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Markus Grabka: Mittelschicht und Sozialstaat

 
   
Kurzbiographie

Studium der Soziologie und Informatik
2016 Mitautor von "Schrumpfender Anteil an BezieherInnen mittlerer Einkommen in den USA und Deutschland"

 
       
   

Markus Grabka in seiner eigenen Schreibe

 
   

GRABKA, Markus M. & Joachim R. FRICK (2007): Vermögen in Deutschland wesentlich ungleicher verteilt als Einkommen,
in: DIW-Wochenbericht Nr.45 v. 07.11.

"Im Durchschnitt betrug das individuelle Netto-Vermögen im Jahr 2002 rund 81 000 Euro. Aufgrund der sehr ungleichen Verteilung liegt der Median, also der Wert, der die reiche Hälfte der Bevölkerung von der ärmeren trennt, nur bei etwa 15 000 Euro. Weitere Sozialstrukturanalysen zeigen große Unterschiede im individuellen Netto-Vermögen zwischen Männern und Frauen (96 000 Euro bzw. 67 000 Euro) sowie zwischen Personen ohne und mit Migrationshintergrund (87 000 Euro bzw. 47 000 Euro)", berichten GRABKA & FRICK. Der Beitrag ist als PDF-Datei downloadbar.

FRICK, Joachim R. & Markus M. GRABKA (2010): Die personelle Vermögensverteilung in Ost- und Westdeutschland nach dem Mauerfall. In: Peter Krause & Ilona Ostner (Hg.) Leben in Ost- und Westdeutschland. Eine sozialwissenschaftliche Bilanz der deutschen Einheit 1990 - 2010, Campus Verlag

GRABKA, Markus M. & Jan GOEBEL (2013): Rückgang der Einkommensungleichheit stockt,
in:
DIW-Wochenbericht Nr.46 v. 13.11.

GRABKA, Markus/GOEBEL, Jan/SCHRÖDER, Carsten/SCHUPP, Jürgen (2016): Schrumpfender Anteil an BezieherInnen mittlerer Einkommen in den USA und Deutschland,
in:
DIW-Wochenbericht Nr.18 v. 06.05.

DIW (2016): Korrektur: Einkommensmittelschichten schrumpfen in Deutschland und den USA etwa gleich schnell,
in: Pressemitteilung des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung v. 06.05.

Das DIW korrigiert ihre Pressemeldung zur Mittelschichtstudie folgendermaßen:

"Für ihre Studie haben die Forscher neueste Zahlen der im DIW Berlin angesiedelten Langzeitstudie Sozio-oekonomisches Panel (SOEP) mit Daten aus den USA verglichen. Betrachtet wurden dabei die gesamten, realen Haushaltseinkommen inklusive Renteneinkünften und staatlichen Transfers. Durch das Ausklammern von Steuern und Sozialabgaben wurde sichergestellt, dass sich institutionelle Unterschiede wie auch Änderungen der Steuergesetze nicht verzerrend auswirken. Insgesamt war die Entwicklung in den USA extremer, da die relativen Einkommensverluste der AbsteigerInnen beziehungsweise die Einkommensgewinne der AufsteigerInnen aus der Mittelschicht deutlich größer waren als in Deutschland. Das Medianeinkommen in der Einkommensmitte stieg in den USA von rund 55.000 Dollar im Jahr 1970 auf etwa 77.000 Dollar im Jahr 2000. Bis 2014 ging es allerdings um etwa vier Prozent zurück. In Deutschland stieg es von 1991 bis 2000 um sieben Prozent (vorherige Version »vier«) auf rund 54.500 (vorher »31.000«) Euro und sank im Folgenden bis 2013 um ein Prozent (vorher »rund fünf«) auf 53.500 (vorher »29.500«) Euro."

In der Studie selber wird dagegen vom "bedarfsgewichteten Haushaltseinkommen vor Steuern und Sozialabgaben" (vgl. 2016, S.392) gesprochen, d.h. die Personeneinkommen eines Haushaltes werden nach einem festgelegten Schlüssel, der auf wissenschaftspolitischen Konventionen basiert, gewichtet. Dieser Schlüssel kann sich historisch verändern, weil sich die wissenschaftspolitische Sicht auf die Wichtigkeit von Personengruppen (Kindern, Erwachsenen und Ältere) in einer Gesellschaft geändert hat.

 
       
   

Schrumpfender Anteil an BezieherInnen mittlerer Einkommen in den USA und Deutschland (2016).
(zusammen mit Jan Goebel, Carsten Schröder und Jürgen Schupp)
In: DIW-Wochenbericht Nr.18 v. 06.05.

 
   
     
 

Inhaltsverzeichnis

Seit 2000 sinken die Medianeinkommen in den USA und Deutschland
Sinkender Einkommensanteil mittlerer Einkommensbezieher sowohl in den USA als auch in Deutschland
Ausmaß der Schrumpfung der Gruppe mit mittlerem Einkommen in beiden Ländern gleich groß
Personen im Rentenalter befinden sich in zunehmendem Maße in der Einkommensmitte
Ethnizität und Migrationshintergrund
Ausgeprägte Unterschiede im Nettovermögen je Einkommensschicht zwischen den USA und Deutschland
Zur Bedeutung der mittleren Einkommensbezieher für die funktionale Einkommensverteilung
Schlussfolgerung

 
     
 
       
   

Die Studie in der Debatte

WIRTSCHAFTSWOCHE-Titelgeschichte: Das Schwinden der Mittelschicht.
Exklusiv-Studie: Unsere Gesellschaft verliert ihr ökonomisches Gleichgewicht

FISCHER, Konrad u.a. (2016): Nur jeder Zweite gehört zur Mittelschicht.
Wohlstand: Eine dominante Mittelschicht prägt Bild und Selbstverständnis der deutschen Gesellschaft. Jetzt bestätigt eine DIW-Studie: Die Mitte schrumpft,
in:
Wirtschaftswoche Nr.19 v. 06.05.

Eine Exklusiv-Studie verspricht uns das Titelblatt - dabei handelt es sich nur um eine heute vom DIW veröffentlichte Studie, die man im Original im aktuellen DIW-Wochenbericht lesen kann.

Die Definition der Mittelschicht orientiert sich an der US-amerikanischen PEW-Studie aus dem Jahr 2015, deren Erregungspotenzial die Autoren zum Anlass genommen haben, um in Deutschland die gleiche Wirkung zu erzielen. Die Mittelschicht wird deshalb wie in der US-Studie mit Einkommensgrenzen zwischen 67 und 200 Prozent des mittleren Einkommens (Median) definiert.

FISCHER u.a. erklären uns nun, dass die deutsche Rentendebatte nur ein Vorgeschmack auf die kommenden Konflikte "gewesen sein könnte". Sie konstruieren zudem einen Zusammenhang zwischen dem Debatten-Flop um das Buch Verteilungskampf von Marcel FRATZSCHER. Das soll "Anfang des Jahres" gewesen sein, war jedoch erst im März, also kurz bevor die Rentendebatte in Deutschland an Fahrt aufnahm.

"5,4 Millionen Menschen wären heute noch Teil der Mittelschicht in Deutschland, wenn die Verhältnisse noch so wären wie im Jahr 1983"

erklären uns die Autoren den Rückgang von 8 % bis 2013. Verschwiegen wird jedoch, dass sich die Zahlen bis 1991 nur auf Westdeutschland beziehen. Hier wird also die Sicht der Westdeutschen als gesamtdeutsche Entwicklung ausgegeben. Sieger schreiben eben die Geschichte! Die Mittelschicht ist dagegen zwischen 1991 und 2013 um 6 % zurückgegangen. Der stärkste Rückgang fiel auf die Jahre 2001 bis 2011: vier Prozent. (vgl. DIW-Wochenbericht Nr.19, 2016, Grafik S.396)

Als Beispiel für die "arbeitende Mitte" wird uns eine 48jährige selbständige Hebamme vorgestellt, die als "Working Poor" bezeichnet wird, obwohl ihr Jahreseinkommen mit ca. 40.000 Euro angegeben wird. Warum Hebamme? Seit einiger Zeit kommt diesem Berufsstand ein erhöhtes Erregungspotenzial zu: zum einen weil in Deutschland jede Geburt hysterisch beäugt wird, weil wir angeblich aussterben, und zum anderen, weil es eine starke Hebammenlobby gibt, die deren Arbeitsbedingungen seit Jahren skandalisiert.

Hinzu kommt, dass Altersgruppen zu Generationen stilisiert werden, wodurch die Jungen zu den Verlierern gezählt werden können, obwohl deren weitere Einkommensentwicklung keineswegs vorgezeichnet ist. Trompetete z.B. die FAZ noch vor gar nicht so langer Zeit die Vollbeschäftigungshymne, so bläst sie nun die Ende der Arbeit-Posaune. Man darf sich nun das heraussuchen, was einem interessenpolitisch gerade am Besten passt.

"In der Gruppe der 30-44-Jährigen gibt es eine extreme Polarisierung",

dröhnt es uns entgegen. Die Schwäche der Gewerkschaften wird dafür verantwortlich gemacht. Hieß nicht etwa das Credo unserer neoliberalen Wirtschaftsblätter, zu denen die Wirtschaftswoche gehört: die Macht der Gewerkschaften muss zerschlagen werden? Bemerkt man jetzt etwa, dass man den Ast schon fast abgesägt hat, auf dem man bisher als Redaktion eines Wirtschaftsblatts bequem gesessen war? Oder begegnet uns hier nur eine neue Form der Distinktion?

"Der Übergang von Minijob zu Tariflohn ist heute schwieriger als der Einstieg in den Arbeitsmarkt. Zugleich sind die Aufstiegsmöglichkeiten zwischen Mittel- und Oberschicht (...) verhältnismäßig intakt",

interpretieren die Autoren Gerhard BOSCH, Direktor des Instituts für Arbeit und Qualifikation an der Universität Duisburg-Essen. Man könnte das auch dahingehend, dass die Mittelschichtdefinition der Studie nicht in der Lage ist Mittel- und Oberschicht abzugrenzen. Zudem wird die Durchlässigkeit innerhalb der Mittelschicht nicht berücksichtigt. Uns wird eine homogene Mittelschicht suggeriert, die es nicht gibt.

Wenn die Autoren zudem immer wieder auf Helmut SCHELSKYs Konzept der "nivellierten Mittelstandsgesellschaft" zurückgreifen, dann werden die Unterschiede eines ökonomischen und eines soziologischen Blicks auf die Mittelschicht verwischt. Während soziologische Mitte-Begriffe das soziale und kulturelle Kapital berücksichtigen, verschleiert der Blick auf die Einkommensverhältnisse diesen Aspekt.

Zum Schluss wird dann die DIW-Studie problematisiert: Der Soziologe Holger LENGFELD dient den Autoren dazu, die Abstiegsängste zu betrachten. Diese hätten bis 2007 "massiv" zugenommen und seitdem "drastisch" abgenommen. Hier wird also ein Entwicklung suggeriert, die eine homogene Mittelschicht voraussetzen würde. Danach wird der Ökonom Christian ARNDT zitiert, der die Studie Zwischen Stabilität und Fragilität (2012) im Auftrag der CDU-nahen Konrad-Adenauer-Stiftung verfasst hat:

"Misst man vor Steuern und Sozialtransfers, dann ist der Anteil der Mittelschicht an der gesamten Bevölkerung in Deutschland nur vier Prozentpunkte größer als in den USA - nach Umverteilung sind es mehr als 15 Prozentpunkte".

Zu deutsch: Die Mittelschicht in Deutschland schrumpft? Kein Problem, denn brauchen wir überhaupt eine so große Mittelschicht? stellen die Autoren die rhetorische Frage. Einzig ein Erstarken der politischen Ränder fürchtet unsere Elite. Muss also erst die AfD an die Macht kommen? Und wäre das für unsere Elite überhaupt ein Problem, solange diese neoliberale Grundsätze vertritt? Einkommensspreizung? Polarisierung? Kein Problem solange die Wirtschaft floriert und die Profite stimmen.

KLAUS, Julia & Alexander NEUBACHER (2016): Absturz der Normalos.
Wohlstand: Die Mittelschicht war das Rückgrat der deutschen Gesellschaft. Doch die Politik hat es ihr nicht gedankt. Eine neue Studie belegt: Die Mitte schrumpft und verliert ihren Halt,
in: Spiegel Nr.19
v. 07.05.

KLAUS & NEUBACHER stellen uns als Prototyp einer Mittelklasse-Familie ein 50 Jahre altes Ehepaar (Er Dreher in der Metallindustrie, sie verdient als Verkäuferin hinzu) mit zwei Kindern (Sohn und Tochter wie es die Bevölkerungswissenschaft gerne sieht) vor, das in der hessischen Provinz lebt. Der Arbeitsplatz des Mannes wird als bedroht hervorgehoben.

"Etwa 49.000 Euro im Jahr beträgt das durchschnittliche Brutto-Haushaltseinkommen in Deutschland. In keiner anderen Einkommensklasse ist die relative Belastung so hoch",

erklären uns die Autoren die "kalte Progression" ohne die Herkunft dieser Zahlen zu verraten. Ein Schaubild nennt als Quelle die DIW-Studie, die am Vortag veröffentlicht wurde. Diese operiert jedoch mit dem mittleren Einkommen, aber nicht mit dem Durchschnittseinkommen.

"Die Mittelschicht verdient zu viel, um Fürsorgeleistungen zu bekommen, aber zu wenig, um von Steuersparmodellen und Beitragsbemessungsgrenzen zu profitieren",

heulen uns KLAUS & NEUBACHER vor. Die Mittelschicht umfasst jedoch mehr als diese Facharbeiterfamilie, die uns präsentiert wird, nämlich in erster Linie die Akademikerfamilien. Man hätte es also gerne etwas genauer: welche Haushalte der Mittelschicht gehören zu den Gewinnern und welche zu den Verlierern der neoliberalen Politik, die vom Spiegel propagiert wird.

Ohne Probleme zitieren die Autoren Heinz BUDE und Berthold VOGEL im gleichen Atemzug, obwohl beide ein völlig anderes Verständnis von Mittelschicht haben. Während "Statuspanik" (BUDE) das Akademikermilieu im Blick hat, sieht VOGEL in erster Linie die Facharbeiterschaft gefährdet.

"Die Erosion der Mittelschicht bedroht den Zusammenhalt der Gesellschaft. Sie trägt dazu bei, dass sich das Land politisch radikalisiert. Sie dämpft die Geburtenrate."

Das Credo des Spiegels lautete bislang, dass das Akademikermilieu schuld an der niedrigen Geburtenrate sei und die Unterschicht zu viele Kinder bekämen. Jetzt dämpft plötzlich die Erosion die Geburtenrate? Das hätten wir gerne erklärt.

Von der Zwiebel zur "angematschten Birne" beschreiben KLAUS & NEUBACHER die Entwicklung der Mittelschicht:

"Die neuesten DIW-Daten zur Sozialstruktur zeichnen eher das Bild einer angematschten Birne. 33 Prozent der Erwachsenen in Deutschland zählen demnach nun zu den unteren Einkommensschichten, 13 Prozent zu den oberen. Die ehedem dicke Mitte umfasst nur noch etwas mehr als die Hälfte der Bürger."

Bei der Umrechnung von Prozentzahlen auf Jahreseinkommen kommen KLAUS & NEUBACHER auf folgende Einkommensspanne:

"Zur Mitte gehören demnach alle Erwachsenen, deren Haushaltseinkommen vor Steuern und Sozialabgaben mindestens 67 Prozent und höchstens 200 Prozent des mittleren Einkommens beträgt. In Deutschland liegt diese Spanne etwa zwischen 17.000 und 50.500 Euro Jahreseinkommen."

In der heutigen FAZ erzählt uns Philipp PLICKERT dagegen:

"Zur Mittelschicht zählen demnach in Deutschland nach der Definition dieser Studie alle Personen, die ein Bruttoeinkommen zwischen 19.765 Euro und 59.000 Euro haben."

Bruttoeinkommen ist jedoch falsch, denn das DIW bezieht sich gemäß seiner korrigierten Pressemeldung auf das Nettoeinkommen vor Steuern und Sozialabgaben inklusive Sozialtransfers und Renten.

Nachdem das DIW einige Tage später eine Korrektur seiner Berechnungen veröffentlichte, korrigiert PLICKERT in der FAZ die Einkommensspanne folgendermaßen:

"Die Mittelschicht (...) umfasst demnach alle Personen mit einem jährlichen Bruttoeinkommen von 35.845 bis 107.000 Euro."

Es stellt sich auch die Frage, warum die Zahlen zum Einkommen differieren. In der Studie selber werden lediglich Prozentzahlen genannt und keine Euroangaben. Lediglich in der korrigierten Pressemeldung des DIW heißt es dazu:

"Das Medianeinkommen in der Einkommensmitte (...). In Deutschland stieg es von 1991 bis 2000 um sieben Prozent (vorherige Version "vier") auf rund 54.500 (vorher "31.000") Euro und sank im Folgenden bis 2013 um ein Prozent (vorher "rund fünf") auf 53.500 (vorher "29.500") Euro."

Nimmt man die Zahlen, die uns PLICKERT präsentiert, dann hat er die Zahlen für das Jahr 2013 als 100 % genommen und dann die Einkommensspanne 67 bzw. 200 Prozent ausgerechnet. Wieso präsentiert uns der Spiegel dann aber davon abweichende Zahlen?

Nach den korrigierten Daten stürzt die Spiegel-Story mehr oder weniger zusammen, denn plötzlich wären von der "kalten Progression" nicht mehr die Spitzenverdiener der Mittelschicht, sondern die untere Mittelschicht am stärksten betroffen. Die Frage stellt sich hier also: Warum wurde nicht bemerkt, dass hier etwas nicht stimmen kann?

Als zweites Fallbeispiel schildert uns der Spiegel eine 35-jährige Alleinerziehende mit einem Kind, die in der hessischen Provinz lebte und durch die Geburt ihres Sohnes auf Hartz IV angewiesen war. Erst als der Sohn mit 2 Jahren in den Kindergarten konnte, konnte die Alleinerziehende wieder arbeiten gehen. Das nächste Fallbeispiel erzählt von einem 27-jährigen Jungunternehmer.

Deutschland sei ein Hochsteuerland erklärt uns der neoliberale Spiegel. Steuern und Sozialabgaben machen jedoch für die Autoren keinen Unterschied, als ob es keine Gegenleistungen in Form von Sicherheit und Infrastruktur gäbe. Die Spiegel-Story fällt auch hier durch die Korrektur der Berechnungen in sich zusammen wie ein Kartenhaus:

"Spitzenverdiener hingegen werden im deutschen System schonend behandelt. Die Rentenkasse zieht die Grenze bei einem Jahresgehalt von 74.400 Euro, im Osten bei 64.800 Euro. Was darüber hinausgeht, wird bei der Alters- und bei der Arbeitslosenversicherung nicht angerechnet. Die Krankenkasse schlägt sogar nur bei zu einer Bemessungsgrenze von 50.850 Euro zu."

Dumm nur, dass die Mittelschicht nicht bei 59.000 Euro aufhört, sondern erst bei 107.000 Euro. Oder anders formuliert: die obere Mittelschicht profitiert von der neoliberalen Politik, während die untere Mittelschicht bluten muss. Was wäre eigentlich gewesen, wenn die DIW-Studie nicht mit falschen Zahlen operiert hätte, die dem Spiegel entgegengekommen sind?

Fallbeispiel 3 erzählt uns die Story von der Generationengerechtigkeit: Ein 65-jähriger pensionierte Lehrer sorgt sich um seine vier Kinder, die alle studiert haben. Die Autoren zitieren eine Studie von Timm BÖNKE und kommen zu folgender Aussage:

"Ihn interessierten die Erwerbsbiografien westdeutscher Männer, die zwischen 1935 und 1972 geboren, worden sind. Bönke wollte wissen, welches reale Gesamteinkommen die einzelnen Jahrgänge in den ersten 40 Lebensjahren jeweils erreicht haben.
Er fand heraus, dass es bis 1950 mit jedem Geburtsjahrgang zunächst bergaufging (...).
Doch bei den später als 1950 Geborenen setzte in der alten Bundesrepublik bereits eine Spaltung ein."

Interessant ist nun, dass die Studie bereits in der FAZ zitiert wurde. Dort wurde jedoch der Schnitt erst beim Jahrgang 1955 gesetzt. Woher also diese Differenz?

"Die Mittelschicht blieb mit ihrem Einkommen ab dem Geburtsjahrgang 1958 zunächst auf dem Niveau ihrer Vorgänger. Bei den geburtenstarken Babyboomer-Jahrgängen stagnierte das Lebenseinkommen. Doch ab dem Jahrgang 1965 setzte auch hier der Niedergang ein. Die später Geborenen erreichten das Lebenseinkommen in der Regel nicht",

erzählen uns KLAUS & NEUBACHER die Story weiter. Aber ist die Mittelschicht von BÖNKE identisch mit der Mittelschicht des DIW? Offenbar nicht. Und was heißt Lebenseinkommen, wenn lediglich das Einkommen bis zum 40. Lebensjahr betrachtet wird? Die jüngeren Geburtsjahrgänge könnten die Einbußen später durchaus wettmachen. Weder werden Haushalte, Ostdeutsche oder gar berufstätige Frauen betrachtet. Was will uns also der Spiegel hier suggerieren? Dass die Ängste des Pensionärs berechtigt sind?

Fallbeispiel 4 schildert uns das neoliberale Ideal des produktiven Alters: ein 71-Jähriger, der weiter arbeitet. Flexi-Rente pur. Der Spiegel sehnt sich die FDP und mehr Netto vom Brutto zurück.

Fazit: Nicht die Mittelschicht blutet, sondern die obere Mittelschicht lebt auf Kosten der restlichen Mittelschicht. Das ist die Ironie der Story, die mit falschen Zahlen etwas beweist, was bei korrigierten Zahlen auf den neoliberalen Spiegel selbst zurückfällt! Die obere Mittelschicht hat sich abgekoppelt und nähert sich der Oberschicht an - wenn man diesen ökonomischen Mittelschichtbegriff ernst nimmt. Soziologen würden das sowieso anders sehen. Die Propagierung einer neoliberalen Politik heißt nichts anderes als ein Bündnis zwischen Oberschicht und oberer Mittelschicht zu Lasten der restlichen Gesellschaft.

PLICKERT, Philip (2016): Wo die Mittelschicht schrumpft.
Unter- und Oberschicht haben leicht zugelegt. Gründe sind geringqualifizierte Zuwanderung und Lohnspreizung,
in:
Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 07.05.

WIRTSCHAFTSWOCHE (2016): Das DIW hat falsch gerechnet.
Korrektur: Die deutsche Mittelschicht ist größer, als eine aktuelle DIW-Studie behauptet hat - auch die WirtschaftsWoche übernahm die unkorrekten Daten,
in: Wirtschaftswoche Nr.20
v. 13.05.

Die Wirtschaftswoche erklärt uns nicht die Konsequenzen der Falschberechnung für die Titelgeschichte, sondern begnügt sich damit, darauf hinzuweisen, dass auch der Spiegel und die Agentur Bloomberg berichtet hat!

PLICKERT, Philipp (2016): DIW-Forscher haben sich in Mittelschicht-Studie verrechnet.
Schrumpfen der Mittelschicht geringer als angegeben,
in:
Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 13.05.

Philipp PLICKERT freut sich über den Übertragungsfehler des DIW, das eine US-amerikanische PEW-Studie auf deutsche Verhältnisse übertragen wollte, um die Ungleichheitsdebatte hierzulande anzuheizen (mehr hier).

Sowohl die Wirtschaftswoche als auch der Spiegel berichteten groß über die DIW-Studie. Die Spiegel-Story fällt mit den korrigierten Zahlen in sich zusammen wie ein Kartenhaus - eine Blamage für das Blatt.

Auf den Fehler wies das DIW gemäß PLICKERT erst am Mittwoch hin. Auf der Homepage des DIW ist nicht ersichtlich, wann die Korrekturen erfolgten. Es erstaunt jedenfalls, dass z.B. die Wirtschaftswoche zwar andere Ökonomen zur Studie Stellung nehmen ließ, aber keiner den Berechnungsfehler bemerkte.

DOEMENS, Karl (2016): Aufklärung statt Alarmismus.
Leitartikel: Wer sich von verallgemeinernden Horrorprognosen etwa bei der Altersarmut treiben lässt, befeuert diffuse Ängste. Damit treibt er unfreiwillig der AfD die Wähler zu,
in:
Frankfurter Rundschau v. 18.05.

Karl DOEMENS nervt uns zum x-ten Mal mit den WDR-Berechnungen von Anfang April und setzt noch die aktuelle DIW-Mittelschicht-Studie obendrauf - und zwar in der unkorrigierten, statt der korrigierten Version. Angeblich werden wir überall nur mit Katastrophenbildern konfrontiert - Belege bleibt DOEMENS schuldig, denn in den Mainstream-Medien wird landauf landab nur die Position der Verteidiger der rot-grünen Rentenreformen gepredigt.

Wer für die Stärkung der gesetzlichen Rente eintritt, den stellt DOEMENS damit kalt, dass er ihm vorwirft, der AfD die Wähler in die Arme zu treiben. Ob diese Drohung unserer Neoliberalen mit einem Totschlagargument funktioniert?

FISCHER, Kristin & Judith NIEHUES (2016): Der Blick auf die Markteinkommen führt in die Irre,
in:
IW-Kurzbericht - Nr. 47 v. 05.08.

"Auf den ersten Blick führen die Marktprozesse in den beiden Ländern demnach zu einer ähnlichen Ausgangsverteilung der Einkommen, die in den USA nur weniger stark durch staatliche Umverteilung ausgeglichen wird.
Impliziert dies ebenfalls eine vergleichbare Lohnungleichheit in beiden Ländern? Keineswegs, denn zwischen der Messung der Ungleichheit der Markteinkommen und der Erwerbseinkommen gibt es einen fundamentalen Unterschied: Bei der Lohnungleichheit wird nur die erwerbsfähige Bevölkerung berücksichtigt, bei den Markteinkommen hingegen die gesamte Bevölkerung. Die Ungleichheit der Markteinkommen bildet somit nicht nur das Ergebnis von Marktprozessen ab, sondern ihre Höhe wird auch stark von denjenigen beeinflusst, die gar nicht mehr am Erwerbsleben teilnehmen: Rentner verfügen in Deutschland meist nur über sehr geringe Markteinkommen und bestreiten den Großteil ihres Lebensunterhalts durch gesetzliche Rentenzahlungen.
Dadurch lässt sich die Höhe der Ungleichheit der Markteinkommen hierzulande kaum mit den USA vergleichen: Während viele ältere Deutsche bereits eine gesetzliche Rente beziehen, arbeiten US-Amerikaner in der Regel länger und erzielen ein Markteinkommen – auch noch zu Zeiten, in denen Arbeitnehmer hierzulande bereits im Ruhestand sind. Daraus ergibt sich ein gewisses Paradoxon: Eine stärkere gesetzliche Absicherung im Alter geht in der Tendenz mit einer größeren Ungleichheit der Markteinkommen einher",

erklären uns FISCHER & NIEHUES, die versuchen Markteinkommen mit Lohneinkommen gleichzusetzen und dadurch die Alterssicherung in Deutschland zu diffamieren. Die Alterssicherung wird von den Autorinnen zur Ursache von höherer Ungleichheit in Deutschland stilisiert. Diese Argumentation zielt primär auf eine Erhöhung des Rentenzugangsalters zur gesetzlichen Rente ab bzw. flankiert die geplante Flexi-Rente mit höheren Zuverdienstmöglichkeiten. Beides ließe sich mit dieser Studie begründen.

FISCHER & NIEHUES kritisieren mit ihrem Zugang die DIW-Mittelschichtstudie von Markus GRABKA u.a. vom Mai diesen Jahres. Die Studien sind jedoch nicht vergleichbar, weil sich erstens die Mittelschichtdefinitionen unterscheiden (die IW-Studie dehnt die Mittelschicht nach oben aus: 250 % statt 200 % des Medianeinkommens) und berücksichtigt zweitens nur Lohn- und Renteneinkommen, während das DIW behauptet das gesamte Haushaltseinkommen zu berücksichtigen. Die Studie enthält jedoch keine Angaben zu den berücksichtigten Einkommensarten, sodass nicht ausgeschlossen werden kann, dass gravierende Unterschiede bei der Messung der Einkommenshöhen beider Studien vorhanden sind, die eine Vergleichbarkeit reduzieren.

 
   

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webmaster@single-generation.de Erstellt: 13. August 2016
Update: 13. August 2016