Die Rückkehr der
Geschichte
"Empire (...) ist im
Jahre 2000 in Buchform erschienen (bei
Harvard UP), stammt von Michael Hardt und
Antonio Negri und ist schon jetzt einer der
großen Theoriebestseller der letzten Jahre,
obwohl die Autoren ganz offen an Marx und
Lenin anknüpfen und in überschwänglicher
Weise eine Geschichtsphilosophie nach dem
Ende der Geschichte verkünden."
(Martin Hartmann in der FR
vom 18.10.2001)
Begriff
"Empire"
"Laut Hardt und Negri sind
Niklas Luhmann und John Rawls so etwas wie
die Chefideologen des «Empire»: Das neue
Reich basiere auf von selbst laufenden
Gesellschaftssystemen, deren Eliten sich
universellen, ewigen Frieden auf die
normativen Fahnen geschrieben haben und
überall dort intervenieren, wo sie die Werte
des liberalen Kapitalismus gefährdet
sehen."
(Jan-Werner Müller in der
NZZ vom 10.11.2001)
"Zwar ist das Empire
zuallererst ein Begriff - ein Begriff, der
keine Metapher sein möchte. Aber zu einem
nicht unbeträchtlichen Teil zieht er seine
Stärke aus dem, was man mit ihm verbindet:
Vom Römischen Imperium über das Britische
Empire bis zum Imperium in George Lucas'
»Krieg der Sterne«. Trotzdem: Es ist ein
Begriff, der eine Herrschaftsform beschreibt,
eine neue Form der Souveränität.
Dieses Empire ist aber kein Imperium im Sinne
der oben genannten, man kann es sich eher als
ein weltumspannendes Netzwerk aus nationalen
Regierungen, supranationalen Institutionen
wie den Vereinten Nationen oder dem IWF und
internationalen Konzernen sowie den NGOs
vorstellen. Anders als für den klassischen,
auf Nationalstaaten zentrierten Imperialismus
hat das Empire mit seiner globalen
Befehlsgewalt weder ein politisches oder
wirtschaftliches Außen noch ein
lokalisierbares Zentrum - es ist sowohl
dezentral als auch universal.
(...)
Man muss sich dieses Empire als ein sich
selbst regulierendes System vorstellen, oder
wie Negri und Hardt es mit einem von Foucault
geborgten Begriff bezeichnen, als ein
Dispositiv. Es ist supranational und von
Einzelnen nicht steuer- oder beherrschbar. Um
die interne Funktionsweise dieses Systems zu
beschreiben, ziehen Negri und Hardt den
Begriff der Biomacht heran. Zwar gibt es noch
die Reste der Disziplinargesellschaft, die
Fabriken, Schulen, Gefängnisse, die das
Subjekt von außen zurichten, wichtiger ist
aber das entstehende Kontrollregime, das
seine Machteffekte direkt in den Körpern,
Gehirnen und Gefühlen produziert."
(Tobias Rapp in der Jungle
World vom 20.03.2002)
Globalisierung als
Befreiung
"Negri und Hardt machen
kein Hehl daraus, dass sie voller Bewunderung
auf die Kraft des Kapitalismus zur
Deterritorialisierung schauen. Wie Marx
bewundern sie seine scheinbar
unerschöpfliche Kraft zur Entgrenzung und
Verflüssigung von Staat und Gesellschaft.
Und so finster das Szenario ist, das sie mit
dem Konzept einer neuen Herrschaftsform
entwerfen, so sehr bestehen sie darauf, dass
es sich bei der Konstituierung des Empire um
einen Fortschritt gegenüber dem handelt, was
es davor gab. »Man muss jede Nostalgie
gegenüber den Machstrukturen, die ihm
vorausgingen, zurückweisen und sich jeder
politischen Strategie verweigern, die darauf
hinausläuft, zum alten Arrangement
zurückzukehren, etwa zu versuchen, zum
Schutz gegen das globalisierte Kapital den
Nationalstaat erneut zu stärken. Das Empire
ist also in dem Sinne besser, in dem Marx
darauf bestand, dass der Kapitalismus besser
sei als die Gesellschaftsformationen und
Produktionsweisen, die ihm vorausgingen.
(...) Entsprechend können wir heute sehen,
wie das Empire die grausamen Regime moderner
Macht wegwischt und sich dabei das Potenzial
der Befreiung erhöht.«"
(Tobias Rapp in der Jungle
World vom 20.03.2002)
Begriff
"Multitude"
"Hardt und Negri fassen die
Subjekte, die sich gegen die Mechanismen der
Globalisierung zur Wehr setzen, unter dem
Terminus der multitude zusammen, was
man wohl mit »Vielheit« oder »Vielzahl«
wiedergeben kann. Schon gibt es in Frankreich
eine Zeitschrift gleichnamigen Titels, die
Hardt und Negri, aber auch Peter Sloterdijk
zu ihrem erweiterten Herausgeberkreis zählt.
Multitudes - damit sind in bewusster
Vagheit all diejenigen gemeint, die gegen die
negativen Kräfte der Globalisierung
ankämpfen"
(Martin Hartmann in der FR
vom 18.10.2001)
"Die Multitude, in der
deutschen Ausgabe mit der »Menge«
übersetzt. Ist der Begriff des Empire noch
recht klar definiert, so ist die Multitude
ein Begriff, der - um es freundlich zu
formulieren - zu verschiedenen Auslegungen
einlädt. Mal ist die Multitude das, was seit
Jahrhunderten die Geschichte vorantreibt,
das, was man bis vor nicht allzu langer Zeit
Proletariat nannte und das sich nun eben neu
materialisiert habe, mal ist es aber auch
etwas ganz Neues, nie Dagewesenes, gerade
erst in der Entstehung Begriffenes: Die
Multitude, all die vielen Menschen, ich, du,
er, sie, es - die immateriellen Arbeiterinnen
und Arbeiter, die den fortschrittlichsten
Ausbeutungsverhältnissen ausgesetzt sind.
Und manchmal ist die Multitude nichts weiter
als die linksradikale Variante dessen, was in
der Boulevardpresse immer so schön »der
kleine Mann« genannt wird.
(Tobias Rapp in der Jungle
World vom 20.03.2002)
Die Multitude als A
& O des Empires
"Diese Multitude ist nicht
nur der Counterpart des Empires (...) Sie hat
das Empire auch erschaffen. Es gebe das
Empire gar nicht, wenn die Menge es nicht
ständig produzieren würde. Deshalb, und das
ist jetzt stark verkürzt, muss die Menge
sich eigentlich nur noch das nehmen, was ihr
eigentlich schon längst gehört."
(Tobias Rapp in der Jungle
World vom 20.03.2002)
Die Verletzbarkeit des
Empires
"dadurch, dass das Empire
kein Außen mehr hat, ist es auch extrem
verletzbar, jeder Angriff trifft es in seinem
Kern. Gerade weil es allumfassend ist, ist es
auch überall verwundbar. Da alle
Organisationen sich von Hierarchien zu
dezentralisierten Netzwerken wandeln, welche
auf kein bestimmtes Territorium mehr fixiert
sind, kann man das Netz auch an jeder Stelle
kappen."
(Tobias Rapp in der Jungle
World vom 20.03.2002)
Das Buch als Manifest
"»Empire« ist ein
Manifest, und als solches sollte man es lesen
(...). »Ein Manifest, ein politischer
Diskurs heute muss sich bemühen, im Sinne
Spinozas (der davon sprach, ein Prophet
müsse sein eigenes Volk hervorbringen; T.R.)
prophetisch zu wirken, also in Verbindung mit
dem immanenten Begehren zu wirken, das die
Menge organisiert«, schreiben Negri und
Hardt gleich zu Anfang, und damit geben sie
die Richtung vor. Will sagen, die Multitude
gibt es in dem Augenblick, wo sie begreift,
dass es sie gibt.
Und genau davon handelt die ganze
Konstruktion der Multitude, in all ihrer
Offenheit und Unbestimmtheit. Sie ist weniger
Analyse von dem, was ist oder war, sie ist
eher Ausblick auf etwas, was sein
könnte."
(Tobias Rapp in der Jungle
World vom 20.03.2002)