"Unter Wirklichkeitsdruck drohte alles
sich in seine Bestandteile aufzulösen, Sehnsucht und
Pragmatismus, Kunst und Kalkül, Kitsch und Kapitalismus.
Da tauchte - 1983 - eine Rock'n Roll-Band auf. Eine
leidenschaftliche, jammernde wie fordernde Rock-Band,
also das sozusagen abgeschaffteste und erledigteste
Programm des alten Authentizismus, und es war der Gun
Club von Jeffrey Lee Pierce und sie sangen auf einer
Platte mit dem altmodischen Titel »The Fire Of Love«
Lieder von härteren Dingen, als unsere Selbst-Programme
es sich träumen ließen. Eines hieß »She's Like Heroin To
Me« und ein anderes, das erste auf der ersten Seite, der
Hit, war »Sexbeat«.
(...).
Etwas
Härteres, Körperlicheres (...) als die austauschbare
Welt von Vorstellungen und Werten, von Ideologie und
Anti-Ideologie, die wir zwischen 79 und 82 so
entschieden als rearrangierbar empfunden hatten? Gab es
so ein Heroin, gab es so eine härtere, körperliche
Ebene, deren Existenz nicht nur eine Behauptung der
Rock'n'Roll-Ideologie war? Ja, die gab es wohl, und as
hatte sich mir bei diesem unglaublichen Gun-Club-Konzert
in der Markthalle mitgeteilt, hatte etwas mit »Sex« zu
tun, mit dem Sexbeat, von dem Gun Club damals sangen.
(...).
Man
kann sagen, daß ein Strang des Buches der Versuch war,
diesen Abend aus dem Jahre 1983 auf die Reihe zu
kriegen. Gun Club schienen alle Dimensionen von
ideologischem Rock und authentizistischer Körperlichkeit
zu bespielen, die wir haßten, dabei aber elegant,
überlegen und cool zu sein. Mit den eigentlich
ausgemustersten und dämlichsten Accessoires, mit dunklen
Sonnenbrillen und Erzählungen aus dem abgelegenen LA
pulverisierten sie dieses urbane, fragile von London
geborgte Überlegenheitsgefühl, mit dem wir unsere Kultur
reprogrammieren wollten. Lachhaft!
Später, in »Sexbeat«, fand ich Worte wie
»blutverschmierte Wiederkehr« und andere Bilder, die
diesen - nennen wir ihn - Realitätsschock mit der
Metaphorik unserer geliebten (sicher postmodernen
Zombiefilme zu verarbeiten versuchte. Bemühungen, das zu
benennen, was sich nicht der Macht des Codes und den
Pop-Strategien fügen wollte. Das zentrale Wort aber war,
ganz dem Titel des Gun-Club-Hits ergeben, »Sex«. Dieses
Reale, das Pop verfehlt hatten, war es nicht der Beat
des Sex? Dieses Pochen und Pulsieren, das sich nicht
der Bilderhaftigkeit des Pop fügen wollte, sondern
unruhig wühlte in den Zonen von Rock".
(Sexbeat, S.XIVff.)