Klappentext der dtv-Taschenbuchausgabe
"Wirtschaftliche Blüte und
Vollbeschäftigung, Technisierung und
gesellschaftliche Umstrukturierung prägen
die Nachkriegsgeneration. Diese Jugend hat
ihre eigenen Lebensformen geschaffen, die mit
traditionellen Maßstäben nicht zu messen
sind. Die Ursachen dafür liegen in dem
Mißstand, daß heute in den
hochzivilisierten Staaten bereits das Kind in
einen Lebensrhythmus gezwängt wird, der sein
Verhältnis zur Allgemeinheit stört.
Arbeitende Mütter, Krippe- und
Schlüsselkinder, Fernsehabende,
Motorisierung und müde Väter sind nur
einige Symptome, welche die Entstehung einer
»einsamen« Generation forcierten. Zu den
fatalen Folgen gehört eine starke
Protesthaltung gegenüber Eltern, Erziehern
und Lehrern. Abkapselung und
Gruppenzusammenschlüsse, Bandenbildung und
Jugendkriminalität sind Reaktionen auf
unsere »moderne« Welt. Über die Auswüchse
dieses Phänomens berichten Tag für Tag die
Zeitungen in Sensationsmeldungen. Meist ist
die Mehrheit der Leser geneigt, die
Jugendlichen zu verdammen, ohne deren
eigentliche Probleme zu kennen. Richard
Kaufmann informiert in dem vorliegenden Band
über die mannigfachen Fehlentwicklungen, die
für das Los der »gebrannten Kinder«
verantwortlich sind. Er zeigt zugleich
Möglichkeiten auf, wie dieses Dilemma der
großen Industriestaaten zu überwinden
wäre."
Zitate aus dem Buch
zur Familie der 50er Jahre:
Begriff der »gebrannten
Kinder«
"Jugend, die von den Folgen
zweier Weltkriege und einer gigantischen
technischen Umrüstung direkt oder indirekt
betroffen wurde."(S.247)
Das Problem der
Überalterung
"In einem Jahrhundert der
Überalterung wird es immer mehr ältere
Männer geben, die nur ungern die
Verantwortung jüngeren überlassen. Treffen
in einem solchen Jahrhundert obendrein zwei
katastrophale Weltkriege im Abstand von nur
25 Jahren aufeinander, dann ergeben sich
Verschiebungen im Bevölkerungsaufbau, die
besonders auf die jüngere Generation
zurückwirken müssen." (S.45)
Die
Wandlung der Familie
"Der moderne Familienmensch
gleicht einem Nomaden, der statt Zeltplätzen
Wohnkolonien hinterläßt, wenn er
weiterzieht. Er ist »unbehaust«, nicht mehr
fest an Heimatbegriffe
gebunden."(S.57f.)
traditionelle Ehe contra
hedonistische Ehe
"Wenn Kirche, Staat und
Gesellschaft miteinander Eheformen
sanktionieren, die nicht mehr auf dem
Gedanken eines gemeinsamen Opferns, sondern
auf dem eines gemeinsamen Genusses oder
Verzehrs aufgebaut werden, und wenn dies
nicht das Privileg einer ohnehin nicht mehr
besonders geachteten Adelskaste ist (...),
dann nehmen die Kinder der alten Familie mit
der Zeit an, daß ihre Eltern einfach dumm
sind (...).
Der Konsumgedanke wird nicht nur in der
Gesellschaft, sondern auch in der Familie
bestimmend. Die Ehe selbst wird - zumindest
in der Vorstellung von Halbwüchsigen -
etwas, das man konsumiert. Die Gesellschaft
leistet diesem Denken Vorschub, indem sie
alles Ehe nennt, was sich unter bestimmten
äußeren Formen zusammenfindet - ganz
gleich, ob es sich um Partnerschaft,
Schlafgemeinschaft, Konsum- und
Einkommens-Pool oder das alte, auf
Lebensdauer berechnete »Ehebündnis zweier
Menschen verschiedenen Geschlechts« bezieht,
bei dem Besitz und Kinderzahl gemeinsames
Ziel von zwei Eltern bilden, die aber
gegeneinander scharf begrenzte Funktionen
ausüben." (S.78)
Die kinderarme
Gesellschaft
"auf die Frage nach den
Geschwistern, die den Neuankömmling
erwarten, gibt es eine statistische Antwort.
Es fanden im Jahr 1957 zu Hause vor:
keine Geschwister.............42,5 % aller
Neugeborenen
ein Geschwister.................29,9 %
zwei Geschwister..............14,9 %
drei Geschwister..................6,9 %
vier Geschwister..................3,2 %
fünf und mehr Geschwister 2,6 %
Mit anderen Worten: Rund drei Viertel der
Kinder finden zu Hause gar kein oder nur ein
Geschwister" (S.107)
"Selten findet man mehr als
zwei Generationen (Eltern und Kinder) in
einer Wohnung, oft aber nur noch eine
Generation, was sich statistisch leicht
nachweisen läßt. Ein Viertel aller Ehen des
Jahres 1957 war kinderlos." (S.110)
Die Konkurrenz
von kinderlosen Paare und Familien
"Der
vierundzwanzigjährige Monteur, der 700 Mark
im Monat verdient, und seine Frau, die
dreiundzwanzigjährige Buchhalterin, die
netto etwas mehr als 500 Mark erhält, haben
gemeinsam eine Kaufkraft von über 1000 Mark.
Davon können sie sich eine
Junggesellenwohnung mit Dusche und Kochnische
einrichten, können auswärts essen und den
Urlaub in Italien verbringen. Bekommt die
Buchhalterin aber nacheinander zwei Kinder
und gibt ihre Stellung auf, um sich den
Kindern zu widmen, dann leben plötzlich vier
Menschen in einer zu engen Wohnung von 700
Mark, und das heißt, daß sie in ihrem
Lebensstandard nicht mehr mit anderen,
kinderlosen Ehepaaren Schritt halten können.
Auch solche Hilfen wie Steuervergünstigung
oder Kindergeld können den Ausfall an barem
Geld, das konsumiert werden darf, nicht
entfernt ersetzen. Die Konkurrenz zwischen
Mutter und Berufstätiger ist so eindeutig
für die berufstätige (kinderlose) Frau
entschieden, daß es darüber keine Zweifel
mehr geben kann." (S.130)
Hedonismus als
Ursache der zunehmenden Kinderlosigkeit
"Eine Bürovorsteherin
sagte mir kürzlich, daß viele junge
Mädchen ihres Büros (...) 2/3 bis 3/4 ihres
Gehaltes für Kleidung, Friseur, Kosmetik,
Reisen und Vergnügungen ausgeben. Bei vielen
jungen Männern ist es ähnlich... So kommt
bei jung verheirateten Ehepaaren die Angst:
wie soll es reichen". (S.137)
Die kinderfeindliche
Gesellschaft
"»Wir haben vier
Kinder... die Aussicht auf eine Wohnung ist
sehr schlecht, da bei den meisten
Hausbesitzern Ehepaare mit Kindern
unerwünscht sind.«
Dagegen stehen Aussagen kinderloser
Ehefrauen, die nicht ohne eine gewisse
Selbstzufriedenheit gegeben werden: »Wir
sind sehr glücklich, daß wir unser eigenes
Häuschen haben, und wir beabsichtigen beide,
solange weiterzuarbeiten, bis alles so
eingerichtet ist, wie wir es uns wünschen.«"
(S.128)
Die
Mittelschicht-Familie als Problem
"Wie Professor Short in
seiner Untersuchung der
Mittelklassen-Familien des Staates Washington
herausfand, bildet den Schlüssel zur
Kriminalität nicht die klassische »zerbrochene
Familie«, von der sich ein Elternteil
losgelöst hat, sondern die »psychologisch
zerbrochene Familie«. Scheidung, sagt er,
ist kein unfehlbarer Index mehr für
Situationen, in denen Verbrechen gezüchtet
werden. Es sind die Kinder aus den
unglücklichen Elternhäusern - ganz gleich,
ob dem Wort nach zerbrochen oder nicht-, die
dazu neigen, kriminell zu werden..."
(S.122)
"Ein Roman, der im Sommer
1960 in einer großen Illustrierten anlief
(...) handelte (...) von Teenagern und Twens,
die in der »Luxusverwahrlosung« der
feinsten und wohlhabendsten Kreise Berlins
aufwachsen und sich mit der eigenartigen
Problematik dieses Milieus herumschlagen
müssen." (S.243)
Die Familie als
politisch nicht ausreichend repräsentiert
"Von einer Vertretung der
Eltern, d.h. der Familie alter Art, im
Parlament kann nicht gesprochen werden; eine
öffentliche Interessengemeinschaft der
Väter und Mütter existiert
nicht."(S.79)