[ Verzeichnis der Single-Forscher/innen ] [ Debatte: Familien contra Singles ] [ News ] [ Homepage ]

 
       
   

Stephan Lessenich: Die jungen Alten

 
       
   

Stephan Lessenich bei single-generation.de

zur Hauptseite von Stephan Lessenich: Gespräche, Porträts und weitere Bücher
 
       
   

Aktuellster Beitrag

 
       
   

Stephan Lessenich in seiner eigenen Schreibe

 
   

DYK, Silke van & Stephan LESSENICH (2011): Die graue Ressource.
Faltenfrei: Jung, fit, finanzstark - was ist dran an der Neubewertung des Alters? Kritik einer Mobilmachung,
in: Freitag Nr.3 v. 20.01.

Silke van DYK & Stephan LESSENICH, Herausgeber des Buches Die jungen Alten, kritisieren das produktivistische und funktionalistische Altersbild, das von Politik und Wirtschaft entworfen wird, um den apokalyptischen Krisenszenarien zu entgehen:

"Auf der Suche nach Auswegen aus der prognostizierten demografischen Katastrophe werden neuerdings (...) ausgerechnet die Alten selbst als Teil der Problemlösung entdeck. Gesund, gebildet und finanzstark scheinen sie bestens geeigent, ihre der Gesellschaft aufgebürdete »Alterslast« durch juveniles, aktives Altern wettzumachen."

DYK & LESSENICH kritisieren die als »Win-win-Strategie« propagierte, aber in Wirklichkeit einseitig zu lasten der Alten gehende Mobilmachung:

"Nicht nur durch die gesetzlich verlängerte Lebenszeit, ist der »wohlverdiente Ruhestand« zu einer veralteten Vorstellung geworden. Auch nach dem möglichst späten Ausscheiden aus dem Erwerbsleben wird von den Alten umfassende Bereitschaft zum Engagement eingefordert: im Ehrenamt, in der Pflege, zum Erhalt eigener Leistungsfähigkeit."

DYK & LESSENICH bescheinigen der 14köpfigen Expertenkommission, die den aktuellen 6. Altenbericht der Bundesregierung "Altersbilder in der Gesellschaft" verfasst hat, eine erstaunliche Naivität:

"Den Sachverständigen müsste eigentlich bekannt sein, dass die amtierende Bundesregierung - wie auch schon ihre Vorgängerinnen - (...) fleißig »von unten nach oben« umverteilt und den durch diverse Rentenreformen langfristig programmierten Anstieg der Altersarmut (...) befeuert.

DYK & LESSENICH erkennen im Beschwören der großen Bereitwilligkeit zu bürgerlichem Engagement der "neuen Alten" durch die Expertenkommission, eher das Gegenteil, nämlich die Angst, dass es mit der Bereitschaft nicht weit her sein könnte. Darauf deutet auch die "Verpflichtungsrhetorik" des Altenberichts hin.   

DYK, Silke van/LESSENICH, Stephan/DENNINGER, Tina/RICHTER, Anna (2013): Gibt es ein Leben nach der Arbeit?
Zur diskursiven Konstruktion und sozialen Akzeptanz des "aktiven Alters", 
in: WSI-Mitteilungen, Nr.5, S.321-328

LESSENICH, Stephan (2014): Einfach nicht totzukriegen.
Das Alter in der "alternden Gesellschaft",
in: Merkur, Nr.780, Mai

Der Soziologe Stephan LESSENICH hat sich in den letzten Jahren mit dem Wandel des Altersbild in unserer Gesellschaft beschäftigt. LESSENICH sieht das Jahr 2006 als Wendepunkt in der Debatte um den demografischen Wandel:

"Potenziale des Alters in Wirtschaft und Gesellschaft, so lautete der Titel des Fünften Altenberichts der Bundesregierung, der (...) im Jahr 2006 veröffentlicht, den Ton der jüngeren deutschen Demografiepolitik vorgeben sollte. Der Bericht markiert den Umschlag von einer Phase des reinen demografischen Alarmismus hin zu der (...) Entdeckung der (...) gesellschaftlichen »Chancen«."

Dem gefürchteten Altersstrukturwandel (Stichworte: Erhöhung des Altenquotienten, Gerontokratie bzw. Rentnerdemokratie) wurde damit der segensreiche Strukturwandel des Alters (junge Alte) entgegengesetzt.

LESSENICH beschreibt wie in den 1980er Jahren das Verständnis des Alters als Ruhestand (Stichworte: Rente, Kur, Sofa und Fernseher) abgelöst wurde vom eigensüchtigen Unruhestand (Stichworte: Radfahren, Hometrainer, Fernreise, Seniorenstudium), der wiederum ab Ende der 1990er Jahre vom produktiven Alter abgelöst wurde (Stichworte: Ehrenamt, Seniorentrainer, Verlängerung der Lebensarbeitszeit).

Wie wurde dieser Wandel des öffentlichen Altersbildes in Gang gesetzt? Durch die Demografisierung gesellschaftlicher Probleme:

"Die beliebte Praxis ultralangfristiger statistischer Projektionen, ein offenkundiges Symptom der gesellschaftlichen Suche nach demografischer Zukunftsgewissheit, produziert zugleich das genaue Gegenteil, nämlich eine tiefe Verunsicherung darüber, wie sich eine Gesellschaft mit »immer mehr« Älteren (eine Dystopie, die im Übrigen bevölkerungsstatistisch überhaupt nicht gedeckt ist) auf dynamische Weise reproduzieren können soll. (...). Die prognostizierte »gesellschaftliche Alterung« muss im widersprüchlichen Integrationsmodus der Verjüngung des Alters eingeholt und aufgehoben werden."

Kurz gefasst: Der junge Alte ist das Wunschbild einer Gesellschaft, geboren aus den Horrorszenarien mittels demografischer Kaffeesatzleserei. Der junge Alte ist gemäß LESSENICH das Lebensführungsideal der oberen Mittelschicht, die auch die dafür notwendigen Ressourcen besitzt.

In den "alten Alten" sieht LESSENICH die Dämonen des Wunschbildes einer alterslosen Gesellschaft:

"Die im Doppelsinne alten - höchstaltrig-gestrigen - Alten sind die classes dangereuses der »alternden Gesellschaft«, denn sie gefährden deren gedachte und gewollte Ordnung als altersintegrierte Gesellschaft, sie stören und zerstören die imagined Community einer altersübergreifenden gesellschaftlichen Produktivitätsgemeinschaft."

"Age imperalism" nennt LESSENICH dieses Phänomen, wonach das mittlere Erwachsenalter der oberen Mittelschicht den Standard der alterslosen Gesellschaft bestimmt. Am Ende einer solchen Entwicklung steht für LESSENICH der individuelle Freitod als gesetzliche Möglichkeit aktiver Sterbehilfe durch Ärzte:

"In einer Welt der Demografisierung sozialer Fragen, einer das Alter negierenden Altersordnungspolitik, der Herrschaft von Aktivierungsidee und Produktivitätsnormativ erscheint diese Sorge keineswegs weltfremd. (...).
»Sorge dich - stirb!«, so könnte dereinst der Selbst- und Fremdsorgeappell an das Alter in der »alternden Gesellschaft« lauten."

 
       
   

Leben im Ruhestand (2014).
Zur Neuverhandlung des Alters in der Aktivgesellschaft
(zusammen mit Tina Denninger, Silke van Dyk und Anna Richter)
 
Transcript Verlag

 
   
     
 

Klappentext

"Wir leben in einer Zeit der weitreichenden Transformation des Sozialen: In Politik und Wirtschaft setzt sich ein Menschenbild durch, das von jedem Einzelnen erwartet, sich flexibel und vorsorgend, selbsttätig und eigenverantwortlich zu verhalten. Diese neue politische Ökonomie der Aktivgesellschaft greift dabei auch auf bislang verschonte Lebenssphären und -phasen über. So ist die politische Programmformel des »active ageing« längst auch zu einem Teil der Fremd- und Selbstbeschreibung älterer Menschen geworden. Der Band untersucht den Wandel des politisch-medialen Altersbildes, konfrontiert diesen mit den Erzählungen älterer Menschen zu ihrem Leben im Ruhestand und überführt die Befunde in eine originelle Zeitdiagnose der alternden Gesellschaft."

Inhaltsverzeichnis

1. Die Neuverhandlung des Alters in der Aktivgesellschaft
2. Die Regierung des Alters: Analysen im Spannungsfeld von Diskurs und Dispositiv, Disposition und Disruption
3. Methodologische Fundierung und methodisches Vorgehen
4. Vom Ruhestand zum Produktiven Alter? Altersdispositive im Wandel

4.1 Eine kurze Geschichte des Rentner-Daseins: Alter, Arbeit und Alterssicherung in Deutschland vor 1980
4.2 Sicherheit, Kompetenzen, Potenziale: Das Alter in wissenschaftlichpolitischen Schlüsseltexten
4.3 Vom Ruhestand zum »Unruhestand«
4.4 Das Dispositiv des Produktiven Alters
4.5 »Veteranen der Arbeit«: Das Altersdispositiv der späten DDR
4.6 Fazit: Dispositive des Alters im Wandel

Miniaturen
Süchtig nach »Käsekuchen-Kapitalismus« oder »Die ewige Kaffeefahrt«
Ursula Lehr oder die Fusion von Wissenschaft, Medien und Politik
»Jopie« Heesters oder »Die Abschaffung des Sterbens«
Ihr bleibt anders: Die Alten in der tageszeitung
Henning Scherf: Was im Alter möglich ist
Brecht vs. Precht: Unwürdige Greise, gestern und heute
Mitten im Kollektiv-Leben:
Für Dich und das Alter
Jungvolk ohne Hörraum: Der Generationenkampf im Kleinformat

5. Junge Alte im Interview

5.1 Erzähltes Leben
5.2 Die Interviewten

5.2.1 Kurzcharakterisierung der Interviewten und ihrer Generationenlagerung
5.2.2 Die Aktivität(en) der Interviewten

5.3 Die späte Freiheit des Ruhestands und die vita activa

5.3.1 Die Freiheit des Nacherwerbslebens
5.3.2 Das passive Ruhestandsleben der Anderen und die Ruhestandsmoderierung
5.3.3 Die vita activa

Die Ausnahmegruppen
(1) Ruhestand – na und?
(2) Ausgrenzung statt späte Freiheit
(3) Das Eingeständnis von Langeweile
(4) Zeitwohlstand genießen
(5) Passivität und lazy talk

5.4 Die vielen Welten des Nacherwerbslebens

5.4.1 Der zufriedene Ruhestand
5.4.2 Der geschäftige Ruhestand
5.4.3 Der verhinderte Ruhestand
5.4.4 Der Unruhestand
5.4.5 Das produktive Alter
5.4.6 Das gebremste Alter
5.4.7 Der Aktivitätsgrad der Interviewten im Lichte der Typisierung
5.4.8 Untypisches und »Anders-Typisches« durch Perspektivwechsel

Essays über Ost/West-Unterschiede
(1) Die altersfeindlichen Alternativen
(2) Die produktiven SystemkritikerInnen
(3) Entwurzelte und neu Verankerte
(4) Die Diskriminierungssensiblen

5.5 Die Interviewten und das Produktivitätsdispositiv

5.5.1 Die KritikerInnen der Produktivitätserwartung
5.5.2 Die Interviewten und das Aufwertungsversprechen
5.5.3 Reaktionen der Interviewten auf die Altenberichtsrhetorik

5.6 Fazit

Miniaturen
Das Frühstück – ein frühes Stück später Freiheit
»Also muss ich auch ehrlich sein, Mittagsschläfchen mach ich«

6. Leben im Ruhestand
7. Literatur
8. Anhänge

Anhang I Korpus Dispositivanalyse

Zeitungen und Zeitschriften 1983-2009
Zeitungen und Zeitschriften 2009-2011
Partei- und Wahlprogramme

Anhang II Die InterviewpartnerInnen
Anhang III ExpertInneninterviews
Anhang IV Leitfaden der Interviewauswertung

 
     
 
       
   

Rezensionen

Neu:
BRAUER, Ingeborg (2014): Aktive Rentner.
Kaffeefahrt war gestern,
in: DeutschlandRadio v. 24.04.

 
   

Das Buch in der Debatte

HOLLENSTEIN, Oliver (2014): Goodbye, Ruhestand.
Die arbeitsfreie letzte Phase des Lebens - in wenigen Jahren werde sie wohl passé sein, glauben Soziologen. Eine Reise zu den Prototypen der neuen Alten,
in:
Süddeutsche Zeitung v. 29.03.

Den Prototypen des neuen Alten findet HOLLENSTEIN in der Professorenschaft: der 69jährige Entwicklungspsychologe Rainer SILBEREISEN vertritt die Avantgarde des aktiven Alters, den weiterhin freiwillig Erwerbstätigen:

"Er stehe um sechs Uhr auf (...) gehe (...) um acht Uhr ins Büro. Um 12.30 Uhr treffe er sich mit seiner Frau zum Mittagessen, lese anschließend die New York Times, um 16 Uhr fahre er nach Hause".

Das klassische Rentnerdasein repräsentiert angeblich ein früh verrentetes DINK-Ehepaar ("Double Income, no Kids), das sich jedoch ehrenamtlich betätigt und damit gerade nicht dem klassischen Bild vom Ruheständler entspricht. Auch das dritte Beispiel, ein ehemaliger Manager, der ehrenamtlich Unternehmen berät, gehört zum neuen produktiven Alter.

Das letzte Beispiel ist ein Rentner, dem die Rente nicht ausreicht und deshalb auf Jobsuche ist.

Im Gegensatz zu diesem politisch korrekten Bild des produktiven Alters hat der Soziologe Stephan LESSENICH, der ebenfalls im Beitrag porträtiert wird, zusammen mit anderen Forscherinnen 6 Sozialfiguren des Nacherwerbslebens beschrieben.

LESSENICH ist der Meinung, dass in seiner Generation der neue Typus des produktiven jungen Alten von einer Angelegenheit einer kleinen Elite zur Massenbewegung wird.

 
       
   

Gibt es ein Leben nach der Arbeit? (2013)
Zur diskursiven Konstruktion und sozialen Akzeptanz des "aktiven Alters"
(zusammen mit Silke van Dyk, Tina Denninger und Anna Richter)

in: WSI-Mitteilungen, Heft 5, S.321-328

 
   
     
 

Inhaltsverzeichnis

1. Die gesellschaftliche Neuverhandlung des Alters

2. Vom verdienten Ruhestand zum Alterskraftunternehmer?

3. Die Neuverhandlung des Alter(n)s: Vom Ruhestands- zum Produktivitätsdispositiv

4. Alter und Ruhestand aus Sicht der Interviewten

5. Die vielen Welten des Nacherwerbslebens

6. Fazit

Zitate:

Altersstrukturwandel und Strukturwandel des Alters als Prozesse des demografischen Wandels

"Hinter dem Kürzel »demografischer Wandel« verbergen sich mindestens zwei analytisch zu unterscheidende, in der öffentlichen Wahrnehmung allerdings eng aufeinander bezogene Wandlungsprozesse. Zum einen ist dies der (...) Altersstrukturwandel der spätindustriellen Gesellschaften, der durch die Kombination von sinkender bzw. stabil niedriger Fertilität einerseits und über den gesamten Lebenszyklus ebenso niedriger und weiter sinkender Mortalität andererseits längerfristig zu einer Zunahme des Anteils älterer Menschen an der Gesamtbevölkerung führt (vgl. z.B. Schimany 2003). Zum anderen aber vollzieht sich, parallel dazu, ein in der Sozialgerontologie als Strukturwandel des Alters bezeichneter Prozess der Veränderung der »letzten Lebensphase« selbst, zu welchem neben dem (...) Aspekt der Hochaltrigkeit (also der steigenden Lebenserwartung nachrückender, aber auch bereits lebender Alterskohorten) die weiteren Dimensionen der Feminisierung und Singularisierung (im Sinne der statistischen Dominanz von Frauen und Einpersonenhaushalten), der Entberuflichung (im Lebenslauf zunehmend früher vollzogene Erwerbsentpflichtung) sowie der Verjüngung des Alters gezählt werden". (2013, S.321)

Die jungen Alten als Teil der Problemlösung des demografischen Wandels

"Auf europäischer Ebene seit Ende der 1990er Jahre in Gestalt der EU-offiziellen Politik des »Active Ageing« vorangetrieben (...) und auf nationaler Ebene in eine umfassendere programmatische Bewegung zum »aktivierenden« Umbau des Sozialstaats eingebettet (vgl. Lessenich 2008), steht die Mobilisierung der »Potenziale des Alters« (...) auf der Agenda der »alternden Gesellschaft« mittlerweile ganz oben." (2013, S.322)

Aktives Altern als Win-Win-Strategie?

"Nicht nur die Alten - als Nicht-Alte -, so heißt es, würden davon profitieren, indem ihnen Möglichkeiten zum Einsatz ihrer Fähigkeiten etwa im Rahmen bürgerschaftlichen Engagements eröffnet werden und sie in Folge der Demonstration ihrer Leistungsfähigkeit in den Genuss der gesellschaftlichen Aufwertung des höheren Lebensalters kommen. Auch »der Gesellschaft« als Ganzes komme der so geartete Einsatz (...) unmittelbar zugute. Tatsächlich sind aber win-win-Konstellationen in einer von Machtverhältnissen und Interessenkonflikten durchzogenen Gesellschaft äußerst selten. Und deshalb gilt es zu fragen: Welche Akteure propagieren Altersaktivität als gesellschaftspolitische Zauberformel? Was meint »aktives Alter(n)«" in diesem Zusammenhang? Und vor allem: Was wissen wir eigentlich über die Haltungen und Wünsche der zur Aktivität aufgerufenen Älteren selbst?" (2013, S.322)

Stichprobe "junge Alte" in der Untersuchung

"Die Interviews wurden 2009 und 2010 mit insgesamt 55 älteren (60- bis 72-Jährigen), verrenteten Männern und Frauen unterschiedlicher Bildungs- und Einkommenskonstellationen in Jena und Erlangen durchgeführt." (2013, Fn. S.323)

Drei verschiedene gesellschaftliche Altersdispositive

"Bis in die 1980er Jahre hinein findet sich in der deutschen Öffentlichkeit das verankert, was seither zunehmend als negative Hintergrundfolie für die Etablierung neuartiger Dispositivkonstellationen fungiert: das Dispositiv des »ruheständischen Alters«. (...). (Seit) Mitte der 1980er Jahre (lässt sich) eine neue dispositive Ordnung ausmachen, die in dem Kunstwort des »Unruhestands« ebenso beredten wie sinnhaften Ausdruck findet. (...). Doch auch dieses Dispositiv wird seit Ende der 1990er Jahre und verstärkt seit Mitte des vergangenen Jahrzehnts durch neue dispositive Verknüpfungen überlagert, die unruheständlerische Momente zugleich fortführen und verschieben: das Dispositiv des »Produktiven Alters« gewinnt seither an Bedeutung." (2013, S.323f.)

Sechs typische Sozialfiguren des Nacherwerbslebens

(1) Der zufriedene Ruheständler (...) ist männlich, Akademiker mit einem überdurchschnittlichen Haushaltseinkommen und selbst gewählt aus qualifizierter Beschäftigung in den vorzeitigen Ruhestand gegangen. Die Kritiker einer produktivistischen Aktivierung des Alters sind unter den zufriedenen Ruheständlern besonders häufig vertreten.
(2) Der geschäftige Ruheständler hat hingegen ein überaus negatives Ruhestandsverständnis, mit dem eine positive Orientierung auf Facetten des Unruhestands korrespondiert. (...). Der geschäftige Ruheständler erweist sich mithin als Busy Talker, der sich trotz niedrigen Aktivitätsgrades und -radius als »nicht so richtig rentnertypisch« wahrnimmt - obwohl sein Alltag ruheständlerischer kaum sein könnte. Er ist eine männliche Sozialfigur, verfügt eher über eine nicht-akademische Ausbildung sowie über ein leicht unterdurchschnittliches Haushaltseinkommen.
(3) Die verhinderte Ruheständlerin erweist sich in diesem Lichte besehen als das genaue Gegenmodell: Sie hat dem zufriedenen Ruheständler vergleichbar eine positive Ruhestandsorientierung, ohne diese jedoch praktisch umzusetzen. Stattdessen ein hochgradig heteroproduktives, auf (...) andere gerichtetes Leben als »Super-Helferin« (...). Die verhinderte Ruheständlerin ist weiblich, westdeutsch und dem nicht-akademischen Milieu zugehörig.
(4) Die Unruheständlerin (...). Im Zentrum ihres Handelns steht autoproduktives, selbstbezogenes Engagement (...), für die es - als Bildungsbürgerin - wichtig ist, nach einem Leben voller Familien- und Erwerbspflichten endlich Zeit für sich zu haben.
(5) Der/die Produktive (...) hebt die Bedeutung und Notwendigkeit gesellschaftlichen Engagements hervor. (...). Anders als die anderen von uns identifizierten Sozialfiguren des Nacherwerbslebens weist der/die Produktive keine augenfälligen sozialstrukturellen Merkmale auf.
(6) Die Gebremste schließlich erweist sich als Gegenpart zur verhinderten Ruheständlerin, fallen bei ihr doch gleichfalls Orientierungsrahmen und Praxis in extremer Weise auseinander, wenn auch mit umgekehrten Vorzeichen (...), wobei insbesondere finanzielle Prekarität, Ausgrenzungserfahrungen im ehrenamtlichen Kontext und Einschränkungen durch den Ehemann eine maßgebliche Rolle spielen. Die Sozialfigur der Gebremsten ist weiblich und verfügt über ein deutlich unterdurchschnittliches Haushaltseinkommen." (2013, S.326f.)

 
     
 
       
   

Beiträge von single-generation.de zum Thema

Ressourcenzuteilung im Sozialstaat: Sozialpolitik und Soziale Arbeit und ihre Rolle im Ressourcenansatz unter besonderer Berücksichtigung des Single-Daseins

Die Neuerfindung des Sozialen. Oder: Der Sozialstaat im flexiblen Kapitalismus

Die Gesellschaft der Langlebigen - Eine Herausforderung für Individuum und Politik. Nichts weniger als eine kopernikanische Wende ist notwendig!

 
       
   

Die jungen Alten (2010).
Analysen einer neuen Sozialfigur
(herausgegeben zusammen mit Silke van Dyk)
 
Frankfurt a/M:
Campus

 
   
     
 

Klappentext

"Deutschland altert – und doch auch wieder nicht, denn die Alten werden immer »jünger«: Sie bleiben länger gesund, sind aktiv und mobil, zudem auch höher gebildet als früher. Vor allen Dingen aber wird die Gruppe dieser »jungen Alten« immer größer, denn schon bald wird die Generation der »Babyboomer« ihr langes Rentnerleben beginnen. Als Überalterung beklagt und eingebettet in die Wende zum aktivierenden Sozialstaat, wird diese Entwicklung derzeit zur Initialzündung für eine gesellschaftliche Neuverhandlung des Alters: Was läge näher, so hören wir allerorten, als die Ressourcen dieser Altersgruppe gesellschaftlich zu nutzen, alle Register einer Politik des »aktiven Alterns« zu ziehen? Der vorliegende Band versammelt erstmalig ins Deutsche übersetzte Grundlagentexte der englischsprachigen Diskussion sowie kritische Beiträge zur deutschen Debatte um das »junge Alter« und seine gesellschaftliche Bedeutung."

 
     
 
       
   

Die Beiträge des Buchs

1. Einleitung

  • DYK, Silke van & Stephan LESSENICH - "Junge Alte": Vom Aufstieg und Wandel einer Sozialfigur
  • 2. Theoretische Impulse aus der angelsächsischen Altersforschung

  • ESTES, Caroll L./SWAN, James H./GERARD, Leonore E. (1982)  Dominierende und konkurrierende gerontologische Paradigmen: Für eine politische Ökonomie des Alterns
    EKERDT, David J. (1986) Die Ethik des Beschäftigtseins: Zur moralischen Kontinuität zwischen Arbeitsleben und Ruhestand
    FEATHERSTONE, Mike & Mike HEPWORTH (1991) Die Maske des LAWS, Glenda (1995) Alterns und der postmoderne Lebenslauf
    GILLEARD, Chris (1996) Zum Verständnis von Altersdiskriminierung: Feministische und postmoderne Einblicke Konsum und Identität im Alter: Entwicklung einer kulturgerontologischen Perspektive
    ÖBERG, Peter (1996) Der abwesende Körper – ein sozialgerontologisches Paradoxon
    KATZ, Stephen (2000) Geschäftige Körper: Aktivität, Altern und das Management des Alltagslebens
    BIGGS, Simon & Jason L. POWELL (2001) Eine foucauldianische Analyse des Alters und der Macht wohlfahrtsstaatlicher Politik
    Martha B. Holstein und Meredith Minkler (2003) Das Selbst, die Gesellschaft und die »neue Gerontologie«
  • 3. Die »jungen Alten« im deutschsprachigen Kontext

  • GÖCKENJAN, Gerd - Vom ›tätigen Leben‹ zum ›aktiven Alter‹: Alter und Alterszuschreibungen im historischen Wandel
    KONDRATOWITZ, Hans-Joachim von - Alter(n) in Ost und West: Der Wandel normativer Modellierungen des Alter(n)s in historisch vergleichender Perspektive
    LESSENICH, Stephan - Lohn und Leistung, Schuld und Verantwortung: Das Alter in der Aktivgesellschaft
    AUTH, Diana - Die ›neuen Alten‹ im Visier des aktivierenden Wohlfahrtsstaates: Geschlechtsspezifische Implikationen des produktiven Alter(n)s
    DYK, Silke van - ›Junge Alte‹ im Spannungsfeld von liberaler Aktivierung, ageism und anti-ageing-Strategien
    PICHLER, Barbara - Das biografisierte Alter: sozialpädagogische Formationen des autonomen alten Menschen
    SCHROETER, Klaus R. - Die Normierung alternder Körper – gouvernementale Aspekte des doing age
    SPINDLER, Mone - Natürlich alt? Zur Neuerfindung der Natur des Alter(n)s in der Anti-Ageing-Medizin und der Sozialgerontologie
  • 4. Ausblick

  • DYK, Silke van & Stephan LESSENICH - Die »jungen Alten« zwischen Aktivität und Widerstand
  •  
       

    Rezensionen

    fehlen noch
     
       

    Die jungen Alten als Produktivitätsreserve der altersintegrativen Gesellschaft

    OESTREICH, Heide (2013): Und dann die Rente mit 70.
    Altern: Die Politik tut zu wenig, um das Land demografiefest zu machen, meinen ExpertInnen - und legen einen ehrgeizigen Plan vor, Arbeiten bis 70 inklusive,
    in:
    TAZ v. 13.08.

    SCHMOLLACK, Simone (2013): Mehr Alte auf Arbeit als Alte auf der Couch.
    Leben: Die Menschen sind heute gesünder und besser ausgebildet. Anreize zur früheren Rente wurden gestrichen. Folge: Sie jobben, was das Zeug hält, hat das Institut für Bevölkerungsforschung rausgefunden,
    in:
    TAZ v. 15.08.

    SCHMOLLACK, Simone (2013): Nach den Gesetzen des Markts.
    Über Demografie und Rente,
    in:
    TAZ v. 15.08.

     
       

    weiterführende Links

     
         
       
     
       

    Bitte beachten Sie:
    single-generation.de ist nicht verantwortlich für die Inhalte externer Internetseiten

     
       
     
         
       
     
       
    © 2002-2015
    Bernd Kittlaus
    webmaster@single-generation.de Erstellt: 23. Januar 2011
    Update: 04. Oktober 2015