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Martin Werding: Generationenvertrag und Alterssicherung

 
       
     
       
   

Aktuellster Beitrag

 
       
   

Martin Werding in seiner eigenen Schreibe

 
       
   

WERDING, Martin (2000): Rentenreform: Modellrechnungen zu den langfristigen Effekten, ifo Schnelldienst Nr.28-29, S.39–42.

SINN, Hans-Werner &
WERDING, Martin (2000): Rentenniveausenkung und Teilkapitaldeckung, ifo Empfehlungen zur Konsolidierung des Umlageverfahrens, ifo Schnelldienst Nr.18, S.12–25.

WERDING, Martin (2000), „Familienpolitik: Das »Familiengeld«-Konzept der CDU/CSU-Bundestagsfraktion“, ifo Schnelldienst 53(1-2/2000): 24–30

WERDING, Martin & Harald BLAU (2002): Auswirkungen des demographischen Wandels auf die staatlichen Alterssicherungssysteme: Modellrechnungen bis 2050, ifo Beiträge zur Wirtschaftsforschung, Bd. 8, ifo Institut: München

WEIZSÄCKER, Jakob von & WERDING, Martin (2002): Demographiefest: Rentenfinanzen und Lebenserwartung, ifo Schnelldienst Nr.11, S.42–45

WERDING, Martin (2003): Rente nach Kinderzahl.
Argumente zugunsten einer unpopulären Idee,
in: Zeitschrift für Wirtschaftspolitik, Heft 2, S.204–214

WERDING, Martin & Herbert HOFMANN (2005): Die fiskalische Bilanz eines Kindes im deutschen Steuer- und Sozialsystem, ifo Forschungsbericht Nr. 27, ifo Institut: München

WERDING, Martin (2007): Versicherungsmathematisch korrekte Rentenabschläge für die gesetzliche Rentenversicherung, ifo Schnelldienst Nr.16, S.19–32

WERDING, Martin (2008): Die Mittelschicht macht reich.
Eine kräftige Mitte sorgt für Wachstum und Wohlstand. Deshalb darf sie nicht schlappmachen,
in:
Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung v. 14.12.

WERDING, Martin (2013): Generationengerechtigkeit bei ungewissen Wachstumsperspektiven: Bedeutung und Begründbarkeit, ifo Schnelldienst Nr.15, S.29–32

WERDING, Martin (2013): Alterssicherung, Arbeitsmarktdynamik und neue Reformen. Wie das Rentensystem stabilisiert werden kann, Bertelsmann-Stiftung: Gütersloh

WERDING, Martin (2014): Familien in der gesetzlichen Rentenversicherung. Das Umlageverfahren auf dem Prüfstand, Bertelsmann-Stiftung: Gütersloh

 
       
   

Martin Werding im Gespräch

 
       
   

Martin Werding (2014) Familien in der gesetzlichen Rentenversicherung. Das Umlageverfahren auf dem Prüfstand, Auftragsstudie der Bertelsmann Stiftung

 
       
   

Martin Werding und die Rente nach Kinderzahl in der Debatte

 
       
   

KLOEPFER, Inge (2006): Auf immer kinderlos, die deutsche Extratour.
Irgend etwas ist schief gelaufen: Die Nachbarn in Europa haben wieder Kinder. Die Deutschen nicht,
in: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung v. 26.02.

Inge KLOEPFER zitiert Martin WERDING zur angeblichen Kultur der Kinderlosigkeit in Deutschland:

"»Die Kinderlosen«, sagt der Ifo-Forscher Martin Werding, »sind inzwischen zu gesellschaftlichen Vorbildern geworden, an denen sich die ökonomische Rationalität des einzelnen weiter formt.«
(...).
Statistisch ist die Entwicklung nicht mehr aufzuhalten. (...). Glaubt man den Soziologen und Demographen, ist es für eine Wende zu spät. (...). »Es gibt keine Anzeichen für einen Anstieg der Geburtenrate«, meint Werding.
"

FASSHAUER, Stephan (2006): Besteht ein Zusammenhang zwischen Alterssicherungssystem und Geburtenrate?
Anmerkungen aus theoretischer und empirischer Sicht,
in: Deutsche Rentenversicherung, Heft 6, Juni, S.305-324

Stephan FASSHAUER geht der Frage nach, ob - wie z.B. von Sozialpopulisten wie Jürgen BORCHERT, Hans-Werner SINN oder Martin WERDING behauptet, die Ausgestaltung des Alterssicherungssystem einen Einfluss auf die Geburtenrate hat. Verfechter einer Rente nach Kinderzahl behaupten in der Regel, dass das Rentensystem kein 3-Generationenvertrag sei, sondern lediglich 2 Generationen berücksichtige. Die Beweisführung wurde gemäß FASSHAUER bislang jedoch nur formal, aber nicht empirisch erbracht:

"Den Überlegungen von Schreiber und Nell-Breuning fehlte eine entsprechende formale und/oder empirische Begründung. Die modelltheoretische Begründung folgte erst mehrere Jahrzehnte später beispielsweise durch Klanberg oder Werding. Bei ihren Darstellungen stehen Auswirkungen eines 2- und alternativ hierzu eines 3-Generationenvertrages auf das Geburtenverhalten im Mittelpunkt.
Die theoretische, formale »Beweisführung« dafür, dass ein 2-Genertionenvertrag zu einer geringeren Geburtenrate führt als ein Generationenvertrag, der alle Lebensphasen berücksichtigt, ist gegenüber einem empirischen Beleg deutlich einfacher."

FASSHAUER kritisiert insbesondere zwei Aspekte einer solchen Sichtweise: zum einen das Fehlen einer optimalen Geburtenrate und zum anderen die Nicht-Quantifizierbarkeit der abgeleiteten Ergebnisse:

"Das Fehlen einer - wissenschaftlich fundierten - optimalen Geburtenrate im Hinblick auf die gesamtwirtschaftliche Wohlfahrt ist für die gesamte Familienpolitik, aber auch in besonderem Maße für alle humankapitaltheoretischen Ansätze mit dem Anspruch, konkrete Politikmaßnahmen draus ableiten zu wollen, ein wesentliches Manko. Bisher ist eine solche Bestimmung nicht gelungen. Die Diskussionen in Wissenschaft und Politik greifen deshalb meist auf das sog. Ersatzniveau von 2,1 Geburten pro Frau zurück. Diese Größe muss aber keinesfalls die gesamtwirtschaftlich optimale Geburtenrate sein. Die gesamtwirtschaftlich optimale Geburtenrate kann durchaus bei 1,4 oder auch bei 2,8 liegen - sie hängt eben nicht nur vom Altersicherungssystem, sondern noch von einer großen Anzahl weiterer Einflussgrößen (Arbeitsmarktbedingungen, Bildungspolitik, Kinderbetreuung, Wanderungsbewegungen, ...) ab. Damit wird zugleich deutlich, weshalb bisher eine gesamtgesellschaftlich optimale Geburtenrate nicht beziffert werden kann - es sind zu viele Einflussfaktoren zu beachten, die in einer modelltheoretischen Analyse nicht mehr handhabbar sind.
(...).
Hinzu kommt, dass die modelltheoretisch abgeleiteten Ergebnisse nicht quantifiziert werden können. (...) Anhaltspunkte dafür, welche Bedeutung das Alterssicherungssystem für den Kinderwunsch hat, lassen sich deshalb nicht aus der ökonomischen Theorie, sondern, wenn überhaupt, aus empirischen Untersuchungen ableiten. Bei diesen Studien wird explizit hinterfragt, warum die Menschen sich für Kinder entscheiden. Dabei wird deutlich, dass die Ausgestaltung des Alterssicherungssystems keinen oder höchstens nur einen sehr geringen Einfluss auf die Fertilitätsrate haben kann."

Aufgrund dieser Schwierigkeiten geht FASSHAUER einen anderen Weg. In Anlehnung an Jochen PIMPERTZ sollen "externe Effekte" von Kindern im Sozialversicherungssystem "internalisiert" werden. Weil jedoch die Berechnung realer externer Effekte nicht möglich ist, weshalb lediglich konstruierte, sog. "pekuniäre Effekte" berechnet werden. Es zeigt sich jedoch, dass auch hier das Problem einer optimalen Geburtenrate im Hinblick auf die gesamtwirtschaftliche Wohlfahrt besteht.

Aufgrund der Mängel aller dieser Herangehensweise flüchtet FASSHAUER in die Empirie und nimmt die Entwicklung der Geburtenrate zum Ausgangspunkt seiner Untersuchung. Das ist wenigstens politisch korrekt, denn:

"Ausgangspunkt der Überlegungen zur Förderung von Familien in der Rentenversicherung ist nicht die Umsetzung eines »vollständigen Generationenvertrages« oder die Verwirklichung theoretischer Modelle, sondern (...) die Abnahme der Geburtenrate."

Einen Beleg dafür, dass das Alterssicherungssystem dafür verantwortlich ist, kann FASSHAUER nicht liefern. Stattdessen kritisiert er, dass die Berücksichtigung von familienpolitischen Leistungen im Rentensystem bei den Verfechtern einer Rente nach Kinderzahl unberücksichtigt bleiben. So gibt es Kindererziehungszeiten, Aufwertungen von Beitragszeiten bis zum 10. Lebensjahr von Kindern, Kinderberücksichtigungszeiten und Kinderzuschläge in der Witwen-/Witwerrente. Diese familienpolitischen Leistungen wurden in den letzten Jahrzehnten und Jahren sukzessive ausgebaut. Sein Fazit lautet deshalb:

"In Bezug auf die empirischen Untersuchungen zeigt sich, dass die Leistungen der gesetzlichen Rentenversicherung für Erziehung von Kindern bereits erheblich sind, aber häufig unbeachtet bleiben. Auch die in zunehmendem Maße familienpolitischen Begünstigungen im Bereich der staatlich geförderten Zusatzvorsorge werden nicht adäquat berücksichtigt. Diese Kenntnisse sind wichtig, wenn konkrete Vorschläge für eine verstärkte Förderung von Kindern im Rentensystem diskutiert werden."

 
       
   

Martin Werding und seine Auftragsstudien in den Medien

 
       
   

GOTTHOLD, Kathrin & Holger ZSCHÄPITZ (2013): Kampf der Systeme gegen die Altersarmut.
Rentenlücke steigt deutlich. Im Wahljahr stellt sich mehr denn je die Frage, wer sie füllen soll,
in: Welt v. 25.04.

GOTTHOLD & ZSCHÄPITZ berichten über eine neue Auftragsstudie von Martin WERDING für ein Unternehmen der Finanzdienstleistungsbranche. Bereits im März hatte seine Auftragsstudie für die neoliberale Bertelsmann-Stiftung Aufsehen erregt, weil sie in den Medien mit überhöhten Angaben zur Alterung in Deutschland lanciert worden war (eine Kritik der zugrunde liegenden Annahmen der Studie wie auf single-generation.de wurde in den Medien erst gar nicht geleistet!). So war selbst in der taz zu lesen:

"Während heute der Anteil der über 65-Jährigen bei 30 Prozent an der Bevölkerung liegt, sieht die Prognose für 2030 einen Anteil von 49 Prozent und für 2060 von 63 Prozent dieser Altersgruppe vor."

In einem Interview mit der jungen Welt, erläutert der Statistiker Gerd BOSBACH:

"63 Prozent, das wären von drei Einwohnern zwei, die über 64 Jahre als sein sollen. Das ist in keiner Gesellschaft möglich. So ein Fehler ist fatal. In der zugrundeliegenden Studie der Uni Bochum stand auch korrekt, daß der Altenquotient 63 betrage, also 2060 auf 100 Erwerbsfähige 63 Ältere kämen. Zusammen mit Kindern und Jugendlichen ergäbe das einen Bevölkerungsanteil von knapp 33 Prozent."

Während die Auftragsstudie für die Bertelsmann-Stiftung auf weitere Reformen zur Erhöhung des Renteneintrittsalters abzielte, errechnet die neue Studie eine hohe Vorsorgelücke - und zielt damit in die gleiche Richtung: Stärkung des Kapitaldeckungsverfahrens und Schwächung des Umlageverfahrens in der Alterssicherung. GOTTHOLD & ZSCHÄPITZ weisen zu Recht auf das Eigeninteresse der Auftraggeber der Studie hin:

"Auftraggeber der Studie ist das Anlagehaus Fidelity Investment, dem ein Eigeninteresse an einer möglichst großen Rentenlücke nicht abzusprechen ist."

Bedenklich ist, dass eine Auftragsstudie durch den Hinweis geadelt wird, dass mitgeteilt wird, der Autor sei auch Professor an einer deutschen Universität. Warum der Hinweis auf die Professur, statt auf weitere Auftraggeber des Autors? Das wäre zur Bewertung der Position des Autors doch weitaus sinnvoller.

ZSCHÄPITZ, Holger (2018): Rente mit 70? Das wird nicht reichen.
Neue Studie offenbart, dass die Lücke trotz längerer Arbeitszeit immer noch besteht,
in: Welt
v. 20.02.

Holger ZSCHÄPITZ verbreitet willig die PR der Fondsgesellschaft Fidelity, die bei Martin WERDING eine Werbebroschüre für mehr Fondssparen in Auftrag gegeben hat. Der Artikel zielt auf die Gutverdiener, weshalb das Fallbeispiel einer Versicherungskauffrau nur erwähnt, aber nicht näher ausgeführt wird. Im Mittelpunkt steht ein Ingenieur und ein Geschäftsführer, von deren "Rentenlücke" die Fondsgesellschaft besonders profitieren kann.

Die Rentenlücke ist ein Konstrukt der Finanzdienstleister, die sich aus zwei Quellen speist: zum einen Annahmen zur weiteren Entwicklung der gesetzlichen Rente und zum anderen Annahmen zur Höhe des Alterseinkommen. Das wird mit dem dehnbaren Begriff der "Lebensstandardsicherung" bezeichnet, ein Steilpass, den die rot-grüne Bundesregierung im Jahr 2001 mit der Teilprivatisierung der Lebensstandardsicherung ermöglicht hat. Seitdem verbreiten die Helfer der Finanzdienstleister Horrorszenarien zur Rentenlücke, wobei ihnen die Gewerkschaften und Sozialverbände mit der Debatte um Altersarmut auch noch Hilfestellung leisten.

Berechnet wird die Rentenlücke für einen 1975 Geborenen, der heute 43 Jahre alt ist.

"Als lebensstandardsichernd setzen die Autoren 85 Prozent des letzten, in der Erwerbsphase erzielten Nettoeinkommens".

Das soll angeblich ein Optimum an Lebenszufriedenheit versprechen. Angesichts der Gesellschaft der Singularitäten, die gegenwärtig gerne beschworen wird, erscheint eine solche allgemeingültige Annahme eher absurd. Ein Vergleich mit einer PR des gleichen Autors für dieselbe Fondsgesellschaft aus dem Jahr 2013 zeigt eine gewisse Willkür der Annahmen:

"Nach einer aktuellen Untersuchung der Ruhr-Universität Bochum droht den Deutschen im Rentenalter eine markant größere Vorsorgelücke. Danach fehlen einem Standardrentner im Alter monatlich rund 650 Euro, um den eigenen Lebensstandard zu sichern. Das sind 350 Euro mehr als bisher angenommen. Bisher galt es in der Politik aber auch in der Versicherungsbranche als ausgemacht, dass zur Alterssicherung rund 70 Prozent des letzten Nettoeinkommens ausreichen. In der Praxis sei der Bedarf aber deutlich größer, erklärt Martin Werding, Professor für Sozialpolitik an der Ruhr-Universität und Autor der Studie. Im Schnitt müssen Bürger bei Eintritt ins Rentenalter rund 87 Prozent vom letzten Netto erzielen."

Obwohl sich die Lage der Rentenversicherung seit dem Jahr 2013 verbessert hat, wächst die Rentenlücke von PR zu PR weiter. Gut für die Auftraggeber!

"Bei der privaten Vorsorge unterstellen die Autoren eine jährliche Anlagerendite von real drei Prozent, also einer Verzinsung des Sparkapitals nach Abzug der Inflation."

Sollte diese Rendite nicht erreicht werden, dann geht das zu Lasten des Sparers, der dann eben noch mehr sparen muss.

Als weitere Annahme, die den Finanzdienstleistern geradezu in die Arme spielt, wird angenommen, dass für die 1975 Geborenen das gesetzliche Renteneintrittsalter weiter angehoben wird, wobei jedoch die Annahmen verschwiegen werden.

Fazit: "rein mathematisch" mögen die Ergebnisse nicht zu beanstanden sein, dagegen sind die Annahmen, die entscheidend die Höhe der Rentenlücke definieren, keineswegs frei von Interessen. Martin WERDING ist als Epigone von Hans-Werner SINN kein Freund des derzeitigen Rentensystems, von daher kommt die gesetzliche Rente schlecht weg, wodurch zwangsweise die Kapitaldeckung profitiert. Das steht im Einklang mit dem derzeit herrschenden Neoliberalismus. Da die Zukunft keine lineare Fortschreibung der Vergangenheit bzw. Gegenwart ist, könnten die Berechnungen bis zum Renteneintritt der 1975 Geborenen schnell Makulatur werden. Einzig die Finanzdienstleister profitieren von der PR, alles andere ist unsicher.

Neu:
GREIVE, Martin & Gregor WASCHINSKI (2018): Auf den Spuren Athens.
Demografie: Vor dem Start der Rentenkommission zeichnet eine Demografie-Studie ein dramatisches Bild: Staatsschulden und Sozialbeiträge werden explodieren,
in: Handelsblatt v. 01.06.

Wenn der Dramatisierer Martin GREIVE Berechnungen des Dramatisierers Martin WERDING präsentiert, dann werden realitätsferne Annahmen zu realistischen Annahmen aufgewertet:

"Natürlich sind Prognosen über so lange Zeiträume schwierig. Doch bis 2040 lassen sich relativ gute Vorhersagen treffen (...). Und Werding (...) verfasst ähnliche Berichte auch für das Bundesfinanzministerium.
Für seine neuen Berechnungen hat der Ökonom Annahmen getroffen, die zudem nicht realitätsfern erscheinen: Die (...) Nettozuwanderung (wird) im Jahr bei 150.000 liegen und die  Geburtenrate bei 1,4 Kinder pro Frau",

posaunen GREIVE und sein Lehrling. Was an einer Geburtenrate von 1,4 Kinder pro Frau realistisch sein soll? Das leuchtet nur GREIVE ein, denn gegenwärtig liegt sie bereits bei rund 1,6 Kindern pro Frau! Auch die Zuwanderung von 150.000 Personen pro Jahr klingt angesichts der gegenwärtigen Zahlen wie Hohn! Aber es handelt sich dabei auch um eine gewagte Interpretation der Journalisten, denn in der Studie heißt es:

"Für die Referenzvariante werden Annahmen übernommen, die das Statistische Bundesamt (2015) bei seiner letzten offiziellen Vorausberechnung getroffen hat. Unterstellt wird somit, dass die zusammengefasste Geburtenziffer auf Dauer unverändert auf ihrem langjährigen Durchschnittswert (von 1,4 Geburten je Frau) verharrt, dass die Lebenserwartung bei Geburt für Frauen weiter alle zehn Jahre um rund 1½ Jahre (von derzeit 83,1 Jahren bis 2060 auf 90,4 Jahre, danach linear weiter) und für Männer um knapp zwei Jahre (von derzeit 78,2 Jahren bis 2060 auf 86,7 Jahre) zunimmt4 und dass der Wanderungssaldo – nach einem Auslaufen der momentanen Welle – ab 2020 Jahr um Jahr bei +150.000 Personen liegt." (2018, S.8)

Die letzte offizielle Vorausberechnung des Statistischen Bundesamts ist jedoch die Variante 2A, die mit der bereits überholten Geburtenrate von 1,5 Kindern pro Frau rechnet. Die Zuwanderung wird ab 2020 mit 200.000 Personen beziffert. In einer Fußnote gibt WERDING zwar zu erkennen, dass er diese Aktualisierung kennt, sie aber ignoriert, wie das Zitat zeigt. WERDING weiß selber, dass seine Annahmen wenig realitätsnah sind, weshalb er seine Zahlen zur Geburtenrate folgendermaßen rechtfertigt:

"Über jede dieser Annahmen ließe sich diskutieren. So könnte man fragen, ob der jüngste Anstieg der Geburtenziffer (bis 2015 auf 1,5) nicht auf nachhaltige Verhaltensänderungen hindeutet, etwa wegen des 2007 eingeführten Elterngeldes und des seither erfolgten Ausbaus der Kindertagesbetreuung. Dahinter können allerdings auch reine Timing-Effekte bei elterlichen Fertilitätsentscheidungen stehen, die die jährlichen Geburtenziffern nur vorübergehend erhöhen. So wurden ausgeprägte Schwankungen der jährlichen Geburtenziffern nach ähnlichen Reformen – ohne Effekte für die durchschnittliche Kinderzahl je Frau – z. B. in Schweden Anfang der 1990er-Jahre beobachtet." (2018, S.9)

Was plausibel erscheint, ist es nicht, denn ob ein Geburtenanstieg nachhaltig ist, das zeigen die endgültigen Kinderzahlen von Frauenjahrgängen. Und hier ist ein Anstieg festzustellen, der nicht durch einen Verweis auf Schweden wegzuleugnen ist. Der Frauenjahrgang wird mit fast 1,5 Kindern pro Frau den Tiefststand der Geburtenrate darstellen, denn der Frauenjahrgang 1969 hat derzeit bereits mehr Kinder geboren als sein Vorgängerjahrgang. Der Frauenjahrgang 1971 hat im Alter von 46 Jahren bereits über 1,51 Kinder pro Frau erreicht. Die altersspezifischen Geburtenziffern der jüngeren Frauenjahrgänge hat das Statistische Bundesamt bislang nicht veröffentlicht. 

Inwiefern das Elterngeld überhaupt einen Effekt hatte, ist aufgrund des Anstiegs der endgültigen Kinderzahlen nicht entscheidend. Das Elterngeld könnte vielmehr sogar negative Auswirkungen auf die Geburtenentwicklung gehabt haben, denn bereits lange vor Einführung des Elterngeldes wiesen die altersspezifischen Geburtenziffern der jüngeren Frauenjahrgänge aus den 1970er Jahren darauf hin, dass ein Geburtenanstieg erwartbar ist. Der Ökonom Detlef GÜRTLER wies bereits 2003 nach, dass es einen Geburtenanstieg in Westdeutschland bei den Frauenjahrgängen der 1970er Jahre gab. Das Statistische Bundesamt und das Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung stritten dies jedoch über 10 Jahre lang ab. WERDING gehört immer noch zu den Leugnern wie seine Argumentation zeigt. Der Anstieg der endgültigen Kinderzahlen lässt sich nicht mit Timingeffekten wegdiskutieren, sondern ist real. Es zeigt jedoch mit welch fadenscheinigen Argumenten hier gezielt eine sehr pessimistische Sicht als realistisch dargestellt werden soll.

Leugner wie WERDING sind die eigentliche Gefahr für einen Geburtenanstieg, denn dadurch werden die damit verbundenen Herausforderungen nicht genannt. Dies zeigt sich inzwischen deutlich bei Kinderbetreuung und Grundschulkatastrophe, die ursächlich mit der deutschen Fixierung auf das Aussterben verbunden sind.   

Dreist erhöht WERDUNG auch noch die Lebenserwartung. Während die Variante 2A die Lebenserwartung gegenüber den Annahmen von 2015 auf 88,6 Jahre (Frauen) und 84,7 Jahre (Männer) reduziert, erhöht WERDING die Lebenserwartung dagegen um 1,8 Jahre für Frauen und sogar 2 Jahre für Männer. Dies ist kein Zufall, denn damit kann WERDING mit einfachen Mitteln ein Horrorszenario entwerfen. Alle Indikatoren sind von WERDING ganz gezielt auf ein Horrorszenario gerichtet: weniger statt mehr Geburten, weniger statt mehr Zuwanderung und nicht zuletzt eine massiv erhöhte Lebenserwartung. Alle drei Indikatoren zielen auf eine sehr pessimistische Bevölkerungsentwicklung ab, die die Ausgaben gezielt nach oben treiben.  

Ganz dreist wird es, wenn es bei GREIVE & WASCHINSKI heißt:

"Überraschend ist, dass die Entwicklung der Ausgaben und Beitragssätze in verschiedenen Demografie-Szenarien bis etwa 2040 nahezu identisch sind.",

zitieren GREIVE & WASCHINSKI anscheinend aus der Studie, aber dort findet sich dieser Satz gar nicht (er ist lediglich der Pressemeldung entnommen!). In der Studie heißt es stattdessen:

"Überraschendster Befund dürfte dabei sein, wie wenig wichtige Ergebnisse für den Zeitraum bis etwa 2045 variieren, wenn man mehrere, aus heutiger Sicht einigermaßen plausibel erscheinende demographische Szenarien vergleicht (vgl. Abschnitt 2)." (2018, S.36)

GREIVE & WASCHINSKI halten offenbar die Aussagen von WERDING zu vollmundig, oder warum sollten sie das sonst abschwächen? (oder - was fast noch schlimmer ist - sie übernehmen einfach nur die Interpretation der Pressemitteilung) Bei WERDING heißt es zu den Alternativszenarien:

"Um zu prüfen, wie sehr die langfristige demographische Entwicklung auf Änderungen der Annahmen für die Referenzvariante reagiert, werden hier jeweils auch moderate, aus heutiger Sicht aber nicht unplausible Abweichungen nach oben und unten betrachtet sowie zu Alternativszenarien mit einer »jungen« und einer »alten Bevölkerung« kombiniert. Angenommen wird dabei, dass die zusammengefasste Geburtenziffer bis 2020 auf 1,6 ansteigt bzw. auf 1,2 sinkt, dass die Lebenserwartung bei Geburt für Männer und Frauen alle zehn Jahre um knapp sechs Monate weniger stark bzw. stärker zunimmt (bis 2060: ±2 Jahre, danach lineare Fortsetzung der jeweiligen Trends) und dass der Wanderungssaldo ab 2020 +200.000 bzw. +100.000 Personen pro Jahr beträgt." (2018, S.9)

Die Alternativszenarien sind nicht wirklich alternativ. Die Geburtenrate lag bereits im Jahr 2016 bei 1,6 Kinder pro Frau. Warum kein Anstieg auf 1,7 Kinder pro Frau, was durchaus realistisch wäre? Offenbar hätte das die Wirkung der Aussagen beeinträchtigt!

Selbst bei den minimalen Alternativszenarien von WERDING zeigen sich bereits vor 2030 Abweichungen, die bis 2045 keineswegs vernachlässigt werden können, wie die Abbildung 1 (S.10) zeigt. So differiert die Wohnbevölkerung um bis zu 5 Millionen Einwohner. Und der Altenquotient, der noch mit 65+ statt mit 67+ rechnet, was dem Rentenanstieg angemessen wäre, differiert um 10 Punkte!

Angesichts der völlig realitätsfernen Annahmen der Berechnungen zur Bevölkerungsentwicklung, die über die DESTATIS-Berechnungen über 2060 hinaus bis 2080 getrieben werden, muss man sich fragen, ob man nicht besser gleich nur die Stellungnahmen von BDA und FDP abgedruckt hätte, denn diese stellen die politische Meinung des Pamphlets von WERDING dar.

Fazit: Berechnungen, die in ihren Annahmen mit völlig weltfremden Zahlen agieren, sind nichts als selbsterfüllende Prophezeiungen, d.h. es kommen genauso weltfremde Ergebnisse heraus. Wir werden uns deshalb mit den Berechnungsergebnissen erst im Jahr 2020 beschäftigen. Dann wird sich zeigen, inwiefern die Berechnungen überhaupt noch etwas mit der Zukunft Deutschlands zu tun haben.

 
       
       
   

Familien in der gesetzlichen Rentenversicherung (2014).
Das Umlageverfahren auf dem Prüfstand
Gütersloh: Bertelsmann-Stiftung

 
       
   

Die Studie in der Debatte

BERTELSMANN STIFTUNG (2014): Fehler im System: Familien in Rentenversicherung benachteiligt.
Studie der Bertelsmann Stiftung: Jedes Kind bringt der Rentenkasse einen Überschuss von 77.000 Euro / Erziehungsleistungen von Eltern werden nicht angemessen anerkannt / Druck auf Rentensystem steigt ab 2030 sprunghaft,
in: Pressemeldung der Bertelsmann Stiftung v. 17.01.

Nachdem die Welt und die FAZ bereits letzte Woche auf die Kampagne gegen Kinderlose vorbereitet hat und Hans-Werner SINN bereits im November 2013 einen "Versuchsballon" gestartet hat, kann nun die Bertelsmann-Stiftung ihre "neue Studie" in den Medien präsentieren.

Der neoliberalen Bertelsmann Stiftung geht es primär um Entlastung des Kapitals (Prinzip des katholischen Sozialstaats). Dies geht am einfachsten, wenn man die Arbeitnehmer gegeneinander ausspielt, z.B. indem man Eltern gegen Kinderlose aufhetzt.

Wie ideologisch die Studie von Martin WERDING ist, beweist bereits, dass "familienpolitische Leistungen" nicht danach bemessen werden, inwieweit sie Kinderlosen tatsächlich zu Gute kommen, sondern danach, ob sie auch Kinderlosen zu Gute kommen können. Im ersten Falle müssten die alle Maßnahmen anteilsmäßig berücksichtigt werden, im zweiten Fall werden Maßnahmen durch durch gezielte Nichtberücksichtigung außen vor gelassen:

"Mit einer umlagefinanzierten Absicherung eines Großteils der Bevölkerung bei Alter, Krankheit und Pflegebedürftigkeit greift der Staat tief in das Verhältnis der Generationen und in die Sphäre der Familie ein – weit tiefer als etwa im Feld der Familien- und Bildungspolitik. (...). So enthält die derzeit jüngste »Bestandsaufnahme der familienbezogenen Leistungen und Maßnahmen des Staates»« für das Jahr 2010 (Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend 2013a) bei einer denkbar weiten Abgrenzung insgesamt 156 Einzelmaßnahmen mit einem finanziellen Gesamtvolumen von 200,3 Mrd. Euro. Lässt man Maßnahmen wie das Ehegattensplitting unberücksichtigt, die nicht familien-, sondern ehebezogen gewährt werden, verbleiben Ausgaben in Höhe von 125,5 Mrd. Euro, von denen 52,9 Mrd. Euro als verfassungsrechtlich zwingender Familienlastenausgleich und 55,4 Mrd. Euro als vom Gesetzgeber aktiv gestaltete Familienförderung klassifiziert werden (Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend 2013b: 4). Als »Lastenausgleich« – und somit immerhin nicht als »Familienförderung« – werden dabei auch die Ausgaben für die Mitversicherung von Kindern in der Kranken- und Pflegeversicherung (zusammen 17,1 Mrd. Euro) verbucht. Dasselbe gilt für die Beiträge des Bundes für die Anrechnung von Kindererziehungszeiten im Rentensystem (11,6 Mrd. Euro). Da die laufenden Ausgaben für daraus resultierende Rentenansprüche nur 6,4 Mrd. Euro betragen, erweist sich der Rest allerdings als allgemeine Subvention des Rentenbudgets." (2014, S.16)

Das Ehegattensplitting z.B., das fast ausschließlich Eltern und nicht Kinderlosen zu Gute kommt, wird ideologisch herausgerechnet und geht damit erst gar nicht in die Betrachtungen von WERDING ein.

Dies ist umso unverständlicher, da WERDING beansprucht das "durchschnittliche Erwerbsleben", also den Lebensverlauf und nicht nur eine Lebensphase (Familien nach der Familiengründung) zu betrachten:

"Die Beiträge, die ein im Jahre 2000 geborenes Kind bei in jeder Hinsicht durchschnittlichem Erwerbsverhalten im Laufe seines gesamten Lebens unter dem geltenden Recht an die gesetzliche Rentenversicherung zahlen wird, übersteigen die dadurch erworbenen Rentenansprüche voraussichtlich um rund 158.300 Euro (Barwert für 2010). Berücksichtigt wird dabei auch die von einem solchen Kind im Durchschnitt zu erwartende Zahl von Kindeskindern, die die Rente des ersten Kindes im Wesentlichen selbst finanzieren werden." (2014, S.9)

In Deutschland blieben 2012 ca. 20 % der Frauen "lebenslang" kinderlos. Das Statistische Bundesamt lieferte in seiner Broschüre Daten zu Geburten, Kinderlosigkeit und Familien jedoch keine Daten wie viele dieser Frauen verheiratet waren, also in den Genuss des Ehegattensplittings kamen. Offenbar war der Anteil ideologisch nicht ausschlachtbar, sonst wäre dies ganz sicher in den Medien breit ausgetreten worden. Nähme man an, dass alle kinderlosen Frauen verheiratet wären (was nicht der Fall ist, sondern lediglich die Obergrenze darstellt), dann würden Eltern mindestens zu 80 % vom Ehegattensplitting profitieren. Rechnet man das auf WERDINGs Rechnung um, dann müssten mindestens 59,8 Milliarden Leistungen für Familien mehr veranschlagt werden.

Betrachtet man die tatsächliche und nicht nur die ideologische Belastung, dann werden nicht Kinderlose, sondern Eltern in der Rentenversicherung subventioniert.

Dabei ist noch nicht einmal berücksichtigt, dass - entgegen der Behauptung der Studie - keineswegs von der momentanen Situation ausgegangen wird, sondern Daten der Vergangenheit interpretiert werden, die man genauso gut anders interpretieren könnte:

"Demographie: Die zusammengefasste Geburtenziffer bleibt dauerhaft konstant auf ihrem langfristigen Durchschnittswert von knapp 1,4 Geburten je Frau. Die Lebenserwartung bei Geburt erhöht sich bis 2060 für Frauen auf 91,2 Jahre, für Männer auf 87,7 Jahre. Der Wanderungssaldo beträgt ab 2020 konstant 150.000 Personen pro Jahr" (2014, S.88),

heißt es zu den Annahmen von WERDING. Kein einziger Frauenjahrgang hat bislang nur 1,4 Geburten pro gebärfähiger Frau erreicht. Stattdessen liegt die Kohortenfertilität bei 1,5 Geburten, wenn man die um 1965 geborenen Frauen betrachtet. Die um 1970 geborenen Frauen werden voraussichtlich sogar eine höhere Fertilität erreichen. Die aktuelle Schätzung des Statistischen Bundesamtes für 2013 deutet zudem auf eine steigende Geburtenrate hin - und dabei sind noch nicht einmal die Ergebnisse des Zensus 2011 eingerechnet, die zusätzlich eine Steigerung der Geburtenrate erwarten lassen.

WERDING rechnet mit einem Wanderungssaldo von 150.000 Personen, während die Saldi derzeit doppelt so hoch sind.

FAZIT: WERDING und die Bertelsmann Stiftung machen mit falschen Zahlen Stimmung gegen Kinderlose.

SIEMS, Dorothea (2014): Rentensystem beutet die Familien aus.
Bertelsmann-Studie: Eltern haben bei der Alterssicherung finanzielle Nachteile gegenüber Kinderlosen,
in: Welt v. 17.01.

Die Welt macht bereits auf der Titelseite klar, dass es bei der derzeitigen Debatte um die Rentenpläne in erster Linie um die Interessen des Kapitals geht.

Die Studie der Bertelsmann-Stiftung, die auf der Titelseite der Welt mit Rentensystem beutet die Familien ins Spiel gebracht wird, dient der Flankierung der Kapitalinteressen, indem die Arbeitnehmer mit falschen Zahlen zur gegenwärtigen Situation gegeneinander ausgespielt werden.

Einige Zeitungen wie die Neue Westfälische benutzen die Bertelsmann-Studie zur Positionierung hinsichtlich der Mütterrente, indem sie auf der Titelseite Eltern tragen bei der Rente die doppelte Last behaupten. Dies bezieht sich jedoch nicht auf faktische Belastungen von Eltern und Kinderlosen, sondern lediglich auf die Ideologie des Generationenvertrags, der dem Rentensystem zugrunde liegen soll.

Ideologisch an der Konstruktion des Generationenvertrags ist allein schon die Tatsache, dass die Wirtschaft, die von den Kinderlosen profitiert gar nicht in den Blick kommt. Das Konstrukt des Generationenvertrags bezieht sich systemtheoretisch betrachtet lediglich auf den "Reproduktionssektor", um den "Produktionssektor" auszuklammern.

Rentensystem beutet die Familien aus, kommentiert Dorothea SIEMS in der Welt die Bertelsmann-Studie:

"Die jüngere Generation ist ein Drittel kleiner als ihre Elterngeneration. Und dieser ungünstige Trend wird sich allen Bevölkerungsprognosen zufolge auch in den nächsten Dekaden nicht wesentlich ändern",

behauptet SIEMS. Tatsächlich handelt es sich hier lediglich um eine Konstruktion, die der Realität nicht entspricht. Es wird auch nur ein Extremfall (Zeiten hoher Geburtenzahlen, die nur wenige Jahre betrafen im Vergleich zur Geburtenrate (TFR)) betrachtet, während sowohl die Zuwanderung, die - entgegen aller Prognosen - zu einem Bevölkerungswachstum, statt zur vorausgesagten Bevölkerungsschrumpfung führt, als auch die Produktivitätsentwicklung sowie die Entwicklung der Geburtenzahl von Frauenjahrgängen (CFR), ausgeblendet.

Die oftmals zitierte Zahl von 77.000 Euro betrifft nur den Vergleich eines Paares mit 2 Kindern gegenüber einem kinderlosen Paar und nicht Eltern gegenüber Kinderlosen. Zudem ist sie für einen "idealtypischen" Lebenslauf berechnet, dessen Wertmaßstäbe intransparent bleiben (Kapitel 5.3). Ein realistische Betrachtung von Vorteilen der Kinderlosen gegenüber Eltern hätte die Erstellung anteilsmäßiger typischer Lebensverläufe von Alleinerziehenden, Doppelverdiener- bzw. Doppelkarrierefamilien, Partnerloser usw. erforderlich gemacht. Angesichts der Tatsache, dass bereits der typische Lebensverlauf von im Jahr 2000 geborenen Kindern über einen Zeitraum von ca. 80 Jahren außerordentlich spekulativ ist und sich hinter den Annahmen auch ideologische Vorstellungen (Norm des Adult Workers) verstecken, ist die ganze Studie mehr als fragwürdig.

CREUTZBURG, Dietrich (2014): Koalition gegen höheren Beitrag für Kinderlose.
Kinderlose kämen in der Rentenversicherung zu gut weg, sagt eine Studie. Sollen sie deshalb künftig höhere Beiträge zahlen? Das Arbeitsministerium und die Rentenversicherung winken ab,
in: Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 18.01.

Dietrich CREUTZBERG rekapituliert nochmals ausführlich die Argumentation von Martin WERDING, denn auch Falsches setzt sich fest, wenn es oft genug in den Medien wiederholt wird. Erst in den letzten Sätzen werden die Fakten präsentiert:

"Die Deutsche Rentenversicherung wertete die Überlegungen der Bertelsmann-Stiftung am Freitag als »unrealistische Gedankenspiele«. Sie erläuterte, dass die Gesamtheit der durch Kindererziehung erzielbaren Rentenanwartschaften schon heute den rechnerischen Gegenwert einer Beitragszahlung von bis zu 34.900 Euro je Kind erreichen könnten."

 
       
       
   

Alterssicherung, Arbeitsmarktdynamik und neue Reformen (2013).
Wie das Rentensystem stabilisiert werden kann
Gütersloh: Bertelsmann-Stiftung

 
       
   

Die Studie in der Debatte

DRIBBUSCH, Barbara (2013): Mit 68 noch als Girlie an der Kasse sitzen.
Alter: Eine Studie der Ruhr-Universität Bochum wagt eine Langfristprognose bis 2060: Dann ist nur noch ein Drittel der Bevölkerung jünger als 65 Jahre. Deshalb sollten alle in Zukunft noch länger arbeiten,
in:
TAZ v. 12.03.

Die Bertelsmann-Stiftung, das Sturmgeschütz des Neoliberalismus, hat eine Studie zur Reform des Rentensystems in Auftrag gegeben. Bereits die Auswahl des Autors, Martin WERDING (ein Schüler von Hans-Werner SINN) statt z.B. Gerd BOSBACH, ist Garant dafür, dass Kaffeesatzlesen höhere Weihen erfährt.

Wesentlich interessanter als die Studie selbst, die das Papier nicht wert ist, auf das sie geschrieben steht, ist deshalb die umfassendere Methodenstudie, in denen die grundlegenden Annahmen zur Bevölkerungsentwicklung aufgeführt sind. Die Überlegungen von WERDING sind nur bei folgenden Gegebenheiten relevant:

"die zusammengefasste Geburtenziffer bleibt bis 2060 konstant auf dem Wert für 2008 (1,376)
die Lebenserwartung bei Geburt steigt entsprechend dem Trend der Jahre von 2000 bis 2008 bei Frauen bis 2060 auf 91,2 Jahre, bei Männern auf 87,7 Jahre

• der Wanderungssaldo erhöht sich bis 2020 wieder auf einen Zuwanderungsüberschuss in Höhe von 150.000 Personen pro Jahr (Zuwanderer: 800.000, Auswanderer 650.000) und bleibt anschliessend bis 2060 konstant." (2013, S.29)

Bereits der Wert 1,376 der zusammengefassten Geburtenziffer entspricht nicht der tatsächlichen heutigen Geburtenentwicklung, die bei den Babyboomern (Geburtsjahrgänge 1955 bis 1970) bei über 1,6 liegt. Dass die Geburtenentwicklung über 50 Jahre konstant bleiben soll - angesichts der familienpolitischen Reformen - ist ebenfalls nicht realistisch.

Entscheidender als die bereits Geborenen, ist die Entwicklung bei denjenigen, die in den nächsten Jahrzehnten geboren werden. Dies findet jedoch keine Berücksichtigung in der Studie, wie die Annahmen zur Geburtenentwicklung bis 2060 deutlich zeigen.

Der Berechnung von WERDING liegen zudem veraltete Daten zur Bevölkerungsfortschreibung zugrunde, die durch den 2011 durchgeführten Zensus deutlich revidiert werden müssen. Warum wurde mit der Studie also nicht zum Vorliegen der Zensusergebnisse gewartet? Könnte es sein, dass man erwartet, dass diese andere Tendenzen nahe legen würden?

Fazit: Die Studie ist alles andere als seriös. Sie soll lediglich das nahe legen, was von der Bertelsmann-Stiftung gewünscht ist: drastische weitere Rentenreformen. Offenbar ist der Stiftung die aktuelle Debatte um die zunehmende Altersarmut ein Dorn im Auge.

 
       
       
   

Zur Rekonstruktion des Generationenvertrages (1998).
Ökonomische Zusammenhänge zwischen Kindererziehung, sozialer Alterssicherung und Familienleistungsausgleich
Tübingen: Mohr Siebeck

 
   
     
 

Klappentext

"Mit der Teil-Privatisierung der Alterssicherung markiert die Rentenreform 2001 einen Systembruch in der deutschen Rentenpolitik. Zweifelsohne profitieren insbesondere Banken, Versicherungen und Investmentfonds von diesem rentenpolitischen Paradigmenwechsel. Deren Gewinnaussichten haben sich infolge der Leistungskürzungen bei der gesetzlichen Rente und der Förderung der privaten »Riester-Rente« massiv verbessert, so dass sich unweigerlich die Frage nach dem Einfluss der Finanzdienstleistungsbranche im Politikfeld Alterssicherung stellt. Im Zentrum der vorliegenden Arbeit stehen der Zugang der zentralen Akteure der Finanzbranche zum rentenpolitischen Policy-Netzwerk sowie deren lobbyistischen Aktivitäten und Beziehungsstrukturen. Die empirischen Befunde zeigen den Einfluss privatwirtschaftlicher Verbände und Großunternehmen auf und erklären, warum die Teil-Privatisierung der Alterssicherung in Deutschland überhaupt politisch durch- und umgesetzt werden konnte."

 
     
 
       
   

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Update: 18. August 2018