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J. D. Vance: Hillbilly-Elegie

 
       
   
  • Kurzbiographie

 
       
     
       
   

J. D. Vance: Gespräch und Porträts

 
       
   

WETZEL, Hubert (2016): J. D. Vance über Hillbillies.
Nichts erinnert hier in San Francisco an Middletown, Ohio, die kaputte Industriestadt, in der Vance groß geworden ist, und über die er ein bemerkenswertes Buch geschrieben hat,
in:
Süddeutsche Zeitung Online v. 21.10.

 
       
       
   

Hillbilly-Elegie (2017).
Die Geschichte meiner Familie und einer Gesellschaft in der Krise
München: Ullstein

 
   
     
 

Klappentext

"Seine Großeltern versuchten, mit Fleiß und Mobilität der Armut zu entkommen und sich in der Mitte der Gesellschaft zu etablieren. Doch letztlich war alles vergeblich. J. D. Vance erzählt die Geschichte seiner Familie — eine Geschichte vom Scheitern und von der Resignation einer ganzen Bevölkerungsschicht.

Armut und Chaos, Hilflosigkeit und Gewalt, Drogen und Alkohol: Genau in diesem Teufelskreis befinden sich viele weiße Arbeiterfamilien in den USA — entfremdet von der politischen Führung, abgehängt vom Rest der Gesellschaft, anfällig für populistische Parolen. Früher konnten sich die »Hillbillys«, die weißen Fabrikarbeiter, erhoffen, sich zu Wohlstand zu schuften. Doch spätestens gegen Ende des 20sten Jahrhunderts zog der Niedergang der alten Industrien ihre Familien in eine Abwärtsspirale, in der sie bis heute stecken. Vance gelingt es wie keinem anderen, diese ausweglose Situation und die Krise einer ganzen Gesellschaft eindrücklich zu schildern. Sein Buch bewegte Millionen von Lesern in den USA und erklärt nicht zuletzt den Wahltriumph eines Donald Trump."

 
     
 
       
   

Rezensionen

OEHMKE, Philipp (2017): Ein Trump in jeder Familie.
Prekariat: J.D. Vance kommt aus der weißen Unterschicht der US - und ist einer der ganz wenigen Autoren, die erklären können, was sie bewegt. Jetzt erscheint sein Buch "Hillbilly-Elegie" auf Deutsch,
in: Spiegel, Nr.14 v. 01.04.

Philipp OEHMKE erzählt uns eine typische neoliberale Geschichte, nämlich den Mythos vom Aufsteiger, der es schaffen kann, wenn er sich "nur ein bißchen" anstrengt und seine Herkunftskultur - in diesem Fall die "Hillbilly-Kultur" über Bord wirft. Damit ist es jedoch nicht getan, sondern J.D. VANCE gehört zu den glücklichen Wenigen, deren Umstände sich - ohne seine Verdienste - fügten:

"Als J.D. in der Highschool war, hatte auch er angefangen mit den Drogen. Das hörte erst auf, als er bei seiner Mutter und ihren wechselnden Boyfriends oder Ehemännern ausziehen und bei seiner Großmutter leben konnte. Dort, in relativer Stabilität, schaffte er den Highschool-Abschluss".

Den Biografien erfolgreicher sozialer Aufsteiger ist gemein, dass sie aus unterschiedlichen Gründen, ihrer vorgezeichneten Lebenssituation entrinnen konnten, weil die Umstände dies ermöglichte. Das gilt sowohl für Didier Eribon ("Rückkehr nach Reims") als auch für Christian BARON ("Proleten Pöbel Parasiten"). Das passt nicht zu OEHMKEs Weltsicht und auch nicht zu den typischen Erzählungen erfolgreicher sozialer Aufsteiger, die sich ihr Selbstbild entsprechend dem gesellschaftlich wünschbaren zurechtlegen. OEHMKE jedoch setzt dieses Selbstbild mit der gesellschaftlichen Realität gleich:

"Weil er einer von ihnen ist, spricht Vance nicht nur von äußeren - und damit entlastenden - ökonomischen Faktoren, die zum Niedergang geführt haben. Vance beschreibt auch, warum seine Familienmitglieder und Freunde vor allem kulturell und habituell nicht anschlussfähig sind und damit auch eine Mitverantwortung tragen für ihre Situation".

Dieses neobliberale "jeder ist seines Glückes Schmid"-Klischee sucht die Schuld in erster Linie im Individuum, nicht jedoch in sozioökonomischen Bedingungen bzw. Benachteiligungen der Arbeiterklasse. Als ob diese Sicht nicht die herrschende Doktrin wäre und noch vom Rezensenten zusätzlich verstärkt werden müsste.

"Als hart arbeitend, sagt Vance, würden sich all seine Familienmitglieder bezeichnen. Das sei ihr Selbstbild, obwohl eigentlich die wenigsten einen Job haben. In Middletown arbeiten 30 Prozent der jungen Männer weniger als 20 Stunden pro Woche, und doch, sagt Vance, würde man keinen einzigen finden, dem seine Faulheit bewusst wäre",

streicht OEHMKE heraus. Und man fühlt sich wieder wie zu Zeiten der Agenda-Reform als das Recht auf Faulheit debattiert wurde und die faule Unterschicht zum Leitbild der Hartz-Gesellschaft ernannt wurde.

"Wie man die Schuldfrage beantwortet, hängt davon ab, ob man den Niedergang der Menschen im Rust Belt eher ökonomisch oder eher kulturell erklärt. Wer vor allem die ökonomischen Gründe betont, entlastet die Hillbillies",

erklärt uns OEHMKE seine individualistische Interpretation. Kultur ist jedoch keine Frage der Schuld, sondern Kultur ist eine überindividuelle Bedingung, die der Einzelne nicht einfach ignorieren kann, sondern sie ist Teil seiner Sozialisation..

"Die Wahrheit über diese dysfunktionalen, absteigenden Gemeinden ist, dass sie es verdienen zu sterben. Ökonomisch sind sie ein negativer Wert. Moralisch sind sie unhaltbar. (...). Die weiße amerikanische Unterschicht ist einer bösartigen, selbstsüchtigen Kultur zum Opfer gefallen, deren Haupterzeugnisse Elend und gebrauchte Heroinnadeln sind",

zitiert OEHMKE eine Sicht, die man auch als Entlastung der Eliten bezeichnen könnte. Die Wahrheit liegt jedoch zwischen diesen Extremsichtweisen, die die Komplexität der gesellschaftlichen Realität jeweils einseitig aufzulösen versuchen.

"Anfangs, wenn er aus Yale nach Ohio zurückkam, hat es ihn geschmerzt, die Menschen in Middletown als die Verlierer zu sehen, die sie waren. Er begann, ihre verzerrte Wahrnehmung zu erkennen, die Irrationalität, ihre Verlogenheit. Vieles, was ihm in seiner Kindheit normal erschien, kam ihm nun wie Unsinn vor",

beschreibt OEHMKE die Sicht des erfolgreichen sozialen Aufsteigers. Diese Art der Nacherzählung vernachlässigt jedoch die Differenz zwischen Autobiografie und Biografie. Autobiografien sind durch das Selbstbild verzerrte Biografien. Und was VANCE seinem Herkunftsmilieu vorwirft, gilt genauso für sein eigenes Milieu der sozialen Aufsteiger: Sie sind ebenfalls Opfer ihrer verzerrten Wahrnehmung! Bücher von gescheiterten sozialen Aufsteigern würden diese Verzerrungen offenlegen - aber diese sind auf dem Buchmarkt unerwünscht. Solche Biografien würden die Mythen unserer Gesellschaft zerstören.

HOCHGESCHWENDER, Michael (2017): Diesen Weißen geht es ähnlich wie den Schwarzen.
Ins wahre Leben: J. D. Vance führt in seiner Autobiographie "Hillbilly Elegy" zu den Armen in den Appalachen,
in:
Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 07.04.

Michael HOCHGESCHWENDER bewertet an der Autobiographie des Unternehmensberaters J. D. VANCE den Blick des erfolgreichen, sozialen Aufsteigers ambivalent:

"Seine Antworten sind immer dann stark, wenn sie aus der gefühlten Evidenz eigener, unmittelbarer Erfahrung stammen und mit intimem Erleben gesättigt sind. Aber genau darin liegt eine der zentralen Schwächen. (...).
Nicht jeder kann sich, wie es der Autor tat, nach einer vertrödelten Schulzeit, über den Weg des freiwilligen Einsatzes beim United Marine Corpse im Irak den Weg an die Eliteuniversität Yale und damit in einen gut bezahlten Job bahnen. (...).
Vance (...) bietet (...) keine echte Alternative zur gegenwärtigen Situation der weißen Unterklassen. Zu groß ist die Spannung zwischen individuellem Erfolgsrezept und strukturellen Defiziten."

HOCHGESCHWENDER kritisiert genau das an VANCE, was im Wirtschaftsteil der FAZ besonders gelobt wurde: Die Betonung des eigenen Willens zum Aufstieg als Garant desselben. HOCHGESCHWENDER betont dagegen die strukturellen Defizite der Region.

Die Autobiographien erfolgreicher sozialer Aufsteiger bieten zwar einen Einblick, aber sie blenden meist jene Bedingungen aus, die jenseits ihrer eigenen Situation das grundsätzliche Scheitern von Aufstiegsbemühungen prägt. Von daher wäre es an der Zeit, dass jene eine Stimme er halten, die mit ihren Aufstiegsbemühungen gescheitert sind. Ihre Erfahrungen wären ungleich wichtiger als jene von erfolgreichen sozialen Aufsteigern, die meist nur den Mythos von der Leistungsgesellschaft bestätigen sollen.

BARTELS, Gerrit (2017): Gesellschaft am Abgrund.
Das Leben der Armen: J.D. Vance erzählt in "Hillbilly-Elegie" die Geschichte seiner weißen Unterschichtsfamilie und zeichnet ein authentisches Bild von Trumps Amerika,
in: Tagesspiegel Online v. 26.04.

BARON, Christian (2017): Wir sind die Guten.
Nichts gelernt: Das Buch "Hillbilly-Elegie" liest sich wie eine Bilanz der großen Trump-Debatte,
in:
Neues Deutschland v. 29.04.

"Du kannst den Jungen aus Kentucky rausholen, aber du kannst nicht Kentucky aus dem Jungen rausholen",

zitiert Christian BARON den Satz, den ihn am meisten beeindruckt hat, und den er mit Karl MARX als das Sein bestimmt das Bewusstsein interpretiert. Soziologen würden dagegen von Sozialisation sprechen, ein Begriff, der über Erziehung oder Bildung hinausweist und die Prägung durch die Umwelt meint. BARON, der mit Proleten Pöbel Parasiten letztes Jahr ein Buch über die deutsche Situation der Arbeiterklasse schrieb und fast genauso alt wie J.D. VANCE ist, befasst sich weniger mit dem Buch als mit der eingeschränkten Debatte der Mainstreammedien um die Frage, ob die Linken den Bezug zur Arbeiterklasse verloren haben. Erst vor diesem Hintergrund konnte ein Buch wie Hillbilly-Elegie es überhaupt zum Bestseller in Deutschland schaffen. BARON ist überzeugt, dass dieses Buch noch vor wenigen Jahren keine Chance auf Veröffentlichung gehabt hätte und wenn, dann hätte es als Ladenhüter sein Dasein gefristet.

"Die Liberalen sind erstmals seit vielen Jahren gezwungen, ihre Selbstverständlichkeiten zu hinterfragen",

meint BARON. Mit ihrer Lernfähigkeit sei es aber nicht weit her.

BITTERMANN, Klaus (2017): Die letzte Zuflucht der Verlierer.
White Trash: J. D. Vance erzählt in seinem Buch "Hillbilly-Elegie" vom Niedergang der weißen Arbeiterklasse in den USA, die Deklassierung mit Rassismus kompensiert. Es ist auch die Geschichte seiner Familie,
in:
TAZ v. 24.06.

Wüsste man es nicht besser, man würde Klaus BITTERMANN nach dieser Rezension für einen rechten Spießer halten.

"aufschlussreich (...) ist vor allem die psychologische Veränderung (...). Und hier entfaltet das Buch die Qualitäten, die auch in Didier Eribons »Rückkehr nach Reims« zu finden sind. Aus Männern, deren Ethos in einem harten Arbeitstag (...) besteht, die daraus ihr Selbstwertgefühl ziehen (...), werden Deklassierte, die jede Arbeit nach kurzer Zeit hinwerfen, die kapitulieren und, egal in welcher Angelegenheit, dem Staat die Schuld geben."

ERIBONs Buch hat nichts mit Psychologie zu tun. Im Gegensatz zu VANCE stehen bei ihm keine Mentalitäten, sondern Strukturzwänge im Vordergrund. BITTERMANN befeuert dagegen eher die übliche Mittelschicht-Sicht auf die Sozialschmarotzer, denen es nur an Eigenverantwortung fehlt. Und ganz spießig wird es, wenn er den militärischen Drill zum Ausgangspunkt der Bürgerwerdung von VANCE stilisiert:

"Der Drill, dem er während der Grundausbildung unterliegt, macht aus dem übergewichtigen, pummeligen, antriebslosen Jüngling einen Menschen, der nach seiner Militärzeit weiß, was er will. (...).
Das Militär als Erziehungsanstalt und die Familie als Glücksversprechen war schon immer letzte Zuflucht der Verlierer."

Die Familie war nie die letzte Zuflucht der Verlierer, sondern das Glücksversprechen von Konservativen, könnte man dem entgegenhalten. Genauso wie die Tatsache, dass erfolgreiche Aufsteiger keine objektiven Beobachter ihres Herkunftsmilieus sind, sondern solche Biografien immer auch als Versuche zu sehen sind, ein distinktives Selbstbild zu erschaffen. Vom ergänzenden Blick gescheiterter Aufsteiger könnte man dagegen lernen, warum die Herkunft selbst die Biografien von Aufsteigern so stark prägen. Aber dafür ist der Buchmarkt offenbar noch nicht reif, was man an dieser Rezension des Verlegers BITTERMANN sieht.

 
       
   

Das Buch in der Debatte

LINDNER, Roland (2017): Rückkehr in die Tristesse.
Menschen & Wirtschaft: J. D. Vance hat den Amerikanern in seinem Bestseller "Hillbilly Elegy" das Phänomen Trump erklärt. Er hätte selbst als Abgehängter enden können, machte aber Karriere. Jetzt zieht es ihn wieder in seine Heimat,
in:
Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 28.03.

Neu:
SPOERHASE, Carlos (2017): Politik der Form.
Autosoziobiografie als Gesellschaftsanalyse,
in: Merkur
, Nr.818, Juli

Der Literaturwissenschaftler Carlos SPOERHASE stellt die berechtigte Fragen, warum soziale Aufsteiger wie Didier ERIBON, Edouard LOUIS oder J. D. VANCE im vergangenen Jahr zu Experten in Sachen Unterschicht werden konnten. Er bezeichnet diese Texte als Autosoziobiografien, denn es geht in ihnen - nicht wie in Autobiografien - um

"die extensive Entfaltung einer persönlichen Lebensgeschichte, sondern um die Bestimmung der sozialen Voraussetzungen seiner eigenen (...) Haltung."

Soziale Aufsteiger haben einen gespaltenen Habitus ("habitus clivé), d.h. sie gehören weder ganz zum neuen Milieu, noch gehören sie ganz zu ihrem Herkunftsmilieu. Oder wie es Pierre BOURDIEU zugeschrieben wird:

"Er fühle sich weder der Provinz seiner Herkunft am Fuße der Pyrenäen voll zugehörig noch der radikal anderen Ankunftswelt des Collège de France im akademischen Zentrum Frankreichs."

Dem Ansatz von BOURDIEU stellt SPOERHASE den Ansatz der Philosphin Chantal JACQUET ("Les transclasses ou la non-reproduction") gegenüber:

"Mit den »Klassenüberschreitenden« (Transclasses) möchte sie einen blinden Fleck in der Soziologie Bourdieus ins Auge fassen. Die Transclasses seien keineswegs bloße Ausnahmeerscheinungen, die eine allgemeine Theorie der Reproduktion gesellschaftlicher Strukturen nicht berücksichtigten müsse. Es handele sich vielmehr um äußerst aussagekräftige Anomalien, die als Ausgangspunkt für eine generelle Theorie der Subjektivität dienen könnten. (...). Jacquet (bedient) sich in ihrem philosphisch-soziologischen Essay immer wieder literarischer Texte wie Jack Londons Martin Eden, John Edgar Widemanns Brothers and Keepers, Stendhals Le Rouge et le Noire, Annie Ernau La Place oder eben Eribons Retour à Reims. Vor allem fokussiert Jacquet auf das Genre der literarischen Autosoziobiografie.
Dabei verfährt sie in zwei Schritten: In einem ersten werden die objektiven Voraussetzungen analysiert, die den gesellschaftlichen Übergang von einer »Klasse« in eine andere »Klasse« ermöglichen: Maßgebliche Faktoren, die auch in soziologischen Studien bereits umfassend diskutiert wurden, sind einerseits Vorbilder und Paten in der Familie (also Eltern, Geschwister, Goßeltern) sowie Vorbilder und Mentoren in der Schule (also Lehrer, Mitschüler, Eltern von Mitschülern); andererseits auch institutionelle Strukturen, die den Aufstieg erleichtern wie zum Beispiel Stipendien und andere staatliche Fördermaßnahmen.
Im zweiten Schritt wird die subjektive Realität der Transclases untersucht."

In einem Beitrag auf single-generation.de wurden im März diesen Jahres die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen als Voraussetzungen sozialer Aufstiege am Beispiel von Didier ERIBON und Christian BARON aufgezeigt. Die Aufsteigerin JACQUET zeichnet nicht das übliche Bild vom

"glücklichen Hybriden, der Widersprüchliches als belebende Bereicherung zu empfinden vermag. Ein Transclasse ist für sie meist ein Zerrissener, dem die Vereinigung des Inkompatiblen nicht wirklich gelingen kann - auch weil die unaufhebbare Widersprüchlichkeit seines Selbst eine nicht versiegende Quelle der Scham ist."

Für JACQUET ist eine "harmonische Identität" eine Illusion, der besonders soziale Aufsteiger verfallen. JACQUET betont die "Veränderlichkeit, Pluralität und Instabilität" von subjektiven Identitäten. Soziale Aufstiege sind deshalb für sie nicht verallgemeinerbar, sondern singuläre Ereignisse, bei denen nicht nur Liebe, Identifikation und Nachahmung die entscheidende Rolle spielen, sondern auch

"solche des drastischen Liebesverlusts, der Desaffektion, der Desidentifikation und der Antimimesis. Jacquet entwickelt einen konfliktorientierten Bildungsbegriff, der Bildung als eine Kategorie auch der Abstoßung und Aussstoßung, der Ausgrenzung und Abgrenzung zu fassen erlaubt - ein aggressiver, nicht selten auch autoaggressiver Prozess."

Am Beispiel des Buchs Hillbilly Elegie von J. D. VANCE erläutert SPOERHASE die Problematik von Erzählungen sozialer Aufsteiger:

"Seine Erkenntnishaltung ist diejenigen eines Zeugen, der selbst in der weißen Unterschicht des amerikanischen Rust Belt aufgewachsen ist, die entsprechenden sozialen Verhältnisse also am eigenen Leib erfahren hat und diese Erfahrungen mittels seiner Erzählung an eine soziale Gruppe übermittelt, die all das nicht aus eigener Anschauung kennt. Das buch zielt einerseits darauf ab, dass die »Leute verstehen sollen, wie sich Aufwärtsmobilität wirklich anfühlt«. Anderseits möchte der Autor mit seinen empathischen Schilderungen der Lebenswelt seiner Familie das Leid der weißen ruralen Unterschicht des Rust Belt verständlich machen. (...).
Ein (...) etabliertes Erklärungsmodell für die Niederlage der Demokraten bei den Präsidentschaftswahlen lautet (...), dass diese der Ignoranz einer politischen Elite geschuldet sei, die das Leid der weißen Unterschicht im Rust Belt und im Mittleren Westen schlechtweg übersehen habe. Die Geschichte des ehemaligen »Hillbilly« mit Yale-Abschluss erfährt vor diesem Hintergrund eine hohe publizistische Aufmerksamkeit und öffentliche Wertschätzung, weil sie aufgrund ihrer literarischen Form eine Innenperspektive verspricht: sowohl des einzelnen Aufsteigers als auch all jener Abgehängten, die man durch seinen Bericht überhaupt erst verstehen zu können meint."

SPOERHASE macht zu Recht darauf aufmerksam, dass die Erzählung von VANCE eine antipolitische Ideologie transportiert, die einem unpolitischen Voluntarismus in die Hände spielt. SPOERHASE verweist darauf, dass die Rahmenbedingungen der Mentalitätsbildung außer Betracht bleiben:

"Die Erklärung von Trumps Erfolg dürfte sich (...) nicht nur auf ein Verständnis der weißen Unterschicht beschränken, sondern müsste auch die Strategien derjenigen umfassen, die diese für ihre Politik instrumentalisieren."

Die dahinter stehende Ideologie bezeichnet er als "mitfühlende libertäre Politik":

"Veränderungen zum Positiven können sich demnach nur durch ein Verhalten ergeben, das den Durchsetzungswillen des Einzelnen mit Nächstenliebe verbindet. (...). Aus dieser Perspektive steht nicht kollektives Handeln im Zentrum, sondern das Handeln von Einzelnen, die mit Hilfe ihrer persönlichen Netzwerke gesellschaftlich reüssieren können."

Nicht mehr die Politik wird als Möglichkeit der Verbesserung der eigenen Lage betrachtet, sondern nur noch der individuelle Bildungsaufstieg. Vor diesem Hintergrund beschreibt SPOERHASE drei Gründe, warum soziale Aufsteiger zu den Idolen der individualisierten Gesellschaft avancieren:
1) Transclasses sind paradigmatische Intellektuelle (Gegenfigur: der Arrivist)
2) Transclasses werden als Übersetzer benötigt, um der Gesellschaft fremde Teile verständlich zu machen, wobei diese "Authentizität und Emanzipation" verbinden sollen.
3) Eine pessimistische Grundstimmung, die in kollektiver Politik keine Veränderungsmöglichkeit mehr sieht.

 
       
   

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© 2002-2017
Bernd Kittlaus
webmaster@single-generation.de Erstellt: 29. April 2017
Stand: 19. Juli 2017