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Colson
Whitehead:
John Henry Days
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Kurzbiographie
- 1969 in New York geboren
- 1999 Debütroman "The
Intuitionist"
(deutsch: "Die Fahrstuhlführerin")
- 2001 Roman
"John Henry Days"
- 2003 Buch "The Colossus of
New York"
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Colson Whitehead:
Porträts und Gespräche
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- WEIDERMANN, Volker (2004):
Spesen! Spesen! Seid's gewesen!
Colson Whitehead erzählt in "John Henry Days" alte
Heldengeschichten in neuer Zeit,
in: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung v.
08.02.
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Klappentext
"John Henry,
der Mann mit dem Hammer in der Hand, ist der Held
unzähliger Volkslieder und Balladen, ein
amerikanischer Gründungsmythos und ein ehemaliger
Sklave. Im Wettstreit mit einer Bohrmaschine siegt
der schwarze Tunnelarbeiter, doch bezahlt er diesen
Triumph mit dem Leben – das behauptet zumindest die
Legende. Mehr als hundert Jahre später wird ihm zu
Ehren in einem Kaff in West Virginia ein Festival
gefeiert und eine neue Briefmarke ausgegeben. Eine
ganze Horde von Journalisten trifft ein, und der
einzige Schwarze unter ihnen, J. Sutter, ist dabei,
einen neuen Rekord im Spesenrittertum aufzustellen.
Ihm ist nicht wohl in dem einstigen Sklavenstaat,
und auch deshalb freundet er sich an mit einer
jungen New Yorkerin, die die
John-Henry-Devotionalien ihres Vaters loswerden
will. Daß der Mann, der ihm gleich am ersten Abend
vor dem Tod rettet, nicht der harmlose
Briefmarkensammler ist, als der er sich ausgibt –
das wird J. vielleicht nie erfahren."
Pressestimmen
"Colson
Whitehead parallelisiert den Rausch der
Industrialisierung, als das Transportwesen an
Bedeutung gewann und in mörderischem Tempo quer über
den Kontinent Eisenbahnlinien gebaut wurden, mit der
Interneteuphorie der Neunzigerjahre und krönt sein
Buch mit einer beißenden Mediensatire.
(...).
Nebenbei liefert Whitehead einen Abriss der
Musikgeschichte und entpuppt sich auch hier als ein
Ethnologe des Pop: ob ein Komponist, der Stückware
liefert, ein Bluessänger während einer
Plattenaufnahme oder ein Musicalstar – jeder bekommt
seine Geschichte. Der rebellierende Gestus, der die
populäre Kultur zu Beginn oft noch auszeichnet, wird
spätestens bei den Rolling Stones zur Pose."
(Maike Albarth im Tagesspiegel vom
05.02.2004)
"Colson
Whitehead ist ein Renegat des Pop, den er als »die
Maschine« beschreibt, »das Ding, das uns
verschlingen will«. Der Sohn einer sechsköpfigen
Mittelstandsfamilie aus Manhattan und
Harvard-Absolvent ist - »für beschissene Websites«,
»für einen Dollar pro Wort« - mit der Flut neu
erscheinender Filme, Platten, Bücher geschwommen,
hat für »The Village Voice« zwei Jahre lang
professionell fern gesehen und ist heute - wie seine
Figur J. Sutter - der willkommene Verräter am Pop.
Seine Geschichten, die er stets konsequent auf ihren
Überdrehmoment zuschreibt, sind voll jener
Maschinen, die uns das Leben erleichtern und
gelegentlich unmöglich machen. Wie kein anderer
Schriftsteller kann Whitehead über Spülmaschinen,
Fahrstühle, Anrufbeantworter schreiben und über die
Überlebensstrategien jener (das heißt: aller), die
keine andere Wahl haben, als mit ihnen und gegen sie
zu (über)leben."
(Wieland Freund in der Welt vom
11.02.2004)
"Das moderne Pendant, das Whitehead John Henry
entgegensetzt, ist der schwarze Journalist und
Spesenritter J. Sutter. Der kämpft einen ganz
unheroischen Kampf. Er will den Rekord eines
Kollegen schlagen, und sich mehr als drei Monate
lang nur von den Gratisbuffets der Pressetermine
ernähren. (...).
Whitehead kennt diesen Bodensatz der Medienindustrie
aus der Zeit, als er bei der New Yorker
Wochenzeitung Village Voice als Fernsehkritiker
gearbeitet, und für Popzeitschriften wie Vibe und
Spin geschrieben hat. Vergleichsweise luxuriöse
Jobs, mit denen er sich nicht allzu tief in die
Niederungen bezahlter Pressereisen und –termine
begeben musste. Trotzdem gehört er zu genau jener
Generation der Autoren, die als Plattenkritiker
beginnen und nur zu oft als so genannte »Junketeers«
enden – freischaffende Spesenritter ohne Inhalt und
Perspektive. Manche von ihnen schaffen es
vielleicht, ihre Stilparameter mit Moral und
Psychologie zu kurzweiliger Popliteratur zu
veredeln."
(Andrian Kreye in der Süddeutschen
Zeitung vom 13.02.2004)
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Rezensionen
-
PECK, Dale (2001): The Power of Myth,
in: Village Voice, Mai
- FRANZEN, Jonathan (2001): "Freeloading
Man",
in: New York Times Book Review v. 14.05.
(deutsch bei Hanser:
"Als Held abgestempelt")
- ALBATH, Maike (2004): Der Pop
frisst seine Kinder.
US-Erfolgsschriftsteller Colson Whitehead geht dem Mythos
vom schwarzen Helden auf den Grund,
in: Tagesspiegel v. 05.02.
-
FREUND, Wieland (2004): Willkommener Verräter am Pop.
Der alte, neue Literaturstar nach Franzen & Co:
US-Schriftsteller Colson Whitehead und sein tollkühner Roman
"John Henry Days",
in: Welt v. 11.02.
- KREYE,
Andrian (2004): Große Legende, Short Cuts.
Mann gegen Dampfhammer: Heute erscheint Colson Whiteheads
Roman "John Henry Days",
in: Süddeutsche Zeitung v. 13.02.
-
BLANK, Gunter (2004): Triumph über die Dampframme.
Mythen, Opfer, Heldentaten: Colson Whitehead reitet
virtuos durch die US-Geschichte,
in: SonntagsZeitung v. 15.02.
- Neu:
FÖRSTER, Jochen (2004): Die Erkaltung der Welt.
Oder das Ende der
Pop-Rebellion: Der junge, smarte und schon jetzt viel
umjubelte amerikanische Autor Colson Whitehead und sein
wuchtiger Angeber- und Durchblickerroman "John Henry Days"
in: TAZ v. 16.02.
- Kommentar:
FÖRSTER -
zum Zweiten -
positioniert diesmal die TAZ - im Einklang mit dem SPIEGEL
und im Gegensatz zur WELT etc im neuesten
Pop-Spektakel.
War
Jonathan FRANZEN mit "Die Korrekturen" der Liebling
des Mitte-Zeitgeistfeuilleton, so wird nun an Colson
WHITEHEADs Roman "John Henry Days" ein Exempel statuiert.
Pop-Sein oder
Nicht-Pop-sein, das ist hier die Durchblicker-Frage:
"Wenn
nicht alles täuscht, wird Wunderkind Whitehead der Franzen
dieser Saison.
Genau wie sein Roman ist der Autor Colson Whitehead einer,
gegen den man schwer was haben kann. Ein hoch kultivierter
Afroamerikaner, Harvard-Studium, ehrgeizig, nachdenklich,
HipHop-sozialisiert, in Brooklyn lebend, mit
Berufserfahrung als Popredakteur beim New Yorker
Stadtmagazin Village Voice und mit
viel Verständnis für
Slacker. Den Spaziergang durch
Berlin-Prenzlauer Berg absolviert er wie einer, der
hier zu Hause ist. (...). Eigentlich sehnt er sich nach
Hause. Seine Frau weiß seit wenigen Tagen, dass sie
schwanger ist, ihr erstes Kind. Zu Hause, da sei das Leben
heimelig: Fernsehen, spazieren gehen, das sind so seine
Hobbys, sonst macht er kaum was. Ein Rastafari im Pyjama"
Puh. Welch ein popkultureller Fehler! Heute
noch Verständnis für Slacker. Das sind doch diese
Arbeitsscheuen, denen SCHRÖDER jetzt endlich kräftig
einheizt.
Zweiter popkultureller Fehler: Seine schwangere
Frau lässt man nicht allein zuhause, sondern präsentiert
sie heutzutage als
Popmutter.
Und Pyjamas sind
nur bei Matthias HEINE
Ausdruck des gereiften Mannes!
Was weiß Jochen FÖRSTER sonst noch?
"Whitehead
ist, keine Frage, ein linker Autor, und wenn man ihm etwas
nicht vorwerfen kann, dann die Relevanz des Themas (...).
Was man Whitehead sehr wohl vorwerfen kann, ist die
massive Eitelkeit seiner Perspektive. Im Grunde ist
»John Henry
Days«
wie
»Die
Korrekturen«
und »Middlesex« ein
Angeberroman. Der Duktus ist der des Durchschauenden,
zugleich Unbeteiligten, des "Ich kann euch auch nicht
helfen"-Intellektuellen. Handeln ist keine Option.
Folglich endet das Kapitel über J. und die PR-Frau Monica
mit einer Kriegsvision (...).
Man kann es auch umgekehrt sagen: "John Henry Days" liest
sich wie das Werk eines hoffnungslos in sich selbst
verliebten, politisch korrekten
Strebers. Jede
Art Thomas-Bernhardscher Wut geht ihm ab. Trübe Diagnose,
keine Gegenwehr, nirgends. Lieber noch eine
Erzählpirouette. Und noch eine, wie
T. C. Boyle in seinen
creative-writing-haftesten Zeilen. Whitehead schreibt
Bücher für Air-Hörer. (...).
Das Interessanteste an dieser Art Literatur ist ihre
Rezeption. Schon bei Franzen und Eugenides war das so.
(...).
Dass sich
niemand (Anm.: also single-generation.de!) darüber
beschwert, hat wohl mit der allgemeinen Erleichterung zu
tun, endlich mal wieder richtige Erzähler aufs Schild
heben zu können. Die sich Raum nehmen, ideell sprudeln,
satirisch veranlagt sind. Und das Ganze zu einer
umfassenden Abbildung zeitgenössischer Trostlosigkeit
schnüren, die man selbst sehr wohl durchschaut, ohne ihr
entrissen werden zu wollen. (...). Hier trifft der
Pyjamablick des Autors sich mit dem der Literaturkritik.
Stewart O Nan, das beste lebende Gegenbeispiel zu
solcherlei virtuos saturiertem Kram, hat auch schon ein
Wort dafür: »Smart Guys«
nennt er die Kritikerlieblinge, die so schön aufschreiben
können, wie alles den Bach runtergeht.
Warum schreibt heute ein Autor 526 Seiten über die
Erkaltung der Welt im Pop, ohne dass darin irgendwas von
Bedeutung passiert? Weil er (...) mitmachen, weil er
erfolgreich sein will im Betriebsbücherbus und weiß,
welche Regeln dafür gerade gelten. Es sind die Regeln der
»Smart Guys«. Wunderkind
Whitehead wird der Franzen der Saison."
Gut gebrüllt, Herr FÖRSTER! Dem
saturierten Mitte-Milieu eine deftige Kost serviert - ein
paar popkulturelle Frontlinien geschaffen. Was
unterscheidet aber Herr FÖRSTER und die Mitte-Gemeinde von
seinem Gegner? Nichts! Das ist das eigentliche Problem:
Kein Engagement, nirgends, nur selbsternannte
Feuilleton-Revoluzzer...
-
FREUND, Wieland (2004): Literatur und Rasse,
in: Welt v. 16.02.
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