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Einführung
Bereits im Jahr 2002 wurde auf dieser Website die
deutsche
wissenschaftliche Gentrificationsforschung unter dem Aspekt
der Kontroverse Familien contra Singles dargestellt. Am Beispiel
der Großstädte Frankfurt und Berlin wurden spezielle Aspekte des
Gentrifizierungsprozesses behandelt: zum einen die
neue Akteursgruppe
der Karrierefamilien der Generation Ally/Golf
("Family-Gentrifier") sowie der
Kampf der
Lebensstile im Berliner Stadtteil Kreuzberg in den 1980er Jahren
(Yuppisierung).
Nach der Jahrtausendwende kamen im Zeichen der New
Economy die Yetties
(kurzzeitig auch die
Bobos) als Akteure im Gentrifizierungsprozess in
den Blick. Was vor dem Platzen der Start-up-Blase die Yetties
waren, das wird nun
digitale Bohème genannt. Mit
Richard FLORIDA
wird der Attraktivität der Stadtkultur eine zentrale Rolle in
der Standortkonkurrenz um die kreative Klasse zugeschrieben.
In den 1980er Jahren wurde die
neue Lebensphase der
Postadoleszenz entdeckt und
Studentenviertel entwickelten sich
zu Szenevierteln, der Heimat des
Hipsters. In der gegenwärtigen
Gentrifizierungsdebatte geht es um den Wandel von attraktiven
Stadtvierteln. Wem gehört die Stadt? Diese Bibliografie befasst
sich mit den diversen Akteuren/Projektionsfiguren, Interessenkonflikten und
Theorien des Gentrifizierungsprozesses.
Kommentierte Bibliografie (Teil 2: 2009 -
heute)
HEYMANN, Nana (2009): Die Stimmung zieht sich zu.
Nach der Wende wollten alle nach
Prenzlauer Berg ziehen. Doch jetzt brechen unter den Bewohnern
zunehmend Konflikte auf. Streit gibt es zwischen
Alteingesessenen und Zugezogenen, Singles und Familien, Schwaben
und Preußen, Reichen und Linken,
in:
Tagesspiegel v. 22.03.
Nichts Neues über den
Prenzlauer Berg erfährt man von Nana HEYMANN. Vorgeführt
werden die üblichen Verdächtigen (siehe
hier,
hier
und
hier).
Wenn es schon nichts Neues über die
Prenzlauer Berg-Mütter
zu berichten gibt, dann wird Stadtsoziologen Uneinigkeit in
Sachen
Gentrification
untergeschoben. Was hat aber ein "sicheres Einkommen" (HOLM)
mit Reichtum (HÄUßERMANN) zu tun?
Eine Neuerung im Plot gibt
es doch: Kinderlose sind nicht mehr Karrierefrauen, sondern
Männer. Das Klischee vom Kinderlosen erhält dadurch eine
Wendung: Von der
Mütterhasserin
zum
potenziellen Vater, der neuerdings durch
die Presse geistert.
PEZZEI, Kristina (2009): "Die Bürger sind ein wichtiges
Korrektiv".
Wenn es um Gegenwart und Zukunft der
Stadt geht, kommt an ihm keiner vorbei: Hartmut Häußermann ist
der wohl bekannteste Anmahner sozialer Mischung in Städten. Er
hat stets für ein multikulturelles Miteinander plädiert und
kritisiert, dass Berlin keine soziale Stadterneuerung mehr
finanziert. Was passiert, wenn angestammte Bewohner verdrängt
werden, sieht der Stadtsoziologe vor der eigenen Haustür:
Häußermann wohnt am Kollwitzplatz,
in: TAZ v. 06.04.
BOZIC, Ivo (2009): Reclaim your Brain!
Die vermeintlich neue linke Militanz
gegen Yuppies und ihre Autos ist weder neu, noch zeugt sie von
einer neuen Stärke der radikalen Linken. Sie zeugt vielmehr von
ihrer Schwäche,
in: Jungle World Nr.27 v. 02.07.
FEDDERSEN, Jan (2009): Gentrification - na prima!
Parallelgesellschaft: Im Gängeviertel,
in Neukölln und anderen rottenden Vierteln herrscht die
Dauersanierung,
in: TAZ v. 11.11.
TJABEN, Christian (2009): Wir wollen kein Standortvorteil sein.
Im Hamburger Gängeviertel erhebt sich
die "Kreative Klasse" gegen Stadtmarketing, Senatswillkür und
Gentrifizierung,
in: Berliner Zeitung v. 25.11.
BOEING, Nils (2009): Recht auf Stadt.
Gentrifizierung: In Hamburg wird
Stadtentwicklung rein neoliberal gedacht. Dagegen geht dort
heute ein breites Bündnis mit einer Parade auf die Straße,
in: TAZ v. 18.12.
CPA (2010): München: Treiben Singles die Mieten in die Höhe?
Ist das wahr? Laut einer neuen Studie
sollen Singles die Mieten in München in schwindelerregende Höhen
treiben. Die reagieren in Foren mit Wut und Unverständnis,
in: Augsburger Allgemeine Online v. 31.03.
TIP
BERLIN-Titelgeschichte: Nord
Neukölln.
Berlins Lower Eastside |
SLASKI, Jacek
(2010): Spielplatz der Avantgarde.
Alle
paar Tage eröffnet eine Bar, ein Atelier oder ein Kunstraum, wo
bisher nur Matratzendiscounter, türkische Bäcker und Handy-Shops
residierten. Im nördlichen Teil von Neukölln entsteht aufregende
und mutige Kultur jenseits von Cocktail-Lounge und
White-Cube-Gallery. Der Enthusiasmus, mit dem die Künstler und
Musiker zwischen Wildenbruch-, Weser- und Boddinstraße zu Werke
gehen, aber auch die Voraussetzungen, unter denen diese
Entwicklung vonstatten geht, rufen ein berühmtes historisches
Vorbild in Erinnerung. Was heute in Nord-Neukölln passier, gab
es ähnlich schon einmal: vor 30 Jahren in der New Yorker Lower
East Side,
in:
Tip Berlin Nr.6 v.
03.04.
RADA, Uwe (2010): Wir sind die Stadt.
Urbanität: Negative Schlagworte wie
Gentrifizierung prägen derzeit die Debatte. Um die Zukunft
unserer Städte zu gestalten, braucht es positive Leitbilder,
in: TAZ v. 15.03.
ENGELHARDT, Kay (2010): Wir bauen uns eine neue Stadt.
Pop & Gentrifizierung: Ein Panel auf
der Leipziger Musikmesse PopUp untersuchte, ob Künstler
heruntergewirtschaftete Immobilien aufwerten,
in: TAZ v. 11.05.
BÖKER, Carmen (2010): Macht's gut, Nachbarn.
Zu laut, zu erwachsen, zu nächtlich -
ein Club nach dem anderen verlässt den Prenzlauer Berg. Der
Umbau des früheren Szenebezirks zum Familienbiotop ist
abgeschlossen. Nun erledigt sich hier auch das Musikleben,
in: Berliner Zeitung v. 28.06.
WACKWITZ, Stephan (2010): Die Geburt der modernen Frau.
Weiblich, ledig, jung: Vor fünfzig
Jahren begannen die Dreharbeiten zu "Breakfast at Tiffany's".
Danach war nichts mehr wie zuvor,
in: Welt am Sonntag v.
04.07.
Stephan WACKWITZ
datiert die Geburt der "jungen Großstädterin" auf das Jahr
1961. Barbara EHRENREICH u. a. datieren die Geburt der
Singlefrau ebenfalls auf die 1960er Jahre. In ihrem
aufschlussreichen Buch
Re-making Love
beschreiben sie die
Entstehung und
Entwicklung des Single-Daseins in den USA
von den 1950er bis zu den 1980er Jahren. WACKWITZ macht keinen
Hehl daraus, dass die
angebliche Entwicklung des Single-Daseins von einer
Lebensphase zu einer Lebensform
eine Fehlentwicklung ist:
"Es gehört zu den zahlreichen
Eigentoren der Moderne, dass sie aus dieser Übergangsperiode
einen Dauerzustand gemacht hat, quälend wie eine rauschende
Party, die kein Ende findet, sondern bis in alle
Unendlichkeit weitergeht. »Singlefrau und Märchenprinz« (So
hat der Soziologe Jean-Clause Kaufmann das Personal dieser
Tragikomödie bezeichnet) spielen die Handlung in der
allgegenwärtigen Junggesellenwirtschaft des New Yorker East
Village, des
Münchner Glockenbachviertels, in
Berlin-Mitte
und in Krakau-Kazimierz nach. Und sie können nicht mehr
aufhören damit."
Von einer
Single-Gesellschaft mag heute kaum mehr jemand zu sprechen und
selbst die von WACKWITZ genannten deutschen Szeneviertel
befinden sich im Umbau zu neubürgerlichen Familienhochburgen.
DÜCKERS, Tanja (2010): Künstler als Sündenböcke.
Gentrifizierung: Heute
gelten Künstler und Kreative oft nicht mehr als rebellische
Avantgarde. Denn sie wollen selbst zum Establishment gehören,
in: ZEIT Online v. 07.07.
Tanja DÜCKERS
beschäftigt sich mit der Rolle von Künstlern und Kreativen im
Gentrifizierungsprozess. Im Mittelpunkt steht dabei der
Imagewandel des Künstlers/Kreativen wie er in dem Ansatz von
Richard FLORIDA zum Ausdruck kommt. Ausgangspunkt ist für
DÜCKERS, dass ehemalige Verbündete der Gentrifizierungskritik
zu Gegnern geworden sind:
"Dass kürzlich in Berlin
einige Linksautonome eine Galerie attackierten, zeigt, wie
sehr sich die Zuschreibungen mittlerweile geändert haben.
Heute gelten Künstler und Kreative oft nicht mehr als
rebellische Avantgarde, sondern als Vorboten der
Gentrifizierung und als Repräsentanten eines neuen
Besitzbürgertums. Der Konflikt demonstriert nicht nur das
reaktionäre Kunstverständnis der Angreifer, die offenbar
Künstler nur dann tolerieren können, wenn sie ihren Zwecken
dienlich sind. Der Streit zeigt aber auch zugleich, wie sehr
sich das Verhältnis zwischen Kunst und politischer Gesinnung
verändert hat. Die coolen Künstler mit Designerbrille und
Szenedress pflegen schon längst keine antibürgerliche Attitüde
mehr, sondern wollen selbst zum Establishment gehören."
DÜCKERS sieht einen
Widerspruch zwischen dem Künstler-/Kreativenimage und der
Realität:
"Tatsächlich entspricht das
monotone Bild des Künstlerunternehmers aber einem Klischee.
Mit der Wirklichkeit der meisten Kreativen hat es nichts zu
tun. So gehören gerade in den Städten wie Hamburg, Köln oder
Berlin, die sich besonders gern mit ihrer Kreativwirtschaft
schmücken, die meisten Künstler, gemessen an ihrem
Jahres-Durchschnitts-Einkommen, zur sozialen Unterschicht.
Oftmals gehören sie zu den Ersten, die sich die teuren Mieten
in den angesagten Vierteln nicht mehr leisten können – auch
wenn sie diese Entwicklung selbst mit ausgelöst haben."
Ihr Fazit:
"Künstler und Kreative als
Gentrifizierungsvorboten zu den Verlierern des rasanten
Wandels, werden in der Öffentlichkeit jedoch vor allem als
Gewinner wahrgenommen. Diese Umdeutung zeigt vor allem, wie es
dem liberalen Zeitgeist gelungen ist, einen Hype zu kreieren,
den mittlerweile sogar die Linksautonomen bereit sind zu
glauben."
Bei dieser Sicht stellt
sich jedoch die Frage, ob der Begriff "Kreativwirtschaft"
nicht viel zu diffus ist, um die Interessenkonflikte im
Gentrifizierungsprozess zu beleuchten.
Und vielleicht sitzt
DÜCKERS auch nur einem romantischeren Gestern auf, denn
Künstlern/Kreativen wurden nicht erst seit
Richard FLORIDA
eine Rolle im Gentrifizierungsprozess zugeschrieben:
"Wenn Künstler als Instanz
in erneuernden oder kritischen Urbanitätskonzepten eine Rolle
spielen, werden allerhand Hoffnungen auf sie übertragen.
Mindestens richtig im Falschen zu leben oder als Agenten von
Gentrifizierung verfallene Viertel auf Sanierung
vorzubereiten, als Avantgarde der besseren Leute, je nachdem,
ob Makler oder Dissidenz-Theoretiker von ihnen reden",
schreibt Diedrich
DIEDERICHSEN im Aufsatz
Der grüne
Frack aus dem Jahr 1994.
FÜCHTJOHANN, Jan (2010): Was ihr wollt.
Warum der Protest gegen die
Gentrifizierung gerecht ist - aber auch reichlich borniert,
in: Süddeutsche Zeitung v.
12.07.
Jan FÜCHTJOHANN, Angehöriger der
kreativen Klasse, streitet sich mit seinesgleichen um die
richtige Gentrifizierung deutscher Metropolen. Den
Machtkampf zweier akademischer Milieus
um die bessere Stadt
beschreibt FÜCHTJOHANN folgendermaßen:
"Dass sich ausgerechnet
die Kreativen wehren, unterscheidet die Lage heute von der
klassischen Gentrifizierung. Es geht um einen Clash der
Einkommen und Kulturen, aber es geht schon lange nicht mehr
um Arbeiter, die es heute kaum noch gibt, oder um Zuwanderer
und Arme, deren Aufstand anders aussehen würde. Die Front
verläuft weiter oben: Angeführt von gut vernetzten Künstlern
und Aktivisten, verteidigen Freiberufler und Kreative 'ihr'
Viertel gegen den Zuzug von Rechtsanwälten und
Unternehmensberatern. Beide verfügen über Bildung, aber die
einen haben mehr Zeit, die anderen mehr Geld."
Seine Gegner hat der
Unternehmensberater FÜCHTJOHANN folgerichtig zum einen in den
coolen "Mächten des deutschen Indie-Pop" ausgemacht, die sich
im Manifest "Not in our name" gegen die Gentrifizierung des
Hamburger Gängeviertels gewehrt haben und zum anderen in den
radikalen Berliner Aktivisten. Welche
konkrete Projekte FÜCHTJOHANN vertritt, das verrät er nicht,
sondern er generiert sich allgemein als Advokat für eine
bessere Stadt. Dazu vereinnahmt er zwei Gruppen, die bei der
Zielgruppe SZ-Leser immer gut ankommen: 1. Arme und 2.
Familien. "Wer grundsätzlich gegen Aufwertung ist, perpetuiert
die Armut", ist deshalb so ein typisch nichtssagendes Argument
des Fachmanns für strategische Kommunikation.
Sein kurzer Abriss der
Geschichte der Gentrifizierung ist bezeichnend für die Art und
Weise wie die
Gentrifizierungs-Kontroverse Singles vs Familien
in Szene gesetzt wird. Die zweite Phase der Gentrifizierung
(warum zwei, das erschließt sich nicht) wird anhand des New
Yorks der 1990er Jahre erklärt und Singlefrauen zu den
Gewinnern der Entwicklung stilisiert:
"In den neunziger Jahren konnte Rudy
Giuliani schließlich allein durch das Versprechen zum
Bürgermeister von New York gewählt werden, die Stadt endlich
'aufzuräumen'. Mit James Q. Wilsons 'Broken Windows'-Theorie
in der Tasche übte die New Yorker Polizei Zero Tolerance
bereits gegenüber Kleinvergehen. Damit wurde ein Signal
gesetzt: Die Vorstadt beginnt bereits hier. Das Ergebnis zeigt
die
Fernsehserie 'Sex and the City'
- ein Manhattan voll berufstätiger, weißer Frauen, die shoppen,
essen gehen und daten. Die Gefahr war gebannt."
Im Übrigen war das Sex and the
City-Manhattan bereits in den 1960er Jahren Schauplatz von Sex and the City,
das hieß damals jedoch altbacken
Sex and the
Single-Girl. Die so
genannte "Broken Windows"-Theorie war nie typisch für das
weiße Nachkriegs-Manhattan, weswegen das Beispiel zwar
strategisch korrekt ist (Singles
sind wie immer schuld!),
aber nichts mit der New Yorker Realität zu tun hat. Die
"Mächte des Indiepops" und die Berliner Aktivisten werden dann
im zweiten Schritt zu den Gegnern der modernen
Großstadtfamilie stilisiert, also der
Family-Gentrifier
à la
Prenzlauer Berg in Berlin
oder
Glockenbachviertel in München.
"Ideologische
Rückendeckung gewährt der amerikanische Ökonom Richard
Florida. Ihm zufolge haben
Städte ohne Schwule und Rockbands im internationalen
ökonomischen Wettrüsten keine Chance. Das Geld will eben nur
da zu Hause sein, wo auch die Kreativen wohnen. Darum
veranstalten immer mehr Rathäuser Schwulen-Paraden,
Fanmeilen und Kunst-Festivals. Nur die Kreativen selbst sind
sich für so etwas leider zu schade. Sie verachten die
weniger coolen Nachzügler, die Radikalen verachten die neuen
'Bonzen', und gemeinsam verachten sie die neuen Mamas mit
ihren teuren Kinderwägen."
Der Artikel ist ein
Paradebeispiel für die so genannte
"Symbolische Gentrifizierung" wie sie z. B. von Barbara LANG
am Berliner Fall "Mythos Kreuzberg" beschrieben wurde.
SCHWARZBECK, Martin (2010):
Berlins Linke.
Die
neue APO,
in:
zitty v. 29.07.
FISCHER, Jonathan (2010): Mir gärtnerplatzt der
Kragen!
Nochmal ein Tauchgang in Sachen
Gentrifizierung - verbunden mit einer meisen Aussicht:
Versammeln sich die Verlierer der Stadtteilumgestaltungen in
zehn Jahren an den Stadträndern?
in: Süddeutsche Zeitung v.
30.07.
BISKY, Jens (2010): Sehnsucht nach Häuserkampf.
Künstler drohen mit Hungerstreik, der
Bürgermeister verhält sich wie ein Tourist: Wie viel
Stadterneuerung braucht, wie viel verträgt Berlin?
in: Süddeutsche Zeitung v.
04.08.
Das Berliner Stadtmagazin zitty
fragt gerade Wem gehört die Stadt?
Martin SCHWARZBECK spricht sogar von "neuer APO".
Jens BISKY
entdeckt nun "anmaßenden Ingrimm" bei den Berliner
Gentrifizierungskritikern. Was
BISKY jedoch als typisch für Gentrifizierungsprozesse
beschreibt, ist nichts anderes als
Gentrifizierungs-Folklore,
die 1987 (also im deutschen Jahr des Yuppies) Stadtsoziologen
um den Alt68er Hartmut HÄUßERMANN in die Welt gesetzt haben
und die der empirischen Stadtforschung,
die in
Deutschland erst danach einsetzte,
nicht standhielt. Von
Gentrifizierung wird im übrigen nur dort gesprochen, wo Eliten
mit unterschiedlichen Interessen aufeinander treffen, wie man
anhand des
SZ-Artikels
von Jan FÜCHTJOHANN sehen
kann.
Rüdiger SUCHSLAND befasst sich mit einem
älteren SZ-Artikel von Jan FÜCHTJOHANN
zur Gentrifizierungskritik. Sein Gewährsmann ist der
Stadtsoziologe Andrej HOLM, der einen Tag später den SZ-Artikel
in seinem Gentrificationsblog kritisiert hat.
SUCHSLAND verteidigt die "Indiepop-Fraktion" und beklagt den
Ausverkauf von Hamburg.
Den
aktuellen SZ-Artikel von
Jens BISKY, der ins gleiche
Horn wie FÜCHTJOHANN bläst, hat SUCHSLAND jedoch nicht
berücksichtigt - genauso wenig wie Andrej HOLM, der auch
im
aktuellen Freitag über die Kritik an den
Gentrifizierungskritikern (zitiert wird u.a.
Harald JÄHNERs markiger Leitartikel vom 15.06.2010)
geschrieben hat:
Rette die Stadt.
Bei den Protesten gehe es nicht um einen "Kampf der
Lebensstile", sondern um "wirtschaftliche
Verwertungszusammenhänge" meint HOLM. Der Soziologe Sighard
NECKEL schrieb schon 1990 mit Blick auf die damalige "Yuppisierung"
in Berlin von einer
"Politik der Lebensstile".
Die Konfliktlinie verläuft heute wie damals zwischen zwei
Fraktionen der "neuen Mittelschicht".
HOLM, Andrej (2010): Rette die Stadt.
Ob in den Städten die Logik des Geldes
herrscht, sollten nicht nur Anwälte und Künstler unter sich ausmachen.
Denn die Debatte darf nicht kulturalisiert werden
in: Freitag v.
06.08.
RÜTTIMANN, Vera
(2010): Aufstand der Habenichtse.
Berlin: Die urbane Landschaft mit ihrer vielfältigen
Subkultur im Osten der Stadt ist bedroht: Investoren und
zahlungskräftige Mieter mischen die Kieze um den Prenzlauer Berg
und in Kreuzberg auf. Diese Gentrifizierung nehmen viele
Bewohner nicht kampflos hin,
in: Rheinischer Merkur Nr.37 v. 16.09.
KAUL, Martin (2010): Die Kompromisskommunarden.
Freiräume: Sie sind das stärkste Symbol
gegen Gentrifizierung und steigende Mieten - und wenn es ernst
wird, schließen sie Verträge. Die Hausbesetzer sind abgekämpft.
Jetzt suchen sie nach neuen Strategien,
in: TAZ v. 18.09.
GROSCHUPF, Johannes (2010): Salam Aleikum heißt Juten Tach.
Lebensadern (25): In der Neuköllner
Sonnenallee begegnen sich prekäre Milieus,
in:
Tagesspiegel v. 22.03.
BALZER, Jens (2010): Bei uns wird eben nur Labskaus gekocht.
Schorsch Kamerun und die Betreiber des
Pudel Club über Hamburg, Kulturpolitik und Gentrifizierung,
in: Berliner Zeitung v. 05.10.
JURT, Pascal (2010): "Es geht um ein urbanes Rauschen".
Sind Künstler Agenten der
Gentrifizierung? Ein Gespräch mit dem Soziologen Klaus
Ronneberger über die Theorie der creative class und die Proteste
im Hamburger Gängeviertel,
in: Jungle World Nr.41 v. 14.10.
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Gentrifizierungsdingsbums oder Eine Stadt für alle
"»Eine unübersichtliche Multitude, die
neue Strategien erprobt und neue politische
Spielräume jenseits von kulissenhafter
Anwohnerbeteiligung und linksradikalem Puritanismus
eröffnet: Bewegungen für das Recht auf Stadt müssen
Tools erfinden, um Schneisen in die
unternehmerische Stadt zu schlagen. Auch dieses Buch
will ein solches Werkzeug sein.« Christoph Twickel |
BRÜNS, Elke
(2010): Tief im Herzen ist jeder ein Integrationsverweigerer.
Unterwegs im Symboluniversum Berlin-Neukölln. Eine
Standortbestimmung für Integrationsverwirrte am Büchertisch bei
Karstadt am Hermannplatz, wo die Bücher ebenso schwarz gehalten
sind wie ihre Geschichten,
in: Frankfurter Rundschau v. 14.10.
GROß, Thomas & Tobias TIMM (2010): Die
neue K-Klasse.
Kreativhotels,
Kreativkieze und Kreativbeauftragte: Berlin sieht sich als Labor
einer zukünftigen, wissensbasierten Ökonomie. Aber was tun diese
Kulturarbeiter eigentlich den ganzen Tag? Eine Recherche in der
"Hauptstadt der Innovation",
in: Die ZEIT
Nr.45 v. 04.11.
KREUZMAIR, Elias (2010): Avantgarde und Ausverkauf.
Gentrification: Der südöstlich des
Münchner Zentrums gelegene Stadtteil Giesing ist zum Zankapfel
der Debatte über die Stadterneuerung geworden,
in: TAZ v. 15.11.
"In Giesing wiederholt
sich, was Hamburg mit dem Schanzenviertel bereits erlebt hat
und Berlin mit Prenzlauer Berg. Auch in München ist das
Phänomen der Gentrifizierung aber kein neues. In den Achtziger
Jahren war es Haidhausen, in den Neunzigern war es das
Glockenbachviertel, das vom In-Viertel zum Ort für
Szenetouristen wurde. Die citynahen Stadtteile Schwabing und
Maxvorstadt erfahren schon seit den sechziger Jahren immer
wieder Wellen der »Aufwertung«, auch im Moment hängen
vielerorts Banner von Immobilienfirmen, die Luxusapartments in
bester Lage versprechen, sobald das Gerüst hinter dem Banner
abgebaut ist. Jetzt also Giesing", meint KREUZMAIR.
Christoph RAISER berichtet über eine
spießige Neuköllner Gentrifizierungsdebatte, während
die trendige Zeitschrift Monocle im Novemberheft das
gentrifizierte Neukölln als Attraktion für die globale
kreative Klasse anpreist und "local colour, generous space and
cultural diversity" verspricht.
TOLLMANN, Vera
(2010): Gentrifizierung.
Brache und
Protest,
in: De:Bug Nr.148, Dezember
SCHRENK, Jakob
(2010): Nackte Not.
Um gegen
hohe Mieten zu demonstrieren, strippen Berliner
Gentrifizierungsgegner bei Wohnungsbesichtungen. Sie enthüllen
so auch ihre Hilflosigkeit,
in: Neon, Dezember
zitty
Berlin-Titelgeschichte:
Wie viele Kreative verträgt Berlin?
Von Weltmarktführern, Urbanen
Pennern und dem neuen Kreativ-Prekariat |
DENK, Felix (2010):
Wie viele Kreative verträgt die Stadt?
Es sind
über 180.000, sie erwirtschaften 15 Prozent des
Bruttoinlandprodukts von Berlin. Wo sie sind, steigen die
Mieten. Was sie tun, gilt als Öl der postindustriellen
Gesellschaft. Aber was haben eigentlich die Kreativen von ihrem
Image als Wachstumsmotor?
in: zitty Berlin Nr.26 v. 16.12.
GREIF, Mark (2011): Was war der Hipster.
Warum
gerade die Ära einer Subkultur zu Ende geht, deren Vertreter
noch immer unter uns sind,
in: Süddeutsche Zeitung v. 07.01.2011
Die SZ druckt die
Übersetzung eines
Artikels von Mark GREIF aus dem New York Magazine
ab.
MAHMOODI, Oranus (2011): "Mein Gewissen ist rein vor mir
selber".
Subkultur,
Hochkultur: Rocko Schamoni hat einen neuen Roman geschrieben:
"Tag der geschlossenen Tür". Ein Gespräch mit dem Hamburger
Kultur-Allrounder über fehlende Filter, Gentrifizierung und das
Risiko des Ruhms,
in: TAZ v. 07.01.2011
JELLEN, Reinhard (2011): Lifestylepark für die
Bionaden-Bourgeoisie.
Interview mit Christoph
Twickel über Gentrifizierung,
in:
Telepolis v. 30.01.
LINTZEL, Aram (2011): Vom Hipster lernen, auch wenn er nervt.
Über den Sinn und Zweck
ästhetischer Kleinstunterscheidungen,
in:
TAZ v. 08.02.
KNÖDLER, Gernot (2011): In der Stadt wird es eng.
Gentrifizierung: Hamburg hat
70.000 Einwohner mehr als vor zehn Jahren. Die Stadt muss bauen,
stößt aber auf Widerstand - vom Szeneviertel Ottensen bis zum
dörflichen Rand,
in:
TAZ v. 18.02.
zitty-Titelgeschichte:
Die Familie in Prenzlauer Berg
Anatomie eines Feindbildes |
BRAKEBUSCH, Lydia & Franziska KLÜN (2011): Anatomie eines
Feindbildes.
Die
Familie in Prenzlauer Berg - Klischee und Wirklichkeit,
in:
zitty Nr.5 v. 24.02.
JANOVSKY, Silke (2011): Gründerzeit.
Neukölln
stand lange für Armut und Gewalt. Doch der Reuterkiez im Norden
des Berliner Bezirks hat sich zu einem Ausgehviertel gewandelt,
in dem viel Hoffnung steckt. Auch Orhan Demirel, ein 47-jähriger
Türke, versucht sich dort als Barbesitzer - und hat andere
Probleme als seine deutschen Kollegen,
in: Berliner Zeitung v. 01.03.
BEHRISCH, Sven (2011):
Gentrifizierung, umgekehrt.
Warum Münchner
Hartz-IV-Empfänger im Luxusviertel wohnen dürfen,
in: Die ZEIT Nr.10 v. 03.03.
LITSCHKO, Konrad (2011): "Wieder Bodenhaftung erlangen".
Bilanz II:
Mit dem Thema der Gentrifizierung erlebt der 1. Mai einen
Versuch der Repolitisierung, sagt Protestforscher Dieter Rucht.
Eine größere Bewegung werde daraus vorläufig aber nicht
entstehen,
in: TAZ Berlin v. 03.05.
RÖSINGER, Christiane u.a. (2011): Berlin Kills Me.
Steigende Mieten,
Gentrifizierung als Dauerthema, nervige Touristen: Geht es zu
Ende mit Berlin als Spielwiese? Müssen wir demnächst alle nach
Marzahn oder Reinickendorf ziehen, während die Besserverdiener
am Kotti residieren? Wird Berlin zum neuen München? In unserem
Berlin-Special schreiben Autoren über die Auswirkungen der
Transformation der Hauptstadt. Ist man genervt von
Party-Spaniern, Komasauf-Briten und Spießer-Schwaben? Hat man
das Gefühl, sich die Stadt langsam nicht mehr leisten zu können?
Oder ist das Gerede vom Verlust des guten alten Schmuddelberlins
blanker Unsinn?,
in: Jungle World Nr.26 v. 30.06.
MANGOLD, Ijoma (2011): Reich, aber sexy.
Die Hauptstadt wird bürgerlich.
Und ihr Bürgermeister Wowereit lächelt dazu. Ein Doppelporträt
vor der Wahl,
in: Die ZEIT Nr.38 v. 15.09.
Ijoma MANGOLD
porträtiert u. a. den Soziologen Heinz BUDE, der
mit der Generation Berlin das herrschende Bild des
neuen Bürgertums und ihrer Interessen entworfen hat und
seitdem die
Vergangenheit im Lichte der gewünschten Zukunft
reinterpretiert:
"Zwischen den
herrlichen Bäumen stehen elegante neue Architektenhäuser.
Dahinter ruht der See. Vorhänge kennt man hier nicht, und so
sieht man durch die Fensterfronten die hohen Bücherregale.
Eine Mustersiedlung der Gentrifizierung. Noch stehen überall
die Kräne, aber es besteht kein Zweifel, dass
Schönheitssinn, Selbstpflege und überhaupt die ästhetische
Erziehung des Menschen künftig eine herausgehobene Rolle
spielen werden. Wer hier baut, vertraut darauf, dass sich
die Nachbarschaft insgesamt nach dem eigenen Bild wandelt.
Hier wohnt Heinz Bude.
Als Soziologe beobachtet er die Veränderungen der
Gesellschaft. Aber anders als bei vielen seiner Kollegen hat
man immer den Eindruck, einen Feldforscher vor sich zu
haben, der die Gesellschaftsdiagnosen, die er anstellt, gern
selbst verkörpert. Drei Jahrzehnte lang lebte Heinz Bude in
Kreuzberg. Jetzt ist er mit seiner Frau und seiner Tochter
nach Weißensee gezogen. »Kreuzberg«, sagt Heinz Bude, »ist
für uns furchtbar geworden, weil es da zu viele gibt, die
nicht wirklich etwas zu tun haben, die im Café sitzen und
Bilder von sich selbst entwerfen.« Berlin sei jetzt im
Umbruch von der experimentellen zur residenziellen Stadt.
Jetzt würden die Claims abgesteckt".
HASEL,
Friederike
(2011): Das Wohngetüm.
Berliner
Häuser (12): Im Block Falkstraße 24 im Rollbergkiez lebt
endlich eine WG. 30 Jahre nach dem Bau wird das Neuköllner
Viertel nun so, wie sein Architekt es plante,
in: Tagesspiegel v. 18.09.
zitty-Titelgeschichte:
Gentrifizierung.
Mythos & Wahrheit und wie sich Mieter schützen können |
TILLMANN, Stefan & Michael SELIGER (2011): Gentrifizierung.
Die
Stadt verändert sich, die einen freuen sich über die
Aufwertung der Kieze, die anderen fürchten, verdrängt zu
werden. Was ist Mythos, was stimmt? Und wie können sich Mieter
schützen? Eine Annäherung an ein Feindbild,
in:
zitty Nr.21 v. 06.10.
KURIANOWICZ, Tomasz (2011): Vom Problembezirk zur A-Lage.
Extravagante Kneipen und multikulturelles Flair: Junge Kreative
machen aus dem Berliner Problembezirk Neukölln einen Trend-Kiez
- der entfernt an das New York der Achtziger erinnert,
in: Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 20.10.
BERNARD, Andreas (2011): Schaum vorm Mund.
Vor genau
15 Jahren kam ein harmloses italienisches Getränk nach
Deutschland. Warum haben sich alle so darauf eingeschossen?
in:
SZ-Magazin Nr.44 v.
04.11.
Andreas BERNARD skizziert nicht nur die 15jährige
Erfolgsgeschichte des Latte Macchiato, sondern auch dessen
Stigmatisierung durch die Gesellschafts- und Kulturkritik:
"Heute gilt der Latte
macchiato unter anderem als Metapher für die Gentrifizierung
von Stadtteilen, für den Lebensstil freiberuflicher
Akademiker, für die Struktur moderner Familien und für einen
grundsätzlichen Hang zu Phlegma und Substanzlosigkeit."
Zwischen Judith HERMANNs
Erzählband
Sommerhaus, später und Florian ILLIES'
Generation Golf 2 verortet BERNARD den Siegeszug des
Kaffeegetränks, der parallel zur Etablierung von
Kaffeehausketten in deutschen Innenstädten und der Entstehung
der digitalen Bohème als Inbegriff eines neuen Arbeits- und
Freizeitstils stattfindet. Was bei BERNARD fehlt: die
Geschichte der Family-Gentrifier in
Berlin Prenzlauer Berg und in anderen Szenevierteln, die
zur Entstehung des Begriffs "Latte macchiato-Mütter" führt.
TIP
BERLIN-Titelgeschichte:
Revolution der Nerds
Eine neue Gründergeneration erobert die Stadt: Wird Berlin das
nächste Silicon Valley? |
MÖSKEN, Anne Lena
(2011): Die digitale Metropole.
In
Berlin ist eine neue Gründerzeit angebrochen. In den Büros und
Co-Working-Spaces herrscht Aufbruchstimmung, nahezu täglich
entstehen neue Firmen, deren Geschäftsmodelle die
Aufmerksamkeit internationaler Investoren auf sich ziehen, und
schon rechnen euphorische Beobachter fest damit, dass das
nächste Facebook aus der Hauptstadt kommt. Wird Berlin das neue
Silicon Valley, oder wächst hier die nächste Internet-Blase
heran? Anne Lena Mösken hat sich in der Gründerszene umgesehen
und dabei einen neuen Unternehmertypus kennengelernt,
in:
Tip Berlin Nr.24 v. 10.11.
STAUDINGER, Melanie (2011): Rein ins pralle Leben.
Single-Hochburg München: In München wohnen immer mehr Singles.
Viele davon leisten sich teure Zwei-Zimmer-Wohnungen im Zentrum.
Das treibt die Mietpreise weiter nach oben,
in: Süddeutsche Zeitung v. 07.12.
"Der Anteil der
Singles in München hat kontinuierlich zugenommen. Lag die
Zahl der Ein-Personen-Haushalte im Jahr 1961 noch bei 34,3
Prozent, so schwankt sie heute zwischen 50 und 54 Prozent.
Daraus lässt sich natürlich nicht die wirkliche Zahl der
Singles ablesen. Enthalten sind etwa Menschen, die eine
Beziehung haben, dennoch aber alleine wohnen,
Alleinstehende, die in Wohngemeinschaften leben,
hingegen nicht",
behauptet STAUDINGER.
Bei Paaren ohne gemeinsamen Haushalt hat STAUDINGER Recht,
nicht jedoch bei Wohngemeinschaften, die ebenfalls die
Single-Haushaltszahlen erhöhen,
denn die
wenigsten WG begreifen sich als Wirtschaftsgemeinschaft.
Auch der Klassiker aller
Single-Lügen wird von STAUDINGER verbreitet:
"Laut Regionalem
Planungsverband hat jeder Münchner im Schnitt 39
Quadratmeter Wohnfläche zur Verfügung, mehr als die Hälfte
der Menschen hier leben in Ein-Personen-Haushalten."
Auch wenn
die Hälfte der Haushalte Single-Haushalte sind, heißt das
nicht, dass mehr als die Hälfte der Menschen im
Single-Haushalt lebt.
"Der klassische Single
hat ausreichend Geld zur Verfügung und verbraucht
überproportional viel Wohnraum",
wird ein Makler zitiert.
Der klassische Single, wer soll das sein? Historisch gesehen
ist der Single-Klassiker ein männlicher Junggeselle bzw. eine
Witwe. Und nicht der
Yuppie, der hier wieder einmal den Familien
gegenübergestellt wird.
Tatsächlich sind es jedoch die Family-Gentrifier
(Doppel-Karriere-Familien), die in München die Preise
hochtreiben.
Überproportional hohen Wohnraum verbrauchen Witwen, die sich
weiterhin die eheliche Familienwohnung leisten können.
Politisch korrekt liest sich das folgendermaßen:
"Aber auch bei Hagen
melden sich Singles. Seniorinnen zum Beispiel, die wegen
ihrer Kinder früher längere Zeit nicht gearbeitet und damit
nur wenig in die Rentenkasse einbezahlt haben. Nach dem Tod
ihrer Männer hätten diese Frauen nur sehr geringe Einnahmen,
sagt Hagen. »Solche Fälle haben wir immer wieder, dass
Seniorinnen sich die eheliche Wohnung nicht mehr
leisten können.«"
Mehr Merkwürdigkeiten
aus der Welt der Single-Haushalte gibt es
hier,
hier und
hier.
BAUER, Patrick (2012):
Die Hipster, die ich rief.
In
Berlin-Neukölln zeigt sich: Auf die Gentrifizierung schimpfen immer
die am lautesten, die damit begonnen haben,
in:
Süddeutsche Zeitung v. 13.01.
Patrick BAUER beschreibt am Beispiel der Kreuzköllner Pioniere
Antje BORCHARDT und Matthias MERKLE, die seit 5 Jahren das
Lokal
"Freies Neukölln" betreiben, den Kreuzköllner
Gentrifizierungsprozess:
"Die einst tiefgraue
Weserstraße, in der das »Freie Neukölln« vor fünf Jahren die
erste angesagte Lokalität war, ist die nächste beste
Feiermeile Berlins. Das Stadtmagazin tip fühlte sich
schon genötigt den Wandel Neuköllns mit den Achtziger Jahren
in New Yorks Lower Eastside zu vergleichen und sogar die
New York Times schwärmt von einer »kreativen Welle«.
Vor allem rund um das »Freie Neukölln«, im Norden des Bezirks,
wegen der Nähe zum etablierten Kreuzberg »Kreuzkölln« genannt,
reihen sich nun Bars, Galerien, Boutiquen und Bioläden
aneinander."
Was in den
1980er Jahren in Kreuzberg der Gegensatz von Punks (oder
Alternative im Sinne von
Hartmut HÄUßERMANN & Walter SIEBEL) und
Yuppies (gemäß BAUER eine Gruppe, die angeblich ausgestorben
ist) war, das hat sich nun ausdifferenziert zu einem Kampf
der Lebensstile, in dem Eltern und "kinderlose" Lebensstile
(z.B. Hipster) die Hauptrolle spielen:
"Eltern mit teuren
Kinderwägen und die »Hipster«, Menschen mit hoher Affinität zu
sämtlichen Spielarten der Popkultur, großen Brillen, engen
Hosen und Second-Hand-Parkas. Diese Bevölkerungsgruppen prägen
immer dann das Straßenbild, wenn die Aufwertung eines urbanen
Gebietes abgeschlossen ist - und sie führen vermutlich den vor
ihnen Zugereisten vor Augen, dass sie ersetzbar sind (Hipster)
oder dass ihr Lebensstil endlich ist (Eltern)."
So ganz schlüssig ist
BAUERs "Gentrifizierungstheorie" jedoch nicht, denn die
ebenfalls im Artikel als Problemgruppen beschriebenen
"spanischen Horden" und
"Easyjet-Touristen" verkörpern keine
Akteure des Gentrifizierungsprozesses wie im Viertel lebende
Eltern oder Hipster, sondern sind Ausdruck eines Kampfes um
die Kiezökonomie.
BORCHARDT & MERKEL werden
zudem von BAUER zum typischen Pionierschicksal stilisiert:
"Antje Borchardt und
Matthias Merkle konnten sich ihre Fabriketage in der nahe
gelegenen Sonnenallee nicht mehr leisten, obwohl das »Freie
Neukölln« gut läuft, die Miete sollte um die Hälfte steigen,
jetzt lebt das Paar am Potsdamer Platz."
Pioniere, die im Laufe
eines Gentrifizierungsprozesses verdrängt werden, sind jedoch
nur ein Pioniertypus, neben jenen, die die Seite wechseln
(z.B. in den 1980er und 1990er Jahren Hausbesetzer, die zu
Hausbesitzern wurden).
Der echte Hipster als
Pioniertypus verschwindet aus einem Viertel, sobald ein
Szeneviertel wie im Falle von Kreuzkölln zur
Touristenattraktion geworden ist. Das ist keine Verdrängung,
sondern seinem Status als Trendsetter geschuldet. Hipster, wie
sie in den gegenwärtigen Gentrifizierungs-Storys
charakterisiert werden, sind keine richtigen Hipster, sondern
Projektionsfiguren, die Ausdruck von dahinterstehenden Interessenkonflikten
sind.
DÜCKERS, Tanja (2012):
"Blöde Zugezogene".
Berlins neue
alternativ-reaktionäre Hasskultur: Kinder und Fremde stören.
Ein Kommentar
in:
Süddeutsche Zeitung v. 16.01.
Tanja DÜCKERS beklagt sich über die linksreaktionäre
Hasskultur in Berlin, die sie in einem Kultbuch
("Schinderhasennachmittag"), gentrifizierten Vierteln wie
Prenzlauer Berg oder
Szenevierteln wie Nord-Neukölln entdeckt
hat:
"Tatsächliche Probleme wie
die schnell steigenden Mieten und die Aushebelung des Berliner
Bebauungsplans von 1862, der die soziale Durchmischung Berlins
vorsah, werden von den Empörten leider fast nie aufgegriffen.
Einfacher ist es, griffige Feindbilder zu produzieren, als
Strukturen zu hinterfragen, die zu sozialen
Verdrängungsprozessen führen."
2010 legte DÜCKERS ihre nicht ganz uneigennützige Sicht der
Gentrifizierungsproblematik dar:
"Künstler und Kreative als Gentrifizierungsvorboten zu den Verlierern des rasanten
Wandels, werden in der Öffentlichkeit jedoch vor allem als
Gewinner wahrgenommen. Diese Umdeutung zeigt vor allem, wie es
dem liberalen Zeitgeist gelungen ist, einen Hype zu kreieren,
den mittlerweile sogar die Linksautonomen bereit sind zu
glauben."
Diese Sichtweise ist auch
eher einseitig, denn wie die Soziologin Cornelia KOPPETSCH in
ihrem Aufsatz
Symbolanalytiker
- ein neuer Expertentypus? Einige Thesen zum Wandel
akademischer Berufsfelder darlegt, gehören
Künstler/Kreative keineswegs nur zu den Verlierern, sondern
sie verdrängen ihrerseits die klassischen Experten. In dem
Buch Wohlstandskonflikte hat Berthold VOGEL aufgezeigt,
dass
durch den Umbau der Gesellschaft neben die Verlierer
(öffentlicher Sektor) die Gewinner der Deregulierung getreten
sind. Bei KOPPETSCH steht der Interessenkampf zwischen
klassischen Experten und den Symbolanalytikern aus
Finanzdienstleistung, Kulturproduktion, Coaches usw.
("Vertreter des kulturellen Kapitalismus") im Mittelpunkt.
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