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Kommentierte Bibliografie

 
       
   

Gentrifizierung: Von Yuppies, Yetties, Bobos, digitaler Bohème, Nerds, Hipstern und Latte macchiato-Müttern 

 
       
   

Eine Bibliografie der neueren Gentrifizierungsdebatte (Teil 2)

 
       
     
       
   
     
 

Einführung

Bereits im Jahr 2002 wurde auf dieser Website die deutsche wissenschaftliche Gentrificationsforschung unter dem Aspekt der Kontroverse Familien contra Singles dargestellt. Am Beispiel der Großstädte Frankfurt und Berlin wurden spezielle Aspekte des Gentrifizierungsprozesses behandelt: zum einen die neue Akteursgruppe der Karrierefamilien der Generation Ally/Golf ("Family-Gentrifier") sowie der Kampf der Lebensstile im Berliner Stadtteil Kreuzberg in den 1980er Jahren (Yuppisierung).

Nach der Jahrtausendwende kamen im Zeichen der New Economy die Yetties (kurzzeitig auch die Bobos) als Akteure im Gentrifizierungsprozess in den Blick. Was vor dem Platzen der Start-up-Blase die Yetties waren, das wird nun digitale Bohème genannt. Mit Richard FLORIDA wird der Attraktivität der Stadtkultur eine zentrale Rolle in der Standortkonkurrenz um die kreative Klasse zugeschrieben.

In den 1980er Jahren wurde die neue Lebensphase der Postadoleszenz entdeckt und Studentenviertel entwickelten sich zu Szenevierteln, der Heimat des Hipsters. In der gegenwärtigen Gentrifizierungsdebatte geht es um den Wandel von attraktiven Stadtvierteln. Wem gehört die Stadt? Diese Bibliografie befasst sich mit den diversen Akteuren/Projektionsfiguren, Interessenkonflikten und Theorien des Gentrifizierungsprozesses.        

Kommentierte Bibliografie (Teil 2: 2009 - heute)

HEYMANN, Nana (2009): Die Stimmung zieht sich zu.
Nach der Wende wollten alle nach Prenzlauer Berg ziehen. Doch jetzt brechen unter den Bewohnern zunehmend Konflikte auf. Streit gibt es zwischen Alteingesessenen und Zugezogenen, Singles und Familien, Schwaben und Preußen, Reichen und Linken,
in:
Tagesspiegel v. 22.03.

Nichts Neues über den Prenzlauer Berg erfährt man von Nana HEYMANN. Vorgeführt werden die üblichen Verdächtigen (siehe hier, hier und hier). Wenn es schon nichts Neues über die Prenzlauer Berg-Mütter zu berichten gibt, dann wird Stadtsoziologen Uneinigkeit in Sachen Gentrification untergeschoben. Was hat aber ein "sicheres Einkommen" (HOLM) mit Reichtum (HÄUßERMANN) zu tun?

Eine Neuerung im Plot gibt es doch: Kinderlose sind nicht mehr Karrierefrauen, sondern Männer. Das Klischee vom Kinderlosen erhält dadurch eine Wendung: Von der Mütterhasserin zum potenziellen Vater, der neuerdings durch die Presse geistert.

PEZZEI, Kristina (2009): "Die Bürger sind ein wichtiges Korrektiv".
Wenn es um Gegenwart und Zukunft der Stadt geht, kommt an ihm keiner vorbei: Hartmut Häußermann ist der wohl bekannteste Anmahner sozialer Mischung in Städten. Er hat stets für ein multikulturelles Miteinander plädiert und kritisiert, dass Berlin keine soziale Stadterneuerung mehr finanziert. Was passiert, wenn angestammte Bewohner verdrängt werden, sieht der Stadtsoziologe vor der eigenen Haustür: Häußermann wohnt am Kollwitzplatz,
in: TAZ v. 06.04.

Jungle World-Thema: Gnade!
Militanz und Gentrifizierung

BOZIC, Ivo (2009): Reclaim your Brain!
Die vermeintlich neue linke Militanz gegen Yuppies und ihre Autos ist weder neu, noch zeugt sie von einer neuen Stärke der radikalen Linken. Sie zeugt vielmehr von ihrer Schwäche,
in: Jungle World Nr.27 v. 02.07.

MÜLLER-LOBECK, Christiane (2009): Im Dienste der Creative City.
Gängeviertel: Hamburg streitet heftig über Gentrifizierung,
in: TAZ v. 04.11.

FEDDERSEN, Jan (2009): Gentrification - na prima!
Parallelgesellschaft: Im Gängeviertel, in Neukölln und anderen rottenden Vierteln herrscht die Dauersanierung,
in: TAZ v. 11.11.

TJABEN, Christian (2009): Wir wollen kein Standortvorteil sein.
Im Hamburger Gängeviertel erhebt sich die "Kreative Klasse" gegen Stadtmarketing, Senatswillkür und Gentrifizierung,
in: Berliner Zeitung v. 25.11.

BOEING, Nils (2009): Recht auf Stadt.
Gentrifizierung: In Hamburg wird Stadtentwicklung rein neoliberal gedacht. Dagegen geht dort heute ein breites Bündnis mit einer Parade auf die Straße,
in: TAZ v. 18.12.

RICHTER, Peter (2009): Künstler retten Stadt.
Hamburg kauft sein altes Gängeviertel zurück,
in: Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 18.12.

STERNBERGH, Adam (2009): What's Wrong With Gentrification?
The displacement myth,
in: New York Magazine v. 21.12.

TWICKEL, Christoph (2010): Stachel im Fleisch der Aufwertung.
Jahresrückblick 2009: Gentrifizierung,
in: Spex Nr.324, Januar/Februar

CPA (2010): München: Treiben Singles die Mieten in die Höhe?
Ist das wahr? Laut einer neuen Studie sollen Singles die Mieten in München in schwindelerregende Höhen treiben. Die reagieren in Foren mit Wut und Unverständnis,
in: Augsburger Allgemeine Online v. 31.03.

TIP BERLIN-Titelgeschichte: Nord Neukölln.
Berlins Lower Eastside

SLASKI, Jacek (2010): Spielplatz der Avantgarde.
Alle paar Tage eröffnet eine Bar, ein Atelier oder ein Kunstraum, wo bisher nur Matratzendiscounter, türkische Bäcker und Handy-Shops residierten. Im nördlichen Teil von Neukölln entsteht aufregende und mutige Kultur jenseits von Cocktail-Lounge und White-Cube-Gallery. Der Enthusiasmus, mit dem die Künstler und Musiker zwischen Wildenbruch-, Weser- und Boddinstraße zu Werke gehen, aber auch die Voraussetzungen, unter denen diese Entwicklung vonstatten geht, rufen ein berühmtes historisches Vorbild in Erinnerung. Was heute in Nord-Neukölln passier, gab es ähnlich schon einmal: vor 30 Jahren in der New Yorker Lower East Side,
in:
Tip Berlin Nr.6 v. 03.04.

RADA, Uwe (2010): Wir sind die Stadt.
Urbanität: Negative Schlagworte wie Gentrifizierung prägen derzeit die Debatte. Um die Zukunft unserer Städte zu gestalten, braucht es positive Leitbilder,
in: TAZ v. 15.03.

BRECKNER, Ingrid (2010): Gentrifizierung im 21. Jahrhundert,
in:
Aus Politik und Zeitgeschichte Nr.17 v. 26.04.

ENGELHARDT, Kay (2010): Wir bauen uns eine neue Stadt.
Pop & Gentrifizierung: Ein Panel auf der Leipziger Musikmesse PopUp untersuchte, ob Künstler heruntergewirtschaftete Immobilien aufwerten,
in: TAZ v. 11.05.

BÖKER, Carmen (2010): Macht's gut, Nachbarn.
Zu laut, zu erwachsen, zu nächtlich - ein Club nach dem anderen verlässt den Prenzlauer Berg. Der Umbau des früheren Szenebezirks zum Familienbiotop ist abgeschlossen. Nun erledigt sich hier auch das Musikleben,
in: Berliner Zeitung v. 28.06.

WACKWITZ, Stephan (2010): Die Geburt der modernen Frau.
Weiblich, ledig, jung: Vor fünfzig Jahren begannen die Dreharbeiten zu "Breakfast at Tiffany's". Danach war nichts mehr wie zuvor,
in: Welt am Sonntag v.
04.07.

Stephan WACKWITZ datiert die Geburt der "jungen Großstädterin" auf das Jahr 1961. Barbara EHRENREICH u. a. datieren die Geburt der Singlefrau ebenfalls auf die 1960er Jahre. In ihrem aufschlussreichen Buch Re-making Love beschreiben sie die Entstehung und Entwicklung des Single-Daseins in den USA von den 1950er bis zu den 1980er Jahren. WACKWITZ macht keinen Hehl daraus, dass die angebliche Entwicklung des Single-Daseins von einer Lebensphase zu einer Lebensform eine Fehlentwicklung ist:

"Es gehört zu den zahlreichen Eigentoren der Moderne, dass sie aus dieser Übergangsperiode einen Dauerzustand gemacht hat, quälend wie eine rauschende Party, die kein Ende findet, sondern bis in alle Unendlichkeit weitergeht. »Singlefrau und Märchenprinz« (So hat der Soziologe Jean-Clause Kaufmann das Personal dieser Tragikomödie bezeichnet) spielen die Handlung in der allgegenwärtigen Junggesellenwirtschaft des New Yorker East Village, des Münchner Glockenbachviertels, in Berlin-Mitte und in Krakau-Kazimierz nach. Und sie können nicht mehr aufhören damit."

Von einer Single-Gesellschaft mag heute kaum mehr jemand zu sprechen und selbst die von WACKWITZ genannten deutschen Szeneviertel befinden sich im Umbau zu neubürgerlichen Familienhochburgen.

DÜCKERS, Tanja (2010): Künstler als Sündenböcke.
Gentrifizierung: Heute gelten Künstler und Kreative oft nicht mehr als rebellische Avantgarde. Denn sie wollen selbst zum Establishment gehören,
in: ZEIT Online v. 07.07.

Tanja DÜCKERS beschäftigt sich mit der Rolle von Künstlern und Kreativen im Gentrifizierungsprozess. Im Mittelpunkt steht dabei der Imagewandel des Künstlers/Kreativen wie er in dem Ansatz von Richard FLORIDA zum Ausdruck kommt. Ausgangspunkt ist für DÜCKERS, dass ehemalige Verbündete der Gentrifizierungskritik zu Gegnern geworden sind:

"Dass kürzlich in Berlin einige Linksautonome eine Galerie attackierten, zeigt, wie sehr sich die Zuschreibungen mittlerweile geändert haben. Heute gelten Künstler und Kreative oft nicht mehr als rebellische Avantgarde, sondern als Vorboten der Gentrifizierung und als Repräsentanten eines neuen Besitzbürgertums. Der Konflikt demonstriert nicht nur das reaktionäre Kunstverständnis der Angreifer, die offenbar Künstler nur dann tolerieren können, wenn sie ihren Zwecken dienlich sind. Der Streit zeigt aber auch zugleich, wie sehr sich das Verhältnis zwischen Kunst und politischer Gesinnung verändert hat. Die coolen Künstler mit Designerbrille und Szenedress pflegen schon längst keine antibürgerliche Attitüde mehr, sondern wollen selbst zum Establishment gehören."

DÜCKERS sieht einen Widerspruch zwischen dem Künstler-/Kreativenimage und der Realität:

"Tatsächlich entspricht das monotone Bild des Künstlerunternehmers aber einem Klischee. Mit der Wirklichkeit der meisten Kreativen hat es nichts zu tun. So gehören gerade in den Städten wie Hamburg, Köln oder Berlin, die sich besonders gern mit ihrer Kreativwirtschaft schmücken, die meisten Künstler, gemessen an ihrem Jahres-Durchschnitts-Einkommen, zur sozialen Unterschicht. Oftmals gehören sie zu den Ersten, die sich die teuren Mieten in den angesagten Vierteln nicht mehr leisten können – auch wenn sie diese Entwicklung selbst mit ausgelöst haben."

Ihr Fazit:

"Künstler und Kreative als Gentrifizierungsvorboten zu den Verlierern des rasanten Wandels, werden in der Öffentlichkeit jedoch vor allem als Gewinner wahrgenommen. Diese Umdeutung zeigt vor allem, wie es dem liberalen Zeitgeist gelungen ist, einen Hype zu kreieren, den mittlerweile sogar die Linksautonomen bereit sind zu glauben."

Bei dieser Sicht stellt sich jedoch die Frage, ob der Begriff "Kreativwirtschaft" nicht viel zu diffus ist, um die Interessenkonflikte im Gentrifizierungsprozess zu beleuchten.

Und vielleicht sitzt DÜCKERS auch nur einem romantischeren Gestern auf, denn Künstlern/Kreativen wurden nicht erst seit Richard FLORIDA eine Rolle im Gentrifizierungsprozess zugeschrieben:

"Wenn Künstler als Instanz in erneuernden oder kritischen Urbanitätskonzepten eine Rolle spielen, werden allerhand Hoffnungen auf sie übertragen. Mindestens richtig im Falschen zu leben oder als Agenten von Gentrifizierung verfallene Viertel auf Sanierung vorzubereiten, als Avantgarde der besseren Leute, je nachdem, ob Makler oder Dissidenz-Theoretiker von ihnen reden",

schreibt Diedrich DIEDERICHSEN im Aufsatz Der grüne Frack aus dem Jahr 1994.

FÜCHTJOHANN, Jan (2010): Was ihr wollt.
Warum der Protest gegen die Gentrifizierung gerecht ist - aber auch reichlich borniert,
in: Süddeutsche Zeitung v.
12.07.

Jan FÜCHTJOHANN, Angehöriger der kreativen Klasse, streitet sich mit seinesgleichen um die richtige Gentrifizierung deutscher Metropolen. Den Machtkampf zweier akademischer Milieus um die bessere Stadt beschreibt FÜCHTJOHANN folgendermaßen:

"Dass sich ausgerechnet die Kreativen wehren, unterscheidet die Lage heute von der klassischen Gentrifizierung. Es geht um einen Clash der Einkommen und Kulturen, aber es geht schon lange nicht mehr um Arbeiter, die es heute kaum noch gibt, oder um Zuwanderer und Arme, deren Aufstand anders aussehen würde. Die Front verläuft weiter oben: Angeführt von gut vernetzten Künstlern und Aktivisten, verteidigen Freiberufler und Kreative 'ihr' Viertel gegen den Zuzug von Rechtsanwälten und Unternehmensberatern. Beide verfügen über Bildung, aber die einen haben mehr Zeit, die anderen mehr Geld."

Seine Gegner hat der Unternehmensberater FÜCHTJOHANN folgerichtig zum einen in den coolen "Mächten des deutschen Indie-Pop" ausgemacht, die sich im Manifest "Not in our name" gegen die Gentrifizierung des Hamburger Gängeviertels gewehrt haben und zum anderen in den radikalen Berliner Aktivisten. Welche konkrete Projekte FÜCHTJOHANN vertritt, das verrät er nicht, sondern er generiert sich allgemein als Advokat für eine bessere Stadt. Dazu vereinnahmt er zwei Gruppen, die bei der Zielgruppe SZ-Leser immer gut ankommen: 1. Arme und 2. Familien. "Wer grundsätzlich gegen Aufwertung ist, perpetuiert die Armut", ist deshalb so ein typisch nichtssagendes Argument des Fachmanns für strategische Kommunikation.

Sein kurzer Abriss der Geschichte der Gentrifizierung ist bezeichnend für die Art und Weise wie die Gentrifizierungs-Kontroverse Singles vs Familien in Szene gesetzt wird. Die zweite Phase der Gentrifizierung (warum zwei, das erschließt sich nicht) wird anhand des New Yorks der 1990er Jahre erklärt und Singlefrauen zu den Gewinnern der Entwicklung stilisiert:

"In den neunziger Jahren konnte Rudy Giuliani schließlich allein durch das Versprechen zum Bürgermeister von New York gewählt werden, die Stadt endlich 'aufzuräumen'. Mit James Q. Wilsons 'Broken Windows'-Theorie in der Tasche übte die New Yorker Polizei Zero Tolerance bereits gegenüber Kleinvergehen. Damit wurde ein Signal gesetzt: Die Vorstadt beginnt bereits hier. Das Ergebnis zeigt die Fernsehserie 'Sex and the City' - ein Manhattan voll berufstätiger, weißer Frauen, die shoppen, essen gehen und daten. Die Gefahr war gebannt."

Im Übrigen war das Sex and the City-Manhattan bereits in den 1960er Jahren Schauplatz von Sex and the City, das hieß damals jedoch altbacken Sex and the Single-Girl. Die so genannte "Broken Windows"-Theorie war nie typisch für das weiße Nachkriegs-Manhattan, weswegen das Beispiel zwar strategisch korrekt ist (Singles sind wie immer schuld!), aber nichts mit der New Yorker Realität zu tun hat. Die "Mächte des Indiepops" und die Berliner Aktivisten werden dann im zweiten Schritt zu den Gegnern der modernen Großstadtfamilie stilisiert, also der Family-Gentrifier à la Prenzlauer Berg in Berlin oder Glockenbachviertel in München.

"Ideologische Rückendeckung gewährt der amerikanische Ökonom Richard Florida. Ihm zufolge haben Städte ohne Schwule und Rockbands im internationalen ökonomischen Wettrüsten keine Chance. Das Geld will eben nur da zu Hause sein, wo auch die Kreativen wohnen. Darum veranstalten immer mehr Rathäuser Schwulen-Paraden, Fanmeilen und Kunst-Festivals. Nur die Kreativen selbst sind sich für so etwas leider zu schade. Sie verachten die weniger coolen Nachzügler, die Radikalen verachten die neuen 'Bonzen', und gemeinsam verachten sie die neuen Mamas mit ihren teuren Kinderwägen."

Der Artikel ist ein Paradebeispiel für die so genannte "Symbolische Gentrifizierung" wie sie z. B. von Barbara LANG am Berliner Fall "Mythos Kreuzberg" beschrieben wurde.

SCHWARZBECK, Martin (2010): Berlins Linke.
Die neue APO,
in:
zitty v. 29.07.

FISCHER, Jonathan (2010): Mir gärtnerplatzt der Kragen!
Nochmal ein Tauchgang in Sachen Gentrifizierung - verbunden mit einer meisen Aussicht: Versammeln sich die Verlierer der Stadtteilumgestaltungen in zehn Jahren an den Stadträndern?
in: Süddeutsche Zeitung v.
30.07.

BISKY, Jens (2010): Sehnsucht nach Häuserkampf.
Künstler drohen mit Hungerstreik, der Bürgermeister verhält sich wie ein Tourist: Wie viel Stadterneuerung braucht, wie viel verträgt Berlin?
in: Süddeutsche Zeitung v.
04.08.

Das Berliner Stadtmagazin zitty fragt gerade Wem gehört die Stadt? Martin SCHWARZBECK spricht sogar von "neuer APO". Jens BISKY entdeckt nun "anmaßenden Ingrimm" bei den Berliner Gentrifizierungskritikern. Was BISKY jedoch als typisch für Gentrifizierungsprozesse beschreibt, ist nichts anderes als Gentrifizierungs-Folklore, die 1987 (also im deutschen Jahr des Yuppies) Stadtsoziologen um den Alt68er Hartmut HÄUßERMANN in die Welt gesetzt haben und die der empirischen Stadtforschung, die in Deutschland erst danach einsetzte, nicht standhielt. Von Gentrifizierung wird im übrigen nur dort gesprochen, wo Eliten mit unterschiedlichen Interessen aufeinander treffen, wie man anhand des SZ-Artikels von Jan FÜCHTJOHANN sehen kann.  

SUCHSLAND, Rüdiger (2010): No Sex in the City.
Schöner wohnen: Wie uncool ist die Kritik an der Gentrifizierung?
in: Telepolis v.
06.08.

Rüdiger SUCHSLAND befasst sich mit einem älteren SZ-Artikel von Jan FÜCHTJOHANN zur Gentrifizierungskritik. Sein Gewährsmann ist der Stadtsoziologe Andrej HOLM, der einen Tag später den SZ-Artikel in seinem Gentrificationsblog kritisiert hat. SUCHSLAND verteidigt die "Indiepop-Fraktion" und beklagt den Ausverkauf von Hamburg.

Den aktuellen SZ-Artikel von Jens BISKY, der ins gleiche Horn wie FÜCHTJOHANN bläst, hat SUCHSLAND jedoch nicht berücksichtigt - genauso wenig wie Andrej HOLM, der auch im aktuellen Freitag über die Kritik an den Gentrifizierungskritikern (zitiert wird u.a. Harald JÄHNERs markiger Leitartikel vom 15.06.2010) geschrieben hat: Rette die Stadt. Bei den Protesten gehe es nicht um einen "Kampf der Lebensstile", sondern um "wirtschaftliche Verwertungszusammenhänge" meint HOLM. Der Soziologe Sighard NECKEL schrieb schon 1990 mit Blick auf die damalige "Yuppisierung" in Berlin von einer "Politik der Lebensstile". Die Konfliktlinie verläuft heute wie damals zwischen zwei Fraktionen der "neuen Mittelschicht".

HOLM, Andrej (2010): Rette die Stadt.
Ob in den Städten die Logik des Geldes herrscht, sollten nicht nur Anwälte und Künstler unter sich ausmachen. Denn die Debatte darf nicht kulturalisiert werden
in: Freitag v.
06.08.

RÜTTIMANN, Vera (2010): Aufstand der Habenichtse.
Berlin: Die urbane Landschaft mit ihrer vielfältigen Subkultur im Osten der Stadt ist bedroht: Investoren und zahlungskräftige Mieter mischen die Kieze um den Prenzlauer Berg und in Kreuzberg auf. Diese Gentrifizierung nehmen viele Bewohner nicht kampflos hin,
in: Rheinischer Merkur Nr.37 v. 16.09.

KAUL, Martin (2010): Die Kompromisskommunarden.
Freiräume: Sie sind das stärkste Symbol gegen Gentrifizierung und steigende Mieten - und wenn es ernst wird, schließen sie Verträge. Die Hausbesetzer sind abgekämpft. Jetzt suchen sie nach neuen Strategien,
in: TAZ v. 18.09.

GROSCHUPF, Johannes (2010): Salam Aleikum heißt Juten Tach.
Lebensadern (25): In der Neuköllner Sonnenallee begegnen sich prekäre Milieus,
in:
Tagesspiegel v. 22.03.

BALZER, Jens (2010): Bei uns wird eben nur Labskaus gekocht.
Schorsch Kamerun und die Betreiber des Pudel Club über Hamburg, Kulturpolitik und Gentrifizierung,
in: Berliner Zeitung v. 05.10.

JURT, Pascal (2010): "Es geht um ein urbanes Rauschen".
Sind Künstler Agenten der Gentrifizierung? Ein Gespräch mit dem Soziologen Klaus Ronneberger über die Theorie der creative class und die Proteste im Hamburger Gängeviertel,
in: Jungle World Nr.41 v. 14.10.

TWICKEL, Christoph (2010): Gentrifizierungsdingsbums oder Eine Stadt für alle, Hamburg: Edition Nautilus

Gentrifizierungsdingsbums oder Eine Stadt für alle

"»Eine unübersichtliche Multitude, die neue Strategien erprobt und neue politische Spielräume jenseits von kulissenhafter Anwohnerbeteiligung und linksradikalem Puritanismus eröffnet: Bewegungen für das Recht auf Stadt müssen Tools erfinden, um Schneisen in die unternehmerische Stadt zu schlagen. Auch dieses Buch will ein solches Werkzeug sein.« Christoph Twickel

BRÜNS, Elke (2010): Tief im Herzen ist jeder ein Integrationsverweigerer.
Unterwegs im Symboluniversum Berlin-Neukölln. Eine Standortbestimmung für Integrationsverwirrte am Büchertisch bei Karstadt am Hermannplatz, wo die Bücher ebenso schwarz gehalten sind wie ihre Geschichten,
in: Frankfurter Rundschau v. 14.10.

GROß, Thomas & Tobias TIMM (2010): Die neue K-Klasse.
Kreativhotels, Kreativkieze und Kreativbeauftragte: Berlin sieht sich als Labor einer zukünftigen, wissensbasierten Ökonomie. Aber was tun diese Kulturarbeiter eigentlich den ganzen Tag? Eine Recherche in der "Hauptstadt der Innovation",
in: Die ZEIT Nr.45 v. 04.11.

KREUZMAIR, Elias (2010): Avantgarde und Ausverkauf.
Gentrification: Der südöstlich des Münchner Zentrums gelegene Stadtteil Giesing ist zum Zankapfel der Debatte über die Stadterneuerung geworden,
in: TAZ v. 15.11.

"In Giesing wiederholt sich, was Hamburg mit dem Schanzenviertel bereits erlebt hat und Berlin mit Prenzlauer Berg. Auch in München ist das Phänomen der Gentrifizierung aber kein neues. In den Achtziger Jahren war es Haidhausen, in den Neunzigern war es das Glockenbachviertel, das vom In-Viertel zum Ort für Szenetouristen wurde. Die citynahen Stadtteile Schwabing und Maxvorstadt erfahren schon seit den sechziger Jahren immer wieder Wellen der »Aufwertung«, auch im Moment hängen vielerorts Banner von Immobilienfirmen, die Luxusapartments in bester Lage versprechen, sobald das Gerüst hinter dem Banner abgebaut ist. Jetzt also Giesing", meint KREUZMAIR.

RAISER, Christoph (2010): Neukölln und das internationale Pack.
Wie die Debatte um Gentrifizierung zusehends einen xenophoben Beigeschmack bekommt,
in: Berliner Zeitung v. 16.11.

TOLLMANN, Vera (2010): Gentrifizierung.
Brache und Protest,
in: De:Bug Nr.148, Dezember

SCHRENK, Jakob (2010): Nackte Not.
Um gegen hohe Mieten zu demonstrieren, strippen Berliner Gentrifizierungsgegner bei Wohnungsbesichtungen. Sie enthüllen so auch ihre Hilflosigkeit,
in: Neon, Dezember

zitty Berlin-Titelgeschichte: Wie viele Kreative verträgt Berlin?
Von Weltmarktführern, Urbanen Pennern und dem neuen Kreativ-Prekariat

DENK, Felix (2010): Wie viele Kreative verträgt die Stadt?
Es sind über 180.000, sie erwirtschaften 15 Prozent des Bruttoinlandprodukts von Berlin. Wo sie sind, steigen die Mieten. Was sie tun, gilt als Öl der postindustriellen Gesellschaft. Aber was haben eigentlich die Kreativen von ihrem Image als Wachstumsmotor?
in: zitty Berlin Nr.26 v. 16.12.

GREIF, Mark (2011): Was war der Hipster.
Warum gerade die Ära einer Subkultur zu Ende geht, deren Vertreter noch immer unter uns sind,
in: Süddeutsche Zeitung v. 07.01.2011

Die SZ druckt die Übersetzung eines Artikels von Mark GREIF aus dem New York Magazine ab.

MAHMOODI, Oranus (2011): "Mein Gewissen ist rein vor mir selber".
Subkultur, Hochkultur: Rocko Schamoni hat einen neuen Roman geschrieben: "Tag der geschlossenen Tür". Ein Gespräch mit dem Hamburger Kultur-Allrounder über fehlende Filter, Gentrifizierung und das Risiko des Ruhms,
in: TAZ v. 07.01.2011

JELLEN, Reinhard  (2011): Lifestylepark für die Bionaden-Bourgeoisie.
Interview mit Christoph Twickel über Gentrifizierung,
in:
Telepolis v. 30.01.

LINTZEL, Aram  (2011): Vom Hipster lernen, auch wenn er nervt.
Über den Sinn und Zweck ästhetischer Kleinstunterscheidungen,
in:
TAZ v. 08.02.

KNÖDLER, Gernot (2011): In der Stadt wird es eng.
Gentrifizierung: Hamburg hat 70.000 Einwohner mehr als vor zehn Jahren. Die Stadt muss bauen, stößt aber auf Widerstand - vom Szeneviertel Ottensen bis zum dörflichen Rand,
in:
TAZ v. 18.02.

zitty-Titelgeschichte: Die Familie in Prenzlauer Berg
Anatomie eines Feindbildes

BRAKEBUSCH, Lydia & Franziska KLÜN (2011): Anatomie eines Feindbildes.
Die Familie in Prenzlauer Berg - Klischee und Wirklichkeit,
in:
zitty Nr.5 v. 24.02.

JANOVSKY, Silke (2011): Gründerzeit.
Neukölln stand lange für Armut und Gewalt. Doch der Reuterkiez im Norden des Berliner Bezirks hat sich zu einem Ausgehviertel gewandelt, in dem viel Hoffnung steckt. Auch Orhan Demirel, ein 47-jähriger Türke, versucht sich dort als Barbesitzer - und hat andere Probleme als seine deutschen Kollegen,
in: Berliner Zeitung v. 01.03.

BEHRISCH, Sven (2011): Gentrifizierung, umgekehrt.
Warum Münchner Hartz-IV-Empfänger im Luxusviertel wohnen dürfen,
in: Die ZEIT Nr.10 v. 03.03.

LITSCHKO, Konrad (2011): "Wieder Bodenhaftung erlangen".
Bilanz II: Mit dem Thema der Gentrifizierung erlebt der 1. Mai einen Versuch der Repolitisierung, sagt Protestforscher Dieter Rucht. Eine größere Bewegung werde daraus vorläufig aber nicht entstehen,
in: TAZ Berlin v. 03.05.

RÖSINGER, Christiane u.a.  (2011): Berlin Kills Me.
Steigende Mieten, Gentrifizierung als Dauerthema, nervige Touristen: Geht es zu Ende mit Berlin als Spielwiese? Müssen wir demnächst alle nach Marzahn oder Reinickendorf ziehen, während die Besserverdiener am Kotti residieren? Wird Berlin zum neuen München? In unserem Berlin-Special schreiben Autoren über die Auswirkungen der Transformation der Hauptstadt. Ist man genervt von Party-Spaniern, Komasauf-Briten und Spießer-Schwaben? Hat man das Gefühl, sich die Stadt langsam nicht mehr leisten zu können? Oder ist das Gerede vom Verlust des guten alten Schmuddelberlins blanker Unsinn?,
in: Jungle World Nr.26 v. 30.06.

MANGOLD, Ijoma (2011): Reich, aber sexy.
Die Hauptstadt wird bürgerlich. Und ihr Bürgermeister Wowereit lächelt dazu. Ein Doppelporträt vor der Wahl,
in: Die ZEIT Nr.38 v. 15.09.

Ijoma MANGOLD porträtiert u. a. den Soziologen Heinz BUDE, der mit der Generation Berlin das herrschende Bild des neuen Bürgertums und ihrer Interessen entworfen hat und seitdem die Vergangenheit im Lichte der gewünschten Zukunft reinterpretiert:

"Zwischen den herrlichen Bäumen stehen elegante neue Architektenhäuser. Dahinter ruht der See. Vorhänge kennt man hier nicht, und so sieht man durch die Fensterfronten die hohen Bücherregale. Eine Mustersiedlung der Gentrifizierung. Noch stehen überall die Kräne, aber es besteht kein Zweifel, dass Schönheitssinn, Selbstpflege und überhaupt die ästhetische Erziehung des Menschen künftig eine herausgehobene Rolle spielen werden. Wer hier baut, vertraut darauf, dass sich die Nachbarschaft insgesamt nach dem eigenen Bild wandelt.

Hier wohnt Heinz Bude. Als Soziologe beobachtet er die Veränderungen der Gesellschaft. Aber anders als bei vielen seiner Kollegen hat man immer den Eindruck, einen Feldforscher vor sich zu haben, der die Gesellschaftsdiagnosen, die er anstellt, gern selbst verkörpert. Drei Jahrzehnte lang lebte Heinz Bude in Kreuzberg. Jetzt ist er mit seiner Frau und seiner Tochter nach Weißensee gezogen. »Kreuzberg«, sagt Heinz Bude, »ist für uns furchtbar geworden, weil es da zu viele gibt, die nicht wirklich etwas zu tun haben, die im Café sitzen und Bilder von sich selbst entwerfen.« Berlin sei jetzt im Umbruch von der experimentellen zur residenziellen Stadt. Jetzt würden die Claims abgesteckt".

HASEL, Friederike (2011): Das Wohngetüm.
Berliner Häuser (12): Im Block Falkstraße 24 im Rollbergkiez lebt endlich eine WG. 30 Jahre nach dem Bau wird das Neuköllner Viertel nun so, wie sein Architekt es plante,
in: Tagesspiegel v. 18.09.

zitty-Titelgeschichte: Gentrifizierung.
Mythos & Wahrheit und wie sich Mieter schützen können

TILLMANN, Stefan & Michael SELIGER (2011): Gentrifizierung.
Die Stadt verändert sich, die einen freuen sich über die Aufwertung der Kieze, die anderen fürchten, verdrängt zu werden. Was ist Mythos, was stimmt? Und wie können sich Mieter schützen? Eine Annäherung an ein Feindbild,
in:
zitty Nr.21 v. 06.10.

KURIANOWICZ, Tomasz (2011): Vom Problembezirk zur A-Lage.
Extravagante Kneipen und multikulturelles Flair: Junge Kreative machen aus dem Berliner Problembezirk Neukölln einen Trend-Kiez - der entfernt an das New York der Achtziger erinnert,
in: Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 20.10.

BERNARD, Andreas (2011): Schaum vorm Mund.
Vor genau 15 Jahren kam ein harmloses italienisches Getränk nach Deutschland. Warum haben sich alle so darauf eingeschossen?
in:
SZ-Magazin Nr.44 v. 04.11.

Andreas BERNARD skizziert nicht nur die 15jährige Erfolgsgeschichte des Latte Macchiato, sondern auch dessen Stigmatisierung durch die Gesellschafts- und Kulturkritik:

"Heute gilt der Latte macchiato unter anderem als Metapher für die Gentrifizierung von Stadtteilen, für den Lebensstil freiberuflicher Akademiker, für die Struktur moderner Familien und für einen grundsätzlichen Hang zu Phlegma und Substanzlosigkeit."

Zwischen Judith HERMANNs Erzählband Sommerhaus, später und Florian ILLIES' Generation Golf 2 verortet BERNARD den Siegeszug des Kaffeegetränks, der parallel zur Etablierung von Kaffeehausketten in deutschen Innenstädten und der Entstehung der digitalen Bohème als Inbegriff eines neuen Arbeits- und Freizeitstils stattfindet. Was bei BERNARD fehlt: die Geschichte der Family-Gentrifier in Berlin Prenzlauer Berg und in anderen Szenevierteln, die zur Entstehung des Begriffs "Latte macchiato-Mütter" führt.

TIP BERLIN-Titelgeschichte: Revolution der Nerds
Eine neue Gründergeneration erobert die Stadt: Wird Berlin das nächste Silicon Valley?

MÖSKEN, Anne Lena (2011): Die digitale Metropole.
In Berlin ist eine neue Gründerzeit angebrochen. In den Büros und Co-Working-Spaces herrscht Aufbruchstimmung, nahezu täglich entstehen neue Firmen, deren Geschäftsmodelle die Aufmerksamkeit internationaler Investoren auf sich ziehen, und schon rechnen euphorische Beobachter fest damit, dass das nächste Facebook aus der Hauptstadt kommt. Wird Berlin das neue Silicon Valley, oder wächst hier die nächste Internet-Blase heran? Anne Lena Mösken hat sich in der Gründerszene umgesehen und dabei einen neuen Unternehmertypus kennengelernt,
in:
Tip Berlin Nr.24 v. 10.11.

STAUDINGER, Melanie (2011): Rein ins pralle Leben.
Single-Hochburg München: In München wohnen immer mehr Singles. Viele davon leisten sich teure Zwei-Zimmer-Wohnungen im Zentrum. Das treibt die Mietpreise weiter nach oben,
in: Süddeutsche Zeitung v. 07.12.

BAUER, Patrick (2012): Die Hipster, die ich rief.
In Berlin-Neukölln zeigt sich: Auf die Gentrifizierung schimpfen immer die am lautesten, die damit begonnen haben,
in:
Süddeutsche Zeitung v. 13.01.

Patrick BAUER beschreibt am Beispiel der Kreuzköllner Pioniere Antje BORCHARDT und Matthias MERKLE, die seit 5 Jahren das Lokal "Freies Neukölln" betreiben, den Kreuzköllner Gentrifizierungsprozess:

"Die einst tiefgraue Weserstraße, in der das »Freie Neukölln« vor fünf Jahren die erste angesagte Lokalität war, ist die nächste beste Feiermeile Berlins. Das Stadtmagazin tip fühlte sich schon genötigt den Wandel Neuköllns mit den Achtziger Jahren in New Yorks Lower Eastside  zu vergleichen und sogar die New York Times schwärmt von einer »kreativen Welle«. Vor allem rund um das »Freie Neukölln«, im Norden des Bezirks, wegen der Nähe zum etablierten Kreuzberg »Kreuzkölln« genannt, reihen sich nun Bars, Galerien, Boutiquen und Bioläden aneinander."

Was in den 1980er Jahren in Kreuzberg der Gegensatz von Punks (oder Alternative im Sinne von Hartmut HÄUßERMANN & Walter SIEBEL) und Yuppies (gemäß BAUER eine Gruppe, die angeblich ausgestorben ist) war, das hat sich nun ausdifferenziert zu einem Kampf der Lebensstile, in dem Eltern und "kinderlose" Lebensstile (z.B. Hipster) die Hauptrolle spielen:

"Eltern mit teuren Kinderwägen und die »Hipster«, Menschen mit hoher Affinität zu sämtlichen Spielarten der Popkultur, großen Brillen, engen Hosen und Second-Hand-Parkas. Diese Bevölkerungsgruppen prägen immer dann das Straßenbild, wenn die Aufwertung eines urbanen Gebietes abgeschlossen ist - und sie führen vermutlich den vor ihnen Zugereisten vor Augen, dass sie ersetzbar sind (Hipster) oder dass ihr Lebensstil endlich ist (Eltern)."

So ganz schlüssig ist BAUERs "Gentrifizierungstheorie" jedoch nicht, denn die ebenfalls im Artikel als Problemgruppen beschriebenen "spanischen Horden" und "Easyjet-Touristen" verkörpern keine Akteure des Gentrifizierungsprozesses wie im Viertel lebende Eltern oder Hipster, sondern sind Ausdruck eines Kampfes um die Kiezökonomie.

BORCHARDT & MERKEL werden zudem von BAUER zum typischen Pionierschicksal stilisiert:

"Antje Borchardt und Matthias Merkle konnten sich ihre Fabriketage in der nahe gelegenen Sonnenallee nicht mehr leisten, obwohl das »Freie Neukölln« gut läuft, die Miete sollte um die Hälfte steigen, jetzt lebt das Paar am Potsdamer Platz."

Pioniere, die im Laufe eines Gentrifizierungsprozesses verdrängt werden, sind jedoch nur ein Pioniertypus, neben jenen, die die Seite wechseln (z.B. in den 1980er und 1990er Jahren Hausbesetzer, die zu Hausbesitzern wurden).

Der echte Hipster als Pioniertypus verschwindet aus einem Viertel, sobald ein Szeneviertel wie im Falle von Kreuzkölln zur Touristenattraktion geworden ist. Das ist keine Verdrängung, sondern seinem Status als Trendsetter geschuldet. Hipster, wie sie in den gegenwärtigen Gentrifizierungs-Storys charakterisiert werden, sind keine richtigen Hipster, sondern Projektionsfiguren, die Ausdruck von dahinterstehenden Interessenkonflikten sind.

DÜCKERS, Tanja (2012): "Blöde Zugezogene".
Berlins neue alternativ-reaktionäre Hasskultur: Kinder und Fremde stören. Ein Kommentar,
in:
Süddeutsche Zeitung v. 16.01.

MARTENSTEIN, Harald (2012): Ein Kiez verändert sich zum Schlechten.
Berlin: Die Mieten steigen, neue Leute ziehen in sanierte Wohnungen. In Friedrichshain wird gegen Gentrifizierung demonstriert, im Kreuzberger Graefekiez läuft sie ruhiger ab – mit Vor- und Nachteilen. Unser Autor ist sich nicht ganz sicher, was er davon halten soll,
in: Tagesspiegel v. 04.02.

POSCHARDT, Ulf (2012): Mama ist die Schönste!
Es gibt kaum heroischere Wesen als liebende Mütter. Aber muss ihr Kampf für eine perfekte Kindheit mit dunklen Ringen unter den Augen, dreckigen Blusen und zersaustem Haar enden? Nein, sagt ein Blog aus New York,
in: Welt am Sonntag v. 05.02.

Ulf POSCHARDT, verbitterter Ex-Vanity Fair-Chef, leidet weiterhin an der deutschen Gesellschaft. Im Gegensatz zur Mode-Welt von  New York riecht für ihn in Deutschland alles nach Sozialneid:

"Die in The Glow vorgestellten Frauen arbeiten im weitesten Sinne in der Modewelt: Es sind Designerinnen, PR-Managerinnen, Unternehmerinnen, Künstlerinnen oder Innenarchitektinnen. Sie leben in der Welt der schönen Dinge und fühlen sich nur dort zu Hause. Zudem sind sie wohlhabend genug, um in Manhattan oder dem mittlerweile fast ebenso kostspieligen Brooklyn weitläufige Wohnungen oder gar großzügige Häuser zu bewohnen. (...).
Die deutsche Variante der eleganten Mütter führt ein medial heimliches Leben in Bad Homburg, Hamburg-Harvestehude, München-Herzogpark oder Berlin-Dahlem. Sie lassen sich nicht fotografieren. Das hat gute Gründe: Derlei Glanz gilt hierzulande vor allem als hohl. Zudem könnte die Aura von Wohlstand Antipathien erzeugen. In Berlins Prenzlauer Berg herrscht Sozialneid. Da wird alles angezündet, was nicht an untere Mittelschicht erinnert. Klein und eng wird gedacht unter den Gentrifizierungsopfern, und hässlich aussehen tut es sowieso. Ideologisch unterfüttert wird das Ressentiment der Verbitterten von "taz"-Redakteurinnen, die Mittelschicht-Biedermeier mit Edelmüttern verwechseln. Deshalb gibt es in Deutschland Magazine wie "Nido", die ein wenig sozialer und demokratischer als The Glow daherkommen und in ihrem modischen Eifer eher die neubürgerliche Boheme als "Vogue" im Blick haben."

POSCHARDT, Ulf (2012): Lob des Häuserkampfes.
Ein Gespenst geht um in deutschen Städten - das Gespenst der Gentrifizierung. Doch was ist eigentlich so schlimm an der Aufwertung von Wohnraum? Die Investoren vollenden oft nur ein Projekt, das Hausbesetzer begonnen haben,
in: Welt am Sonntag v. 12.02.

Ulf POSCHARDT erzählt noch einmal die nicht mehr ganz taufrische Geschichte von den Hausbesetzern als Frühindikator der Gentrifizierung:

"Hausbesetzungen gehören wie Künstlerateliers zu soliden Frühindikatoren der bevorstehenden Aufwertung einer Gegend. Ob in München-Haidhausen, Berlin-Kreuzberg oder in Downtown Manhattan, die Rezivilisierung der urbanen Kultur in lebendigen, dynamischen und deshalb auch aufstrebenden Städten beginnt mit einem Humus aus Gegenkultur, Aufstand und Außenseitertum. Künstler, Studenten und angehende Revolutionäre ziehen nur ungern in die Provinz oder in schrumpfende Städte im Osten oder im Ruhrgebiet. Wo protestiert wird, da ist eine Avantgarde am Werk, die Makler und Investoren als zuverlässigen Indikator nutzen können."

Die Verbürgerlichung der Hausbesetzerszene (Mutation des Hausbesetzers zum Hausbesitzer) war im Übrigen 2001 Thema der Komödie Was tun, wenn's brennt. Am Beispiel des Films Notting Hill demonstriert POSCHARDT, das was mittlerweile als "symbolische Gentrifizierung" bezeichnet wird:

"Der Film aus dem Jahr 1999 thematisierte Gentrifizierung nicht nur, er verschärfte sie. Nach dem globalen Kassenerfolg stiegen die Hauspreise in Notting Hill um ein Vielfaches. Noch zwanzig Jahre zuvor gab es dort verslumte Straßen."

Etwas antiquiert ist die Behauptung, dass es bei der gegenwärtigen Gentrifizierung um Gründerzeit-Altbauwohnungen geht. Das war eher das 68er-Ideal vom Leben in den Ruinen des Großbürgertums. Mittlerweile werden Stadtteile durch Townhouses oder durch zu Lofts umgebaute Wohnungen in ehemaligen Arbeiterquartieren bzw. Plattenbauten gentrifiziert. Auf den Ruinen der Industriegesellschaft entsteht die neue Urbanität.

 
     
 
       
       
   

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Update: 24. Januar 2017