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Kommentierte Bibliografie

 
       
   

Die mediale Inszenierung des Baby-Booms im Berliner Szenebezirk Prenzlauer Berg 

 
       
   

Eine Bibliografie der Debatte um Family-Gentrification in deutschen Großstädten

 
       
     
       
   
     
 

Einführung

Der Begriff "Baby-Boom" ist in den nuller Jahren zu einem Kampfbegriff geworden. Angesichts der Geburtenkrise und des hohen Anteils kinderloser Akademikerinnen, als Zielgruppe der Bevölkerungspolitik der Berliner Republik, forderten nationalkonservative Bevölkerungswissenschaftler wie Herwig BIRG und Karl SCHWARZ eine Propagandaoffensive. Der inzwischen stark gentrifizierte Berliner Bezirk Prenzlauer Berg gilt als durchaus umstrittenes Modell Deutschland für die neue urbane Familie und wird hier deshalb exemplarisch anhand von Medienberichten vorgestellt.

Der Begriff "Baby-Boom" wie ihn deutsche Bevölkerungswissenschaftler definieren, ist ein anderer als derjenige von Journalisten, die immer wieder aufgrund anderer "Experten" und Zahlen aus oftmals nicht genannten Quellen, einen Baby-Boom behaupten.

Jenseits dieses interessengeleiteten (Stichworte: Einführung des Elterngeldes und Ausbau der Kinderbetreuung), meist unreflektierten Definitionskampfes stellt sich jedoch die Frage, ob der Begriff "Baby-Boom" wie ihn die deutschen Bevölkerungswissenschaftler benutzen, für kleinräumige Gebiete, speziell für Städte überhaupt sinnvoll anwendbar ist. Dem bevölkerungswissenschaftlichen Begriff "Baby-Boom" unterliegt eine statische Ideologie der "natürlichen Bevölkerungsbewegung", die in einer dynamischen Gesellschaft, in der Zu- und Abwanderungen ("unnatürliche Bevölkerungsbewegungen" im Sinne der nationalstaatlichen Bevölkerungswissenschaft) fragwürdig ist. Auch angebliche Kosmopoliten wie der Soziologe Ulrich BECK, der mit seinem transnationalen Konzept den nationalstaatlichen Furor durchbrechen möchte, bleibt in Sachen Bevölkerungspolitik weit unterhalb seines eigenen Anspruchs, wenn er statt einer deutschen eine europaweite Bevölkerungspolitik favorisiert.         

Kommentierte Bibliografie (Teil 1: 2002 - 2006)

2002

HÄUßERMANN, Hartmut/HOLM, Andrej/ZUNZER, Daniela (2002): Stadterneuerung in der Berliner Republik. Modernisierung in Berlin-Prenzlauer Berg, Leske + Budrich Verlag

Stadterneuerung in der Berliner Republik

"Im gesamten Bezirk Prenzlauer Berg lebten im Jahr 2000 etwa 130.000 Einwohner. Seit 1993 hat sich die Einwohnerzahl um etwa 15.000 verringert. (...). Lediglich in den Jahren 1991 und 1992 kehrte sich diese Entwicklung kurzzeitig um. Seit diesem Zeitpunkt wies Prenzlauer Berg wie die anderen östlichen Innenstadtbezirke einen deutlich negativen Wanderungssaldo auf. Die Wanderungsbewegungen zwischen 1996 und 2000 waren sozial selektiv: unter den Abwandernden überwogen Erwerbstätige und Familien mit Kindern, während unter den Zuziehenden Nicht-Erwerbstätige und kleine Haushalte dominierten". (2002, S.73)

"Der Anteil der Einpersonenhaushalte ist von 1991 bis 1999 um etwa 10 % gestiegen und beträgt nun deutlich mehr als die Hälfte der Haushalte (56,8 %"). (2002, S.75)

"In den Altbaugebieten des Bezirks hat eine Schwerpunktverlagerung der Alterszusammensetzung zu den mittleren Altersgruppen (25 bis unter 45 Jahre) stattgefunden. Der Anteil dieser Altersgruppe ist von etwas mehr als einem Drittel auf über die Hälfte gestiegen. Diese Entwicklung kann nicht ausschließlich durch demografische Veränderungen erklärt werden, sondern ist Folge von Wanderungsbewegungen. Bei einer weiteren Unterteilung dieser Altersgruppe ist festzustellen, dass in der ersten Hälfte der Neunziger Jahre vor allem die Altersgruppe der 25 bis 30-Jährigen deutlich zugenommen hat. Seit 1997 ist der Anteil dieser Altersgruppe jedoch wieder leicht rückläufig. Insbesondere die Gruppe der 30-40jährigen konnte hingegen ab 1995 einen leicht überdurchschnittlichen Zuwachs verzeichnen." (2002, S.77)

"Der überdurchschnittliche Erwerbsanteil weist Prenzlauer Berg als einzigen Innenstadtbezirk aus, in dem die Erwerbsbevölkerung im Vergleich zu 1991 kaum gesunken ist (...). Vor allem bei den Einpersonenhaushalten sind die Erwerbspersonen unterrepräsentiert, die Anteile von Rentner- und Studierendenhaushalten hingegen hoch". (2002, S.78)

"Haushalte mit niedrigen Bildungsabschlüssen haben das Gebiet verlassen, Haushalte mit Hochschulreife - vielfach Studenten - sind in das Gebiet gezogen." (2002, S.79)

FRÖMEL, Susanne (2002): Gebärmaschine auf Sendung.
Wie ein christlicher Radiosender seine Hörer zur Zeugung drängt
in: Süddeutsche Zeitung v. 29.04.

HÖGE, Helmut (2002): Die Dotcoms gingen am Scheidungsrecht zugrunde!
Chill-out im Bobo-Bezirk,
in: TAZ v. 02.07.

Helmut HÖGE berichtet über einen Kinder-Boom im Szene-Bezirk und bringt dies in Zusammenhang mit einer geplanten Reform des Scheidungsrechts und den Zusammenbruch der New Economy:

"Der Einzelhandel in Prenzlauer Berg hat sich bereits auf (...) Techno- und Tattoo-Mütter eingestellt: Überall machen Läden mit Secondhand-Kinderklamotten auf und die Kreativ-Galerien richten Spielecken ein. Selbst die Partymanager sind alarmiert und denken über neue Angebote - 'Kid-Events' 'Mother-Daughter-Kisses via Camera' etc. - nach.
            Gleichzeitig klagen immer mehr Partyveranstalter und Location-Manager über Besucherschwund - der allzu aufwändig aufgemotzte Veranstaltungsort Kulturbrauerei musste bereits Konkurs anmelden. Die meisten Freizeit-Urbanisten gehen jedoch davon aus, dass die jungen Ehefrauen schon in wenigen Jahren wieder solo ausfliegen - nachts.
            Dem möchte das deutsche Scheidungsrecht derzeit zuvorkommen! Bisher war man im Familienministerium fast feministisch eher auf materielle und soziale Gleichstellung der Frauen bei Sorgerecht und Unterhaltspflicht nach der Trennung aus. (...). Nun schlug jedoch bei den entscheidenden Ministerien der Widerstand der neuen Gutverdiener männiglich durch. Und so ist auch hier bereits die Rede von einer 'Mattusek-Rente'. Gemeint ist damit ein Verdachtsausgleich bei solchen Fällen, in denen die junge Frau sich mit einem Kind nach der Scheidung finanziell weitaus besser stellt als bei staatlicher Mindestalimentierung. Bis dahin wurde eher umgekehrt die Unterstützung für allein erziehende Mütter regelmäßig angehoben. Dies ermunterte dann wiederum die noch-fast-frisch-verheirateten Geschäftsführer der E-Commerce-Firmen und des E-Designs, gleich reihenweise Konkurs anzumelden, um sich so rechtzeitig und gänzlich vorm Ehegattensplitting zu drücken."

Jochen-Martin GUTSCH wird ein Jahr später in der Berliner Zeitung den Kinderboom folgendermaßen beschreiben:

"Ich habe gelesen, dass Prenzlauer Berg der kinderreichste Bezirk in Ostdeutschland ist. Vielleicht habe ich es auch im Fernsehen gesehen, oder irgendjemand hat es mir nur erzählt, und es ist gar nicht wahr, aber ich habe nicht daran gezweifelt. Es überraschte mich nicht. Wahrscheinlich gibt es bereits mehr Kinderwagen als Autos in meiner Straße. Wer die Gegend um den Helmholtzplatz kennt, weiß, was das heißt."

2003

MAGERL, Sabine (2003): Zeig her, das Kind!
Wieso ist die Babydichte am Prenzlauer Berg so hoch wie nirgendwo anders in Berlin?
in: Neon, Heft 1, Januar

"Seit 1998 ist die Geburtenrate im Prenzlauer Berg gestiegen - explosionsartig wie einst die Börsenkurse der New Economy. Inzwischen gibt es 22 Prozent mehr Kleinkinder als noch vor vier Jahren", weiß Sabine MAGERL.

HUMMEL, Katrin (2003): Kinder, Kinder, Kinder.
Im Landkreis Cloppenburg wären die Renten noch sicher - wenn es den Rest Deutschlands nicht gäbe,
in: Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 11.01.

HAEMING, Anne (2003): Der Baby-Boom auf dem Szene Berg.
Wohin man schaut, Kinderwagen und Buggys. In Prenzlauer Berg sind die Geburten seit Ende der Neunzigerjahre um ein Viertel gestiegen, mehr als im Rest Berlins. Schon haben die Eltern 15 Kitas gegründet. Die Zahl soll sich dieses Jahr verdoppeln,
in: TAZ v. 14.01.

ABI (2003): Bezirk der schönen Mütter.
Die Ausnahme: In Prenzlauer Berg gibt es einen Baby-Boom,
in: Tagesspiegel v. 01.03.

"Nicht Cocktails, sondern Milchfläschchen. Statt Sushi gibt es Gemüsebrei. Und nachts wird nicht getanzt, sondern gewickelt. Während im Rest Berlins der Trend in die andere Richtung weist, ist im Szeneviertel Prenzlauer Berg der Babyboom angesagt. Dort wo einst Singles, Studenten und Trendsetter das Straßenbild bestimmten, sieht man jetzt vor allem: viele Kinder. Über die höchste Geburtenrate in Berlin kann sich der Bezirk zwischen Schönhauser Allee und Zionskirchplatz freuen. Erblickten 1998 nur 2732 Kinder das Licht der Welt, waren es 2001 schon 3130. Ein Zuwachs um 14,6 Prozent",

berichtet ABI über hippes Kinderkriegen und den Club der coolen Mütter. Die Stadtsoziologin Monika ALISCH hat bereits vor 10 Jahren auf diesen neuen Trend hingewiesen, der nun im Berliner Szeneviertel sichtbar wird. "Family-Gentrifier" nennt sie jene neue Gruppe von Yuppie-Eltern, die Beruf und Familie vereinbaren möchten und deshalb die innenstadtnahen Wohngebiete bevorzugen.

ZITTY-Titelgeschichte: Abenteuer Kind.
Die neue Lust am Nachwuchs

SCHWIONTEK, Elisabeth (2003): Abenteuer Kind.
Die neue Lust am Kinderkriegen. Heute nehmen die Eltern das Leben mit ihrem Nachwuchs lässiger,
in: Zitty Nr.10 v. 05.05.

Elisabeth SCHWIONTEK schwärmt vom familienfreundlichen Prenzlauer Berg in Berlin:

"Im Szenebezirk ist der Babyboom ausgebrochen. Der Eindruck trügt nicht, denn die Statistik verzeichnet für den Stadtteil 22,5 Prozent mehr Kinder unter drei Jahren als noch vor vier Jahren".

Dieser kleinräumige Baby-Boom ist kaum überraschend, denn das Phänomen der Family-Gentrifier ist seit über einem Jahrzehnt aus Nordamerika bekannt. In Deutschland hat dieses Thema die Stadtsoziologin Monika ALISCH in die von Sozialpopulisten beherrschte Debatte eingebracht. In ihrem Buch Frauen und Gentrification (1993) beschreibt sie die Wünsche von Frauen, die Beruf, Familie und Spaß miteinander verbinden möchten. Im Bericht von SCHWIONTEK wird die Richtigkeit der Thesen von ALISCH bestätigt:

"Tanja Will, Web-Designerin, ist eine Frau mit klaren Vorstellungen vom Leben. Seit ihr sechs Monate alter Sohn Lino auf der Welt ist, erst recht. »Ein Baby zu bekommen bedeutet doch nicht das Ende von Karriere, Freizeit und Nachtleben«, sagt die 37-Jährige. (...). Ebenso wie ihr Mann, der Arzt ist, hat Tanja Will ihre Arbeitszeit vorübergehend reduziert".

Man benötigt auch kein Zukunftsinstitut wie Matthias HORX, um gesellschaftliche Reformen und wirksame ökonomische Benefits für Familien vorauszusagen. Vorbild dieser familienfreundlichen Politik ist die USA. Dort bezahlen über die Umverteilung u. a. gering verdienende Singles für den Lifestyle der Familiy-Gentrifiers in schicken Großstadtgegenden.

Den Titel hat die Neue-Mitte-Stadtzeitung übrigens - wenig originell - dem Lifestylemagazin MAX vom 28.06.2001 abgeschaut.

TÖRNE, Lars von (2003): Gentrifikation erleben.
Wie ein Berliner, West, die Stadt erleben kann,
in: Tagesspiegel v. 13.05.

PETERSEN, Anne (2003): Comeback des Kindersegens.
In jungen und schicken Ecken Deutschlands lösen Kinderwagen Cabrios als Statussymbol ab. Familiensinn ist wieder in: Reportage über einen hoffnungsvollen Trend,
in: Welt am Sonntag v. 25.05.

KERNER, Regina (2003): "Das Miefige der Kleinfamilie ist weg".
Trendforscher sehen neue Lust zum Leben mit Kindern. Geburtenrate von 1,7 erwartet,
in: Berliner Zeitung v. 03.06.

Nach zitty und Welt am Sonntag berichtet nun auch Regina KERNER über den Baby-Boom in den Schickimicki-Vierteln der deutschen Dienstleistungsmetropolen. KERNER stellt der skeptischen Perspektive von Elisabeth BECK-GERNSHEIM die optimistische Perspektive von Matthias HORX (in der WamS nur als Experte tituliert) entgegen:

"Trendforscher Matthias Horx, Mitautor der Studie »Future Living«. Er prognostiziert Deutschland eine Steigerung der Geburtenrate in den nächsten fünf Jahren von derzeit 1,4 auf 1,7 Kinder pro Frau. Er verweist auf die skandinavischen Länder und Frankreich, wo es einen solchen Anstieg schon längst gegeben hat."

Die Soziologin Elisabeth BECK-GERNSHEIM wird mit dem Satz zitiert:

"Es gibt keinen Bevölkerungswissenschaftler, der glaubt, dass die Geburtenrate in den nächsten Jahren steigen wird".

Das wäre auch wirklich zu viel erwartet! Bereits in den 1960er Jahren wurden die Bevölkerungswissenschaftler vom Wandel des Geburtenverhaltens überrascht. Die simple Fortschreibung von Trends der Vergangenheit in die Zukunft - das Geschäft von Bevölkerungswissenschaftlern - führt unweigerlich dazu, dass Wendepunkte im generativen Verhalten "verschlafen" werden. So schreibt z.B. Hermann KORTE über die Bevölkerungsvorausberechnungen in den 1960er Jahren:

"Einige Bevölkerungsstatistiker glaubten (...), der seit dem Beginn der Industrialisierung beobachtete stetige Rückgang der Geburtenziffer habe sein Ende gefunden. Es ist daher nicht verwunderlich, daß 1966 in Interpretation des Anstiegs zwischen 1955 und 1964 bis zum Jahre 2000 eine Bevölkerungszunahme um 14 Millionen errechnet wurde. Sechs Jahre später prophezeite eine neue Prognose dann schon, wieder in recht linearer Interpretation des Rückgangs zwischen 1969 und 1971, einen Rückgang um 5 Millionen Menschen bis zum Jahr 2000."
(aus: Hermann Korte "Bevölkerungsstruktur und -entwicklung", 1983, S.20)  

ENGELS, Josef (2003): Der Baby-Bauch boomt.
Nicht nur Verona Feldbusch liegt damit voll im Trend: In Deutschlands Medien grassiert ein regelrechtes Schwangerschafts-Fieber,
in: Welt v. 06.06.

GUTSCH, Jochen-Martin & Maxim LEO (2003): Fußmassage mit Blickfixierung.
Enklave der Fruchtbarkeit - der Berliner Stadtteil Prenzlauer Berg ist nicht unbedingt kinderfreundlich, aber er ist ziemlich elternfreundlich,
in: Berliner Zeitung v. 12.06.

Noch ein Bericht über den Baby-Boom auf dem Prenzlauer Berg in Berlin. Diesmal darf Hans SCHMOLLINGER, der Leiter des Referats für Bevölkerungsstatistik, seine Meinung kundtun. Er hat angeblich schon 1993 gewusst, dass der Baby-Boom kommt. Statistiker sind bisher nicht als Propheten aufgetreten. Ihre Erklärungen liefern sie normalerweise im Nachhinein. Wahrscheinlich hat SCHMOLLINGER vor 10 Jahren niemand befragt, weswegen seine heutige Aussage wertlos ist. Tatsächlich ist der Baby-Boom mit den üblichen Erklärungen nicht abgedeckt, denn Eltern ziehen traditionell in die Vorstädte. Einzig die Stadtsoziologin Monika ALISCH berücksichtigt das Phänomen der "Family-Gentrifier" in ihrer Theorie. Dieser neue Elterntypus wird im Zeitungsbericht folgendermaßen beschrieben:

"Tanja Sahib sagt, dass die typische Mutter in Prenzlauer Berg zwischen 30 und 35 Jahre alt ist, einen akademischen Abschluss hat, bereits einige Zeit gearbeitet hat, in einer festen Beziehung lebt und finanziell abgesichert ist. Nach der Geburt würden die Mütter schnell wieder in ihren Beruf einsteigen wollen (...).
Viele Prenzlauer Berg-Mütter kämen aus Westdeutschland. Sie seien von dort weggezogen, weil sie es anders machen wollen als ihre Eltern. Sie wollen nicht mit ihren Kindern in einem Reihenhaus am Stadtrand sitzen. Sie wollen Mutter sein und trotzdem so weiterleben wie sie es gewohnt sind. In Prenzlauer Berg scheint das zu gehen. (...).
So ist der Prenzlauer Berg zu einer Enklave der Fruchtbarkeit im überalterten Deutschland geworden. Ein Ort, an dem Eltern leben können, ohne ein Elternleben führen zu müssen. Wo man im Trend ist, sich jung fühlen kann, obwohl man mit Kindern zusammen lebt. Oder gerade weil man mit ihnen zusammen lebt. Kinder sind hier kein Zeichen von Bürgerlichkeit, sie bedeuten nicht das Ende der Freiheit und schon gar nicht des Spaßes. Die Mütter und Väter, die mit ihren gelbgetönten Sonnenbrillen, ihren Turnschuhen und T-Shirts an den Nachmittagen auf den Spielplätzen sitzen, sehen nicht viel anders aus als die Leute, die man abends im Club trifft."

Zum Abschluss der Reportage liefert Horst SCHMOLLINGER noch eine Prognose, an der man ihn nun tatsächlich wird messen können:

"Vielleicht irrt sich Horst Schmollinger, der Statistiker, wenn er sagt, dass der Trend zum Ende kommen wird. Weil der Prenzlauer Berg sich so verändert hat, dass keine jungen Leute mehr nachkommen werden. Schmollinger referiert die letzten Mietpreiserhebungen. Er erklärt, dass der Stadtteil teuer geworden ist, zu teuer für Studenten oder Berufsanfänger. Die werden woanders hingehen, sagt Schmollinger. »Nach Friedrichshain, die Zahlen sind schon jetzt eindeutig.«
Wenn keine jungen Leute mehr kommen, gibt es auch keine neuen Kinder. Dann wird der Boom in ein paar Jahren nur noch ein kleiner Ausschlag sein auf einer von Schmollingers Kurven. Auch die neuen Eltern in Prenzlauer Berg werden nicht lange bleiben, sagt Schmollinger. Die Infrastruktur sei für junge Leute ohne Kinder gemacht. Kaum Geschäfte, kaum Dienstleister, nur Bars und Cafés. Irgendwann würden sich selbst die jungen Eltern von heute nicht mehr jung genug fühlen, um zu bleiben. Dann wird eintreten, was Schmollinger »Kontaktdiffusion« nennt. Die Eltern werden in angrenzende Bereiche ziehen. Weißensee, Karow, Buch. »Das wäre absolut folgerichtig«, sagt Horst Schmollinger.
Im Kopf des Statistikers ist Prenzlauer Berg schon wieder kinderleer."

MEISTER, Martina (2003): Zurück in den Kreißsaal.
Der medial inszenierte Baby-Boom verhält sich umgekehrt proportional zur Geburtenrate,
in: Frankfurter Rundschau v. 16.07.

UNFRIED, Peter (2003): Daddy Cool.
Schlampen, Luder, Sexsymbole sind out. Und auf Partys sieht man nur noch Frauen mit Bauch. Großartig. Für Männer,
in: TAZ v. 19.07.

"Peter Unfried fasst nochmals die Mitte-Presse zum Thema Baby-Boom und Frauenherrschaft zusammen:

"Falls irgendjemand die neun spektakulärsten gesellschaftlichen Thesen der letzten Zeit nicht parat haben sollte, hier der Schnelldurchlauf:
1. Einfühlsame und doch taffe Moderatorinnen moderieren Deutschland
(FAZ).
2. Sex ist out (FAS).
3. Schlampen sind out. Luder haben geheiratet (J. Elvers-Elbertzhagen), sind verreist (A. Sommer), geplatzt (N. Abdel Farrag), verletzt worden (B. Schäfer).
4. Dosenpfand hat gute Seiten - und schlechte (Quelle: taz).
5. Ehemalige Sexsymbole werden "asexuell" inszeniert (Moore, Diaz, Barrymore).
6. Oder halten jetzt auch in D. statt der üblichen Körperteile ihren Bauch in die Kamera (Feldbusch, demnächst Connor).
7. Die Kleinfamilie ist in. (Quelle: u. a.
SZ-Magazin ).
8. Die Generation G. sitzt zu Hause und versucht das Scheitern des großen, neuen Entwurfs ("Start-up", arbeiten, leben, Tischfußball spielen mit Gleichgesinnten) durch Rückbesinnung auf die "Start-up-Familie" zu kompensieren (Quelle:
Frankfurter Rundschau ).
9. Der Bauch der Frau ist Gott.
Letzteres ist eindeutig die spektakulärste These des Monats (auch FR - hm, was ist denn mit denen los?). Deshalb soll hier auch nicht unnötig verkomplizierend die Rede sein von der
Geburtsratenrealität im Land (kaum Kinder), vom Retromoralismus oder der problematischen Neudefinition eines ohnehin seltsamen Rituals ("Heirat") als Ausstellung eines in der Regel von der Frau definierten Konsumstils. Die Frage, die sich mir stellt: Wenn Sex und Sexsymbole wie ja auch Singles out sind, aber zumindest in einem Teil der Gesellschaft Bauch, Kinder, Kleinfamilie usw. in - was hat denn das für Auswirkungen für Leben und Image eines Kleinfamilienvaters?
Tja, und sehen Sie, die Antwort ist: Rundum positive."

STELLING, Anke (2003): Der Bauch von Berlin.
Die Geburtenrate ist rückläufig, die Deutschen sterben aus - aber halt: Ein Berliner Bezirk leistet erbitterten Widerstand: Prenzlauer Berg. Ein Ort, wo man bald für einen Schaukelplatz Schutzgeld zahlen muss,
in: Welt v. 26.07.

Die Welt reagiert mit dem Untertitel auf Martina MEISTERs Artikel. Anke STELLING darf darüber schreiben wie eine Mutter den Prenzlauer Berg erlebt und warum dort nun Kinderkriegen in ist:

"Natürlich liegt dieser enorme Babyboom auch an der Bevölkerungsstruktur - all die Studentinnen, die vor zehn Jahren dem Trend und den günstigen Mieten folgten, sind jetzt endlich so weit - aber potenziert wird das Ganze ohne Frage durch eine Art Ansteckung. In Prenzlauer Berg ist es nicht nur in Ordnung, Kinder zu haben, es gehört jetzt tatsächlich dazu."

DAS MAGAZIN-Titelgeschichte: Babys statt Krise

WINCKLER, Katja (2003): Komm, Baby.
Trotz Krisenzeiten scheint es wieder mehr Kinder zu geben, zumindest in den Großstädten. Wieso das?,
in: Das Magazin, August

GÜRTLER, Detlef (2003): Kinderland in Sicht.
Die Generation der Kinderlosen wird demnächst erfahren, wie verdammt hart es ist, allein alt zu werden. So hart, daß keine der folgenden Generationen diesen Fehler wiederholen wird,
in: Das Magazin, August

Unter dem Eindruck des kommenden Baby-Booms, prognostiziert Detlef GÜRTEL schon einmal die Drohkulisse einsamer Kinderloser im Land des neuen Kinderreichtums:

"Sie sind in den 60ern geboren und gelten als die zahlenmäßig größten Jahrgänge der deutschen Geschichte. Als sie dran waren, erwachsen zu werden, half ein Song von Alphaville über die Quarterlife-crisis hinweg. Er (...) unterlegt seit 1984 den Jugendwahn der damals tatsächlich noch jungen Babyboomer. (...). Keine Generation hat so lange so krampfhaft daran festgehalten wie diese; wahrscheinlich weil keine jemals so wenig Kinder hervorgebracht hat. Denn Kinder machen erwachsen.
Es spricht vieles dafür, daß alle Generationen, die nach ihnen kommen, über größeren Kinderreichtum verfügen werden. Glaubt man dem Straßenbild, scheinen Babys schon jetzt wieder in den Lebensplan zu passen. Ein Drittel der zwischen 1960 und 1965 geborenen Frauen hat bisher auf eigenen Nachwuchs verzichtet (...).
Kinderlosigkeit gab es schon immer. Aber immer als Ausnahme. Doch wenn irgendwann die ersten Antibaby-Jahrgänge in Rente gehen, wird Einsamkeit im Alter immer mehr zur Regel werden. Bleiben wird sie es nicht. (...).
Es braucht drei Generationen, bis Kinderreichtum vom Symbol des Wohlstands zum Symbol der Armut geworden war. Wird es wieder so viele Generationen brauchen, bis Kinderlosigkeit vom Symbol des Reichtums zum Symbol der Armut wird? Wahrscheinlich wird es schneller gehen: Innerhalb der nächsten 15 Jahren werden wir sowohl ökonomisch als auch mental für den nächsten Babyboom bereit sein."

Im Jahr 2012 kann keine Rede mehr davon sein, dass von den zwischen 1960 und 1965 Geborenen ein Drittel kinderlos sind. Im Jahr 2009 sind nach den Daten des Statistischen Bundesamtes (Zugriff: 01.04.2012) vom westdeutschen Jahrgang 1959 - 1963 nur 19 % (Deutschland: 17 %) kinderlos geblieben und die Jahrgänge 1964 - 1968 nur zu 22 % (Deutschland: 21 %). Kinderlosigkeit ist weiterhin die Ausnahme und nicht die Regel - und das obwohl die Politik in Sachen Vereinbarkeit von Beruf und Familie lange Zeit selig geschlafen hat. Nun werden Sündenböcke für dieses Versagen gesucht.

BRANDT, Andrea (2003): Baby-Boom bei Dämmerlicht.
Nordrhein-Westfalen: Beim Kinderkriegen brechen die Frauen im münsterländischen Laer Rekorde. Sie können Job und Familie leichter vereinbaren - weil die Gemeinde ihnen Arbeit abnimmt,
in: Spiegel Nr.44 v. 27.10.

HERBON, Bernd (2003): Man trägt wieder Kind.
Was wir vom neuen Mütter-Chic lernen können - und was nicht,
in: Süddeutsche Zeitung v. 29.10.

Es hat lange gedauert, aber nun ist der urbane Baby-Boom der Mütterelite auch in der greisenhaften SZ angekommen:

"Vertraut man den Signalen der Szene, müssten die schlechten Geburtenraten in Deutschland (1,35 Kinder pro Frau) und in anderen europäischen Ländern bald der Vergangenheit angehören. Denn statt androgyner Autisten lächeln nun selbstbewusste Model-Mütter mitsamt ihren Babys von den Hochglanzseiten. Man trägt offenbar wieder Kind",

weiß HERBON zu berichten. Und offenbar hat er auch etwas vom Baby-Boom in Berlin mitbekommen, aber ganz auf der Höhe der Zeit ist er offenbar nicht:

"Und was wird nun aus der modebewussten Kinderliebe? Möglicherweise mehr als ein Modegag. In den deutschen Trendsetter-Bezirken Prenzlauer Berg und Berlin-Mitte ist die Botschaft jedenfalls längst angekommen. Dort stieg die Geburtenrate in den letzten vier Jahren um etwa 25 Prozent. Vielleicht werden die Yuppie-Bastionen von Schwabing bis Eppendorf bald nachziehen.
Der Baby-Porsche als Einstiegsmodell aller Arrivierten hätte dann ausgedient zugunsten eines neuen Statussymbols: dem Porsche mit Kindersitz", hofft HERBON.

STOLZ, Matthias (2003): Gucci-Baby.
Überaltert: Kinder sind Mangelware. Deshalb hat die Werbung sie als Statussymbole entdeckt,
in: Die ZEIT Nr.45 v. 30.10.

BETTERMANN, Stella (2003): Babypause der Emanzipation.
Statt an die Macht wollen viele Frauen mehr Zeit fürs Kind. Reine Biologie? Oder Folge flauer Ökonomie?
in: Focus Nr.46 v. 10.11.

ENGEL, Marijke (2003): Wo Berlin am jüngsten ist.
Der Bezirk Prenzlauer Berg hat die höchste gefühlte Kinderdichte der Welt. Alteingesessene Bewohner flüchten vor den jungen Wessis,
in: Frankfurter Rundschau v. 24.12.

SCHMIDT, Thilo (2003): Drei Ks machen das Babywunder von Laer.
Kitas, Katholizismus und kein Kino: Deswegen kommen in der Gemeinde Laer besonders viele Kinder zur Welt,
in: TAZ v. 30.12.

"Im münsterländischen Laer, 6.800 Einwohner, werden (...) auffällig mehr Kinder geboren als anderswo. Im Jahr 2002 kamen dort durchschnittlich 13,5 Kinder pro 1.000 Einwohner zur Welt. Im nordrhein-westfälischen Landesdurchschnitt waren es 9 Kinder, im Bundesdurchschnitt nur 8,7",

verkündet SCHMIDT die rohen Geburtenziffern, bei denen die Geburtenrate durch die Altersstruktur verfälscht wird. Aber wo Ideologien verbreitet werden, da wird nicht mehr so genau hingeschaut.

2004

ANTON, C. Annette (2004): Die Geschichte einer Flucht.
Sind Annette C. Anton und Susie Reinhardt mütterfeindlich? Oder gar, noch schlimmer, kinderfeindlich? Oder hat es ganz andere Gründe, wenn das vermehrte Auftreten von Kampf- und Demomüttern vom Prenzlauer Berg bis Blankenese sie kräftig irritiert?
in: Emma, Nr.2, März/April

Annette C. ANTON beschreibt die Family-Gentrification am Prenzlauer Berg aus Sicht einer einer freiwillig kinderlosen Karrierefrau. Mit dem Artikel hat ANTON - keineswegs überraschend - heftige Reaktionen ausgelöst, wie die Leserbriefe im Forum der EMMA beweisen.

"Ich wohne seit mehr als acht Jahren am Prenzlauer Berg (...). Aus diesen Jahren leite ich natürlich ein gewisses Recht ab. Ich wohne zwar noch nicht seit Ostzeiten dort, aber doch immerhin schon lange genug.
Zugegeben war der Anfang nicht leicht: Wer hat es schon gerne, dass seine Post im Briefkasten angezündet und quer über den Sockel des Hauses »Westler raus!« gesprüht wird? (...). Das Schönste am Prenzlauer Berg in diesen Jahren war seine soziale Durchmischung, die man mit Fug und Recht »gesund« nennen kann. Unser Haus war eine Art Mikrokosmos, der den Makrokosmos des Bezirks ziemlich exakt widerspiegelte: Ostrentner, Ostfamilien mit halbwüchsigen Kindern, Ostehepaare im mittleren Alter, Studenten, Arbeitslose, ein paar Westler und einige wenige berufstätige Singles wie ich - aus Ost wie West. (...). Da damals niemand im ganzen Haus - ja wie es mir heute rückblickend erscheint niemand im ganzen Prenzlauer Berg - kleine Kinder hatte, störte sich keiner daran, dass der große Spielplatz vor unserer Haustür ziemlich heruntergekommen war", beschreibt ANTON das frühere Wohngefühl. Dann aber kommen die "Kampmütter":

"Freiwillig kinderlosen Menschen wie mir sprechen Kampfmütter, wie die, die leider inzwischen die Regel geworden sind und keine bizarre Ausnahme mehr darstellen, offenkundig jegliche Existenzberechtigung ab. (...). Diese hauptberuflichen Mütter sind rund um die Uhr mit der Aufzucht und Beaufsichtigung ihres Nachwuchses beschäftigt. Kind und Karriere müssen sie nicht vereinbaren, da eine Karriere bei den meisten von ihnen nicht stattfindet. (...). Inzwischen ist der nächste Schub des Kindersegens zu erwarten. Der Trend geht zum Drittkind."  

SUßEBACH, Henning (2004): Sieben Mütterkarrieren.
Sie lernten sich vor vier Jahren in einem Geburtsvorbereitungskurs kennen und gingen gemeinsam den Weg in die Mutterrolle. Die Geschichte von emanzipierten Frauen, die erst mal zu Hause blieben ,
in: Die ZEIT Nr.20 v. 06.05.

Henning SUßEBACH schreibt über die Frauen aus seinem Geburtsvorbereitungskurs im Bezirk Prenzlauer Berg in Berlin und betreibt dabei Propaganda in Sachen Bevölkerungspolitik, ganz im Sinne des nationalkonservativen Bevölkerungspolitikers Herwig BIRG:

"Sieben Frauen mit ursprünglich sieben Kindern werden bald sieben Frauen mit zwölf Kindern sein. Zwei von ihnen haben bereits ihr zweites Baby bekommen, und drei sind wieder schwanger. Erstaunlich ist schon, dass diese Gruppe immer noch existiert, noch erstaunlicher ist aber, dass gleich fünf der sieben Mütter zu jenen Frauen zählen, die die Statistiker fast aufgegeben haben, wenn es um Nachwuchs geht: die Akademikerinnen. 42 Prozent der studierten Frauen des Jahrgangs 1965 werden nach Schätzungen des Statistischen Bundesamtes kinderlos blieben, das ist weltweit ein einsamer Wert. Insbesondere für Akademikerinnen also ist die einst natürlichste Sache der Welt, biologisch-hässlich »Fortpflanzung« genannt, zu einem viel diskutierten Problem geworden. Doch bei uns, in unserem Freundeskreis in Berlin? Da hören die Akademikerinnen gar nicht mehr auf mit dem Kinderkriegen, und ebendies ist wiederum erstaunlich: Im Sommer wird die Zahl der Kinder pro Frau in unserem Geburtsvor- und -nachbereitungskurs auf 1,7 angewachsen sein. Das ist weit über dem deutschen Durchschnitt von rund 1,3 und nah an der französischen Quote von 1,9, die die Demografen derzeit oft als letzte Hoffnung für die Rentenkassen beschreiben und an der wir uns manchmal spaßeshalber messen. Das Private ist wieder politisch; verglichen mit 1968 allerdings geht die Politisierung in die entgegengesetzte Richtung: »Mein Bauch gehört mir?« Recht rabiat hat sich die Gesellschaft der Bäuche der Frauen bemächtigt – als Debattenthema."

GIUDICE, Francesca (2004): Die Café-Mama.
Aus dem Album der Arten,
in: Süddeutsche Zeitung v 14.08.

BARTELS, Gerrit (2004): Spielen mit Ausweg.
Lebensstandort Deutschland (5): Der Kollwitzplatz in Berlin-Prenzlauer Berg ist der Jungbrunnen der Republik,
in: TAZ v. 02.09.

Gerrit BARTELS beschreibt die Wohlfühlatmosphäre am Prenzlauer Berg, wo die Family-Gentrifier das Bild bestimmen:

"Bestimmt wird die Atmosphäre zum einen von den Touristen (...). Zum anderen (...) von den nicht weggentrifizierten Alteingesessenen genauso wie den neuen Anwohnern, die sich der alltäglichen Freizeitgestaltung halber in der Parkanlage rund um die Kollwitz-Statue tummeln und dort vor allem auf den beiden Kinderspielplätzen.
Man könnte auch sagen: Der Kollwitzplatz ist der Jungbrunnen der Republik, Probleme einer aufkommenden Gerontogesellschaft kennt man hier nicht. Das ist kein Wunder, denn der gesamte Bezirk Prenzlauer Berg gilt als der kinderreichste in ganz Deutschland. Als junger Vater hat man so auf dem Kollwitzplatz-Spielplatz nicht nur das Gefühl, unter seinesgleichen zu sein, ungeachtet der Gerüchte, gerade auf diesem Spielplatz seien die größten Elternspackos zu Hause (was coole Spackos eben so über Spackos sagen). Wichtiger ist, dass es anders als auf anderen Spielplätzen aus dieser Zwangsgemeinschaft immer einen Ausweg gibt, und sei dieser noch so virtuell"

MALLINCKRODT, Marie von (2004): In der Kinder-City am Prenzlauer Berg.
Spielzeugläden, Windelservice und Kindermoden: Der Babyboom vom Kollwitz-Platz sorgt für Business,
in: Welt am Sonntag Berlin v. 17.10.

"Prenzlauer Berg (...): Hier gibt es mittlerweile 174 Kinderläden, und er Bezirk hat mit 2,1 Geburten pro Frau die höchste Geburtenrate in ganz Europa. Von Anwohnern wurde der Kiez jüngst in »Kinder-City« umbenannt. (...). Der Bauch vom Prenzlauer Berg wächst und wächst. Im vergangenen Jahr wurden 800 Säuglinge mehr geboren als noch vor vier Jahren", verkündet Marie von MALLINKCKRODT.

"Elisabeth Niejahr hat dem Phänomen Prenzlauer Berg in ihrem Buch »Alt sind nur die anderen. So werden wir in Zukunft Leben, Lieben und Arbeiten« (...) sogar ein eigenes Kapitel gewidmet. Ihres Erachtens ist der Babyboom ein mondänes Großstadt-Phänomen - ein städtisches Zukunftsmodell. »Prenzlauer Berg ist wie Clapham Common in London. Dort passen sich die Babys und Kinder eben auch ein wenig dem Leben ihrer jungen, flippigen Eltern an. Das heißt, man nimmt das Kind mit ins Café, auch abends. Diese Laisser-faire-Stimmung ist richtig ansteckend.«", zitiert MALLINCKRODT.

DEMOS (2004): Kein Geburtenboom im Berliner Szene-Bezirk.
Der Kinderreichtum am Prenzlauer Berg ist leider nur ein Journalisten-Märchen,
in: Newsletter Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung Nr.12 v 08.12.

Das Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung, eine Pressure Group der Politik für eine Mütterelite, greift in die journalistische Baby-Boom-Debatte ein und präsentiert Daten, die den Baby-Boom widerlegen sollen. Im Mittelpunkt steht ein Vergleich des "kinderreichsten Landkreises" der Republik, also ein großräumiges Gebiet mit geringer räumlicher Mobilität, mit dem hochmobilen, kleinräumigen Berliner Bezirk Prenzlauer Berg. Schaubilder wie das Nachfolgende machen den Unterschied deutlich.

 
Quelle: Newsletter Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung v. 08.12.2004

Was ausgespart bleibt: Wie würde die Grafik aussehen, wenn lediglich das Geburtenniveau der Akademikerinnen betrachtet würde? Schließlich ist das diejenige Gruppe, um die es im Kampf um die richtige Politik für Familien geht. Wie es zur "Baby-Boom"-Berichterstattung in den Medien kam, erläutert der Newsletter folgendermaßen:

"Vermutlich beruht es auf der Einzelbeobachtung eines Journalisten, der sich über die vergleichsweise vielen jungen Familien mit Kinderwagen gewundert hat. Aber diese Beobachtung führt offensichtlich auf die falsche Fährte. Tatsächlich sind in den vergangenen Jahren vermehrt jüngere Menschen an den Prenzlauer Berg gezogen. 21 Prozent der gesamten Bevölkerung des Bezirkes sind Frauen im Alter zwischen 25 und 40 Jahren - doppelt so viele wie in der Kinderhochburg Cloppenburg. Und diese jungen Frauen im besten Familiengründungsalter bekommen natürlich auch Kinder - am Prenzlauer Berg allerdings im Mittel nur etwa eins. Mit anderen Worten: Was nach Babyboom aussieht, sind in Wirklichkeit nur viele junge Menschen, die ihrerseits aber vergleichsweise wenige Kinder kriegen. So kommt es, dass der Anteil der Kinder im Alter bis zu einem Jahr an der Gesamtbevölkerung am Prenzlauer Berg etwa gleich groß ist wie in Cloppenburg. Dafür sind am Prenzlauer Berg aber doppelt so viele Mütter notwendig."  

2005

WELT AM SONNTAG (2005): Der Lohn späten Jahre.
Kinder sind das Statussymbol von Frauen, die sonst im Leben schon alles erreicht haben,
in: Welt am Sonntag v. 02.01.

JAUER, Marcus (2005): Wickeltisch statt wilder Partys,
in: Süddeutsche Zeitung v. 11.01.

Marcus JAUER berichtet über den Baby-Boom im Berliner Szeneviertel Prenzlauer Berg. Wurde im Hamburger Szeneviertel Mitte der 1980er Jahre der Single als Yuppie erfunden, so wird nun in Berlin die Familie als neue Stadtfamilie in Szene gesetzt.  Einer ist immer am Ort des Geschehens: Der Alt-68er Hartmut HÄUßERMANN, der erst in Hamburg und nun in Berlin Lifestyle politisch korrekt stadtsoziologisch begleitet. Was keinen erstaunt: im neuen Einführungsbuch in die Stadtsoziologie des Alt-68er fehlt nunmehr ein Kapitel zur Gentrificationsforschung! Die Mutation des Yuppies zum Family-Gentrifier gilt nunmehr als erwünscht. Die Verdrängung von armen "Kinderlosen" kann sich nun im Unsichtbaren vollziehen...  

HONSELL, Johannes (2005): Buggy-Stau im Szeneviertel.
Berlins Stadtteil Prenzlauer Berg gilt als Modellfall einer gebärfreudigen Republik,
in: TAZ v. 21.01.

Inzwischen ist der Definitionskampf um die politisch korrekte Geburtenrate auf dem Prenzlauer Berg in Berlin entbrannt:

"Dass der Nachwuchssegen auch noch ein Szeneviertel, den Stadtteil Prenzlauer Berg getroffen hat, war inzwischen schon der New York Times einen Bericht wert. Zahlen, wie sie zuletzt die Süddeutsche Zeitung veröffentlichte, sind nun mal beeindruckend: Während im Rest der Republik die Geburtenrate bei 1,4 liege, betrage sie im Prenzlauer Berg 2,1, hieß es da. Um fast ein Drittel habe in den letzten acht Jahren der Anteil an Kindern unter drei Jahren zugenommen.
Und wirklich, der Kindersegen ist augenfällig. (...).
Doch so einfach ist das nicht mit der Gebärfreude im Szenekiez. »Das ist ein Märchen«, sagt Jürgen Paffhausen vom Statistischen Landesamt Berlin. Nach Berechnungen seines Amtes und des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung wurden 2003 im Prenzlauer Berg je tausend Frauen im Alter zwischen 15 und 45 Jahren 35 Kinder geboren. Die Geburtenrate sei damit eine der niedrigsten in ganz Berlin. Der hohe Kindersegen hängt für Paffhausen vielmehr mit der besonderen Bevölkerungsstruktur des Viertels zusammen. 38 Prozent der Frauen sind zwischen 20 und 35.
"

Der Streit verweist auf etwas Drittes, nämlich auf den Unsinn der Debatte um kleinräumige Geburtenraten. Aber der Unsinn hat Methode!  Die Methode wurde erstmals in den 1980er Jahre von altlinken Stadtsoziologen in der Yuppie-Debatte angewandt. Auch damals ging es um den Kampf zweier Lebensstilgruppen, nur standen nicht der Indikator Geburtenzahlen, sondern die Haushaltszahlen im Mittelpunkt.

SCHWÄGERL, Christian (2005): Kein Wunder.
Im Prenzlauer Berg gibt es so wenig Kinder wie überall,
in: Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 27.04.

In SCHIRRMACHERs Untergangs-Feuilleton heißt das Motto von Christian SCHWÄGERL: Don't believe the Hype. Manchmal sollte man jedoch nicht einmal das glauben, was im ANGEBLICHEN Qualitätsfeuilleton steht! SCHWÄGERL ist mit seinem Don't-believe-the-Hype-Motto übrigens in guter Gesellschaft im deutschen Pop-Feuilleton von Frankfurter Rundschau bis taz.

"Am Prenzlauer Berg mag es zwar so ausschauen, als seien die Frauen am fruchtbarsten und die Männer am zeugungswilligsten.
Betrachtet man aber die Zahl der Kinder, die tatsächlich jedes Jahr pro tausend Frauen im gebärfähigen Alter zwischen fünfzehn und fünfundvierzig Jahren zur Welt kommen, ändert sich das Bild dramatisch. Plötzlich sind da nur fünfunddreißig Schreihälse zu verzeichnen, während es das niedersächsische Cloppenburg immerhin auf sechsundfünfzig bringt
",

verkündet uns der Hohepriester des Popfeuilleton SCHWÄGERL. Es mag ja sein, dass der Augenschein manchmal trügt, öfters ist jedoch der Fall zu beobachten, dass das was zu beweisen wäre die Wahrnehmung trübt! Dieser Fall trifft offenbar für SCHWÄGERL zu. SCHWÄGERL verweist auf das Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung. Dieses Institut ist so freundlich und vermeldet auf seiner Homepage

"Aktuell: Doch kein Geburtenboom am Prenzlauer Berg".

Aktuell heißt dann aber, es handelt sich um einen Newsletter vom 08.12.2004. Dort werden uns dann Zahlen aus dem Jahr 2003 präsentiert. Damals wurde der Hype um die Popmütter erstmals in Umlauf gesetzt. Wir schreiben aber mittlerweile 2005! In zwei Jahren kann sich viel verändern.

Tatsächlich ist dort der Prenzlauer Berg mit 35 Kinder pro 1000 Frauen im Alter zwischen 15 und 45 Jahren angegeben. Bei Cloppenburg sind jedoch keine 56, sondern nur 48 Kinder pro 1000 Frauen angegeben.

Lassen wir nun mal die Frage außer Acht, wie diese Differenz zustande kommt. Vielleicht hat ja SCHWÄGERL neuere Informationen, die noch nicht veröffentlicht worden sind (Dagegen spricht, dass sich dann nur der Cloppenburger Wert verändert hätte). Wir wollen natürlich nicht ausschließen, dass SCHWÄGERL hier ganz unschuldig ist. Die veröffentlichten Zahlen vom Berlin-Institut könnten ja auch falsch sein. Eine andere Frage ist jedoch viel wichtiger: Was will SCHWÄGERL überhaupt beweisen?

Die Frage, ob die Fruchtbarkeit der Frauen im Szeneviertel Prenzlauer Berg höher oder niedriger als im Rest der Republik ist, diese Frage ist purer Nonsens! Ein Vergleich der Fruchtbarkeit ist nur im Vergleich mit anderen Frauenjahrgängen oder mit anderen Milieus sinnvoll. Beides leistet SCHWÄGERL nicht. Er könnte es gar nicht, denn die Frauen, die SCHWÄGERL entzaubern möchte, haben ihren Gebärzyklus noch längst nicht beendet.

Frühestens in 10 - 15 Jahren ließe sich sinnvollerweise etwas über die Fruchtbarkeit der Popmütter vom Prenzlauer Berg sagen - aber selbst das ist eher illusorisch, denn aufgrund der hohen Mobilität ist es unwahrscheinlich, dass die Popmütter ihre ganze Fruchtbarkeitsphase im Szeneviertel Prenzlauer Berg verbringen werden bzw. die Popmütterkarawane nicht in neue Quartiere abwandert. Das Popmütter-Phänomen wird also auch in Zukunft für weiteren Deutungsstreit sorgen. Wer wie SCHWÄGERL in Fragestellungen geografische und demografische Dimensionen vermischt, der produziert diese Deutungskontroversen mit.

Was sagen die von SCHWÄGERL präsentierten Zahlen tatsächlich aus? SCHWÄGERLs Zahlen sagen nur etwas über die Fruchtbarkeit in eng begrenzten Gebieten aus. Die Fruchtbarkeit verändert sich in solchen kleinräumigen Gebieten weniger durch Zeugen und Gebären (wird von den präsentierten Zahlen nicht einmal erfasst!!!), sondern durch Zuzug, Wegzug oder Dableiben. Über die Fruchtbarkeit der Popmütter vom Prenzlauer Berg erfahren wir so jedenfalls nichts! Der Artikel ist ein Armutszeugnis für die deutsche Feuilletonkultur! Wir fordern einen PISA-Test für Journalisten.

BARTELS, Gerrit (2005): Demografie und Wirklichkeit.
Lounge- und Glasglockenatmosphäre, fernab von der Realität: Der Babyboom in Prenzlauer Berg ist gar keiner, trotz langer Wartezeiten an Schaukeln und Rutschen. Der Attraktivität des immer teurer werdenden Berliner Bezirks schadet das aber nicht,
in: TAZ v. 30.04.

Anlässlich des FAZ-Berichts von Christian SCHWÄGERL widmet sich BARTELS dem "Baby-Boom" vom Prenzlauer Berg. So ganz nebenbei wird dabei darauf hingewiesen, dass der Szenebezirk mit den Popmüttern keineswegs identisch ist mit dem politischen Stadtbezirk, auf den sich die Daten des Berlin-Instituts beziehen:

"Die FAZ hat kürzlich, im Sinne ihres auf das Thema spezialisierten Herausgebers Frank Schirrmacher, die Zahlen genutzt, leicht hämisch den "demografischen Mythos Prenzlauer Berg" zu erledigen, und sieht sich in ihrem Alarmismus bezüglich der Geronto-Gesellschaft bestärkt.
Aber mal abgesehen davon, dass ein Bezirk wie Prenzlauer Berg allein wohl nichts gegen den Methusalemkomplex ausrichten kann und selbst euphorischste Medienberichte über das "Kinderparadies Prenzlauer Berg" dies auch nicht suggerierten, ist es alles andere als ein Wunder, dass es in Prenzlauer Berg eben kein Demografiewunder gibt. So endet der Teil des Bezirks, der fälschlicherweise gern als Szenebezirk bezeichnet wird und für den vermeintlichen Kindersegen verantwortlich ist, sowieso dort, wo die S-Bahn einen Ring zieht - dahinter gibt es Straßenzüge und Viertel, die sich hinsichtlich Architektur und Bevölkerungszusammensetzung von (im übrigen in der Kinderstatistik noch schlechter abschneidenden) Bezirken wie Lichtenberg und Marzahn nur wenig unterscheiden.
"

BARTELS verweist auf einen taz-Bericht vom 21.01.2005 und bestätigt damit, dass die Kritik von single-generation.de an den FAZ-Zahlen berechtigt ist.

ZITTY-Titelgeschichte:
Kleine Monster.
Hilfe! Kinder! Muss das sein?

KALLE, Matthias (2005): Achtung Baby!
Die Deutschen sollen mehr Kinder bekommen, die Politik muss familienfreundlicher werden, sonst ist unsere Zukunft in Gefahr. Ein Besuch in Prenzlauer Berg kann einen aber auf ganz andere Ideen bringen,
in: Zitty Nr.15 v. 07.07.

MAISONOBE, Virginie (2005): "Was soll man sonst machen?"
Kinder? Oder nicht? Sechs Antworten,
in: zitty Nr.15 v. 07.07.

MAISONOBE, Virginie (2005): Nabelschau.
Zahlen und Fakten rund ums Kinderkriegen,
in: zitty Nr.15 v. 07.07.

WELTWOCHE-Titelgeschichte: Was, Sie haben kein Kind?
Über die Arroganz der Jungeltern, die sich für bessere Menschen halten
 

MÜLLER, Franziska K. (2005): Kinderwahnsinn.
Moderne Väter und Mütter (vor allem Mütter) erinnern an Sektenmitglieder. Sie halten sich für die besseren Menschen, belästigen ihr Umfeld mit einem militanten Enthusiasmus und geben Kinderlosen das Gefühl, sie seien Schwerverbrecher,
in: Weltwoche Nr.30 v. 21.07.

TIET, Fritz (2005): Sex, Wahn, Mutti.
Franziska K. Müller ist Junggesellin und lamentiert sich was über Mütter zurecht,
in: TAZ v. 03.08.

MÜLLER-NEUHOF, Jost (2005): Neben dem Leben.
Der Verfassungsrichter Udo Di Fabio will den Konservatismus neu denken – und fällt in alte Muster,
in: Tagesspiegel v. 08.08.

DOLIF, Nicole (2005): Flucht zurück in die Stadt.
Familien zieht es wieder nach Berlin - Senat sucht im Zentrum Grundstücke für Stadthaus-Siedlungen,
in: Welt v. 22.10.

METTKE, Marika & Elena SENFT (2005): Das letzte Reservat.
Sie lieben Kastanienmännchen und Bambi – warum in Prenzlauer Berg alle Kinder bleiben wollen,
in: Tagesspiegel v. 28.10.

Auf der Jugendseite wird der Prenzlauer Berg nicht als Zentrum der neuen Elternbewegung, sondern als Zentrum der Infantilisierung beschrieben:

"Heute kann man mit Mitte 20 wieder Kind sein. Die Hochburg der Infantilitätsbewegung befindet sich in Prenzlauer Berg, in der Gegend um die – wie passend – Kastanienallee (...).
          
Die Anhänger dieser Infantilitätsbewegung kommen ursprünglich aus München, Stuttgart oder Düsseldorf, sie sind ledig, studieren oder verdienen ihr eigenes Geld – vorzugsweise in selbstständigen Berufen. Sie wollen und müssen nicht erwachsen werden, wenn sie in Prenzlauer Berg wohnen, denn sie haben sich hier eine Nische eingerichtet, in der das niemand von ihnen verlangt."

2006

BEYER, Susanne (2006): Triumph der City.
Jahrzehntelang haben Stadtplaner Familien in die Vororte verbannt. Nun sollen Mittelständler durch ambitionierte Wohnprojekte - Stadthäuser - im Zentrum gehalten werden,
in: Spiegel Nr.2 v. 09.01.

"Immer neue Studien werden vorgelegt - vom Deutschen Institut für Urbanistik, vom BAT Freizeit-Forschungsinstitut, vom Hamburger Institut für Stadt- und Regionalökonomie -, die das Ende der Stadtflucht junger Familien prognostizieren. Eine überraschende Kehrtwende: Acht Jahrzehnte lang waren Stadtplaner davon überzeugt, dass Familien lieber in Vorstädten leben, und nun heißt es, der Traum vom Haus im Grünen sei ausgeträumt, die Innenstädte würden wiederentdeckt",

schwadroniert BEYER. Fakt ist etwas ganz anderes: Der Trend zum Stadtwohnen junger Familien existiert bereits seit mehreren Jahren. Single-generation.de hat sich diesem Thema bereits im März 2002 gewidmet. Offenkundig wurde das aber erst ein Jahr später durch das Prenzlauer Eltern-Medienspektakel.

Zukunftsorientierte Stadtforscher wie Monika ALISCH haben bereits Anfang der 1990er Jahre vorausgesehen, dass der Wunsch von Frauen, Beruf und Familie zu vereinbaren, die Attraktivität des innenstadtnahen Wohnens für junge Familien, insbesondere mit einem Kind, erhöht. Wer Augen hatte zu sehen, der hatte dies auch wahrgenommen. Nur war dies bislang nicht politisch korrekt, denn angeblich wird das städtische Wohnen von den Singles geprägt.

Während das Medienbild den städtischen Single-Yuppie in den Vordergrund rückte, ist die städtische Realität jedoch differenzierter. Immer noch dominieren ältere Alleinlebende und nicht die unter 65jährigen Singles das Leben im Einpersonenhaushalt. Dieser Trend wird sich sogar noch verstärken. Die 68er-Stadtforschung und die feministische Stadtforschung haben lange Zeit verhindert, dass die städtischen Realitäten jenseits der politischen Korrektheit wahrgenommen wurden. Single-generation.de hat diese Einseitigkeiten bereits im Jahr 2002 in einer Bibliografie der Gentrificationsforschung dokumentiert. Erst Stadtforscher der Single-Generation wie Monika ALISCH und Jörg BLASIUS haben diese Einseitigkeiten durch bislang unbeachtete, aber wegweisende Studien bereits Anfang der 1990er Jahre zurecht gerückt. Es dauerte aber offensichtlich noch ein ganzes Jahrzehnt bis nun auch der Mainstream diese Fakten wenigstens zur Kenntnis nimmt. Es ist also hochgradig erklärungsbedürftig, dass erst jetzt das Ende der Stadtflucht prognostiziert wird...

ZITTY-Titelgeschichte:
Meine Armut kotzt mich an.

Kein Geld, aber tausend Ideen: Urbane Penner sind die unterschätzte, kreative Elite Berlins

BUNZ, Mercedes (2006): Meine Armut kotzt mich an.
In dieser Stadt sieht man uns überall. Wir bevölkern die Cafés mit unseren Laptops. Wir betreiben kleine Läden, in denen wir vorne junge Mode oder minimale Möbel ausstellen. Und wenn man spätabends an den erleuchteten Fenstern unserer Ladenlokal-Büros vorbeigeht, sieht man uns immer noch Design entwerfend hinter den Rechnern sitzen. Wir sind hip, hoch qualifiziert, diffus kreativ und arm. Urbane Penner eben,
in: zitty v. 16.02.

MATTHIES, Bernd (2006): Nur kein Risiko eingehen - die Angst vorm eigenen Kind.
In Berlin entscheiden sich immer mehr Paare gegen Nachwuchs. Bei der Geburtenrate liegt die Hauptstadt bundesweit ganz weit hinten,
in: Tagesspiegel v. 20.03.

WIEGAND, Ralf (2006): Cloppenburg.
Erzkatholisch, familienfreundlich und ein Magnet für Russlanddeutsche, die Verhütungsmittel ablehnen: Ein Porträt der kinderreichsten Stadt der Republik,
in: Süddeutsche Zeitung v. 27.03.

"Statistik macht Cloppenburg im niedersächsischen Nirgendwo zum Gegenentwurf für den aussterbenden Rest des Landes. 1,3 Kinder bringt jede Frau im Bundesdurchschnitt zur Welt, in Cloppenburg liegt der abstrakte Fruchtbarkeitsindex bei 1,9",

schreibt WIEGAND anlässlich der Veröffentlichung von Die demografische Lage der Nation des Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung.

"Cloppenburg, Bezirk Weser-Ems, 33000 Einwohner, sieben katholische Kirchen, eine evangelische, kein Theater. Objektiv betrachtet ist es ein Familienparadies. Die weitgehend globalisierungsresistente Tierzucht und deren Folgeindustrie haben dem Kreis zu einer der niedrigsten Arbeitslosenquoten im ganzen Norden verholfen. Baugrundstücke gibt es schon für weniger als 50 Euro pro Quadratmeter, überall zerschneiden die Einfamilienhaus-Skylines den Horizont: Himmel, Häuser, Ackerland. Dazu ist die Gegend erzkatholisch, die Rolle der Frau entsprechend konservativ definiert: Sie bleibt daheim, wenn Kinder kommen",

beschreibt WIEGAND die niedersächsische Stadt weiter.

"6500 Bürger Cloppenburgs gelten formal als Russlanddeutsche, wobei viele von ihnen hier geboren sind",

schreibt WIEGAND als einen der Gründe für den Kinderreichtum von Cloppenburg. Im Buch Die demografische Lage der Nation wird nur der Landkreis Cloppenburg mit einer Geburtenrate von ca. 1,8 angegeben. Zu den Russlanddeutschen in der Stadt Cloppenburg heißt es im Buch dagegen:

"Ein weiterer Grund für die vielen Kinder sind die zugewanderten Russlanddeutschen. Schon vor Jahrzehnten, als der erste Schub nach Deutschland kam und zunächst im niedersächsischen Aufnahmelager Friedland Unterschlupf fand, (...) entstand eine russlanddeutsche Gemeinschaft, die zum Magneten für weitere Aussiedler wurde. Eine regelrechte Welle kam nach dem Fall des Eisernen Vorhangs auf Cloppenburg zu. Die Einwohnerzahl der Stadt stieg seither um ein Drittel. In der Stadt Cloppenburg leben heute rund 8.000 Personen mit russlanddeutschem Hintergrund.
(...).
Die Migranten sind zum Teil Anhänger der strenggläubigen, evangelikalen Pfingstbewegung (...). Etwa 1.500 Mitglieder hat die Religionsgemeinschaft im Landkreis Cloppenburg. Zahn und mehr Kinder sind bei Pfingstchristen keine Seltenheit." (2006, S.62)

BETANCUR, Karin Ceballos (2006): My home is my office.
Selbstständig sein? Unabhängig sein? Zu Hause sein? Alles kein Problem. Die Heimarbeit kommt wieder in Mode. Und quält,
in: Tagesspiegel v. 08.04.

"Was haben wir damals gelästert über die Idioten, die sich einbildeten, die Firma sei ihre Familie (...). Wir haben gelacht, als ihnen der Traum, die Gesetze des Kapitalismus mit Adidas-Streifen brechen zu können, um die Ohren flog. Und wir haben gehofft, irgendjemand hätte was dabei gelernt. Würde sich das nächste Mal einsetzen für einen Betriebsrat, für solidarische Strukturen unter den Wieauchimmer-Beschäftigten, die nicht vom Himmel fallen, sondern erarbeitet werden müssen.
          
Heute sitzt jeder allein an seinem Schreibtisch. In Prenzlauer Berg in Berlin, im Schanzenviertel in Hamburg oder im Frankfurter Nordend. Jobs verlieren tut nicht mehr so weh, weil die, die wir hatten, nie versprochen haben, von Dauer zu sein. Keiner, der wegen eines geplatzten Auftrags auf die Straße ginge. Wir haben keinen Arbeitsplatz zu verlieren, weil der, an dem wir unsere Tage verbringen, im Zimmer nebenan steht", meint BETANCUR.

TIP -Titelgeschichte: Wie macht ihr das nur?
Berliner Mütter zwischen Job, Club und Kinderzimmer

APRAKU, Eva (2006): Mutter schafft ganz schwer.
Politiker und Demografen fordern, dass Frauen wieder mehr Kinder kriegen sollen. Welche wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Balanceakte Frauen mit Kindern regelmäßig zu bewältigen haben, beweisen nicht nur Sozialstatistiken: Acht Berliner Mütter erzählen, wie sie Kind, Club und Karriere unter einen Hut bringen,
in: tip Nr.9 v. 20.04.

ROTEN, Michèle (2006): Unsere heimliche Hauptstadt.
Ein bisschen hässlich ist manchmal ganz schön. Warum viele Schweizer Berlin in ihr Herz geschlossen haben,
in: Magazin der Berliner Zeitung v. 22.04.

Die Schweizerin Regula NEERACHER findet das Prenzlauer Berg-Mütterdasein einfacher als in der Schweiz:

"Regula hat eine vierjährige Tochter und arbeitet 80 Prozent in einem Geschäft für Künstlerbedarf in Kreuzberg, ihr Mann arbeitet voll - das geht hier. »Mutterschutz, Erziehungsgeld, Erziehungsurlaub, Teilzeitarbeit, alles ist wirklich elternfreundlich. Ich habe nach vier Monaten wieder gearbeitet, dann war Sofie bei der Tagesmutter, jetzt in der Kita, da geht sie wahnsinnig gern hin. In Deutschland Kinder zu haben, ist viel einfacher als in der Schweiz.«
          
 Das stimmt - vor allem in Prenzlauer Berg. Hier sieht man kaum ein Fahrrad ohne Kindersitz, keinen gut aussehenden Mann ohne Buggy, und wer sich daran stört, stets irgendein Kinderspielzeug aus seinem Essen fischen zu müssen oder selbst beim ersten Kaffee morgens stillenden Müttern gegenüber zu sitzen und nicht rauchen zu dürfen, ist selber schuld. Als das Viertel nach der Wende plötzlich sexy wurde, zogen die jungen Wilden her, fast zwei Drittel der Anwohner tauschten sich einfach aus, und die Zugezogenen sind nun halt in dem Alter, wo man Kinder kriegt und werden »Neoliberale« genannt und »Neokonservative«."

GROSS, Thomas (2006): Von der Boheme zur Unterschicht.
Job, Geld, Leben – nichts ist mehr sicher. Eine neue Klasse der Ausgebeuteten begehrt auf: Das Prekariat,
in: Die ZEIT Nr.18 v. 27.04.

KNIPPHALS, Dirk (2006): Verzweifelt geliebt.
Schwierige Abschiede von der Deutschen Mutter,
in: Merkur, Juli

Die Prenzlauer Berg-Mütter haben den Weg vom Medienphänomen zur Touristenattraktion genommen, wenn man KNIPPHALS glauben darf.  Nicht als Ausnahme zum deutschlandweiten demografischen Trend, sondern als Beispiel für eine Entwicklung weg von der kalten deutschen Mutter hin zur souveränen, hedonistischen Mutter will KNIPPHALS das Berliner Mütterphänomen sehen. Den Abschied von der Deutschen Mutter sieht KNIPPHALS jedoch als Problem, weil es an kulturellen Bildern fehle:

"Natürlich gab es Abarbeitungen an deutschen Durchhalte-Müttern, aber sie haben sich nicht verfestigt. Peter Weiss' Erzählung Abschied von den Eltern kann einem einfallen (...). " Der Streifzug durch die Literatur führt zu Michel HOUELLEBECQ, Uwe TIMM ("Am Beispiel meines Bruders") und Michael LENTZ' Erzählung Muttersterben.
          
 Am Ende steht dann aber doch die Hoffnung:
          
 "Ein Buch, das in meinem Regal leider fehlt: die Entwicklungsgeschichte einer Deutschen Mutter. Warum gibt es kein Beispiel für eine Mutter, der es gelungen wäre, sich aus dem emotionalen Panzer, den die Figur der Deutschen Mutter bildet, herauszuarbeiten? Statt dessen scheint es ein Naturgesetz zu sein, daß sich deutsche Autoren erst mit ihren Müttern beschäftigen, nachdem diese gestorben sind, und daß sie es auf eine Weise tun, die die Mütter auf ihre Rolle festlegt. Entwicklungen in der Persönlichkeitsstruktur scheint man ihnen nicht zuzutrauen, was seltsam ist, weil sich in der Realität natürlich doch etwas tut.
          
 (...).
Aber vielleicht sitzt ja schon eine der coolen Mütter vom Prenzlauer Berg an einem Exposé, das auch diese zivilisatorischen Errungenschaften in Anschlag bringen wird."

HERWIG, Oliver (2006): BMW, Bentley, Bugaboo.
Der neue Mobilitätskick: Kinderwagen sind Statussymbole, Designerware - und vielleicht sogar die besseren Autos,
in: Süddeutsche Zeitung v. 17.07.

"Gegen den »Bugaboo-Zwang in Berlin« schreibt eine 22-jährige Mutter ziemlich genert: Erst bemerkte sie »diese erniedrigenden Blicke von Pärchen mit einer Sorte Kinderwagen.« Zwei Monate habe sie sich »das mit angeschaut und dann hat's gereicht. Ich habe mich dazu genötigt gefühlt, für 800 Euro einen Kinderwagen ohne Zubehör zu kaufen.« Nun findet die Bugaboo-Berlinerin wieder keinen Anschluss: »Ich habe sogar Schwierigkeiten, eine Freundin in meinem Alter zu finden, weil die sich in meiner Gegenwart schämen müssen, nur mit einem 'Teutonia' rumzufahren.«", zitiert HERWIG einen Fall in Sachen Statussymbol.

Kinderwagen sind Statussymbole. Geld spielt keine Rolle, Design dafür eine umso größere. Die Wahl des falschen Modells ist ein schwerer Fauxpas, der beispielsweise in Berlin-Prenzlauer Berg mit größtmöglicher Mißachtung geahndet wird. Da sind die Mütter vom Kollwitz-Platz rigoros"

MAAK, Niklas (2006): Der moderne Kinderwagen,
in: Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 25.11.
 

 
     
 
       
       
   

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Update: 24. Januar 2017