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Winand von Petersdorff: Denkfehler, die uns Geld kosten

 
       
     
       
     
       
   

Winand von Petersdorff in seiner eigenen Schreibe

 
       
   

PETERSDORFF, Winand von (2003): Zehn Tipps für den nächsten Bestseller - eine Anleitung zum Erfolg,
in: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung v. 12.10.

Neben Frauenbüchern (Marke Hera LIND, Amelie FRIED und Ildikó von KÜRTHY) nimmt Winand von PETERSDORFF die Männerbestseller in Augenschein:

"Wo ist das Buch für den Mann, der alle Grishams und Mankells gelesen hat? In Frank Goosens Buch »Liegen lernen« oder Nick Hornbys »High fidelity« dürften sich viele Männer mittleren Alters zwar wiedererkennen. Doch sind die Helden in diesen beiden Werken emotional verkrüppelte Verlierertypen",

kritisiert PETERSDORFF und beklagt das Fehlen von "Literatur mit männlichen Siegertypen".

Da kann es ja nicht mehr lange dauern und statt Biografien von Dieter BOHLEN und Michael SCHUMACHER, gibt es dann Romane mit BOHLEN- und SCHUMACHER-Klonen. Verbunden mit Forderung Sechs, der den authentischen Autor einfordert, bedeutet dies, dass BOHLEN und SCHUMACHER demnächst selber Romanautoren werden. Wolfgang JOOP hat das bereits vorexerziert ...

PETERSDORFF, Winand von (2004): Ringe kaufen. Haus bauen. Sohn zeugen.
Ökonomen kümmern sich um alles. Selbst um die Ehe. Sie wissen, was Partnerschaften stabilisiert. Abgesehen von der Liebe,
in: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung v. 16.05.

Winand von PETERSDORFF hat die Ergebnisse der Soziologen Michael WAGNER, Martin ABRAHAM und Johannes STAUDER zum Thema Ehescheidungsrisiko zusammengefasst. U. a. ist das Scheidungsrisiko von Immobilienbesitzer-Paaren um 52 Prozent niedriger als das der Mieter-Paare. Stabil sind auch die Verbindungen von Unternehmerehepaaren, solange sie nicht mittels Ehe- oder Partnerverträgen das gemeinsame Eigentum am Unternehmen ausschließen.

Welche Ehe hält wie lange?

PETERSDORFF, Winand von (2006): Mehr Babys für die Rente!
Wie die Debatte über Kinderlosigkeit ins Rutschen kam,
in: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung v. 26.03.

"Wenn die Rente ins Rutschen gerät, weil zu wenige Kinder geboren werden, dann ist die Rentenversicherung zu ändern und nicht das Vermehrungsverhalten der Bevölkerung".

So lautet die schlichte, wie falsche Botschaft von PETERSDORFF.
Das Wörtchen "wenn" verweist bereits darauf, dass es sich hier lediglich um ein Gedankenspiel handelt, das keineswegs mit der deutschen Realität übereinstimmt.
Nicht einmal der aktuelle Stern behauptet, dass wir es derzeit mit einer demografiebedingten Rentenkrise zu tun haben. Und was im Jahr 2030 Sache ist, das wissen nur diejenigen ganz genau, die die Interessen ganz bestimmter Wirtschaftsbranchen vertreten, die von der gegenwärtigen Hysterie profitieren.

PETERSDORFF, Winand von (2006): "Ich kündige den Generationenvertrag".
Pawel Kuschke, 20 Jahre, Student, will weg. Er beklagt die Macht der Alten, die geringen Chancen der Jungen und plant die Auswanderung,
in: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung v. 09.04.

Die Empathiker beschränken sich längst nicht mehr auf den Feuilletonbetrieb. Der Wirtschaftsteil ist ebenfalls ihre Beute geworden. Und man muss kein spießiger Gnostiker sein, um das zu beklagen.
Woran erkennt man den empathischen Wirtschaftsjournalisten?

"Experte im engeren Sinn ist er nicht, aber eine glaubwürdige Stimme aus seiner Generation. Er könnte einer von vielen sein, die so denken wie er."

KUSCHKE hat es vom Leserbriefschreiber zum Sprachrohr seiner Generation gebracht. Eigentlich sagt er nur das, was man sonst von den Wirtschaftsjournalisten der FAS liest. Das dürfte seine Glaubwürdigkeit enorm erhöht haben! Das Internet hat die Zeitung längst verändert. Es reicht nicht mehr aus, dass die unglaubwürdig gewordene journalistische Klasse etwas daherlabert. Sie muss ihre Glaubwürdigkeit steigern. Sie tut dies, indem sie Leser wie Du und Ich zum Sprachrohr einer Generation stilisiert, wenn das Gesagte ins Konzept passt. Grundlage ist der mentale Kapitalismus (Georg FRANCK). Dieser Stil könnte Schule machen: statt empirischer Belege nur noch Meinungen. Am Ende stehen dann Stammesfehden. Aufklärung war gestern. Heute haben wir die Diktatur der Ästhetik. Pawel KUSCHKA ist Student der Ostasienwissenschaften. Dass er ins Ausland gehen muss, weil ohne Auslandserfahrung in diesem Bereich nichts geht, das ist selbstverständlich. Das als Aufkündigung des Generationenvertrags zu vermarkten, ist aber eine ganz andere Sache, nämlich eine der Ökonomie der Aufmerksamkeit.

PETERSDORFF, Winand von (2006): Wie Miele die Babys brachte.
Der Babyboom der 60er Jahre ist den Waschmaschinen zu verdanken. Die Mütter bekamen mehr Zeit,
in: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung v. 28.05.

PETERSDORFF, Winand von (2006): Was ist bloß in der Küche los?
Die Hausarbeit ist in den letzten Jahren kaum weniger geworden - trotz Mikrowelle und Waschmaschine,
in:
Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung v. 11.06.

Anlässlich der Studie A Century of work and leisure von Valerie RAMEY & Neville FRANCIS zur Haushaltstechnisierung, wird PETERSDORFFs monokausale Baby-Boom-Erklärung vom 28. Mai in Frage gestellt.

PETERSDORFF, Winand von (2007): Die Crux mit der Krippe,
in:
Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung v. 01.04.

PETERSDORFF, Winand von (2007): Warum fördert der Staat Familien?
Erklär mir die Welt (46.Frage): Familien bekommen Geld, weil es schon immer so war. Weil es bei den Wählern gut ankommt. Und weil es der Gemeinschaft nützt,
in:
Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung v. 29.04.

PETERSDORFF, Winand von (2008): Soziale Mobilität.
In Deutschland stimmt die Balance nicht mehr,
in:
Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung v. 09.03.

FAS-Spezial: Die Frauenfalle.
Frauen und Männer starten gemeinsam. Aber ganz oben kommen nur die Männer an. Was passiert da? Dürfen die Frauen nicht, oder wollen sie nicht?

PETERSDORFF, Winand von (2010): Mehr Geld für die Bildung bringt gar nichts.
Der Staat finanziert die gut ausgebildeten Kinder der Mittelschicht. Besser wäre es, das Geld zu nehmen und es für die vernachlässigten Babys der Unterschicht auszugeben,
in: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung v. 23.05.

AMANN, Melanie & Winand von PETERSDORFF (2010): Die Frauenfalle.
Frauen und Männer starten gemeinsam. Aber ganz oben kommen nur die Männer an. Was passiert da? Dürfen die Frauen nicht, oder wollen sie nicht?
in: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung v. 12.09.

PETERSDORFF, Winand von (2010): Geschäft aus der Retorte.
Die Erfindung der künstlichen Befruchtung hat eine globale Industrie geschaffen: mit Klinken, Eizellenspendern und Leihmüttern. 4,2 Millionen Babys verdanken ihr Leben der Technik. 200000 allein in Deutschland,
in: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung v. 10.10.

Pro & Contra: Brauchen wir das Ehegattensplitting noch?

PETERSDORFF, Winand von (2013): Ja,
in:
Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung v. 27.01.

PETERSDORFF, Winand von (2013): Das Land der sieben Millionen armen Schlucker.
Der Datenreport 2013 meldet: 16,1 Prozent der Erwerbsfähigen sind von Armut bedroht. Braucht Deutschland nun Care-Pakete?

in:
Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung v. 27.01.

PETERSDORFF, Winand von (2014): Politik im Schlafzimmer.
Eine Schweizer Initiative will durch Familienplanung das Wachstum der Weltbevölkerung senken. Gruselig,
in:
Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung v. 14.09.

"Die Anzahl der Kinder, die jedes Jahr geboren werden, stagniert bei zwei Milliarden jedes Jahr",

behauptet Winand von PETERSDORFF zur Geburtenzahl der Weltbevölkerung. Tatsächlich sind es nur 136 Millionen Kinder pro Jahr.

PETERSDORFF, Winand von (2014): Der Fluch der frühen Rente,
in:
Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung v. 19.10.

Es ist die Verrentung an sich, die krank macht, meint Winand von PETERSDORFF.

PETERSDORFF, Winand von (2014): Von der Schönheit des Alterns.
Deutschland vergreist. Was für ein Fortschritt. Denn die Alten von heute sind gesund, mobil und lernfähig. Sie können Bäume ausreißen, wenn man sie nur ließe. Es wird Zeit, einmal ganz entspannt über die Rente mit 83 nachzudenken,
in:
Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung v. 23.11.

Wenn es um die Verlängerung der Lebensarbeitszeit geht, dann sind plötzlich alle Hochbetagten kerngesund, geht es um geplante Einschnitte ins Sozialsystem, dann sind Hochbetagte plötzlich alle pflegebedürftig. So verspielt man Glaubwürdigkeit!

PETERSDORFF, Winand von (2015): Die armen Kinder von Amerika.
Vom Unglück der Herkunft und was sonst noch so alles schiefgehen kann im Land der unbegrenzten Möglichkeiten
,
in:
Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung v. 17.05.

PETERSDORFF, Winand von (2015): Die verdammten Immobilien.
Der Sonntagsökonom: Reiche Hausbesitzer schirmen ihre Viertel ab. In Amerika haben sie damit Erfolg,
in:
Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung v. 06.12.

PETERSDORFF, Winand von (2016): Die Amerikaner werden sesshaft.
Der Sonntagsökonom: Keiner zog so häufig um wie die Amerikaner. Darauf haben sie nun keine Lust mehr. Warum nur?
in:
Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung v. 05.06.

Mobilität wird von Ökonomen als Indikator dafür gesehen, dass Menschen sich dem Arbeitsmarkt anpassen. Soziale und geografische Mobilität wird dabei selten getrennt betrachtet, sondern in normativer Sicht dient  geografische Mobilität der sozialen Mobilität nach oben. In dieser simplen Sicht präsentiert uns Winand von PETERSDORF das Sesshaftwerden der US-Amerikaner als Bedrohung der Ökonomie:

"Eigentlich müssten Leute aus dem bitterarmen Mississippi in Scharen nach New Hampshire ziehen, wo die Arbeitslosenquote unter drei Prozent liegt. Das passiert aber nicht",

klagt uns PETERSDORF. Die Alterung der Bevölkerung wird als Erklärung für diese Entwicklung ausgeschlossen (Ältere ziehen nach dieser Sicht seltener um als Jüngere), weil vor allem Jüngere immobiler geworden sind. Diese sollen eine Familie gründen (was sie nicht tun), denn dann würden sie sich dem Arbeitsmarkt besser anpassen.

Mobilität nennen die Ökonomen oder auch Lifestyle-Soziologen den Berufswechsel - egal ob er mit sozialer Mobilität einhergeht oder nicht. Berufswechsel sind in der Ökonomie neben dem Umzug Indikatoren für den Anpassungszwang des Arbeitsmarktes. Wenn sowohl Umzug als auch Berufswechsel zurückgehen, dann ist das eine Art Super Gau des Arbeitsmarktes.

Aus vulgärneoliberaler Sicht gibt es dafür nur eine einzige arbeitsmarktinterne Erklärung: Der Arbeitsmarkt ist überreguliert und muss deshalb dereguliert werden.

Als arbeitsmarktendogene Faktoren der Immobilität werden dagegen Hausbesitz, Zunahme der Doppelverdiener-Paare (Pendeln statt Umzug) oder hohe Immobilienpreise in Gebieten mit geringer Arbeitslosigkeit genannt.

Ganz zum Schluss wird die schlechtere Entlohnung eines Umzugs genannt sowie die kulturpessimistische Sicht: Die Amerikaner werden so behäbig wie wir Europäer nach Meinung unserer Ökonomen längst sind.

PETERSDORFF, Winand von (2016): Amerika, das Land der Nesthocker.
Lounge: Amerikaner haben einen Namen für junge Erwachsene gefunden, die zu den Eltern zurückziehen. Die "Boomerang Kids" werden immer zahlreicher. Und die Männer haben Schuld,
in:
Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 09.07.

Bei Journalisten sind wissenschaftliche Ergebnisse beliebt, die zwei wissenschaftlich konstruierte Gruppen ins Verhältnis setzen, um dann ein Kippen dieses Verhältnisses vermelden zu können. Wer als Wissenschaftler diese Ökonomie der Aufmerksamkeit nicht bedient, der schafft es mit seinen Erkenntnissen nicht in der Öffentlichkeit. Winand von PETERSDORFF gibt uns ein Beispiel für diese weit verbreitete journalistische Praxis:

"2014 war das Jahr, (...) in dem das renommierte Forschungsinstitut Pew Research feststelle, dass erstmals seit 130 Jahren mehr junge Erwachsene in der Altersgruppe zwischen 18 und 34 Jahren bei ihren Eltern wohnten statt mit Partnern in einen Haushalten. Das Jahr markiert damit einen Meilenstein."

Natürlich ist das nichts anderes als ein Forschungsartefakt, denn vor 130 Jahren hätte niemand die Altersgruppe der 18- bis 34-Jährigen betrachtet, weil man damals längst verheiratet war. Erst durch den historischen Blick und die dadurch veränderte Altersgruppenbetrachtung, wird eine solche Aussage erst konstruiert. Der Haushaltsansatz ist zudem eine Erfindung der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, denn noch in den 1950er Jahren wurde Haushaltsgründung und Heirat als ein und dasselbe Ereignis betrachtet. Von daher ist es mehr als fraglich, ob jene Daten, die vor 130 Jahren erhoben wurden, überhaupt mit jenen vergleichbar sind, die heutzutage erhoben werden. Bei Aussagen über solche lange Zeiträume ist Skepsis angesagt, weil sich Erhebungskonzepte ändern.

Für Deutschland wurde z.B. in den 1990er Jahren gerne die BECKsche Individualisierungsthese verbreitet, weil sie plausibel erschien. Dummerweise gibt es aber erst seit Mitte der 1980er Jahre überhaupt Datensätze, die solche Veränderungen überhaupt empirisch erfassbar machen konnten. Diese wurden nachträglich verfeinert, weil man z.B. Paare ohne gemeinsamen Haushalt gar nicht in den Blick genommen hatte. Die Individualisierungsthese ist ein Beispiel für einen Sachverhalt, der sich für die Zeit vor 1980 weder belegen, noch widerlegen lässt. Es werden dann Schätzungen als Ersatz herangezogen. Und wer kann sich heute noch an die teilweise kruden Debatten über Für und Wider der Individualisierungsthese erinnern? Der Zeitgeist ist über sie hinweggefegt.

In 130 Jahren wird sich niemand mehr für die Ergebnisse über Boomerang-Kids interessieren, denn dann werden Sozialforscher uns ganz andere Altersgruppenverhältnisse präsentieren. Und was sollen wir mit diesen Erkenntnissen überhaupt anfangen? Mehr als Gesprächsstoff auf Cocktail- oder anderen Partys liefern solche Ergebnisse kaum.

Dies gilt für genauso für die gerne verbreitete Sich von der angeblichen Bindungsschwäche als Ursache - früher des Alleinlebens - und nun in Krisenzeiten - des Nesthockertums. Wir werden seit Jahren mit Plattitüden über partnerlose Männer konfrontiert. Die Verbreitung von Partnerlosigkeit bei geringverdienenden bzw. arbeitslosen Männern ist kein neues Phänomen. Bei uns werden solche Männer gerne unter Rechtsextremismusverdacht gestellt (Frank SCHIRRMACHER), woanders zetteln sie Kriege an (Gunnar HEINSOHN) und sie treiben als Amokläufer ihr Unwesen.

Weil wir aber hier in der Lounge sind, findet PETERSDORFF am Ende noch die Wende zum Positiven: der Sozialpsychologe Jeffrey ARNETT sieht im Nesthockertum eine Win-Win-Situation für Eltern und Kinder.

PETERSDORFF, Winand von (2017): Von wegen ausgeblutet.
In Ländern wie Frankreich und den Niederlanden ist die Mittelschicht sogar leicht gewachsen,
in:
Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 25.04.

Winand von PETERSDORFF präsentiert uns Ergebnisse einer PEW-Untersuchung mit Daten aus den Jahren 1991 - 2010 und will uns damit unsere "gefühlte" Ungleichheit widerlegen:

"In Frankreich, in den Niederlanden und in Großbritannien wuchs die Mittelschicht zwischen 1991 und 2010. In Deutschland, Italien, Spanien und in den Vereinigten Staaten dagegen schrumpfte sie der Studie zufolge."

Abgesehen davon, dass uns PETERSDORFF eine "klassische Definition" präsentiert, obwohl es eine solche gar nicht gibt, werden uns die genauen Daten und deren Annahmen vorenthalten, sodass der Leser sich kein eigenes Bild machen kann. Mit der Behauptung einer "klassischen Definition" sollen Einwände und Hinterfragungen sozusagen im Handstreich weggewischt werden. Was wollt Ihr dummen Leser denn? Weil ihm diese Argumente dann doch zu mickrig erscheinen, legt er noch nach:

"Ein Schrumpfen der Mittelschicht signalisiert nicht zwangsläufig sinkenden Wohlstand. Im Gegenteil".

Das ist eine Beruhigungspille für Leser, die PETERSDORFF bei seiner Interpretation der Mittelschichtentwicklung nicht folgen wollen. Abstiegsgesellschaft? Blödsinn! Die Einkommen sind gestiegen, jubelt PETERSORFF dreist. Natürlich gab es immer Lohnzuwächse, aber was hat das mit Aufstieg oder Abstieg zu tun, wie uns PETERSDORFF suggeriert? Das liegt daran, dass eine Mittelschichtdefinition, die sich lediglich an finanziellen Größen und nicht an der Berufsgliederung orientiert, fragwürdig ist. Das aber wird unter den Tisch gekehrt!

PETERSDORFF, Winand von (2017): Arm an Sicherheit.
Viele Millionen Amerikaner, auch aus der Mittelschicht, können von ihrem Einkommen nicht unbesorgt leben,
in:
Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung v. 25.06.

Statt um Working Poor kümmert sich Winand von PETERSDORFF um die US-amerikanische weiße Mittelschicht, die durch "Beschäftigung auf Abruf" und fehlendem festen Gehalt mal reich, mal arm ist. Beispielhaft wird eine 6 köpfige Familie in einem Fly-over-state des Mittleren Westens porträtiert, die zu 235 US-amerikanischen Haushalten gehört, die zum Forschungsobjekt der US-Zentralbank wurden. 

Neu:
PETERSDORFF, Winand von (2017): Der amerikanische Traum verblasst.
Woran liegt es, dass nur so wenige Amerikaner aufsteigen? Die Trägheit der Unterschicht und die Abschottung der Mittelschicht wirken zusammen verheerend,
in:
Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung v. 23.07.

Winand von PETERSDORF erklärt uns den amerikanischen Traum, der eher ein Alptraum ist. Die "Bildungsromane" eines Horatio ALGER jr. werden zum Inbegriff dieser Ideologie stilisiert:

"Der amerikanische Traum gilt als verwirklicht, wenn die Schuhputzer und Tellerwäscher in die Mittelschicht vorgedrungen und existentiellen Nöten enthoben sind",

erklärt uns PETERSDORF. Mobilität wird - ganz im Sinne des Neoliberalismus - zur Voraussetzung des sozialen Aufstiegs stilisiert. Scheitert der eigene Aufstieg, dann soll er auf die nächste Generation projiziert werden:

"Wenn sich die Anstrengung des Wegziehens für einen selbst nicht auszahlte bis zum Ende des Lebens, dann sollten es wenigstens die Kinder einmal besser haben."

Der amerikanische Traum hat also viel mit einer Religion zu tun: Das Jenseits sind in dieser Religion die eigenen Kinder. Den Deutschen wird von PETERSDORFF zum einen "Herablassung" unterstellt:

"Wie unterentwickelt ist der amerikanische Sozialstaat, wenn er seine Bürger zu Umzug und Selbstausbeutung zwingt?"

Zum anderen wird der ausufernde Sozialstaat in den USA selber beklagt:

"Ein wachsender Anteil von entlassenden Arbeitern verlässt den Arbeitsmarkt. Er sucht nicht mehr nach einer Stelle, sondern rettet sich in eine Berufsunfähigkeitsrente und andere Sozialleistungen."

Die mangelnde Mobilität ist in dieser neoliberalen Sicht also der mangelnde Aufstiegsmotivation geschuldet, deren Indikator die mangelnde Umzugsmobilität ist. Dazu wird uns ein Ökonom als "neuer Superstar" präsentiert. Die quantitative Sozialforschung heißt bei PETERSDORFF dann großspurig "Big Data". Offenbar hält PETERSDORFF die Leser der FAS für ausgesprochen doof. In der Studie The Fading American Dream von Ray CHETTY u.a. wird die Ideologie des amerikanischen Traums mit der Realität verglichen, wobei die Herangehensweise durchaus kritisiert werden kann, denn Ideologien müssten im Grunde als individuelle Einstellungen gemessen werden. Stattdessen stellen die Indikatoren des Amerikanischen Traums lediglich die Realität des Landes dar. Es wird also gar nicht gemessen, ob der amerikanische Traum verblasst ist, sondern nur, ob die Ideologie überhaupt etwas mit der Realität des Landes zu tun hat. Oder anders formuliert: Die Ökonomen haben das Thema verfehlt! Auch die Messung selbst ist kritisch zu sehen, denn es wird nicht etwa der soziale Aufstieg, sondern nur die Überschreitung von Einkommensklassen gemessen. Betrachtet man die Studie, dann unterliegen ihr ganz spezifische Annahmen, die durchaus fragwürdig sind. Die Daten unterliegen Brüche, sodass die Vergleichbarkeit leidet. Inwiefern es sich überhaupt um einen Generationenvergleich handelt, das dürfte auch strittig sein, denn es handelt sich um Querschnittsdaten, d.h. Altersunterschiede werden als Generationenunterschiede interpretiert.

Als Sozialwissenschaftler würde man sich wünschen, dass diese Studie von anderen Wissenschaftlern überprüft wird, was jedoch meist unterbleibt, wenn sie mit dem Zeitgeist übereinstimmt. Und darauf deuten ja die Versuche der Immunisierung durch PETERSDORFF hin.

"Chettys Studien zeigt, dass schon allein Umzüge in bessere Stadtviertel sich auszahlen, vor allem, wenn die Kinder noch jung sind.
Das Problem ist: Die Amerikaner wollen das nicht mehr. Sie ziehen längst nicht mehr so schnell um wie ihre Väter und Mütter",

behauptet PETERSDORFF, obwohl die Studie das gar nicht hergibt. Belegt wird höchstens das Umzugsverhalten, aber nicht die Einstellung zu Umzügen. Die kann höchstens unterstellt werden.

"Die interessanteste Deutung (...) präsentiert Richard Reeves, gebürtiger Brite, promovierter Philosoph und Historiker, der heute für die Denkfabrik Brookings arbeitet. Seine These lautet: Die Oberschicht (Einkommen über 117.000 Dollar pro Haushalt) trägt ein gerüttelt Maß an Schuld",

schreibt PETERSDORFF. Man liegt nicht falsch, wenn man das nicht als Oberschicht, sondern als obere Mittelschicht interpretiert, d.h. es geht um erfolgreiche Akademiker/innen, die sich auch als Handlanger der Oberschicht betätigen. Das Beispiel, das PETERSDORFF in Houston, Texas ansiedelt, könnte genauso in Hamburg, München oder Berlin spielen. Es geht darum die Segregation aufrecht zu erhalten und die eigene Kinder auf gute Schulen zu schicken, in denen sie nicht mit der so genannten Unterschicht konfrontiert sind. In Deutschland mag das noch nicht derart extrem sein wie in den USA, aber die Tendenzen gehen dahin.

Fazit: Für PETERSDORFF ist der Rückgang des sozialen Aufstiegs in den USA (und natürlich erst recht in Deutschland!) in erster Linie ein Mentalitätsproblem. Würden die Armen wie ihre Eltern dorthin ziehen, wo sie Arbeit finden, dann wäre alles in Ordnung. Am Ende legt PETERSORFF deshalb nahe, dass der soziale Aufsteiger von einst heutzutage Sozialleistungsempfänger wäre.

"Hohe Sozialleistungen begünstigen die Immobilität, argumentieren klassische Ökonomen",

heißt es an einer Stelle. Die Klassische Ökonomie heißt volkstümlich Neoliberalismus. Dass die obere Mittelschicht mit ihren Schließungstendenzen die Aufstiegsmobilität behindert, ändert nichts Grundlegendes, denn schließlich haben Studien gemäß PETERSDORFF herausgefunden, dass die Aufwärtsmobilität in den USA regional unterschiedlich ist:

"Man ist nach dem Studium der Daten zwar froh, kein armer Schlucker in Atlanta, Georia, zu sein. Aber in Salt Lake City, Utah oder in San José, Kalifornien, sind die Aufstiegschancen deutlich besser."

Was aber wäre, wenn die Armen tatsächlich auf Völkerwanderung gingen? Würden sich dann die Aufstiegschancen dort nicht schnell als Illusion herausstellen?

 
       
       
   

Denkfehler, die uns Geld kosten (2013).
Warum wir immer das Falsche tun und andere sich ins Fäustchen lachen
(zusammen mit Patrick Bernau)

Lübbe

 
   
     
 
   

Klappentext:

"Wir treffen Entscheidungen. Jeden Tag. Vorher denken wir nach. Doch leider denken wir oft falsch: Wir geben Geld schneller aus, wenn wir es in kleinen Scheinen zur Verfügung haben statt in großen Banknoten. Wir wählen Flatrates, weil wir glauben, sie seien die billigste Wahl. Wir überschätzen uns - beim Autofahren wie an der Börse. All diese Denkfehler haben eines gemeinsam: Sie kosten uns Geld, manche sogar ein Vermögen. Aber die gute Nachricht heißt: Wir können aus ihnen sehr viel lernen - wenn wir sie erkennen!"

 
     
 
       
   

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webmaster@single-generation.de Erstellt: 25. Dezember 2014
Update: 30. April 2018