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Einführung
Bereits im Jahr 2002 wurde auf dieser Website die
deutsche
wissenschaftliche Gentrificationsforschung unter dem Aspekt
der Kontroverse Familien contra Singles dargestellt. Am Beispiel
der Großstädte Frankfurt und Berlin wurden spezielle Aspekte des
Gentrifizierungsprozesses behandelt: zum einen die
neue Akteursgruppe
der Karrierefamilien der Generation Ally/Golf
("Family-Gentrifier") sowie der
Kampf der
Lebensstile im Berliner Stadtteil Kreuzberg in den 1980er Jahren
(Yuppisierung).
Nach der Jahrtausendwende kamen im Zeichen der New
Economy die Yetties
(kurzzeitig auch die
Bobos) als Akteure im Gentrifizierungsprozess in
den Blick. Was vor dem Platzen der Start-up-Blase die Yetties
waren, das wird nun
digitale Bohème genannt. Mit
Richard FLORIDA
wird der Attraktivität der Stadtkultur eine zentrale Rolle in
der Standortkonkurrenz um die kreative Klasse zugeschrieben.
In den 1980er Jahren wurde die
neue Lebensphase der
Postadoleszenz entdeckt und
Studentenviertel entwickelten sich
zu Szenevierteln, der Heimat des
Hipsters. In der gegenwärtigen
Gentrifizierungsdebatte geht es um den Wandel von attraktiven
Stadtvierteln. Wem gehört die Stadt? Diese Bibliografie befasst
sich mit den diversen Akteuren/Projektionsfiguren, Interessenkonflikten und
Theorien des Gentrifizierungsprozesses.
Kommentierte Bibliografie (Teil 1: 2002 -
2008)
"Für die Leiterin des
Kinderbüros, das zum Jugendamt gehört, ist es zu begrüßen, dass
die Familien nun von der Politik neu entdeckt würden. Allerdings
liegt die Notwendigkeit auch auf der Hand:
In Frankfurt sind inzwischen 75
Prozent der Haushalte Ein-Personen-Haushalte,"
behauptet MÜLLER-BIALON. Dies
hatte zwar der Soziologe
Ulrich BECK
bereits Anfang der 1990er Jahre für deutsche Großstädte
prophezeit,
aber bis heute ist dies nicht eingetroffen. Frauke
HAß schrieb dagegen in der
FR
vom 07.01.2002,
dass nach den neuesten Angaben des Statistischen Jahrbuches
in Frankfurt 50,6 % Einpersonenhaushalte existieren.
Keine 30 %
der Frankfurter führen damit einen Einpersonenhaushalt.
Darunter befinden sich vor allem ältere Witwen und junge
Studenten. Auch Wochenendpapas und -mamas werden statistisch als
Single geführt, wenn sie aus beruflichen Gründen einen
Zweitwohnsitz gründen. Bei
Frauke HAß
kann man auch nachlesen, dass es in Frankfurt einen kleinen
"Babyboom" gab.
Die
Stadtsoziologin
Monika
ALISCH hat bereits 1993 auf die
kaufkraftstarken
"Family-Gentrifier" hingewiesen, die zukünftig die
alteingesessenen, einkommensschwachen Bewohner der beliebten
Stadtteile verdrängen könnten. Die Städte haben ein Interesse
daran, dass diese wohlhabenden Familien in die Innenstädte
ziehen, statt wie bislang ihr Steueraufkommen den
Umlandsgemeinden zu gute kommen zu lassen.
Die 1980er
und 1990er Jahre waren durch eine zunehmende Suburbanisierung
geprägt. Familien zogen ins suburbane
Reihenhaus, während einkommensschwache Singles (Studenten,
ältere Witwen und Ausländer) in den innerstädtischen Quartieren
zurückblieben. Die
Generation Golf und mehr noch die
Generation Ally hat dagegen andere
Präferenzen. Sie möchte Beruf und Familie im städtischen Rahmen
der
Erlebnis- bzw. Spassgesellschaft
vereinbaren.
MÜLLER-BIALON vertritt die
Interessen dieser kaufkraftstarken Klientel und spielt sie gegen
einkommensschwache Singles aus (Verweis auf die hohe Zahl der
Einpersonenhaushalte in der Gesamtstadt, statt jene umkämpften
Stadtteile in den Blick zu rücken, um die es im Grunde geht),
die im Gegensatz zu den "vergleichsweise wenigen" Yuppies des
Banken- und Dienstleistungszentrums, die
nicht-organisationsfähige Mehrheit der allein stehenden
Frankfurter darstellen.
HARRIEHAUSEN, Christiane
(2002): Wohnen, arbeiten und die Freizeit genießen.
Am "Deutschherrenufer" in
Frankfurt am Main entsteht ein neues Quartier mitten in der
Stadt,
in:
Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung v. 10.03.
Hochwertiger "Wohnraum in der
Stadt ist Mangelware. Banker und Börsianer zieht es nicht mehr
ausschließlich in den Vordertaunus. Viele schätzen das urbane
Leben. Wie in anderen Metropolen sind dabei die Standorte in
unmittelbarer Wasserlage besonders beliebt",
schreibt HARRIEHAUSEN. Die
Stadtsoziologin Monika ALISCH
hat Anfang der 1990er Jahre die "Family-Gentrifier" als neue
kaufkräftige Gruppe auf dem städtischen Wohnungsmarkt
prophezeit. Diese Gruppe konkurriert mit alleinstehenden Yuppies
und
mobilen Wochenendpapas
der "Spagatfamilie" um den
hochwertigen Wohnraum der Dienstleistungsmetropolen der Welt. Autoren
wie MÜLLER-BIALON versuchen diesen Konkurrenzkampf zwischen
diesen wohlhabenden Gruppen für die allgemeine Kontroverse
Familien contra Singles zu instrumentalisieren
(siehe hierzu FR vom
09.03.2002).
Die Ausweitung dieser Kampfzone als
Gleichsetzung von
Singles
mit Yuppies
ist nicht gerechtfertigt, sondern ein singlefeindlicher Beitrag.
RAUTERBERG, Hanno (2002): Leben
im unheimlichen Heim.
In Deutschland werden täglich
130 Hektar Boden versiegelt - für den Bau von Straßen und
Häusern. Die Speckgürtel um die Städte wachsen, alte
Wohnquartiere veröden. Nur die Politik kann die Zersiedelung
stoppen: Neu Baugesetze müssen das Wohnen in der Stadt wieder
attraktiv machen,
in: Die ZEIT
Nr.19 v. 02.05.
RAUTERBERG ist ein
Lobbyist der Family-Gentrifier. Statt
der Entschärfung sozialer Brennpunkte fordert er eine
Stadtpolitik für Yuppie-Familien. Die DINKs mit Kinderwunsch der
Generation Golf möchten nicht mehr im Suburb versauern,
sondern innenstadt- und arbeitsplatznah Familie und
Spaßgesellschaft vereinbaren. RAUTERBERG stellt einen
umfassenden Maßnahmenkatalog vor, mit dem dies erreicht werden
soll.
BECKER, Jochen (2002): Neonhelle Eurolandschaften.
Suburbanisierung in Deutschland. Den
Innenstädten droht Verarmung; draußen auf freiem Feld hoffen
"beleuchtete Äcker" vergeblich auf Ansiedlung,
in: Freitag Nr.43 v. 18.10.
Seit den 1980er Jahren hat
sich Deutschland grundlegend geändert: Die
Städte sind geschrumpft und die Vorstädte sind gewuchert.
Während sich die Wissenschaft mit dem Thema Gentrification
beschäftigt hat, ist ihr der Gegenstand abhanden gekommen und in
die Suburbs abgewandert. Aus den Yuppies wurden Suburbaniten,
zurück blieben vor allem junge Studenten, gering verdienende
Partnerlose im mittleren Lebensalter und ältere Rentnerinnen.
Zusammengefasst werden diese unter dem Begriff "Singles". Von
Sozialpopulisten, denen es um kaufkräftige Stadtbewohner geht,
wird der Blick dagegen auf die Yuppies in den begehrten
innenstadtnahen Wohngebiete gelenkt. Die allein stehenden
Sozialhilfeempfänger bleiben dagegen im Dunkeln.
Mittlerweile hat
sich die Stadtforschung dem Gegenstand
Suburbanisierung zugewandt, obwohl -
oder vielleicht gerade weil - der
neueste Trend
die Family-Gentrifiers sind. Sollte
sich das Thema erledigt haben, die Stadtforschung wird es dann
sicher aufgreifen!
ABI (2003): Bezirk
der schönen Mütter.
Die Ausnahme: In Prenzlauer Berg gibt es einen Baby-Boom,
in: Tagesspiegel v. 01.03.
"Nicht Cocktails, sondern
Milchfläschchen. Statt Sushi gibt es Gemüsebrei. Und nachts wird
nicht getanzt, sondern gewickelt. Während im Rest Berlins der
Trend in die andere Richtung weist, ist im Szeneviertel
Prenzlauer Berg der Babyboom angesagt. Dort wo einst Singles,
Studenten und Trendsetter das Straßenbild bestimmten, sieht man
jetzt vor allem: viele Kinder. Über die höchste Geburtenrate in
Berlin kann sich der Bezirk zwischen Schönhauser Allee und
Zionskirchplatz freuen. Erblickten 1998 nur 2732 Kinder das
Licht der Welt, waren es 2001 schon 3130. Ein Zuwachs um 14,6
Prozent",
berichtet ABI über
hippes Kinderkriegen und den
Club der coolen Mütter.
Die
Stadtsoziologin Monika ALISCH hat
bereits vor 10 Jahren auf diesen neuen Trend hingewiesen, der
nun im Berliner Szeneviertel sichtbar wird. "Family-Gentrifier"
nennt sie jene neue Gruppe von Yuppie-Eltern, die Beruf und
Familie vereinbaren möchten und deshalb die innenstadtnahen
Wohngebiete bevorzugen.
ZITTY-Titelgeschichte:
Abenteuer Kind.
Die
neue Lust am Nachwuchs |
SCHWIONTEK, Elisabeth (2003): Abenteuer Kind.
Die neue Lust am
Kinderkriegen. Heute nehmen die Eltern das Leben mit ihrem
Nachwuchs lässiger,
in: Zitty Nr.10 v. 05.05.
SCHWIONTEK schwärmt vom
familienfreundlichen Prenzlauer Berg in Berlin:
"Im Szenebezirk ist
der Babyboom ausgebrochen. Der Eindruck trügt nicht, denn
die Statistik verzeichnet für den Stadtteil 22,5 Prozent
mehr Kinder unter drei Jahren als noch vor vier Jahren".
Dieser
kleinräumige Baby-Boom ist kaum überraschend, denn das
Phänomen der Family-Gentrifier ist
seit über einem Jahrzehnt aus Nordamerika bekannt. In
Deutschland hat dieses Thema die
Stadtsoziologin Monika ALISCH in die
von Sozialpopulisten beherrschte Debatte eingebracht.
In ihrem Buch Frauen und Gentrification (1993)
beschreibt sie die Wünsche von Frauen, die Beruf, Familie und
Spaß miteinander verbinden möchten. Im Bericht von SCHWIONTEK
wird die Richtigkeit der Thesen von ALISCH bestätigt:
"Tanja Will,
Web-Designerin, ist eine Frau mit klaren Vorstellungen vom
Leben. Seit ihr sechs Monate alter Sohn Lino auf der Welt
ist, erst recht. »Ein Baby zu bekommen bedeutet doch nicht
das Ende von Karriere, Freizeit und Nachtleben«, sagt die
37-Jährige. (...). Ebenso wie ihr Mann, der Arzt ist, hat
Tanja Will ihre Arbeitszeit vorübergehend reduziert".
Man benötigt auch
kein Zukunftsinstitut wie
Matthias HORX, um
gesellschaftliche Reformen und wirksame ökonomische Benefits
für Familien vorauszusagen.
Vorbild dieser familienfreundlichen Politik ist die USA. Dort
bezahlen über die Umverteilung u. a. gering verdienende
Singles für den Lifestyle der Familiy-Gentrifiers in schicken
Großstadtgegenden.
Den Titel hat die
Neue-Mitte-Stadtzeitung übrigens - wenig originell - dem
Lifestylemagazin MAX vom 28.06.2001 abgeschaut.
TÖRNE, Lars von
(2003): Gentrifikation erleben.
Wie ein
Berliner, West, die Stadt erleben kann,
in: Tagesspiegel v. 13.05.
Journalist Lars von TÖRNE - ein
Angehöriger der Generation Golf - sieht sich in seiner
Rolle als
Gentrifier
im Szene-Bezirk Prenzlauer Berg von den Alteingesessenen
angefeindet. Die Gruppe Herr Nilson und der Song Das
Zugezogene stärkt sein Selbstwertgefühl:
"Ein paar musikalisch
begabte Zugezogene, die bei mir um die Ecke wohnen, haben
über die Gentrifikation ein hübsches Lied geschrieben. »Herr
Nilsson« heißt das Quartett, macht eleganten Pop mit
poetisch-verschwurbelten Texten und erzählt
Alltagsgeschichten, wie zum Beispiel im Lied »Das
Zugezogene«. Wo im Sommer deine Kneipe war, ist jetzt die
Kneipe für andere Leute, da solltest du lieber nicht
hingehen, heißt es da spöttelnd. Um dann an die
Alteingesessenen zu appellieren, sich trotzdem nicht in in
ihren Nischen zu verkriechen: Bieg um die Ecke, und dann tut
was weh, das ist die Schönheit der Kastanienallee. Setz dich
hin, trink Kaffee. (…) Und das im Wind sind deine Haare.
Komm überflieg mit uns die letzten zwölf Jahre, auf der
Schaukel im Mauerpark. Das Zugezogene sind deine Vorhänge,
keine neuen Nachbarn. Hübsches Lied, wie überhaupt die ganze
CD »Einfacher sein«."
Hippieske Versöhnungstour
jener, die mittels ökonomischem, sozialem und kulturellem
Kapital (BOURDIEU) einen Stadtteil besetzen.
Die traditionelle
Gentrificationsforschung à la
HÄUßERMANN
ist immer auf Seiten der Alteingesessenen. Zugezogene ("Gentrifier")
werden als Eindringlinge und Verdränger angesehen.
GUTSCH,
Jochen-Martin & Maxim LEO (2003): Fußmassage mit Blickfixierung.
Enklave
der Fruchtbarkeit - der Berliner Stadtteil Prenzlauer Berg ist
nicht unbedingt kinderfreundlich, aber er ist ziemlich
elternfreundlich,
in: Berliner Zeitung v. 12.06.
Noch
ein Bericht
über den Baby-Boom auf dem Prenzlauer Berg in Berlin. Diesmal
darf Hans SCHMOLLINGER, der Leiter des Referats für
Bevölkerungsstatistik, seine Meinung kundtun. Er hat angeblich
schon 1993 gewusst, dass der Baby-Boom kommt. Statistiker sind
bisher nicht als Propheten aufgetreten. Ihre Erklärungen
liefern sie normalerweise im Nachhinein. Wahrscheinlich hat
SCHMOLLINGER vor 10 Jahren niemand befragt, weswegen seine
heutige Aussage wertlos ist. Tatsächlich ist der Baby-Boom mit
den üblichen Erklärungen nicht abgedeckt, denn Eltern ziehen
traditionell in die Vorstädte. Einzig die Stadtsoziologin
Monika Alisch
berücksichtigt das Phänomen der "Family-Gentrifier" in ihrer
Theorie. Dieser neue Elterntypus wird im Zeitungsbericht
folgendermaßen beschrieben:
"Tanja Sahib sagt,
dass die typische Mutter in Prenzlauer Berg zwischen 30 und
35 Jahre alt ist, einen akademischen Abschluss hat, bereits
einige Zeit gearbeitet hat, in einer festen Beziehung lebt
und finanziell abgesichert ist. Nach der Geburt würden die
Mütter schnell wieder in ihren Beruf einsteigen wollen
(...).
Viele Prenzlauer Berg-Mütter kämen aus Westdeutschland. Sie
seien von dort weggezogen, weil sie es anders machen wollen
als ihre Eltern. Sie wollen nicht mit ihren Kindern in einem
Reihenhaus am Stadtrand sitzen. Sie wollen Mutter sein und
trotzdem so weiterleben wie sie es gewohnt sind. In
Prenzlauer Berg scheint das zu gehen. (...).
So ist der Prenzlauer Berg zu einer Enklave der
Fruchtbarkeit im überalterten Deutschland geworden. Ein Ort,
an dem Eltern leben können, ohne ein Elternleben führen zu
müssen. Wo man im Trend ist, sich jung fühlen kann, obwohl
man mit Kindern zusammen lebt. Oder gerade weil man mit
ihnen zusammen lebt. Kinder sind hier kein Zeichen von
Bürgerlichkeit, sie bedeuten nicht das Ende der Freiheit und
schon gar nicht des Spaßes. Die Mütter und Väter, die mit
ihren gelbgetönten Sonnenbrillen, ihren Turnschuhen und
T-Shirts an den Nachmittagen auf den Spielplätzen sitzen,
sehen nicht viel anders aus als die Leute, die man abends im
Club trifft."
Zum Abschluss der
Reportage liefert Horst SCHMOLLINGER noch eine Prognose, an
der man ihn nun tatsächlich wird messen können:
"Vielleicht irrt sich
Horst Schmollinger, der Statistiker, wenn er sagt, dass der
Trend zum Ende kommen wird. Weil der Prenzlauer Berg sich so
verändert hat, dass keine jungen Leute mehr nachkommen
werden. Schmollinger referiert die letzten
Mietpreiserhebungen. Er erklärt, dass der Stadtteil teuer
geworden ist, zu teuer für Studenten oder Berufsanfänger.
Die werden woanders hingehen, sagt Schmollinger. »Nach
Friedrichshain, die Zahlen sind schon jetzt eindeutig.«
Wenn keine jungen Leute
mehr kommen, gibt es auch keine neuen Kinder. Dann wird
der Boom in ein paar Jahren nur noch ein kleiner Ausschlag
sein auf einer von Schmollingers Kurven. Auch die neuen
Eltern in Prenzlauer Berg werden nicht lange bleiben, sagt
Schmollinger. Die Infrastruktur sei für junge Leute ohne
Kinder gemacht. Kaum Geschäfte, kaum Dienstleister, nur Bars
und Cafés. Irgendwann würden sich selbst die jungen Eltern
von heute nicht mehr jung genug fühlen, um zu bleiben. Dann
wird eintreten, was Schmollinger »Kontaktdiffusion« nennt.
Die Eltern werden in angrenzende Bereiche ziehen. Weißensee,
Karow, Buch. »Das wäre absolut folgerichtig«, sagt Horst
Schmollinger.
Im Kopf des Statistikers ist Prenzlauer Berg schon wieder
kinderleer."
WALTER, Klaus (2003): Chelsea Boys und Village People.
Avantgarde-Subs und die Regelkreise der
Gentrifizierung in New York,
in: Subtropen. Beilage der Jungle World Nr.30
v. 16.07.
"Die Scout-Funktion teilt
die Schwulenszene mit anderen städtischen (Sub-) Kulturen. In
New Yorker Vierteln wie SoHo und TriBeCa haben vor allem
Galeristen und Künstler die Eroberung und Umwidmung des
städtischen Raumes forciert. Ed Koch, der langjährige
Bürgermeister von New York, prägte dazu ein mittlerweile
geflügeltes Wort: »Die Rolle des Künstlers in New York besteht
darin, dass er ein Viertel so attraktiv macht, dass die Künstler
es sich nicht mehr leisten können, dort zu leben.« Die Verlierer
der Gentrification – Ironie der Ökonomie – sind die
Avantgardisten der Gentrification. Ist das Viertel erst
erfolgreich veredelt, werden sie nicht mehr gebraucht und die
Suche nach Frontiers und Industriewüsten beginnt von neuem",
schreibt
Klaus WALTER zur
ambivalenten der Rolle der Künstler und Subkulturen im
Gentrifizierungsprozess.
HÖGE, Helmut (2004): Zurück aufs Land!
Das "freiwillige ökologische Jahr" auf dem
Land wird immer beliebter. Die Landverschickung von Künstlern
und Schriftstellern auch. Sind auch Sie bereit fürs Land?
tazzwei wird ab heute in unregelmäßiger Folge die "Agronauten"
zu Wort kommen lassen,
in: TAZ v. 12.01.
Helmut HÖGE droht eine neue
taz-Serie an. Was für die einen das Zurück zur Familie ist,
das ist für andere das Zurück zum Land. Im
schwarz-grünen Zukunftsmodell
ist beides konsequent zusammengedacht. In der Krise entdeckt
unsere neue Werteelite nun die Gegenmoderne.
Kolja MENSING
hat die Annäherung von Stadt und Land bereits letztes Jahr zum
Thema eines Buches gemacht, während
Bodo
MORSHÄUSER die letzte
Landkommunenbewegung aufgearbeitet hat.
Die Stadtsoziologen haben sich allzu
lange mit der
Yuppisierung der innenstadtnaher Wohngebiete
beschäftigt,
währenddessen die Suburbanisierung die Topografie umgestaltet
hat.
Nun,
da die besser verdienenden Family-Gentrifier die Innenstädte
in Besitz nehmen,
entdecken die
Stadtsoziologen das Suburbane.
WAHBA, Annabel (2004): Neuköllner Oper.
Als unsere
Autorin in den Bezirk zog, wollte sie sofort einen Liebesbrief
an ihre neue Heimat schreiben. Nun ist sie weggezogen. Ist die
Jogginghose ihrer Nachbarin schuld? Oder der Laden von
gegenüber, das "Mon amour"?
in: Tagesspiegel v. 08.02.
SELCHOW, Stephanie von (2004): Im falschen Film.
Gregor
Tessnow erzählt aus dem Neuköllner Alltag,
in: Tagesspiegel v. 22.02.
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Knallhart
"Neukölln gehört – laut Atlas des
Senats – zu den neun Problemkiezen Berlins. Mit mehr als
15 000 Kiezdelikten innerhalb eines Jahres führt
Neukölln-Nord die Statistik sogar an. 40 Nationalitäten
prallen hier aufeinander, arabische Großfamilien bestimmen
das Leben nach eigenem Ehrenkodex, und die Polizei kann
nur einen Bruchteil der Kriminalität abfangen. Der
Hermannplatz gilt als Drogenhandelschwerpunkt der gesamten
Umgebung, die Arbeitslosigkeit ist extrem hoch, und ein
Drittel der Bewohner lebt unter der Armutsgrenze. Gregor
Tessnow, der in der 7. Klasse vom Gymnasium flog, eine
Maurerlehre machte und später jahrelang Taxi fuhr, um
seine Existenz als Schriftsteller aufzubauen, kennt das
Milieu. Vor diesem Hintergrund lässt Tessnow den
fünfzehnjährigen Michael Politschka seine Geschichte
erzählen: »An meinem 15. Geburtstag wurde ich aus dem
Paradies vertrieben.« Das Paradies heißt Zehlendorf, und
der Dauergeliebte der Mutter, ein Zahnarzt, lässt Mutter
und Sohn fallen. Michaels Mutter hat keinen Job: Um zu
sparen, zieht sie mit ihrem Sohn nach Neukölln", führt
SELCHOW in das Buch von Gregor TESSNOW ein, das einem
"Gefühl der Ausweglosigkeit und dem immer fester werdenden
Würgegriff der Angst, den nicht nur Jugendliche in
Neukölln kennen, (...) eine Stimme (verleiht)(...). Eine
knallharte, aber eine wahrhaftige." |
Vor etwas mehr als einer Woche
teilte uns die FAZ noch die zunehmende Kinderlosigkeit
in den alten Bundesländern und die Befürchtungen der
Bevölkerungswissenschaftler mit, nun heißt es plötzlich:
"Im Osten Berlins
(...) kündigt sich eine demographische Wende der anderen Art
an: Mitte, Friedrichshain und Pankow (sind) bevorzugte
Wohnviertel für Neuberliner jüngeren Alters. Und sie
bekommen Kinder, sogar mehr Kinder als sonstwo in der
Republik. Die Statistik nennt Zuwachsraten von dreißig
Prozent und mehr. Die Mütter gehören zumeist zu jener
Schicht, die normalerweise das Heer der Kinderlosen
verstärkt: Akademikerinnen unter 45 Jahren, in großen
Städten lebend."
Was hier so
erstaunt in der Zeitung für Deutschland wahrgenommen wird, ist
für regelmäßige Leser von single-generation.de ein
alter Hut.
Family-Gentrifier heißt diese Gruppe der neuen Popmütter im
Fachjargon progressiver Soziologen (gibt es tatsächlich noch
in diesem ansonsten dahindämmernden Fach). Die Vereinbarkeit
von Mutterschaft, Beruf und Selbstverwirklichung treibt hier
neue Blüten.
DURKA, Cornelia &
Tobias TIMM (2004): Das Fußvolk des Fun hat ausgedient.
In
Berlin-Mitte sponsern Turnschuhvermarkter das Partyvolk - doch
denen droht das Feiern zu vergehen,
in: Süddeutsche Zeitung v. 06.05.
Seit dem 11. September 2001
wird der Spaßgesellschaft immer wieder das Ende prophezeit.
Da die FAZ das Wort zum Unwort
erklärt hat, mehren sich Berichte, die das
Ende der
Spaßgesellschaft verkünden, ohne ein
einziges Mal das Wort zu nennen. Die beiden Autoren halten
sich strikt an diese FAZ-Norm.
DURKA & TIMM beschreiben
den Niedergang der authentischen (!) Mitte-Szene in
Berlin.
Die Mitte-Kids werden als
Rebellen des Feierns beschrieben,
die Teil einer neuen Jugendbewegung sein wollten. Ihr Netzwerk
verknoteten sie mithilfe wechselnder Clubs.
Irgendwann kam dann der Sündenfall: Die
Kids ließen sich von der
LOGO-Industrie kaufen!
Deshalb werden sie nun selber verkauft.
Während es ein paar Gewinner der Clubscene
gibt, sehen die Autoren das Gros als Lifestyle-Verlierer an:
"Sie waren die
»Spähtrupps des Glücks« wie sie Diedrich Diederichsen in
seinem Buch
»Der lange
Weg nach Mitte« beschrieben hat.
Die Mitte-Bohème droht nun endgültig zu stranden: Unter
großen Verlusten - statt bürgerlicher Existenz nur
berufliche Selbstausbeutung, statt Zukunft gelang bloß die
temporäre Definitionsmacht übers Coolsein - haben sie ein
paar Jahre der Exzesse für sich erkämpft. Sie haben Mitte
mit dem Image ausgestattet, das nun solchen Nachmietern für
teures Geld verhöckert wird, die ihre Jugend »vernünftig«
gelebt haben und dies heute als rückkaufbares Versäumnis
betrachten",
schreibt das Autorengespann
hämisch.
HÄUßERMANN & SIEBEL (1987) haben
diesen
Prozess
der Gentrification am Beispiel von
Hamburg beschrieben, den die SZ-Autoren nun auch auf
Berlin-Mitte anwenden:
Studenten, Kreative und
Künstler werten als Pioniere einen heruntergekommenen,
innenstadtnahen Stadtteil auf. Danach kommen die Yuppies bzw.
Gentrifiers und verdrängen ihre Vorgänger.
Von Berlin-Mitte in den
Wedding, geht gemäß DURKA & TIMM der lange Weg der
Lifestyle-Kids ins soziale Abseits...
OCHS, Birgit (2004):
Von wegen raus aus der Stadt.
Knapper
Grund, teures Bauland. Damit sich Familien ein Häuschen in der
Stadt leisten können, nutzt Frankfurt am Riedberg ein
städtebauliches Steuerungsinstrument,
in: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung v. 23.05.
BARTELS, Gerrit (2004): Spielen mit Ausweg.
Lebensstandort Deutschland (5): Der
Kollwitzplatz in Berlin-Prenzlauer Berg ist der Jungbrunnen der
Republik,
in: TAZ v. 02.09.
Gerrit BARTELS beschreibt
die Wohlfühlatmosphäre am Prenzlauer Berg, wo die
Family-Gentrifier
das Bild bestimmen:
"Bestimmt wird die
Atmosphäre zum einen von den Touristen (...). Zum anderen
(...) von den nicht weggentrifizierten Alteingesessenen
genauso wie den neuen Anwohnern, die sich der alltäglichen
Freizeitgestaltung halber in der Parkanlage rund um die
Kollwitz-Statue tummeln und dort vor allem auf den beiden
Kinderspielplätzen.
Man könnte auch sagen: Der Kollwitzplatz ist der Jungbrunnen
der Republik, Probleme einer aufkommenden Gerontogesellschaft
kennt man hier nicht. Das ist kein Wunder, denn der gesamte
Bezirk Prenzlauer Berg gilt als der kinderreichste in ganz
Deutschland. Als junger Vater hat man so auf dem
Kollwitzplatz-Spielplatz nicht nur das Gefühl, unter
seinesgleichen zu sein, ungeachtet der Gerüchte, gerade auf
diesem Spielplatz seien die größten Elternspackos zu Hause
(was coole Spackos eben so über Spackos sagen). Wichtiger ist,
dass es anders als auf anderen Spielplätzen aus dieser
Zwangsgemeinschaft immer einen Ausweg gibt, und sei dieser
noch so virtuell"
JAUER, Marcus
(2005): Wickeltisch statt wilder Partys,
in:
Süddeutsche Zeitung v. 11.01.
JAUER berichtet über den
Baby-Boom
im Berliner Szeneviertel Prenzlauer Berg.
Wurde im Hamburger
Szeneviertel Mitte der 1980er Jahre der Single als Yuppie
erfunden, so wird nun in Berlin die Familie als neue
Stadtfamilie in Szene gesetzt.
Einer ist immer am Ort des Geschehens:
Der Alt-68er
Hartmut HÄUßERMANN, der erst in
Hamburg und nun in Berlin Lifestyle
politisch korrekt stadtsoziologisch begleitet. Was
keinen erstaunt: im neuen Einführungsbuch in die
Stadtsoziologie des Alt-68er fehlt nunmehr ein Kapitel
zur Gentrificationsforschung!
Die Mutation des Yuppies zum
Family-Gentrifier gilt nunmehr als erwünscht.
Die Verdrängung von armen "Kinderlosen"
kann sich nun im Unsichtbaren vollziehen...
MEISTER, Martina
(2005): Aisé und aidé.
Die
Musealisierung von Paris,
in: Frankfurter Rundschau v. 19.01.
Martina MEISTER
berichtet u.a. über das Buch Sociologie de Paris der
Soziologen
Michel PINCON & Monique PINCON-CHARLOT. Das Bobo-Establishment
könnte in Paris Opfer ihrer eigenen Politik werden, d.h. die
ehemaligen Verdränger (Gentrifier) werden nun selber aus den
schicken Quartieren verdrängt:
"Nachdem die
Arbeiterklasse erfolgreich in die Vorstädte verdrängt wurde,
machen sich Urbanisten und Stadtpolitiker nun Sorgen um das
Verschwinden der Mittelklasse. Aisé oder aidé, wohlhabend
oder unterstützt, das werden die Klassen sein, die übrig
bleiben, prognostiziert Jean-Yves Mano, Wohnungsbausenator
im Pariser Rathaus.
Der Grund für die geballte Immobilienspekulation sind die
ins Unglaubwürdige geschossenen Immobilienpreise, die sich
seit Mitte der Neunziger Jahre verdoppelt haben. (...). So
trifft es zum ersten Mal die so genannten
Bobos, die
Bourgeois-Bohemien, die zwar in der Lage sind, gepfefferte
Mieten zu bezahlen, aber in der Regel nicht über
Generationen so wohlhabend geworden sind, dass sie einen
Wohnungskauf über mehr als eine Millionen Euro finanzieren
könnten."
KREYE, Andrian
(2005) Auf der richtigen Seite der Brücke.
Im
Schatten (VI): Brooklyn beginnt wieder zu leuchten. Belächelt
und zweitklassig verkam der New Yorker Stadtteil gegenüber
Manhattan, nun treibt es nach den Künstlern auch die Makler über
den Fluss,
in: Süddeutsche Zeitung v. 25.08.
Andrian KREYE vermisst
die soziale Segmentierung New Yorks neu. Er
beschreibt die Gentrifizierung von Brooklyn, dessen krassen
Gegensätze zwischen den schwarzen Einheimischen und den weißen
Zuzüglern Jonathan LETHEM in dem Roman
Die Festung
der Einsamkeit
beschrieben hat. KREYE
liefert eine Momentaufnahme der gegenwärtigen Verhältnisse:
"Die Künstler und
Bohèmiens von New York sehen Manhattan längst als urbanen
Vergnügungspark für Touristen und Neulinge. Die besten
Nachtclubs der Stadt gibt es in Williamsburg, die
interessantesten Lokale in Cobble Hill, die
zukunftsträchtigsten Künstler-Enklaven sind in Greenpoint
und Bushwick, und die Literaturszene konzentriert sich um
Park Slope, wo Paul Auster und Jonathan Safran Foer und
Jonathan Lethem leben. Viel weiter als bis zum Park sind die
bürgerlichen Zuzügler nicht gekommen."
FEDDERSEN, Jan
(2005) Juten Morgen, Sausocke!
Parallelwelten: Mein Stadtteil ist proll. Na und? Dafür
herrschen klare Verhältnisse: "Westerwelle, dit jeht jar
nich!",
in: TAZ v. 22.09.
"Was könnte man gegen
den Berliner Bezirk Neukölln haben? Außer, dass er
einerseits genauso türkisch grundiert ist wie Kreuzberg,
andererseits aber ohne diesen Appeal von fröhlichem
Multikultimix auskommen muss? Seit ich dort wohne, heißt es:
»Super, da wohnst du? Klasse. Neukölln soll ja echt kommen.«
Das ist neun Jahre her - aber so sicher, wie die in meinem
Viertel besonders dampfende Hundekacke auf den Bürgersteigen
zertreten wird, so gewiss kommt Neukölln nicht", meint Jan
FEDDERSEN.
DOLIF, Nicole (2005): Flucht zurück in die Stadt.
Familien zieht es wieder nach Berlin - Senat
sucht im Zentrum Grundstücke für Stadthaus-Siedlungen,
in: Welt v. 22.10.
GEGNER, Martin (2005): Boomtown gegen
Schrumpfhausen.
Dual Cities.
Die Stadtentwicklung
ist von widersprüchlichen Tendenzen geprägt und fordert
kreatives Management,
in: Freitag Nr.45 v. 11.11.
GEGNER berichtet über die "widersprüchliche
Entwicklung von schrumpfenden Großstädten, boomenden
Zwischenstädten, stagnierenden Klein- und Mittelstädten und
wenigen wachsenden Dienstleistungsmetropolen". Im
Anschluss an das
Gentrificationskonzept von Hartmut HÄUSSERMANN & Walter SIEBEL
hält GEGNER - angesichts der neoliberalen Übermacht - eine
"alternative Zwischennutzung" in niedergegangenen Vierteln für
sinnvoll:
"Die
vielen Arbeitslosen werden nicht alle in der
Kommunikationsbranche Arbeit finden (...). Die Zukunft
dieser Vergessenen der Globalisierung liegt in ihrer
Funktion
als Dienstleister für die
Kommunikationsprofis als
Servicepersonal, Putzdienst und Wachleute. (...).
Somit
wird sich der Trend zur Dual City verstärken, in der gut
ausgebildete und bezahlte Konsumorientierte ihr Geld mit
schneller Kommunikation verdienen und sich von mäßig
ausgebildetem, zumeist aus Migrationshintergrund stammendem
Personal bedienen lassen. Beide Milieus werden sich in
unterschiedlichen Stadtgegenden niederlassen, was eine
verstärkte Segregation zur Folge haben wird.
(...).
Kürzlich forderte der in Cottbus und Erkner forschende
Regionalplaner Dieter Keim einen kreativen Umgang mit
schrumpfenden Städten. Doch worin könnte der bestehen? Da
neben den Großsiedlungen vor allen Dingen auch viele
Altbauten in den ostdeutschen Innenstädten leer stehen,
ließe sich möglicherweise aus der
Berliner Geschichte der letzten 25 Jahre
eine »kreative« Handlungsoption für die Stadtplanung
ableiten. Denn großer Leerstand von Wohnraum bedeutet einen
entspannten Wohnungsmarkt und der bietet
Handlungsmöglichkeiten für alternative Lebensstile und
Wohnraum für die nicht so gut betuchten Migranten."
PEITZ, Dirk (2005): Der Sound der Gegenstadt.
Tief im Osten: Zwei Tage Londoner East
End mit "Roll Deep", den Königen des bald schon massentauglichen
Grime,
in: Süddeutsche Zeitung v. 29.11.
Dirk PEITZ arbeitet an
einem neuen Gegenkulturmythos, der im Londoner East End
angesiedelt ist. Wer
dabei an die Kinks denkt, der liegt sicher nicht
falsch, denn diese Kunststudentengruppe hatte bereits in den
1960er Jahren des Swinging London den
East-End-Working-Class-Chic geprägt. In ihrem Buch
Konsumrebellen
haben Andrew POTTER & Joseph HEATH -
zwei waschechte
PUPPIES - den
Gegenkulturgedanken entmythologisiert:
"Beim Hip-Hop kann man
sehen, wie der Kreislauf wieder von vorn anfängt. Der
Gegenkulturgedanke nimmt hier die nostalgische Form von
Bandenkultur und Ghettoromantik an. Erfolgreiche Rapper
müssen hart um ihr Straßenimage kämpfen. (...). Leider hat
sich die Idee der Gegenkultur so tief in unser
Gesellschaftskonzept eingeprägt, dass sie alle Aspekte des
sozialen und politischen Lebens erfasst. Mehr noch, sie ist
zum Leitbegriff der Politik geworden".
Damit haben POTTER &
HEATH den poplinken Mythos auf den Punkt gebracht. Auch
PEITZ knüpft in seinem Beitrag an diesem Pop-Mythos an. Anders
jedoch als in den 1980er Jahren als
Gentrification
"erfunden" wurde,
ist Gentrification heutzutage selbstreflexiv geworden. Die
Aufwertung von Stadtvierteln verläuft also nicht mehr
ungeplant, sondern wird bewusst gesteuert. Der
Gegenkulturmythos ist ein wichtiger Bestandteil dieses
Prozesses.
Es fragt sich jedoch
inzwischen, ob nicht längst ein Entzauberungsprozess
eingesetzt hat. Das Buch von POTTER & HEATH wäre dann Teil
dieses Prozesses. Poplinks
ist keine Gegenkultur mehr, sondern längst Teil des neuen
Establishments. Oder wie es
Mercedes
BUNZ ausgedrückt
hat: Die Gegenkultur ist längst zur Gegen-Ökonomie geworden.
Das gilt für Deutschland genauso wie für England...
BEYER, Susanne (2006): Triumph der City.2(2006)
Jahrzehntelang haben Stadtplaner
Familien in die Vororte verbannt. Nun sollen Mittelständler
durch ambitionierte Wohnprojekte - Stadthäuser - im Zentrum
gehalten werden,
in: Spiegel Nr.2 v. 09.01.
"Immer neue
Studien werden vorgelegt - vom
Deutschen Institut für Urbanistik,
vom BAT Freizeit-Forschungsinstitut, vom Hamburger Institut
für Stadt- und Regionalökonomie -, die das Ende der
Stadtflucht junger Familien prognostizieren. Eine
überraschende Kehrtwende: Acht Jahrzehnte lang waren
Stadtplaner davon überzeugt, dass Familien lieber in
Vorstädten leben, und nun heißt es, der Traum vom Haus im
Grünen sei ausgeträumt, die Innenstädte würden
wiederentdeckt",
schwadroniert BEYER.
Fakt ist etwas ganz anderes: Der Trend zum Stadtwohnen junger
Familien existiert bereits seit mehreren Jahren.
Single-generation.de hat sich diesem Thema
bereits im März
2002 gewidmet.
Offenkundig wurde das aber erst ein Jahr später durch das
Prenzlauer
Eltern-Medienspektakel.
Zukunftsorientierte Stadtforscher wie Monika ALISCH
haben bereits Anfang der 1990er Jahre vorausgesehen, dass der
Wunsch von Frauen, Beruf und Familie zu vereinbaren, die
Attraktivität des innenstadtnahen Wohnens für junge Familien,
insbesondere mit einem Kind, erhöht. Wer Augen hatte zu sehen,
der hatte dies auch wahrgenommen. Nur war dies bislang nicht
politisch korrekt, denn angeblich wird das städtische Wohnen
von den Singles geprägt.
Während das Medienbild
den städtischen Single-Yuppie in den Vordergrund rückte, ist
die städtische Realität jedoch differenzierter. Immer noch
dominieren ältere Alleinlebende und nicht die unter 65jährigen
Singles das Leben im Einpersonenhaushalt. Dieser Trend wird
sich sogar noch verstärken.
Die 68er-Stadtforschung und die feministische
Stadtforschung haben lange Zeit verhindert, dass die
städtischen Realitäten jenseits der politischen Korrektheit
wahrgenommen wurden. Single-generation.de hat diese
Einseitigkeiten bereits im Jahr 2002 in einer
Bibliografie der Gentrificationsforschung
dokumentiert.
Erst Stadtforscher der Single-Generation wie Monika
ALISCH und
Jörg BLASIUS
haben diese Einseitigkeiten durch bislang unbeachtete, aber
wegweisende Studien bereits Anfang der 1990er Jahre zurecht
gerückt. Es dauerte aber offensichtlich noch ein ganzes
Jahrzehnt bis nun auch der Mainstream diese Fakten wenigstens
zur Kenntnis nimmt. Es ist also hochgradig
erklärungsbedürftig, dass erst jetzt das Ende der Stadtflucht
prognostiziert wird...
BREUER, Inge (2006): Stadtentwicklung wohin?
Leben in der Stadt der Zukunft,
in: DeutschlandRadio v. 12.01.
zitty-Titelgeschichte:
Meine Armut kotzt mich an.
Kein Geld, aber tausend Ideen: Urbane
Penner sind die unterschätzte, kreative Elite
Berlins |
BUNZ, Mercedes (2006):
Meine Armut kotzt mich an.
In dieser
Stadt sieht man uns überall. Wir bevölkern die Cafés mit unseren
Laptops. Wir betreiben kleine Läden, in denen wir vorne junge
Mode oder minimale Möbel ausstellen. Und wenn man spätabends an
den erleuchteten Fenstern unserer Ladenlokal-Büros vorbeigeht,
sieht man uns immer noch Design entwerfend hinter den Rechnern
sitzen. Wir sind hip, hoch qualifiziert, diffus kreativ und arm.
Urbane Penner eben,
in: zitty v. 16.02.
DE:BUG (2006): Die elektronischen
Lebensaspekte als Lexikon.
Von A wie "A Better Tomorrow"
bis Z wie "Zukunft",
in:
De:Bug,
März
Das Lexikon widmet sich u.
a. Begriffen wie Demografischer Faktor, Gentrifizierung,
Jugend ("generell überbewertet"),
Nerds,
Praktikanten usw.
TIEDEMANN, Axel (2006): Im Stadtkern steigt die
Zahl der Haushalte mit Kinder.
Geburten: Trendwende in Hamburger
Szenevierteln. Ob in Eimsbüttel, Altona oder Eppendorf - überall
entstehen private Kitas, Cafés für junge Mütter und sogar ein
Kinder-Hotel,
in: Hamburger Abendblatt v. 04.03.
Es
ist ziemlich genau 1 Jahr her,
dass
Frank
"Panik" SCHIRRMACHER
uns einen Deutschland-Thriller versprach und eine Studie
vorstellte, über die Joachim NAWROCKI im Jahr 1979 in der
Zeit berichtete.
Diese sollte angeblich
exakt das wieder spiegeln, was heute geschehe. 1979 schrieb
NAWROCKI über die Entwicklung von Hamburg:
"Die Bevölkerungszahl von Hamburg wird
voraussichtlich von 1,9 Millionen Einwohnern bis 1990 auf
1,4 Millionen schrumpfen."
Tatsächlich lebten
1 652 363 Menschen 1990 in
Hamburg. Im Jahr 2000 waren es bereits 1 715 392. Inzwischen
sind es fast 1,74 Millionen.
Unseren
Bevölkerungsforschern fehlt jegliche Vorstellung darüber, was
Menschen bewegt. Deshalb schreiben sie einfach nur theorielos
Trends in die Zukunft weiter. Das kann ziemlich daneben gehen,
wie Hamburg beweist.
Die
Stadtforscherin
Monika ALISCH
hat im Gegensatz zur 68er-Stadtforschung, der auch
Dieter LÄPPLE, Jahrgang 1941 angehört, das Phänomen der
städtischen Familie der Generation Golf bereits im Jahr
1993 in ihrem Buch Frauen und Gentrification
vorausgesehen. Nur ewig gestrige 68er wie LÄPPLE
schwadronieren deshalb nun von einer "neuen Gegenkultur in
einer Gesellschaft der Kinderlosigkeit". Das ist typisch
bornierter 68er-Jargon.
Es wird Zeit für einen
Generationenwechsel in der Stadtforschung. Die Bibliografie
von single-generation.de zeigt die
Normativität dieser 68er-Gentrificationsforschung
auf.
WENSIERSKI, Peter u. a. (2006): Die verlorene Welt.
Es sind Brandbriefe, Bankrotterklärungen und
Hilferufe: Die Lehrer mehrerer Berliner Hauptschulen klagen über
die Unmöglichkeit ihrer Aufgabe. In einer Gesellschaft, in der
Oben und Unten auseinanderdriften und Eltern ihre Kinder nicht
mehr erziehen, eskaliert die Gewalt,
in: Spiegel Nr. 14 v. 03.04.
|
Die verlorene Welt
"Wenn
man sich die Wirklichkeit der Rütli-Schule und anderer
Schulen in Berlin und im Bundesgebiet ansieht, die
Wirklichkeit von Hauptschulen vor allem, dann sieht es so
aus, als ginge es dort inzwischen zu wie einstmals in der
Bronx. Es wirkt wie eine Ansammlung vieler kleiner Kopien
von Städten wie Karatschi oder Lagos, Städten also, die
nicht mehr zu kontrollieren, nicht mehr zu regieren sind.
In Deutschland sind es keine ganzen Metropolen, es sind
bloß Viertel, aber sie sind abgetrennt vom Rest der Stadt,
sie sind Ghettos. Und dort scheint sich inzwischen eine
verlorene Welt neben der ganz normalen deutschen
Wirklichkeit geformt und längst verfestigt zu haben, die
mit der anderen Wirklichkeit nichts mehr zu tun hat." |
SPEICHER, Stephan (2006):
Mit Aufwertung arbeiten.
Ein Gespräch mit Dieter Hoffmann-Axthelm über
Neukölln und die Möglichkeiten der Stadtplanung,
in: Berliner Zeitung v. 03.04.
ALEXANDER, Robin (2006): Bei uns daheim im Ghetto.
Schüsse peitschen, auf dem Spielplatz gibt es
Drogen und die Rütli-Schule ist um die Ecke. Wir leben in
Neukölln,
in: TAZ v. 07.04.
MENZEL, Rebecca
(2006): Willkommen im Rütli-Kiez.
Nord-Neukölln gilt seit dem Rütli-Skandal als die Berliner
Bronx. Das ist Unsinn, denn die robuste Berliner Mischung aus
Bürgerlichen und Freaks, Kreativen und Migranten verhält sich
gegen alle Einheitsprinzipien extrem resistent, auch gegen das
Ghetto-Label. tip-Autorin Rebecca Menzel über ihr Viertel, das
eigentlich Reuter- und nicht Rütli-Kiez heißt,
in:
Tip Berlin Nr.9 v.
20.04.
GROSS, Thomas (2006):
Von der Boheme zur Unterschicht.
Job, Geld, Leben – nichts ist mehr sicher.
Eine neue Klasse der Ausgebeuteten begehrt auf: Das Prekariat,
in: Die ZEIT Nr.18 v. 27.04.
BODDERAS, Elke (2006): Hamburg wächst und wird jünger.
Die Hansestadt stemmt sich
gegen den demografischen Trend. Fast 400 Geburten mehr als im
Jahr 2002,
in: Welt Hamburg v. 31.07.
Bereits im März 2002 hat sich
single-generation.de
am Beispiel der
Stadt Frankfurt mit dem Phänomen der
so genannten "Family-Gentrifier" befasst, und den Anstieg der
jungen Familien in den schicken Großstadtquartieren
vorausgesagt. Die damalige Begründung:
"Während die
vorstädtischen
Wohnstandorte auf dem Mobilitäts- und Berufsverzicht der
Frauen beruhen, verändert die Vereinbarkeit von
Beruf und Familie auch den Wohnwunsch der jungen Familien,
d.h. innenstadtnahe Wohnlagen werden für diese wohlhabenden
Familien attraktiv. In der
Generation Golf und mehr noch in der
Generation
Ally
sind diese neuen Präferenzen bereits dominant. Die
Vereinbarkeit von Beruf und Familie soll im
städtischen Rahmen der
Erlebnis- und Spassgesellschaft erfolgen."
Erst ein Jahr später wurden
die
coolen
Mütter vom Prenzlauer Berg
von den Medien entdeckt.
Es dauerte aber
weitere 2 Jahre
bis auch die Stadtforschung mit ihren Ergebnissen an die
Öffentlichkeit ging. Nun lassen sich diese Veränderungen auch
deutlich an der Geburtenrate ablesen:
"2004
kamen in Hamburg 395 Kinder mehr zur Welt als 2002. Hamburg
folgt damit einem Trend, den Statistiker auch noch mehreren
großen Städten Deutschlands verzeichnen: Während der Rest
der Republik altert, erleben die Städte eine Verjüngung.
Wie
in Hamburg sieht die Lage in mehreren der zehn größten
Städte Deutschlands aus. So verzeichneten auch Frankfurt,
Düsseldorf und München in den vergangenen Jahren einen
Geburtenanstieg - am deutlichsten Frankfurt, wo 2004
immerhin 584 Kinder mehr zur Welt kamen als 2000",
meldet BODDERAS.
KREYE, Andrian
(2006): Die Qual des linken Denkens.
Der erfolgreiche amerikanische
Debütant Benjamin Kunkel will den Schriftsteller als öffentliche
Person rehabilitieren,
in: Süddeutsche Zeitung v. 11.08.
WAHBA, Annabel (2006): "Bei mir
lachen die Leute auch ohne Pointe".
Die
Neuköllner kommen groß raus: Detlev Buck dreht dort
"Knallhart", Kathrin Passig gewinnt den
Bachmann-Preis und Kurt Krömer erobert die ARD?
in: Tagesspiegel v. 03.09.
FRIEBE, Holm &
Sascha LOBO (2006): Wir nennen es Arbeit. Die digitale
Bohème oder Intelligentes Leben jenseits der Festanstellung,
München: Heyne Verlag
GÖPFERT,
Claus-Jürgen (2006): "Trend zum Wegzug ist gestoppt".
Durch
regen Wohnungsbau werden vor allem junge Familien in der Stadt
gehalten,
in: Frankfurter Rundschau v. 06.12.
DANGSCHAT, Jens S. (2007): Reurbanisierung - eine Renaissance der (Innen-)Städte?
Reurbanisierung
als Hoffnungsschimmer,
in: Der Bürger im Staat,
Heft 3, S.185-191
Jens S. DANGSCHAT
beschreibt u. a. problematische Abschottungstendenzen die durch
die Renaissance der Innenstädte entstehen:
"Ebenso wichtig wie die
lokale Arbeitsmarktpolitik ist die der Stadtentwicklung und
-erneuerung, denn (...) manchen Stadtpolitikerinnen und
Stadtpolitiker die »Amüsiermeilen der Erlebnisgesellschaft«, die
gentrifizierten Gebiete, die neuen Quartiere, die auf den »brownfields«
der ehemaligen Bahn- oder Industriegelände sowie Hafenbezirken
entstehen. In diesen Quartieren leben jedoch häufig Menschen,
die sich für die Gemeinschaft des Hauses und der Straße wenig
interessieren, die wenig in die lokale Ökonomie eingebunden sind
und die ihre Netzwerke weit im Stadtgebiet resp. in andere
Städte ausgedehnt haben. Aus diesen Rückzugsmentalitäten
entstehen eher Abgrenzungs- und Abschottungstendenzen; es sind
in der Regel zwar multifunktionale, aber sozial eher homogene
»Burgen« eines Teils der modernen Dienstleistenden. Auch sie
sind Bestandteil und wichtige Quelle städtischer Reurbanisierung
- aber fragwürdig im Sinne der Offenheit und Vielfalt der
»europäischen Stadt«."
Während die 68er die
Gründerzeitviertel der Städte gentrifizierten, setzt nun die
Gentrifizierung der Arbeiterviertel ein:
"alte Fabrik- und
Lagergebäude werden aufwändig modernisiert und für
»loft living«
und »loft working« hergerichtet.
Damit richtet sich die Nachfrage der »neuen Dienstleistenden«
nicht nur auf die traditionell bürgerlichen Gründerzeitviertel
(...), sondern es drängt die etablierte und obere Mittelschicht
auch in die traditionellen Arbeitergebiete, die längst zu
attraktiven Ausgeh-Orten der regionalen »Erlebnisgesellschaft«
geworden sind. Sie setzen dort die so genannten
Gentrificationprozesse in Gang".
ROHDE,
Sven (2007): Zurück in die Stadt.
Landleben
war gestern, Pendeln ist out. Die wohlhabende Mittelschicht
zieht es in die Innenstädte. Urbane Wohnungen für Jung und Alt
lieben im Trend. "Townhouses" sind die Renner am Markt,
in: Stern Nr.14 v. 29.03.
Laut einer Studie
des
Deutschen Instituts für Urbanistik sind es gerade die
Angehörigen der gehobenen Mittelschicht, die
»immer weitere Teile der
Innenstadt besetzen und damit einen allgemeinen Imagewandel des
Innenstadtwohnens« einleiten. »In den Sechzigern waren die
Menschen voller Anerkennung, wenn jemand einen Bungalow in einer
Siedlung besaß«, erklärt ihr Verfasser Hasso Brühl. »Heute
bewundern wir die Menschen mit großen Wohnungen in der
Innenstadt.« Und er nennt einen wichtigen Grund dafür: »Das
Familienleben ist zunehmend schwer zu organisieren, wenn man
täglich im Verkehrsstau steckt.« Brühls Fazit: »Kind und
Karriere lassen sich in der Stadt viel besser vereinbaren als im
Speckgürtel.«" zitiert ROHDE.
OCHS,
Birgit (2007): Die Renaissance der Städte.
Lange
Wege, trostlose Viertel, öde Zentren - Europa will den Fehlern
der Nachkriegsstadtplanung ein Ende setzen,
in: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung v. 17.06.
Die Renaissance der
Städte ist gemäß Hartmut HÄUßERMANN durch die Generation Ally
eingeleitet worden. Doppel-Karriere-Paare lösen eine neue
Welle der Gentrifizierung aus. Diese Entwicklung wurde von
Monika ALISCH bereits im Jahr 1993 in ihrem Buch
Frauen
und Gentrification
prognostiziert. Den Wandel von der Suburbanisierung zur "Family-Gentrification"
(ALISCH) erklärt OCHS folgendermassen:
"Ein Mann (Ernährer)
zieht mit Frau (Hüterin) und zwei Kindern ins Häuschen, und
das liegt im Umland. Dort sind die Grundstückspreise niedrig
und die Gärten groß. Die Familie besitzt zwei Autos, damit
er zur Arbeit und sie zum Einkaufen und dei Kinder
kutschieren kann. Doch seit sich das Bildungsniveau der
Frauen extrem verbessert hat, sie beruflich vorankommen,
gleichzeitig Jobs ebenso wie familiäre Bindungen unsicher
werden, hat das Modell weitgehend ausgedient. Nun heißt es
für die Frauen, Beruf, Familie und Haushalt zu vereinbaren.
»Ein Balanceakt, der auf dem Land schwierig ist«, wie
Häußermann es formuliert.
Besser geht es
in der Stadt, am allerbesten vielleicht in jenen
Gründerzeitquartieren, wo neben Schule, Kindergarten und
Sportverein auch noch Kneipen, Bäcker, Metzger,
Biosupermarkt, Buchladen und Boutiquen existieren. Wer sich
dort eine Wohnung leisten kann, hat einen Teil der täglichen
Anlaufstationen in nächster Nähe."
Auf
single-generation.de wurde diese Entwicklung im Anschluss
an Monika ALISCH bereits um die Jahrtausendwende für
Deutschland prognostiziert. Im
Glossar,
in einer
kommentierten Bibliografie zur Gentrificationsforschung
und einem Thema zur
Dienstleistungsmetropole Frankfurt
wurden diese Aspekte bereits frühzeitig beschrieben.
In der öffentlichen Debatte wurden diese Entwicklungen lange
verschwiegen, weil sie nicht zum Bild der Single-Gesellschaft
passten. Die traditionelle Stadtforschung, für die der 68er
Hartmut
HÄUßERMANN
steht, interessierte sich lieber für historische Phänomene,
die für die Zukunft keine Bedeutung haben werden. Erst als die
Entwicklungen nicht mehr zu leugnen waren, hat auch der 68er
HÄUßERMANN das Phänomen der Family-Gentrification öffentlich
vertreten. Im Buch
Die
Single-Lüge
werden im Kapitel "Die Ökonomisierung des Sozialen" jene
Tendenzen beschrieben, die eine Renaissance der Städte
eingeleitet haben.
SPIEGEL-Titelgeschichte:
Vergesst London und Paris!
Europas coole Städte sind Amsterdam, Barcelona, Dublin,
Kopenhagen, Tallinn, Hamburg ... |
FOLLATH, Erich/SPÖRL,
Gerhard/TRAUFETTER, Gerald/HÜETLIN, Thomas/ERTEL, Manfred/ZUBER,
Helene (2007):
Was Städte sexy macht.
Woher
kommt der nächste Bill Gates, und wohin geht er) Brillante Köpfe
können sich in der vernetzten Welt aussuchen, wo sie ihre Zelte
aufschlagen. Zwischen den Metropolen ist ein heftiger Wettbewerb
um die neue kreative Klasse angebrochen, denn von ihr hängen
Fortschritt und Innovation ab,
in: Spiegel Nr.34 v. 20.08.
HEIER, Erik (2007):
Dorfgefühl im Stadtgewühl.
Das neue
Modewort des innerstädtischen Wohnens heißt Townhouses.
Eigentlich sind es bessere Reihenhäuser für besserverdienende
Familien. Eine preiswertere und zudem weniger spießige
Alternative zum eigenen Haus mit Garten sind die sogenannten
Baugemeinschaften. Die will der Senat jetzt stärker fördern,
in: tip Nr.18 v. 23.08.
JÄGER, Christian (2007): Gentrifizierungsrestistent.
Sozialhilfeempfänger als
Standortvorteil: Kreuzberg ist eine von Land, Bund und Europa
alimentierte Wohlfahrtsinsel und paradoxes Ergebnis der
neoliberalen Arbeitsmarktpolitik. Eine Polemik,
in: TAZ v. 08.10.
HANK, Rainer (2008):
München, Stuttgart, Hamburg sind die Sieger.
Zehn
deutsche Städte im Test: Wohin zieht es die Kreative Klasse? Wer
hatte es gedacht: München ist Deutschlands attraktivste
Großstadt, Leipzig das Schlusslicht und Stuttgart die große
Überraschung. Die F.A.S. präsentiert heute auch acht Seiten das
große Städteranking. Und im Internet geht die Debatte jetzt erst
los,
in: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung v. 09.03.
BLOCHING, Björn (2008):
Der große Unterschied zwischen europäischen und amerikanischen
Städten.
Richard
Florida hat seine Creative-Class-Theorie für Amerika entwickelt.
In Europa müssen Technologie, Talent und Toleranz anders
gemessen werden,
in: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung v. 09.03.
zitty-Titelgeschichte:
Neukölln rockt.
Mit zitty unterwegs in Berlins derzeit spannendstem Bezirk |
BOESE, Daniel (2008): Neukölln rockt.
Eine
Welle von Bars und Galerien eröffnet zwischen Landwehrkanal
und Herrmannplatz. Aber reicht das, um Neukölln mit Leben zu
füllen?
in:
zitty Nr.6 v.
08.03.
GÖLLNER, Lutz (2008): Neukölln State of Mind.
Eine
Hommage an einen ehrlichen Stadtteil,
in:
zitty Nr.6 v.
08.03.
FEDDERSEN, Jan
(2008) Achtung Wollmützenalarm!
Parallelwelten: Bis vor kurzem war Neukölln noch der soziale
Brennpunkt. Jetzt heißt es, der Kiez komme. Oh weia,
in: TAZ v. 17.03.
GAUB,
Maximilian (2008): Das Szeneviertel.
Wo muss
man jetzt wohnen und ausgehen? Wann weiterziehen? Den aktuellen
In-Bezirk zu erwischen, ist vor allem eine Frage des Timings.
Schuld am engen Zeitfenster sind drei übliche Verdächtige,
in: Neon, April
GAUB erläutert wie Kapital,
Medien und Politik dazu führen, dass Stadtteile aufgewertet
werden. Diese Gentrifizierung, in deren Verlauf sich
Szeneviertel bilden und verschwinden, hat sich im
Nachkriegsdeutschland verändert. Das Schwabing der 60er in
München, das
Schanzenviertel der 80er in Hamburg
und der Prenzlauer Berg der 90er in Berlin waren typische
Beispiele für diese Prozesse. Berufsjugendliche müssen deshalb
ständig umziehen.
Manche - wie Martin REICHERT - ziehen es stattdessen vor,
erwachsen zu werden...
Jungle
World-Thema:
My Squat is my Castle.
Freiräume
und besetzte Häuser
|
KUHN, Armin (2008): Illegal, legal, Ikea-Regal.
Die ehemaligen
Besetzerinnen und Besetzer haben sich mit der Gentrifizierung
ihrer Stadtteile besser arrangiert als andere
Bevölkerungsgruppen. Vom Leerstand zur Forderung nach
»Freiräumen«,
in: Jungle
World Nr.15 v. 10.04.
"Wer die Lower East Side von früher
kennt, wird heute dennoch seinen Augen nicht trauen. Das von
Soho und Chelsea allzu bekannte Szenario scheint auch hier
unvermeidlich. Wieder geht es um
Gentrifizierung,
wieder waren es, viel zu kurz gesagt, zunächst Künstler, die
sich wegen der erschwinglichen Mieten in einer verlotterten
Gegend niedergelassen hatten, wieder waren ihnen Galeristen
gefolgt, wieder heften sich nun an deren Fersen Boutiquen und
Bars und zahlungskräftige New Yorker, die den
Künstlerpionieren den Platz streitig machen", berichtet
Jordan MEJIAS.
MOLL, Sebastian
(2008): Geld oder Liebe,
in:
Frankfurter Rundschau v. 04.06.
MOLL berichtet anlässlich eines
Artikels im New York Magazine
über Gentrification in Manhattan und die nicht gerechtfertigte
Verklärung vergangener Zeiten.
NOWAKOWSKI,
Gerd (2008): Die Mitte bebt.
Münchener Verhältnisse in der deutschen
Hauptstadt: Explodierende Mietpreise, Yuppisierung und
Verschlimmbesserung des Stadtbildes. Bürger und Autonome gehen
geschlossen auf die Barrikaden. Dabei ist genau das die ganz
normale Entwicklung einer Metropole,
in: Tagesspiegel v. 29.06.
"Die
Nachfrage aus dem Ausland verstärkt den Verdrängungsdruck. Die
Kunden kommen aus New York, der hippen Kunstszene wegen, oder
aus Stockholm, wegen der hier vergleichsweise spottbilligen
Wohnungen. Im Trendbezirk Prenzlauer Berg, so sagen
Untersuchungen, ist die frühere Bevölkerung nahezu ausgetauscht",
berichtet NOWAKOWSKI. Der
Ausnahmestatus der Frontstadt Berlin verschwindet allmählich und
das bekommen nun auch die Berufsjugendlichen zu spüren.
Nicht nur der Sozialstaat
federt die analoge und die digitale Boheme immer weniger ab,
auch die verstärkte Aufwertung genau jener Viertel, die von den
Berufsjugendlichen bevorzugt werden, trägt dazu bei, dass der
industriegesellschaftlichen
Phase der Postadoleszenz
die Grundlage entzogen wird. Wer
mit Mitte Dreißig den Durchbruch noch nicht geschafft hat, der,
so meint Martin REICHERT in seinem Buch
Wenn ich mal groß bin,
sollte seine Umhängetasche an den Nagel hängen und endlich
erwachsen werden, indem er sich den Herausforderungen einer
selbständigen Existenz - jenseits der
Elternabhängigkeit - stellt.
GARREIS, Simon (2008): Pflasterstrand revisted.
Stadtmagazine haben eine linke
Tradition und ändern sich mit den Lesern. Beispiele? "Journal
Frankfurt" und "Lift",
in: TAZ v. 15.07.
GARREIS berichtet am
Beispiel von
Journal Frankfurt
und
Lift
über den Wandel
der Stadtmagazine, die
meist
in den 70er Jahren entstanden
sind und zuerst die Gegen- bzw. Alternativkultur
repräsentierten. Während sie nach dem Zerfall der linken
Bewegungen zunächst die
Entstehung einer
Single-Kultur
flankierten, spielen heutzutage die Bedürfnisse der
Family-Gentrifier
eine wichtige Rolle.
SCHÖNBALL, Ralf (2008): Junge Familien ziehen weg aus der
Innenstadt.
Die Abwanderung junger Familien aus der
Berliner Innenstadt betrifft auch beliebte Szeneviertel wie
Prenzlauer Berg. Es fehlen bezahlbare Wohnungen,
in: Tagesspiegel v. 18.07.
Der Berliner Mieterverein hat eine
Studie des
Potsdamer Instituts für soziale
Stadtentwicklung (IFSS) in
Auftrag gegeben. Das Ergebnis ist wenig überraschend, denn es
sind vor allem die einkommensstarken
Family-Gentrifier,
die vom Bauboom profitieren und somit für die
"Renaissance der Innenstädte"
stehen. Vor einem Monat hatte dies bereits
Gerhard MATZIG in der
SZ
beklagt.
SEIDL/MAAK/RICHTER,
bekannt als
Berlin-Hasser,
beobachten das Berliner Stadt-Marketing in Sachen
Berlin-soll-nobler-werden in der FAS.
DÖRTING, Thorsten (2008): Wie Reiche die Armen aus den Städten
verdrängen.
Du kommst hier nicht rein! Deutschlands
Metropolen droht die soziale Spaltung in schöne Viertel nur für
Reiche - und Vorstädte für Arme. Im SPIEGEL-ONLINE-Interview
erklärt der Stadtforscher Hartmut Häußermann, wie dieser Riss zu
kitten ist - und warum Busse dafür wichtiger sind als Beton,
in: Spiegel Online v. 18.07.
Hartmut HÄUßERMANN, ein
traditioneller Stadtforscher aus der 68er-Generation,
beschreibt die Interessen der Family-Gentrifier folgendermaßen:
"Früher zogen junge Paare
ins Umland und bauten ein Eigenheim. Das tun sie nicht mehr.
Warum nicht? Weil dieses Eigenheimmodell ein Hausfrauenmodell
war. Heute haben in jüngeren Haushalten oft beide studiert,
der Akademikeranteil bei Frauen ist rasant gestiegen - und die
wollen ihre Qualifikationen auch einsetzen. Also fahren zwei
Leute ins Büro. Kommen Kinder dazu, wird die Logistik
komplizierter: Die Kleinen müssen zur Schule, dann zur
Nachhilfe oder zum Ballett. Wenn kein Personal da ist, das das
organisiert, ist die Innenstadt der Wohnort der Wahl - deshalb
entstehen überall diese familienfreundlichen Townhouses."
HÄUßERMANN wirbt mit dem Wert
sozialer Mischung für die Subventionierung des Wohnens urbaner
Eliten:
"Tatsächlich dürften sie
sozial gemischtere Quartiere heute nur hinkriegen, wenn sie
auch Wohnungen für höhere Einkommen staatlich fördern. Viele
schreien dann: Fehlsubventionen! Aber die soziale Mischung ist
ein Wert an sich. Man soll also ruhig Mittelschichtshaushalte
mit subventioniertem Wohnraum in Quartiere locken, die an
überdurchschnittlich vielen sozialen Problemen kranken."
Gentrifizierung beginnt
traditioneller Weise mit dem Zuzug von Pionieren in
Problemgebiete. Was HÄUßERMANN vorschlägt, würde bedeuten, dass
diese neuartigen Pioniere - nichts anderes wären z.B.
Doppelkarrierepaare, die in der Kreativwirtschaft arbeiten -
zukünftig politisch subventioniert würden. Dies wäre dann eine
neue Variante des Gentrifizierungszyklus.
POSTEL, Tonio
(2008): Vertreibung aus dem Paradies.
Semesterstart, Zeit der Notunterkünfte. Lieber wohnen Studenten
im Altbau, neben Kneipen und Cafés. Dass solche Wohnungen kaum
zu bezahlen sind, ist Folge der "Gentrifizierung". Die Studenten
selbst sind die Pioniere dieser Entwicklung,
in: Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 18.10.
ANONYMUS (2008): Jung, hip, einsam!
Ausgerechnet das Hamburger
Szene-Viertel Sternschanze ist eine Hochburg der Singles, sagt
der renommierte Soziologe Heinz Bude,
in: Bild.de v. 22.10.
Bild hat ein dpa-Gespräch
mit dem Soziologen Heinz BUDE benutzt, um eine
Gentrifizierungs-Story á la Geld = Single
=
einsame Herzen
contra Familie zu basteln. Schauplatz ist das Hamburger
Schanzenviertel, könnte aber auch der Prenzlauer Berg sein,
also die Biotope der
Generation Umhängetasche.
Die lachenden Dritte sind die Vermieter - Lebensform
unbekannt...
KIONTKE, Jürgen (2008): Gebiete knacken.
Reihe über Gentrifizierung in der
Hauptstadt. Nicht der Zuzug der Studenten ist das Problem,
sondern die Aufwertung der Wohnungen. So weit die Theorie.
Bericht aus der Nord-Neuköllner Praxis,
in: Jungle World Nr.44 v. 30.10.
JOURNAL
FRANKFURT-Titelgeschichte:
Die Westend-Story.
Besetzer, Banken, Bauboom: Ein Report
aus Frankfurts teuerstem Stadtteil |
BOLDT, Esther & Nils
BREMER (2008): Das Westend im Aufschwung. Trotz Finanzkrise.
Zwischen
Gründerzeitbauten und Bankentürmen leben Menschen, die die
Vielfalt des Viertels widerspiegeln,
in: Journal Frankfurt Nr.23 v. 31.10.
BRACHAT-SCHWARZ,
Werner (2008): Reurbanisierung.
Gibt es
eine "Renaissance der Städte" in Baden-Württemberg?
in: Statistisches Monatsheft Nr.11, November,
S.5-13
BRACHAT-SCHWARZ weist eine
Trendumkehr zur Reurbanisierung nach. Sie sei jedoch kein
Selbstläufer, sondern erfordert, dass die Städte attraktiv für
die kreative Milieus, die gehobene Mittelschicht
("Family-Gentrifier") und die Wissensökonomie sind.
LÖW, Martina
(2008): Soziologie der Städte, Frankfurt a/M: Suhrkamp
Verlag
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