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Kommentierte Bibliografie

 
       
   

Die mediale Inszenierung des Baby-Booms im Berliner Szenebezirk Prenzlauer Berg 

 
       
   

Eine Bibliografie der Debatte um Family-Gentrification in deutschen Großstädten

 
       
     
       
   
     
 

Einführung

Der Begriff "Baby-Boom" ist in den nuller Jahren zu einem Kampfbegriff geworden. Angesichts der Geburtenkrise und des hohen Anteils kinderloser Akademikerinnen, als Zielgruppe der Bevölkerungspolitik der Berliner Republik, forderten nationalkonservative Bevölkerungswissenschaftler wie Herwig BIRG und Karl SCHWARZ eine Propagandaoffensive. Der inzwischen stark gentrifizierte Berliner Bezirk Prenzlauer Berg gilt als durchaus umstrittenes Modell Deutschland für die neue urbane Familie und wird hier deshalb exemplarisch anhand von Medienberichten vorgestellt.

Der Begriff "Baby-Boom" wie ihn deutsche Bevölkerungswissenschaftler definieren, ist ein anderer als derjenige von Journalisten, die immer wieder aufgrund anderer "Experten" und Zahlen aus oftmals nicht genannten Quellen, einen Baby-Boom behaupten.

Jenseits dieses interessengeleiteten (Stichworte: Einführung des Elterngeldes und Ausbau der Kinderbetreuung), meist unreflektierten Definitionskampfes stellt sich jedoch die Frage, ob der Begriff "Baby-Boom" wie ihn die deutschen Bevölkerungswissenschaftler benutzen, für kleinräumige Gebiete, speziell für Städte überhaupt sinnvoll anwendbar ist. Dem bevölkerungswissenschaftlichen Begriff "Baby-Boom" unterliegt eine statische Ideologie der "natürlichen Bevölkerungsbewegung", die in einer dynamischen Gesellschaft, in der Zu- und Abwanderungen ("unnatürliche Bevölkerungsbewegungen" im Sinne der nationalstaatlichen Bevölkerungswissenschaft) fragwürdig ist. Auch angebliche Kosmopoliten wie der Soziologe Ulrich BECK, der mit seinem transnationalen Konzept den nationalstaatlichen Furor durchbrechen möchte, bleibt in Sachen Bevölkerungspolitik weit unterhalb seines eigenen Anspruchs, wenn er statt einer deutschen eine europaweite Bevölkerungspolitik favorisiert.         

Kommentierte Bibliografie (Teil 2: 2007 - 2012)

2007

OCHS, Birgit (2007): Kensington in Prenzlauer Berg.
Ob einheitlich oder im kunterbunten Stilmix - in Berlin sind Townhouses in Mode,
in: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung v. 07.01.

TAGESSPIEGEL (2007): Immer mehr Babys kommen, es ist ein kleiner Boom,
in: Tagesspiegel v. 22.01.

Der Tagesspiegel meldet für Berlin einen kleinen Babyboom: "Nach Angaben des Statistischen Landesamtes kamen 2006 bis September 260 Babys mehr auf die Welt als noch im Vorjahr. Bis Jahresende waren es rund 30.000."

LOHSE, Eckart (2007): Wir mutieren zu einer Minderheit.
Wie schwer der CDU die familienpolitische Wende fällt, zeit sich im konservativ-katholischen Cloppenburg,
in: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung v. 11.03.

"Cloppenburg hat die höchste Geburtenrate in Deutschland, liegt mit durchschnittlich 1,9 Kindern pro Frau weit über dem Bundesschnitt. Zwar trägt ein Bevölkerungsanteil von 20 Prozent Aussiedlern mit in der Regel zahlreichem Nachwuchs zu der hohen Kinderquote bei, aber auch unter den Einheimischen sind drei Kinder pro Ehepaar höchstens insofern eine Ausnahme, als viele vier oder fünf haben. (...). Die Mehrzahl der Krippen steht im Landkreis Cloppenburg mit seinen etwa 150 000 Einwohnern auch heute noch beim Vieh oder im Weihnachtszimmer, weil sehr viele Kinder im Alter von weniger als drei Jahren zu Hause betreut werden, von der Mutter, der Oma oder einer Tagesmutter", beschreibt LOHSE das Cloppenburger Geburtenwunder.

MARX, Iris (2007): Städte registrieren Baby-Boom.
Nach einer Umfrage der Welt ist die Geburtenzahl 2007 um bis zu 21 Prozent angestiegen - Erfolg des Elterngeldes?
in: Welt v. 18.05.

Im Frühjahr 2006 schrieben zwei Welt-Autoren die Geburtenrate in den Keller, nun will Iris MARX einen Babyboom in den Städten - und damit gar in ganz Deutschland - entdeckt haben:

"Die Werte markieren einen Wendepunkt. Seit den 70er Jahren ist die Geburtenzahl in Deutschland nicht mehr angestiegen".

Wie üblich stimmt nichts davon! Die Geburtenzahlen schwanken seit den 70er Jahren in Deutschland und haben seitdem bereits mehrere Minimums und Maximums erreicht. Ein Anstieg der Geburtenzahlen ist bereits seit fast 5 Jahren in verschiedenen westdeutschen Großstädten zu verzeichnen. Die Prenzlauer Berg-Eltern in Berlin erregen z.B. seit 2003 immer mal wieder Aufsehen. Der Anstieg der Geburten in Großstädten ist also keineswegs ein Effekt des gerade beschlossenen Elterngeldes. Für die geburtenstarken Jahrgänge der Generation Golf (1965 - 1970) kommt das Elterngeld mehr oder weniger zu spät. Vielmehr dürfte die unsägliche familienpolitische Debatte in den letzten Jahren zu vermehrten Geburtenaufschüben dieser geburtenstarken Jahrgänge geführt haben. Der "Baby-Boom" der Spätgebärenden wäre sonst noch stärker ausgefallen.

Wenn nun Geburten endlich nachgeholt werden, dann wäre das deshalb nicht als Erfolg, sondern allenfalls als Misserfolg der deutschen Familienpolitik zu werten. Erreicht werden können nämlich hauptsächlich nur noch die geburtenschwachen Jahrgänge der 1970er Jahre. Späte Mütter sind unter den Vierzigjährigen bisher eher selten. Nur bei Frauen mit Hochschulabschluss kommt es noch etwas häufiger zu Erstgeburten, wie die Debatte um das Ausmaß der Kinderlosigkeit in Deutschland gezeigt hat.

Als Experten werden der Ifo-Mitarbeiter Martin WERDING befragt, der als Verfechter einer Rente nach Kinderzahl bekannt ist, und Jan HOEM, Direktor des Max-Planck-Instituts für demografische Forschung, der aus dem Anstieg der Geburtenzahlen noch nicht auf die Wirksamkeit des Elterngelds schließen möchte.

WEIRAUCH, Grit (2007): Kampf der Kinderkrieger.
Die Berliner Babyboomer kämpfen um Schulplätze,
in: TAZ v. 22.05

"In der im Verwaltungsdeutsch Planregion 2 genannten Gegend, zwischen Schönhauser und Prenzlauer Allee, wo Deutschlands Babyboomer wohnen und seit Jahren die Kinderwagen Kolonne fahren, kann jedes vierte Kind nicht die Schule in seiner Nähe besuchen. Denn die sind überfüllt. Es ist, als hätte das Schulamt nicht mitbekommen, wovon die ganze Republik seit Jahren spricht: dass im Prenzlauer Berg, entgegen dem bundesdeutschen Trend, massenhaft Kinder geboren werden", berichtet WEIRAUCH in ihrer Reportage vom Prenzlauer Berg.

MILLER, Tobias/SCHMIDL, Karin/STRAUSS, Stefan (2007): Neue Schulen braucht das Land.
Bezirke haben die Zahl der Kinder falsch eingeschätzt und voreilig Bildungsstätten aufgegeben,
in: Berliner Zeitung v. 25.06.

AMT FÜR STATISTIK BERLIN-BRANDENBURG (2007): Berlin wächst weiter,
in: Pressemitteilung des Amtes für Statistik Berlin-Brandenburg Nr.171 v. 01.08.

HONERT, Moritz (2007): Berlin erlebt Baby-Boom.
Die Zahl der Geburten stieg in den ersten Monaten um rund fünf Prozent. Damit liegt Berlin weit über dem Bundesdurchschnitt. Besonders in den Innenstadtbezirken gibt es einen starken Zuwachs,
in: Tagesspiegel v. 07.08.

HONERT zitiert Christine HANNEMANN, Stadt und Regionalsoziologin an der Humboldt-Universität, zum Anstieg der GeburtenZAHLEN (nicht zu verwechseln mit GeburtenRATEN) in Berlin:

"»Seit der Wende sind mehr als die Hälfte der heutigen Berliner neu in die Stadt gezogen. Viele Zuzügler waren junge Studenten, die sich jetzt etabliert haben und in das Elternalter gekommen sind.« Besonders in den Innenstadtbezirken gibt einen starken Geburtenanstieg. Die Wissenschaftlerin erklärt das damit, dass Familiengründung heute nicht mehr gleichbedeutend sei mit Wohnen in ruhigen Randbezirken."

TAGESSPIEGEL (2007): "Ich bin jetzt leider intolerant".
Erstens: Ohne Zigarette ist man uncool. Zweitens: Ich werde als Mutter nie "so" sein. Vorstellungen, von denen Heike Makatsch sich schnell verabschiedet hat,
in: tagesspiegel.de v. 16.09.

"Sie wohnen hier im Kiez. Gehören Sie zu denen, die Hausflure mit ihren Kinderwagen zuparken?
MAKATSCH: Interessiert Sie das wirklich? Ich habe einen Aufzug und nehme ihn mit hoch. Wir haben so viele Kinder im Haus, jeder hat eins oder zwei, da sind alle sehr tolerant. Man weiß nie: Wessen Kind schreit da eigentlich gerade? Zuerst denkt man immer, es sei das eigene. Doch dann merkt man: Nee, es kommt von links, von rechts und von unten. Mit der Zeit lernt man, dass ein zweijähriges Kind ganz anders schreit als ein Neugeborenes.
Ihr kinderloser Kollege August Diehl, der auch in Prenzlauer Berg wohnt, hat einmal gesagt, er überlege, sich einen Kassettenrecorder mit Babygeschrei ins Fenster zu stellen, damit nicht der Verdacht aufkommt, er sei unfruchtbar.
MAKATSCH: Oder schwul. Wir sind hier echt das Epizentrum des Kinderkriegens."

LÖWER, Chris (2007): Buggy statt Porsche.
Kinder wagen sind längst keine bloßen Transportmittel mehr, sondern schicke Karren für den Nachwuchs. Ein Überblick,
in: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung v. 07.10.

"Kinderwagen sind Statussymbole. Geld spielt keine Rolle, Design dafür eine umso größere. Die Wahl des falschen Modells ist ein schwerer Fauxpas, der beispielsweise in Berlin-Prenzlauer Berg mit größtmöglicher Mißachtung geahndet wird. Da sind die Mütter vom Kollwitz-Platz rigoros", mahnt LÖWER am Schluss seines Überblicks.

SUßEBACH, Henning (2007): Bionade-Biedermeier.
Der Berliner Stadtteil Prenzlauer Berg ist das Experimentierfeld des neuen Deutschlands. Doch wer nicht ins Raster passt, hat es schwer im Biotop der Schönen und Kreativen,
in: ZEITmagazin Nr.46 v. 08.11.

Henning SUßEBACH porträtiert den Berliner Akademiker-Bezirk Prenzlauer Berg:

"Ein nur elf Quadratkilometer umfassendes Häusergeschachtel, in dem 143000 Menschen leben. Mehr als die Hälfte von ihnen ist zwischen 25 und 45 Jahre alt. Viele im alten deutschen Westen haben eine Tochter, einen Sohn, einen Neffen, eine Nichte, einen Freund, eine Freundin, die in dieses ehemalige Stück Osten gezogen ist. Der Stadtteil verändert sich so schnell, dass die Statistiker kaum noch mitkommen: Allein zwischen 1995 und 2000 hat sich die Hälfte der Bevölkerung ausgetauscht, Schätzungen für die gesamte Zeit seit dem Mauerfall gehen von über 80 Prozent aus. Der Anteil der Akademiker hat sich mehr als verdoppelt, in manchen Straßen verfünffacht."

SUßEBACH, der noch 3 Jahre zuvor enthusiastisch über den sagenhaften Babyboom der Prenzlauer Berg-Frauen in seinem Freundeskreis berichtet hatte, ist jetzt sichtlich ernüchtert über Zahlen, die alles andere als taufrisch und unproblematisch sind:

"Der Prenzlauer Berg ist offenbar nicht so, wie er zu sein glaubt, auch nicht beim immer wieder gefeierten Kinderreichtum. Pro 1000 Frauen im Alter zwischen 15 und 45 Jahren kommen hier je Jahr nur 35 Kinder zur Welt – das sind weniger als im vermeintlichen Witwenbezirk Wilmersdorf. In Cloppenburg liegt die Zahl bei 56. Dass der Anschein auf den Straßen und Spielplätzen ein anderer ist, liegt allein daran, dass hier fast ausschließlich junge Menschen leben, die zwar verhältnismäßig wenige Kinder kriegen, aber in ihrer Masse immer noch genug, um das Viertel zu verändern."

Aus der Perspektive eines türkischen Gemüsehändlers, eines Wohnungsmaklers, eines Schulleiters, des Stadtsoziologen und Schwaben Hartmut HÄUßERMANN, einer Allgemeinärztin und eines Yogatrainers betrachtet SUßEBACH die Bewohner im Berliner Bezirk Prenzlauer Berg, um sie dann als Bionade-Biedermeier abzustempeln:

"Der Prenzlauer Berg wirkt vielerorts, als habe es nie so etwas wie eine Unterschichtendebatte gegeben, ein Demografieproblem, Migration. Hier herrscht der Bionade-Biedermeier. Die 100000 Zugezogenen haben eine neue Stadt geschaffen, doch wem kommt diese zivilisatorische Leistung zugute, außer ihnen selbst? Ihr Prenzlauer Berg ist ein Ghetto, das ohne Zaun auskommt – weil es auch ohne zunehmend hermetisch wirkt. Die Zuwanderung wird über den Preis pro Quadratmeter gesteuert und über den enormen Anpassungsaufwand, dem man sich hier leicht aussetzt. Wer nicht das Richtige isst, trinkt, trägt, hat schnell das Gefühl, der Falsche für diesen Ort zu sein.
Man glaubt so offen zu sein und hat sich eingeschlossen. Zwar ist Milieubildung ein normales soziales Phänomen, weltweit sortieren sich die Menschen nach Lebensstil, Bildung, Vermögen – das Besondere am Prenzlauer Berg aber ist, dass er nicht wahrhaben will, dass er ganz anders ist, als er zu sein glaubt."

LESTON, Tanja (2007): Gibt's noch was außer Eigentumswohnung?
Schöne Mütter, schicke Kinder, totalsanierte Straßen: Prenzlauer Berg hat sich gewandelt. Doch jenseits des gesträhnt gefönten Seitenscheitels tut sich eine Leere auf. Was fehlt zum jungbürgerlichen Glück?
in: Tagesspiegel v. 07.12.

HIRTE, Jennifer (2007): Der Club der schönen Mütter.
Lebensgefühl Prenzlauer Berg: Warum sexy junge Mütter von Berliner Männern am meisten begehrt werden,
in: Tagesspiegel v. 07.12.

MARTENSTEIN, Harald (2007): Prominent in Pankow.
Berliner Expeditionen (4): Schriftsteller, Politiker, Schauspieler, Musiker: Früher wohnte hier die Elite der DDR. Musiker, Schauspieler, Politiker, Schriftsteller: Heute wohnt hier die Elite der Hauptstadt,
in: Tagesspiegel v. 09.12.

"Es heißt, Kinderlose, die sich in Berlin niederlassen, ziehen erst mal nach Mitte, beim ersten Kind verlegen sie den Wohnsitz nach Prenzlauer Berg, beim zweiten Kind geht es ab nach Pankow", weiß MARTENSTEIN zu berichten.

2008

GAUB, Maximilian (2008): Das Szeneviertel.
Wo muss man jetzt wohnen und ausgehen? Wann weiterziehen? Den aktuellen In-Bezirk zu erwischen, ist vor allem eine Frage des Timings. Schuld am engen Zeitfenster sind drei übliche Verdächtige,
in: Neon, April

Maximilian GAUB erläutert wie Kapital, Medien und Politik dazu führen, dass Stadtteile aufgewertet werden. Diese Gentrifizierung, in deren Verlauf sich Szeneviertel bilden und verschwinden, hat sich im Nachkriegsdeutschland verändert. Das Schwabing der 60er in München, das Schanzenviertel der 80er in Hamburg und der Prenzlauer Berg der 90er in Berlin waren typische Beispiele für diese Prozesse. Berufsjugendliche müssen deshalb ständig umziehen. Manche - wie Martin REICHERT - ziehen es stattdessen vor, erwachsen zu werden...

GERNERT, Johannes & Rolf ZÖLLNER (2008): Wie Investoren die Stadtstrukturen verändern.
Häuschen aus der Grube: schöne Wohnlage mit Bioladen um die Ecke, ruhig und doch unweit von Szenekneipen. Prenzlauer Berg ist der Lifestylebezirk in Berlin. Investoren schaffen für eine kaufkräftige Zielgruppe exklusive Wohnungen. Zum Beispiel Marthashof. Das stört nicht nur Autonome,
in: TAZ v. 17.06.

AMT FÜR STATISTIK BERLIN-BRANDENBURG (2008): Geburtenüberschuss in Berlin im Jahr 2007,
in: Pressemitteilung Amt für Statistik Berlin-Brandenburg v. 23.06.

STRITTMATTER, Judka (2008): Das Angebot.
Manchmal lässt sich der ganze Wandel eines Stadtviertels auch im Schaufenster eines Ladens besichtigen. Zum Beispiel in der Oderberger Straße 44, Berlin, Prenzlauer Berg. Eine Inventur mit alten und neuen Mietern, 
in: Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 28.06.

NOWAKOWSKI, Gerd (2008): Die Mitte bebt.
Münchener Verhältnisse in der deutschen Hauptstadt: Explodierende Mietpreise, Yuppisierung und Verschlimmbesserung des Stadtbildes. Bürger und Autonome gehen geschlossen auf die Barrikaden. Dabei ist genau das die ganz normale Entwicklung einer Metropole,
in: Tagesspiegel v. 29.06.

"Die Nachfrage aus dem Ausland verstärkt den Verdrängungsdruck. Die Kunden kommen aus New York, der hippen Kunstszene wegen, oder aus Stockholm, wegen der hier vergleichsweise spottbilligen Wohnungen. Im Trendbezirk Prenzlauer Berg, so sagen Untersuchungen, ist die frühere Bevölkerung nahezu ausgetauscht",

berichtet NOWAKOWSKI. Der Ausnahmestatus der Frontstadt Berlin verschwindet allmählich und das bekommen nun auch die Berufsjugendlichen zu spüren. Nicht nur der Sozialstaat federt die analoge und die digitale Boheme immer weniger ab, auch die verstärkte Aufwertung genau jener Viertel, die von den Berufsjugendlichen bevorzugt werden, trägt dazu bei, dass der industriegesellschaftlichen Phase der Postadoleszenz die Grundlage entzogen wird. Wer mit Mitte Dreißig den Durchbruch noch nicht geschafft hat, der, so meint Martin REICHERT in seinem Buch Wenn ich mal groß bin, sollte seine Umhängetasche an den Nagel hängen und  endlich erwachsen werden, indem er sich den Herausforderungen einer selbständigen Existenz - jenseits der Elternabhängigkeit - stellt.

SCHÖNBALL, Ralf (2008): Junge Familien ziehen weg aus der Innenstadt.
Die Abwanderung junger Familien aus der Berliner Innenstadt betrifft auch beliebte Szeneviertel wie Prenzlauer Berg. Es fehlen bezahlbare Wohnungen,
in: Tagesspiegel v. 18.07.

Der Berliner Mieterverein hat eine Studie des Potsdamer Instituts für soziale Stadtentwicklung (IFSS) in Auftrag gegeben. Das Ergebnis ist wenig überraschend, denn es sind vor allem die einkommensstarken Family-Gentrifier, die vom Bauboom profitieren und somit für die "Renaissance der Innenstädte" stehen. Vor einem Monat hatte dies bereits Gerhard MATZIG in der SZ beklagt. SEIDL/MAAK/RICHTER, bekannt als Berlin-Hasser, beobachten das Berliner Stadt-Marketing in Sachen Berlin-soll-nobler-werden in der FAS.

JACOBS, Stefan (2008): Mit Papa auf die Piste.
Auf zur Rennbahn! Raus zum Flughafen! Und immer mit Kind. Wie der "Papaladen" in Berlin engagierte Väter einspannt. Natürlich in Prenzlauer Berg, wo die Frauen entweder Kinderwagen oder dicke Bäuche vor sich herschieben,
in: Tagesspiegel v. 23.10.

2009

DECKER, Kerstin (2009): Berliner Pflasterschein.
Kastanienallee, Prenzlauer Berg: Castingallee, Latte-Macchiato-Strich, die vielleicht hipste Meile Deutschlands. Jetzt soll sie besser befahrbar werden, breiter. Aber ist sie für Autos überhaupt gedacht? Über eine Liebe zum Bürgersteig und kinetische Modelle,
in:
Tagesspiegel v. 22.02.

HEYMANN, Nana (2009): Die Stimmung zieht sich zu.
Nach der Wende wollten alle nach Prenzlauer Berg ziehen. Doch jetzt brechen unter den Bewohnern zunehmend Konflikte auf. Streit gibt es zwischen Alteingesessenen und Zugezogenen, Singles und Familien, Schwaben und Preußen, Reichen und Linken,
in:
Tagesspiegel v. 22.03.

BRAKE, Michael (2009): Ohne Bärchenfressen.
Lebensgefühl statt Wickeltipps: Mit seinem neuen Hochglanzmagazin "Nido" will Gruner+Jahr die Zielgruppe der jungen urbanen Eltern erobern,
in: TAZ v. 17.04.

Eltern sind arm und haben keine Zeit? Die neue Yuppie-Zeitschrift NIDO, gewissermaßen NEON für Eltern, möchte - trotz WIR - das Gegenteil beweisen:

"Junge Eltern mit überdurchschnittlicher Bildung und entsprechendem Einkommen. Sie leben in Vierteln wie Berlin-Prenzlauer Berg und sind gerne bereit, ihren kleinen Kindern, die vermutlich Maximilian und Lena-Karlinda heißen, nur das Allerbeste zu bieten. Es ist die Zeit des Nestbaus - Nido ist das spanische Wort für Nest - also kauft man eine große neue Küche, das gute Holzspielzeug, Biolammfleisch und eben auch »wertige« Zeitschriften.
Erreichen will man diese neuen Eltern mit dem in der Neon sattsam erprobten Prinzip des »Lebensgefühl-Journalismus«", meint BRAKE.

MIELKE, Ralf (2009): Wenn Neon-Leser Kinder kriegen.
Nido, ein Magazin für Eltern, die es sich leisten können,
in: Berliner Zeitung v. 21.04.

STAUN, Harald (2009): Bärchenalarm.
Das Magazin "Nido" will junge Eltern ernst nehmen - und macht alles noch schlimmer,
in: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung v. 03.05.

WINKLER, Thomas (2009): Neues Album von Nouvelle Vague.
Unerfüllte Träume der Bionade-Bohème,
in: Frankfurter Rundschau v. 06.07.

Thomas WINKLER sieht in den Prenzlauer Berg-Eltern, die an den kreativen Schalthebeln sitzen, die Zielgruppe für die eingängigen Punk-Gassenhauer von Nouvelle Vague:

"Diese Zielgruppe hottete vor zwei Jahrzehnten noch zu Indie-Disco-Hits (...) über die Tanzfläche des alternativen Jugendzentrums in der Provinz. Oder träumte zu unkaputtbaren Sehnsuchtssongs (...).
            Heute will sie sich aber vor allem nicht mehr aufregen. Sondern abends ein gutes Glas Wein schlürfen, wenn der Nachwuchs endlich schläft, und dazu dieselbe Musik wie früher hören - nur irgendwie anders. Nicht so nervig eben. Und das ist dann wohl der Witz an Nouvelle Vague: Sie spielen den Soundtrack zu den unerfüllten Träumen der Bionade-Bohème als nur mehr blassen Wiederhall seiner selbst."

CARL, Verena & Joachim BESSING (2009): Haben Kinder ein Grundrecht auf Latte Macchiato?
In Szenebezirken wie Prenzlauer Berg in Berlin oder dem Münchner Glockenbachviertel sind Kinder überall: Sie bevölkern Spielplätze, Biosupermärkte und die Cafés. Wer Kinder in Cafés nervig findet, hat kein Herz, meint Verena Carl. Und ob – aber eben eins für Kinder, findet Joachim Bessing,
in: Welt Online v. 28.09.

ECKARDT, Ann-Kathrin (2009): "Du weißt ja gar nicht, was dir entgeht".
Kinder, Kinder! (5): Wer sich gegen eigenen Nachwuchs entscheidet, wird oft schief angesehen - eine Frau und ein Mann über ihr Leben ohne Kinder,
in: Süddeutsche Zeitung v. 17.10.

ECKARDT stellt Annette C. ANTON und den Bundestagabgeordneten Matthias W. BIRKWALD als Beispiele für den Typus der gewollt Kinderlosen vor. ECKARDT beschreibt, warum die kinderlose Karrierefrau ANTON aus dem Szenebezirk Prenzlauer Berg weggezogen ist:

"Die Vertreibung von Annette Anton aus dem Viertel Prenzlauer Berg begann schleichend. Erst eröffneten dort, wo einmal der Eisenwarenladen gewesen war, auf einen Schlag ein Ayurveda-Studio, ein italienischer und ein französischer Feinkostladen. Dann rückte die Kinderspielplatz-Initiative an. (...). Der Nachwuchs eroberte die Schaukeln, die Bugaboos füllten die Gehwege, die Volvos die Parklücken, und für jeden verstorbenen Ost-Rentner rückte ein junges West-Paar mit Baby (oder zumindest Babybauch) nach. Für Menschen ohne Baby wurde die Luft im zuvor gut durchmischten Viertel immer dünner. Erst recht für Menschen, die sich bewusst dem Gebärtrend widersetzen.
Um es gleich vorwegzunehmen: Ein Jahr nach der Spielplatzverschönerung packte Annette Anton mit ihrem Freund die Umzugskartons. Sie zogen nach Friedrichshain. »Nach sieben Jahren haben wir uns in unserem alten Viertel plötzlich fremd gefühlt«, sagt Annette Anton, 46."

DEMOS (2009): Mehr Geburten in Prenzlauer Berg.
Dank junger Bevölkerung nimmt der Nachwuchs zu - von Kinderreichtum ist der Berliner Szene-Stadtteil aber noch weit entfernt,
in: Newsletter Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung Nr.84 v 10.11.

"Im Jahre 2003 rangierte der Ostberliner Ortsteil Prenzlauer Berg des Bezirks Pankow wie der gesamte Bezirk bei den Neugeborenenzahlen noch am Ende der Berliner Skala - seinem Ruf als Geburtenhochburg Deutschlands zum Trotz: Auf 1.000 Frauen im Alter von 15 bis 44 Jahren kamen nur 35 Geburten. Fünf Jahre später hat der Szene-Kiez die meisten Bezirke überholt und liegt mit 44 Geburten je 1.000 Frauen auch über den Berliner Durchschnitt",

teilt das Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung zur Geburtenentwicklung mit.

2010

MOHR, Reinhard (2010): Im Lebend-Museum eines postmodernen Tagtraums.
Das neue Spießertum im Biotop Prenzlauer Berg,
in: DeutschlandRadio v. 29.01.

LÜTKEHAUS, Ludger (2010): Von der schweren Geburt der Geburtsphilosophie,
in: Familiendynamik, Heft 2, Februar

GEISEL, Sieglinde (2010): Das Kiezgefühl in der Metropole.
Aufwertung und Verlust: Wie sich der Berliner Stadtbezirk Prenzlauer Berg verändert,
in: Neue Zürcher Zeitung v. 10.03.

GEYER, Steven (2010): Zonenkinder.
Prenzlauer Berg,
in:
Frankfurter Rundschau v. 21.04.

HERWIG, Oliver (2010): Der Kinderwagen.
Das war die Gegenwart (18): Die beschleunigte Gesellschaft beginnt im Kindesalter,
in: Süddeutsche Zeitung v. 24.04.

REST, Tanja (2010): Lasst uns mit euren Bäuchen in Ruhe.
Ein schwangerer Star nackt auf dem Titel, das war mal mutig - inzwischen traut sich sogar Claudia Schiffer,
in: Süddeutsche Zeitung v. 12.05.

Tanja REST berichtet anlässlich des aktuellen Vogue-Covers mit der hochschwangeren Claudia SCHIFFER über die Geschichte der Schwangeren-Covers:

"Als im August 1991 die Zeitschrift Vanity Fair mit der splitternakten und hochschwangeren Demi Moore auf dem Cover erschien, ging ein PR-Traum in Erfüllung. (...). Fast zwei Dekaden später gehört die Demi-Pose zum Kanon der Popkultur. Der nackte, prall angeschwollene Schwangerschaftsbauch, über den sich die schützende Hand der Mutter legt, während die andere Hand zum Beweis, dass diese Frau sexuell nicht mehr verfügbar ist, die Brüste zudeckt; dazu der herausfordernd selbstbewusste Blick in die Kamera: Ich bin schön, stolz und schwanger - das ist ein so starkes Statement, dass ihm nur wenige widerstehen können."

EXNER, Ulrich/LUIG, Judith/WILTON, Jennifer (2010): Kinderrepublik Deutschland - eine Reise durch Licht und Schatten.
Noch nie gab es hierzulande so wenige Geburten wie im vergangenen Jahr. Minus 3,6 Prozent. Schon wieder. Aber längst nicht überall. Ursachenforschung auf fruchtbarem und weniger fruchtbarem Boden,
in: Welt am Sonntag v. 23.05.

Im August 2009 mussten sich die kinderlosen Redakteurinnen der WAMS rechtfertigen, warum sie kinderlos sind. Genützt hat es offenbar nichts. Diesmal reisen die WAMS-Journalisten durch Deutschland: Osterode, Prenzlauer Berg und Cloppenburg sind die Stationen dieses Geburtenratentourismus.

BÖKER, Carmen (2010): Macht's gut, Nachbarn.
Zu laut, zu erwachsen, zu nächtlich - ein Club nach dem anderen verlässt den Prenzlauer Berg. Der Umbau des früheren Szenebezirks zum Familienbiotop ist abgeschlossen. Nun erledigt sich hier auch das Musikleben,
in: Berliner Zeitung v. 28.06.

taz-Thema: Bionade schützt vor Scheidung nicht

NIEMANN, Julia (2010): Die verlassenen Macchiato-Mütter.
Mittelschicht: Das neue, gut ausgebildete, emanzipierte, familienorientierte Bürgertum tappt in alte Geschlechterfallen. Mit der Trennung vom Partner beginnt der soziale Abstieg der Mütter. Vom großstädtischen Lebensstil bleibt nicht viel. Ein Erfahrungsbericht,
in: TAZ v.
17.07.

Julia NIEMANN berichtet darüber, was das neue Unterhaltsrecht für die gut situierten Prenzlauer Berg-Mütter bedeutet. Das neue Unterhaltsgesetz trat 2008 in Kraft. Wer sich für die Vorgeschichte der Reform des Unterhaltsrechts interessiert, der sollte das Buch Die vaterlose Gesellschaft von Matthias MATUSSEK aus dem Jahr 1998 lesen. MATUSSEK sprang im November 1997 mit einem Spiegel-Titel auf den fahrenden Zug auf und trat mit dem 1998 erschienenen Buch weit geöffnete Türen ein. Das Buch polemisiert gegen jenen Typus von alleinerziehender Mutter, über den NIEMANN in dem taz-Artikel berichtet:

"Mittlerweile ist klar, daß das System der automatischen Alimentierung der geschiedenen Frau durch ihren Exmann besonders für die unteren zwei Drittel der Gesellschaft versagt. Es ist überlastet. Daß es dennoch, bei Politikerinnen, Beamtinnen, Journalistinnen so hoch im Kurs steht, hat einen ganz einfachen Grund. Diese gehören dem oberen Drittel der Gesellschaft an. Und dort funktioniert die Wertabschöpfung prächtig.
Die Frau eines Rechtsanwaltes, eines Zahnarztes, eines Architekten hat selbst nach dreijähriger Kurzehe ausgesorgt. Und die Politikerinnen und Journalistinnen, die die Meinungsführerschaft im öffentlichen Diskurs übernommen haben, sind nicht mit Möbelpackern verheiratet, sondern mit der finanziellen und akademischen Elite. (1998, S.136)"

MATUSSEK prangert in seinem Buch vor allem die Erschleichung von Unterhalt durch alleinerziehende Yuppie-Mütter an:

"Der weibliche Mißbrauch des Scheidungsrechts besonders in der Unterhaltsfrage hat in den letzten dreißig Jahren einen gigantischen Müllhaufen aufgetürmt. Er hat Liebe durch Haß ersetzt, Vertrauen durch Mißgunst, Familiensinn durch Egoismus, Loyalität durch Habgier". (1998, S.145)

MATUSSEK vertritt insbesondere die Interessen der männlichen Besserverdienenden und polemisiert gegen den Kult der Alleinerziehenden, die Jugendämter, Frauenhäuser und das reaktionäre System der feministischen Besitzstandswahrung. Das Buch von MATUSSEK ist aber vor allem deshalb interessant, weil es zeigt, wie eine neu entstandene Koalition des männlichen Antifeminismus und des weiblichen Differenzfeminismus (alternativ: Postfeminismus) den Gleichheitsfeminismus eindämmte. Einflussreiches Sprachrohr dieser Koalition war zuerst das Nachrichtenmagazin Focus, das von Anfang an auf den Väteraufbruch setzte. Spätestens im Januar 1995 (Focus-Titelgeschichte Kinder ohne Väter) kann das Thema vaterlose Gesellschaft auch in Deutschland als durchgesetzt gelten. Wer das Buch von MATUSSEK liest, der kann ermessen, wo die Erfolge dieser neuen Koalition lagen: nämlich an den Schnittstellen von Differenzfeminismus und Antifeminismus. Das Comeback der Hausfrauenfamilie, das Kernanliegen der Antifeministen, blieb jedoch bislang aus.

Der taz-Artikel von NIEMANN zeigt die Verschiebungen des Diskurses im neubürgerlichen Milieu nach der Unterhaltsreform.

SCHMOLLACK, Simone (2010): Selbstmitleid im Szenecafé.
Macciato-Mütter: Wenn junge Frauen nach der Trennung vom Partner in der Geschlechterfalle landen, sollten sie mal ihr Rollenverständnis überdenken,
in: TAZ v.
30.07.

Simone SCHMOLLACK hat kein Mitleid mit geschiedenen Prenzlauer Berg-Müttern mit Alleinerziehenden-Status.

JAUER, Marcus (2010): Wir Kinder vom Prenzlauer Berg.
Sie gehören zu einer Generation, die von ihren Eltern stärker behütet und gefördert wurde als jede andere zuvor. Wird sie das einmal zu glücklichen Erwachsenen machen? Ein Blick zurück aus der Zukunft,
in: Frankfurter Allgemeine Zeitung v.
31.07.

ASMUTH, Gereon (2010): Zeitgemäßer Vaterersatz.
Lebensentwürfe: Prenzlauer Berg ist ein Labor für Familienbildung - und für die Zeit nach der Trennung. Männer sind dort keineswegs nur Familienflüchtlinge,
in: TAZ v.
20.08.

RÜTTIMANN, Vera (2010): Aufstand der Habenichtse.
Berlin: Die urbane Landschaft mit ihrer vielfältigen Subkultur im Osten der Stadt ist bedroht: Investoren und zahlungskräftige Mieter mischen die Kieze um den Prenzlauer Berg und in Kreuzberg auf. Diese Gentrifizierung nehmen viele Bewohner nicht kampflos hin,
in: Rheinischer Merkur Nr.37 v. 16.09.

FUHR, Eckhard (2010): Die Muttis von Mitte,
in: Welt v. 18.09.2010

CADENBACH, Christoph (2010): Das Schicksal, ein paar Straßen weiter.
Nirgends in Deutschland liegen die sozialen Unterschiede so nah beieinander wie in Berlin: Wir haben ein Kind in der Wohlstandsoase Prenzlauer Berg besucht – und eins im Notstandsgebiet Wedding, Zwei Mädchen, eine Stadt, zwei völlig verschiedene Welten,
in: SZ-Magazin Nr.42 v. 22.10.

GROß, Thomas & Tobias TIMM (2010): Die neue K-Klasse.
Kreativhotels, Kreativkieze und Kreativbeauftragte: Berlin sieht sich als Labor einer zukünftigen, wissensbasierten Ökonomie. Aber was tun diese Kulturarbeiter eigentlich den ganzen Tag? Eine Recherche in der "Hauptstadt der Innovation",
in: Die ZEIT Nr.45 v. 04.11.

STAUN, Harald (2010): Wir Eltern von Prenzlauer Berg.
War es wirklich nur ein neuer Spielplatz, der am vergangenen Wochenende eröffnet wurde? Und wenn ja: für wen?
in: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung v. 21.11.

Für Prenzlauer Berg-Eltern wie Harald STAUN, einem Angehörigen der Lifestyle-Clique Generation Golf sind Kinderspielplätze die neuen Galerien oder Clubs. Es geht dort nicht um die Kinder, sondern um die Eltern. Sehen und gesehen werden! STAUN findet sich dabei besonders cool, denn im Gegensatz zu seiner Nachbarschaft, liest der Medienredakteur Nido nur zum Lästern, denn das ist die "Fachzeitschrift für orientierungslose Wohlstandseltern". Im individualisierten Milieu ist Distinktion an die Stelle von Analysen getreten. Im Fall STAUN läuft die Abgrenzung des eigenen Lebensentwurfs über Nachbarschaft und Passanten. Das Mittel ist Bescheidwissertum, wie es in den Hochzeiten der Spex noch funktioniert hat. Dumm nur, dass dies im Internetzeitalter keinen Gewinn mehr bringt:

"Und zweifellos hätte man, hätte man auf der anderen Seite des Zaunes gestanden, auch mit dem Finger auf die seltsame Versammlung gezeigt, wie es immer wieder die belustigten Passanten taten, die zu alt oder zu jung oder einfach zu kinderlos waren, um daran teilzunehmen. Uns (...) war schon klar, was die da draußen sahen: Sie sahen (...) die Bionade-Eltern vom Prenzlauer Berg, die Bugaboo-Fahrer vom Bötzowviertel, die Witzfiguren aus einem Alexander-Osang-Roman oder aus dem Geo-Artikel über die Hufelandstraße, den wir natürlich auch alle gelesen hatten. Wir wussten, was sie sahen (...).
Wir alle kannten das irritierende Gefühl sehr gut, mit dem Abziehbild des eigenen Lebensentwurfs konfrontiert zu werden, aber nicht jeden Tag ist es so schwer zu ignorieren. Sogar der
Tocotronic-Sänger Dirk von Lowtzow kam, guckte und zeigte, das machte die Sache nicht unbedingt leichter".

Eines ist klar, so wird das nichts mit mehr Kindern in Deutschland. Vielleicht wäre besser Christiane RÖSINGER vorbeigekommen und hätte gesungen:

"Du hast dir deinen Reim und dein Bild gemacht/Dann kommt die Wirklichkeit und sagt: Falsch gedacht!"

2011

SCHULZE, Katrin (2011): Feindbild Prenzlauer-Berg-Mütter.
Die Arbeitsministerin hat sieben Kinder, die Familienministerin wird demnächst Mutter. Wie perfekt muss eine Mutter sein? Ein Ortstermin im Familienplanungszentrum,
in: Tagesspiegel v. 21.01.

JELLEN, Reinhard  (2011): Lifestylepark für die Bionaden-Bourgeoisie.
Interview mit Christoph Twickel über Gentrifizierung,
in:
Telepolis v. 30.01.

SEIBT, Gustav (2011): Du bist nicht allein.
Ach was, Grenzen: Über das neue eiserne Zeitalter in der Pädagogik und eine einfache Wahrheit der Erziehung,
in:
Süddeutsche Zeitung v. 12.02.

Gustav SEIBT blickt von Schöneberg aus auf den Prenzlauer Berg und entdeckt dort "Kinderfaschismus":

"In Prenzlauer Berg, dem mittlerweise kinderreichsten Wohngebiet Mitteleuropas, laufen die Kleinen ja nicht uniformiert in Dreierreihen über die Bürgersteige. Ganz im Gegenteil. Hier haben die Kinder das Regime im öffentlichen Raum übernommen. Die Gastronomie hat sich, unterstützt von der Anti-Raucher-Gesetzgebung, auf junge Frauen umgestellt. Wo früher Clubs dröhnten, pochen nun junge Eltern, die ihre Säuglinge mühsam zum Schlafen bringen, auf die polizeilich vorgeschriebenen Ruhezeiten, Fahrradfahrer müssen vor den Buggy-Fronten, die sich über die Gehwege schieben, bitte unverzüglich bremsen."

ZITTY BERLIN-Titelgeschichte: Die Familie in Prenzlauer Berg
Anatomie eines Feindbildes

BRAKEBUSCH, Lydia & Franziska KLÜN (2011): Anatomie eines Feindbildes.
Die Familie in Prenzlauer Berg - Klischee und Wirklichkeit,
in:
zitty Nr.5 v. 24.02.

BERTRAM, Hans (2011): Die Kreativen und die Abgehängten.
Identitäten (2): Wie finden Berliner ihren Platz in der Metropole? Und was bedeutet es, wenn sie ihn nicht finden? Im zweiten Teil unserer Serie beschäftigt sich der Soziologe Hans Bertram mit dem Zusammenspiel von Stadt und Menschen,
in: Tagesspiegel v. 15.06.

SPEICHER, Stephan (2011): Schlank, gutaussehend und verhasst.
Zwischen Bioladen und verwöhntem Nachwuchs: Warum ist die Kritik an den Prenzlauer-Berg-Müttern so heftig?
in: Süddeutsche Zeitung v. 25.06.

"Es wurde sich eingangs zitiert durch Zitty, Dummy, taz und Tagesspiegel; nur die in dieser Thematik zuletzt aktive Süddeutsche Zeitung blieb ausgespart. Darin hatte Gustav Seibt dem Prenzlauer Berg "Kinderfaschismus" unterstellt",

schreibt Carmen BÖKER anlässlich einer Veranstaltung zum "Medienmonster" Prenzlauer Berg-Mütter in der Berliner Zeitung vom 11. April dieses Jahres.

Ein bisschen ranzig ist das Thema von SPEICHER allemal, denn das Feindbild Prenzlauer Berg-Mütter hatte zuletzt im letzten Sommerloch Hochkonjunktur. Aber schließlich muss auch das diesjährige Sommerloch gefüllt werden. Warum also nicht mal wieder Bewährtes hervorkramen, zumal Vater Kämmerlings kurz zuvor das Feindbild Prenzlauer Berg-Mütter auf den Selbsthass des neuen Bürgertums zurückgeführt hatte.

Angeblich ist das Feinbild "besonders häufig im linken Teil des politischen Spektrums" zu finden. Der Artikel von Gustav SEIBT belegt jedoch, dass das Feindbild auch im konservativen Teil beliebt ist. Letztendlich geht es SPEICHER auch gar nicht um die Prenzlauer Berg-Eltern, sondern um die Verteidigung der Kinderbetreuung durch ihre Mütter statt per Fremdbetreuung:

"In ihrem Programm zur Abgeordnetenhauswahl im September haben die Grünen ihr Ideal der betreuten Stadt noch einmal ausgebreitet (SZ vom 1. Juni 2011). Die Mutter aber, die sich um ihr Kind selbst kümmert, macht da nicht so ganz mit, sie will wohl was Besseres sein.
Das will sie wirklich, sie will auch für ihr Kind das Bestmögliche. Das ist auch legitim, es würde der Gesellschaft vielleicht nicht einmal schaden, wenn es mehr Leute gäbe, die sich und die ihren steigern wollten. Das Beste haben Eltern immer für ihre Kinder gewollt.
"

SPEICHER will jedoch hinter der Kritik an den Prenzlauer Berg-Müttern das konservative Ideal der Natürlichkeit versteckt wissen. Tatsächlich steckt dahinter aber der weiterhin tobende  Kulturkampf um das deutsche Familienideal: Doppel-Karriere-Elternschaft contra modernisierte "Hausfrauenehe".

Jenseits dieses Kulturkampfes geht es auch um die schöne neue Dienstleistungswelt, worauf die Einleitung von SPEICHER hinweist, wenn er eine Erzählung von Ulrike DRAESNER erwähnt, in der es um den Blick einer vietnamesischen Hilfskraft auf die deutsche Mutter geht. Drastischer beschreibt die neuen Dienstleistungsverhältnisse Thor KUNKEL in seinem gerade erschienenen Roman Subs.

STOKOWSKI, Margarete (2011): Nicht schwanger.
Mehrzweckwampe,
in: TAZ Berlin v. 06.08.

Eine Gesellschaft, in der Kinderlosigkeit als abweichendes Verhalten gebrandmarkt wird, fördert eher nicht den Kinderwunsch von Kinderlosen, sondern führt zu neuen Anpassungsleistungen von Kinderlosen wie das Beispiel Prenzlauer Berg zeigt.

MAIER, Anja (2011): Die Tirade der Tanja D. oder Was die Kaffeehauschefin wirklich denkt.
Prenzlauer Berg: taz-Redakteurin Anja Maier hat sich in ihre alte Heimat begeben, den Osten von Berlin. Hier lesen Sie eines der Protokolle aus ihrem Buch "Lassen Sie mich durch, ich bin Mutter" über die neuen Bewohner von Prenzlauer Berg,
in: TAZ Berlin v. 08.10.

MAIER, Anja (2011): Nicht ohne meinen Schreikrampf.
Wenn Eltern es zu gut meinen mit ihrem Nachwuchs, dann geraten nicht nur die Kleinen, sondern auch die Großen oft außer Kontrolle. Autorin Anja Maier hat in ihrem ehemaligen Kiez Prenzlauer Berg einige Grenzerfahrungen gemacht,
in: Welt am Sonntag v. 23.10.

HEILMANN, Julia & Thomas LINDEMANN  (2011): Angeblicher Babyboom.
Die Kinder-Lüge vom Prenzlauer Berg,
in:
Spiegel Online v. 28.10.

"Seit beinahe zehn Jahren geistert die Legende durch die Medien, Prenzlauer Berg sei eine der geburtenreichsten Gegenden Deutschlands, ach was, Europas sogar. Eine Berliner Lokalzeitung machte vor Jahren den Anfang, nannte den Stadtteil »Kinder-City« und behauptete, die Geburtenrate habe 2004 bei 2,1 Geburten pro Frau gelegen. Niemand hinterfragte, was da behauptet wurde: Das wäre auf dem Niveau von Brasilien. Selbst Indien, das Land, für das Wörter wie »Bevölkerungsexplosion« erfunden wurden, kommt nur auf 2,6. Tatsächlich wurden in Prenzlauer Berg damals 1,0 Kinder pro Frau geboren, besonders wenig. Doch der Mythos war in der Welt. Man sah aus den Parks die Gammler verschwinden, und es kamen Mütter. Der Stadtteil hieß plötzlich »Familienmekka«, »Babyboom-Stadtteil«, »Kinder-City«, »Enklave der Fruchtbarkeit«, »Pregnancy Hill«, »Gebäroase«.
Prenzlauer Berg ist ein Beispielfall dafür, wie die Deutschen mit dem Thema Kinder umgehen, wenn sie irgendwo eine Oase der Jungfamilien vermuten
",

schreiben Julia HEILMANN & Thomas LINDEMANN und ersetzen den einen Mythos gegen einen anderen. Tatsächlich war der Begriff "Baby-Boom" für den Prenzlauer Berg immer umstritten. Die Kontroverse zog sich entlang der Elterngeld-Befürworter bzw. Elterngeld-Gegner. Für Elterngeld-Befürworter durfte es auf keinen Fall einen Baby-Boom geben, denn das hätte ihre Position geschwächt.

In der Publikation Die demografische Lage der Nation aus dem Jahr 2006 heißt es zum Prenzlauer Berg:

"Seit der Berliner Bezirksreform lässt die Datenlage keine exakte Fertilitätsrate am Prenzlauer Berg mehr zu. Diese lässt sich bestenfalls abschätzen - und liegt bei etwa 1,0"

Im November 2009 überprüfte das Berlin-Institut jedoch noch einmal die Geburtenentwicklung:

"Im Jahre 2003 rangierte der Ostberliner Ortsteil Prenzlauer Berg des Bezirks Pankow wie der gesamte Bezirk bei den Neugeborenenzahlen noch am Ende der Berliner Skala - seinem Ruf als Geburtenhochburg Deutschlands zum Trotz: Auf 1.000 Frauen im Alter von 15 bis 44 Jahren kamen nur 35 Geburten. Fünf Jahre später hat der Szene-Kiez die meisten Bezirke überholt und liegt mit 44 Geburten je 1.000 Frauen auch über den Berliner Durchschnitt."

HEILMANN & LINDEMANN halten sich also lediglich an die Sichtweise des Berlin-Instituts, wenn sie schreiben:

"Prenzlauer Berg ist weder extrem kinderreich, noch gebären die Frauen dort mehr als anderswo in Deutschland. Die Bezeichnung "Pregnancy Hill" würde ja voraussetzen, dass wenigstens überdurchschnittlich viele Frauen schwanger sind in der Gegend. Nicht einmal das ist der Fall. In Prenzlauer Berg ist die Zahl der Geburten zwischen 2005 und 2010 zwar um rund 30 Prozent gestiegen. Die Geburtenrate des Viertels ist heute aber immer noch nur durchschnittlich. Im Jahr 2008 kamen in Prenzlauer Berg 44 Kinder pro 1000 Frauen im gebärfähigen Alter zur Welt. Der Bundesdurchschnitt liegt zurzeit bei 43, in Berlin bei 42 Geburten."

Hier werden zwei Aussagen vermengt: Zum einen wird eine 30%ige Erhöhung der Geburtenzahlen zwischen 2005 und 2010 konstatiert. Dagegen beziehen sich die Zahlen pro 1000 Frauen im gebärfähigen Alter auf die Jahre 2003 und 2008.

Cloppenburg wird dann als kinderreichste Region Deutschlands präsentiert:

"Die kinderreichste Region Deutschlands ist übrigens das niedersächsische Cloppenburg. Das hat angeblich etwas mit dem hohen Anteil der Deutschrussen in dieser Gegend zu tun, aber die erklären das Phänomen auch nicht ganz: In dem Landkreis, in dem zufällig etwa genauso viele Menschen leben wie in Prenzlauer Berg, sind 18.000 Menschen unter zehn Jahren alt, also 3000 mehr. Und das, obwohl in Cloppenburg viel weniger Frauen im gebärfähigen Alter (15 bis 44) leben, nämlich 30.000, also gut 10.000 weniger! Cloppenburgerinnen bekommen viel, viel mehr Kinder."

Wozu eigentlich diese ganze Beweiskette, die einen angeblichen Mythos widerlegt, der lediglich einer politischen Kontroverse zwischen zwei Elternstilen (Hausfrauenehe vs. Vereinbarkeit von Beruf und Familie) geschuldet ist? HEILMANN & LINDEMANN geht es im Grunde nur um das schlechte Image der Prenzlauer Berg-Mütter:

"Seltsamerweise haben wir aber noch nie einen Artikel über das krasse Cloppenburg mit seinen fiesen Kinderwagenarmeen in der »Süddeutschen« gelesen. Das liegt wahrscheinlich daran, dass in Cloppenburg traditionell gelebt wird. Papa geht zur Arbeit, Mama bleibt zu Hause. Die bürgerliche Welt ist in Ordnung. In Prenzlauer Berg ist sie das nicht. Dort zeigen sich Eltern und wollen Teil der Stadtkultur werden. Der Helmholtzplatz etwa, das Zentrum der Gegend (...). In dieser Gegend wird neues Elternsein ausprobiert. Das hassen die Journalisten offenbar." 

BERNARD, Andreas (2011): Schaum vorm Mund.
Vor genau 15 Jahren kam ein harmloses italienisches Getränk nach Deutschland. Warum haben sich alle so darauf eingeschossen?
in:
SZ-Magazin Nr.44 v. 04.11.

Andreas BERNARD skizziert nicht nur die 15jährige Erfolgsgeschichte des Latte Macchiato, sondern auch dessen Stigmatisierung durch die Gesellschafts- und Kulturkritik:

"Heute gilt der Latte macchiato unter anderem als Metapher für die Gentrifizierung von Stadtteilen, für den Lebensstil freiberuflicher Akademiker, für die Struktur moderner Familien und für einen grundsätzlichen Hang zu Phlegma und Substanzlosigkeit."

Zwischen Judith HERMANNs Erzählband Sommerhaus, später und Florian ILLIES' Generation Golf 2 verortet BERNARD den Siegeszug des Kaffeegetränks, der parallel zur Etablierung von Kaffeehausketten in deutschen Innenstädten und der Entstehung der digitalen Bohème als Inbegriff eines neuen Arbeits- und Freizeitstils stattfindet. Was bei BERNARD fehlt: die Geschichte der Family-Gentrifier in Berlin Prenzlauer Berg und in anderen Szenevierteln, die zur Entstehung des Begriffs "Latte macchiato-Mütter" führt.

BECKER, Peter von (2011): Thea Dorn und Richard Wagner: "Prenzlauer Berg ist ein Biotop des neuen Biedermeier".
Warum Martin Luther ein gnadenloser Berserker ist und wir in großer Ratlosigkeit leben: Die Schriftsteller Thea Dorn und Richard Wagner über den 9. November, die Kulturnation und ihr Buch über die deutsche Seele,
in:
Tagesspiegel v. 09.11.

DÜCKERS, Tanja (2011): Was ist nur so schlimm an Café Latte?
Ich bin nicht Stillerin: Anja Maier rechnet mit den Prenzlauer-Berg-Eltern ab,
in: Welt v. 14.12.

MATTHIES, Bernd (2011): Immer ruff da. Neuer Lesestoff für Berlin-Verächter.
Anti-Hauptstadt-Bücher: Gerade sind wieder ein paar neue Hassbücher über die Hauptstadt erschienen. Die Autoren brühen die Melange bekannter Nichtigkeiten: Hundescheiße, Kasernenhofton und die Mütter Prenzlauer Bergs,
in: Tagesspiegel v. 22.12.

2012

DÜCKERS, Tanja (2012): "Blöde Zugezogene".
Berlins neue alternativ-reaktionäre Hasskultur: Kinder und Fremde stören. Ein Kommentar
in:
Süddeutsche Zeitung v. 16.01.

HEYMANN, Nana (2012): Kiez ohne Szene.
Berlin: In Prenzlauer Berg schließt nun auch der Klub der Republik – mit einer Party, einer Mahnwache und einer makabren Kunstaktion,
in:
Tagesspiegel v. 19.01.

POSCHARDT, Ulf (2012): Mama ist die Schönste!
Es gibt kaum heroischere Wesen als liebende Mütter. Aber muss ihr Kampf für eine perfekte Kindheit mit dunklen Ringen unter den Augen, dreckigen Blusen und zersaustem Haar enden? Nein, sagt ein Blog aus New York,
in: Welt am Sonntag v. 05.02.

Ulf POSCHARDT, verbitterter Ex-Vanity Fair-Chef, leidet weiterhin an der deutschen Gesellschaft. Im Gegensatz zur Mode-Welt von  New York riecht für ihn in Deutschland alles nach Sozialneid:

"Die in The Glow vorgestellten Frauen arbeiten im weitesten Sinne in der Modewelt: Es sind Designerinnen, PR-Managerinnen, Unternehmerinnen, Künstlerinnen oder Innenarchitektinnen. Sie leben in der Welt der schönen Dinge und fühlen sich nur dort zu Hause. Zudem sind sie wohlhabend genug, um in Manhattan oder dem mittlerweile fast ebenso kostspieligen Brooklyn weitläufige Wohnungen oder gar großzügige Häuser zu bewohnen. (...).
Die deutsche Variante der eleganten Mütter führt ein medial heimliches Leben in Bad Homburg, Hamburg-Harvestehude, München-Herzogpark oder Berlin-Dahlem. Sie lassen sich nicht fotografieren. Das hat gute Gründe: Derlei Glanz gilt hierzulande vor allem als hohl. Zudem könnte die Aura von Wohlstand Antipathien erzeugen. In Berlins Prenzlauer Berg herrscht Sozialneid. Da wird alles angezündet, was nicht an untere Mittelschicht erinnert. Klein und eng wird gedacht unter den Gentrifizierungsopfern, und hässlich aussehen tut es sowieso. Ideologisch unterfüttert wird das Ressentiment der Verbitterten von »taz
«-Redakteurinnen, die Mittelschicht-Biedermeier mit Edelmüttern verwechseln. Deshalb gibt es in Deutschland Magazine wie »Nido«, die ein wenig sozialer und demokratischer als The Glow daherkommen und in ihrem modischen Eifer eher die neubürgerliche Boheme als »Vogue« im Blick haben."

 
     
 
       
       
   

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Bernd Kittlaus
webmaster@single-generation.de Erstellt: 13. Februar 2012
Update: 31. Januar 2017