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- LESSENICH, Stephan (2000): Soziologische
Erklärungsansätze zu Entstehung und Funktion des Sozialstaats, in:
Jutta Allmendinger und Wolfgang Ludwig-Mayerhofer (Hg.),
Soziologie des Sozialstaats. Gesellschaftliche Grundlagen,
historische Zusammenhänge und aktuelle Entwicklungstendenzen,
Weinheim/ München: Juventa, 2000, S.39-78.
- Kommentar:
LESSENICH hebt beim Krisendiskurs einen Essay von
Christoph CONRAD in der FAZ vom 31.10.1998 hervor, in dem die
Rhetorik der Sozialstaatsgegner und -befürworter in zeitlicher
Abfolge skizziert wird:
"Auf die Sprache von Staat und Untertanen - oder, moderner: Staat
und Bürgern - sei die Sprache der Klassen gefolgt, die wiederum von
der Sprache der Geschlechter (bzw. der Geschlechterdifferenzen), der
Sprache der Ethnizität (oder weiter gefaßt: der Abstammung und
Gruppenidentität) sowie, zuletzt, von der Sprache der Generationen
abgelöst worden sei."
Der
Wechsel von "sozialer Gerechtigkeit" zur "Generationengerechtigkeit"
bedeutet also einen Wechsel jener Akteure an, die den neuen
Sozialstaatskompromiss aushandeln.
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LESSENICH, Stephan (2003): Im Dienste des großen Ganzen.
Die Ich-AG als Chiffre eines Umbruchs. Neue Sozialpolitik leitet
zum Selbstverantwortlichsein an,
in: Freitag Nr.7 v. 07.02.
- Kommentar:
LESSENICH skizziert - ganz leidenschaftslos
- die Programmatik der Ich AG als Ausdruck eines autoritären
Sozialstaats,
wie er bereits vor längerem von
Ralf
DAHRENDORF als "neuer Autoritarismus" beschrieben worden ist,
und den man auch als öffentliche Anleitung zum Unglücklichsein
interpretieren kann:
"Prophylaxe, Prävention und
Eigenvorsorge sind in diesem Kontext die sozialpolitischen
Instrumente der Wahl: Garanten selbsttätiger, sozialverpflichteter
Sicherung. Der neuen, doppelten Logik des Sozialstaats
entsprechend werden sie zugleich als Zeichen persönlicher
Autonomie - i.S. der selbstbestimmten Verfügung über den eigenen
Körper, den eigenen Nachwuchs, das eigene Geld - wie auch als
Ausweis sozialer Verantwortlichkeit der Individuen gedeutet: Wer
selber rechtzeitig vorbeugt, vorleistet, vorsorgt, der fällt
später niemand anderem zur Last. Umgekehrt verweisen in diesem
Sinne mangelnde Selbsttätigkeit und fehlende Eigenvorsorge nicht
nur auf die Unfähigkeit des Einzelnen, von seiner Freiheit
angemessenen Gebrauch zu machen, sondern darüber hinaus auf die
Weigerung, gesellschaftlichen Bedürfnissen gerecht zu werden. So
oder so erfordert entsprechend inadäquates Verhalten der
Sozialstaatsbürger und -bürgerinnen jedenfalls umfassende
Maßnahmen sozialpolitischer Verhaltenssteuerung. Gegen die durch
Gegenleistungen nicht gedeckte, »ausbeuterische« Inanspruchnahme
sozialer Leistungsangebote darf und muss sich die Gesellschaft
selbstverständlich verteidigen.
Den Ton dieser Debatte hat Bundeskanzler Gerhard Schröder in
seiner diesjährigen Neujahrsansprache vorgegeben, als er nicht
schlicht für »mehr Eigenverantwortung jedes Einzelnen« plädierte.
Darüber hinaus betonte er, das Soziale unserer Marktwirtschaft
liege darin, dass jeder die gleichen Chancen habe - und zugleich
die Pflicht, diese Chancen auch zu nutzen. Die Pflicht zur Nutzung
der Marktchance, die persönliche und gesellschaftliche,
ökonomische und moralische Pflicht zum Selbstverantwortlichsein:
Das ist die Ideologie der Ich-AG."
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LESSENICH, Stephan (2003): Soziale Subjektivität. Die
neue Regierung der Gesellschaft,
in: Mittelweg 36,
August/September, S.80-93
- Anmerkung:
Der Beitrag ist online als PDF-Datei
verfügbar.
- LESSENICH, Stephan (2004): Auf
welcher Baustelle wollen wir leben? Die "Krise" des
Wohlfahrtsstaats, die "Reform" der Sozialpolitik und die Chancen
soziologischer Diagnose,
in: Soziologische Revue, H.1,
Januar, S.29-43
- Kommentar:
Stephan LESSENICH hinterfragt in dem
Essay die sozialpolitische Kontinuitätssemantik und ihre Kehrseite,
die Reformstaurhetorik.
Demnach wurde bereits im
Jahr 1975 die sozialpolitische Wende eingeleitet, denn seit damals
sind die Sozialausgaben in Deutschland relativ zum wachsenden
Problemdruck durch die "Arbeitslosen- und Seniorenquote" nicht mehr
gestiegen, sondern gesunken. Sein Resümee: Reformstaudiskurs und
Sozialstaatsrückbau koexistieren!
LESSENICH setzt sich in
dem Essay auch mit den Vorwürfen des
Feuilleton-Revoluzzers Jürgen KAUBE ("Will ich auch haben", FAZ,
28.08.2003) auseinander.
KAUBE hatte die "Infantilisierung
der Bürger durch den Sozialstaat" diagnostiziert und forderte von
der Soziologie, seine Diagnose anhand einer "Pathologie der
sozialstaatlichen Entwicklung" zu bestätigen.
LESSENICH stimmt KAUBE
zwar zu, dass eine politische Theorie des Umverteilungsstaats bisher
allenfalls in Ansätzen existiert, aber der Diagnose von KAUBE, die
sich einem ganz spezifischen Sozialstaatsverständnis verdankt, mag
LESSENICH nicht folgen, denn "zwischen der »Armenhilfe« und der
umfassenden »Lebenssicherung« (...), zwischen Modellen staatlicher
und nicht-staatlicher Wohlfahrtsproduktion (existiert) ein breites
Spektrum möglicher ordnungspolitischer Wertentscheidungen."
LESSENICH kritisiert mit
Hilfe eines Ansatzes des dänischen Politikwissenschaftlers
Gösta
ESPING-ANDERSEN die rein monetäre Sichtweise politischer
Ansätze.
Stattdessen geht es
LESSENICH um eine normative Grundlegung der Sozialstaatstätigkeit.
Die Bezugnahme auf ESPING-ANDERSEN weist darauf hin, dass es
LESSENICH primär um eine familienfreundlichere Ausrichtung der
Sozialpolitik geht.
Solange eine solche
Politik
nicht singlefeindlich ist, wäre dagegen nichts einzuwenden.
PROKLA-Thema:
Umbrüche des Sozialstaats |
-
LESSENICH, Stephan (2004): Ökonomismus zum Wohlfühlen.
Gösta Esping-Andersen und die neue Architektur des Sozialstaats,
in: PROKLA 136, Nr.3, September
- LESSENICH, Stephan & Matthias
MÖHRING-HESSE (2004): Ein demokratischer Sozialstaat ist sein Geld
wert.
Um gesellschaftliche Solidarität nicht ihren Gegnern zu
überlassen, bedarf es eines Umbaus hin zu gleichen Rechten und
Pflichten für alle,
in: Frankfurter Rundschau v. 03.11.
- Kommentar:
Ein oberflächlicher Artikel, in dem vor allem mit
Schlagworten gearbeitet wird.
Eine 82-seitige Expertise der
Autoren zum Sozialstaatsproblem und zum propagierten Leitbild des
demokratischen Sozialstaat findet sich auf
http://www.otto-brenner-stiftung.de/ als PDF-Datei zum
Download.
-
LESSENICH, Stephan (2005): Der ganz normale Irrsinn.
Popularklage gegen die SPD. Die
Reformsozialdemokratie macht uns geistig und moralisch krank. Es ist
höchste Zeit, sich dagegen zu wehren,
in: Freitag Nr.23 v. 10.06.
- Inhalt:
Der Politikwissenschaftler Stephan LESSENICH kritisiert u.a.
den Umgang mit dem Generationengerechtigkeits- und
Demografieargument:
"Der
Begriff Umverteilung gilt (...) nur dann als Unwort der
gegenwärtigen Reformpolitik, wenn nicht von der »Gerechtigkeit
zwischen den Generationen« die Rede ist. Hier nämlich steht völlig
außer Frage, dass Ressourcen und Belastungen zwischen der
derzeitigen Rentner- und der gegenwärtigen beziehungsweise
zukünftigen Erwerbstätigengenerationen ungleich verteilt sind und
eben umverteilt gehören. Plötzlich fängt man an, nach den Renditen
der Gesetzlichen Rentenversicherung zu fragen, bilden sich
parteiübergreifend unheilige Allianzen berufsjugendlicher
Parlamentarier, denen im Kampf um Gerechtigkeit für ihre
»Generation« keine Polemik zu billig ist und umgekehrt kein
Hüftgelenk für einen der gierigen Alten billig genug sein kann. Auch
hier könnte man fragen, welchen Sinn wohl intertemporale
Generationenbilanzen haben mögen, die die eigene, fiktive (bloß
prognostizierte) Verteilungsposition im Alter mit der tatsächlichen
Verteilungsposition der heute alten Menschen abgleichen - und
stattdessen darauf hinweisen, dass die Idee des Generationenvertrags
darauf zielt, allen Bevölkerungsgruppen (gleich welchen Alters) die
angemessene Teilhabe am hier und heute gesellschaftlich
erwirtschafteten Wohlstand zu gewährleisten. Eigentlich eine recht
einfache und eingängige Vorstellung - aber leider nicht passend zum
derzeit in Deutschland grassierenden und
massenmedial geschürten
demografischen Fieber.
Mit dem Demografieargument wird man in den kommenden Jahren
hierzulande wohl ohnehin alles verkaufen können. Nachdem
insbesondere die Medieneliten entdeckt haben, dass Deutschland
altert und die Frauen unter uns weder genug arbeiten noch
ausreichend Kinder kriegen, werden wir Zeugen der öffentlichen
Inszenierung eines - wie immer - deutschen Dramas, das
seinesgleichen sucht."
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LESSENICH, Stephan (2008): Die nützliche Klasse.
Wo geht's hier zur Mitte? Die Rede von den geschröpften
Leistungsträgern der Nation ist Teil der Abwertungsrhetorik gegenüber
den "Unnützen",
in: Freitag Nr.22 v. 30.05.
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Die Beiträge des
Buchs
- Einleitung
- LESSENICH, Stephan -
Wohlfahrtsstaatliche Grundbegriffe - Semantiken des
Wohlfahrtsstaats
- Selbstbeschreibungen
- KIESERLING, André - Die
Gesellschaft der Politik? Zum Politismus der Moderne
-
KAUBE, Jürgen - Das
Reflexionsdefizit des Wohlfahrtsstaates
- CHRISTOPH, Conrad - Die Sprachen
des Wohlfahrtsstaats
- Wertideen
-
KAUFMANN, Franz-Xaver - Sicherheit: Das Leitbild
beherrschbarer Komplexität
- KERSTING, Wolfgang - Gerechtigkeit:
Die Selbstverweigerung des egalitaristischen Sozialstaats
- VOBRUBA, Georg - Freiheit:
Autonomiegewinne der Leute im Wohlfahrtsstaat
- PRISCHING, Manfred - Solidarität:
Der vielschichtige Kitt gesellschaftlichen Zusammenlebens
- SACHßE, Christoph - Subsidiarität:
Leitmaxime deutscher Wohlfahrtsstaatlichkeit
- Sozialfiguren
- RIEGER, Elmar - Bürger: Kulturelle
Grundlagen des demokratischen Wohlfahrtsstaates
- WAGNER, Peter & Bénédicte
ZIMMERMANN - Nation: Die Konstitution einer politischen Ordnung
als Verantwortungsgemeinschaft
- GERHARD, Ute - Geschlecht: Frauen
im Wohlfahrtsstaat
-
BUDE, Heinz - Generation:
Elemente einer Erfahrungsgeschichte des Wohlfahrtsstaates
- Strukturkategorien
- RÜB, Friedbert W. - Risiko:
Versicherung als riskantes Geschäft
-
NASSEHI, Armin - Inklusion: von der
Ansprechbarkeit zur Anspruchsberechtigung
- LAHUSEN, Christian & Carsten STARK
- Integration: Vom fördernden und fordernden Wohlfahrtsstaat
- PRIDDAT, Birger P. - Umverteilung:
Von der Ausgleichssubvention zur Sozialinvestition
-
NULLMEIER, Frank - Anerkennung: Auf dem Weg zu einem
kulturalen Sozialstaatsverständnis?
- Schluss
- LESSENICH, Stephan -
Wohlfahrtsstaatliche Semantiken - Politik im Wohlfahrtsstaat
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