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Kommentierte Bibliografie

 
       
   

Kinderlose in Deutschland

 
       
   

Eine Bibliografie der Debatte um die gewollte und ungewollte Kinderlosigkeit (Teil 4)

 
       
     
   
     
 

Kommentierte Bibliografie (Teil 4: 2004)

2004

SCHMITT, Christian (2004): Kinderlose Männer in Deutschland. Eine sozialstrukturelle Bestimmung auf Basis des Sozio-ökonomischen Panels (SOEP). Im Auftrag des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend,  Berlin: Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung (DIW)

Kinderlose Männer in Deutschland

Hintergrund der Studie

"Die amtliche Statistik weist für die letzten Jahre einen steigenden Anteil an kinderlosen Frauen aus aber keine diesbezüglichen Informationen für Männer. Auch die meisten der nicht-amtlichen Forschungsergebnisse beziehen sich auf die Kinderlosigkeit von Frauen. Zu kinderlosen Männern und zur sozialstrukturellen Komposition dieser Gruppe liegen bis dato nur wenige Informationen vor2. Es besteht daher Klärungsbedarf, wie hoch der Anteil an kinderlosen Männern ist und in welchen gesellschaftlichen Gruppen sie vornehmlich vertreten sind. Zu diesem Zweck liefert die vorliegende Kurzexpertise einige ausgewählte repräsentative Eckdaten zum Anteil und zur näheren Beschreibung dieser Gruppe.
Das Konzept der Kinderlosigkeit basiert auf einer biographischen Betrachtung: Kinderlosigkeit besagt, dass eine Person noch nicht Vater oder Mutter ist. Für die Frauen wird der Anteil der Kinderlosen mit dem Eintreten der Menopause endgültig festgelegt: Während eine 25-jährige kinderlose Frau noch gebärfähig ist, ist dies für eine über 50-Jährige weitgehend ausgeschlossen. Trotz der verbreiteten Annahme einer Zeugungsfähigkeit von Männern bis ins hohe Alter zeigt die empirische Überprüfung (...), dass die erstmalige Vaterschaft bereits ab Mitte 40 ein äußerst seltenes Ereignis darstellt. Dafür gibt es im Wesentlichen zwei Gründe: Zum Einen nimmt mit steigendem Alter die Fruchtbarkeit beider Partner ab, also auch die der Männer (wenn auch weniger abrupt, vgl. Eskenazi et al. 2003). Zum Anderen sind trotz eines hinsichtlich des Alters leicht asymmetrischen Partnerwahlverhaltens die Männer in der Regel nur wenige Jahre älter als Ihre Partnerinnen. Eine späte Vaterschaft wird damit auch durch deren Konzeptionsfähigkeit begrenzt."
(2004, S.3)

MÜLLER, Claus Peter (2004): "Die Regionen driften auseinander".
Der hessische Wirtschaftsminister Rhiel fordert ein ganzheitliches Denken in der Demographie-Debatte,
in: Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 02.01.

Der hessische Wirtschaftsminister RHIEL ist bestens informiert über den Stand der Kinderlosigkeit in Deutschland, nur weiß niemand woher er das weiß:

"Rhiel sprach von einer Polarisierung innerhalb der jüngeren Generationen. Vor allem die besser Gebildeten blieben kinderlos. In Westdeutschland werden 40 Prozent der jungen Akademiker zeitlebens ohne Nachwuchs bleiben. (...). Vor allem die männlichen Hochschulabsolventen übernehmen nach Aussagen der Statistiker für den Nachwuchs nur ungern Verantwortung. Nahezu 50 Prozent von ihnen blieben kinderlos."

Was denn nun? Sind Kinderlose nun zeitlebens kinderlos, erziehen sie nur nicht oder zeugen sie nicht. Was meint also Herr RHIEL, wenn er von Kinderlosen spricht? Es trifft sich ganz gut, dass Kinderlosigkeit in Deutschland ein sehr dehnbarer Begriff ist. Im Grunde sind eben 100 % der Bevölkerung hierzulande irgendwann in ihrem Leben kinderlos! Mehr geht nun wirklich nicht mehr...

PÖTTER, Bernhard (2004): Prügel für Pudel und Prosecco.
Der neue Volkssport heißt Kinderlosen-Bashing. Aber Menschen ohne Nachwuchs haben es schon schwer genug,
in: TAZ v. 06.01.

Bernhard PÖTTER darf heute ausnahmsweise ein Herz für Kinderlose haben:

"Kinderlose kann man ohne Risiko beschimpfen. Man erntet dafür allgemeine Zustimmung wie sonst nur beim Lob für Harald Schmidt. Totaler Mainstream. Schon das Etikett lässt keinen Raum für Sympathie: Kinderlos, da schwingt mit: arbeitslos, herzlos, gnadenlos, skrupellos, Trauerkloß. Da vergessen wir gern die Details. Dass es nämlich nur ein kleiner Teil der »Kinderlosen« ist, der sich aus lauter Sehnsucht nach Selbstverwirklichung gegen den eigenen Nachwuchs und für Pudel und Prosecco entscheidet. Dagegen sind viele Kinderlose entweder wegen eines medizinischen Problems »ungewollt kinderlos« (immerhin jedes siebte Paar); sie finden keinen Partner, mit dem sie Brutpflege betreiben könnten; sie können es sich (noch) nicht leisten, Kinder in die Welt zu setzen, oder sie arbeiten so viel, dass Kindermachen nicht mehr in den Terminkalender passt. Und nur Frauen fallen in die Rubrik »kinderlos«. Bei Männern heißt das »ungebunden«."

In der taz sind Männer dagegen zeugungs- und erziehungsunwillig (für ersteres ist WINKELMANN zuständig und für letzteres DRIBBUSCH), vergisst er anzumerken. Und ganz auf dem neuesten Stand ist PÖTTER eben auch nicht, denn die FAZ hat den kinderlosen Mann entdeckt.

PETROPULOS, Kostas (2004): Das Märchen vom Halali.
Es stimmt nicht, dass Kinderlose Familien subventionieren: Umgekehrt wird ein Schuh daraus,
in: Welt v. 09.01.

Kostas PETROPULOS, Lobbyist vom Heidelberger Büro für Familienfragen und soziale Sicherheit, das sich als familienfundamentalistischer Think Tank hervortut, antwortet auf den Beitrag von Michael KLEIN.
Die Positionen von PETROPULOS laufen auf die These von der Transferausbeutung der Eltern durch Kinderlose hinaus und sind - aus dem Munde von Jürgen BORCHERT - sattsam bekannt.

PETERSEN, Anne (2004): Die Träume der kinderlosen Frauen.
Deutschland scheitert bei der Familienplanung: Wenn Eltern bemerken, dass sie Nachwuchs wollen, ist es biologisch oft schon zu spät. Der Schock trifft meist Paare ab 30, der Staat hilft immer weniger,
in: Welt am Sonntag v. 11.01.

Anne PETERSENs Zielgruppe sind ungewollt Kinderlose:

"Längst sind es nicht mehr die angeblich so karriereorientierten, aufstrebenden Singlefrauen, die ohne Nachwuchs bleiben. Vielmehr ist Kinderlosigkeit ein Risiko, das mittlerweile fast jede junge Frau bedroht. In einer individualisierten Gesellschaft geht es eben in erster Linie darum, das eigene Leben zu optimieren",

erklärt PETERSEN. Ein Schaubild suggeriert den steilen Abfall der Geburten in Deutschland. Es wird jedoch nicht die Geburtenrate angegeben, sondern die demagogische Zahl der Geburten pro 1000 Einwohner, mit der bereits im Spiegel Stimmung gegen Kinderlose gemacht wurde.

GASCHKE, Susanne (2004): Das kinderlose Land.
Die viel zitierte "Selbstverwirklichung" der Frauen kann den Geburtenrückgang in Deutschland nicht erklären. Auch Männer hadern mit den neuen Erwartungen an Väter - und verzichten auf Familie. Teil 1 der neuen ZEIT-Serie "Allein zu zweit",
in: Die ZEIT Nr.4 v. 15.01.

WINKELMANN, Ulrike (2004): Männer mit Abi machen keine Kinder.
Studie stellt erstmals Zusammenhänge zwischen männlicher Kinderlosigkeit, Ausbildung und Einkommen dar,
in: TAZ v. 02.02.

WINKELMANN, Ulrike (2004): Warum ist ER kinderlos?
Der Mann ohne Kinder war der große Unbekannte der Gesellschaft. Jetzt wird er entdeckt.
Aber was hat es zu bedeuten, dass er meistens zwar Abitur hat, aber keinen Hochschulabschluss?

in: TAZ v. 02.02.

CHB (2004): Sollen Kinderlose grundsätzlich mehr bezahlen?
Die Diskussion, ob Eltern weniger in die Sozialversicherungen einzahlen sollen, wird oft polemisch geführt,
in: Ärzte Zeitung v. 04.02.

RICHTER, Eva (2004): Pro.
Kinder sind dem Sozialsystem lieb, aber für Eltern teuer,
in: Ärzte Zeitung v. 04.02.

BADENBERG, Christiane (2004): Contra.
Kinderlos, das klingt schon fast wie ein Schimpfwort,
in: Ärzte Zeitung v. 04.02.

SPIEWAK, Martin (2004): Die Uhr tickt unerbittlich.
Oft verschieben Paare die Familiengründung bis Mitte 30. Das mindert die Chancen auf Nachwuchs,
in: Die ZEIT Nr.8 v. 12.02.

ANTON, C. Annette (2004): Die Geschichte einer Flucht.
Sind Annette C. Anton und Susie Reinhardt mütterfeindlich? Oder gar, noch schlimmer, kinderfeindlich? Oder hat es ganz andere Gründe, wenn das vermehrte Auftreten von Kampf- und Demomüttern vom Prenzlauer Berg bis Blankenese sie kräftig irritiert?
in: Emma, Nr.2, März/April

REINHARDT, Susie (2004): Sind Nichtmütter eine Gefahr für die Gesellschaft?
Für den "Spiegel" sind sie verantwortlich für das Aussterben der deutschen Nation. Für die "Zeit" sind sie skrupellose Konsumentinnen. Für so manche Mutter sind sie ein rotes Tuch. Grund genug für Emma, sich zu fragen, was sie wirklich sind: die Nichtmütter,
in: Emma, Nr.2, März/April

MAYER, Susanne (2004): Her mit den Kindern!
Plädoyer für eine moderne Bevölkerungspolitik, die den Namen verdient,
in: Die ZEIT Nr.11 v. 04.03.

HERZINGER, Richard (2004): Kinderlos - ehrlos?
in: ZEIT-Weblog - Ideen und Irrtümer. Streifzüge durch die neue Weltordnung v. 07.03.

Richard HERZINGER beschäftigt sich mit den Kinderlosen als neuem Feindbild der Sozialpolitik und der Rolle von single-dasein.de und single-generation.de:

"Immer mehr flotte Modeautoren, zuletzt der »Generation-Berlin«-Soziologe Heinz Bude und der einstige »Tristesse-Royale«-Dandy Joachim Bessing, erkennen die Zeichen der Zeit und entdecken publikumswirksam ihre Liebe zur traditionellen Papa-Mama-Kinder-Kleinfamilie. Aber es gibt noch ein paar trotzige Einzelgänger, die ihr Unglück nicht einsehen und ihren sozialschädlichen Lebensstil nicht reuig aufgeben wollen. Ihre Klopfzeichen aus der Lepra-Station verbreiten sie nimmermüde unter www.single-generation.de und www.single-dasein.de. Sie behaupten sogar, die ganze These von der »Vereinzelung« durch »Individualisierung« und von der »Single-Gesellschaft« sei nichts als ein großer Schwindel.
Wie es zu dem neuen Familienfundamentalismus gekommen ist, erläutert auf originelle Weise ein kämpferischer
Essay.
"

KRALINSKI, Thomas (2004): Kinder an die Macht.
"Bevölkerungspolitik"? Ausgerechnet bei uns in Deutschland? Das Wort klingt bedrohlich nach überwundener Vergangenheit. Doch im 21. Jahrhundert können nur Kinder den Sozialstaat retten. Für eine aufgeklärte Bevölkerung,
in: Berliner Republik Nr.2, März/April

Was noch im letzten Jahr nur für single-generation.de denkbar war, das ist nun zum neuen Gesellschaftssport der reaktionären Elite geworden: das Plädoyer für die Bevölkerungspolitik. Thomas KRALINSKI fördert die typischen Klischees hervor:

"In der hedonistischen »Revolution« der Achtundsechziger wurzelt eine weitere Ursache für die heutige Kinderlosigkeit. Individualisierung, die säkularisierte Familie, Selbstverwirklichung haben jeden einzelnen »glücklicher« gemacht. Doch die neuen Werte lassen sich, so die Überzeugung der Individualisierten, am ehesten bei Kinderlosigkeit leben. Mittlerweile ist das Lebensgefühl der »Singleisierung« weit in die Gesellschaft vorgedrungen. Zwar signalisieren Umfragen, dass Familie und Freunde wieder hoch im Kurs stehen, doch zu mehr Kindern führt das noch lange nicht."

KRALINSKI gehört zur Kategorie der Pharisäer. Der neue Geschlechterpakt hat längst die individualisierte Familie hervorgebracht.
Kinderhaben und Single-Lebensstil ist für diese neue Elite kein Gegensatz mehr (siehe Prenzlauer-Berg-Mütter), sondern wird dank Niedriglohn-Hauspersonal zum neuen Statussymbol! Gösta ESPING-ANDERSEN ist der Guru dieser neuen Hauspersonal-Gesellschaft.
In den USA hat jüngst Caitlin FLANAGAN dieses neue Ausbeutungsverhältnis gerechtfertigt und auch in der NZZ konnte man jüngst darüber lesen. Man muss Michel HOUELLEBECQs zentralen Gedanken aus dem Roman Plattform aufgreifen, um eine neue Form von Kolonialismus der postfeministischen Familie deutlich zu machen.
Der Sextourist sorgt gemäß HOUELLEBECQ für einen fairen Austausch zwischen erster (reiche, aber feminismusgeschädigte Sexaholics) und dritter Welt (arme, aber sexy Dienende).

Die neue individualisierte Familie beruht auf einem ähnlichen Dienstleistungsverhältnis, das jedoch weniger verrucht ist, weswegen dieser Tausch auch ohne große Probleme gesellschaftlich akzeptiert wird. Wir wollen hier auch gar nicht moralisieren, sondern es geht darum, zu zeigen, dass unsere neue Mitte durchaus ihre Privilegien genießt.
Der gewöhnliche Mitte-Sozialdemokrat hängt das natürlich nicht an die "große Glocke" (was würde sonst seine nicht-privilegierte Wählerschaft von ihm denken!), sondern beschäftigt sein Hauspersonal ganz verschämt! Doppelmoral Hoch zwei! Wir möchten von KRALINSKI auch keine falschen Angaben über die lebenslange Kinderlosigkeit lesen:

"Immer mehr junge Frauen verzichten ganz auf Kinder. In der Gruppe der 1965 geborenen Frauen bleiben heute etwa 30 Prozent ohne Kinder, bei den 1955 geborenen Frauen liegt diese Quote bei nur sechs Prozent."

Eine empirische Untersuchung von Gert HULLEN hat nachgewiesen, dass die lebenslange Kinderlosigkeit bei den in den 60er Jahren geborenen Frauen bei 14 % liegt! Das sind 50 ( F- Ü - N - F - Z - I - G) Prozent weniger als uns die Polarisierer vom Schlage eines KRALINSKI weismachen möchten! Single-generation.de hat bereits vor 3 Jahren darauf hingewiesen, dass ein Abbau von 50 % der Kinderlosen bis zur Bundestagswahl 2006 möglich sei - allein aufgrund STATISTISCHER Interpretationen! So mancher hat das als Satire oder als völlig weltfremd abgetan. HULLENs Ergebnisse zeigen jedoch, dass die Wirklichkeit meist viel unglaubwürdiger erscheint als die Erfindungen mancher Wissenschaftler!

Es braucht eigentlich gar nicht mehr erwähnt werden, dass KRALINSKI ein richtiger Hardliner in Sachen Bevölkerungspolitik ist und auch vor einer "Diktatur der Eltern" nicht zurückschreckt! Rente nach Kinderzahl und das Familienrecht sind für ihn legitime Zwangsmodelle angesichts des angeblichen Kinderlosen-Staates. Wir werden Euch Eure falschen Zahlen so lange vorhalten, bis es auch der LETZTE in diesem Land begriffen hat: Die Single-Gesellschaft ist ein Mythos, von dem vor allem die Eliten profitieren!

NEON-Titelgeschichte: Warum kriegen wir so wenige Kinder?
Gebärstreik, Egoismus, degenerierte Spaßgesellschaft - so lauten die schrillen Vorwürfe an die jungen Erwachsenen. 2,1 Kinder pro Frau wären nötig, um die Bevölkerungszahl in diesem Land stabil zu halten - was sind die Gründe dafür, dass Deutschlands Frauen im Schnitt nur noch 1,35 Kinder zur Welt bringen? Acht NEON-Autoren antworten auf die Vorwürfe an unsere Generation

DECKERT, Marc (2004): 2.Vorwurf.
"Die jungen Erwachsenen brechen den Generationenvertrag!",
in: Neon, April

Marc DECKERT will nicht einsehen, dass die Jungen den Generationenvertrag gebrochen haben:

"Die jungen Kinderlosen pinkeln sich selbst ans Bein. Das aber kann uns eigentlich niemand vorwerfen, oder?"

"Poppen für die Rente" findet er keinen vernünftigen Grund fürs Kinderkriegen. In Kindern nur die Einzahler zu sehen, das ist blanker Zynismus. Und Kinder in eine überalternde Gesellschaft zu setzen, das will erst recht überlegt werden. DECKERT befürchtet, dass Zukunftsinvestitionen zugunsten des Hier und Jetzt vernachlässigt werden.

Ach ja. DECKERT hat noch eine milde Kolumne über die jungen Milden geschrieben, die ist so milde, dass es kaum jemanden aufregen wird.
NEON ist ein braver Teil der Konsensgesellschaft, denn wirklich brisante Themen werden erst gar nicht aufgegriffen. Die Verteidigung der Kinderlosen ist so lau, dass sie niemanden wirklich provozieren wird...

VAUPEL, James W. (2004): Deutschlands größte Herausforderung.
Wider die demografische Ignoranz: Unsere Lebensläufe und die unserer Kinder werden sich ändern, weil das Leben länger dauern wird,
in: Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 08.04.

Im Gegensatz zu Herwig BIRG formuliert James W. VAUPEL das Kinderlosenproblem wesentlich vorsichtiger und sieht einen größeren zeitlichen Spielraum für Reformen als unsere Sozialpopulisten (mehr hier).

ROGGENKAMP, Viola (2004): Frau ohne Kind. Gespräche und Geschichten - eine Tafelrunde, Hamburg: Europa Verlag

Frau ohne Kind

"Viola Roggenkamp hat dreizehn kinderlose Frauen zusammengeführt und nach ihren Geschichten gefragt. Dabei ist ein wunderbar erzählerisches Buch entstanden, in dem ganz unterschiedliche Frauen sehr persönlich und offen erzählen, warum sie sich gegen die Mutterrolle entschieden haben: mal entschieden und selbstbewußt, mal traurig und voller Sehnsucht nach dem Kind, das es nie geben wird, mal wütend und trotzig, mal zart und innig. Keine der Frauen hat es sich leicht gemacht mit ihrer Entscheidung, jede offenbart mit ihrer Geschichte eine sehr verletzliche Seite, und alle können neben der eigenen Geschichte die der anderen verfolgen."
(Klappentext)

KAHL, Reinhard (2004): Deutschlands kinderlose Elite: Lauter letzte Menschen.
Nehmen wir Abschied vom Mythos der Familie - oder von der Zukunft,
in: Welt am Sonntag v. 25.04.

Einer der größten Mythen ist die kinderlose Akademikerin. Sie geistert seit den 80er Jahren durch die Gazetten der wertkonservativen Medien.
Links- und Rechtspopulismus widmen sich dem Sujet gleichermaßen. Die Linken begrüßen den angeblichen Gebärstreik im Namen einer Verbesserung von Beruf und Familie, während der Rechtspopulismus das Aussterben der intelligenten Deutschen zelebriert. Beide Seiten haben deshalb keinerlei Grund, ihre Vorurteile an empirischen Fakten messen zu lassen.

NIRGENDS, aber auch NIRGENDS! Nirgends lassen sich exakte Daten über die Kinderlosigkeit der Akademikerfrauen finden. Warum? Es gibt sie schlicht nicht! Es kursieren allenfalls Schätzungen, die fragwürdig sind. Aus der Anzahl von Single-Haushalten, die von Frauen mit Hochschulabschluss geführt werden, wird z.B. auf die lebenslange Kinderlosigkeit dieser Frauen geschlossen. Im neuen Mai-Heft von GEO wird erstmals so deutlich wie sonst nirgends diese Gruppe definiert:

"44,3 Prozent der 35-39-jährigen westdeutschen Frauen, die in einem kinderlosen Haushalt leben, haben einen Hochschulabschluss." (Anke SPARMANN, Vielleicht irgendwann..., S.101)

Dies ist im Gegensatz zu den sonstigen schwammigen Aussagen eine Aussage, die sich kritisieren lässt, wenngleich - grob fahrlässiger Fehler! - die Jahreszahl fehlt. Stammen die Daten etwa aus dem Jahr 1990 oder sind sie neueren Datums? Wenn die Daten nicht völlig veraltet sind, dann ist eine Angabe ja keine Problem, oder? Fehlen die Angaben, dann müssen wir unterstellen, dass die Daten eigentlich ihr Verfallsdatum überschritten haben. Wir wollen den Journalisten doch nicht gleich Schlamperei unterstellen, oder?

Der Besitz eines Hochschulzeugnisses heißt noch lange nicht, dass diese Frauen auch in einem akademischen Beruf tätig sind, also eine Karriere machen. Wo bleiben die Daten darüber, welchen Berufserfolg kinderlose Frauen mit Hochschulabschluss haben? Wo sind die Daten über die Arbeitslosigkeit dieser Frauen? So genau will man es jedoch gar nicht wissen. Vorab ist bereits klar woran es liegen muss: Konsum statt Kinder ist der einzige Grund, den Sozialpopulisten kennen.

Die Herangehensweise über Single-Haushalte kann nicht ausschließen, dass eine Frau Kinder geboren hat. Es könnte sich um einen Zweithaushalt handeln, d.h. das Kind wird im Haushalt des Vaters erzogen. Gerade in der neuen Mitte ist es nicht unüblich, dass der Mann weniger verdient und deshalb für die Kindererziehung zuständig ist.
Bei Scheidungen könnte das Kind beim Vater aufwachsen. Das ist zwar nicht selbstverständlich, aber gerade in den neuen Milieus auch nicht ausgeschlossen. Erst recht nicht ausgeschlossen werden kann, dass diese Frauen noch Kinder gebären. Gerade die Zahl der Spätgebärenden hat bei den Hochschulabsolventen enorm zugenommen. Bei den 35-39-jährigen Frauen werden also auch potenzielle Eltern mitgezählt. Warum werden also nicht die Prozentzahlen von 40-45jährigen Frauen angegeben? Dann wären schon viele potenzielle Mütter weggefallen. Nur wer spätgebärende Mütter nicht gesellschaftlich akzeptiert und deswegen mit allen Mitteln versucht sie als Kinderlose oder Rabenmütter zu diffamieren, hat ein berechtigtes Interesse, die Kinderlosigkeit der Akademikerfrau zu dramatisieren.

MIHM, Andreas (2004): Von 2005 an höherer Pflegebeitrag für Kinderlose.
Familien sollen dagegen entlastet werden. Höhe noch offen. Gesundheitsministerium rechnet Modell durch,
in: Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 29.04.

AMI meldet, dass angeblich bereits im Mai ein Gesetz beschlossen wird, das Kinderlose in der Pflegeversicherung stärker belastet. Dies wäre der Einstieg in den katholischen Sozialstaat, der darauf abzielt Staat und Arbeitgeber aus dem Familienlastenausgleich herauszuhalten und mittels der neuen Konfliktlinie Familien contra Singles den Klassenkonflikt zwischen Kapital und Arbeit auf die Reproduktionssphäre zu verschieben.
Der katholische Sozialstaat verschiebt die Lasten der Bevölkerungspolitik auf die zwangsversicherten Arbeitnehmer. Die Richter des Bundesverfassungsgerichts können sich die Hände reiben: ihre Altersversicherung ist davon unabhängig!

Bert Rürup, der neuerdings für eine nachhaltige Familienpolitik plädiert, die ebenfalls die Kinderlosigkeit als zentrales Problem definiert, wendet sich entschieden gegen eine Lösung innerhalb der Sozialversicherungen, weil diese gerade Geringverdiener bestraft, während Beamte, Selbständige, Richter und andere Besserverdienende nicht an den Kinderkosten beteiligt werden. Wer sich als Single (darunter fallen in diesem Fall auch Eltern, deren Kinder nicht mehr im Haushalt leben) gegen diese Ungerechtigkeit nicht wehrt, der lebt verkehrt!

Um die Dimensionen des Betrugs ein wenig deutlicher zu machen ein paar Zahlen zur Lage der 45-55-Jährigen im Jahr 1994: Damals lebten nur 18 % Kinderlose, aber 42 % Eltern ohne Kinder im Haushalt mit einem Pro-Kopf-Einkommen über 3000 DM dieser Altersgruppe in den alten Bundesländern. Bei den 2500-3000 DM-Einkommen waren es 14 % Kinderlose, aber 33 % Eltern ohne Kinder im Haushalt. Unter jenen, die weniger als 2500 DM verdienten, lebten gar nur 1 - 5 % Kinderlose, aber zwischen 6 und 35 % Eltern ohne Kinder im Haushalt. Diese Daten wurden vom Deutschen Jugendinstitut erhoben (BIEN/BAYER/BAUEREIß/DANNENBECK "Die soziale Lage von Kinderlosen, 1996, S.102).
Die Daten sind zwar bereits 10 Jahre alt, aber die Veränderungen sind nicht so groß, dass diese Daten keinen Anhalt mehr geben könnten. Sie zeigen eindeutig, dass unter den Zwangsversicherten nur eine kleine Minderheit tatsächlich lebenslang kinderlos ist. Der größte Teil sind Eltern, deren Kinder nicht mehr im Haushalt leben.
Wenn heute die Kinderlosigkeit auf über 30 % geschätzt wird, dann ist damit viel Demagogie, aber wenig Stichhaltiges mit im Spiel. Eltern werden durch die Verwendung eines weiten Begriffs von Kinderlosigkeit darüber getäuscht, dass sie die Hauptlast dieser Politik tragen werden.
Es ist ja bezeichnend, dass der Familiensurvey neuere Daten aus dem Jahr 2000 zuließe. Sie aber entweder nicht ausgewertet oder nicht veröffentlicht werden. Der Bürger soll offenbar über seine Lage im Unklaren gelassen werden...

RUTSCHKY, Katharina (2004): Ja zum Doktor, nein zu Kindern,
in: Welt v. 30.04.

Noch ein Nachtrag zum Mythos der kinderlosen Akademikerin. Katharina RUTSCHKY möchte das Problem vor dem Hintergrund des Nationalsozialismus debattiert haben:

"Es ist doch auffällig, dass Deutschlands niedrige Geburtenquote in Ländern wie Italien, Spanien, Griechenland, Österreich und inzwischen auch Portugal Parallelen hat - bei allen kulturellen Unterschieden samt und sonders Länder, die wie wir die Erfahrungen von Krieg, Bürgerkrieg und Diktatur machen mussten. So viel Gewalt muss den Lebensnerv von Generationen beschädigt haben. Schuldzuweisungen und Panikmache sind die schlechtesten Mittel, ihn wieder hochzupäppeln."

Parallelen sieht man jedoch nur, wenn man die Geburtenraten traditionell berechnet. David A. COLEMANN hat jedoch im neuesten Heft des pro familia magazins viel differenziertere Erkenntnisse vorgelegt. Die Entwicklung in Ländern wie Italien, Spanien und Österreich ist anders verlaufen wie in Deutschland. Wer den dramatischen Geburtenrückgang in den neuen Bundesländern ausblendet, wer überhaupt die Zweiteilung Deutschlands ignoriert, der kann nicht erwarten, dass seine Überlegungen die Wirklichkeit in Deutschland einfangen können.

FACTS-Titelgeschichte: Wozu noch Kinder?
Neue Studien bezweifeln das Glück der Eltern

ALTHAUS, Nicole (2004): Wozu noch Babys?
Sie sind laut, Zeit raubend, unverschämt teuer: Kinder bedeuten in der Multioptions-Gesellschaft die Wahl, die am meisten einschränkt. Und nun zeigen Studien, dass Eltern keineswegs glücklicher leben als kinderlose Paare. Sind Mamas und Papas hoffnungslose Romantiker?
in: Facts Nr.19 v. 05.05.

Auch in der deutschsprachigen Schweiz bestimmt inzwischen die bevölkerungspolitische Debatte die Sicht auf die Kinderfrage. Es trifft sich deshalb gut, dass erst die Mindestens-Zwei-Kind-Familie so richtig glücklich ist. Auch Joachim BESSING ist natürlich mit seinem Rettet die Familie! vertreten. 

GREFE, Christiane (2004): Es ist halt passiert.
Viele Frauen bleiben kinderlos – aus den unterschiedlichsten Gründen. Aber seit Deutschland sich um die Zukunft der Sozialsysteme sorgt, müssen sie sich gegen den Vorwurf des Egoismus verteidigen. Ein persönlicher Bericht,
in: Die ZEIT Nr.20 v. 06.05.

"Zunehmend werden Kinderlose in Talk-Shows und Kommentaren als Asoziale dargestellt, die »weder ihr Geld noch ihre Zeit und Kraft mit anderen teilen«; die der Gesellschaft, wie der Buchautor Herwig Birg allen Ernstes schreibt, lebenslang beweisen müssen, dass ihr Handeln »dennoch mit den Geboten der Sittlichkeit übereinstimmt«.
Fast wünscht man sich bei solchen Übergriffen zurück in jene Zeiten, in denen man über Kinderlosigkeit nicht mal sprach
",

meint Christiane GREFE, die Kinderlose angesichts der sozialstaatlichen Verteilungskämpfe und dem Fortschritt der Reproduktionsmedizin einem wachsendem Rechtfertigungsdruck ausgesetzt sieht:

"Gegenüber Männern und Frauen ohne Kinder ist zwar laut Umfragen eine Mehrheit der Bevölkerung noch tolerant genug, jedem Einzelnen seinen Lebensentwurf zuzugestehen. Die meisten Bundesbürger lehnen etwa eine Kinderlosensteuer ab. Doch die Stimmung kippt.
Und obwohl es Alleinlebende gibt, die wenig verdienen und sich täglich in Vereinen für andere engagieren, und andererseits betuchte kinderreiche Familien, deren Horizont nur von der Zahl ihrer Urlaube bis zur Erhöhung ihrer Kontostände reicht, wird die Welt nicht mehr in Wohlhabende und Bedürftige, Chancenreiche und Abgehängte eingeteilt, sondern in Alt gegen Jung – oder egoistische Kinderlose gegen aufopfernde Nestbauer. So lässt sich auch von der Kompliziertheit der Gerechtigkeitsfrage trefflich ablenken. Meiner Klischierung zum Job- und Wellness-Maniac begegne ich jedenfalls immer öfter.
"

WINKELMANN, Ulrike (2004): Mackergeste rächt sich.
Auch Privatversicherte müssen Pflegebedürftige mitfinanzieren,
in: TAZ v. 07.05.

REINHARDT, Susie (2004): Marlene hat ganz andere Pläne.
Ist Kinderlosigkeit aus freien Stücken unweiblich?
in: Neue Zürcher Zeitung v. 08.05.

BARTZ, Dietmar (2004): Glücklich ohne.
Ein Mann wünscht sich keine Kinder. Weil er ein turbulentes Leben führt. Und weil er sich die Vaterschaft nicht zutraut. Für viele ist das nicht Grund genug. Ein Rechenschaftsbericht,
in: Die ZEIT Nr.21 v. 13.05.

HONDRICH, Karl Otto (2004): Die mittleren Jahre.
Wie kann der einzelne sich ein langes Leben in Wohlstand leisten, wenn er (demnächst) nur noch ein Viertel seines Lebens lang selbst Wohlstand schafft? Aufs Ganze gesehen: Können die beruflichen Leistungsträger in ihren besten Jahren alle anderen mitversorgen? Warum die Verhältnisse sich den vielen guten Einsichten widersetzen,
in: Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 18.05.

MIES, Petra (2004): Kind oder Karriere.
Nicht jede Frau wünscht sich Nachwuchs - und wenn, dann stehen oft Berufspläne oder betriebliche Realität im Weg,
in: Frankfurter Rundschau v. 21.05.

TREICHEL, Hans-Ulrich (2004): Das Mädchen mit der Geige.
Die Demografie-Katastrophe kommt. Und was machen die Kinderlosen? Melancholisch werden? Bücher lesen? Der Schriftsteller Hans-Ulrich Treichel geht in sich,
in: Welt v. 29.05.

MÜNCHHAUSEN, Anna von (2004): Der Kinderschreck.
Das Land vergreist, aber wer ist schuld daran? Frauen, die nur an Karriere denken? Von zögerlichen Männern ist in der Debatte um Kinder-Mangel selten die Rede,
in: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung v. 30.05.

WEBER-HERFORT, Christine (2004): Kinder? Nein danke!
Viele Frauen entscheiden sich heutzutage bewusst gegen Kinder. Zwei Versuche, die Motive der gewollt Kinderlosen zu ergründen und ihre Position zu stärken,
in: Psychologie Heute, Nr.6, Juni

Christiane WEBER-HERFORT stellt die Bücher von Susie REINHARDT und Shirley SEUL zum Thema gewollte Kinderlosigkeit vor.

WÜNDISCH, Barbara (2004): Die Mutter der sozialen Mütterlichkeit.
Gegen die biologische Bestimmung: Vor 100 Jahren wurde der Jüdische Frauenbund gegründet,
in: Frankfurter Rundschau v. 15.06.

WÜNDISCH stellt den Jüdischen Frauenbund und seine langjährige Leiterin Bertha PAPPENHEIM vor:

"Der Jüdische Frauenbund war Mitglied in nationalen ebenso wie in internationalen Frauenorganisationen. (...).
Dass er (...) erfolgreich war, ist sicher auch dem Charisma seiner langjährigen Leiterin Bertha Pappenheim zu verdanken. (...).
Sie selbst blieb unverheiratet und kinderlos. Aus ihren biographischen Erfahrungen speiste sich ihr soziales und religiöses Engagement. (...).
Pappenheim entwickelte den Begriff der »sozialen Mütterlichkeit«, der sich gegen eine biologische Bestimmung von Weiblichkeit wandte. Für sie war die kinderlose Frau, die sich für andere engagiert, eben so viel wert wie leibliche Mütter.
"

WINKELMANN, Ulrike (2004): Kein Herz für Kinderlose.
Rot-Grün will von Kinderlosen über 23 höhere Beiträge zur Pflegeversicherung. Grüner Plan, Altersverwirrte besser zu stellen, ist erst einmal vom Tisch. Nur: Wer gilt eigentlich als kinderlos?
in: TAZ v. 06.07.

OESTREICH, Heide (2004): Der Schröder-Defekt schlägt wieder zu.
Der Kanzler ärgert Kinderlose, anstatt die Pflege zu reformieren,
in: TAZ v. 06.07.

KUZMANY, Stefan (2004): Keine Kinder? Zur Kasse!
Kinderlose sollen mehr für die Pflegeversicherung bezahlen. Klingt einleuchtend. Mehr Kinder bekommen wir damit aber nicht,
in: TAZ v. 06.07.

Stefan KUZMANY fürchtet, dass durch die Strafsteuer für potenzielle Eltern - d.h. junge Kinderlose - das Kinderkriegen noch unattraktiver wird. Dieses Argument wurde von single-dasein.de bereits Anfang 2002 vorgebracht. In der öffentlichen Debatte war dies bislang jedoch nicht geschehen.

SIEMS, Dorothea (2004): Kinderlose an den Pranger?
in Welt v. 07.07.

VORKÖTTER, Uwe (2004): Sind Kinderlose asozial?
in: Berliner Zeitung v. 08.07.

Uwe VORKÖTTER beschreibt die Sicht des Bundesverfassungsgerichts und die Größenordnung, in der Kinderlose zukünftig bei der Pflegeversicherung schlechter gestellt werden sollen:

"Kinderlosigkeit, egal ob gewollt oder vom Schicksal bestimmt, wird als bevölkerungspolitische Verweigerungshaltung eingestuft und gilt insofern als asozial. Das rechtfertigt dann einen Strafbeitrag. Nur 0,25 Prozentpunkte, heißt es beschwichtigend, kein Grund zur Aufregung. Aber schon bei einem Bruttoeinkommen von 2 000 Euro monatlich macht das fünf Euro im Monat aus, aufs Quartal gerechnet mehr als die Praxisgebühr."

VORKÖTTER sieht darin vor allem ein falsches Signal für potenzielle Eltern:

"Der höhere Beitrag zur Pflegeversicherung soll für Kinderlose ab 23 Jahre aufwärts gelten. Die allermeisten 23-, 24- oder 25-Jährigen haben aber sehr wohl das Ziel, Kinder zu bekommen - nur nicht jetzt, sondern später. Sie verhalten sich durchaus vernünftig, beenden ihre Ausbildung, wollen beruflich Fuß fassen, um dann den Lebensunterhalt ihrer Familie aus eigener Kraft, nicht auf Kosten der Sozialkassen zu finanzieren. Dafür werden sie künftig bestraft. Überlegt die Politik sich noch, welche Signale sie der nachwachsenden Generation sendet?"

VORKÖTTER fordert, dass Familien nicht in der Sozialversicherung, sondern im Steuerrecht entlastet werden sollen:

"Wer Kinder in die Welt setzt, so die Logik der Richter, sorgt für die Beitragszahler von morgen - ohne Beitragszahler keine Sozialversicherung. Das stimmt soweit. Wie aber verhält es sich, zum Beispiel, mit der klassischen Familie mit zwei Kindern, wenn der Sohn sich später selbstständig macht und die Tochter Beamtin wird? Beide werden dann nicht in die gesetzliche Pflegekasse einzahlen, trotzdem kassieren ihre Eltern die Belohnung. Solche Fälle offenkundiger Ungerechtigkeit gibt es in Hülle und Fülle, wann immer die Sozialversicherung benutzt wird, um soziale Gerechtigkeit herbei zu führen. Sie eignet sich dafür nicht, das ist Sache des Steuerrechts. Beim Finanzamt muss der finanzielle Ausgleich zwischen Alleinstehenden, Verheirateten, Eltern und Kinderlosen hergestellt werden. Dort ist bisher vor allem die Ehe privilegiert, nicht die Familie. Diese gesellschaftspolitische Fehlentscheidung steht allerdings seit jeher unter besonderem Schutz der Verfassungsrichter."

ILLIES, Christian (2004): Der Ethikrat.
Philosophische Hilfestellungen (156. Folge). Für Zeugungsfaule Paare,
in: Die ZEIT Nr.29 v. 08.07.

Christian ILLIES ist offenbar ein Witzbold, denn ausgerecht der Single Kant ist sein Gewährsmann, um zeugungsfaulen Paaren die Leviten zu lesen!
Das wird noch kurioser, wenn ausgerechnet der Pedant Kant den Kinderlosen den Perfektionismus austreiben soll...

WINKLER, Matthias (2004): Borderline der Gürtellinie.
Demagogische Demografen. Wider die Verächter der Kinderlosigkeit,
in: Freitag Nr.29 v. 09.07.

"In den letzten Jahren gab es etliche reißerische Medientitel wie Zurück zur Familie (Spiegel) oder Sind Kinderlose jetzt Sozialschmarotzer"? (Stern). Eine sachliche Diskussion aber, statt emotional getränkter Tiefschläge, ist das, was wir zuallererst brauchen. Eine pluralistische Gesellschaft lebt schließlich von ihrer Toleranz der Individuen. Demagogische Demografen und moralinsaure Geburtenregler sind da nicht wirklich hilfreich. Vielmehr sollten sich die Verächter der gewollten Kinderlosigkeit einfach daran gewöhnen, dass da von einem Teil der Gesellschaft ein neuartiger Lebensstil gelebt und geprägt wird, der alles andere als bedrohlich ist",

fordert der gewollt kinderlose Matthias WINKLER, der sich zu den Frühentscheidern zählt:

"Als gewollt Kinderloser sollte man sich beizeiten ein dickes Fell zulegen. (...).
Der »Egoismus«-Vorwurf ist (...) der wohl populärste und dennoch nur das erste Glied in einer langen Kette von Vorurteilen und Vor-Verurteilungen, denen sich die Kinderlosen ständig ausgesetzt sehen. Wohl denen, die da wenigstens alleine sind, greift doch bei ihnen das double-income-no-kids-Argument nicht sogleich, wenn die Gegnerschaft auch nicht müde wird zu betonen, dass Steuern zahlen allein den Generationenvertrag ja wohl nicht retten könne. Jetzt sind wir also auch noch Schuld an der Unsicherheit der Renten. All denen, die daran glauben, sei hier mitgeteilt, dass auch
unsere Altvorderen vom Beginn bis in die 30er Jahre des letzten Jahrhunderts es nicht zum, für einen funktionierenden Generationenvertrag entscheidenden, Reproduktionsniveau schafften. Heißt, schon vor 70 Jahren wurden nicht genügend Kinder geboren, um das Bevölkerungsniveau konstant zu halten.
Ein anderes Vorurteil, das sich so hartnäckig hält wie vermeintliche Eisenanteile in Spinat, ist die Einsamkeit der Kinderlosen im Alter. Ein echtes Ammenmärchen. Schließlich ist alles andere als bewiesen, dass Kinderreiche per se im Alter besser dran wären, was die Quantität und Qualität ihrer Sozialkontakte oder die Bereitschaft ihrer Kinder zur Versorgung und Pflege anginge. Längst ist nicht mehr selbstverständlich, dass die eigenen Kinder im Alter für Betreuungsaufgaben zur Verfügung stehen, und in den wenigsten Familien leben mehr als zwei Generationen dauerhaft unter einem Dach.
"

NUNGEßER, Karin (2004): Das Kinderwunsch-Kontinuum.
Im Gespräch. Die Psychologin Christine Carl über die Entscheidung für oder gegen Kinder,
in: Freitag Nr.29 v. 09.07.

WAGNER, Gert G. (2004): Teilkasko mit hohem Risiko.
Die Absicherung der Pflegekosten ist nur vom Staat zu organisieren. Vernünftig diskutiert wird dies wohl erst, wenn die Beiträge dafür nicht mehr die Lohnkosten belasten,
in: TAZ v. 10.07.

Gert G. WAGNER wendet sich u. a. gegen die geforderte Bestrafung der Kinderlosen in der Pflegeversicherung (mehr hier).

KAUFMANN, Franz-Xaver (2004): Gibt es einen Generationenvertrag?
Gerechtigkeit zwischen den Generationen, Verträge mit Ungeborenen: Was steckt hinter den politisch aufgeladenen Begriffen? Die Gerechtigkeit ist es nicht, der gängigen Lesart entsprechend, in erster Linie eine Frage der Finanzen. Sie hängt vor allem an der Zahl der Geburten und der damit verbundenen Bevölkerungsentwicklung,
in: Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 12.07.

Der Soziologe Franz-Xaver KAUFMANN, Angehöriger der Flakhelfer-Generation, verlässt mit diesem Artikel den Boden der seriösen Wissenschaftlichkeit und mischt sich parteiisch in die politische Debatte ein (mehr hier).

STÖTZEL, Regina (2004): Demografie schadet nie.
Kinderlose sollen mehr Geld in die Pflegekasse einzahlen. Das bedeutet einen Schritt weg vom so genannten Solidarsystem, hin zur Bevölkerungspolitik. von regina stötzel,
in: Jungle World Nr.30 v. 14.07.

Lebenslang Kinderlose sind erstens eine unbedeutende Minderheit (die jedoch rhetorisch zur Mehrheit stilisiert wird) und haben zweitens - im Gegensatz zur Familie - keine Lobby, weswegen die Kritik an den Plänen der Bundesregierung, Kinderlose mit höheren Beiträgen zu bestrafen, ohne großen Protest blieb. Kinderlose werden damit wie Sozialschmarotzer oder Asoziale behandelt. Dies verdeckt dann die entscheidende Tatsache, dass mit der Beitragserhöhung für Kinderlose eine weitere Verschiebung des gesellschaftlichen Konflikts einhergeht, den Regina STÖTZEL folgendermaßen beschreibt:

"In der vergangenen Woche einigten sich nunmehr »Pflegeexperten« der SPD und der Grünen darauf, im Januar den Beitrag zur Pflegeversicherung für Kinderlose ab 23 Jahre um 0,25 Prozent bis zur Bemessungsgrenze von 3 487,50 Euro Einkommen, also um maximal 8,72 Euro zu erhöhen. Na und? Der Betrag scheint gering, die Familie liegt der Nation am Herzen, und alle wollen im Alter irgendwie versorgt sein. Also wird allenfalls darüber debattiert, ob die Kinderfrage nach den Angaben auf der Lohnsteuerkarte oder nach der Erziehungstätigkeit zu beantworten sei und ob Paare dagegen klagen könnten, die aus medizinischen Gründen keinen Nachwuchs in die Welt setzen können.
Die Pflegeversicherung, wie auch die Krankenversicherung, wurde einmal paritätisch, also zu gleichen Teilen von den Unternehmern und den Lohnabhängigen finanziert. (...). Mit der »Privatisierung« des Zahnersatzes und der einseitigen Beitragserhöhung fürs Krankengeld wird der Zuschlag für Kinderlose ein weiterer Schritt sein, der von der paritätischen Finanzierung wegführt.
Indem eine Bemessungsgrenze festgeschrieben wird, werden diejenigen, die richtig viel Geld verdienen, quasi von der Regelung ausgenommen. Denn die können über den Höchstsatz von 8,72 Euro nur lachen."

Bei single-generationn.de wurde diese Umverteilung von den Arbeitnehmern zu den Unternehmern und von den Armen zu den Reichen als Credo des subsidiären (katholischen) Sozialstaats beschrieben.
STÖTZEL sieht in dem erhöhten Beitrag für Kinderlose in der Pflegeversicherung jenes Prinzip wirken das von Hans-Werner SINN für die Rentenversicherung vorgeschlagen wird (vor kurzem hat der Soziologe Franz-Xaver KAUFMANN dieses Modell geadelt):

"Im Urteil des Bundesverfassungsgerichts steht, dass Personen, »die Kinder betreuen und erziehen«, nicht in gleicher Weise belastet werden dürfen. Nach der neuen Regelung brauchen jedoch auch die Eltern erwachsener Kinder nicht mehr zu zahlen. Es geht also nicht um die Entlastung in einer für Mütter und / oder Väter möglicherweise finanziell schwierigen Zeit. Man fühlt sich eher an Ideen von Unionsmitgliedern erinnert, den Erhalt der vollen Rente von der Zahl der Kinder abhängig zu machen. Das schlug zum Beispiel Angela Merkel im vergangenen Jahr vor und berief sich auf den Präsidenten des Instituts für Wirtschaftsforschung in München, Hans-Werner Sinn, Vater von drei Kindern, der schon vor Jahren erklärt hatte, nur Paaren, die mindestens drei Kinder aufzögen, solle im Alter die volle Rente ausgezahlt werden."

STÖTZEL beschreibt die Methoden, mit denen der Klassenkampf von oben durchgesetzt wird:

"Um den Ausstieg aus dem Solidarsystem, nach dem auch die Jungen für die Alten sorgen sollten, unabhängig vom gewählten Lebensentwurf, widerstandslos über die Bühne zu bringen, werden zwei Mittel bemüht: das Horrorszenario einer »vergreisten« Gesellschaft und eine Rhetorik, die stets beschwört, die einen lebten »auf Kosten« der anderen. Was man, bezogen auf Faulenzer und Drückeberger, längst kennt, lautet jetzt so: »Wer, als Kinderloser, die halbe Million Euro (Existenzminimum), die zum Großziehen von drei Kindern mindestens nötig wäre, im Frühling des Lebens für Tauchurlaube ausgibt, kann nicht im Herbst die Sparbücher seiner Eltern plündern; die werden überdies leer sein.« (Die Zeit)"

Desweiteren verdeutlicht STÖTZEL die sozialpolitische Demagogie, mit der Bevölkerungspolitiker und Familienpolitiker das Problem der Sozialversicherungen auf den demografischen Aspekt verkürzen.
STÖTZEL zeigt auf, dass sowohl die Kosten der deutschen Einheit als auch die strukturelle Massenarbeitslosigkeit die Probleme der Sozialversicherungen entscheidender prägen als der beschworene demografische Wandel.

GERLACH, Irene (2004): Familienpolitik, Wiesbaden: Verlag für Sozialwissenschaften

Familienpolitik

Das Ausmaß ungewollter Kinderlosigkeit in Deutschland

"Das Ausmaß gewollter Kinderlosigkeit liegt in Deutschland bei unter 10 % (wobei die methodische Trennung zwischen unterschiedlichen Arten der Kinderlosigkeit problematisch ist)(...). Denn nicht ausschließlich Fertilitätsstörungen können hier zur Rubrik »ungewollte Kinderlosigkeit« gezählt werden. Auch aufgeschobene oder mangels langfristiger Partnerschaft nicht zustande gekommene Schwangerschaften sind nicht im eigentlichen Sinne »gewollt« (genauer: Onnen-Isemann 2000)."
(2004, S.85)

MÜNCHHAUSEN, Anna von (2004): "Eltern haben das Erziehen verlernt".
Bundesfamilienministerin Renate Schmidt über vernachlässigte Kinder, berufstätige Mütter und arme Familien,
in: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung v. 18.07.

BECKER, Lisa (2004): Mehr Krippen machen uns auch nicht kinderfreundlich.
Bis 2010 soll es in Westdeutschland 170 000 neue Kinderbetreuungsplätze geben. Bringt nichts, sagen Wissenschaftler: Zumindest nicht für die Geburtenrate,
in: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung v. 18.07.

Lisa BECKER verteidigt die Interessen der alten Mitte-Eliten und damit die Managerehe. Mit Gary BECKER fordert sie die Privatisierung der Kinderbetreuung. Die Vertreter neokonservativer Think-Tanks (so z.B. Rainer KLINGHOLZ vom Berlin-Institut für Weltbevölkerung und globale Entwicklung oder Stefanie WAHL, die Meinhard MIEGEL ab und an öffentlich vertreten darf) dürfen ihrer Geringschätzung öffentlicher Kinderbetreuung Ausdruck verleihen.

Gewiss ist es richtig, dass die Infrastruktur für berufstätige Mütter nur für ein bestimmtes Milieu bedeutsam ist, weshalb es sich hier um einen Kulturkampf der Eliten handelt, bei dem der Rest der Bevölkerung die negativen Folgen zu tragen hat.

Lisa BECKER schreibt, dass in Deutschland im Gegensatz zu Frankreich die gewollte Kinderlosigkeit bei zwei Dritteln der Deutschen ein erstrebenswerter Lebensentwurf sei. Wann und von wem diese Umfrage durchgeführt wurde, wird jedoch nicht erwähnt. Dagegen lässt sich inzwischen empirisch nachweisen, dass auch in Deutschland das Ende des Geburtenrückgangs eingesetzt hat. Der Bevölkerungswissenschaftler DORBRITZ hat in den aktuellen BIB-Mitteilungen geschrieben:

"Die bislang für einen westdeutschen Geburtsjahrgang niedrigste endgültige Kinderzahl wird mit 1439 für die 1968 geborenen Frauen geschätzt. Für die danach geborenen Frauen (1969, 1970) erwarten wir mit 1456 bzw. 1472 leichte Anstiege der endgültigen Kinderzahl. Der Rückgang der endgültigen Kinderzahlen, der bereits seit dem Jahrgang 1933 (2224) bestand, ist damit abgeschlossen."

HERZINGER, Richard (2004): Die Kassenwarte der Moral,
in: DeutschlandRadio v. 21.07.

Kinderlose sollen höhere Beiträge für die Pflegeversicherung zahlen. Richard HERZINGER beschreibt den Prozess, in dem Lebensstilgruppen in den Fokus einer solchen Politik geraten:

"Immer unverhohlener wird nämlich von Seiten der politischen Klasse versucht, durch gesetzgeberische und steuerpolitische Maßnahmen wertend in die Lebensgewohnheiten der Bürger einzugreifen und sie in eine von oben gewünschte Richtung zu lenken. Das funktioniert so: Erst wird eine bestimmte Verhaltenweise oder ein bestimmter Lebensstil als sozial besonders problematisch eingestuft. Dann wird, gestützt auf vermeintlich zwingende wissenschaftliche Erkenntnisse, dringender »Handlungsbedarf« ausgerufen. Sodann werden Wege ersonnen, bei den Bürgern, die solch unerwünschten Lebensweisen anhängen, zusätzlich abzukassieren."

Auf single-generation.de wird dieser Prozess der politischen Konstruktion (z.B. anhand der Geburtenkrise) dokumentiert und analysiert.

KLEIN, Michael (2004): Feindbild Kinderlose.
Wer keinen Nachwuchs hat, wird vom Sozialsystem zu Unrecht bestraft,
in: Welt v. 29.07.

BÜSSER, Muriel (2004): Kinderlose gegen Eltern.
1,4 Kinder pro Frau sind zu wenig,
in: Rheinischer Merkur Nr.32 v. 05.08.

WALTER, Birgit (2004): Es fehlt an brauchbaren Vätern.
Zwölf Frauen erklären, warum sie keine Kinder haben und ob sie deswegen etwas vermissen,
in: Berliner Zeitung v. 16.08.

"Wer fragt schon eine Frau ohne Kind, warum sie eine Frau ohne Kind ist?"

Birgit WALTER sieht hinter dieser Frage nur Abgründe lauern, weswegen Nicht-Verwandte sich vor falschen Fragen hüten sollten.
Politiker hüten sich dagegen nicht vor falschen Fragen. Nein! Die öffentliche Debatte fragt erst gar nicht, sondern hat die Antworten schon parat. Dem gesellschaftlichen Geständniszwang durch den öffentlichen Diskurs hat Viola ROGGENKAMP mit ihrem Buch Genüge getan. WALTER bringt den kinderlosen Karrierefrauen, die ihre Motive offen legen, jedoch viel Unverständnis entgegen. Weder findet sie Beruf und Familie unvereinbar, noch lässt sie das Fehlen akzeptabler Männer als Rechtfertigung der Kinderlosigkeit in Deutschland gelten. Für WALTER ist Kinderlosigkeit stattdessen das Ergebnis der widernatürlichen Rationalität moderner Frauen:

"Die Entscheidung trifft nicht der Intellekt, sondern der Instinkt. Und der wird nun zunehmend gestört durch die Unabhängigkeit der Frau, den Anspruch an ihr Leben, die gesellschaftlichen Umstände."

WIN (2004): Erfolgreiche Menschen haben kaum Sex,
in: Welt am Sonntag v. 29.08.

Im Kulturkampf gegen kinderlose Doppelverdiener haben US-amerikanische Forscher den DIN kreiert: Double Income No Sex.
WIN schreibt dazu:

"Künftig können Sie aufhören, das Vorzeigepärchen aus dem Nachbarhaus zu beneiden. Beide sehen toll aus. Beide sind ultraerfolgreich. Wahrscheinlich aber sind es »Dins«, und denen fehlt etwas Entscheidendes: Sex."

Thema des Tages: Höherer Beitrag für Kinderlose zur Pflegeversicherung

SIRLESCHTOV, Antje (2004): Kinderlose zahlen mehr in die Pflegekasse.
Rot-Grün nimmt Rentner von Zusatzabgabe aus,
in: Tagesspiegel v. 01.09.

Die Bundesregierung muss bis 2005 das  Bundesverfassungsgerichtsurteil zur Pflegeversicherung umsetzen. Wie dies geschehen soll, wird derzeit in den Mitte-Medien verhandelt.
Welche Gruppe soll am Ende die höheren Beiträge tatsächlich zahlen, wenn "kinderlose" Rentner; junge Kinderlose unter XY-Jahren; Mütter und Väter, deren Kinder bereits gestorben sind usw. keine höheren Beiträge zahlen?

Am Ende bleiben potenzielle Eltern und lebenslang Kinderlose im erwerbsfähigen Alter übrig. Erstere müssten dann die Rückzahlung ihrer zuviel gezahlten Beiträge bei Geburt ihres ersten Kindes einklagen. Letztere werden die Pflegeversicherung jedoch nicht entscheidend entlasten, denn lebenslang kinderlos sind bislang nicht mehr als 15 - 20 % der Frauen im gebärfähigen Alter. Alle höheren Zahlen beruhen auf Schätzungen.

International renommierte Demografen wie John BONGAARTS haben nachgewiesen, dass die in Deutschland gängige Meßmethode zu gravierenden Überschätzungen der Kinderlosigkeit führen kann.
Für Dänemark hätte z.B. eine Schätzung nach der deutschen Methode in den 80er Jahren eine Kinderlosigkeit von 32 % ergeben. Tatsächlich blieben nur 12 % der 1960 Geborenen kinderlos. (Nachzulesen im Beitrag The End of the Fertility Transition in the Developed World, 2002, S.429)

Die Behauptung, dass Rentner ihren generativen Beitrag allesamt erfüllt haben, gehört ins Reich der Märchen. Vielmehr profitieren die Älteren von der Gnade des günstigen Bevölkerungsaufbaus, während Jüngere durch den katholischen Sozialstaat zur Schicksalsgemeinschaft gemacht werden. Wer sich dagegen nicht wehrt, der lebt verkehrt...

DURAK, Elke (2004): Sager bedauert Entscheidung zur Pflegeversicherung.
Interview mit der Fraktionsvorsitzenden von Bündnis 90/Die Grünen,
in: DeutschlandRadio v. 01.09.

Die Grüne Krista SAGER befürchtet "kulturkampfähnliche Debatten" angesichts der Abgrenzungsprobleme hinsichtlich des Kriteriums "Kinderlosigkeit":

"Durak: Frau Sager, ich hätte noch eine kurze Frage zu einem Detail der Pflegeversicherung, denn eines soll ja ab 2005 kommen, dass Kinderlose einen Zuschlag von 0,25 Prozentpunkten zahlen sollen. Rentner nicht, aber Langzeitarbeitslose schon. Die Union hat einen anderen Vorschlag. Die Union will nicht Kinderlose sozusagen bestrafen, sondern Familien fördern. Ist das nicht viel gerechter, denn es gibt ja so viele Gründe, kinderlos zu sein?
Sager: Mit dieser Abgrenzung der Kinderlosigkeit haben auch wir Probleme. Das haben wir auch der SPD deutlich gesagt, dass wir glauben, dass wir dort in eine Menge von schrägen Gerechtigkeitsdiskussionen, kulturkampfähnlichen Debatten und jeder möglichen Art von Abgrenzungsproblemen hineingeraten werden. Wir müssen aber dieses Urteil umsetzen. Wir wollen als Grüne natürlich auch nicht, dass die Pflegeversicherung im nächsten Jahr nicht mehr weiter funktioniert, weil die Beiträge nicht mehr erhoben werden können. Wenn die Union jetzt sagt, sie will die Kinderlosen entlasten, dann würde ich gerne mal von der Union hören, wo dann das Geld herkommen soll."

WINKELMANN, Ulrike (2004): Grüne wollen die Rentner nicht schonen.
Ulla Schmidts Vorschlag zur Belastung Kinderloser in
der Pflegeversicherung stößt auf Kritik: "Flickschusterei",

in: TAZ v. 02.09.

BERGER, Christine (2004): Keine gute Unterhaltung.
Das laue Leben als kinderlose, geschiedene, mittellose Ehefrau auf Kosten des Ex-Gatten soll bald vorbei sein,
in: TAZ v. 23.09.

Anhörung im Gesundheitsausschuss des Bundestages zum "Kinderberücksichtigungsgesetz" am 22.09.

BERGIUS, Michael (2004): Pflege-Malus sorgt für Unmut.
Sozialministerin Ulla Schmidt (SPD) gerät unter Druck: In seltener Einhelligkeit haben Experten ihr geplantes "Kinderberücksichtigungsgesetz" als unzureichend kritisiert,
in: Frankfurter Rundschau v. 23.09.

Michael BERGIUS berichtet über die Anhörung zur Änderung der Pflegeversicherung, liefert Hintergründe und einen Kommentar.
BERGIUS zitiert Experten wie den Verfassungsrichter Helge SODAN, Franz RULAND von der Rentenversicherung, den Wirtschaftsprofessor Johann EEKHOFF und den Bremer Sozialforscher Heinz ROTHGANG.
Uneinigkeit besteht darüber, wer in die Kategorie "kinderlos" fallen soll, denn eines hat die Anhörung klar gemacht: kinderlos ist nicht gleich kinderlos...

KLEIN, Michael (2004): Mythos Kinderwunsch.
Da hilft kein Elterngeld: Viele Männer können sich etwas anderes vorstellen, als Papa zu werden,
in: Welt v. 25.09.

EUBEL, Cordula (2004): Arbeitslose zahlen für Pflege weniger.
Nur erwerbstätige Kinderlose sollen mehr in Versicherung einzahlen,
in: Tagesspiegel v. 27.09.

Die umstrittene Strafsteuer für Kinderlose soll, trotz massiver Expertenkritik, bereits am Freitag im Bundestag verabschiedet werden.
Da Singles im Gegensatz zu Familien keinerlei Lobby besitzen, ist kein politischer Widerstand zu erwarten. Wer als "Kinderloser" im Sinne des neuen Gesetzes gelten wird, darüber darf weiterhin gerätselt werden.
Nach Hilde MATTHEIS, der pflegepolitischen Sprecherin der SPD, sollen arbeitslose Kinderlose keinen Beitrag leisten, genauso wenig wie Kinderlose, die vor 1940 geboren wurden. Eine Entlastung für die Pflegeversicherung dürfte daraus kaum entstehen, eher geht es hier um einen symbolischen Einstieg in die große Entsolidarisierung, den eine wehrlose Minderheit zu schultern hat. Der neokonservative Intellektuelle Paul NOLTE verhöhnt die Singles in seinem Wörterbuch der Reform-Sprachstörungen im
aktuellen Kursbuch folgendermaßen:

"Singles: Zunehmend stigmatisierte Population dauerhaft kinderloser Erwachsener, die Eltern haben, aber keine sein wollen. Früher als Leitbild freier Lebensführung gepriesen, geht ihnen jetzt der Spaß an der Spaßgesellschaft verloren. Höhere Beiträge zur Pflegeversicherung werden nicht das letzte Wort sein."

Thema des Monats Oktober wird anlässlich der zunehmenden Diskriminierung von Singles ein KLEINES WÖRTERBUCH DES SOZIALPOPULISMUS sein, in dem u. a. die Hintergründe der zunehmenden Singlefeindlichkeit verdeutlicht und die sozialpopulistischen Strategien und deren Ansatzpunkte aufgedeckt werden.

MIHM, Andreas (2004): Etikettenschwindel,
in: Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 28.09.

Andreas MIHM kommentiert, die Meldung, dass kinderlose Langzeitarbeitslose von der Zuzahlung in die Pflegeversicherung befreit werden. Nach MIHM handelt es sich bei dieser Regelung des geplanten Kinderberücksichtigungsgesetzes nicht um einen Akt der Menschlichkeit, sondern um eine Finanzierungsfrage, denn für die Zuzahlungen der Langzeitarbeitslosen hätte die Regierung aufkommen müssen.

TENZER, Eva (2004): Vater werden?
Neue Studie untersucht die Motive kinderloser Männer
,
in:
Psychologie Heute, Nr.10, Oktober

DASSLER, Sandra (2004): Neue Frauen hat das Land.
Die Berufswelt ändert sich. Frauen kommen damit besser klar – die Humboldt-Uni hat das erforscht,
in: Tagesspiegel v. 01.10.

Sandra DASSLER berichtet über eine soziologische Studie von Hildegard Maria NICKEL. Danach ist der flexible Mensch weiblich. Wie DASSLER von den weiblichen Bankangestellten auf die 40 % kinderlosen Akademikerinnen kommt, das bleibt ihr Geheimnis, passt aber zur politischen Konstruktion der Geburtenkrise, weswegen das gar niemand mehr so genau wissen will...

ADAM, Konrad (2004): Lohn ohne Leistung,
in: Welt v. 04.10.

Singlefeind Konrad ADAM polemisiert gegen Kinderlose:

"Eltern wollen mehr für sich behalten und weniger für andere bezahlen, weniger für Kinderlose wie Michael Klein, Gunnar Heinsohn oder Katharina Rutschky. Weniger für diejenigen also, die sie seit Jahren darüber aufklären, wie schön und frei das Leben ohne Kinder sei. Dagegen wäre wenig einzuwenden, wenn sie mit dem Begriff der Eigenständigkeit Ernst machen und auf ihren Alterslohn, das Gegenstück zum Kinderaufwand, verzichten würden. So konsequent ist allerdings bislang noch keiner von ihnen gewesen. Sie wollen auch da ernten, wo sie nicht gesät haben."

Ein Marktradikaler wie Anthony de JASAY sieht das ganz anders. Er würde ADAM entgegen halten, dass ein staatlicher "Alterslohn" ganz abgeschafft gehöre. Dies wäre ADAM auch nicht recht...

KUPCZIK, Ingrid (2004): Viele Wege führen ans Licht der Welt.
Zwei Millionen Paare in Deutschland sind ungewollt kinderlos. Etwa in der Hälfte der Fälle liegt es an den Männern. Das Alter der Frauen, die mit künstlicher Befruchtung nachhelfen, steigt. Stigma des Versagens - künstliche Befruchtung ist für Eltern ein Tabuthema,
in: Welt am Sonntag v. 17.10.

FEDDERSEN, Jan (2004): Frau, ledig, kinderlos.
Ein Raunen geht durch Deutschland: Kann Annette Schavan Ministerpräsidentin von Baden-Württemberg werden?
in: TAZ v. 28.10.

BORK, Uwe (2004): Wer wünscht sich Kinder?
Gerät Deutschlands soziale Schichtung ins Rutschen?
in: DeutschlandRadio Berlin v. 06.12.

Uwe BORK echauffiert sich über das "gespaltene Fertilitätsverhalten" in Deutschland. Diesen Begriff hat er von Uta MAIER übernommen. BORK tut so als ob es ein völlig neuartiges Phänomen sei, dass mit steigendem Bildungsniveau die Anzahl der Kinder abnimmt. Es ist jedoch ein sehr stabiles Muster.

Was jedoch verwundert, dass es keinerlei differenzierte Daten über Akademikerkinderlosigkeit gibt. So verbreitet BORK Kinderlosenzahlen der Akademikerinnen, die bereits 1999 fast gleich lautend im Spiegel zu lesen waren. Offenbar will das aber gar niemand so genau wissen, denn der Begriff der gespaltenen Fertilität kann vielerlei verdecken.

Sind Akademikerfrauen kinderlos, weil sie sich Kinder nicht leisten können, oder weil sie keinen standesgemäßen Beruf finden?
Welchem Milieu entstammen die kinderlosen Akademikerinnen? Waren ihre Eltern selber AkademikerInnen oder handelt es sich dabei um Aufsteigerinnen, deren Aufstieg das Kinderhaben unmöglich machte?
Erst wenn es darüber Informationen gäbe, wäre eine sinnvolle Debatte über das Elterngeld möglich.
Die gegenwärtige Debatte ist dagegen elitärer Sozialpopulismus.

BERGIUS, Michael (2004): Malus für Kinderlose verwirrt Rentner.
Versicherungsanstalten belehren über "Elterneigenschaften". Ansturm auf Hotlines,
in: Frankfurter Rundschau v. 24.12.

In Deutschland wird viel über Kinderlosigkeit gesprochen und das seit mehreren Jahrzehnten. Dennoch weiß niemand wie viele Kinderlose es in Deutschland überhaupt gibt. Nur Sozialpopulisten wissen das genau. Das "Kinder-Berücksichtigungsgesetz" definiert nun erstmals - zumindest für die Pflegeversicherung - , wer in Deutschland als kinderlos gilt:

"Eltern im Sinne des Gesetzes sind leibliche Eltern, Adoptiv-, Stief- und Pflegeeltern. Ein Kind befreit beide Elternteile von dem erhöhten Beitrag".

Die Strafsteuer müssen aber nicht alle Kinderlosen zahlen, ausgenommen sind:

 "Kinderlose unter 23 sowie Renten-Bezieher, die vor dem 31. Dezember 1939 geboren wurde"

Die im Bericht genannten Verwirrungen betreffen also nur Rentner, die noch keine 65 Jahre alt sind. Dies ist immerhin eine Gruppe von ca. 4,3 Millionen Personen.
Bislang galten in der Rentenversicherung als Kinderlose, Personen, denen keine Kindererziehungszeiten angerechnet wurden. Der in der Pflegeversicherung angewandte Kinderlosenbegriff ist nicht deckungsgleich mit jenem in der Rentenversicherung, weswegen die Erfassung der Kinderlosen Probleme bereitet.
Es ist davon auszugehen, dass der Kinderlosenbegriff in den nächsten Jahren durch die verstärkte bevölkerungspolitisch motivierte Sozialpolitik des öfteren neu definiert werden muss.

 
     
 
       
   

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Update: 30. Dezember 2017