Das
Niedergangsszenario
"Das vorliegende Buch beschreibt (...) einen
niedergehenden Lebensstil - die Kultur des vom
Konkurrenzdenken geprägten Individualismus, die in
ihrem Niedergang die Logik des Individualismus ins
Extrem eines Krieges aller gegen alle getrieben und
das Streben nach Glück in die Sackgasse einer narzißtischen Selbstbeschäftigung abgedrängt hat.
Die narzißtischen Überlebensstrategien geben sich
als Emanzipation von den repressiven
Lebensbedingungen der Vergangenheit aus und
verhelfen so einer »Kulturrevolution« zur
Entstehung, die die schlimmsten Eigenschaften eben
der zerfallenden Kultur reproduziert, die sie zu
kritisieren vorgibt." (S.14)
Alleinleben als
Ausdruck der Bindungslosigkeit
"Persönliche Beziehungen sind aus mancherlei Gründen
riskanter geworden - vor allem wohl deshalb, weil
sie keiner dauerhafte Sicherheit mehr bieten. Männer
und Frauen stellen extravagante Ansprüche aneinander
und erfahren irrationale Zorn- und Haßgefühle, wenn
diese Ansprüche nicht erfüllt werden. So nimmt es
nicht wunder, daß mehr und mehr Menschen Distanz zu
ihren Gefühlen bewahren möchten (...).
Sexueller Separatismus ist nur eine von vielen
Methoden, dem Gefühl zu entkommen. Viele ziehen als
Fluchtweg Drogen vor (...). Andere nehmen es einfach
auf sich, allein zu leben, und lehnen Beziehungen zu
beiden Geschlechtern rundweg ab. Mehr und mehr
Einpersonenhaushalte etablieren sich und beweisen
zweifellos eine neue Vorliebe für persönliche
Unabhängigkeit, zugleich dokumentieren sie die
Abwehr enger emotionaler Bindungen aller Art."
(S.282)
Die narzisstische
Persönlichkeit und Generativität
"Da der Narzißt über besonders wenig innere Reserven
verfügt, erwartet er von anderen eine Bestätigung
seines Selbstwertgefühls. Er braucht Bewunderung für
seine Schönheit, seine Anziehungskraft, seine
Berühmtheit oder seine Macht - Attribute, die
gewöhnlich im Laufe der Zeit dahinwelken. Er ist
unfähig, in Liebe und Arbeit Befriedigung zu finden,
und wird gewahr, daß ihm wenig bleibt, wenn die
Jugend erst hinter ihm liegt. Er nimmt kein
Interesse an der Zukunft und tut nichts, um sich den
traditionellen Tröstungen des Alters zu versichern,
deren wichtigste Überzeugung ist, sein Lebenswerk
werde in einem bestimmten Sinne von den kommenden
Generationen fortgesetzt. Liebe und Arbeit verbinden
sich in der Sorge um die Nachwelt, vor allem im
Bemühen, die jüngere Generation zur Weiterführung
der Aufgaben der älteren zu rüsten. Der Gedanke, daß
wir stellvertretend in unseren Kindern fortleben
(und im weiteren Sinne in den kommenden
Generationen), versöhnt uns damit, daß wir selbst
beiseite treten müssen. Diese Hauptsorge des Alters
ist noch quälender als Hinfälligkeit und Einsamkeit.
Wenn sich das Band zwischen den Generationen zu
lockern beginnt, werden diese Tröstungen hinfällig.
Die Ausprägung der narzißtischen Persönlichkeit
spiegelt unter anderem auch einen drastischen Wandel
unseres Geschichtsbewußtseins wider. Der Narzißmus
als Charakterstruktur ist typisch für eine
Gesellschaft, die jedes Interesse an der Zukunft
verloren hat. Psychiater, die einem Elternpaar
raten, sich nicht in seinen Kindern zu
verwirklichen; verheiratete paare, die Elternschaft
ablehnen oder verschieben, oft aus guten -
praktischen - Gründen; Gesellschaftsreformer, die
für ein Nullwachstum der Bevölkerung plädieren: alle
bezeugen sie eine universelle Unsicherheit
hinsichtlich der Reproduktion, den weitverbreiteten
Zweifel, ob sich unsere Gesellschaft überhaupt
reproduzieren solle. Unter diesen Bedingungen wird
der Gedanke an unser eines Tages Abtreten und an
unseren Tod absolut unerträglich und führt zu dem
Versuch, das Alter überhaupt abzuschaffen und das
Leben unbegrenzt zu verlängern. Wenn die Menschen
sich außerstande sehen, Interesse für das Leben auf
Erden nach ihrem eigenen Tode aufzubringen, trachten
sie nach ewiger Jugend. Deshalb machen sie sich auch
keine Sorgen um die Fortpflanzung ihrer Art. Wen die
Perspektive der Ablösung durch die nächste
Generation - die natürliche Folge der Elternschaft -
unerträglich wird, so nimmt Elternschaft fast die
Form einer Selbstzerstörung an. In Lisa Alters
Kinflicks erklärt ein junger Mann, daß er keine
Kinder haben wolle: »Mir kommt die Welt immer wie
eine Bühne vor... Und jedes Kind, das ich hätte,
wäre doch nur ein verdammter junger Schauspieler,
der darauf brennt, mich ganz von der Bühne zu
drängen, der aufpaßt und darauf wartet, mich zu
beerdigen, damit er im Mittelpunkt des
Bühnengeschehens stehen kann.«"(S.296f.)
Kritik an den
neuen Eliten
"Der Unterschied zwischen der neuen Managerelite und
der alten Besitzelite definiert (...) den
Unterschied zwischen dem bürgerlichen Zeitalter, das
heute nur noch an der Peripherie der
Industriegesellschaft überlebt, und dem neuen
therapeutischen Zeitalter des Narzißmus." (S.307)
Die neue Elite, die sich von den Prinzipien der
alten Bourgeoisie lossagt, identifiziert sich nicht
mehr mit dem Ethos der Arbeit und der Verantwortung
für erarbeiteten Wohlstand, sondern mit einer
Weltanschauung, die Hedonismus und Selbsterfüllung
als höchste Werte erkennt. Zwar verwaltet sie
weiterhin die amerikanischen Institutionen im
Interesse des Privateigentums (Unternehmenseigentum
im Gegensatz zu Unternehmereigentum), aber sie
ersetzt Charakterbildung durch Permissivität, Trost
für die Seele durch Behandlung der Psyche, blinde
Gerechtigkeit durch eine therapeutische Justiz,
Philosophie durch Sozialwissenschaft und die
Autorität eines einzelnen durch die ähnlich
irrationale Autorität der professionellen Experten."
(S.310f.)