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Kommentierte Bibliografie

 
       
   

Sind Singles schuld an der Wohnungsnot in Deutschland? 

 
       
   

Eine Bibliografie der Debatte

 
       
       
   

Die Chronologie der Debatte

 
   
     
 

Kommentierte Bibliografie (Teil 4: 2014 - 2015)

STATISTIKAMT NORD (2014): Rund eine Million Haushalte in Hamburg,
in: Pressemitteilung des Statistikamt Nord v. 07.01.

"Vor allem die Zahl der Einpersonenhaushalte hat deutlich abgenommen. Sie sank von 517 000 in 2011 auf 505 000 im Jahr 2012. Allerdings war der Anteil der Einpersonenhaushalte an allen Haushalten in Hamburg mit 50 Prozent nach wie vor sehr hoch.
Der Rückgang der Einpersonenhaushalte zeigt sich besonders bei den jüngeren Altersgruppen: Bei den 30- bis unter 45-Jährigen nahm die Zahl der Alleinlebenden gegenüber dem Vorjahr deutlich um rund 14 Prozent ab. Bei den unter 35-Jährigen betrug der Rückgang rund sieben Prozent. Die Generation der 50- bis unter 65-Jährigen verzeichnet entgegen dem Trend einen Zuwachs um neun Prozent
",

meldet das Statistikamt Nord. Das Hamburger Abendblatt, in dem gerne gemeldet wird, dass Singles an den steigenden Mietpreisen Schuld seien, will nun wissen, dass am Rückgang der "Single-Haushalte" der Wohnungsmarkt Schuld sei:

"Laut Siegmund Chychla vom Mieterverein zu Hamburg ist diese Entwicklung als Spiegel der angespannten Wohnungsmarktlage und der hohen Mietpreise in Hamburg zusehen. »Der Trend zum Alleineleben in Hamburg scheint gebrochen«, so Chychla."

Tatsächlich sagen die gemeldeten Zahlen gar nichts darüber aus, ob der Trend zum Alleinleben rückläufig in Hamburg sei. Dazu wären Zahlen zum prozentualen Anteil von Alleinlebenden im Vergleich zu gleichaltrigen Nicht-Alleinlebenden notwendig. Der Rückgang der absoluten Zahlen könnte genauso gut auf einen Rückgang der Bevölkerung in den entsprechenden Altersgruppen hindeuten.

Vergleicht man die Daten des Mikrozensus 2011 mit dem des Jahres 2012, dann lässt sich bei den 30-45Jährigen einen Rückgang der Bevölkerung feststellen, der jedoch geringer ausfällt als der Rückgang der Alleinlebenden. Eine genaue Analyse ist jedoch nicht möglich, da in den Statistischen Berichten die Haushaltsgröße nicht nach Altersgruppen untergliedert wird.

HECHT, Patricia (2014): "Die Mieten steigen extremer als in New York".
Wohnen
: Berlins Initiativen gegen Verdrängung können viel vom Protest in New York lernen, sagt Lisa Vollmer, die beide Bewegungen vergleicht. Zum Beispiel, wie professionell sich die Gruppen in der US-amerikanischen Stadt organisieren und damit etabliert haben,
in:
TAZ Berlin v. 08.01.

KULLMANN, Katja (2014): Y wie Yuppie-Bashing.
Populismus A-Z
,
in:
Freitag Nr.2 v. 09.01.

"Seit einer Weile steht jetzt wieder der Achtziger-Jahre-Slogan »Yuppies raus!« überall dort, wo die Mieten steigen und der Platz für das Wort »Gentrifizierungs-Alarm« nicht reicht. Der Yuppie wird als anonymisierte Sündenbock-Figur gehasst. Daraus spricht die Sehnsucht nach einem klaren Feindbild",

meint Katja KULLMANN. Ihre Empfehlung:

"Klüger wäre es (...) »Studies raus!« oder »Künstler-Prekariat, go home!« zu sprühen."

KULLMANN ist in diesem Sinne auch den 1980er Jahren verhaftet, als die Gentrifizierungstheorie von einem Schema F-Gentrifizierungszyklus ausging, der mit Pionieren, also Studenten und Künstlern begann, denen die Gentrifier - also die Verdränger - nur folgten. In der Realität ist Gentrifizierung dagegen historischen und geografischen Gegebenheiten unterworfen, d.h. der Gentrifizierungsprozess wandelt sich. Viel interessanter ist deshalb zu fragen, wer sind die Kritiker und wer sind die Verteidiger und welche Interessen verfolgen diese Gruppen.

Heutzutage gilt Gentrifizierung als "notwendiges Übel", insbesondere dann, wenn dadurch gut verdienende junge Familien (Family-Gentrifier) in der Stadt bleiben, statt in die Vororte weiterzuziehen. Gentrifizierung kam in den 1980er Jahren ja überhaupt nur dadurch in den Blickpunkt, weil damals Kinderlose bzw. Singles wie Studenten und Künstler in die Großstädte drängten, während Familien (noch) vermehrt in die Suburbs zogen - nicht unbedingt weil sie verdrängt wurden, sondern weil das Eigenheim als der ideale Platz für die Aufzucht von Kindern erschien. Erst durch den Wandel der Familie und die dadurch entstehende Problematik der Vereinbarkeit von Beruf und Familie wurde Gentrifizierung zum Thema.

LOBENSTEIN, Caterina (2014): Muss das sein?
Dossier: In immer kürzeren Abständen kommen neue Autos, Handys, Fernseher auf den Markt. In immer schnellerem Rhythmus wechseln die Menschen Wohnort, Arbeit und Partner. Darüber haben wir vergessen, was Anfangen wirklich bedeutet. Ein Essay
,
in:
Die ZEIT Nr.3 v. 09.01.

"Im vergangenen Jahr mussten in Deutschland 26 000 Unternehmen Insolvenz anmelden. Trotzdem ist die Arbeitslosigkeit so niedrig wie seit Jahrzehnten nicht. Ein Grund dafür ist, dass die Deutschen mehr als je zuvor bereit sind, neu anzufangen. Sie wechseln nicht nur ihren Job, sondern, wenn nötig, auch den Wohnort. Laut einer Umfrage aus dem Jahr 2011 ziehen die Deutschen im Leben durchschnittlich 3,4 mal um, fast ein Viertel der Befragten hatte mindestens fünfmal den Wohnort gewechselt. Von den 20- bis 35-Jährigen würden heute 54 Prozent für ihren Job umziehen, 42 Prozent wären sogar weltweit mobil",

schreibt LOBENSTEIN. Die Autorin konstruiert einen Zusammenhang zwischen Arbeitslosigkeitsniveau, Umzugshäufigkeit und Umzugsbereitschaft, wobei die Herkunft der Daten nicht genannt wird. Für Umzüge gibt es aber nicht nur berufliche Gründe, schon gar nicht, wenn das ganze Leben betrachtet wird, wie eine Untersuchung des BIB für das Jahr 2010 zeigt.

An anderer Stelle wird dann von einem ökonomischen Zwang zum Neuanfang besprochen, der sich auch auf das Privatleben ausweitet. Tatsächlich gibt es ein Vereinbarkeitsproblem von Beruf und Partnerschaft, das jedoch nicht nur ökonomisch, sondern auch politisch durch Hartz IV verursacht ist. Über erzwungene Umzüge durch die Arbeitsverwaltung schreibt LOBENSTEIN jedoch nichts.

"Manche Soziologen glauben, dass der Wunsch nach neuen Produkten sich vom Wunsch nach einem neuen Partner kaum mehr unterscheidet",

behauptet LOBENSTEIN zum einen unter Verweis auf Juliet B. SCHOR und zum anderen zitiert sie Eva ILLOUZ:

"»sexuelle Kapitalisten« nennt sie Menschen, die mit immer neuen Menschen schlafen, weil sie Angst haben, durch die Bindung an nur einen Partner Chancen auf dem Liebesmarkt zu verpassen."

Früher sprach man im Zusammenhang mit Promiskuität auch von "swinging Singles". Nur dass man damals noch kein Internet kannte. Außerdem gibt es das - auch nicht gerade neue Phänomen - der seriellen Monogamie, wobei Studien wie von Gunter SCHMIDT u.a. von einer Zunahme kürzerer Partnerschaften ausgegangen wird. Diese Studien haben jedoch den Nachteil, dass lokale Trends verallgemeinert werden und zudem auf retrospektive Daten bezüglich Kurzzeitpartnerschaften wenig Verlass ist. Es kann z.B. auch nicht zwischen Affären und ernsthaften Partnerschaften unterschieden werden. Aufgrund der Datenlage muss also ungeklärt bleiben, ob heutige Partnerschaften kurzlebiger sind als frühere, wobei sowieso meistens nur der historisch sehr kurze Zeitraum des "golden Age of Marriage" ums Jahr 1960 herum - also eine extreme Ausnahmesituation - den Maßstab abgibt.

KABISCH, Jörn (2014): Muss man mit Alleinessern Mitleid haben?
in: Freitag Nr.4 v. 23.01.

MÜSSIGMANN, Lena (2014): Der Duft nach Waschmittel.
Hausbesuch: Sie wollte nicht allein sein. Deshalb zog sie ins Beginenhaus. Bei Elke Vogt-Sauer in Tübingen,
in: TAZ v. 08.02.

MARKERT, Sandra (2014): Single-Produkte: Halbe Portion, fast gleicher Preis,
in: Stuttgarter Nachrichten Online v. 12.02.

SCHUMACHER, Juliane (2014): "Die Menschen sind existenziell bedroht".
Wohnen: Gentrifizierung betrifft nicht mehr nur einzelne Viertel, sondern flächendeckend die ganze Stadt, sagt die Forscherin Ilse Helbrecht. Sie zeigt: Betroffene versuchen in ihrem Umfeld zu bleiben - auf Kosten der Wohnqualität,
in: TAZ Berlin v. 15.02.

GUTMAIR, Ulrich (2014): Honey, wir sind nicht in Kansas.
Berlin-Hype: Zu hohe Mieten, zu viele Touristen: Laut US-Presse ist Berlin nicht mehr die coolste Stadt der Welt. Doch bis es eine neue gibt, erfreuen wir uns an ihr,
in: TAZ v. 28.02.

BALZER, Jens (2014): Berlin ist vorbei - endgültig und unwiderruflich.
Debatte zum Berghain: Unser Popkritiker befasst sich in seiner neuen Kolumne mit der in US-Medien weit verbreiteten Meinung, dass die einst so beliebte Hipster-Metropole Berlin ihren Status als coolste Stadt auf der Welt für immer verloren hat,
in:
Berliner Zeitung Online v. 04.03.

HAIMANN, Richard (2014): Senioren lösen neue Wanderungsbewegung aus.
Die ältere Generation zieht in kleine Städte in reizender Landschaft und reichem Kulturangebot. Schrumpfende Orte haben nun wieder eine Zukunft; denn durch die Senioren entstehen neue Arbeitsplätze,
in:
Welt Online v. 08.03.

Richard HAIMANN macht PR im Sinne der Immobilienwirtschaft. Schon vor einiger Zeit wurde Investoren aufgrund der Überhitzung des Wohnungsmarktes in Metropolen und dort insbesondere der angesagten Szeneviertel, nunmehr die Investition in "Städte der zweiten Reihe" als lukrativ empfohlen. Nun also werden die scheinbar dazu passenden Statistiken der Öffentlichkeit als angeblich neuer Trend präsentiert.

Gibt es aber einen neuen Trend? Die Wanderungsbewegungen von 2009-2012 sollen das belegen. Aber unterscheiden die sich von früher und wenn ja warum? HAIMANN erklärt Weimar als Vorbild dieses angeblich neuen Trends. Bereits im Jahr 2006 schrieb aber das auf die Demografie fixierte Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung:

"Während sich das wirtschaftsschwache Ostthüringen zu einer der am stärksten überalterten Gegenden der Republik entwickelt, stellt Jena die jüngste Stadt im Osten dar. Sie zählt mit Weimar, Erfurt und Eisenach (...) als Region der Stabilität im schrumpfenden Ostdeutschland".

Weimar gehörte bereits seit längerem zu den Städten mit positivem Wanderungssaldo. Bereits im Jahr 2008 berichtete die FAS über die Attraktivität von Weimar für Rentner.

Es ist eines der demografischen Märchen, dass Deutschland schrumpft, denn im Gegenteil wächst Deutschland derzeit. Und innerhalb von Deutschland gibt es große Unterschiede bezüglich der demografischen Entwicklung von Gemeinden und Regionen.

FISCHER, Katja (2014): Eine gute Partie - Wenn Singles ein Eigenheim bauen.
Man kann ja nicht ewig auf den perfekten Partner fürs perfekte Eigenheim warten - mancher Single baut daher für sich alleine,
in:
RNZ Online v. 10.03.

RADA, Uwe (2014): Außen vor.
Stadtrand: Das hippe Berlin liegt in der Innenstadt. Die meisten Berliner leben in der Außenstadt. Die Frage einer neuen Urbanisierung dort klärt sich an den Ausfallstraßen wie der Landsberger Allee,
in:
TAZ Berlin v. 15.03.

"Die Außenstadt ist die Kulisse für Sozialdramen und die Einsamkeit der Großstadt, in der Innenstadt wird der urbane Lifestyle der Erfolgreichen in Szene gesetzt. Zwei Welten, die scheinbar nichts miteinander zu tun haben. Die einen drinnen, die anderen draußen.
Das ist erstaunlich, weil die Außenstadt - zumindest statistisch - mehr Berlin beinhaltet als die Innenstadt. Zwei Drittel der 3,5 Millionen Berliner leben außerhalb des S-Bahn-Rings. Ihre urbane Welt sind die Großsiedlungen in Marzahn und in der Gropiusstadt, die Vorstädte von Lichtenrade und Reinickendorf, der Einfamilienhausteppich von Rudow und Kaulsdorf. Nur ein Drittel der Hauptstädter lebt innerhalb des S-Bahn-Rings - in den angesagten Szenebezirken wie Kreuzberg oder Schöneberg", berichtet Uwe RADA.

JUNGLE WORLD-Thema: Hangover in Berlin.
Das angebliche Ende des Berlin Booms

RAPP, Tobias (2014): Hype und Hysterie.
Nach zwei Verrissen der Berliner Techno-Diskothek Berghain im amerikanischen Rolling Stone und der New York Times behauptete Ende Februar das New Yorker Blog »Gawker«, der globale Berlin-Boom sei endgültig vorbei. Die Debatte hat auch die deutschen Feuilletons und die Berliner Stadtmedien ergriffen. Das könnte Folgen haben,
in: Jungle World Nr.13
v. 27.03.

TIP BERLIN-Titelgeschichte: Berlin ist tot, es lebe Berlin!
Der Tip klärt die Coolness-Debatte

DAVIS, Rock (2014): Hip, Hipster, Hurra?
Berlin ist nicht mehr die cooleste Stadt der Welt? Das behaupten sie zumindest anderswo. In den USA oder auch in München. tip-Autor Rock Davis sortiert die Debatte - ehe sie fünf Berliner Lesebühnenautoren für uns beenden, ein für alle Mal. Und Berliner Fotoblogger liefern dazu ihre Sicht der Dinge,
in: tip Berlin Nr.7
v. 27.03.

WERNING, Heiko (2014): "Ist doch praktisch wie Brooklyn hier".
Berlin ist nicht mehr hip, der Wedding trägt Trauer: Heiko Werning sucht Rat bei Kuttel und Kulle am Leopoldplatz,
in: tip Berlin Nr.7
v. 27.03.

KRENZE, Andreas (2014): "Oder eben Erkner".
Andreas "Spider" Krenzke würde gern eine neue Hipsterstadt mitprägen - sofern sie noch im S-Bahn-Bereich C liegt. Das sieht schlecht aus für Bielefeld,
in: tip Berlin Nr.7
v. 27.03.

NANDI, Jacinta (2014): "Fuck, das waren Zeiten!"
Als Jacinta Nandi nach Neukölln zog, war Berlin noch cooler als eine Edika-Werbung. Bis die Penner aus ihrer Heimat kamen: Ost-London,
in: tip Berlin Nr.7
v. 27.03.

HANNEMANN, Uli (2014): "Da, schau an! Noch ein Club-Mate-Deckel".
Neukölln ist leer, aber nicht lange: Uli Hannemann horcht zehntausend Rollkoffern hinterher,
in: tip Berlin Nr.7
v. 27.03.

LEHMANN, Sebastian (2014): "Aber woanders wohnen? Wo denn?"
Natürlich ist Berlin hässlich, befindet Sebastian Lehmann. Doch deswegen zieht doch keiner hier weg,
in: tip Berlin Nr.7
v. 27.03.

zitty BERLIN-Titelgeschichte: 10 Jahre Hype.
Der erste Easyjet-Flug nach Berlin und die Folgen

ZITTY (2014): 10 Jahre Hype.
Im April 2004 landet die erste Easyjet-Maschine in Berlin. Wenn man so will, der Startpunkt für den aktuellen Berlin-Boom, der von Partytouristen über Startup-Firmen bis zu den Immobilien die ganze Stadt erfasste. zitty zieht eine Zwischenbilanz,
in: zitty Berlin Nr.8 v. 03.04.

Keine Woche nach einem Artikel in der New York Times, schrieb Ulrich GUTMAIR in der taz über das Ende des Berlin-Hypes. Seitdem ziert die Coolness-Debatte die Titelseiten von Berlin-Zeitschriften wie Jungle World, tip Berlin und jetzt auch die zitty Berlin

PALLARZ, Susann (2014): Wir sind Neukölln!
Der einstige Problembezirk wird zum internationalen Hipster-Hotspot. Mittendrin: Ladenbetreiber, die ums Überleben kämpfen. Fünf Einblicke rund um die Karl-Marx-Straße,
in: zitty Berlin Nr.8 v. 03.04.

SCHMID, Florian (2014): Es geht um Verdrängung.
Im Gespräch: Die Latte-Macchiato-Mütter sollten nicht im Vordergrund stehen, wenn wir über Gentrifizierung nachdenken, sagt Andrej Holm,
in: Freitag Nr. 15 v. 10.04.

KLOEPFER, Inge (2014): Nichts wie nach Berlin.
Die Zweitwohnung in Berlin ist das neue Statussymbol der Mittelschicht. Das lässt die Preise steigen. Die Berlin Politik kontert rabiat,
in: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung v. 13.04.

TILLMANN, Stefan u.a. (2014): Auf gute Nachbarschaft.
Wieviel Nähe erträgt der Großstadtmensch? So sehr mancher Nachbar auch nerven mag, so sehr wünschen wir uns doch ein wenig Dorf im Kiez. Mehr Zusammenhalt, weniger Anonymität. Etliche Veranstaltungen überzeugen auch den schlimmsten Eigenbrötler: Ein bisschen Nachbarschaft muss sein!
in: zitty Berlin v. 17.04.

Die Titelgeschichte bietet eine Typologie des Nachbars, die - man lebt schließlich in der angeblichen Single-Hauptstadt - außer glücklichen Paaren, keine Familien kennt. Singles sind entweder glücklich (wenn sie gerade eine Affäre habe) oder unglücklich (wenn sie gerade keine haben). Paare sind glücklich, wenn sie Kinder haben, und unglücklich, wenn die Frau fremdgeht. Ansonsten gibt es die WG, den Harmoniesüchtigen, den Technonachbar, das Phantom, den Blockwart und den Sozialfall. Wenn überhaupt ist aber Berlin die Hauptstadt des multilokalen Wohnens, aber was nicht sein darf, das wird tabuisiert...

DACHSEL, Felix (2014): Brache, Luft und weiter Himmel.
Die These: Der Reiz einer Stadt liegt darin, dass er vergeht,
in: TAZ v. 26.04.

Felix DACHSEL kritisiert die Gentrifizierungskritik als Ausdruck linker Fremdenfeindlichkeit. Tatsächlich ist selbst die linke Stadtforschung in der Tradition von HÄUSSERMANN & Co. im Kern Fremdenfeindlichkeit. Empirie wurde durch Stereotype, die als Theorie verkauft wurden, ersetzt. So wurde in den 1980er Jahre das Feinbild "Yuppie" gepflegt und Singles galten unisono als solche. In Berlin-Kreuzberg bzw. im Hamburger Schanzenviertel kämpften Alternativ/Punk/Autonome-Singles gegen kinderlose Yuppie-Paare. Im Zeichen der Demografiepolitik hat sich dieser Konflikt nun verschoben und verschärft: Eltern werden gegen Kinderlose ("Singles" - ob kinderlos oder nicht!) aufgehetzt und Gentrifizierung gilt nicht mehr als Problem, sondern als Lösung.

"Eine Stadt entsteht nur durch Einwanderung. Man kann sogar sagen: Städte sind Einwanderung",

übertreibt DACHSEL eine im Prinzip richtige, aber verdrängte und tabuisierte Tatsache, die ihre Ursache in der Funktionsweise unserer Gesellschaft hat.

Aber nicht diese Ursache wird mit der Gentrifizierungskritik bekämpft, sondern die Ursache wird personalisiert in Form von Feindbildern. So galten Singles als "Pioniere der Moderne", d.h. sie verkörperten angeblich die Funktionsweise unserer Gesellschaft par Excellenze. Dass sie inzwischen als "Irrweg der Moderne" gelten, ist in dieser Sicht nur konsequent. Singles sind die Sündenböcke einer Gesellschaft, die sich selber hasst. Es gibt eben kein richtiges Leben im Falschen und wer zu feige ist die Konsequenzen daraus zu ziehen, der braucht Projektionsfiguren wie die Singles.

DACHSEL ist von Berlin nach Leipzig umgezogen. Er folgt damit einem Medienhype, denn Gentrifizierung ist in einer Mediengesellschaft zu allererst "symbolische Gentrifizierung".

"Menschen kommen zusammen und suchen ihr Glück. Und die Versprechen, die Städte geben, sind weniger aus Zahlen und Fakten gemacht denn aus Hoffnung",

schreibt DACHSEL. Wer wie Journalisten Medienhypes miterzeugt, der kann für seine nomadische Lebensweise mit dem

"Gefühl, zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein"

belohnt werden. Wer dagegen den Medienhypes in den Mainstream-Medien nur folgt, der kommt in der Regel zu spät.

"Kurz vor dem Verglühen überdreht Berlin: Das Hipstertum ist das letzte nervöse Zucken vor dem Tod."

Während die einen den Hipster elitären Zirkeln zuordnen, der Trends setzt, sieht DACHSEL den Hipster als Teil einer Medien geleiteten Massenbewegung an. Aber gibt es im Internetzeitalter wirklich kein elitäres Wissen mehr?

KALTENBRUNNER, Robert & Olaf SCHNUR (2014): Heimat bauen.
Wohnquartiere als Lifestyle-Produkte: Wohnen bedeutet, sich die Gewissheit des Geschütztseins real und symbolisch zu bewahren. Allerdings ist die Wohnungsfrage nach wie vor eine überindividuelle, weil sie in der Ökonomie wurzelt. Verschiedene Entwicklungen geben Anlass, neu über den Zusammenhang von Architektur und Gesellschaft nachzudenken,
in: Neue Zürcher Zeitung v. 26.04.

"Passgenauigkeit lassen sich die Lohas (Lifestyles of Health and Sustainability) und Bobos (Bourgeois Bohemians) gerne etwas kosten. Und just hier beginnt der Denksport der Investoren: Was kann man diesen Interessenten anbieten, damit sie und ihr Kapital nicht im modernisierten, aber authentisch gewachsenen Bestand samt «Szenekiez» verschwinden?",

lautet die Ausgangsfrage von KALTENBRUNNER & SCHNUR, die typische Repräsentanten einer Stadtpolitik der neuen Mitte sind, bei der Gentrifizierung nicht mehr als Problem, sondern als Teil der Lösung gesehen wird. Die Lifestyle-Soziologie ist hier sozusagen eine Soziologie der oberen Mittelschicht, im Gegensatz z.B. zur Soziologie der neuen Klassengesellschaft der Hartz-Gesellschaft und der Postindividualisierung.

Investorenstrategien haben aus der Gentrifizierungsgeschichte gelernt und setzen nun einer "wilden" Gentrifizierung die "geordnete" Gentrifizierung entgegen, d.h. nicht mehr einzelne Häuser in begehrten Quartieren, sondern ganze Quartiere sind Gegenstand von Aufwertungsprozessen.

KALTENBRUNNER & SCHNUR sehen durchaus die Problematik einer solchen Entwicklung, deren Zielgruppe einzig die obere Mittelschicht ist, die sich Distinktionsmöglichkeiten etwas kosten lässt. Nicht Bekämpfung der Investoren, sondern die Eindämmung der Folgeprobleme einer solchen Investorenpolitik ist deshalb ihre Devise:

"Wie inzwischen eine Reihe von Studien belegt, kommen die (...) «Filtering»-Prozesse dort sehr schnell zum Erliegen, wo Klassenunterschiede zutage treten. Und auch die verbreiteten Segregations- und Gentrifizierungstendenzen werden durch Lifestyle-Quartierentwicklung wohl eher ausgelöst als gehemmt – brennende Limousinen und Farbbeutel-Attacken inklusive.
(...).
Was aber kann man tun? Möglicherweise bieten sich Steuerungsinstrumente an, wie es das sogenannte Münchner Modell darstellt: Durch verbilligte Baulandabgabe unter Verkehrswert und einen dadurch vergünstigten Kaufpreis wird eine sozial gestaffelte Wohneigentumsbildung ermöglicht. Investitionen werden so nicht verhindert, aber gleichzeitig die Kundenschicht (nach unten) verbreitert – ganz im Sinne vielfältiger, lebendiger, gemischter und ins weitere städtische Umfeld integrierter Quartiere."

KALTENBRUNNER & SCHNUR sprechen von einer "Instrumentalisierung der Lebensstile" im Dienste der Investoren. Tatsächlich ist die Wohnstandortwahl weniger vom "Lebensstil" geprägt, sondern in erster Linie von Einkommensniveau und Lebensform wie die neuere kritische Lebensstilforschung anmerkt.

KUSITZKY, A. & M. FRANKE (2014): Immobilien 2014 - Boom oder Blase?
In Deutschland steigen Preise und Mieten auf neue Höchststände. Eine Exklusiv-Studie kommt zu einem überraschenden Ergebnis: In mittleren Großstädten ist die Situation gefährlicher als in den Millionen-Metropolen,
in:
Focus Nr.20 v. 12.05.

"Neun Großstädte sind bereits im »kritischen Bereich« (...). Überraschend ist jedoch, dass die beschauliche Universitätsstadt Regensburg die Liste anführt - vor den Hochpreis-Metropolen München und Hamburg",

erklären uns die Autoren. Indikator für die Überhitzungsgefahr ist die Relation von Mieteinnahmemöglichkeit und Kaufpreis, d.h. die Rendite, die Eigentümer bzw. Investoren erzielen können.

HANNEMANN, Christine (2014): Zum Wandel des Wohnens.
in: Aus Politik und Zeitgeschichte Nr.20-21 v. 12.05.

Eines der meist vernachlässigten Themen ist das multilokale Wohnen, das spätestens seit den Hartz-Reformen in erster Linie keine Frage der Wahlfreiheit mehr ist, sondern der gesellschaftlichen Zwänge. Häufig wird dies immer noch mit einem Trend zur Individualisierung oder gar zur Single-Gesellschaft verwechselt, der mit dem unbrauchbaren Indikator Einpersonenhaushalt gemessen wird.

"Multilokalität hat inzwischen einen solchen Umfang und solche Spezifik erlangt, dass in der sozialräumlichen Forschung diese soziale Praxis der Lebensführung »gleichberechtigt neben Migration und Zirkulation« gestellt wird",

heißt es bei Christine HANNEMANN. Dem Stellenwert des multilokalen Wohnens werden die Beiträge des Themenheftes in keinerlei Hinsicht gerecht.

Auf der anderen Seite führt die Fokussierung auf Haushalte, statt auf haushaltsübergreifende Wohnformen dazu, dass insbesondere in ländlichen Gegenden sogenannte Hausfamilien, d.h. die haushaltsübergreifende, aber im gleichen Haus lebende "Großfamilie" ignoriert und damit Individualisierung überschätzt wird. Auch die multilokale Mehrgenerationen-Familie, die gerade unter dem Aspekt der steigenden Lebenserwartung vermehrt Beachtung finden müsste, wird aufgrund der Haushaltsfixierung der amtlichen Statistik vernachlässigt.

Der viel kritisierte Trend zu kleineren Haushalten ist also auch die Konsequenz eines verengten Blicks, der haushaltsübergreifende Lebensformen ignoriert. Wohnungspolitische Fehleinschätzungen sind damit für die Zukunft vorprogrammiert.

DESTATIS (2014): 58 % aller Paare mit Kindern leben in den eigenen Wänden,
in: Pressemitteilung des Statistischen Bundesamtes v. 02.06.

Einer der Mythen lautet, dass junge Singles den größten Anteil von Wohnflächen für sich beanspruchen. Der Zensus 2011 belegt nun, was auf single-dasein.de und single-generation.de bereits seit Bestehen dieser Websites zu lesen ist:

"Überdurchschnittlich viel Platz pro Person hatten allein lebende verwitwete Seniorinnen und Senioren: Witwen lebten auf 82 m², Witwer sogar auf durchschnittlich 86 m",

meldet das Statistische Bundesamt. Witwen bzw. Witwer behalten oftmals ihre Paar- bzw. Familienwohnung. Da überdurchschnittlich viele Familien (ausgenommen Alleinerziehende) und Paare in Eigentumswohnungen bzw. eigenen Häusern wohnen im Gegensatz zu ledigen Singles sind sie z.B. von Gentrifizierungsprozessen wesentlich seltener betroffen als Singles:

"Wie das Statistische Bundesamt (...) mitteilt, wiesen von allen Haushaltstypen Paare mit minderjährigen Kindern den höchsten Eigentümeranteil (58 %) auf. Jedes zweite Kind unter 18 Jahren (54 %) lebte im selbst genutzten Wohneigentum des Haushalts. Bei Paaren ohne Kind lag der Eigentümeranteil bei 54 %, während er bei Einpersonen-Haushalten nur 28 % betrug. Alleinerziehende mit Kindern unter 18 Jahren wohnten mit einem Anteil von 23 % weit seltener im Eigentum."

Über 1.000.000 Singles lebten 2011 in Einzimmerappartements, während die meisten Zweipersonenhaushalte 4 Räume für sich beanspruchen. Auf 200 und mehr Quadratmetern wohnen meist Zweipersonenhaushalte geht aus der Zensusdatenbank hervor.

DRIBBUSCH, Barbara (2014): "Sie möchten in der Nachbarschaft bleiben".
Raum: Die einen haben zu wenig Platz, während die anderen - vor allem ältere Menschen - oft in zu großen Wohnungen leben. Der Ausgleich ist aber schwierig, sagt Immobilienexperte Timo Heyn,
in:
TAZ v. 11.06.

Die taz verschweigt, dass nicht Ältere oder junge Singles, sondern ältere Witwen/Witwer in den größten Wohnungen leben, weil sie oftmals weiterhin als Alleinlebende in ihren Familienwohnungen wohnen.

LOHRE, Matthias (2014): Dit wird nüscht mit uns.
Wohngemeinschaften galten als links. Heute sind sie die Heimat der Strukturkonservativen,
in:
TAZ v. 30.07.

Matthias LOHRE hat im Jungle World-Dossier die WG-Annoncen studiert. Wohngemeinschaften werden gerne gegen das Alleinwohnen abgegrenzt, was zum einen statistischer Blödsinn ist und zum anderen dem Mythos geschuldet ist, dass WGs sozialer als Alleinwohnende seien. Tatsächlich sind es jedoch in erster Linie Wohngemeinschaften, die mit Familien um Wohnungen konkurrieren. In dem Beitrag Zurück in die Stadt des Bundesinstituts für Bau- Stadt- und Raumforschung (BBSR) heißt es dazu:

"Studierende suchen in der Regel zwar preisgünstigen Wohnraum. Da sie jedoch meist noch nur wenig Wohnfläche brauchen und sich häufig zu Wohngemeinschaften zusammenschließen, sind sie auch in eher hochpreisigen Stadtquartieren am Wohnungsmarkt konkurrenzfähig bzw. verdrängen Familienhaushalte."
(2011, S.16)

Entgegen der politisch korrekten Propagierung der Wohngemeinschaften und der Verdammung junger Alleinwohnender, sind gerade WGs gut gebildeter Mittelschichtler die Hauptkonkurrenten junger Familien auf den großstädtischen Wohnungsmärkten.

2015

HAIMANN, Richard (2015): Mini-Wohnungen gesucht.
Der Neubau legt zu, doch die Planer denken zu wenig an Single-Haushalte. Kleine Einheiten sind angesichts hoher Mieten jetzt besonders gefragt,
in: Welt v. 08.08.

In dem einflussreichen 1995 erschienenen Gutachten Die »Single-Gesellschaft« von Stefan HRADIL heißt es mit Verweis auf die stadtsoziologische Yuppieforschung:

"Es führt in die Irre, darauf hinzuweisen, daß nur 15 % der Mietwohnungen kleine Ein- und Zweizimmerwohnungen sind und Einpersonenhaushalte, die ja 35 % aller Haushalte ausmachen, somit in große Wohnungen ausweichen müßten. Von den Singles jedenfalls sind die großen Wohnungen keine widerwillig hingenommenen Fehlallokationen infolge Mangels an kleinen Wohnungen. Singles, nicht so sehr die älteren Alleinlebenden, wollen in großen Wohnungen leben, die wenn möglich in den begehrten Innenstadtrandzonen gelegen sind. Darin sind sich alle Untersuchungen einig. (Droht und Dangschat 1985, S.175; Weber und Gaedemann 1980) Dieser Umstand ist von großer Bedeutung für die Wohnbaupolitik". (1995, S.37)

20 Jahre später wird nun deutlich, dass der überzeugte Single nicht das Leitbild der Moderne war, sondern nur mehr noch ein "Leidbild" und in der Immobilienwirtschaft wird der Ruf nach verstärktem Bau von Ein- und Eineinhalbzimmerwohnungen immer lauter. Nicht mehr die Lebensform des "überzeugten Singles", sondern die Lebensphase Single wird mit einer solchen Wohnform verbunden.

Und spielten in den 1990er Jahren wirklich nur die Wohnwünsche der Alleinlebenden die entscheidende Rolle, wie HRADIL suggeriert oder spielten nicht Profitinteressen der Wohnungswirtschaft die entscheidende Rolle. Dies lässt zumindest der Artikel von Richard HAIMANN vermuten, der auf die hohen Erstellungskosten der Kleinwohnungen hinweist:

"(Die) Erstellungskosten pro Quadratmeter für Kleinwohnungen (seien) um bis zu 20 Prozent höher (...) als bei Zwei- und Dreizimmerwohnungen.
»Die Kosten für den Einbau von Toilette, Dusche und sämtlicher Versorgungsstränge sind identisch - egal, wie groß eine Wohnung ist«", sagt Pink. Für Bauträger und Wohnungsunternehmen bedeutet dies, dass sie für die Erstellung eines Quadratmeters in einer Kleinwohnung mehr Euro aufwenden müssen als bei größeren Wohnungen. »Für die Unternehmen war es in der Vergangenheit schlichtweg rentabler, größere anstatt kleinerer Wohnungen zu bauen«, sagt der Analyst. Zumal letztere bis vor wenigen Jahren kaum am Markt gefragt waren. Die überproportional hohen Erstellungskosten würden dazu führen, dass die Mieten pro Quadratmeter bei Kleinwohnungen überproportional hoch ausfallen, sagt Nittka."

Erst die Hartz-Gesetzgebung und die steigenden Mietpreise in attraktiven Großstädten führen nun dazu, dass "Singles mit unterdurchschnittlichem Einkommen" wieder vermehrt wahrgenommen werden, obwohl diese Gruppen auch bereits in den 1990er Jahren nicht die Ausnahme waren, aber durch das vorherrschende Yuppie-Stereotyp ausgeblendet wurden.

Erst die zunehmende Flüchtlingsproblematik scheint nun den Bau von Kleinwohnungen auch zum profitablen Geschäft für die Immobilienwirtschaft zu machen.

 
     
 
       
   

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webmaster@single-generation.de Erstellt: 27. Mai 2014
Update: 08. März 2017