkeswillen, der sich bereits in der FAZ-Feuilleton-Revolte als seine Speerspitze ankündigte.

            
       Das FAZ-Feuilleton versteht sich nun also als rechtmäßiges Sprachrohr des Bürgers und will nicht mehr als Aufstand einer konservativen Elite verstanden sein, die ihren Besitzstand bedroht sieht.
  • KAUBE, Jürgen (2003): Wer A sagt, muß auch ABC sagen.
    Adorno im Wörterbuch,
    in: Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 18.08.
    • Kommentar:
      Die "Nähe der Philosophie Adornos zu Lebensmotiven Heranwachsender hat seine Rezeption empfindlich für Veränderungen der Jugendwelt gemacht. Das vorliegende Buch (...) ist ein hierfür geradezu drastisches Dokument", meint Jürgen KAUBE.
            
         Pedantisch weist der Feuilleton-Revoluzzer dem Poptheoretiker Roger BEHRENS Stil- und Sachfehler bei seinem "Adorno-ABC" nach, aber am meisten stört ihn, dass BEHRENS nicht ADORNO als Angehörigen des Niveaumilieus herausarbeitet, sondern ADORNO popkulturell für das Integrationsmilieus vereinnahmt. Das bringt BEHRENS das Verdikt "Beitrag zum vollendeten Verblödungszusammenhang" ein, was die Zielgruppe von BEHRENS keineswegs zu stören braucht.
            
         Angehörige des Niveaumilieus bedient die FAZ auf der gleichen Seite mit niveaumilieumäßig korrekten Werken. Und der heutige SPIEGEL lässt aus dem Leben von ADORNO plaudern.
  • KAUBE, Jürgen (2003): Nur ein Prognosefehler kann uns noch retten.
    Wenn alles so bleibt, wird's finster: Peter Schimany über Ursachen und Folgen des demographischen Wandels,
    in: Literaturbeilage der Frankfurter Allgemeinen Zeitung  v. 02.12.
    • Kommentar:
      Die reißerische Schlagzeile führt in die Irre.

            
        Jürgen KAUBE rezensiert das Buch "Die Alterung der Gesellschaft" des Soziologen Peter SCHIMANY. KAUBE legt dabei - politisch korrekt - den Schwerpunkt auf den Geburtenrückgang.
            
        SCHIMANYs Buch ist jedoch umfassender. Eine Vielzahl von Faktoren beeinflussen die Bevölkerungsentwicklung. So behandelt Peter SCHIMANY auch die
      Folgen der Langlebigkeit,
      ein Thema, das zukünftig an Bedeutung gewinnen wird. Die Folgen der Langlebigkeit werden erst dann wirklich ernst genommen, wenn die anstehenden Sozialreformen, hinter uns liegen.

            
        Dann erst stellt sich die zentrale Frage der näheren Zukunft, welchen Platz die "jungen Alten" in dieser Gesellschaft einnehmen werden.
            
        Während gegenwärtig Sozialpopulisten noch den Drei-Generationen-Vertrag einfordern, verlangt die Gesellschaft der Langlebigen einen Vier- bzw. Fünf-Generationen-Vertrag.
  • KAUBE, Jürgen (2004): Will ich auch haben.
    Die Infantilisierung der Bürger durch den Sozialstaat,
    in: Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 28.08.
  • KAUBE, Jürgen (2004): Heimatgefühle im Soziotop.
    Seine Geburtsstadt Köln gab das ideale Forschungsfeld für Studien zur Korruption ab: Zum Tod von Erwin K. Scheuch,
    in: Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 15.10.
  • KAUBE, Jürgen (2004): Land (schon wieder) unter oder Wohin treibt die Zeitdiagnostik?
    Von Ruckbüchern und anderen Möglichkeiten, über Deutschland nachzudenken: Ein Rückblick auf zwei "Soziologien der Bundesrepublik",
    in: Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 11.05.
    • Kommentar:
      Jürgen KAUBE nimmt die "Ruck-Bücher" von Paul NOLTE & Co. zum Anlass, um das Genre der soziologischen Zeitdiagnostik anhand zweier Klassiker von Helmut SCHELSKY ("Auf der Suche nach der Wirklichkeit") und Ralf DAHRENDORF ("Gesellschaft und Demokratie in Deutschland") im Hinblick auf das Reflexionsniveau der Soziologie zu untersuchen.
            
        KAUBE sieht in den Übertreibungen der Zeitgeistdiagnostik eine Gefahr für die Selbstwahrnehmung der Gesellschaft. Diese Sicht vertritt auch single-dasein.de, wenn vom Terror der Individualisierungsthese gesprochen wird.
            
        "Zugleich tragen Übertreibungen und ein Hang intellektueller Zeitdiagnostik hierzulande (...) vielleicht selber zu jener Art von Zukunftsangst bei, die sowohl der Konsumquote wie der Bereitschaft, Kinder zu haben, der sozialen Kraft zu Experimenten wie der Fähigkeit zu individuellem Entscheiden abträglich ist", formuliert KAUBE vorsichtig.
            
        Während jedoch KAUBE hier einen direkten Zusammenhang zwischen diesen wissenschaftlichen Beschreibungen und dem Verhalten der Menschen herstellt, analysiert single-dasein.de die - durchaus divergenten - Interessen der Mitte-Eliten an solcher Art von Zeitdiagnostik.
            
        Schließlich ist es weder Zufall noch logische Zwangsläufigkeit, dass ausgerechnet bestimmte Zeitdiagnostiken Konjunktur haben. Die Selektivität der in Deutschland gängigen Szenarien ist das, was zu erklären ist.
            
        KAUBE arbeitet dagegen anhand von SCHELSKY und DAHRENDORF die beiden Aufgaben der Zeitdiagnostik heraus.
            
        Während er SCHELSKY als Theoretiker der "nivellierten Mittelstandsgesellschaft" beschreibt, wird DAHRENDORF als liberaler Konflikttheoretiker der gesellschaftlichen Modernisierung vorgestellt:
            
        "Keine Beschreibung der Bundesrepublik wird von ihm heftiger (...) zurückgewiesen als die von der »nivellierten Mittelstandsgesellschaft«. (...). Weder hätten sich die wirtschaftlichen Positionen der Bürger relativ angeglichen, noch ihr Konsumstil oder ihre Chancen auf Bildung. Dies dennoch zu behaupten (...) entspreche genau der in der deutschen Gesellschaft strukturell verankerten Neigung, Kulturpessimismus mit der Leugnung und Minderschätzung von sozialen Konflikten zwischen Klassen und anderen Interessengegensätzen zu verbinden."
  • KAUBE, Jürgen (2004): Der Hammer.
    Vollzieht Gerhard Schröder eine Wende in der Familienpolitik?
    in: Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 08.09.
    • Kommentar:
      KAUBE begrüßt, dass SCHRÖDER seine Kräfte nicht mehr an bildungsferne Schichten vergeuden will, sondern die Elite durch ein einkommensabhängiges Elterngeld bevorzugen möchte (den Erfolg dieser Maßnahme bezweifelt KAUBE nichtsdestotrotz):

            
        "angesprochen auf die Pläne seiner Familienministerin (...) ein einkommensproportionales Elterngeld einzuführen, wehrte sich Schröder gegen den Vorwurf, das begünstige die Bessergestellten. Akademikerinnen bekämen immer seltener Kinder und eine solche Entwicklung habe Folgen, denen gegenüber man nicht »vorschnell mit dem Hammer sozialer Ungerechtigkeit« arbeiten solle. (...)
      Er beobachte eine »gefährliche Zurückhaltung« von Akademikern bei der Familiengründung, so der Kanzler. (...).
      Das Argument des Kanzlers ist (...) nicht nur ein Schritt zu einem unbefangeneren Umgang mit dem Thema Demographie. Es wirkt auch (...) wie das Aufflackern einer Idee von Bildungspolitik, die nicht die Abschaffung gesellschaftlicher Schichtung zum ewig unerreichbaren und darum nur kräftevergeudenden Ideal hat."
  • KAUBE, Jürgen (2004): Wie geht es der Familie?
    In den letzten 50 Jahren hat sich die Rolle von Ehe und Familie im sozialen Leben stark verändert. Jetzt werden die gesellschaftlichen Folgen sichtbar,
    in: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung v. 12.09.
    • Kommentar:
      Jürgen KAUBE zitiert Ulrich BECK als Ankläger der "Single"-Gesellschaft, um "Das ganz normale Chaos der Liebe" zu beschwören.

            
        Speziell die hohe Scheidungsrate wird unter die Lupe genommen. Im Gegensatz zur üblichen Betrachtung (Bezug auf die Scheidungszahlen) hebt KAUBE die Sicht des Familiensoziologen Hans BERTRAM hervor, wonach nicht die Ehen instabil geworden sind, sondern nur die Heiratsneigung zurückgegangen ist (Bezug der Scheidungen auf die Größe der Altersgruppen):
            
        "Im Jahr 2003 wurden etwa 383 000 Ehen geschlossen und etwa 214 000 geschieden, im Durchschnitt liegt die Scheidungsrate bundesweit also bei 55 %. Vor zehn Jahren war es noch ein Drittel. Bezieht man allerdings (...) die Zahl der Scheidungen nicht auf die der Eheschließungen, sondern auf die Größe der jeweiligen Altersgruppe, ergibt sich ein anderes Bild. (...). In Berlin sind etwa die Hälfte der Bewohner verheiratet, davon vier Fünftel in erster Ehe. Es ist also nicht die Ehe instabil geworden, sondern nur die Heiratsneigung zurückgegangen und das Ledigsein für die 25- bis 45jährigen zu einer mancherorts geradezu dominierenden Lebensform geworden".
            
        Single-dasein.de hat schon öfters auf diesen "Terror der Singlerhetorik" hingewiesen, der dann dazu führt, dass die Instabilität der Ehe thematisiert und Ehestabilität als Wert an sich beschworen wird.
            
        Neuere empirische Untersuchungen weisen dagegen darauf hin, dass die Ehe das Monopol verloren hat Beziehungen zu definieren.
            
        Nichtsdestotrotz ist es durchaus möglich, das jüngere Generationen die Ehe - aus unterschiedlichen Gründen - wieder entdecken, weswegen das Ausrufen einer generellen, zukünftigen Tendenz verfrüht erscheint.
            
        KAUBE jedenfalls hat für die FAS eine neue Zielgruppe entdeckt, und zwar jenes großstädtische, individualisierte Milieu das der Ehe abgeschworen hat:
            
        "Weder die Ehe noch die nichteheliche Lebens- und Wohngemeinschaften ist also in den großen Städten länger die zentrale Lebensform. 14,5 Millionen Deutsche leben als Singles. Nicht eine Individualisierung der Familienformen, sondern ihr Verschwinden und eine entsprechende Atomisierung sind zu diagnostizieren. Ledigsein heißt dabei allerdings in vielen Fällen »living apart together«, also Partnerschaft ohne Wohngemeinschaft - und ohne Kinder", belehrt uns Jürgen KAUBE.
            
        Die FAS zieht die Konsequenz und beglückt uns zukünftig vierzehntägig mit einer neuen Kolumne: "Vor dem Familiengericht", um die "sozialen Folgen individueller Entscheidungen wie Heirat und Familiengründung oder der Verzicht darauf" zu thematisieren.
            
        Es soll darum gehen, was "politisch wünschenswert, fair, effektiv und sachangemessen ist."
  • KAUBE, Jürgen (2004): Zurück zur Ungleichheit?
    Soziologentag verfehlt sein Thema,
    in: Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 11.10.
    • Kommentar:
      Gleich vorneweg: Jürgen KAUBE geht es - wie es sich für einen richtigen Bourgeois gehört -  nicht um soziale Gleichheit! Das hat er bereits in zahlreichen früheren Artikeln deutlich kundgetan.

            
        Deswegen kann KAUBE sein Steckenpferd reiten: die Theorie der Theorielosigkeit der Soziologie. Angewendet auf das Thema soziale Ungleichheit schreibt er:
            
        "Zu zeigen, ob und wie sich aus Geld-, Karriere- und Prominenzvorteilen soziale Schichtung herstellt, wäre soziologische Mühe wert.
      Die Frage aber, wie es kommt, daß gesellschaftliche Arbeitsteilung soziale Ungleichheit reproduziert, daß sich also wirtschaftliche Vorteile in Bildungsvorsprünge, Gesundheitschancen oder politischen Einfluß umsetzen, wurde kaum gestellt".

            
        KAUBE führt soziale Ungleichheit auf die Herkunft in Familien und die Prinzipien von Organisationen zurück, zumindest hier ist also doch Theorie vorhanden.
            
        Namentlich kritisiert unser Autor die Sozialwissenschaftler Michael VESTER, Reinhard KRECKEL, Jürgen KOCKA und Richard SENNETT - alle keine Parteigänger des heiligen Niklas LUHMANN.
            
        Gewürdigt werden dagegen André KIESERLING, Thomas SCHWINN und Volker SCHMIDT.
            
        Das Streitgespräch zwischen Ulrich OEVERMANN (qualitative Sozialforschung) und Hartmut ESSER (quantitative Sozialforschung) ist für KAUBE charakteristisch für das Dilemma der Soziologie, die sich eher mit sich selber, statt mit den gesellschaftlichen Problemen beschäftigt.
            
        Aber dafür haben wir ja Jürgen KAUBE...
  • KAUBE, Jürgen (2004): Die Reichen und Schönen leben länger.
    Aber nicht, weil sie reich und schön sind. Sozialmedizinische Studien belegen: Es ist soziale Anerkennung, die gesund hält,
    in: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung v. 28.11.
  • KAUBE, Jürgen (2005): So muß es kommen - oder ganz anders.
    Aus der Schule der taktischen Improvisionen: Zum neunzigsten Geburtstag von Albert O. Hirschman, dem Moralisten unter den politischen Ökonomen,
    in: Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 07.04.
  • Neu:
    KAUBE, Jürgen (2007): Liebling, was ist heute für ein Tag?
    Die Ehe gilt als gefährdete Institution. Mainzer Soziologen haben jetzt versucht herauszufinden, warum dennoch die meisten wenigstens einmal in ihrem Leben heiraten,
    in:
    Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung v. 01.04.
    • Inhalt:
      Jürgen KAUBE informiert über einen Zeitschriftenartikel von Norbert F. SCHNEIDER & Heiko RÜGER mit dem Titel "Value of Marriage":

                   "Warum heiraten die Leute immer noch? Zumeist nicht wegen der Familiengründung. Ehe und Elternschaft sind nach beiden Seiten entkoppelt: Es wird geheiratet, auch wenn keine Kinderwünsche vorhanden sind, und es gibt Kinder, ohne dass deswegen vorher geheiraret würde. Der Anteil der nichtehelichen Geburten lag 2004 bei etwa 28 Prozent. Und selbst bei den »nachträglichen« Heiraten stellen die Soziologen einen Rückgang und zunehmende Zeitverzögerungen fest".
 
       
   

Das Reflexionsdefizit des Wohlfahrtsstaates (2003).
Beitrag zum Sammelband "Wohlfahrtsstaatliche Grundbegriffe"
(herausgegeben von Stephan Lessenich)

Frankfurt a/M: Campus

 
   
 
 

Zitate:

"Es ist (...) nicht übertrieben, vom Wohlfahrtsstaat zu sagen, dass diesseits der auf ihn spezialisierten Forschung allenfalls seine Gegner ihn überhaupt als die inzwischen weltweit vorfindliche Staatsform und nicht einfach nur als ein sozialpolitisches Segment von Parteiprogrammen und entsprechendem Regierungshandeln interpretieren." (S.45)

"Der Wohlfahrtsstaat ist die Form, in der Politik die Abhängigkeit der gesamten Bevölkerung von politischen Entscheidungen zu einem Programm ohne programmatische Grenzen macht." (S.46)

"Für die politische Theorie (...), die sich aus dem modernen Naturrecht herleitet, ist distributive Gerechtigkeit ein Begriff, der vollständig durch jenen der »Rechtsgleichheit« ersetzt werden kann. Die Gerechtigkeit einer sozialen Lage entspricht dann der Rechtmäßigkeit ihrer Entstehung. Staatliche Korrekturen an den Ergebnissen privatrechtlich abgesicherter Verfahren der Einkommenserzielung waren vom neueren Naturrecht nicht vorgesehen. Damit fehlte dem Wohlfahrtsstaat nicht nur eine erstrangige philosophische Starthilfe, sondern auch ein trennscharfer Grundbegriff." (S.52)

 
 
 
       
   
  • Jürgen Kaube in der Debatte

    • LESSENICH, Stephan (2004): Auf welcher Baustelle wollen wir leben? Die "Krise" des Wohlfahrtsstaats, die "Reform" der Sozialpolitik und die Chancen soziologischer Diagnose, in: Soziologische Revue, H.1, Januar, S.29-43
      • Kommentar:
        Stephan LESSENICH hinterfragt in dem Essay die sozialpolitische Kontinuitätssemantik und ihre Kehrseite, die Reformstaurhetorik.
              
           Demnach wurde bereits im Jahr 1975 die sozialpolitische Wende eingeleitet, denn seit damals sind die Sozialausgaben in Deutschland relativ zum wachsenden Problemdruck durch die "Arbeitslosen- und Seniorenquote" nicht mehr gestiegen, sondern gesunken. Sein Resümee:
        Reformstaudiskurs und Sozialstaatsrückbau koexistieren!

              
           LESSENICH setzt sich in dem Essay auch mit den Vorwürfen von Jürgen KAUBE ("Will ich auch haben", FAZ, 28.08.2003) auseinander.
              
           KAUBE hatte die "Infantilisierung der Bürger durch den Sozialstaat" diagnostiziert und forderte von der Soziologie, seine Diagnose anhand einer "Pathologie der sozialstaatlichen Entwicklung" zu bestätigen.
              
           LESSENICH stimmt KAUBE zwar zu, dass eine politische Theorie des Umverteilungsstaats bisher allenfalls in Ansätzen existiert, aber der Diagnose von KAUBE, die sich einem ganz spezifischen Sozialstaatsverständnis verdankt, mag LESSENICH nicht folgen, denn "zwischen der »Armenhilfe« und der umfassenden »Lebenssicherung« (...), zwischen Modellen staatlicher und nicht-staatlicher Wohlfahrtsproduktion (existiert) ein breites Spektrum möglicher ordnungspolitischer Wertentscheidungen."
              
           LESSENICH kritisiert mit Hilfe eines Ansatzes des dänischen Politikwissenschaftlers Gösta ESPING-ANDERSEN die rein monetäre Sichtweise politischer Ansätze.
              
           Stattdessen geht es LESSENICH um eine normative Grundlegung der Sozialstaatstätigkeit. Die Bezugnahme auf ESPING-ANDERSEN weist darauf hin, dass es LESSENICH primär um eine familienfreundlichere Ausrichtung der Sozialpolitik geht.
              
           Solange eine solche Politik nicht singlefeindlich ist, wäre dagegen nichts einzuwenden.
 
   

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webmaster@single-generation.de Erstellt: 11. Mai 2004
Update: 03. Juli 2008
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