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Walter Siebel: Polarisierte Städte

 
       
   

Kurzbiographie

 
       
   

Walter Siebel in seiner eigenen Schreibe

 
   

HÄUßERMANN, Hartmut & Walter SIEBEL (1985): Plädoyer für eine andere Großstadtpolitik.
Immer mehr Städte verlieren Teile ihrer Wirtschaftskraft, immer mehr Bewohner Teile ihres Einkommens. Wird es auch in der Bundesrepublik Bilder geben wie in der Bronx oder in Liverpool? Die Chancen des Schrumpfens,
in: Die ZEIT Nr.13 v. 22.03.

HÄUßERMANN, Hartmut & Walter SIEBEL (1988): Die schrumpfende Stadt und die Stadtsoziologie. In: Jürgen Friedrichs (Hg.) Soziologische Stadtforschung, Sonderheft 29 der Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, S.78-94

KULTURAUSTAUSCH-Schwerpunkt: Die Zukunft der Stadt.
Explodieren Schrumpfen Konkurrieren

SIEBEL, Walter (2006): Wir Kleingeister.
Warum wir nicht immer nur über Wachstum nachdenken sollten. Auch Schrumpfen kann gut sein,
in:
Kulturaustausch, H.3

Für Walter SIEBEL ist das Wachstum der Städte auch mit dem Aufstieg und Untergang der Industriegesellschaft verbunden:

"Schrumpfende Städte sind nichts grundsätzlich Neues. (...). Erst seit der Industrialisierung ist die europäische Stadt identisch mit dem Wachstum der Bevölkerung, der Arbeitsplätze und der bebauten Flächen. Mit dem Rückzug der Industriegesellschaft begannen deshalb Städte wie Manchester, Liverpool oder das Ruhrgebiet auch wieder zu schrumpfen. Heute überlagern sich in Deutschland die Effekte ganz unterschiedlicher Entwicklungen: der Wandel von der Industrie- zur Dienstleistungsgesellschaft, die Transformation vom Sozialismus zum Kapitalismus und die massiven demografischen Veränderungen."

SIEBEL sieht den Einwohnerrückgang nicht als naturgegebenes Gesetz, sondern die Politik könne dem entgegenwirken:

"Wie viele Menschen künftig in der Bundesrepublik leben werden, hängt von drei Faktoren ab: der Geburtenzahl, dem härtesten Datum der Prognosen, der Entwicklung der Lebenszeit und der Einwanderung. Nach sehr optimistischen Prognosen könnten die Einwohnerzahlen sogar bis 2050 konstant bleiben. Allerdings müssten dazu 300.000 Menschen jährlich zuwandern, und die Lebenszeit müsste sich stärker als bisher angenommen verlängern. Damit verschöbe sich die Problematik von quantitativen zu qualitativen Fragen: Das Gesundheitswesen, die Integrationspolitik und das Bildungssystem wären sehr viel stärker gefordert."

Der Bevölkerungsrückgang ist zudem nicht identisch mit einem Rückgang der Nachfrage nach Wohnungen:

"Beispielsweise ist trotz Abwanderung in den neuen Bundesländern zehn Jahre nach der Wende die Zahl der Haushalte und damit die Nachfrage nach Wohnungen um über 300.000 gestiegen. Wenn heute dort über eine Million Wohnungen leer stehen, so ist das keineswegs nur Folge der Bevölkerungsverluste."

Auch die Entwicklungen im Bereich der sozialen Sicherungssysteme sieht SIEBEL weniger dramatisch:

"Aber worin liegt der Unterschied, wenn in den fünfziger Jahren des vorigen Jahrhunderts in einer traditionellen Familie ein berufstätiger Mann - neben seinen Abgaben für die Sozialversicherungen - eine Hausfrau und zwei Kinder zu ernähren hatte, zu heute, wenn ein Berufstätiger vielleicht zwei ältere Menschen und ein Kind unterhält? Die Relation zwischen Erwerbstätigen und Nicht-Erwerbstätigen hat sich dann gar nicht geändert, sondern die Art und Weise, in der die Gesellschaft die Transfers organisiert: früher innerhalb des Verwandtschaftssystems und informell, heute politisch organisiert über Sozialversicherungssysteme und Geldzahlungen. Dadurch sind die Belastungen nicht unbedingt gestiegen, aber sie sind sichtbarer und politisierter."

Das entscheidende Problem der Kommunen sieht SIEBEL in der jetzigen Gemeindefinanzierung, bei der die Finanzen eng an die Einwohnerzahl gekoppelt sind. Er plädiert deshalb für eine Gemeindefinanzreform, die eine Entkopplung anstrebt:

"Wachstum produziert Kosten, aber ihm folgen auch Einnahmen. (...). Beim Schrumpfen müssen Gebäude und Infrastruktur zurückgebaut werden, aber diese Kosten können von verschwundenen Nutzern schlecht eingefordert werden."

SIEBEL, Walter (2011): Städte in der Krise? In: Siegfried Frech & Richard Reschl (Hg.) Urbanität neu planen. Stadtplanung, Stadtumbau, Stadtentwicklung, Wochenschau Verlag, S.18-39,

 
       
   

Polarisierte Städte (2013).
Soziale Ungleichheit als Herausforderung für die Stadtpolitik
(herausgegeben zusammen mit Martin Kronauer)
Frankfurt a/M: Campus Verlag

 
   
     
 

Klappentext

"Seit Längerem polarisiert sich die Sozialstruktur in den entwickelten westlichen Ländern, so auch in Deutschland. Vor diesem Hintergrund behandelt der Band die wachsende soziale Ungleichheit in den Städten und deren Folgen für die sozialräumliche Struktur der Stadt. Dem stehen kulturelle, politische und ökonomische Potenziale gegenüber, auf die die gegenwärtige und zukünftige Stadtpolitik zurückgreifen kann: etwa die Rekommunalisierung privatisierter Dienste oder die Entwicklung in benachteiligten Quartieren, hier besonders die Schulpolitik. Die Beiträge - bezogen auf deutsche, europäische sowie amerikanische Städte und Politikansätze - bündeln die Fragen der aktuellen Stadtforschung und Stadtpolitik."

 
     
 
       
   

Die Beiträge des Buches

KRONAUER, Martin & Walter SIEBEL - Einleitung: Die Aktualität der Polarisierungsthese für die Stadtforschung

I.Polarisierungen

PRÉTECEILLE, Edmond - Die europäische Stadt in Gefahr
GORNIG, Martin & Jan GOEBEL - Ökonomischer Strukturwandel und Polarisierungstendenzen in deutschen Stadtregionen
FRANK, Susanne - Innere Suburbanisierung? Mittelschichteltern in den neuen innerstädtischen Familienenklaven
BAUR, Christine - Die Verantwortung der Schulen für die Integration der Stadtgesellschaft in Deutschland
HAMNETT, Chris - Welche Bedeutung hat schulische Bildung für die städtische Integration?

II. Potenziale

LÄPPLE, Dieter - Produktion zurück in die Stadt?
HILLMANN, Felicitas - Marginale Urbanität als neue Form der Integration in die Stadtgesellschaft
WURTZBACHER, Jens - Städtische Integration durch Sicherheits- und Kontrollpolitik?
HOLM, Andrej & Henrik LEBUHN - Die Stadt politisieren: Fragmentierung, Kohärenz und soziale Bewegungen in der "Sozialen Stadt"

III. Politik

KAZEPOV, Yuri - Die neuen Grenzen sozialer (Stadt-)Bürgerschaft: Die Stadt in den Mehr-Ebenen-Governance-Strukturen Europas
WOLLMANN, Hellmut - Öffentliche Dienstleistungen zwischen munizipalem und privatem Sektor: "Comeback" der Kommunen?
HUNGER, Bernd - Städtisches Wohnen am Scheideweg: Anforderungen an die Wohnungs- und Stadtentwicklungspolitik
WALTHER, Uwe-Jens & Simon GÜNTNER - Aufstieg und Fall der sozialen Stadtpolitik in Europa - Das Ende einer Ära?
MOLLENKOPF, John - Stadtteilpolitik: Lehren aus den USA

IV. Ausblick

KRONAUER, Martin/SIEBEL, Walter/WALTHER, Uwe-Jens - Wie könnte es weitergehen? Perspektiven der Stadtsoziologie

 
   

Beiträge von single-generation.de zum Thema

Demografie und Demokratie: Wie ein Buch dem Zeitgeist der Demographisierung gesellschaftlicher Probleme erliegt und dadurch die Konflikte um den Wohlfahrtsstaat noch zusätzlich verschärft

Deutsche Kommunen im demografischen Wandel. Oder: Wie die Demographisierung gesellschaftlicher Probleme die deutsche Politik bestimmt

 
       
   

Städte in der Krise? (2011).
In: Siegfried Frech & Richard Reschl (Hg.) Urbanität neu planen. Stadtplanung, Stadtumbau, Stadtentwicklung, Wochenschau Verlag, S.18-39

 
   
     
 

Inhaltsverzeichnis

Urbanisierung als gesellschaftlicher Umbruch
Brüche in der Wohnungs- und Stadtpolitik
Suburbanisierung und soziale Segregation
Finanzielle und kommunalpolitische Folgen der Suburbanisierung
Spaltung zwischen wachsenden und schrumpfenden Städten

Globalisierung
Sozioökonomischer Strukturwandel
Wiedervereinigung und Transformation
Demographische Veränderungen
Neue regionale Disparitäten

Ungleichgewicht zwischen Ost und West
Weitgehend hilflose Raumordnungs- und Regionalpolitik
Innere Spaltung der Städte und Verlust der Integrationsfunktion
Quartiere der Ausgrenzung
Tendenzen zur Spaltung der Stadtstruktur
Krise der Städte?

Zitate:

Die Bevölkerungsentwicklung bis 2050

"Die Zahl der deutschen Bevölkerung sinkt. Bei der - optimistischen - Annahme einer jährlichen Netto-Zuwanderung von 200.000 Menschen würde sich die Einwohnerzahl der Bundesrepublik im Jahre 2050 immer noch mindestens um die Einwohnerschaft von Niedersachsen verringern. Der Anteil der über 60-Jährigen steigt bis 2050 auf 37 Prozent, der der Hochbetagten über 80 auf 12 Prozent, gleichzeitig sinkt der Anteil der unter 20-Jährigen auf 16 Prozent."
(2011, S.26)

Die Krise der Stadt

"Die deutschen Städte stehen an einem Wendepunkt ihrer Entwicklung (...). Die heutigen Krisentendenzen entfalten sich unter den Bedingungen einer historisch einmalig langen Periode des Friedens und des Wohlstands. Aber wenn man unter Krise erstens den Bruch bis dahin dominanter Trends versteht, zweitens den Verlust von für die Stabilität eines Systems relevanten Funktionen und drittens das Versagen der politischen Steuerung angesichts dieser Situation, dann ist in der Tat auch heute von einer Krise der Stadt zu sprechen. Diese Krise hat zwei Gesichter:
- Der Bruch des bislang einheitlichen Modells von Stadtentwicklung als Wachstumsprozess in Richtung auf größere Ungleichheit zwischen den Städten bis hin zu einer Polarisierung gegensätzlicher Entwicklungstypen: Einerseits Schrumpfen bis hin zur Gefährdung des Verfassungsziels der Sicherung gleichwertiger Lebensverhältnisse in allen Teilgebieten der Bundesrepublik. Tendenzen, die sich schon heute ausgeprägt insbesondere in den neuen Bundesländern und dem Ruhrgebiet zeigen. Und andererseits in einigen süddeutschen Ballungsgebieten und entlang der Rheinschiene Stadtentwicklung in den gewohnten Bahnen des Wachstums.
- Die Krise der Städte betrifft auch ihre innere Struktur: es droht eine innere soziale Spaltung der Städte und damit der Verlust der Integrationsfunktion der Städte."
(2011, S.36f.)

 
     
 
       
   

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Update: 10. April 2015