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Marcel Fratzscher: Verteilungskampf

 
       
   
  • Kurzbiographie

 
       
     
       
   

Marcel Fratzscher in seiner eigenen Schreibe

 
       
   

FRATZSCHER, Marcel (2016): Unfair und gefährdet.
Gastkommentar: Der Autor sieht die soziale Marktwirtschaft in einer tiefen Krise,
in:
Handelsblatt v. 27.05.

Für Marcel FRATZSCHER ist ein großer Sozialstaat kein Beleg für den Erfolg der sozialen Marktwirtschaft, sondern für das Scheitern, denn

"sie betont die Eigenverantwortung eines jeden Bürgers, der nicht vom Staat abhängig sein soll, sondern mit der eigenen Hände Arbeit für sich selbst sorgen können soll."

Diese neoliberale Position ist ein klarer Angriff gegen die Errungenschaften des Sozialstaats. Was heißt eigentlich "großer" Sozialstaat?

"Hohe Steuern und Sozialtransfers spiegeln den Versuch des Staates wider, die hohe und steigende Ungleichheit in Deutschland zu begrenzen. Der Staat müsste weniger umverteilen".

FRATZSCHER setzt also einen "großen" Sozialstaat mit "Umverteilung" gleich. Stimmt das aber für Deutschland? Wer z.B. Beiträge zur Rentenversicherung zahlt, der erhält eine Gegenleistung in Form einer Rente. Das lässt sich kaum als Umverteilung bezeichnen, höchstens man setzt Eigenverantwortung mit einem System privater Vorsorge gleich. Lediglich die Grundsicherung im Alter hat eine Umverteilungsfunktion. Um einen Maßstab für die Umverteilung des deutschen Sozialstaats zu erhalten, müssten also für jeden einzelnen Zweig des Sozialstaats zwischen Umverteilung und Gegenleistung unterschieden werden. Der populistische Begriff "großer" Sozialstaat hilft hier nicht weiter.

FRATZSCHER idealisiert den Markt, der alles andere als fair ist. Kann es einen fairen Markt überhaupt geben? Diese Frage wird von FRATZSCHER erst gar nicht gestellt. Denn dann müsste er zugeben, dass es einen fairen Markt ohne politische Eingriffe gar nicht geben kann und dann wäre man wieder bei der Notwendigkeit eines Sozialstaats.

"Eine gewisse Ungleichheit kann das natürliche Resultat eines fairen Marktwettbewerbs sein und sogar wünschenswert - wenn so Leistung und Erfolg honoriert wird",

erklärt uns FRATZSCHER. Die Vokabel "natürlich" hat im Zusammenhang mit Märkten überhaupt gar nichts zu suchen, sondern steht für einen Versuch den Markt zu einer Art "Naturgesetz" hochzustilisieren. Märkte sind aber gesellschaftliche Gebilde und keine natürlichen. Die Ökonomie ist keine exakte Naturwissenschaft, sondern in erster Linie eine gesellschaftliche Rechtfertigungswissenschaft, was der Beitrag von FRATZSCHER unfreiwillig belegt.

FRATZSCHER bezieht sich auch nicht auf die Leistungsgesellschaft, sondern rechtfertigt Ungleichheit auch mit Erfolg, der mit Leistung erst einmal gar nichts zu tun hat. Unverdienter Erfolg, der auf Zufall beruht, kann jedoch Ungleichheit nicht rechtfertigen. Es zeigt sich also, dass in den letzten neoliberalen Jahrzehnten eine eklatante Verschiebung von der Leistungs- zur Erfolgsgesellschaft stattgefunden hat (vgl. Sighard NECKEL 2008). Leistung und Erfolg in einem Atemzug mit Ungleichheit zu nennen - daran erkennt man die neoliberale Ideologie.

FRATZSCHER beklagt, dass zu wenig Arbeiterkinder studieren und stellt das in einen Zusammenhang mit der Tatsache, dass Kitas Gebühren kosten. Bildung ist aber nur eine notwendige Bedingung für beruflichen Erfolg, aber keine hinreichende, wie der Elitenforscher Michael HARTMANN schreibt. Die Selektion findet immer weniger im Bildungssektor und stattdessen vermehrt auf dem Arbeitsmarkt statt - und zwar anhand des Habitus - also der sozialen Herkunft. Wer weniger Ungleichheit will, der muss z.B. Quoten für Arbeiterkinder statt für Frauen in Führungspositionen fordern. Bildung ist also kein Allheilmittel wie es uns die Verfechter eines aktivierenden Sozialstaats verkünden.

Absurd wird es, wenn FRATZSCHER die neoliberalisierten skandinavischen Länder als Vorbild nennt, denn dort hat der Neoliberalismus bereits wesentlich früher zum Erfolg nationalkonservativer Parteien geführt, der uns mit der AfD erst noch bevor steht. Will FRATZSCHER also ein nationalkonservatives Deutschland?

Zum Schluss werden wir noch mit einer floskelhaften Sprache abgespeist, die mit Vokabeln wie "sozialer Ausgleich" und "Gerechtigkeit" über die neoliberale Position von FRATZSCHER hinwegtäuschen soll. Aber der Autor richtet sich im Handelsblatt ja an Seinesgleichen, weshalb die neoliberale Position deutlicher im Vordergrund steht als in anderen Medien.

Neu:
FRATZSCHER, Marcel (2016): Unser amerikanischer Traum.
Aussenansicht: Eine Lehre aus der Wahl in den USA: Wer mehr soziale Marktwirtschaft verspricht, muss das auch einlösen,
in: Süddeutsche Zeitung
v. 01.12.

Marcel FRATZSCHER fordert als Reaktion auf TRUMP mehr Eigenverantwortung in Deutschland:

"Ich will mich aus eigener Kraft bewähren, ich will das Risiko des Lebens selbst tragen, will für mein Schicksal selbst verantwortlich sein".

Also ob der Neoliberalismus diese Floskeln nicht schon seit Anfang der 1990er Jahre ständig wiederholen würde, schwadroniert FRATZSCHER immer noch von Eigenverantwortung, wo längst kein Versprechen mehr herrscht, sondern lediglich die Drohung: Wenn Du nicht willig bist, dann droht Dir die Armut namens Hartz IV oder Grundsicherung im Alter.

FRATZSCHER spielt gezielt Bevölkerungsgruppen gegeneinander aus: Hier die unproduktiven Rentner, die auf Geschenke hoffen, dort die potentiell produktiven Ungeborenen, denen die Rentner ihre Perspektiven wegnehmen. Das würde nur stimmen, wenn es keine Verteilungsspielräume gäbe - was nicht der Fall ist.

Der Begriff "soziale Marktwirtschaft" ist längst zur Leerformel verkommen, die - wenn überhaupt - höchstens nostalgische Erinnerungen der damals Privilegierten hervorruft. Wirklichkeit war das Ideal nie, weshalb die erneute Anrufung - unter ganz anderen gesellschaftlichen Bedingungen - nichts als eine Farce ist.

 
       
   

Marcel Fratzscher im Gespräch

 
       
   

HANDSCHUCH, Konrad (2014): Bleibt Deutschland auf Kurs?
Streitgespräch: Marcel Fratzscher und Hans-Werner Sinn diskutieren über Mindestlohn, Rentenreform, Gefahren für den Standort und über die Frage, ob die Euro-Rettung Erfolge vorweisen kann,
in: Wirtschaftswoche Nr.17 v. 19.04.

Hans-Werner SINN rechtfertigt die Mütterrente und beklagt, dass es kein Elternwahlrecht gibt. Bei der Ablehnung der Rente mit 63 (sollte als Unwort des Jahres 2014 gewählt werden) sind sich Marcel FRATZSCHER und SINN einig.

  • BROST, Marc & Mark SCHIERITZ (2016): "Wer unten ist, bleibt unten".
    Der Ökonom Marcel Fratzscher über die wachsende Kluft zwischen Arm und Reich und das Versagen des Sozialstaats,
    in: Die ZEIT Nr.13 v. 17.03.

  • KRÜGER, Anja & Martin REEH (2016): "Das hat mich schockiert".
    Soziale Ungleichheit: Wir verspielen unsere Zukunft, warnt der Ökonom Marcel Fratzscher. Jetzt sei es dringend nötig, in Infrastruktur und Bildung zu investieren,
    in: TAZ
    v. 14.06.

Marcel FRATZSCHER wendet sich gegen Umverteilung. Beispielhaft werden die Rente ab 63 und die Mütterrente genannt, die vor allem neoliberale Ökonomen bekämpft haben. FRATZSCHER positioniert sich rhetorisch so wie die SPD: An der Schnittstelle von neuer Mitte und kleinem Mann. Die neue Mitte wird mit Anti-Umverteilungsparolen angesprochen, während der kleine Mann mit Chancengleichheit geködert wird.

Nach FRATZSCHERs Sicht ist gleichzeitig mit der sozialen Ungleichheit der Sozialstaat gewachsen, obwohl das Gegenteil der Fall ist. Der Staat macht immer mehr? Die Rente ist das beste Gegenbeispiel: Das Rentenniveau sinkt, obwohl die Risiken durch die Privatisierung der Altersvorsorge auf jeden Einzelnen abgewälzt wurden.

Mehr in Bildung investieren ist eine leere Phrase geworden, angesichts der Tatsache, dass sich die Selektion vom Bildungssystem in den Arbeitsmarkt verschoben hat. Mehr Bildung bringt nicht mehr Chancengleichheit. Wer letzteres will, muss für Herkunfts- statt Frauenquoten plädieren. Und dann wird es plötzlich irre:

"Weniger Umverteilung heißt nicht, Sozialleistungen zu kürzen, sondern mehr Menschen eine Chance zu geben, weniger vom Staat abhängig zu sein."

Heißt dann also weniger Umverteilung nur, dass Sozialleistungen einfach nicht mehr erhöht werden? Chancengleichheit kann es nur für junge Menschen geben, während für alte Menschen Umverteilung notwendig ist. Ansonsten werden hier nur zwei Altersgruppen gegeneinander ausgespielt. Erst wenn Chancengleichheit erreicht wäre, könnte Umverteilung weniger werden. Also was soll dieses ganze Drumherumreden? Konkret wird es eher selten bei FRATZSCHER. Beispielhaft stehen dafür seine Forderungen für eine bessere Bildung:

"Wir brauchen erstens: den Ausbau der frühkindlichen Bildung. In den ersten sechs Jahren des Lebens werden die Weichen gestellt. Der Ausbau der Kitas ist richtig, die Qualität muss aber deutlich verbessert werden, beim Betreuungsschlüssel etwa. Zweitens: Wir brauchen ein Schulsystem, das viel mehr Wert auf Betreuung legt, viel mehr Ganztagsschulen. Über 80 Prozent der Schulen sind keine wirklichen Ganztagsschulen."

FRATZSCHER verwendet hier einen Investitionsbegriff, der nicht mit jenem der Debatten um öffentliche Haushalte übereinstimmt. Dort werden unter Bildungsinvestitionen z.B. Schulgebäude verstanden, während ein besserer Betreuungsschlüssel konsumtive Personalkosten bedeuten und deshalb nicht als Investitionen begriffen werden. Vielleicht sollten sich Ökonomen unmissverständlicher ausdrücken, dann würden Politiker oder Ökonomen unterschiedlicher Fachgebiete nicht dauern aneinander vorbei reden.

STEFFEN, Tilman (2016): "Dieses Rentenkonzept ist ein großer Stimmenkauf".
Interview: Durch Steuergeld will Arbeitsministerin Nahles das Rentenniveau hoch, die Beiträge niedrig halten. Das geht zulasten der Jungen, kritisiert der Ökonom Marcel Fratzscher,
in:
ZEIT Online v. 25.11.

Marcel FRATZSCHER kritisiert zwar ein allgemeines Mindestrentenniveau, könnte sich jedoch ein Mindestrentenniveau für Geringverdiener (wer immer darunter fallen soll) vorstellen:

"Notwendig ist eine viel zielgenauere Rentenpolitik, die auf die Menschen ausgerichtet ist, die wirklich darauf angewiesen sind. Richtig wäre, das Äquivalenzprinzip aufzuheben oder zumindest fair anzuwenden. Denn durch die viel geringere Lebenserwartung beziehen Geringverdiener meist viel weniger an Leistungen. Zudem könnten die genannten Haltelinien nicht für alle, sondern nur für Menschen mit geringem Einkommen gelten. Wenn auch alle Besserverdiener, die noch privat vorsorgen konnten, davon profitieren sollen, wird das Ganze unbezahlbar."

Wenn Marcel FRATZSCHER eine Stärkung der Kapitaldeckung verlangt, dann wird seine Argumentation wirklichkeitsfremd:

"Die Regierung sollte sie stärken und gerade die Anreize für Geringverdiener erhöhen, auch einen Vertrag abzuschließen. Von den dreieinhalb Milliarden Euro Riester-Rente pro Jahr geht mehr als ein Drittel an reiche Menschen, kaum zehn Prozent an Geringverdiener. Auch das ist eine Umverteilung von unten nach oben."

Warum sollten Geringverdiener davon profitieren? Besonders Arme sterben oftmals vor Eintritt des Rentenalters. Das wäre also lediglich eine Subventionierung der Finanzdienstleistungsbranche.

RUDZIO, Kolja & Mark SCHIERITZ (2016): Ist die Ungleichheit schuld?
Interview mit Marcel Fratzscher und Clemens Fuest: Die beiden einflussreichsten deutschen Ökonomen streiten über die Gründe für den Wahlsieg von Donald Trump - und die Folgen für die deutsche Politik,
in:
Die ZEIT Nr.50  v. 01.12.

 
       
       
   

Verteilungskampf (2016).
Warum Deutschland immer ungleicher wird
Hanser Verlag

 
   
     
 

Klappentext

"»Wohlstand für alle« – das ist seit Ludwig Erhard das Credo der deutschen Politik. Doch Deutschland ist an seinem Ideal gescheitert: In unserer Marktwirtschaft wird mit gezinkten Karten gespielt. In kaum einem Industrieland herrscht eine so hohe Ungleichheit – in Bezug auf Einkommen, Vermögen und Chancen. Die Investitionen sinken, die Abhängigkeit vom Staat nimmt zu, die soziale Teilhabe nimmt ab. Der Verteilungskampf wird härter. Verantwortlich dafür ist primär die hohe Chancenungleichheit, die Menschen davon abhält, ihre Fähigkeiten zu entwickeln. Fratzscher zeigt, wie die Politik die Chance der Zuwanderungswelle nutzen kann und was sie tun muss, um die Spaltung der Gesellschaft abzuwenden.

Inhaltsverzeichnis

Einleitung - Wohlstand für wenige

Zwei deutsche Schicksale

I. Reiches armes Deutschland

1 Das Vermögens-Puzzle - auf Augenhöhe mit den USA
2 Das Einkommens-Puzzle
3 Das Mobilitäts-Puzzle

II. Die Konsequenzen der Ungleichheit

4 Exkurs: Das rechte Maß - Freiheit versus Gleichheit
5 Der Beitrag der Wirtschaftswissenschaften
6 Ungleichheit reduziert das Wirtschaftswachstum
7 Ungleichheit vertieft Ungleichgewichte bei Schulden und Sparen
8 Ungleichheit verschärft den gesellschaftlichen Verteilungskampf
9 Ungleichheit mindert das Humankapital
10 Ungleichheit als Mitverursacher der globalen Finanz- und Wirtschaftskrise
11 Ungleichheit verschärft das Armutsproblem
12 Ungleichheit beeinträchtigt die Gesundheit
13 Ungleichheit schafft Abhängigkeit vom Staat und schränkt individuelle Freiheiten ein
14 Ungleichheit schädigt soziale und politische Teilhabe

III. Die Macht des Markts

15 Die Globalisierung
16 Digitalisierung - Von Superstar-Effekten und schrumpfender Mittelschicht
17 Ungleichheit und die globale Marktwirtschaft

IV. Die Chancenungleichheit

18 Historische Gründe
19 Im Land der reichen Familienunternehmen
20 Bildung und soziale Mobilität
21 Ungleiche Chancen für Frauen in Deutschland
22 Der Verteilungskampf in Zeichen der Flüchtlingsmigration

V. Die Umverteilung durch den Staat

23 Steuern, Transfers und soziale Leistungen
24 Das blinde Vertrauen in den Staat
25 Die Rolle der Wirtschaftspolitik
26 Schlechte private Vermögensbildung
27 Fazit - Deutschlands schwierige Zukunft

 
     
 
       
   

Buchauszug

FRATZSCHER, Marcel (2016): Wohlstand für wenige.
Die Ungleichheit in Deutschland ist hoch. Das gefährdet den Wohlstand künftiger Generationen. Mehr Staat oder mehr Steuern sind nicht die Rettung. Sondern: mehr Chancen,
in:
Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung v. 13.03.

 
       
       
       
   

Rezensionen

MAYER, Karl Ulrich (2016): Soziologie der Ungleichheit.
Marcel Fratzscher: Verteilungskampf,
in:
Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, Heft 4, Dezember

Karl Ulrich MAYERs Rezension des Buchs Verteilungskampf ist wenig erhellend. Nach der Wiedergabe von vier Befundgruppen der Ungleichheit käut sie vor allem die bekannte neoliberale Kritik an den Ungleichheitsthesen von Marcel FRATZSCHER wieder.

MAYER behauptet eine abnehmende Ungleichheit von Bildung und Beruf, was immer darunter zu verstehen ist. Nachprüfbar belegt wird dies nicht und es führt zudem am Hauptproblem vorbei, denn Selektion nach sozialer Herkunft erfolgt nicht allein im Bildungssystem, wo sie vor allem im tertiären Bereich offensichtlich wird (PISA-Tests sind als Beleg also unzureichend) und auf dem  Arbeitsmarkt. Zudem spielt MAYER wie Neoliberale die Probleme verschiedener Bevölkerungsgruppen politisch korrekt gegeneinander aus. Von einer Rezension in einer Fachzeitschrift müsste man eigentlich mehr erwarten können.

 
       
   

Das Buch in der Debatte

CREUTZBERG, Dietrich (2016): Die überschätzte Gerechtigkeitslücke.
Forscher bescheinigen Deutschland eine wachsende Ungleichheit. Doch Vorsicht ist geboten. Die Statistik hat ihre Tücken,
in:
Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 12.03.

SPIEGEL-Titelgeschichte: Die geteilte Nation.
Deutschland 2016: Reich wird reicher, arm bleibt arm

MÜLLER, Ann-Katrin/NEUBACHER, Alexander/SAUGA, Michael/SCHMERGAL, Cornelia (2016): Das Schattenreich.
Sozialpolitik: Die Deutschen sind stolz auf ihren Wohlfahrtsstaat, doch die Kluft zwischen Arm und Reich wird größer. Wenigen gelingt der Aufstieg aus der Unterschicht. Eine Studie zeigt: Die Spaltung gefährdet den Wohlstand,
in:
Spiegel Nr.11 v. 12.03.

Wie verkauft man Neoliberalismus in Zeiten der neuen Klassengesellschaft? Der Spiegel als Verfechter der Agenda 2010 missbraucht das neue Buch Verteilungskampf des DIW-Ökonomen Marcel FRATZSCHER als Aufhänger, um sich zum Kämpfer für weniger soziale Ungleichheit zu stilisieren.

Soziale Ungleichheit gilt den neoliberalen Autoren jedoch nur insofern als Problem, insofern sie das Wirtschaftswachstum hemmt. Dabei wird von einem Fachkräftemangel ausgegangen, der angesichts der Bevölkerungsentwicklung der vergangenen Jahre und des bevorstehenden Strukturwandels der Arbeitswelt (Stichwort: Digitalisierung und Roboterisierung) in der vom Spiegel beschworenen Form gar nicht existiert. So wird z.B. eine Studie aus dem Jahr 2011 zitiert, also aus einer Zeit, in der man von einem rapiden Bevölkerungsrückgang ausging.

Von den Autoren wird zwar beklagt, dass die staatliche Kinderbetreuung meist von Akademikerfamilien benutzt wird, weil die "bildungsfernen" Eltern die Kosten scheuen würden. Gebührenfreiheit dieser Einrichtungen wird jedoch nicht als Forderung erhoben, statt dessen wird ein Leuchtturmprojekt hervorgehoben, mit dem die Misere behoben werden soll. Man muss sich nur an die Bildungsexpansion der 1960er erinnern. Damals sollten Arbeiterkinder gefördert werden, stattdessen hat das katholische Mädchen vom Lande profitiert. Kompensatorische Bildung wie das früher hieß, schließt keine Kluft, sondern ist lediglich ein Deckmäntelchen.

Überhaupt der ganze Bildungsfuror! Elitenforscher wie Michael HARTMANN gehen davon aus, dass Selektion heutzutage auf dem Berufssektor passiert und der Habitus entscheidender ist als jegliche Schulbildung. Bildungsaufsteiger dürfen die Drecksarbeit machen und müssen dazu noch ihre Herkunft verleugnen. Wer das nicht will, der bleibt unten - Bildung hin, Bildung her.

Die Autoren fordern höhere Steuern auf Zinseinkünfte und das bei einem Leitzins von Null Prozent! Wahrlich toller Vorschlag zum Abbau sozialer Ungleichheit! Vor allem geht es um steuerliche Entlastung "findiger" Unternehmer. Muss man da etwa an das Volkswagen-Untenehmen denken? Bei der Erbschaftssteuer wird nur an Familienunternehmen gedacht, aber nicht an reiche Erben.

Und warum soll eigentlich nur die Unterschicht aufsteigen können? Zumal nicht einmal erläutert wird, wer zur Unterschicht zählt. Bei der sozialen Mobilität wird der Schulabschluss des Vaters als Indikator genannt. Wo bleiben dann aber die Kinder, die nur eine alleinerziehende Mutter haben?

Fazit: Der Artikel lässt mehr Fragen offen, als dass er Antworten auf die soziale Ungleichheit gibt.

SIEVERS, Markus (2016): Ungleichheit kostet Wachstum.
DIW-Chef Marcel Fratzschers Abrechnung mit dem deutschen Wirtschaftsmodell,
in:
Frankfurter Rundschau v. 14.03.

Markus SIEVERS hebt besonders hervor, dass Marcel FRATZSCHER ein pragmatischer Ökonom sei,

"der keinem der üblichen Lager - links oder rechts, nachfrage- oder angebotsorientiert - angehört."

Danach erläutert er, dass es FRATZSCHER in seinem Buch weniger um Vermögens- oder Einkommensungleichheit, sondern um die geringe soziale Mobilität geht, die als Hemmnis für die wirtschaftliche Entwicklung angeprangert wird. Nicht um mehr Umverteilung ginge es, sondern um größere Anstrengungen in der Familien- und Bildungspolitik. 

AUGSTEIN, Franziska (2016): Armes Deutschland.
DIW-Chef Fratzscher hält die sinkende Kaufkraft der sozial Schwachen für eine Wachstumsbremse,
in:
Süddeutsche Zeitung v. 15.03.

Während Dorothea SIEMS ("Welt") die Nähe von Marcel FRATZSCHER zur SPD betont und Markus SIEVERS ("FR") die Lagerunabhängigkeit hervorhebt, beschreibt Franziska AUGSTEIN nicht die Person, sondern das DIW in Abgrenzung zum Ifo-Institut:

"Das DIW ist unabhängig, ebenso wie das Ifo-Institut in MÜnchen. Beide beziehen Geld vom Staat, beide fertigen auf Anfrage und gegen Geld Analysen an. Der Unterschied ist, dass das Ifo-Institut eher im Sinn der Angebotsseite, also der Geld habenden, argumentiert, wohingegen das DIW sich vor allem für die Nachfrageseite, also die normalen Leute, interessiert."

AUGSTEIN betont insbesondere den Aspekt der Einkommensungleichheit:

"nicht die hohen Einkünfte der Reichen (seien) das Problem, sondern die stetig sinkende Kaufkraft der unteren zwanzig Prozent."

Im Gegensatz dazu betont Dietrich CREUTZBERG in der FAZ  die Eigenverantwortung:

"Dass die Oberen der Gesellschaft so viel hätten, »sollte uns weniger jucken«, riet Fratzscher - selbst durch sehr hohe Steuern werde man ihnen nicht so viel Geld abnehmen können, dass damit die sozialen Probleme der anderen zu lösen seien. Vielmehr komme es darauf an, den unteren 40 Prozent der Gesellschaft einen Weg zu weisen, durch eigene Anstrengung ein besseres Auskommen zu finden."

Während die SZ die Unterschicht ("abgehängtes Prekariat" und "Geringqualifizierte" im Sinne von Gero NEUGEBAUER) im Blick hat, richtet sich der Blick der FAZ auch auf die untere Mittelschicht.

Neben der Unterschicht werden auch Frauen und Flüchtlinge als Benachteiligte beschrieben. AUGSTEIN kritisiert, dass FRATZSCHER die Umverteilung als problematisch ansieht. Lediglich beim Betreuungsgeld stimmt sie ihm zu. Auch bei der Entlastung der Arbeitgeber bei den Sozialabgaben kann AUGSTEIN dem Ökonom nicht folgen.

CREUTZBERG, Dietrich (2016): Durch mehr Wettbewerb zu mehr Gerechtigkeit.
DIW-Chef Fratzscher stellt sein umstrittenes Buch über Ungleichheit vor und zieht verblüffende Schlüsse,
in:
Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 15.03.

Dietrich CREUTZBERG berichtet über die Buchvorstellung, wobei er die Beurteilung des Buchs durch den CDU-Politiker Jens SPAHN in den Mittelpunkt stellt und die Lesart des SPD-Politikers Martin SCHULZ als falsch darstellt. Insbesondere die Tatsache, dass Marcel FRATZSCHER die Lösung in "weniger Staat und mehr Wettbewerb" sieht, hat CREUTZBERG genauso gefallen wie die Ablehnung einer stärkeren Besteuerung der Reichen. Bei der FRATZSCHERs Diagnose einer zunehmenden sozialen Ungleichheit kann CREUTZBERG dagegen nur bedingt zustimmen.

SIEMS, Dorothea (2016): Von wegen unsozial.
Leitartikel: Für DIW-Chef Fratzscher ist Deutschland ein tief gespaltenes Land. SPD-Chef Gabriel drängt auf einen Solidarpakt, um die Deutschen in der Flüchtlingskrise milde zu stimmen. Dabei wird hier schon mehr umverteilt als anderswo. Doch viel Geld hilft nicht viel,
in:
Welt v. 17.03.

Dorothea SIEMS stellt Marcel FRATZSCHER als "wichtigsten Wirtschaftsberater" von SPD-Chef Sigmar Gabriel vor. SIEMS leugnet, dass es in Deutschland eine große soziale Ungleichheit gibt. Die Ursache der Missstände schreibt SIEMS dem Sozialstaat zu, der durch seine Umverteilung falsche Anreize setze. Die Flüchtlingskrise führe dazu, dass zu wenig Eigenverantwortlichkeit gefordert werde. Migranten sieht SIEMS deshalb als abgehängte Kostgänger des Staates enden. Indem SIEMS GABRIELs Politik mit FRATZSCHERs Buch vermischt, wird suggeriert, dass FRATZSCHERs Positionen mit GABRIELs Sozialrhetorik identisch sei. 

 
       
   

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webmaster@single-generation.de Erstellt: 12. März 2016
Update: 10. Juli 2017