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Udo Di Fabio: Die Kultur der Freiheit

 
       
     
       
     
       
   

Udo Di Fabio in seiner eigenen Schreibe

 
   
  • DI FABIO, Udo (2003): Die Grundlagen der Gemeinschaft.
    Der Sozialstaat ist überspannt: Er gefährdet die soziale Gerechtigkeit. Auch unser Verfassungsverständnis muß der neuen Herausforderung angepaßt werden. Gerade unsere Grundrechtsinterpretation hat aus der Sicherheit einer wohlhabenden und stabilen staatlichen Gemeinschaft heraus manche Blüte getrieben, die den Blick auf die Grundlagen verdeckt,
    in: Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 22.10.

Der Verfassungsrichter DI FABIO verteidigt nicht die vertikale (soziale Ungleichheit), sondern nur die horizontale Gerechtigkeit (Ungleichheit der Lebensformen). Dies steht im Einklang mit Positionen von Jürgen BORCHERT und Hans-Werner SINN, die Kinderlose - unabhängig von ihrer sozialen Lage - gegenüber Haushaltsfamilien benachteiligen wollen:

"Die gesamte Sozialpolitik muß dem Umstand Rechnung tragen, daß Kinderlose mit Erwerbseinkommen weit größere Möglichkeiten zu freiem Konsum oder gerade auch zur Altersvorsorge besitzen als vergleichbare Einkommensbezieher mit Kindern. Wer das Rentenniveau senkt, weil die Beitragszahler weniger werden, sollte dies gebührend berücksichtigen".

Rente nach Kinderzahl - Der nicht erklärte Krieg gegen Singles

  • DI FABIO, Udo (2005): Gelebtes Glück überzeugt.
    Udo di Fabio plädiert für mehr Selbstbewußtsein im Umgang mit religiösen Minderheiten. Eine offene Gemeinschaft könne nur überleben, wenn sie ihre Identität pflegt und bestärkt,
    in: Welt am Sonntag v. 31.07.

  • DI FABIO, Udo (2005): Blick nach vorn im Streit.
    Zwischen Neoliberalen und Neosozialisten klafft ein Graben, der im diskursiven Brückenschlag zu überwinden wäre,
    in: Frankfurter Rundschau v. 24.09.

FABIO, Udo Di (2007): Was ist konservativ?
in: Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 26.07.

Der Verfassungsrichter Udo Di FABIO blickt auf ein Nachkriegsdeutschland zurück, das es nur in der verklärenden Rückschau gab:

"Was ist heute konservativ? Adenauer brauchte sich mit solchen Fragen nicht näher zu beschäftigen, weil die westdeutsche Nachkriegsgesellschaft in ihren Lebenseinstellungen durchweg konservativ war. Krieg, Verbrechen und Elend hatten tiefes Misstrauen gegen politische Heilsversprechungen erzeugt und in der erzwungenen Staatsferne der Nachkriegszeit wieder christliche Werte, aber auch Alltagsvernunft, den Wert des Zusammenhalts in Familien, Nachbarschaft und staatlicher Gemeinschaft in die Erfahrungswelt der Menschen eingeprägt. Doch die aus heutiger Sicht biedermeierlich wirkende Idylle, die es wegen der nicht verheilten Narben, des nicht einfach verschwundenen Gewaltpotentials und der Härte der Lebensverhältnisse so nicht gegeben hat, geriet in den sechziger Jahren unter kulturellen Druck, nicht nur in Deutschland, sondern in allen westlichen Gesellschaften."

 
       
   

Udo Di Fabio: Porträts und Gespräche

 
   

KERSCHER, Helmut (2005): Ein Konservativer in Rot.
Er gilt als Star unter den Juristen in Karlsruhe, und seine Werte entstammen einem rigidem Weltbild. Warum Verfassungsrichter Udo Di Fabio der Mann ist, der über die Neuwahl entscheiden könnte,
in: Süddeutsche Zeitung v. 14. 07.

DUBBE, Daniel (2005): Erschöpft nach einer durchtanzten Nacht.
Udo Di Fabio sieht Europa am Wendepunkt. Durch Hedonismus und Ichsucht schaden wir uns selbst,
in: Rheinischer Merkur Nr.42 v. 20.10.

SCHREIBER, Mathias/DOERRY, Martin/HIPP, Dietmar (2005): "Wir brauchen ein neues bürgerliches Zeitalter".
Verfassungsrichter Udo Di Fabio über die Neuwahlen, die Rückbesinnung auf tradierte Werte und sein neues Buch "Die Kultur der Freiheit",
in: Spiegel Nr.44 v. 31.10.

LAU, Jörg & Stephan LEBERT (2005): Kinder statt Urlaub.
Ein Gespräch mit Bundesverfassungsrichter Udo Di Fabio über die Wiederentdeckung der Familie, seine Herkunft aus dem Arbeitermilieu und über die Fehler der Konservativen,
in: Die ZEIT Nr.45 v. 03.11.

Im ZEIT-Interview von Jörg LAU & Stephan LEBERT geht es einmal quer durch den konservativen Gemüsegarten. Udo DI FABIO outet sich als später Vater und liegt damit in jenem Trend, der Autorinnen wie WINKELMANN oder DINKLAGE von einem Zeugungsstreik reden lässt. DI FABIO hält "eine Fehlgewichtung der Werte" für die Ursache des Kinderlosigkeit. Vielleicht ist die hohe Kinderlosigkeit aber einerseits auch nur ein statistisches Artefakt und andererseits das Ergebnis einer geschlossenen Gesellschaft? DI FABIOs Lebenslauf weist ja darauf hin, dass Aufsteiger offenbar erst relativ spät Kinder bekommen. Dabei war DI FABIO im Gegensatz zu heutigen Karrieristen ein Glückskind.  Wir werden im Zusammenhang mit unserer Kritik an Susanne GASCHKE genau diesem Aspekt besondere Aufmerksamkeit widmen.

FEDDERSEN, Jan & Susanne LANG (2005): "Ich bin kein Tugendwächter".
Er ist der konservative Star des Jahres - Udo Di Fabio, Verfassungsrichter und Autor von "Die Kultur der Freiheit". Was hat er nur am deutschen Zeitgeist zu meckern?
in: TAZ v. 31.12.

FEDDERSEN & LANG machen Udo Di FABIO in der taz salonfähig. Er wird dazu mit dem Flair des Rebellischen versehen. Das ging bekanntlich bereits beim Mopedrocker Friedrich MERZ daneben. Wer will heutzutage überhaupt noch Rebell sein, wenn konformistische Karrieristen wie MERZ und Di FABIO als jugendliche Rebellen posieren? Spätestens seit das Rebellentum mit Joschka FISCHER 1998 im Mainstream angekommen ist, ist der Hipster zum wahren Spießer avanciert. Wenn jetzt das Buch Konsumrebellen von HEATH & POTTER den Individualismus des Hipsters als wahren Konformismus entlarven will, dann tut es dies ausgerechnet in jenem historischen Moment, in dem der Autoritarismus des neuen Bürgertums - mit seinem Zwang zum Konformen - als alternativlos erscheint. HEATH & POTTER schwimmen damit wie Di FABIO mit dem Zeitgeist. Es sind nur die zwei Seiten der selben Medaille. In dem Moment, wo Di FABIO Farbe hätte bekennen müssen, haben FEDDERSEN & LANG das Gespräch in seichtes Fahrwasser gelenkt. Denn was ist ein halbherziges Bekenntnis zur Homoehe light - sozusagen auf Widerruf - wert, wenn Kinder nicht in ausreichender Zahl zur Welt kommen? Und wer definiert, was ausreichend ist? Di FABIO zeigt sich hier als Virtuose der medialen Spaßgesellschaft: die taz wird als Nullmedium vorgeführt...

 
       
   

Wachsende Wirtschaft und steuernder Staat (2010).
Berlin University Press

 
   
     
 

Klappentext

"Der Aufschwung beflügelt, die Rezession deprimiert

Die Wirtschaft bestimmt unser Schicksal. Für die Politik ist kein Thema wichtiger. Wirtschaft sozial gestalten und Wachstumskräfte fördern: das ist das Konzept des Sozialstaates.

Aber das Klima wird rauer. Die Gewichte verschieben sich in Regionen mit hohen Wachstumsraten, während Europa etwas erschöpft fragt, warum es nicht auch ohne Wachstum geht. Doch das Abkoppeln vom schnellen Zug weist keinen Weg in die Zukunft. Vielmehr muss bestehender Einfluss genutzt werden, um Prozesse klug zu steuern, die man nicht mehr kausal beherrschen kann. Gleichzeitig sollte die öffentliche Diskussion besser vorbereiten auf nötige Anstrengungen und innere Anpassungen.

Es gibt ein paar lose Fäden der öffentlichen Debatte, die zusammengeführt werden müssen. Denn wenn nicht über das zusammenhängende Ganze diskutiert wird und die Probleme sich in den spezialisierten Teilbereichen türmen, wird das Bedürfnis übermächtig, sie woanders hin zu verschieben oder sozialtechnisch zu verwalten. Die Folgen sind Überregulation und Verschuldung der öffentlichen Haushalte, während sich in der Gesellschaft Hinweise auf Integrationsversagen, Zunahme von Gewalt und Abnahme von Engagement und Zusammenhalt häufen."

 
     
 
       
   

Rezensionen

Neu:
STEINBEIS, Maximilian (2011): Die Fastenpredigt des Verfassungsrichters,
in: DeutschlandRadio v. 14.02.

 
   

Das Buch in der Debatte

BAHNERS, Patrick (2010): Di Fabio liest.
Udo di Fabio hat als Richter der Bundesverfassungsgerichts ein Lesepensum, das die Ausdauer eines türkischen Gemüsehändlers verlangt. Zudem schreibt er selbst. Im gerade erschienenen Buch setzt er sich kritisch mit Sarrazin und dem deutschen Bürgertum auseinander,
in: faz.net v. 08.10.

Infos zu: Patrick Bahners - Autor der Generation Golf

 
       
   

Die Kultur der Freiheit (2005).
Der Westen gerät in Gefahr, weil eine falsche Idee der Freiheit die Alltagsvernunft zerstört
München:
C. H. Beck

 
   
     
 

Klappentext

"Der westliche Lebensstil bestimmt den Rhythmus der Welt. Zugleich mehren sich Krisenzeichen. Im internationalen Wettbewerb gehen diejenigen Nationen und Weltregionen in Führung, die ein solides kulturelles Fundament haben. Erfolg haben Kulturen, die zur dynamischen Weltwirtschaft passen, Menschen motivieren, ihnen Mitte und Identifikation bieten. Wer seine kulturellen Kraftquellen nicht pflegt, steigt ab.

In Deutschland haben wir uns an alten Ideen und Mächten abgearbeitet und dabei Sinngehalte menschlicher Existenz verschüttet: Liebe, Intimität, Familie, die Erkenntnis, dass nur Kinder Zukunft bedeuten, Leistungswille, Achtung vor Anderen, Hilfsbereitschaft, religiöses Bekenntnis. Noch fehlen Konzepte, die persönlichen Erfolg, Glück und gemeinschaftliche Vitalität versprechen. Wir bekennen uns zur Freiheit, aber spüren wir auch ihren Eros?

Wir müssen den Aufbruch wagen in eine neue Epoche, mit einem Bürgerbegriff ohne soziale Schranken, mit weniger staatlicher Bevormundung, mehr Leistungsfreude, mehr Sinn auch für Gemeinschaften, ohne die individuelles Freisein gar nicht möglich wäre. Gemeinschaften sind nur vital, wenn in ihnen eine stimmige Alltagsvernunft gepflegt wird. Ohne sprachliche und historisch gewachsene Kulturgemeinschaft vermag der freie Mensch sich nicht zu entfalten."

Pressestimmen

Der "unablässig wiederholte Appell, das Glück, das nur Kinder schenken könnten, müsse endlich wieder anerkannt werden, (läßt einen) ratlos. An den Staat richtet er sich nicht, denn Umverteilung zugunsten der Familien liefe nur auf eine Variante der von Di Fabio perhorreszierten Sozialtechnologie hinaus, der die Kultur der Freiheit gerade entgegenarbeiten soll. Sind am Rückgang der Geburtenrate wirklich die Leitartikler schuld, die das bürgerliche Leben schlechtreden? Wenn man sich daran erinnert, daß das Thema des bürgerlichen Romans der Ehebruch ist, spricht vielleicht doch Weisheit aus dem vielgerügten Satz des laut DiFabio überragenden Staatsmanns Adenauer, Kinder bekämen die Leute sowieso."
(Patrick Bahners in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 25.07.2005)

 
     
 
       
   

Rezensionen

PRANTL, Heribert (2005): Furor und Gesetz.
Udo Di Fabios Erneuerung des Bürgertums aus altem Geist,
in: Süddeutsche Zeitung v. 16.07.

BAHNERS, Patrick (2005): Seid fruchtbar und belehret euch.
Der Verfassungsrichter Udo Di Fabio redet zur deutschen Nation,
in: Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 25.07.

MÜLLER-NEUHOF, Jost (2005): Neben dem Leben.
Der Verfassungsrichter Udo Di Fabio will den Konservatismus neu denken – und fällt in alte Muster,
in: Tagesspiegel v. 08.08.

Nach Meinung von MÜLLER-NEUHOF gibt längst die Familiengeneration Golf den Ton an, weswegen er Di FABIOs Buch Die Kultur der Freiheit für rückständig hält:

"Spätestens mit dem Ableben der Spaßgesellschaft ist der Single-Kult perdu. Udo Di Fabio mutmaßt Widerstand, wo oftmals keiner (mehr) ist. Er predigt den »Eros der Familiengründung« als Gegenentwurf zum isolationistischen Selbstverwirklicher, merkt dabei aber nicht, dass es zum Common Sense einer herangewachsenen und nunmehr erwachsenen Generation gehört, nicht gern allein zu sein. Er sieht den Mut zu mehr als zwei Kindern durch Medien und Trendsetter in Misskredit gebracht, übersieht aber, dass etwa im Berliner Baby-Boomer-Bezirk Prenzlauer Berg drei Kinder längst zum guten Ton der stilprägenden akademischen Mittelschicht gehören. Er beweint den Verlust der Ehre als gesellschaftlichen Wert und hat vor lauter Trauer nicht mitbekommen, dass deren zeitgemäßes Äquivalent, das Sozialprestige, sich mittlerweile auch nach anderen Faktoren bemisst als nur nach Einkommen und Wahl der Automarke.
          
Di Fabio hat für jemanden, der beständig die Alltagsvernunft beschwört, eine bemerkenswert lebensferne Zeitdiagnose abgeliefert."

ARNING, Matthias (2005): Aus Liebe zum Eigensinn.
Kämpferisch und penetrant: Udo Di Fabio wirbt für die Freiheit und sehnt sich nach einem Aufbruch in eine neue bürgerliche Epoche,
in: Frankfurter Rundschau v. 17.08.

Matthias ARNING lobt das Buch "Kultur der Freiheit" des Familienfundamentalisten Udo Di FABIO, weil es in de Tradition des libertären Konservatismus eines Paul NOLTE und Paul KIRCHHOF steht:

"Di Fabios Denken knüpft an den Historiker Paul Nolte und den Rechtswissenschaftler Paul Kirchhof an. Mit Nolte verbindet ihn das Verständnis der Brüderlichkeit als sozio-moralisches Substrat des Sozialstaats, mit Kirchhof teilt er das Bild des in staatlicher Verfasstheit lebenden Menschen als eines selbstbewussten, zur autonomen Gestaltung seines Lebens fähigen Wesens."

WEYH, Florian Felix (2005): Streitschrift wider den Zeitgeist.
Udo di Fabio: "Die Kultur der Freiheit",
in: DeutschlandRadio v. 19.08.

WEYH widerlegt die Überschrift des Beitrags: "Der Ton ist klar, entschieden und durchaus nicht frei von gepflegtem Ekel. Noch vor kurzem hätte er sich in so krassen Widerspruch zum Zeitgeist gesetzt, dass ein Hinweis auf »reaktionäres Gedankengut« genügte, jeden »anständigen« Intellektuellen am Weiterlesen zu hindern. Indes, die Zeiten sind nicht mehr vom uferlosen Liberalismus der Achtundsechziger geprägt, ihre kaum jüngeren Gegner aus der konservativ-bürgerlichen Fraktion streben die Diskursherrschaft an.
Udo Di Fabio ist dabei ein besonderes Schwergewicht."

RATH, Christian (2005): Drei Kinder für alle.
Udo Di Fabios Wertepredigt,
in: TAZ v. 20.08.

Christian RATH kritisiert das rückständige Familienbild von Di FABIO:

"Vitalität - das klingt nach Reformhaus und nach aktivem Altern. Doch bei Di Fabio geht es vor allem um Kinder. Eine Gesellschaft ist für ihn nur vital und lebensbejahend, wenn sie genügend Nachwuchs hervorbringt. Nun hat der 51-jährige Richter und Soziologe mit seiner Frau schon vier Kinder gezeugt und kann seine Botschaft damit glaubwürdig vertreten. Allerdings hat er den nicht ganz so Gebärfreudigen wenig mehr anzubieten als ein Plädoyer für die alte bürgerliche Familie mit der Mutter als emotionalem Mittelpunkt im Haushalt und dem »treu sorgenden« Familienvater in der »beruflichen äußeren Welt«.
          
(...).
Di Fabio ist ein Werteprediger, der sich in der Zeit geirrt hat. Er trauert alten Traditionen nach und kann den gemeinschaftsstiftenden Wert des Neuen nicht erkennen. Er ist letztlich selbst ein kulturkritischer Romantiker, der die westliche Welt so, wie sie nun mal ist, einfach nicht mag. Für die Mehrzahl der heute lebenden Menschen mit ihren individualisierten und pluralistischen Lebensentwürfen trägt er wenig Nützliches bei."

HEIDBRINK, Ludger (2005): Eros der Freiheit.
Udo Di Fabios Verteidigung der bürgerlichen Gesellschaft,
in: Neue Zürcher Zeitung v. 07.09.

"Wenn man genauer hinschaut, finden sich zwischen den Zeilen Spenglers Untergangsphilosophie wieder, die Entzauberungskritik von Klages, Nietzsches Erneuerung des Mythos, aber auch Adornos Lob des Nichtidentischen",

meint Ludger HEIDBRINK zum Buch Kultur der Freiheit von Udo Di FABIO, den er als zeitgemäßen Konservativen charakterisiert.

GEYER, Christian (2005): Udo Di Fabios Kindermanifest.
Das Sachbuch des Jahres,
in: Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 12.09.

Christian GEYER singt ein Loblied auf das Buch von Udo Di FABIO. Anknüpfend an den Erfolg der Schwarzen Visionen der 80er Jahren, bei denen mittels Betonung der Wahlfreiheit  die Aufwertung der Hausfrauenfamilie betrieben wurde, bezeichnet GEYER den Ansatz von Di FABIO als

"postkonventionell und selbstbestimmt: Wir können auch anders!".

Ziel dieser Symbolpolitik ist die Akzentuierung der Demographiedebatte als Wertedebatte, bei der die Schaffung politischer Rahmenbedingungen für die Vereinbarkeit von Beruf und Familie sekundär ist.
Mittel hierzu ist

"das öffentliche Sprechen über die privaten Gründe und Gegengründe für die Lebensform Familie".

Kinderlose, seht endlich ein, dass nur Kinder ein erfülltes Leben ermöglichen, will uns das durch die Blume sagen. Für GEYER ist Di FABIO ein Verbündeter im Geiste des Paul KIRCHHOF.

ULLRICH, Volker (2006): Der Nationalsozialismus als heimtückische Krankheit.
Udo di Fabios "Kultur der Freiheit" (I),
in: Frankfurter Hefte/Neue Gesellschaft, April

Der Historiker ULLRICH kritisiert, dass die deutschen Historiker zum Geschichtsbild des Verfassungsrichter geschwiegen haben. Er sieht bei Di FABIO den

"Versuch, sich die deutsche Geschichte so zurecht zu biegen, dass sie wieder zum Anknüpfungspunkt für ein positives nationales Selbstbild werden kann."

LENK, Kurt (2006): Familie, Nation und Religion.
Udo di Fabios "Kultur der Freiheit" (II),
in: Frankfurter Hefte/Neue Gesellschaft, April

"Das Hohe Lied der vielköpfigen Familie, das derzeit vielstimmig ertönt, steht (...) in eklatantem Widerspruch zur gleichzeitig erhobenen realen Forderung nach mehr Flexibilisierung und Mobilisierung der Arbeitskraft, dem ehernen Imperativ der drohenden Globalisierung", kritisiert Kurt LENK.

 
   

Udo Di Fabio und das Buch in der Debatte

KISTENFEGER, Hartmut (2005): Konservativer Rebell.
Der Richter mit den brisantesten Fällen in Karlsruhe, Udo Di Fabio, rechnet mit deutscher Politik und Seelenlage ab,
in: Focus Nr.25 v. 20.06.

KISTENFEGER berichtet, dass der Richter des Bundesverfassungsgerichts ein Buch mit dem Titel Die Kultur der Freiheit geschrieben hat, das noch vor der Bundestagswahl erscheinen soll. KISTENFEGER preist das Buch als "Manifest der Konservativen, ein Buch für die Wende-Zeit".

HANK, Rainer (2005): Was ist heute konservativ?
Die Union muß wieder konservativ werden. Sie muß sagen, warum zunächst die Freiheit kommt. Und dann erst die Gleichheit,
in: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung v. 24.07.

Rainer HANK lobt den Oswald SPENGLERschen Furor von DI FABIO, der sich in seinem Buch Die Kultur der Freiheit nicht davor scheut unsere Situation mit dem Untergang des römischen Reiches gleichzusetzen. Denn um dem libertären Konservatismus (PRANTL) des Udo DI FABIO überhaupt etwas abgewinnen zu können, ist nichts weniger als der Ausnahmezustand (z.B. Trümmerlandschaften wie in den goldenen 50ern) notwendig. HANK deutet wie DI FABIO das Subsidiaritätsprinzip, bei dem der vereinzelten Familie die Lasten der modernen Gesellschaft aufgebürdet werden, als Verkörperung christlicher Nächstenliebe. Durch Rechtsgleichheit soll die Entfaltung der "natürlichen Ungleichheit" gesichert werden. Angesichts des Mythos von den Leistungseliten bedeutet dies, dass die Zunahme sozialer, d.h. herkunftsbedingter, Ungleichheit bewusst in Kauf genommen wird.

BRINK, Nana (2005): "Manifest einer politischen Nostalgie".
Rupert von Plottnitz über das Buch "Die Kultur der Freiheit",
in: DeutschlandRadio v. 28.07.

ADAM, Konrad (2005): Konservative Provokation.
Udo Di Fabios neue Streitschrift,
in: Welt v. 04.08.

Konrad ADAM nimmt das Buch zum Anlass, um über seine Lieblingsthemen zu räsonieren.

GREINER, Ulrich & Elisabeth von THADDEN (2005): Aufbruch in eine neue bürgerliche Epoche.
Haben wir einen falschen Begriff von Freiheit? Das Buch des Verfassungsrichters Udo Di Fabio plädiert für einen streitbaren Konservatismus und eine neue bürgerliche Epoche. Was spricht dafür? Ein Pro und Contra,
in: Die ZEIT Nr.33 v. 11.08.

Ulrich GREINER (Pro) und Elisabeth von THADDEN (contra) besprechen das Buch Kultur der Freiheit von Udo Di FABIO.

DÜCKERS, Tanja (2005): Die Kinderliebe in Zeiten von "24/7".
Moderne Arbeitsverhältnisse fördern keine Tugend,
in: Frankfurter Rundschau v. 17.09.

Tanja DÜCKERS kritisiert die wertkonservativen Vorstellungen von Udo Di FABIO ("Die Kultur der Freiheit"). Für DÜCKERS sind junge Kinderlose potentielle Eltern, die mit paradoxen Anforderungen konfrontiert sind:

"Prekäre Arbeitsverhältnisse betreffen nun genau diejenigen, von denen eigentlich »erwartet« wird, daß sie Nachwuchs zeugen. Während früher Akademiker mit 30 in Lohn und Brot standen und mit 40 ein eigenes Haus beziehen konnten, warten Uni-Dozenten jetzt oft noch bis weit übers 50. Lebensjahr hinaus auf einen geregelten Arbeitsvertrag. Wer dann endlich fest im Sattel sitzt, ist aus dem Alter heraus, in dem er - in Verantwortung für Kinder - ein verläßliches Einkommen und eine gewisse Vorhersehbarkeit der beruflichen Situation vonnöten hätte. Doch bei di Fabio - er selbst nicht gerade von prekären Arbeitsverhältnissen betroffen - scheint die Zunahme von Patchworkfamilien, Kinderlosigkeit und so etwas wie »mangelndem Gemeinsinn« lediglich auf eine korrigierbedürftige »Haltung« zurückzuführen zu sein. Als gäbe es zum Beispiel keine ungewollte Kinderlosigkeit (...)."

BRUMLIK, Micha (2005): Familie, Ehre, Barmherzigkeit.
Mit "Kultur der Freiheit" legt der Verfassungsrichter Udo di Fabio das geistige Fundament einer Regierung Merkel,
in: Frankfurter Rundschau v. 17.09.

LÜDERSSEN, Klaus (2005): Die Freiheit des Boxers.
Ein gesellschaftliches Dilemma wird anschaulich
Mehr Mut zur Freiheit wird gefordert und das bequeme Spekulieren auf staatliche Fürsorge verspottet. Doch ist die Frage nach dem richtigen Verhältnis von Liberalität und Sozialem längst nicht beantwortet
,
in: Frankfurter Rundschau v. 17.09.

ALTENBURG, Matthias (2005): Die Freiheit der wenigen.
Von den großen Zielen der französischen Revolution ist nur ein bürgerlicher Wert übrig geblieben: das Geld,
in: Frankfurter Rundschau v. 15.10.

Für Matthias ALTENBURG beruht der Erfolg von Di FABIO vor allem auf dem Fehlen von ernstzunehmenden Gegenspielern:

"Di Fabios Buch (...) ist ein Lamento. Erst weint es den suspendierten Tugenden des Bürgertums nach, dann will es sie wieder herbei plädieren. Herausgekommen ist nicht mehr als ein reichlich verschwitzter Leitfaden für den denkfaulen Spießer. Die alten Werte werden aufgewärmt, und so schmecken sie dann auch. Mit evangelikalem Eifer fordert er eine Rückbesinnung auf Liebe, Intimität, Kinder, Familie und Achtung vor dem Alter - Ein Wanderprediger Angela Merkels, der das Dekor für die müden Sonntagvormittage auf den Parteitagen liefert.
          
Di Fabio hat nicht mehr zu bieten als alle kecken Mucker des deutschen Idealismus seit zweihundert Jahren. Dennoch hat sein Traktat ein heftiges Flügelschlagen im politischen Feuilleton ausgelöst, was einzig darauf hindeutet, dass auch unter den vermeintlichen Gegnern eine profunde Ratlosigkeit herrscht."

FRANZEN, Günter (2005): Vom Nutzen der Kinder,
in: DeutschlandRadio v. 01.11.

Günter FRANZEN, der zuletzt mit Die Söhne sterben vor den Müttern erregte, springt nun Paul KIRCHHOF und Udo DI FABIO zur Seite, um deren Familienbild zu verteidigen:

"Dass mit Udo di Fabio nun ein zweiter leibhaftiger Verfassungsrichter in den Ring klettert, um sich mit seinem Buch »Die Kultur der Freiheit« und dem Plädoyer für die Wiedergewinnung des Kindes als gesellschaftliches Leitbild den Zorn der Menschen einzuhandeln, die keine Kinder haben oder keine wollen, spricht für die erstaunlichen Nehmerqualitäten eines Berufsstandes, dessen Quartier bislang eher auf dem entrückten Karlsruher Olymp als in den Niederungen des Berliner Marktplatzes vermutet wurde",

erklärt uns FRANZEN bewundernd. Single-generation.de sieht die Sache anders. Nicht etwa, weil Udo DI FABIO für das Kinderkriegen plädiert (das ist sein unbestreitbares Recht), ist der Verfassungsrichter zu kritisieren, sondern weil er sich dabei einer VERLOGENEN SINGLE-RHETORIK bedient. Wir haben DI FABIOs Interview im Spiegel vom 31.10.2005 analysiert. Dort wird eben nicht nur gegen Kinderlose polemisiert, sondern die Attacke richtet sich implizit auch gegen Eltern in modernen Familienverhältnissen. Diesen Schluss muss man ziehen, wenn man DI FABIOs Single-Rhetorik - wie wir - wortwörtlich nimmt. Mit der vordergründigen Kritik an der Single-Ästhetik geht bei DI FABIO zugleich eine Single-Rhetorik einher, die als Affront gegen Alleinerziehende, Mitglieder von Patchwork-Familien und angeblich kinderlose Alleinlebende zu verstehen ist. Eltern, die keine Wirtschaftsgemeinschaft führen, gelten DI FABIO schlichtweg als verantwortungslos.  Dies müssen wir aus seinem Fingerzeig auf die Einpersonenhaushalte schließen, denn dahinter verbergen sich u.a. diese modernen Familienverhältnisse. Wer wie DI FABIO im Spiegel-Interview behauptet, dass in deutschen Großstädten 50 % der Menschen Singles sind, worunter üblicherweise allein lebende Partnerlose bzw. Kinderlose verstanden werden, der sollte sich dafür rechtfertigen müssen, denn wir haben nachgewiesen, dass dies falsch ist.  Wir haben für jeden nachvollziehbar aufgezeigt, dass DI FABIO Lügen verbreitet, deren Verbreitung keineswegs geduldet werden darf. Schon gar nicht, wenn Werte wie Anständigkeit und Aufrichtigkeit von DI FABIO eingefordert werden.

HANK, Rainer (2005): Der Reformer des Jahres 2005 heißt Udo Di Fabio,
in: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung v. 27.11.

Wie wird man in diesem Land Reformer des Jahres? Unabdingbar ist, dass man gegen Kinderlose pöbelt. Der Aufsteiger und Langzeit-Kinderlose Udo DI Fabio pöbelt gegen seinesgleichen. Das kommt gut an. Erfolgreiche späte Väter schreiben gerne Bücher, in denen sie Vaterschaft lobpreisen und Kinderlosigkeit verdammen. Dies passt zu einer geschlossenen Gesellschaft, in der die Geburtselite das Sagen hat und der Preis des Aufstiegs Kinderlosigkeit ist. Statt jedoch die bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie für Aufstiegswillige zu fordern, versuchen sie Kinderlosigkeit zu dämonisieren. Dies ist egoistisch, verlogen und feige!

LAU, Mariam (2005): Bis der Arzt kommt.
Ein neuer Typ des Konservativen: engagiert, wütend, aber ohne Ressentiment, bringt Irritation in den Konsens der Sozialingenieure,
in: Welt v. 28.11.

Mariam LAU sieht in Udo Di FABIO einen neuen Typus des Konservativen:

"Vom klassischen Kulturkonservatismus, der bei der Straßenbahnfahrt die Nase über den Schweißgeruch der Massen rümpft und Zeiten ersehnt, in denen jeder wieder weiß, wo sein Platz ist, unterscheidet sich der mitfühlende Konservatismus der Di Fabios oder Dalrymples vor allem durch das Engagement."

MISIK, Robert (2005): Die Freiheit, die sie meinen.
Mehr Wert: Udo di Fabio ist für sein Buch "Die Kultur der Freiheit" zum "Reformer des Jahres 2005" ausgerufen worden. Warum gibt es eigentlich eine solche Sehnsucht nach intelligenten Konservativen? Und warum ist der moderne Konservativismus so ein intellektuelles Desaster?
in: TAZ v. 08.12.

Robert MISIK muss zugeben, dass genial dagegen längst keine Domäne der Linken mehr ist, sondern die neuen Reaktionäre - hier in der Person von Udo Di FABIO - haben den Rebellengestus der Gegenkultur erfolgreich übernommen:

"Zentral bei dieser Operation ist die Umdeutung des Begriffes der Freiheit: statt Freiheit von knechtenden Traditionen und Institutionen zur Freiheit, Traditionen und Werte zu akzeptieren - was als ein rebellischer Akt dargestellt wird, wider Zeitgeist und gesellschaftliche Imperative. Damit erweisen sich solche Gedankenreihen anschlussfähig an eine gewisse Ermüdung im linksliberalen Milieu. Wenn jeder Bruch mit Konventionen nur mehr der Geburtsakt einer neuen Mode ist, jede rebellische Geste nur mehr ein Zitat von Altbekanntem, dann ist nicht nur ein Überdruss an der Rebellion gegen Hergebrachtes folgerichtig - dann ist die Lobpreisung von Sitte und Manieren die schärfste Rebellion, der ultimative Thrill."

Leider kommt MISIK über eine selbstgefällige Analyse linker Selbstreferentialität nicht hinaus. Georg FRANCKs Ökonomie der Aufmerksamkeit dient als Selbstrechtfertigung. Tatsächlich steckt die Poplinke in einer selbstverschuldeten Krise, die keineswegs nur damit zu tun hat, dass sie sich mit dem Hedonismus verbündet hat:

"Das Bündnis, das die 68er-Revolte und die Alternativbewegungen mit dem Hedonismus eingegangenen sind, ist nur eine der Ursachen für das widersprüchliche Verhältnis der Linken zu Werten".

Wenn MISIK den neuen Reaktionären die Verachtung der Massen unterstellt, dann muss gefragt werden, wie es die Poplinke damit hält. Offenbar ist sie nicht besser als ihre Gegenspieler. Es reicht nicht mehr, einfach nur zu behaupten, dass man die besseren Partys feiert...

LAU, Jörg (2006): Experimenteller Konservatismus.
Udo Di Fabios "Kultur der Freiheit",

in: Merkur Nr.681, Januar

Der Antifeminist Jörg LAU sieht in Udo Di FABIO die Ikone einer neokonservativen, linken Bürgerlichkeit, die endlich das Dilemma des Konservatismus beseitigt:

"Deutschland ist heute unter den großen westlichen Demokratien ein Sonderfall darin, daß es hierzulande keinen Gesellschaftsentwurf rechts der Mitte gibt, der als Gegenstand allgemeiner Debatten taugte.
Udo Di Fabio hat das Zeug, diese Lage zu verändern."

Was ist so sexy an diesem Konservativen? Es hat weniger etwas mit Di FABIO zu tun, sondern vielmehr mit der Art und Weise, wie er von neubürgerlichen Journalisten zum Rebellen wider die Rebellen stilisiert wird. LAU wendet hier die gleiche Methode wie Jan FEDDERSEN an, um Di FABIO in jenen neubürgerlichen Kreisen salonfähig zu machen, die sich immer noch durch einen antibürgerlichen Affekt auszeichnen. Diese Art der Antibürgerlichkeit von der Stange, findet sich immer wieder in dem Buch schöne junge welt von Claudius SEIDL, das diesem Typus des Neobourgeois ein Denkmal setzt. Dieser antibürgerliche Affekt ist gleichzeitig der Hebel, an dem die Methode LAU und FEDDERSEN ansetzt, insofern Di FABIO zum typischen antibürgerlichen Bürger stilisiert wird, und der Linke als wahrer Spießer erscheint:

"Das ursprünglich einmal reklamierte Lustprinzip, so Di Fabio, sei im Zuge der Revolte »linksviktorianisch denaturiert worden, der prickelnde Unterschied von Frauen und Männern geleugnet und unter Diskriminierungsverdacht gestellt«."

Vor diesem Hintergrund erscheint dann Kinderkriegen richtiggehend sexy! Denn nichts anderes liegt den Sympathisanten des Udo Di FABIO mehr am Herzen. Nicht wegen des Crashs der Sozialsysteme (völlig unsexy!), sondern weil Kinderlosigkeit ein

"Symptom der Lebensangst und der mangelnden Vitalität ist".

Mit dieser Logik lässt sich dann auch die nationalkonservative Position der  Einwanderungsgegner und fanatischen Unterjüngungs-Theoretiker begründen:

"Warum sollten sich Migranten aus einer vitalen Herkunftskultur in eine Gesellschaft integrieren, die durch ihren Zeugungs- und Gebärstreik ersichtlich macht, das sie nicht an sich selbst glaubt?"

Wer von Zeugungs- und Gebärstreik spricht, der beruft sich dabei implizit auf ein bestimmtes demografiepolitisches Konzept, das er jeder politischen Debatte entziehen möchte. Wenn jede Entgegnung darauf bereits als spießig gilt, dann ist die kulturelle Hegemonie gesichert.

WERBER, Niels (2006): Gemeinsam für Heimat.
Udo di Fabio und das intellektuelle Profil der Großen Koalition,
in: Frankfurter Rundschau v. 24.01.

Im Gegensatz zu Jörg LAU kann Niels WERBER dem FAS-Reformer des Jahres Udo DI FABIO nichts abgewinnen. Er beschreibt die Wahlverwandtschaften zwischen der Wertebeschwörung der Großen Koalition und dem Denken von DI FABIO:

"Weniger Staat, mehr Familie, weniger kalte Sozialtechnologie, mehr lebendige Gemeinschaft. Das passt nicht schlecht zu einer Regierung, die sich zugleich Deregulierung (weniger Sozialtechnologie) und Solidarität (mehr Gemeinschaftlichkeit) auf die Fahne schreibt."

Gegen die wurzellose Gesellschaft soll die substanzielle Gemeinschaft gesetzt werden. Für WERBER hängt die Ablehnung von Singles  und kinderlosen Paaren eng mit dem Gemeinschaftsbegriff von DI FABIO zusammen, der seine Nähe zur Volksgemeinschaft nicht verleugnen kann. Er kommt deshalb zum Schluss:

"Im Jahre 1887 hat Ferdinand Tönnies in Gesellschaft und Gemeinschaft die Gesellschaft als mechanisches Aggregat und Artefakt definiert, welche den Einzelnen gegen alle übrigen isolieren, und die Gemeinschaft als natürliche Ressource verstanden, die den ganzen Menschen einbezieht und mit gemeinsamen Werten und Traditionen bindet. Das Begriffspaar hat eine unheilvolle Karriere hinter sich, deren Höhepunkt die Volksgemeinschaft des Nationalsozialismus darstellt. Sie fortzuschreiben, ist zumindest unüberlegt, auch wenn man sicher der Ansicht sein kann, dass die sozialtechnische Mechanik der Politik heute zu kostspielig geworden und es an der Zeit ist, den allverantwortlichen Staat zurecht zu stutzen. Die Gesellschaft mit einem reaktionären Begriffspaar aus dem 19. Jahrhundert zu beschreiben, wird jedenfalls nicht viel helfen, denn unsere Probleme sind nicht die der Gründerzeit - und nicht einmal die wären mit größeren Familien oder mehr Liebe zum Nächsten und zur Nation zu lösen gewesen."

WERBER, Niels (2006): Die neue Volksgemeinschaft.
Der ultimative Test zur Einbürgerung: Nur wer im Ernstfall bereit ist, für Deutschland zu sterben, ist Deutscher. Wo die aktuelle Integrationspolitik landet, wenn sie "Du bist Deutschland" mit Gemeinschaftstheoretikern wie Udo di Fabio kombiniert,
in: TAZ v. 01.02.

Niels WERBER führt seine Kritik an Udo Di FABIO weiter aus: "Di Fabio, der gelegentlich als Systemtheoretiker bezeichnet wird, weil er Luhmann zitiert, würdigt zwar die nach »sozialen Funktionen gegliederte Gesellschaft« als effizient, doch erzeuge dieses sozialtechnische »Ensemble« weder ein »Gemeinschaftsethos« noch ein »auch positive Inhalte umfassendes Wertesystem«. Die Gesellschaft lasse den Menschen »bindungslos« allein, die »Autonomie« der Systeme sei zu einer »argen Last« geworden.
          
Luhmanns kühle Beschreibung der Moderne wird so an entscheidender Stelle revidiert: Der ganze Mensch, den die Systemtheorie links liegen lässt und nur in Form seiner Funktionsrollen beobachtet, soll wieder integriert werden, und da sich die funktionsdifferenzierte Gesellschaft zwar für Steuerzahler, Patienten, Klienten, Kunden oder User, nicht aber für »den Menschen« hinter den Rollen interessiert, soll die Gemeinschaft den Menschen substanziell als ihren Teil aufnehmen.(...). Hierzulande seien leider die naturwüchsigen »Grundlagen der Gemeinschaft erodiert« (...). Um sie zu erneuern, müsse Deutschland wieder zu einer »vitalen und selbstgewissen« Gemeinschaft werden (...).
          
Genau dieses Ziel hat sich die nach eigenen Angaben »größte Social-Marketing-Kampagne in der Mediengeschichte der Bundesrepublik« gesetzt. (...) »Du bist 82 Millionen.« Du bist Teil einer »Schicksalsgemeinschaft«, wie di Fabio formuliert, die gemeinsam erinnert, jubelt, arbeitet und teilt.
Prima, aber »Schicksalsgemeinschaft zu sein« heißt im Zweifel auch, so di Fabio weiter, »sein Leben im Kampf für die Gemeinschaft zu opfern«. Dieser Gemeinschaftsbegriff löst sich von ethnischen, sozialen oder religiösen Differenzierungen (...). Wer im Ernstfall bereit ist, für Deutschland zu sterben, ist Deutscher. Wer nicht, dem mangelt es an Integrationsbereitschaft."

 
     
   

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Update: 25. April 2015