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Peter
Glotz: Kulturkämpfe im digitalen Kapitalismus
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Nachrufe zum Tod von Peter
Glotz
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- SEITZ, Norbert
(2005): Ein lustvoller Aufmischer.
Zum Tode von Peter Glotz, politischer Vordenker und
Beweger des "Tankers" SPD
in: Frankfurter Rundschau v. 27.08.
- Inhalt:
Der 78er Norbert SEITZ schildert u.a. das
Verhältnis von Peter Glotz zu den
78ern:
"Als
Berliner Wissenschaftssenator seit 1977 trieb er sich auch staunend
auf Tunix-Kongressen herum, weil er schlicht neugierig auf jene quer
zu seiner Lebensdisziplin stehenden Menschen des so genannten
neuen
»Sozialisationstyps« war. Damit brachte der langjährige
Münchener Bundestagabgeordnete einen anderen Zug in die Politik
seiner Partei, die damals Ende der 70er Jahre noch eifrig mit
Abgrenzungsbeschlüssen und Trennungspapieren gegenüber der
grün-alternativen Subkultur befasst war.
Als
die sozialliberale Koalition am Ende war, bestellte ihn Willy Brandt
zum Bundesgeschäftsführer. Doch Peter Glotz hatte zunächst schlechte
Karten. Die linke Intelligenz war scharenweise zur grün-alternativen
»Betroffenheits-Schickeria« übergelaufen. Oder schwärmte alsbald
für Rita Süssmuth und die
CDU-68er.
"
-
GEIßLER, Heiner (2005): Der Grenzgänger.
Zum Tod des ehemaligen SPD-Generalsekretärs Peter Glotz,
in: Süddeutsche Zeitung v. 28.08.
- Inhalt:
GEIßLER beschreibt GLOTZ als Verfechter einer elitären
Wissensgesellschaft. Das Buch Die
beschleunigte Gesellschaft bezeichnet er als eines seiner
bedeutendsten Bücher.
-
SEMLER, Christian (2005): Der Parteiintellektuelle.
Peter Glotz hat sich an der SPD die Zähne ausgebissen.
So zog er sich seit Mitte der 90er immer mehr in die Wissenschaft
zurück,
in: TAZ v. 27.08.
- Inhalt:
SEMLER, Aktivist der 68er-Bewegung hebt hervor, dass
Peter GLOTZ zwar ein Angehöriger der
68er-Generation, aber
kein 68er
war.
-
SCHMID, Thomas (2005): Ein skeptischer Fortschrittsfreund.
Zum Tode von Peter Glotz,
in: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung v. 28.08.
- Neu:
LEPENIES, Wolf (2005): Musil zitieren, nicht Marx.
Ein Linker ohne Nostalgie und ein kurzweiliger Demokrat:
Persönliche Erinnerungen an Peter Glotz,
in: Welt v. 29.08.
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Peter
Glotz in seiner eigenen Schreibe
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- GLOTZ, Peter (1999):
Kritik der Entschleunigung,
in: Neue
Gesellschaft/Frankfurter Hefte,
Themenschwerpunkt: Speed, H.7, Juli, S.621-628
- GLOTZ, Peter (1999):
Digitaler Kapitalismus,
in: Spiegel
Nr.39 v. 27.09.
- GLOTZ, Peter (2000):
Non-Profit-Organisationen in der beschleunigten
Gesellschaft,
Vortrag auf dem 7. Deutschen Fundraising-Kongress
in Leipzig am 07.04.
- GLOTZ, Peter (2000):
Die Ikonen der New Economy,
in: Woche
Nr.31 v. 28.07.
- GLOTZ, Peter (2000):
Zwischen Kulturkritik und Technikwahn.
Gedanken über das Leben mit
den neuen Medien und Europas Rolle im digitalen
Kapitalismus,
in: Die
ZEIT Nr.47 v. 16.11.
- GLOTZ, Peter (2000):
Die Konsensverweigerer oder das dritte Drittel,
in: Vorgänge,
Heft 4, S.56-66
- GLOTZ, Peter (2001):
Pflasterstrandurlaub.
Eine Verteidigung der
Mainstream-Biographie,
in: Süddeutsche
Zeitung v. 30.01.
- GLOTZ, Peter (2001):
Arbeit in der digitalen Ökonomie.
Der Kulturkampf zwischen
Beschleunigern und Entschleunigern,
in:
Neue Zürcher Zeitung v.
03.01.
- GLOTZ, Peter (2001):
Neues bewegen.
Gewerkschaften im Digitalen
Kapitalismus,
in: Transparent,
April, S.24-28
-
GLOTZ, Peter (2002): Gerechtigkeit heißt nicht Gleichheit.
Im Umgang mit bürgerlichen Wählern steht die Sozialdemokratie vor
einer Zerreißprobe. Seit der Wiederwahl im Herbst gibt sie sich als
Arbeiterpartei. Der neue linke Populismus ist falsch - mahnt der
SPD-Vordenker,
in: Welt am Sonntag v. 29.12.
- Kommentar:
Peter GLOTZ schreibt über die Schmerzen
zwischen gespreizten Beinen der SPD.
Mit
dem linken Bein ist sie programmatisch ihrer
industriegesellschaftlichen Klientel verpflichtet, während sie mit
dem rechten Bein die Symbolarbeiter als unentbehrliche Elite der
Wissensgesellschaft ködert.
Machte sich Peter GLOTZ vor
einiger Zeit noch Gedanken um die Gefahr, die durch Gegeneliten in
der Zwei-Drittel-Gesellschaft entstehen könnte, so schreibt GLOTZ
angesichts der
Feuilleton-Revoluzzer:
"unter den Leistungsträgern gibt
es (...) überdurchschnittlich viele Opinion Leader. Gegen sie
lässt sich nur in Ausnahmesituationen regieren".
- GLOTZ, Peter (2003): Kurioser Kopf.
Walter Dirks - der katholische Publizist. SZ-Serie über große
Journalisten (IX),
in: Süddeutsche Zeitung v. 10.02.
- GLOTZ, Peter (2003): Reparatur auf
hoher See.
Reformunfähig? Deutschland am Scheideweg,
in: Rheinischer Merkur Nr.9 v. 27.02.
-
GLOTZ,
Peter (2003): Die soziale Selbstgerechtigkeit.
Ohne eine neue Theorie des Wohlfahrtsstaats ist die SPD nicht
mehr regierungsfähig,
in: Die ZEIT Nr.20 v. 08.05.
- Kommentar:
Peter GLOTZ, der Hohepriester der
Wissensgesellschaft, lässt auch die letzte Maske fallen.
Die Neue Mitte hat es - mangels
ernstzunehmender Gegner - nicht mehr nötig den Sozialabbau als
Umbau zu kaschieren. GLOTZ spricht deshalb umverblümt vom
"Rückbau" des Sozialstaats. GLOTZ vertritt die Interessen des
"produktiven Kerns" der Gesellschaft. Das sind Symbolanalytiker,
zu denen sich GLOTZ selber zählt.
Die neue Strategie
erfordert die Spaltung der Randgruppen. Nach GOLTZ' Diktion das
Dritte Drittel in der Zweidrittelgesellschaft:
"die
SPD (...) darf den produktivistischen Kern der Gesellschaft nicht
vergessen, missachten oder rechts liegen lassen. Sie braucht die
Leute, die Projekte machen, Risiken eingehen und sich schinden.
Dabei darf sie sich nicht einbilden, dass das dritte Drittel der
Gesellschaft durchweg Fleisch von ihrem Fleische sei. Dort gibt’s
zwar viele Menschen, vom kaputtgearbeiteten Facharbeiter bis zum
schuldlos gestrandeten 52-jährigen Abteilungsleiter, die die
Solidarität der ganzen Gesellschaft verdienen. Ein bestimmter
Typus von anachronistischem Linksliberalismus legt aber an die
armen Bevölkerungsgruppen gönnerhaft niedrigere moralische
Maßstäbe an als an andere Leute. Die politisch korrekte These
lautet: »Alles Opfer.« Damit wird man nicht mehrheitsfähig bei
denjenigen, die die Verzehnfachung des staatlichen Sozialaufwands
seit 1950 mit ihren Steuern und Sozialbeiträgen bezahlt haben."
- GLOTZ, Peter (2005): Im Bann von Karl
Marx.
Luc Boltanski und Eve Chiapello wollen der Sozialkritik neue
Kraft verleihen.
Brutale Ausbeutung wie in Hauptmanns „Weber“ gibt es bei uns nicht
mehr. Dennoch bleibt die Reform des Kapitalismus auf der
Tagesordnung,
in: Rheinischer Merkur Nr.8 v. 19.02.
- GLOTZ, Peter (2004):
Neugründungspathos.
Die Vierziger proben den Aufstand,
in: Frankfurter
Allgemeine Zeitung v. 05.05.
- Kommentar:
Peter GLOTZ sieht sich (und andere 68er wie z.B.
Meinhard MIEGEL) mit den
Vierzigern Paul
NOLTE ("Generation Reform"), Gabor STEINGART und Christoph
KEESE ("Rettet den Kapitalismus" endlich im Zentrum der
Gesellschaft angekommen.
Die
neue
Werteelite soll den Sozialstaat zurechtstutzen und dem neuen,
klassenbewussten Bürgertum zur Blüte verhelfen.
- GLOTZ, Peter (2004): Wer ist schuld?
Soziale Gerechtigkeit im Zeitalter des digitalen Kapitalismus,
in: Rheinischer Merkur Nr.52/53 v. 23.12.
- Kommentar:
Peter GLOTZ sieht im Sozialstaatsmissbrauch
eine moralische Überforderung des Einzelnen, die durch HARTZ
endlich beseitigt wird.
Ein Lob dem Niedriglohnsektor
aus der Sicht konservativer Klassentheorie: soziale Gerechtigkeit
ist nun auch rhetorisch kein Wert mehr für unsere Eliten.
-
GLOTZ, Peter (2005): Die neuen Frühsozialisten,
in: Cicero, Februar
- Inhalt:
Peter GLOTZ warnt vor neuem Widerstand gegen
den Digitalen Kapitalismus:
"Die
Gefahr liegt in einer existenzialistischen Politisierung der
Jugend, in einer Abwendung der Unterschichten von der
institutionalisierten Politik und in einer Verbündung absteigender
Mittelschichten und enttäuschter Randbelegschaften mit
antipolitischen, rechtspopulistischen und
antisemitischen/antizionistischen Instinkten. Die Möglichkeit
eines massenhaften Zulaufs zu Protestparteien, zu einer neuen
»Jugendrevolte«, zu einer massenmedial produzierten Idolisierung
von charismatischen Führungsfiguren nach dem Muster Che Guevaras
besteht wieder. Deshalb sind die Reaktionen der politischen Eliten
(Global Governance-Geplauder), der Wirtschaftsführer
(totschweigen) und der Linksparteien (totstellen) falsch.
Hans Weingartner hat nämlich genau die richtige Überschrift
gefunden:
Die
fetten Jahre sind vorbei. Die Globalisierung mag weltweit die
soziale Gerechtigkeit sogar steigern. (..). Den Unterschichten im
alten Europa aber wird es, vermutlich anderthalb Jahrzehnte lang,
schlechter gehen. Ob sich diese Unterschichten darauf beschränken
werden, nur die Möbel in den Wohnungen ihrer Bosse umzustellen?"
-
GLOTZ, Peter (2005): Was, wenn die Arbeitslosigkeit bleibt?
in: Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 12.05.
-
GLOTZ, Peter (2005): Wie weiter mit der SPD?
Zerreißt es die Sozialdemokratie
zwischen Neuer Mitte und neuer Linkspartei? Braucht es ein neues
Godesberger Programm zur Abgrenzung?
in: Cicero, September
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Peter
Glotz im Gespräch
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- JUBIN, Marie (2000):
Es entsteht eine neue Welt - doch wie sieht die
Zukunft aus?,
in: Basler Zeitung
v. 04.04.
- NEF, Robert (2000): Am
Übergang von der Raum- zur Zeitkultur?,
in: Schweizer Monatshefte,
Dossier: Jenseits der Warteschlangen -
Zeitbewirtschaftung durch Internet,
Heft 5, Mai
- LEEB,
Rolf (2001): "Vollbeschäftigung wirds nie
mehr geben".
in: Neue Luzerner Zeitung
v. 09.10.
- Inhalt:
Interview mit Peter
GLOTZ über die beschleunigte
Gesellschaft. "Was wir einüben
müssen, ist eine Toleranz der
unterschiedlichen Lebensstile und eine
Kommunikation zwischen den beiden
Gruppierungen", fordert GLOTZ zur
Vermeidung von Kulturkämpfen in der
Zwei-Drittel-Gesellschaft des Digitalen
Kapitalismus.
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Von
Analog nach Digital.
Unsere
Gesellschaft auf dem Weg zur digitalen Kultur (2001)
Stuttgart/Wien:
Huber
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Rezensionen
- VISMANN,
Cornelia (2001): Großer Steuermann.
Peter Glotz gleitet
so glatt von Analog nach Digital,
in: Süddeutsche
Zeitung v. 27.07.
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Die beschleunigte Gesellschaft.
Kulturkämpfe
im digitalen Kapitalismus (1999)
München:
Kindler
(Taschenbuchausgabe bei
Rowohlt,
2001)
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Klappentext
"Die digitale Revolution verändert den
Schaltplan unserer Gesellschaft. Aber die Zukunft wird
anders, als es uns naiver Utopismus oder schwarze Skepsis
weismachen wollen. Der digitale Kapitalismus bringt eine
militante Unterklasse von Ausgegrenzten und Aussteigern
hervor, die das Tempo nicht mithalten können oder wollen,
und so entbrennen Kulturkämpfe um die richtige
Lebensführung."
Pressenstimmen
"Reich an Hoffnung auf die
technologische, aber arm an Fantasie für die
soziale Revolution."
(Warnfried Dettling in der
ZEIT v. 04.11.1999)
"Was ist, wenn das dritte
Drittel nicht ausgegrenzt, sondern nur noch
nicht eingebunden ist?"
(Jürgen Rüttgers im
Tagesspiegel v. 08.11.1999)
"Die Idee der guten
Gesellschaft erscheint wieder, nachdem Glotz
sie bereits als rührende Donquichotterie
verabschiedet und alle Lebensreformer als
Weicheier denunziert hat. Und doch wird man
nicht so recht froh drüber. Denn wie
erscheint sie? Nicht mehr aus der Tradition:
der eigenen Partei, der immer noch lebendigen
Idee der Gerechtigkeit. Nur noch die Angst
vor fundamentalistischen Revolten der zu
würdelos Alimentierten könnte den
Mehrheitsblock dazu bringen, Geld oder gar
Arbeitsplätze zu teilen."
(Mathias Greffrath in der TAZ v. 15.04.2000
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Rezensionen
- DETTLING,
Warnfried (1999): Halbierte
Modernisierung,
in: Die ZEIT
Nr.45 v. 04.11
- BECCEJAC,
Brankica (1999): Digitaler Kapitalismus,
in: Freitag
Nr.48
- RÜTTGERS,
Jürgen (1999): Peter Glotz leidet am
Wortführersyndrom,
in: Tagesspiegel
v. 08.11.
- KREMPL,
Stefan (2000): Kulturkämpfe im digitalen
Kapitalismus,
in: Telepolis
v. 02.02.
- GREFFRATH,
Matthias (2000): Die Panik vor der
Revolte,
in: TAZ
v. 15.04.
- BIRRER,
Franz (2000): Wohin führen die
Datenautobahnen.
Peter
Glotz analysiert die Kommunikations- und
Medienrevolution und fordert, sich dem
heraufziehenden 'digitalen Kapitalismus'
ideologiefrei zu stellen,
in: Neue
Luzerner Zeitung v.
23.11.
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Die beschleunigte
Gesellschaft in der Debatte
- GAULAND,
Alexander (1999): Für einen
entschleunigten Fortschritt,
in: Neue
Gesellschaft/Frankfurter Hefte,
Themenschwerpunkt: Speed, H.7, Juli,
S.628-632
- STRASSER,
Johano (1999): Maschinenzeit -
Lebenszeit,
in: Neue
Gesellschaft/Frankfurter Hefte,
Themenschwerpunkt: Speed, H.7, Juli,
S.632-637
- GAULAND,
Alexander (1999): Metternich hätte nicht
kälter verdammen können.
Replik auf Peter
Glotz' Entschleunigungskritik,
in: Neue
Gesellschaft/Frankfurter Hefte,
H.9, September, S.834-836
- HIRN, Wolfgang
(2000): Turbo Kapitalismus.
Schneller, kürzer,
besser?,
in: Manager
Magazin, Juni
- MIKFELD,
Benjamin (2001): Wer folgt auf Willy
Brandts Enkel?
Langsam vollzieht
sich in der deutschen Sozialdemokratie
der Generationenumbruch. Gedanken zur
Zukunft einer politischen Partei,
in: Frankfurter
Rundschau v. 08.01.
- GREFFRATH,
Mathias (2001): Und wo bleibt die
Gerechtigkeit?
Über soziale
Sicherheit, gesellschaftliche
Ungleichheit und die Zukunft der
sozialdemokratischen Grundwerte
in: Frankfurter
Rundschau v. 03.03.
-
PAOLI,
Guillaume (2001): Wappnet euch mit
Gleichmut.
Zur Verteidigung der
Faulheit: Ein Strategiepapier aus dem
Umkreis der "Glücklichen
Arbeitslosen",
in: Frankfurter
Allgemeine Zeitung
v. 30.04.
- SCHINDHELM,
Michael (2001): Der Terror der Zeit.
Warum die Nostalgie
um sich greift - in Ost wie West,
in: Die
ZEIT Nr.45 v.
31.10.
- Kommentar:
Michael
SCHINDHELM
sieht nicht in der New Economy,
sondern in Ostdeutschland die
Speerspitze der
"Beschleunigten
Gesellschaft". Er hat u.a.
bei
Jeremy
RIFKIN
nachgelesen, was die negativen
Folgen der Beschleunigung sind,
d.h. SCHINDHELM sucht seine neue
Heimat
bei den Entschleunigern.
"Jede
zeitsparende Erfindung hat die
Arbeitsbelastungen erhöht. So
haben Bauersfrauen in den
zwanziger Jahren ohne
Elektrizität weniger Zeit auf
Hausarbeiten verwendet als die
Hausfrauen in den Vororten
unserer Städte, die mit ganzen
Maschinenparks ausgerüstet
sind."
So
hört sich eine nostalgisch
verklärte Technikkritik an!
SCHINDHELM übernimmt hier eine
Technikkritik, die ursprünglich
aus dem feministischen Kontext
stammt. Es ging dabei um die
Frage, ob die Technisierung die
Emanzipation gefördert hat. Die
These war, dass der Zeitgewinn
durch die Technisierung der
Haushalte kompensiert worden ist.
Dazu gehören z.B. gestiegene
Reinlichkeitsstandards.
Das
Problem bei dieser romantischen
Technikkritik ist, dass hier ein
ganzer Problemkomplex einfach auf
einen einzigen Sachverhalt
verkürzt wird. Es wird erstens
unterstellt, dass eine Bauersfrau
und eine Mittelschichtfrau in den
20er Jahren gleich viel Zeit auf
ihren Haushalt verwenden konnte
und zweitens, dass sich der
Zeitaufwand beider gleichermaßen
erhöht hat.
Zum
anderen wird ignoriert, dass sich
die Art der
Hausarbeitstätigkeiten geändert
hat. SCHINDHELM unterstellt, dass
Hausarbeit identisch ist mit
maschinengestützter Arbeit. Dies
übersieht jedoch, dass die
"Hausarbeit" auch
"personenbezogene
Dienstleistungsarbeit" ist.
Hätte
die Technisierung der Hausarbeit
keinen Zeitgewinn gebracht, dann
gäbe es heutzutage sicher
weitaus weniger
Einpersonenhaushalte. Entweder
weil es zu teuer wäre, die
Dienstleistungen einzukaufen oder
weil mehr Zeit auf den Haushalt
verwendet werden müsste. Die
Technisierung der Haushalte
gehört zu einer wesentlichen
Voraussetzung für das
massenhafte Alleinwohnen. Dies
mag man beklagen, aber mit dem
"Terror der Zeit" hat
das überhaupt nichts zu tun.
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